Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang W-M Freitag, den August Nummer 63 Rückkehr von einer Reise. Von Ruth Schaumann. Da wir gingen, fiel noch Schnee, Nun wir kommen, blühn die Rosen, Flaum und Duft von Aprikosen, Schläft die kleine Dorothee. Mond, der kalt in Felsen schien. Webt hier Schleier um das Kissen. Sterne, dort vom Firn gerissen, Hier am Sims des Bettchens knien. Und der kleinen Füße Zeh'n, Einst von Tuch und Band gehalten. Sagen durch der Decke Falten: Wißt ihr schon, wir können gelj’n! Da wir gingen, fiel der Schnee — Erde stürmt in heißen Achsen, Und du bist zum Weg erwachsen. Allerkleinste Dorothee. Epilog zu einer Moselfahrt. Von Rudolf G. Binding. Run bin ich zu Hause in meinen vier Wänden. Gewohntes, Ver- irautes, Bekanntes umgibt mich und hat das große Recht seiner Nähe md Gegenwart. Aber ich werde den Fluß, die Menschen, die Landschaft - dieses ganz Eine und Einzige — nicht wieder von mir abtun können, heute nicht, morgen nicht; vielleicht nie. So leicht ist dort alles — und jo eindringlich. So eindeutig — und so zauberhaft. So einfach und so inoergleidjlid). Ich werde nicht dort leben und mich dorthin zurücksehnen - wie sich eine nordische Seele nach Italien sehnt und nicht sterben toiU, bevor sie Rom gesehen —; aber ich werde immer wieder einmal h meinem Innern in dieses Unvergleichliche zurückkehren. Das alles heißt Mosel. Es hat diesen Namen mit dem ganz leise noussierenden Klang. Woher nimmt es seine Macht? Trägt man den Suft von Landschaften mit sich fort? Warum werde ich zurückkehren vollen? und wann? Ich fühle es, ich weiß es, ich irre mich nicht — nun zwischen meinen vier Wänden: Wenn ich zu einer Wohltat zurückkehren Nächte; zu einer Leichtigkeit der Natur; zu einer Wohltat auch mensch- lidjer Kräfte, menschlichen Wirkens, menschlichen Fleißes in der Natur. Sern von Gewalttat übt sich hier beides, Natur und Mensch: hier ver- lihnen sie sich in der Landschaft. In anderer Weise, zärtlicher möchte rtan sagen, als der Bauer mit der Pflugschar das Feld umwirft und unterjocht, bestellte Menschenhand diese Berge, diese Hänge, diese vielerlei Lagen weithin mit Wein. Aber das Antlitz des Landes, der Leib der Erde blieb gleichsam unangetastet. Er ist eher verklärt davon. Er steht nicht in Fron wech- fInder Trächtigkeit wie Acker und Brache in den Ebenen. Er blüht im Bein. Die Gewalttätigkeiten der Industrie, wie sie das Rheinland durch- ftzen, bleiben fern, Handel und drückenden Verkehr flußauf und flußab «crhindert die Mosel listig mit ihren unzähligen Windungen, Kehren und Schleifen, als ob sie, wie die Reben an den Ufern, sich nicht genug tun könne, möglichst lange am Tage von immer der gleichen Sonne bestrahlt zu werden. Am Fuß der Weinberge macht die Maschine halt. Sie findet keinen Boden, die mühende Arbeit menschlicher Hand zu ver- ^Doch'dies ist nicht das Geheimnis. Es ist etwas anderes mächtig. Das Ueuherliche und Bedingte der Landschaft und des Flusses sind ohnmächtig »^nebensächlich. Ein Inneres Unbedingtes überstrahlt sie. K um eine Landschaft ist so sinnlich wie diese: so wohlig sinnlich, den Sinnen zugetan, so wohlig und gesund. Man spurt sie wie eine Berührung, wie Licht, Luft der Frische und Wärme. Ihre Sinnlich eit geht richt auf das Erregende hin, sondern aus das Beruhigende. Beglückende. Nichts ist verborgen, alles in ihr ist sichtbar, fühlbar, schmeckbar laßt sich «mißen, trinken mit Atem Augen und Mund. Davon leuchtet das Land, invon redet der Wein. „ c. . , Inmitten der Fluß. Er verläßt nie die Landschaft Immer smdet ihn hs Auge. Immer ist er da wie ein freundlicher Geist Keine breite Mene, die ihn verschluckt. Bald links, bald rechts drangt das Sch.efer- cbirge heran und wo er vielleicht vor vielen Jahrtausenden gewaltsam l'n Fels zerriß, da schmiegt er sich jetzt gemächlich, verweilt und behagt sch in vielfacher, zärtlicher Windung, leichtem Schwung und stillem Weiten. Die Farbe des Wassers ist matt, sturnvf-grun wie Sjeu. Die b au-grünen Rebengelände spiegeln sich grün im Grurn Es zieht sich hi ®ie ein gleitendes, schimmerndes Tuch, wie ein schmeichelndes «and. Wie anders bist du, freundlicher Fluß, als der große, der strömende, der gewaltige, der unendlich ruhelose, mit dem du so oft gemeinsam genannt wirst — wie anders bist du als der Rhein: Strom der Ströme, der die ewige Unruhe bringt in die Herzen der Menschen, mit Untiefen und Löchern, mit Strudeln und Wirbeln, die unsere eigenen Untiefen und Löcher, Strudel und Wirbel sindl Nein: du enteilst nicht. Du verströmst dich nicht. Du bist nicht in Fron, nicht herrisch zugleich und maßlos. Ruhig und leicht ist dein Leben zwischen den Reben, an stillen Flecken und still sich gleichenden Orten vorüber. Wenige Brücken, viele Fähren, hinüber, herüber, von einem ewigen Fährmann bedient, fast wie von selbst und sich selber genügend. Westlich ist dieser Fluh — westlicher als der Rhein. Leichter schon, betagter; französischer möchte man sagen. Rebland und Fluß — sie sind einander verschmolzen. Nicht