SietzenerAmilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1934 Nummer 89 Zreitag, den 16. November HANS DOMINIK • EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER 8 AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG Der Sturz des Boliden. Ein leuchtender Fleck in der dunklen Polarnacht. Auf hohen Masten erstrahlen vier mächtige Lampen. Ihre Lichtflut wird von schimmernden Schneemassen zurückgeworfen. Sie beleuchten ein Gebäude, halb Haus, halb Schuppen, das der Forscherdrang eines Gelehrten in der Eiswüste der Antarktis entstehen ließ. Ihre Strahlen brechen sich in glänzenden Reflexen an physikalischen Instrumenten, die frei im Schnee stehen, und lassen die Umrisse eines Flugschiffes erkennen. Schwer und massig wie der Leib eines gestrandeten Riesenwals lastet der mächtige Metallrumpf auf dem Schneefeld. Keine Räder, kein Kufengestell, die ihm eine Möglichkeit zum Starten geben können. Wurde das Schiff von seiner Besatzung verlassen? Ist es dazu verdammt, bis an das Ende aller Tage in der Schneewüste liegenzubleiben? Als wolle es Antwort geben auf die Fragen, schlägt das Ungeheuer die Augen auf. Zwei gläserne Luken an seinem Kopfteil erstrahlen plötzlich in hellem Licht, und fast gleichzeitig beginnen sechs Propeller über dem Rumpf sich in rauschendem Spiel zu drehen. Der Donner der Motor- explosionen dröhnt durch die eisige Luft. Noch liegt der Leib des Flugdrachens regungslos auf dem Schnee, während feine leuchtenden Augen wie zornig in die Ferne starren. Und dann — so mag wohl ein Kampfsaurier der Urzeit im Angriff den Stachelkamm gesträubt haben — hebt es sich aus dem Rücken des Flugschiffes, wächst empor und beginnt sich wirbelnd zu drehen. Schneller und immer schneller rotiert die mächtige Hubschraube, lauter brüllen die Motoren. In schimmernden Wolken stiebt der Propellerwind den Schnee auf, schon beginnt der Zug der Hubschraube zu wirken. Schwerelos hebt sich der gewaltige Metallbau vom Boden und schwebt senkrecht empor. Immer höher steigt das Schiff, immer kleiner wird der Lichtfleck unter ihm. Jetzt ist es nur noch ein leuchtender Punkt, der davon Kunde gibt, daß dort unten am magnetischen Südpol eine deutsche Expedition ihr Lager errichtet hat. Zwei Kilometer zeigt der Höhenmesser im Kommandoraum des Flug- schisfes, da setzen mit voller Kraft die sechs Propellermotoren ein. Schon tragen die Schwingen den Leib des Drachens, und langsam senkt sich die gesträubte Rückenflosse. Die Hubschraube wird in den Rumpf zurückgezogen. ,<5t8', das neueste und größte Stratosphärenschiff der Eggerth- Werke, hat seinen Rückflug nach Deutschland begonnen. Im Kommandoraum des Flugschiffes saß Hein Eggerth vor der Steuerung. Sein Blick hing an dem Höhenmesser, dessen Zeiger langsam über die Skala dahinglitt. 13 Kilometer ... 14 Kilometer ... 15 Kilometer Seine Hand bewegte ein blankes Gleitstück an dem Steuerapparat, und der Zeiger des Höhenmessers stellte seine Wanderung ein. Eine kurze Zeit noch beobachtete Eggerth das Instrument, dann erhob er sich von seinem Platz. ... ... . o, „So, Wolf! Der Automat ist eingestellt. Vorläufig können wir ,6t 8 sich selber überlassen." . Wolf Hansen stand an der großen Backbordscheibe des Stratospharen- schiffes, zusammen mit Georg Berkoff, dem dritten Mann der Besatzung. Aus die Worte Eqgerths hin wandte er sich um. '„Der Robot tut seine Schuldigkeit, Hein? Um so besser! Da draußen ist allerlei zu sehen. Können wir das Licht ausmachen? Es stört die Hein^EWerth nickte und bewegte einen Schalthebel. Die Hellen Lampen im Kommandoraum erloschen. Nur noch die Skalenscheiben der ß- instrumente leuchteten magisch m dem dunklen Raum. Noch einmal blickte ^Mil'omÄe? Höhe, 1500 Stundenkilometer. Alles in Ordnung. Was habt ihr denn da, was euch so