nur das Auge und die Erinnerung vereint sie. Mehr noch: sie sind eine sinnliche Einheit, ein Einziges, ein in sich Einiges. Und dort an den Ufern und Hängen die unabsehbare Heerschau der Reben bis hin zur größten geschlossenen Parade, dem großen geschlossenen Weingebiet Deutschlands zwischen Zettingen und Bernkastl. Schnurgerade laufen die ausgerichteten Reihen der Stöcke. Wärmendes Schiefergedröckel, sorgsam gehäust, umgibt die Wurzeln und wirst selbst von unten den Reben die Strahlen der Sonne zurück. Eingebettet in den Schutz des Tals überläßt der Wein die Höhen und Schattenseiten, die windigen Stellen dem Wald, der tn wogenden Kämmen und Raupen droben das Flußtal begleitet. Aber bis dicht an die Häuser der Orte drängen die Reben heran. Kaum für die Lebenden ist Platz, geschweige denn für die Toten. So hat fast jeder Ort seinen kleinen Friedhof dicht bei sich. Umstellt und eingeengt von Reben schlafen die Toten unter kurzen Reihen von Kreuzen ihren heißen Schlaf. Sie brauchen keinen Schatten und der Wein braucht Sonne. Die Weinorte gleichen einander. Es gibt keine andern. Das mildmatte Blau ihrer Schieferdächer, ihr sonnendämpfendes Matt, das kaum eine Farbe, nur einen stillen Schein der Landschaft zugesellt, ist das Bestimmende aller Moselorte. Die Einheitlichkeit des Materials und des Handwerks ist fast Stil, ist Wohltat für Auge und Gefühl. Manches vornehmere Fachwerkhaus fällt auf; aber nur als Einzelwesen nicht im ganzen der Landichaft. Sie ist ausgeglichen. Ihre wenigen Elemente kehren überall beglückend wieder. Und ihr schönster Ausdruck — ewig wiederkehrend — ist der Wein. Wein ist Arbeit und Labung, Geschäft und Liebe, Mühe und Lohn, Rede und Antwort, Hoffnung und Schicksal des Landes und der Menschen. Er ist Sorge und Gebet. Tagewerk und Abendtrunkenheit, Glück und Enttäuschung, Nüchternheit und Rausch des Jahres. Weinberg und Weindors wechseln an den Ufern in endlosen, rühmlichen und geheimnisvollen Namen und ununterbrochener Folge. Alle haben ihre Ehre und Ueberlieferung, ihre wohlbehütete Art, ihren Reiz und ihre Eigentümlichkeit. Ist das Wirtshaus nicht die Sonne, ist es die Traube; ist es nicht das Schiff, ist es der Anker. Aber der Wein wird von demselben Schiefergrunde genährt und die Natur macht keine Sprünge. Gleichen sie sich lo alle, die vielerlei Lagen — und keine verleugnet den reinlichen hellen schiefrigen Untergrund — wenn sie kühl und frisch über die Zunge des Trinkers laufen, so bringt doch Sonne und Pflege, Auflrischung von Erde und Rebe, Sorgfalt und Wohlbe- schasfenheit der Keller, begünstigte Lage der Hänge alle die feinen und feinsten Nuancen hervor bis zu den hohen Gewächsen der sog. I. Bonität, den haltbaren edelen Weinen von Zellingen, Graach, Brauneberg, Bernkastl und anderer berühmter Orte. , Auch dem Wein wird meine ewige Rückkehr gelten Auch er ist Wohltat. Auch ihm darf ein Epilog gewidmet werden Natürlich nur dem getrunkenen — nicht dem zukünftigen. — Aber vielleicht bezieht das kommende Jahr, der blühende Wein den Epilog auch auf sich. Der Wein wird sich nicht ändern. Er ist ja nur ein Ausdruck des Landes; ein Kind dieser (Erbe, dieser Lust, dieser Sonne, dieser Hände — dieser rührenden Einheit. t , Der Wein macht nicht heiß. (Es ist mir als ob ich das auf alle Ewigkeit in mir trüge wie ein Evangelium.) Er ist kühl und mundet. Er ist ohne Beschwer und Hinterhalt. Er ist leicht, flüchtig, fein und hell — wie eine liebenswürdige frische Musik, die nachklingt, ohne Körper und Gemüt zu belasten. Er macht sich nicht wichtig, er läßt sich genießen: das ist fein Ehrgeiz und seine (Ehre. Wenn der schwere Rheinwein wie flüssiges Gold in den Adern rollt und pocht, den Trinker be- anlvrucht bis zu einem Taumel von Glück und Rausch, in dem er stumm vor seinem Glase, sich und die Welt vergißt, vertauscht der Moselwein nicht heimlich zu seinen Ounften die Gegenwart mit einer andern Well. Er geht dir nicht einmal nach. Aufdringlichkeit ist nicht seine Art. Wein- selige Zungen und Herzen, schwere Trinker, unergründliche Bäuche, unerschütterliche Kehlen — es gibt sie allenthalben, wo Wein wächst. Aber in alldem ift keinerlei Schwere, keinerlei Abgrund, keinerlei Leid. Und doch: dies alles ist nur ein kleiner, trauriger Epilog Was ich erlebt und was sich zugetragen auf einer Fahrt flußauf in dieser Land- Stunde» »lebet beruhige» nn Daressalam kam ich in unser Gouvernementskrankenhaus, in dem mir eine außerordentlich gute Psiege zu Teil wurde Unter bestreuen ^üriorae einer englischen Schwester, namens Patterson kam uh wiederum Kräftem Bei meiner Einlieferung wog ich noch 96 Psunb bei ^ner KorpeEnge von 1,82 Meter. Doch Milch unbE.erchuhnun Porter sind Dinge, die Tote lebendig machen tonnen. Nach drei -toodjen ^na es mir wieder besser. Ich erholte mich nun sehr rasch, so daß ich bald als fit“ (tauglich) für den Abtransport nach Vorderindien beiunben wurde. Eines Morgens holte man mich in einer Tragbahre ob und trua mich aus das Hospstalschiff „Devanha , aus dem sich sehr viele kranke^Engländer besanden. Im Hasen und aus dem Sch, s herrschte reaes Leben und Treiben. Ich war daher froh, als endlich die AbfahU hur* die Dampfsirene angekündigt wurde. Langsam und doch zu rasch i 1rjrf. spl. Damvfer in Bewegung. Wir saßen an den Bullaugen unserer ^Kabine und sahen die mit Kokospalmen bestandene Küste unseres aeliebten Schutzgebiets verschwinden. Ein furchtbares Gefühl für uns olle Ein Würgen machte sich im Hals bemerkbar. Sehnsüchtig und still nahmen" wst Absthied von unserer zweiten Heimat, aus der man uns Di^Fahtt^nach Indien war eine Erholung. Wir hatten SUtes Wetter, , iiMtorPunff imh oute SBerufleaunq. Sic (Enqlänbcr befürchteten beutjdie U-Bootsgefahr und trafen alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen. Es durste abends kein Licht angedreht werden. Wrr mürben für bi einzelnen Rettungsboote eingeteilt, wobei wir Deutsche schlecht bedacht “'“y'rerft fuhren wir nach Karachi. Hier wollte man mich wegen meiner überstandenen Krankheit nicht haben. Ich wurde daher nach Bornban gebrachst wo mir das Viktoria-War-Hospital die Türen öffnete. Die Verwiegung war in diesem Krankenhaus sehr gut und reichlich Morgens um 7 Uhr brachte ein indischer Wärter etwas Obst Kak und Tee ans Bett. Gegen 8 Uhr gab es warmes Frühstück, das aus unzähligen Eiern, Fleisch, Butter und Kartoffeln bestand. Um 12 Uhr iolate das Mittagessen mit einem großen Pudding als Nachtisch. Gegen ^4 Uhr Kaffee mit Kakes und unendlich viel Butter. Und abends um 7 Uhr Dinner nach englischer Art. Die reinste Mastkur Entweder Die amtliche Behandlung war weder gut nach schlecht, cntroeoer bekamen wir Tonic ober Chinin, je nach Ansicht der Onderleys (Sanitäter) Die Krankenschwestern, die die Rangabzeichen von Offizieren truaen bekümmerten sich nicht um uns. Sie liefen mit ihren Rang- abieto'en finnios herut» sahen hin und wieder nach ob der Staub ouck aewischt war keiften sich gegenfeitig an, und damit war ihre Auf- aäbe eÄtUm so mehr war der Generaloberarzt Dr. N°tt u uns besorgt9 den wir unter uns den Onkel nannten. Er kami öfters, stug nach unseren Wünschen und sorgte für Ordnung und Sauberkeit. E war ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. , Ende Januar 1918 mußte ich dieses schone Hofpital verlassen. Ich war setzt „fit“ für ein Gefangenenlager. Eines Nachmittags empfing ich auf der Kammer eine wollene Decke und einen Schlafanzug fu Reise und am anderen Morgen wurde ich mit einigen Kameraden unter militärischer Bewachung zum Hauptbahnhof gebracht, wo wir in einen Schnellzug einstiegen, der uns nach Ahmednagar beförderte. Hier wurden wir von den bereits dort befindlichen Gefangenen ber3lid)ft ^an M Die Verhältnisse im Lager waren zusriedenstellend. Wenn man ®e hatte, konnte man sich alles mögliche kiffen. @s gab f°9or Sett. LeiD mar es aber bei uns Dftafritanern in dieser Hinsicht schlecht bestellt Aber trotzdem ging es uns gut, weil die Zivilgefangenen aus Siam, man hier interniert hatte, ihre Landsleute nicht im Stiche ließen. Der Aufenthalt in diesem gesunden Klima dauerte leider nur kurze Zeit. Nach ungefähr dre^ Monaten mußten wir wieder Abi chied nehme. Zunächst ging es nach Bombay zurück, wo wir zum Olafen fuhreni u auf ein Kriegsschiff nach Aegypten verladen wurden. Der Kapitan dieses Schiffes war sehr nett zu uns" Wir Durften in der Messe der engst chen Offiziere essen und konnten uns .in der Kantine kaufen was wir wollte. 31ur abends durfte wegen deutscher U-Bootsgefahr kein Licht >n Kabine brennen. Unterwegs hielten die Engländer Uebungsschießen M Scheiben ab. Ihre Schießkunst war sehr mangelhaft. Wahrend der im Roten Meer starb ein Gefangener an Pocken Um emer Ausbreitu dieser Krankheit vorzubeugen wurden wir alle sofort geimpft. . In Aegypten waren die Verhältnisse sehr schlecht. W.r Nebenvo e in Quarantäne, in einem verlausten Lager bei Suez. Die Behandlmist war in diesem Lager nicht gut. Man gab uns schmutzige Decken, mußten auf dem blanken Sande schlafen und man verweigerte - ^gliche Kochhilfe. Erst eine Beschwerde an den Schwedenkonsul brach Abhilfe Nach zwei Wochen wurde» wir aus der Quarantäne entlass Das Gefangenenlager, in das wir übergeführt wurden, befanb M) Sidi-Bishr in der Nähe von Alexandria Eine traurige ®anbroufte m Dattelpalmbeständen war das einzige was wir für langerZeitsay Die Verpflegung und Behandlung ließen auch hie,-oft feljr viel « wünschen übrig Unser Lagerkommandant, Oberst Kohts, war e» furchtbarer Mensch, der sich selbst nicht gut war und der uns manche» Knüppel zwischen die Beine warf. Wir haben ihm Gleiches mit Gleich vergalten und ihn geärgert, wo wir konnten. „ In Aegypten erhielt ich nach langem Harren endlich das er, Lebenszeichen von meinen Eltern Beinahe fünf Satyce [lQn9JL( von diesen nichts mehr gehört. Ich ^aube daß 1$ biejen ‘f, mir den Heldentod meines Brudes schilderte, mindestens dreitz g 9dtDie 'lange Gesangenschast machte sich allmählich bei allen una^ genehm bemerkbar. Das ewige Einerlei, die ständige Untat'gke , man durch Studien aller Art zu bekämpfen suchte, rief Mi der 4 eine nicht zu beschreibende Gereiztheit hervor. d'ezuHader unbtol untereinander führte. Ich trieb damals Franzos.fch, EnMch, Spa»'M Türkisch und Holländisch, schrieb Tagebücher und las Roman-. » trotzdem war ich mit meiner Tätigkeit, die den Tag voUstandg s ^ nicht zufrieden. Es fehlte irgend etwas, was man nur fühlte, aber i beschreiben konnte. Und hierzu tarn noch die Sorge um unser g Vaterland. schaff mit einer merkwürdigen Frau bad.» das ist das Leben zu -u w nach MM ist die Mosel. 