interessiert? « , „Ein Südlicht, Hein", rief ihm Hansen zu, „so schon habe ich noch kems Eggerth schaute eine kurze Weile mit den beiden andern zusammen hinaus, dann schaltete er das Licht wieder ein. heobaditen „Kommt in den Mittelraum. Da werden wir es viel besser beobachten tÖn®ie Decke des Mittelraums bestand zum größten Teil aus klarem Kristallglas. Die Einrichtung war getroffen wordeni, um Stern- und Sonnenhöhen genau messen zu können, deren Ke f , Navigierung des Stratosphärenschiffes ,a unbedingt erforderlich war. „Alle Wetter, WolsI Hein hat rechtl" rief Berkoff, als sie in den Mittelraum traten. Tiesschwarz wölbte sich das Firmament über ihnen. Deutlich konnten die drei Insassen des Stratosphärenschiffes durch das Glas der Decke hindurch die funkelnden Sterne erkennen, aber das Südlicht war erloschen. „Ah, eine Sternschnuppe! Ich habe mir das gewünscht", rief Hansen. „Da! Schon wieder eine! Da eine dritte! Hoffentlich geht mein Wunsch in Erfüllung." „Merkwürdig." Berkoff strich sich über die Stirn, „wir schreiben den 9. August, die Tränen des heiligen Laurentius wären also nach dem Kalender fällig. Aber ich habe noch nie gehört, daß sie auch in den Polarzonen auftreten." „Da! Schon wieder eine, hier noch eine!" Hansen deutete mit der Rechten zum Firmament. „Laurentius hin, Laurentius her, wie es scheint, fließen seine Tränen auch am Südpol." Schweigend blickten die drei Freunde während der nächsten Minuten in die Höhe. Immer wieder leuchtete es hier und dort am Firmament auf, zog einen leuchtenden Streifen und erlosch. „Ein ganz hübscher Schwarm, der unserer alten Erde da bas Fell kratzt", meinte Hansen. „Du wolltest wohl sagen, der ihr die Atmosphäre ankratzt", verbesserte Eggerth. „Wenn all die Sternensplitter, die sich da in der Nähe der Erdbahn im Weltraum dahertreiben, wirklich bis zur Erdoberfläche kämen, wäre es schlecht um die Menschheit bestellt. Ein Glück, daß unsere Atmosphäre uns vor diesen Weltraumbummlern schützt." „Sagen wir: einigermaßen schützt", unterbrach ihn Berkoff. „Die meisten Boliden tauchen ja nur in die äußersten dünnsten Schichten unserer Atmosphäre ein, kommen dabei durch die Reibung für einige Sekunden zum Glühen und zum Leuchten und verschwinden dann wieder im Weltraum. Aber bisweilen kommt doch mal ein ordentlicher Brocken runter, und wer den auf den Kopf kriegt, der braucht keinen neuen Hut mehr." „Ah, da! Seht doch nur, eine Sternschnuppe! Nein, ein Meteor!" Hansen hatte die letzten Worte mehr geschrien als gesprochen. Im Augenblick waren die beiden andern neben ihm, starrten ebenso gebannt wie er zum Firmament. Eine Sternschnuppe war es, die Hansen gesehen hatte, aber wie hatte sich ihr Aussehen in wenigen Sekunden verändert. Ein fahler Lichtstreifen war es zuerst, wie jede Sternschnuppe ihn an das Firmament malt. Ein rötlich strahlender Stern war es inzwischen geworden. Einen kurzen Moment noch so hell, wie die vielen andern Sterne dort oben. Nun schon viel heller, die andern mit seinem Glanz überstrahlend und verdunkelnd. Ein fallender Stern, eine Sonne, die vom Firmament stürzte. Jetzt stand sie senkrecht über dem Stratosphärenschiff. Grell fielen ihre Strahlen durch das gläserne Dach in den Raum und erleuchteten ihn taghell bis in die letzten Winkel. Würde der Bolide das Stratosphärenschiff treffen und zerschmettern? Schon schien die glühende Kugel größer als die Sonnenscheibe zu sein. Unerträglich wurde der Glanz, der von ihr ausging. Nur noch blinzelnd mit zusammengedrückten Lidern vermochten die drei im Stratosphärenschiff nach ihr hinzuschauen ... und sahen dabei, wie das strahlende Gestirn langsam von Steuerbord nach Backbord über der Deckenscheibe entlang zog! In Sekunden wurde es ihnen klar, daß der Bolide links ab vom Flugschiff die Erdoberfläche