3n englischer KriegSgesangenschast. Von G e o r g H e h, Gießen. siSSKBSÖ MMUW WDWWZWW sä« ssr‘ja gingre"Sn°arrrber Missionsstation Ndanda Mein Wagen- Ä“” *1 wu^iJÄi’V«. «»■ --- » ">- ”?>»' nahm In Ndanda, wo wir nachmittags ankamen, wurde uns Milch reis mit Fleisch vorgesetzt, der ganz vorzüglich mundete. Obwohl.ich a es sthr bald wieder von mit gab, was mir als Dy-enter,-kranken bekannt war, so verschlang ich doch recht hatte damals den reinsten Heißhunger nach s° chen Dmgen Hrbueven ’ ntnino Tnnp Mir laaerten auf Stroh chutten in einem ou]ieren, uh steundttchen Rauwk ber sehr schmutzig war. Ich war daher froh, als ich endlich mit anderen Kranken zusammen in einem Lastauto nach Lindi überführt wurde. Vor der Abreise wurden mir meine beiden shxsrÄÄ ®uiche berumftanöen. Je weiter wir uns von der Front entfernten, desto schlechter wurde die Behandlung. Die Verpflegung und Unterkunft war an manchen Tagen ganz fürchterlich. Befonders mangelhaft waren die Bedürfnisanstalten, die in großer Anzahl zwar °?^L"^Nustckrist die aber fast alle mit Schildchen versehen waren mst der Aufschrift Sergeant major only", oder „commamder only . Es war daher sehr schwer, ein nichtreserviertes derartiges Plätzchen M fmben. Kurz vor Lindi wurde ich von einem indischen Arzt m einem an der See gelegenen Lazarett untersucht. Er leche mir 3®ei Smger auf Die cherzqeqend und stammelte dann in gebrochenem Deutsch. „Gesund, ich glaube"9 Damit war mein Schicksal besiegelt. Man nahm mich aus »em Lazarett, das übrigens sehr sauber war, heraus und führte mich aus einen freien Platz, der mit Stacheldraht umgeben war. fyer bheb ich mit ungefähr zwanzig anderen Gefangenen den ganzen Tag m glühender Sonne liegen. Gegen abend schlug man für uns em kleines Spitzzelt auf, das aber nicht Raum für alle bot. Ser größte Test der Kranken mußte daher im Freien schlafen. Ich, als Schwerkranker, bekam von meinen Kameraden einen Platz tm Zelt zugewiefen und war fo meniaftens Qcqcn bic fühle geschützt. . Am anderen Tag wurden wir in einem Leichter, der von emem kleinen Küstendampfer geschleppt wurde, nach Lmdi selbst gebracht, wo ich trotz Fieber in ein Gesangenlager eingesperrt wurde. Schon m der Nacht stieg meine Temperatur aus 40 Grad. Es wurde em englischer Arzt herbeigerufen, der sich sehr nett benahm und meine sofortige Ausnahme in das Lazarett anordnete, wo sich eine englisch^ Krankenschwester meiner liebevoll annahm. Es wurden mir heiße 5Md)en auf den Bauch gelegt, und zur Durststillung gab man ch'r Fruch saste^ Meine Nahrung bestand von nun an nur noch aus Starkekleister (Arrowroot), aber trotzdem besserte sich mein Zustand nicht. Meme Körperkräfte nahmen Derartig ab, bah ich mich kaum noch aufrichten konnte Nach sechstägigem Aufenthalt in ßinbt brachte man mich in einem Hospstalschiff nach Daressalam. Aus einer Tragbahre trug man mich an Bord, wo mir eine Krankenschwester als Mittagessen e,n Hähnchen mit Reis und eine halbe Flasche Rotwein vorsetzte. W,e ich mir die e Herrlichkeiten alle zu Oemüte geführt habe, weiß ich nicht mehr. Aus jeden Fall hatte ich Messer und Gabel nicht notig denn das bauerte mir viel zu lang. Diese Schwelgerei mußte ich leider schwer büßen. Mein Darm erhob sehr bald Protest und ließ sich erst nach einigen Der Tag der Freiheit rückte endlich heran. Vorerst war es nur ein Gerücht, aber dann wurde es Wirklichkeit. Vor lauter Freude und Aufregung konnte ich nicht mehr schlafen, als die Stunde der Heimkehr Ichluq. In Lastautos fuhren uns die Engländer in den Hafen von Alexandria, wo wir den türkischen Dampfer „Gül Djemal" bestiegen, auf dem wir von einem Reichswehrkommando in Empfang genommen wuZ,7wir den Hafen verließen und am Leuchtturm vorbeisuhren, hielt unser ältester Offizier eine zündende Ansprache, auf die hin alles mit Tränen in den Augen und mit geballten Fäusten spontan das Deutschland-Lied anstimmte. Wir haben dieses Lied damals an der Rordkuste von Afrika gesungen, trotzig, ehern, wie nie zuvor. Denn wir waren überzeugt, daß unser Vaterland wieder auferstehen werde, auferstehen zur neuen Größe, wenn nur der richtige Führer an seiner Spitze stehen werde. Und den haben wir jetzt. Oie sprachschöpferische Dichtung. Von Konrad Burda ch. Der Verfasser, dessen 75. Geburtstag vor kurzem von einer großen Gemeinde von Freunden und Schülern begangen wurde, gehört zu den Hütern des deutschen Sprachschatzes, die den unbestechlichen Blick des Forschers mit künstlerisch geschultem