treffen würde. — Als erster stürmte Eggerth aus dem Mittelraum zu der Kommando- stelle. Eilend folgten ihm die andern. Hier waren ja Seitenscheiben vorhanden, durch die man die Erdoberfläche sehen, den Aufprall des Boliden vielleicht beobachten konnte. — Wie von vollem Sonnenlicht beleuchtet erblickten sie die Eiswüste unter sich, als sie die Gesichter an die Scheibe preßten. Die Atmosphäre in der Tiefe war klar In tausend Lichtern spielte das bläulichgrüne Gletschereis in immer grellerer Beleuchtung, flimmernd und schimmernd streckte sich eine Schnee-Ebene östlich von den Gebirgen in endlose Ferne. Noch starrten sie wie fasziniert auf das wunderbare Schauspiel, als eine neue, noch viel stärkere Lichtflut sie zwang, die Augen zu schließen. Eine Sonne kam vom Himmel herab. Eine Feuerkugel stürzte backbords vom Stratosphärenschiff auf den Erdball. Sie wußten nicht, wie groß die Kugel war, sie wußten nicht, wie fern ober nah von ihnen sie niederfiel. Nur den Eindruck hatten sie, daß das Gestirn in nächster Nähe abgestürzt Maschinenkraft stürmte es durch die Stratosphäre dahin und brachte in jeder Minute 25 Kilometer hinter sich. — Eine Nacht kam und ging. Am solgenden Morgen war es über Deutschland. e Fünf absonderliche Pelzwesen hatten dem Stratosphärenschisf kur^e Zeil nachgeschaut, als es die Station in der Antarktis verlieh. Aber d,e arimme Kälte und der schneidende Wind luden nicht zu längerem ®er- wellen im Freien ein. Sobald ,6t 8' ihren Blicken entschwand, kehrten sie in das Stationshaus zurück, in dem die elektrische Heizung eine behagliche Wärme verbreitete. . Liier waren die gewaltigen Bärenpelze nicht mehr vonnöten, und wie sie abgelegt wurden, kamen menschliche Gestalten zum Vorschein. Aus dem ersten Pelz schälte sich ein mittelgroßer Herr, der etwa m der Mitte der Vierziger sein mochte. Seine hohe Stirn und die klugen Augen verrieten den Gelehrten, wahrend das starke Kinn zähe Tatkraft und Ent- icklostenheil kündete. So mochte einmal Nansen in jüngeren Jahren aus- aefeben haben Es war Dr. Rudolf Wille, der die Station hier am ma- gnetiLn Südpol unter 73 Grad Süd und 115 Grad Ost aus eigenen Mitteln, aber mit taträftiger Unterstützung der Eggerth-Werke errichtet hatte. Die Gestalt neben ihm, zwei Köpfe größer und sehr viel dünner, ent- puppte sich als sein Assistent, Dr. Schmidt. Aus dem dritten Pelz sprang ein schlanker Junge von siebzehn Jahren, Rudi Wille, der Sohn des Stationsleiters. Aus dem vierten kroch Karl Hagemann, Mechaniker von Beruf und Faktotum bei Wille. Daneben noch Maschinist, Proviant- meister, Koch und Hans Dampf in allen Gassen. Alles m allem em Universalgenie und für die Station unentbehrlich. Dem fünften Fell endlich entschlüpfte der blonde Jens Lorenzen, von der friesischen Wasserkante, früherer Funkergast bei der deutschen Marme, jetzt absoluter Herr über das Funkwesen in Willes Station. Während Dr. Wille seine vereiste Brille reinigte, verstaute Hagemann die schweren Pelze in einem Nebenraum und fragte: Brauchen mich Herr Doktor jetzt?" ' Wille schüttelte den Kopf. „Vorläufig nicht, Hagemann. Kummern I Sie sich um das Abendbrot." , H^emmm^tachchte Einern kurzen Blick mit Rudi Wille und verlieh zusammen mit ihm den Raum. Ihr Weg führte sie durch emen schmalen Gang zu dem am einen Ende des Stationshauses angebauten Vorratsschuppen. Hagemann öffnete die Tür, schaltete die Beleuchtung em. Das Licht her elektrischen Birnen zeigte einen Vorrat an Lebensmitteln, der für die fünf Personen der Station auf Monate reichen muhte. „Schauen Sie her, Rudi", sagte Hagemann, „Sie haben die Herrlichkeiten noch gar nicht gesehen, die uns ,6t 8' nulgebrochl hat Er deutete dabei auf Regale, die mit Konserven aller erdenklichen Art I gefüllt waren. Rudi zuckte die