Einführungsvermögen verbinden. Für Burdach gibt es keine selbständige sprachliche Entwicklung; Sprachgeschichte ist ihm Bildungsgeschichte. Aus seinem bei de Gruyter, Berlin und Leipzig, erscheinenden Buch „Die Wissenschast von deutscher Sprache" bringen wir diesen Abschnitt, in dem die Frage der sprachschöpferischen Dichtung am Beispiel Goethes be- und Formgeschichte der bildenden Kunst. Seit Jahrzehnten habe ich selbst mit Nachdruck diese Forderung immer wieder erhoben und nach Kräften versucht, sie in meinen eigenen Forschungen und Darstellungen zu erfüllen. Und ganz gewiß auch trägt jeder echte Poet zugleich ein Stück vom Bildner, vom formenden Künstler in sich. Drama, Novelle, Roman, kurz alle Dichtungsarten stehen in Aufbau, Gliederung, Ablauf, Kontrastwirkungen und Einheit, Gruppierung und Charakteristik der vorgeführten Personen unter Gesetzmäßigkeiten, die denen einer Skulptur, eines Gemäldes, eines Bauwerks verwandt sind. Ohne Zweifel war es vollauf berechtigt, wenn einmal ein geistreicher Kunsthistoriker es unternahm, Goethe als Bildner zu schildern. Unstreitig hat es etwas Lockendes und ward nicht ohne Glück, wenn auch manchmal mit Gewaltsamkeit unternommen, die innere Architektur seiner „Iphigenie", seines „Tassv' auszudecken und zu zergliedern. Man kann recht wohl auch manchen der lyrischen Gedichte aus seiner Jugend symmetrische Gliederungen von tektonischer Gesetzlichkeit und Harmonie abhorchen. Aber diese Bemühungen, die Poesie in ihrem Wesen und Werden aus der Kunst zu erhellen, bringen doch auch Gefahr. Und mich dünkt, gegenwärtig droht bereits, weil man vielfach den Parallelismus zwischen Kunst und Dichtung, bildendem und poetischem Schaffen übertreibt, im Aeußer- lichen sucht und allzu schematisch durchführt, die grundlegende Erkenntnis fich zu verdunkeln, daß alle Poesie unter allen Umständen zunächst und hauptsächlich Sprachgestaltung ist und daher an die eigentümlichen, einzigartigen Kräfte und Gesetze gebunden ist, die in der Sprache walten und nur in ihr. Die Sprache aber ist dasjenige Werkzeug des menschlichen Geistes, das sich an das Ohr, den der Seele nächsten Sinn wendet. Alle Poesie ist schöpferischer Seelenausdruck im Wort. Das klingt recht selbstverständlich. Aber es kann gar nicht genugsam einqeschärft werden. Denn die Darstellungen der deutschen Literaturgeschichte, neuerdings selbst in Büchern, die aus Grund eigener Quellenforschung wissenschaftliche Erkenntnis sich zum Ziel nehmen, leiden in zunehmendem Maße unter dem Streben, die literarische Entwicklung als unmittelbaren Reflex oder wenigstens als unmittelbare und gleichzeitige Parallele der Kunstentwicklung anzusehen und ihre Anstöße und Hebel in künstlerischen Motiven zu suchen. Das ist ein bedauerlicher Große Dichter strahlen am Himmel der Weltliteratur über Länder und Meere: den nach ihnen kommenden Zeiten und Völkern im Jrrsal des Lebens Leuchten und Weiser zum Ewigen, weil sich ihrem Zauberstab die geheimen Wunder der Sprache öffneten und aus verborgenen Gründen alte Schätze zu ungeahnter Wirkung emportauchten, die den geistigen Kern der Nation enthüllen und deshalb dem Bilde der Menschheit einen neuen Zug einfügen, der unverlierbar ist. Goethe steht in der Reihe dieser Sterne als einer der lichtesten, und jedenfalls ist er unseren Herzen der nächste. Sprachschöpferisch ist seine Poesie zu allen Zeiten seines Lebens, sobald er die frühesten tastend nachahmenden Erstlingsversuche hinter sich hat. Aber am stärksten und wie mit der eruptiven Gewalt einer Naturkrast drang seine schöpferische Sprachbezwingung und Sprachgestaltung ein auf die bewundernde, staunende, erschreckende Mitwelt, da er in und nach den Straßburger Studiensemestern als Schüler H a ma nn s , H e r d e r s und Kl o fi st o ck s die Freiheit der Natur, seiner eigenen Natur und der Natur des Deutschtums errang. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor vonKohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. l^ortietzung.» Nikodem saß plötzlich mit schärferer Längsfalte in den bleichen Wangen da und schien arglos die schmale Hand auf des Prozessors braunen Aermel legen zu wollen, als gedächte er, den hervorragenden Mann freundschaftlich noch ein Weilchen ^stzuhalten em imdhafter Mensch Sie waren in. diesem Sommer an der Nordsee? lenkte er unversehens ab. „Ihr gehört meine große Liebe: See, See — Nord- fee1 Sie macht mich wunderbar still und produktiv — aber ich kann niemals an der See wirklich schreiben, ich bm bloß ungeheuer wach und selig faul, mache tausend Notizen, es regnet Notizen auf noch, Einfälle allerschönste Dinge; die eigentliche Arbeit kommt spater im Hinterland' .. Auch Katarina, Ihrer Frau Braut, sollen diese drei, vier Wochen Nordsee gut bekommen sein, sagt die Mama; sie soll bei ihrer Heimkehr braun wie die schönste Prinzessin von Samoa gewesen sein ein festlicher Anblick — den ich leider in der wirksamsten Zeit versäumt ... Sn I« ->n» --d,n.IV Prosesior Hasselbrink noch nicht b-Innd-n. Er lat, nach der