Achseln. . , , „Konserven, Hagemann, Konserven und, nochmal Konserven. Ich habe I genug von dem ewigen Blechbüchsensutter." „6ehr richtig, Rudi. Ist auch nur für den Notfall gedacht Als Reserve, wenn die regelmäßige Zufuhr ausbleiben sollte. Aber sehen 6te sich mal bas hier an!" Er öffnete die Tür zu einem Nebenraum, in dem die elektrische Heizung so schwach eingestellt war, daß die Temperatur dicht am Gefrierpunkt lag. Rudi Wille blickte in die Kammer und sah Dinge, die sein Herz erfreuten Da lagen frische Gemüse und Kartoffeln in Mengen. Da hingen an Haken ausgeschlachtete Kälber und 6chweine und daneben Geflügel aller Art. Hagemann fließ ihn in die 6eite. Was, Rudi!? Das ist ein Essen für die ©öfter. Vorläufig brauchen wir' keine Blechbüchsen aufzumachen. Ja, ja! Die Eggerth-Werke! Wenn wir die nicht hätten, sähe es traurig um uns aus. Na für heute wollen I wir uns mal ein feudales Roastbeef mit Bratkartoffeln leisten. Während er es sagte, säbelte er von einem Rinderviertel ein tüchtiges 6tück herunter. „6o, das soll uns schmecken! Ich wills gleich in die Pfanne hauen. ber ^Qnb „erließ er den Vorratsraum. Rudi Wille begleitete ihn nur ein 6tück. Dann verabschiedete er sich, um zu Lorenzen $U Hagemann trat in die Küche. „Alte Bastlerseele", knurrte er vor sich hin, „immer bei Lorenzen in der Funkerbude hocken und morsen . . na meinetwegen kann er das Vergnügen haben. Wer weiß, zu was es gut ist... Ist wenigstens noch einer in der 6tation, der den Funkkram Der« I steht, wenn Lorenzen mal der 6chlag treffen sollte." So vor sich hinbrummend, machte sich Hagemann daran, die Kartoffeln für bas SIbenbbrot zu schälen. Währenbbessen faß Rubi schon bet Lorenzen unb vertrieb sich bie Zeit damit, Funksprüche aus allen Teilen I der Erde auszufangen. Lorenzen ließ ihn gewähren. Er war aufgeftanben und schaute durch das Fenster in die dunkle Ferne. Ganz weit im 6üben dicht über dem Horizont sah er bunte «Streifen aufwallen und wieder verschwinden, den Abglanz eines fernen «Südlichtes. Dann blickte er zum Himmel empor, sah «Sternschnuppen häufiger unb schöner fallen als in früheren Nächten unb sah schließlich auch einen besonbers starken und glanzenden Meteor am fernen Horizont hinabschießen. „«Schade, Rudi! Da haben Sie etwas oerfäumt. Eine wunderbare Sternschnuppe, war schon beinahe eine Feuerkugel. „Höchstens Hunden I Kilometer kann das Ding von uns ab gewesen sein." Rudi Wille horte nur mit einem Ohr zu. Am anderen behielt er bas Telephon unb verfolgte mit sichtlichem Interesse einen Depeschenwechsel zwischen zwei Dampfern in ber Nähe von Kapstabt. Dabei kamen Lorenzen seine Instruktionen in bie Erinnerung. (Fortsetzung folgt.) sei. Und dann drang ein dumpfes Pfeifen und Brausen in ihr Gehör und übertönte bas Spiel ber Motoren. Em brohnenber bonnernber Lärm erfüllte bie ganze Atmosphäre. — Ein schweres Schwanken bes Flugschiffes riß sie aus ©rer (frftarrung. Mit einem Satz war Hein Eggerth am Steuerapparat unb suchte bie Maschine burch verzweifelte Manöver roieber ins Gleichgewicht zu bringen. Minutenlang hatte er zu kämpfen. Die ganze Stratosphäre. jene hohe, von allen Stürmen unb Orkanen ber Erbe unberührte Luftschicht, war in ein brobelnbes kochenbes Meer verwanbelt. Das Flugschiff stampfte unb schlingerte wie ein Dampfer in tomerßer ©ee* W.e ungeheuerlich mußte bie Atmosphäre an ber Erdoberfläche burch ben Sturz bes Boliben ausgewirbelt worben (ein, um solche Storungen bis in die Stratosphäre zu entsenden? Während Eggerth sich mühte, das Schiff vor dem Absturz zu bewahren, beobachteten Hansen und Berkoss die Katastrophe weiter Emen Feuerball sahen sie auf die verschneite Ebene aufschlagen, sahen die Ebene um die feurige Kugel herum aufschwellen und in Sekunden zur Hohe emporwachsen, bis sie wie bas Ringgebirge eines Kraters rings um bie Glut ftanb. Noch starrten sie auf ben neuen Feuerberg, als Nebel von ihm aufftieq. Auf weite Entfernungen hin verbampften Eis unb Schnee, unb wie eine bichte Wolkenwanb legten sich bie Dampfmassen über bie Einschlagstelle. Kurze Setunben noch sahen bie beiben bas Licht bes glühenden Boliben burch ben Nebel schimmern, bann verbargen es bte Wolken. Eggerth hatte bas Stratosphärenschisf roieber in der Gewalt, als Berkoff zu ihm trat. Kurze Frage unb Antwort, bann griff Eggerth in bie Seitensteuerung. Das Schiff brehte nach Backborb «b, bis es rechtwinklig zu (einem bisherigen Kurs ftanb. Gerabehm auf die Einschlagstelle ging jetzt der Flug. Berkoff sah auf die Uhr, als die Schwenkung vollendet war. Es dauerte bann noch neun Minuten, bis bas 6trato= sphärenschiff entrecht über bem bichten Gewölk ftanb. Die Rechnung war danach einfach zu machen. 1500 Kilometer legte bas Stratosphären chiff in ber «Stunbe zurück. Nur 225 Kilometer war es von ber Einschlagstelle entfernt, als ber Bolibe niebergtng. I In weitem Bogen kreiste das Schiff über bem Schauplatz ber Kata= strophe. In langen Spiralen ging es mit gebrosselten Motoren nach unten. Der Zeiger bes Höhenmessers begann zu sollen. 10 Kilometer ... I 8 Kilometer ... 5 Kilometer ... ba gerieten sie in bie brobelnben kochenden Wolken. Im Augenblick war jebe Sicht verschwunbem Weiß unb milchig schimmerte es im Licht ber Lampen an ben «Scheiben bes Kommanboraums. . ... . „Es hat keinen Zweck, tiefer zu gehen, sagte Eggerth unb griff tn die Höhensteuerung. _ _ ß «... Das Schiff schraubte sich wieder empor ... 5,5 Kilometer ... 6 Kilometer ...6a kam die Sicht langsam wieder, cher das Schiff flog in dichtem Schneegestöber. Noch einmal 500 Meter höher, bann hatten sie bas Schneetreiben unter sich. Das Schiss ftanb über bem Grenzgebiet, in dem sich bie emporgerissenen Dampfmassen in ber Kalte ber Polarnacht zu Schneeflocken verbichteten. — In 10 Kilometer Hohe kreiste bie Maschine über dem Wolkenberg. Berkoff ftanb im Mittelraum unb arbeitete mit einem Sextanten. Er notierte Sternhöhen, schlug Tabellen auf, rechnete, schrieb fchlleßlich zwei Wahlen nieber: ,83 Grab 14 Minuten 6üb, 158 Grab 12 Minuten Ost. Das Papier mit ben Zahlen in ber Hand kam er in ben Kommando- raum zurück. . . „Den genauen Ort haben wir, was machen wir letzt/ Merkwürdige Frage", erwiderte Eggerth, „wir haben den Auftrag, nach Deutschland zurückzufliegen. Alles übrige kann uns egal fein. Noch während er es sagte, brachte Eggerth das Schiff wieder auf ben alten Kurs. „Wir müssen uns branhalien, wenn wir morgen mittag m Bitterfelb fein wollen." . . ,, So eilig ist es boch nicht, Hein", wiberfprach Hansen, „bem alter Herr kann sich für einige Zeit auch ohne uns behelfem Ich hotte verdammt Lust, mir erst noch mal ben Boliben aus ber Nahe anzusehen. „Junge, Junge, ba kannst bu bir eklig die Finger verbrennen", warf Berkoff ein, „ber Brocken, ber ba runterkam, war wohl einen Kilometer bick. Was meinst bu, was bas für eine Portion Hitze bei dem Anprall gegeben hat. Es wirb Wochen dauern, ehe man sich der Einfchlagstelle nähern kann." m Hansen machte ein betrübtes Gesicht. , „Schade! Ich habe mir das so schon gedacht, ben Fall gleich auf frischer Fahrt zu untersuchen. No benn nicht! Du hast boch wenigstens bie genaue Ortsbestimmung, Georg, bamit wir bie Stelle beim nächsten Male wieder finden?" Habe ich, Wolf. Uebrigens konnten wir mal ben guten Doktor Wille antlingeln, ob er was von bem Boliben gesehen hat." Berkofs ging zur Funkstation bes Schiffes unb fchob sich die Kopfhörer über bie Ohren. Die Morsetaste begann zu klappern. Schon nach kurzer Zeit hatte er bie Verbinbung mit ber Station hergestellt. , Gesehen haben sie etwas, aber nicht viel", rief er Eggerth zu. Außer vielen