Tor. Prot-tjor «t>"7l,ch"KnK Ich Ihnen behMch ,-In. ch«, """».nkr1 ging '««* ">--- d'n W-I-nb°d-n ..SchI--« s Menge mi? einem höllischen Grimm auf diesen Menschen der mit frechen Fingern an etwas Unantastbares, Hohes S^ruhrt hatte. T TOein @ott — entschuldige, Lu! Ich wurde aufgehalten. Warst du lehr" ungeduldig?" Es war Katarina. Sie stand hinter ihm im grellen rnnnpnbrht war in diesem Augenblick aus einem Seltengang gekorn- Sonncnhdjt mar m me em H Eile und nervöse Hast. men4 ba’tift' bu ia! 3d) babe Z Zn gewartet." Er blickte sie an und" sie' schien ihm sogleich wieder merkwürdig ernst und sremd. „Ich traf eben deinen ^^^etrachtete ihn rasch von der Seite. „Ist leuchtet wird. Im Jahre 1773 erschien ohne Bezeichnung des Verfassers das Schauspiel „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand", im nächsten Jahre, gleichfalls namenlos, der Roman in Briefen „Die Leiden bes jungen Söerthers". Unbegreiflich schnell aber lüftete sich diese Anonymität und flog der Name des Dichters, des Frankfurter Dr. juns Wolfgang Gaethe, den anfangs nur ein enger Kreis gesinnungsverwandter begeisterter Freunde und Verehrer- gekannt hatte, durch das literarische Publikum aller deutschen Lande, ja aller Erdteile. Der „Werther zumal errang einen Welterfolg ohnegleichen. Selbst der „Faust hat ihn spater kaum erreicht, sicher nicht übertroffen. ...... , Allerdings unter den Bewunderern, die sich um den funfundzwanzigjährigen Dichter scharten, überwog die Jugend. Die ältere Generation und die Alten verhielten sich kühler: L e s s i n g mit Krüik zweifelnd, verständnislos nörgelnd der greife Bodmer in Zürich, obgleich er doch leibst mit feinem Freunde Breitinger vereint eint die Bahn gebrochen hatte zur Befreiung von engherzigen Schulregeln unb zur Verjüngung der deutschen Poesie. Er glich nun jener Entenmutter, die betroffen merkt, daß sie statt eines Entleins einen jungen Schwan aus- gcbrütet hat. Schulmeisterlich tadelnd stand der Porste Goethes um Ujrer unerhörten Sprache willen auch der führende deustche Grammatiker gegenüber: Johann Christoph Adelung, der Erbe Gottscheds. Er repräsentierte das Stilgefühl der Schriftstellergeneratlon, tue um 1740 bis 1760 geblüht hatte, er fah in den Schriften Gellerts und ia- beners ^d-w Uz, Gleim, Christian Felix Weiße, also ™। bem Leipziger'Geschmack der Mitte des Jahrhunderts den Höhepunkt der deutschen Literatur. Ihm galt deren Sprache das >n Meißen entstandene Hochdeutsch als Muster und davon abzuweichen als Verfall UeberMidt man die gedruckten und brieflichen Urteile ber Zeit- aenoffen über Goethes Poesie, so sieht man mit Staunen daß ihr selbst O x t ^ahrbunbertö von den Gebildeten unserer >Km ssi" noch keineswegs die unbedingte Meisterschaft in der deutschen Literatur SÄtf»« v W“ Fä ulngs Wid«stanch che"Art,°wi^ e^smtwächend "vmnend VeispieUaus dieser Sprache in den trockenen Lehrvortrag seiner grammatischen Schnf ten hineimiebt beweist es. Goethe hat sich die deutschen Herren Zuerst hnrrh hio Urlnute feiner Sprache. Seine geniale Schöpferkraft, sein? dämoiüsche Persönlichkeit, die alle, die ihm währenb seiner Jugenb Äbnis Des poetischen Werks und seines Schöpfers war durchaus ber ('XU 'unsere"n°Tagen^naive Hörer und Leser eines neuen ÄS’ Ä «L Sprache Darüber wird leicht lächeln, wer gewohnt ist und geübt, kunst- iriÄSr W ä tÄW® bem Werden der übrigen geistigen Hervorbringungen, nicht am w g sten mit denen der Kunst. Sicherlich bleibt jeder Betriebsart der Literaturgeschichte ber Lebensnerv bes nationalen unb mternationalen Geistes- SMS? - »S*- S5S -» der^chzelwissenschaften^und anderseits in die Betrachtung der Stoff- bin ihm niemals sehr gut bekommen!" Sie sprach etwas laut „Was ist tos?" fragte sie nervös. „Ich möchte heim!' entschied sie und ging zur Glastür hinaus. __ Dann sah Katarina, bequem angelehnt und sehr wach, im Wagen. .Ein dreister Herr, dieser Glod! Man ist nicht grade deshalb ein Genie Scheint einem vollendeten Größenwahn verfallen zu sein? Ein Beter, der sich selbst zerwütet", sagte Katarina leise und eigensinnig. „Sprach er von Doktor Möncke?" forschte sie nach einer kurzen Pause und legte die Hände lässig nebeneinander über ihre große Handtasche und sah ihn unverwandt an Nein das doch nicht —" Nein" sagte er. Ihn durchblitzte unbestimmt der Gedanke, dah ihn einmal jene Herren Möncke und Geyck, von denen nach Gastein und Lund hin berichtet worden war, flüchtig beschäftigt hatten; Herrn Möncke hatte er kennengelernt. . _ Es wurde im nächsten Augenblick kühl tn ihr und um sie. Eiskalt. So ein rascher Schnitt ins heihe Fleisch würde gut und heilsam sein und mußte einmal getan werden, dachte sie. Plötzlich sprach sie: „Nein, das nicht —I Ich wollte es dir selbst sagen. Aber ich konnte es noch nicht. Du nahmst es ebenso ernst — auf deine schwerere Art. Es ist schwer zu erklären. Es tut mir leid und weh. Es ist auch furchtbar unrecht." Dann erzählte sie ihm alles: von dem unabänderlichen Willen zum Tanz und dem niemals völlig überwundenen Freiheitsdrang