Sternschnuppen wollen sie auch bicht über bem Sübhorizont eine Feuerkugel beobachtet haben. Dr. Wille nimmt an, baß em kleiner Meteorit in etwa hunbert Kilometer Entfernung von seiner Station niebergegangen ist." Hansen lachte auf: „ ,, t . „Hunbert Kilometer! Da hat er sich grunblich verkalkuliert. Tausend Kilometer war das Ding von ihm ad ... kleiner Meteorit, na lch danke ... mir war ber Brocken groß genug!" Die Taste lickte unter seinen Fingern. Es war eine lange Depesche, die er nach ber Station funkte. „So, denen da unten habe ich den Star gestochen. Die wissen jetzt Bescheid, was passiert ist." Er schaltete wieder auf Empfang um. „Sie scheinen'? noch iftcht recht glauben zu wollen. Na, dann kann ich ihnen auch nicht Helsen." __ Eggerth fe^te das Flugschiff wieder auf seinen alten Kurs. Mit voller Deutsches Wmterhilfsopfer 1934/35. 9 Von Ina Seidel. Mr sollen opfern wie, gleich Honigbienen, Die Mütter ihren Kindern schweigsam dienen ... Wir müssen opfern, weil wir nur im Geben Empfangen, und so strömend einzig leben ... Wir wollen opfern! Für ein Volk von Freien Heißt das, sich froh und stolz den Brüdern weihen! Wir dürfen opfern: niemals ist ein Orden, Der höher ehrte, uns verliehen worden. Das Echo. Von Ruth Schaumann. Sie Wes hatten schon mehrere Kinder, als noch ein Knäblein kam, ein Kind, wie nicht nur Frau Siedel der blassen Senatorin nach H!»ohnheit versicherte, sondern ein jeder es sagte, der den jüngsten igeiirtufen in der alten gebohnerten Wiege sah: ein mit blauen und !mren Perlen gesticktes Häubchen, die Tauf- und Glückshaube aller Mrkusen männlichen Geschlechts über dem wohlgerundeten Schädel, in bei rechten Hand die berühmte Leoerkusensche Kinderklapper, in Form eirs Delphins, geschnitzt aus Narvalzahn, bereit, künftigen Zähnen des Rnes zum Erscheinen zu verhelfen, in der Linken den Zipfel des Tauf- Wss, darauf er schon lag in dem langen, von Jahrhunderten ange- .giften Kleid aus florentinifchen Spitzen. Und so wurde er nun zum Astisch im Südzimmer, gebracht, wo er, ohne zu schlafen noch zu Wen, mit wachen Augen Kälte und Nässe ertrug und die Namen: Knot, Friedrich, Anselm, Ludolf, Jürgen, Hinrich, Valentin, Hjalmar emp- fft. Untper fünf Namen taten es die Leverkusen nicht bei den Söhnen, daß es Winal sogar sieben waren, hatte seinen Grund an dem ersten, dem Amen Gernot. Kurz vor der Taufe nämlich war es dem Senator ein- !wsllen, an die Verdienste des alten Gernot Leverkusen zu denken, di seltsamsten Junggesellen in der Familie, der vor einem Vierteljahr- Midert unaufgefordert dem jungen Friedrich Leverkusen in schwieriger ife unter die Arme gegriffen und ihn somit auf die Beine gestellt, i.lieuf er noch jetzt fest und stetig verharrte. Aus dieser Erinnerung also I «grb es sich, daß Gernot Leverkusen, der Aeltere, auf seinen gichtigen grxen zu allgemeiner Verwunderung und bedenklichem Kopsschütteln in weiblichen Taufgäste als erster das Bündel aus florcntinischen i Men, Leinwand, Perlen, Narvalzahn und jungen Leben vor das sil- Mne Becken hielt und der Name Gernot als erster von den bärtigen Pipen Pastor Boomströms erscholl. Nacheinander folgten die übrigen Urnen, nacheinander wiegten sechs Paar Arme den deinen Gernot Mr Pastor Boomströms Namensgesang, bis Hjalmar Leverkusen auf p! ungeschickteste Weise den fertig getauften Säugling an den Busen pt eilfertigen Siebet warf und sich alles erleichtert in den getafelten i ipnsaal zu gut Essen und gut Trinken begeben durfte, wobei sich Ohm tot durch Entsagung hervortat, denn er genoß, wie man Gernot, k jungen später in leisem Gruselton erzählte, nur em Glas Milch. Zer laßt Euch man bloß nid) das Essen verderben, JungsI, ich bin lü1 dem Himmel und der lütte Gernot ist es noch auch, da gleicht sich ^Jedenfalls gedieh Gernot, der kleine, bei der seinen nach Gebühr. - sDhrend Gernot, der Alte, verfiel. Der jüngste Leverkusen konnte sich top just an den Aeltesten erinnern, als an eine kleine, gebückte Gestatt, lii sich auf die beschwerlichste Weise aus der eigenen Rocktasche em Wchen ersingerte, worauf Gernot, dem Kleinen, eine Uf)r an 9ot£e"er Ltt entgegen,chwanq, eine tönende Sonne an ihrer eigenen Achse ter, zugleich erklang im Innern der Uhr ein regelrechtes Geläut. G rnot, k Kleine, klatschte in beide Händchen, die tonende Sonne sank hmem, ft Glieder der Kette klirrten, der Onkel rieb sich ^frieden die immer Wer werdenden Fingerspitzen und so, ganz so und nicht a prn der Erinnerung des letzten Gernot Leverkusen sch , k,st in die Grüfte der Sippe gesunken war. Die Uhr aber blieb mch^ hin, Gernot sorgte dafür. Erst war es nur daß er die auf einem k°intbett neben seinem Kinderbettchen 'egende am Abenkaufzog hiiarn und bedacht, wie sein daran anschließendes Nachtgebet dann MKÄjah es daß er das Gerät Sonntags tragen durfte, er war I« 1 Wir behutsam, und nun, da sie alle auf .®^ro.eWr el„ Ifr! jeder Ferientag ein wahrer Sonntag erlchieutruger sie tag ch Ifc sand ihr leises Ticken und ihr freiwilliges Stundengelaut an seiner Wte unter dem Röckchen, wie das Leben eines äußeren Herzen , g ! sj»er Bruder seines kleinen, roten im Innern der B 1 • ®eIt" 11 Senator Friedrich Leverkusen war bafiir, daß du?" Aller- [ >■ »Es gehört mit zur Erziehung GhWD ^rg^bu?^^ < ps, die Senatorin, eine schmale, stille Frau, v obfdion sie i »jnungen geschwächt, verstanb nicht so ganz, w flötete bann Ijfl'Jieg, unb ber trotz aller Strenge boch muntere Senator flotele oan ,1 Freuden: „ Mine Fru, be Jlsebill, Will nid) so, as ik wol will. Aber auf ber Schweizerreise war Elisabeth ^eb^obtdjon t| p <®ernots befonberer Freube, benn er hatte s deswegen oer- ■ pem Vater nachlief, wie ein kleiner, bunt $ > Leverkusen, mit । « toon den Geschwistern, Jungfern unb Jung , N ejnem gong, als ■ H'* 3öpfen ^d Schöpfen, stattlld, unb s st mb der Schweizer fachen selbst ihre Fuße und s—teilten ° W(e5 darum ihnen I ’rfle wie die hanseatischen Seefahrer auf neuemueu1 i [pwenbes Land. Heute gingen sie nun dem großen Rigi zu Leibe, ave Leverkusen Ws auf Frau Elisabeth und ihre Schwester, die im Bergdorf verblieben und die von sechs Zweigen der Leoerkusenschen Sippe bewohnten, nun verödeten Sommerhütten bewachten: „Ein Glück, daß sie weg find, Lisbeth, ich habe Schwielen von dem ewigen Bröterstreichen, und ein ganzer Tag ohne dein Kroppzeug ist ein unverdientes Paradies, wir rootlen’s gehörig genießen." Achtzehn Leverkusen bevölkerten indessen den schönen Berg. „Senators Seine" mitsamt ihrem rüstigen Erzeuger, alle tniefrei mit den Hüten der Aelpler aus dem Kanton Luzern, dann Bruder Christian mit Frau und einziger Tochter Helene, Vetter Heinrich mit Frau und drei Söhnen, Onkel Josua, endlich Hjalmar mit seiner jungen Frau, auf der Hochzeitsreise zu den andern gestoßen. Bei den ersten festen Stauden nach dem Talgerölle schnitten sich alle kräftige Stäbe, und nach gehöriger Lichtung des Haselgehölzes ging es die Höhe hinan: „Rüstig, rüstig, was wollt ihr noch da unten? Man to, man Io, nun Gernot unb Leuchen, schon ein bräutliches Paar?" Gernot errötete, Leuchen grämte sich nicht, Hand in Hand liefen die Kinder die erste Grasnarbe hinauf vor die Augen unb Rufe ber Großen. „Was nicht ist, kann noch werden, Leverkusen, er hat was, und kann was, das sieht ein blindes Pferd, und sie ist nicht ohne", — Christian blinzelt vergnügt, der Senator ist ganz feiner Meinung, — „unb mögen tun sie sich auch, warte zehn Jahre ab ober besser noch zwölf." Und rüstig wallen die Leverkusens den Schweizer Gipfel hinan, wie den Berg allen Hoffens. Leuchen Leverkusen ist ganz anders, wie die