und von Wil — auch von Peter vorher, flüchtiger und unbestimmter — und sah dabei auf die dicke Windschutzscheibe vor ihr, wunderlich weitab von ihr. Sie dachte dabei: Er hört gar nicht zu in dem Wagengerausch und Straßenlärm; er ist ein fremder, stattlicher Herr! Sie empfand dieses Sprechen wie ein langsames Erwachen, das sie befreite und entkrampfte, und doch hätte sie jedes Wort gern rasch zurückgenommen. Sie faß immer noch geborgen hier; es wehte noch sehr warm und stark von ihm 3U '^Da"kommt überraschend, Katarina", sagte er nach längerer Zeit. Es klang nicht hart oder böse erregt, aber leiser als sonst. „Es tut mir furchtbar leid, Lu. Auch ich habe dich liebgewonnen. Ich habe es dir bewiesen. Ich kann es dir nicht anders sagen." „Es tut auch mir leid." Er wurde wieder breiter. Ein unnahbar anspruchsvoller Herr, der Falten auf der Stirn hatte und das Kinn voll und fest auf den Kragen preßte. Sie tastete verstohlen nach seiner Hand. Es wurde nicht bemerkt; gewiß waren hinter feinem Schweigen und seiner Stirn sehr harte und böse Dinge zu vermuten. „Siehst du", suchte sie alles zu erklären, „ich muß doch tanzen! Das ist unabänderlich. Das willst du nicht und kannst du nicht wollen, und ich selbst würde, auch wenn ich es dürfte, unfrei und gehemmt sein, nicht in meiner Welt; das muß man sein, wenn man schaffen will. Und damit hängt alles andere zusammen." Er blickte geradeaus, mit runden, kugeligen Augen, graublau glitzernd, wie sie es noch nie an ihm bemerkt hatte. Ganz fremder Herr — viel fremder als bei der allerersten zufälligen Begegnung damals im Frühjahr. „Wir wollen und dürfen wohl noch nichts gleich entscheiden, Katarina", sagte er, nach abermaligem Schweigen, langsam und schwer. „Nach meinem Gefühl verbinden uns doch sehr starke, unlösbare Erlebnisse. Wenn ich dich recht verstehe, bist du selbst noch nicht völlig aus dem Chaotischen dieser — dieser andern oder neuen Erkenntnisse heraus? Ist es nicht so?" Er war sehr blaß. O nein — o doch! dachte sie; aber sie sprach es nicht aus. „Ich möchte —", sagte sie aufatmend und eifrig zustimmend, wie ein folgsames, ängstlich gutes Kind, „ich möchte aus kurze Zeit zu Julia nach Breslau fahren. Julia hat viel Platz und mich schon oft eingeladen. Auch einen Saal zum lieben. Kittel kann ja mitkommen!" setzte sie rasch und willkürlich hinzu; ihr schöner, schlanker Leib schien sich, kaum merklich. in vollendeter Anmut zu regen und gewichtlos zu werden. „Auch ich will allein sein! Ich werde dort allein sein!" „Du möchtest jetzt allein sein, Katarina? Ja, das gehört wohl dazu; das leuchtet mir ein." Sein Gesicht war fahl und zugleich hart geballt: ein von einer ungeheuren Erschütterung und Enttäuschung gealtertes oder verschlossenes Gesicht. „Was ist dir, Lu?" fragte sie erschrocken und legte, besorgt und leise zärtlich, die Hand auf seine Hand: eine Bewegung, die ihn unter aller grimmigen Ohnmacht noch mehr erschütterte. Er lachte kurz und herrisch. Nichts Besonderes ... Eine etwas unmögliche Situation und Ueberraschung. Fatal und lächerlich ... Ich bin niemals ein besonders beweglicher Mensch gewesen — war in Gefühlsdingen immer ein Dilettant." Sie blickte starr vor sich hin. „Ich fahre dich heim, Lu, wenn ich darf. Lieber Herr Finke: Ich fahre noch mit dem Herrn Professor nach dem Tulpenweg!" rief sie nach vorn. XXVIII. „Till", sagte Dagobert in der Frankfurter Allee, „du mußt dich mal nach deinem Onko umsehn! Klüter hat wieder angerufen. Geht noch nicht besser." „Tut mir schrecklich leib. Wie kriegt man das?" „Wie das meiste, im unrechten Augenblick. Und ich habe mich mit meinem Kästchen so beeilt. Man kann sich immer bloß auf sich selber verlassen."-- Sanitätsrat Ladewig kam ins Haus, kugelrund, rauh und gutartig, wie ein älterer Seehund, der sich an die Menschen gewöhnt hat. „Ein rheumatisches Fieberchen. Erhitzt und durchnäßt im Auto auf der Reise, Sie junger Mann! Und hier auf einer romantischen Marmorbank gesessen! Männer Ihres Ausmaßes machen auch so was nicht obenhin. Nicht ganz harmlos fürs Herz... Wir muffen aufpaffen: Das Herz macht immer Ertratouren, besonders in unferm Alter!" scherzte Ladewig mit rauher Gewissenhaftigkeit. „Mein Herz ist sehr gesund ... Wie lange —?" „Abwarten ist unsre ganze Weisheit", sagte Ladewig und Überließ das Nötige einer älteren Pflegerin, namens Alwine. Hasselbrink wollte sich keinen Tag länger als nötig in seinem Tulpen- weghaus halten lassen. Es trieb ihn in seine Alchimistenküche nach Tegel hinaus. Arbeit — seine große, weltumschasfende Arbeit — die war die beste Würze für einen Mann feiner Bedeutung und immer noch der Sinn seines Lebens.-- (Fortsetzung folgt.) So war alles in bester Ordnung. Er lag wie ein häßliches Neutrum da, ein Wrack, das aus welt- und zeitenfernen Augen etwas Hübsches, das eigentlich ungeheuer störend war und keineswegs in die Lebenslage gehörte, träumte. Keineswegs — keineswegs —! dachte er, im Rhyth- mus der Schmerzen ... Da stand Alwine, ältlich, sauber und gewissenhaft, und tat ein Pülverchen in ein Glas. „Was ist los?" fragte er ungehalten. , „ i Und nach acht Tagen stand er wieder auf. Draußen war es mit einemmal kühl geworden; der Wind ließ die Blätter tanzen. Am Tulpenweg war Till auf Onkos merkwürdig despotisches Geheiß eingezogen. „Was ist das für ein kolossaler Unsinn, Till? Drückst dich da bei fremden Leuten am Ende der Welt rum? Wer weiß, wie lange wir das Haus noch haben! Es sieht verdammt windig aus tn der Welt ... Früher dachte ich, du wolltest dich selbständig machen, überall da draußen, auch bei deiner Herbergsmutter Prings am Savignyplatz! Gut, das hast du nun raus. Hast du was gegen mich, Till?" „Aber Onko!" „Deine Freundin Pick, meine biologische Kollegin tn Dahlem, kann dich' hier besuchen, sooft sie will. Du kannst oben die Stube neben deiner alten Himmelsbude einrichten! Ich weiß, du bist gern für dich. ,Zst Tante — Katarina verreist?" Onko sah sie mit unheimlich blauen Augen an. „Für einige Zeit nach Breslau zu ihrer Freundin Julia Hillerbeck, der Aerztin." Man konnte sich allerlei dabei denken ... Das tat Till. Die Assistenten Dr. Wiedehöft, Dr. Hombogen und Dr. Kipps er- schienen umschichtig aus Tegel, hielten Vortrag. Der Chef arbeitete den größten Teil des Tages im gekachelten Labor neben feinem Studierzimmer; (ein Diener Peppe vom Institut stand zu feiner Verfügung. Und am Abend faß er noch spät, bei nie ausgehender Zigarre, in der Bibliothek oder am Schreibtisch. Parby Pick kam zu Till ins Haus und ging bezaubert, wie ein rich- tiges Gör aus Berlin O, durch die Himbeervilla; nicht würdelos — sie stand der biologischen Wissenschaft nahe und war Herrn Picks Tochter. „Scheint nicht dumm und obenhin zu fein?" sagte Onko anerkennend zu Till. „Ein braver Kerl; sehr gescheit." „Was hältst du von Dagoberts neuem Unsinn?" „Ich glaube, daß es ihm Ernst ist, Onko." „Meinetwegen soll er Steine kloppen! Würde ihm ausgezeichnet be- kommen. Das sogenannte „Höhere" macht es beileibe nicht, Till. Ich habe in meinem langen Leben schauderhaft viel Fafsadenschwindel erlebt. Alles Tüchtige hat die gleiche Wurzel ..." „Sagt auch Dagobert. Ich glaube, er würde ohne Wimperzucken, roenn’s fein müßte, Möbelpacker werden oder nebenamtlich mit Staubfängern hausieren, und jeder würde ihm gern zuhören. Ich vermute, er wird mal einen kleinen Laden aufmachen, allerhand schlichte Sachen, die in unsere eiserne Zeit passen, Herstellen und sie schließlich, wenn Gott will, auf dem laufenden Band ins Leben treten lassen; ganz Deutschland wird auf Dagoberts Stühlen aus Holz und Stahlrohr oder Couches ober „Sagobertinen" sitzen; unsere Epoche wird den Namen „Hassel- brinf" tragen, wie Berlin mal die schlichte, gute Schinkel-Zeit hatte, bloß ein bißchen anders. Du mußt ihn selbst fragen, Onko!" Onko knurrte: „Er wird's billiger machen müssen und erst mal die eiaene Küchenesse rauchen lassen! Es wird bald anders aussehn im lieben Deutschland. Soll sich draußen auf dem Kietz mit einer Hobelbank an- i siedeln!" Aber eigentlich gefiel es ihm. „Was treibt Diez?" fragte er bann. Till dachte nach: „Sehe ihn feiten. Ich bin, unserer Ausstellung wegen, viel unterwegs; Brosie ist entzückt von meinen Einfällen ... „Und Diez?" „Scheint auch in einer Art Häutung begriffen." „Will er Schneider werden?" „Ich glaube nicht, Onko. Er ist feit dem Ersten bei Mutzebecher, dem großen Wirtschaftsverlag mit Mammutdruckerei in der Spandauer Straße, und „lernt" Verlagsdirektor. Der junge Dr. Mutzebecher beschäftigt ihn für wenig Geld zu feiner Orientierung. Bloß ein Anfang, ein schmales Sprungbrettchen." „Und der große Satiriker? Der kühl-sachliche, illusionsgefeite Intellektualist, Durchschauer und Darsteller aller Dinge — he?" fragte Onko boshaft luftig und zwinkerte mit einem Auge. „Das will beinahe jeder einmal fein. Furchtbar komisch! Er findet, daß das richtige illusionsgesäugte Leben auch seine Vorzüge habe: Lebendig zu sein, schlicht und praktisch tätig zu sein, als Mensch und Wirkender mitten im runden Leben zu plätschern, scheint ihm bekömmlicher und für ibn notwendiger — sagt er " „Soll sich den Hals brechen! Eine unruhige Gesellschaft! Als hätten sie alle was versäumt und keine harte Verpflichtung vorm Leben, meine Herren Neffen! Sie sollen sich vorsehn!" zankte Onko, so daß er rot wurde und sich angenehm belebt fühlte, da er etwas von der eigenen Galle und scharfen Gereiztheit im Geblüt los wurde. „Würde mich gar nicht wundern, wenn er gleichfalls mit einer langen Dame angetanzt käme! Natürlich ganz was Besonderes vom hohen Seil ober aus bem Zirkus weg ober eine Herzogin an Geist, Schönheit unb Geblüt!" Be- i hagliches Husten unb groltenbes Lachen unb Schnaufen. „Aber bu nimmst bie beiben ja immer in Schutz!" i Draußen war sonniges, kühles Wetter, fast schon rauh, wenn die 1 Sonne weg war, unb in ber Nacht gab es die ersten Fröste. Louis verantwortlich: Dr. HansThyriot. — Druck undDerlagiDrühlschellntversitäts-Buch« undLieindru ckerei. L.Lange. Viebe». i Btl j niii । Ä’ Bein mit Üi ntn Wl t 61 *1 »2