Leverkusens ansonst, es kommt von einer portugiesischen Großmama, darauf sie so stolz ist. Darum paßt sie zu Gernot, dem stillen, und er hält sie fest an ber Hand. „Magst du so Berge, Leuchen? Ich mag sie nicht recht." „Meer ist schöner, Gernot, es macht ja auch Berge, aber nicht so s—teste, s—teste", sagt Leuchen, sie ist ja aus Kiel, aber bräunlich, beweglich und dunkelgezöpft und wechselnd wie bas Meer, bas sie liebt. „Aber die Glocken ber Kühe hier mag ich unb, verstehst du, das Echo?" „Echo?" „Ja, bei uns gibt es doch keines, Vater hat gesagt, daß er cs rufe« wird." „Hast du es denn schon gehört?" „Noch nicht, aber Vater sagt — und Gernot, verstehst du, ich mag alles gern, was ich nicht kenne." Gernot möchte fragen: Mich auch? Denn mit ihm ist es ja wie mit dem Echo für Lenchen, die doch erst gestern morgen nach Goldau kam. Aber er fragt nun doch nicht, sondern bedenkt das Echo, das ihrer wartet. Zu Hause, im Hafensaal, hängt in einem Mahagonirahmen ein schöner Stich in englischer Manier und zart auskoloriert in drei Farben: Rötlich, das ist die Gestalt einer Frau, hingelagert, wie nach einem Bade im Bergsee, auf Schleiern, Grün, das sind die Wälder unter ihr, denn sie schwebt in den Himmeln, Blau, das ist die Nacht in den Himmeln unb bas Dunkel der übrigen Welt mit den Städten unb Weilern unter bem schwebenden Flug. ECHO steht unter bem Bilde, Gernot hat es schon früh entziffert, Zauberwort eines Träumenden, wie wird ihm nun hier bas Echo begegnen, da nicht Nacht ist in den Himmeln, sondern Morgen, dem Mittag nah? Sie sind nun alle auf der Staffel angekommen. Unter ihnen kreisen die Seen, die nach der Belehrung des Senators nur ein einziger See sind, wie in Tanz eines vergessenen Traums, das Geläut der schönen grauen Kühe ist verhallt, sie ruh'n sicher in dem kurzen Grafe fern diesen Felsen, ber Bergwinb, erwärmt von der Sonne, braust ohne Laut, um die Waldinsel im See, der von solcher Höhe wie viele Seen erscheint, schwimmt ein Schiffchen, wie ein weißes Insekt so klein aus ber Ferne, die Bergkräuter duften. „Halloooh!" ruft Hjalmar Leverkusen, der junge Ehemann, laut in den Himmel hinein ... oh, oh, antwortet es, süß und stark zugleich aus verborgenen Räumen, wahrlich, die Stimme der schönen schwebenden Frau. Gernot sitzt auf einem Felsblock und hört, rote sie rufen, Hallo, komm, ober ihren Rainen, und immer gibt das Echo seine Antwort in reinen Bokalen, sanft, tief unb wie roeisfagenb im Ton eines einzigen schwermütig hallenben Lautes. , , Was willst, kleiner Gernot?" Gernot ist zu Onkel Hialmar getreten in seiner leisen, langsamen Art, er bittet: „Rufe mich auch!" — „Dich?" — „Meinen Namen." ... Wie die Winde doch brausen, als wollten sie s mcht erlauben, wie Me <5ecn glänzen, als wollten sie die Augen lenken: Seht uns an, ruft mcht melt®ernotSP®ernot, Gernot!" ruft Onkel Hjalmar laut über die Erde. — Not erwidert es sanft aus den Tiefen, dunkel vor Milde, Not, aus den Gründen der Seen, dem Herzen der Wälder, und nun, zum brittenmal, aus allen Richtungen des Windes, allen Höhen und Tiefen der Welt, schwer, doch schon an sich ersterbend: Not! , Gernot steht ganz allein. Warum rief sie so, warum ihm diese Antwort, warum dem Kinde? Die Leverkusen wimpeln mit Tüchern und Staben vom Grat des Kulmes hernieder. Wo bleibst du, Junge, nun wird gefuttert, her mit ber Menag'! Warum bringt Ihr mir Gernot so bleich zurück?" Wissen wir alles, Elisabeth? Bergluft ist mcht jebermanns Sache. Kriech in bie Kombüse, Jung, und schlaf den Bergkater aus." Und Gernot geht hinauf in bie Kammer. Zitternb, am Hals feiner Mutter, die ihm sorgend nachgegangen, sagt er beim Flackern der armen Kerze- , Muß ich immer so heißen, immer, Mama? — „Gernot? — Er nickt ftbroer — Mißfällt dir ber Name? Es ist der altmodische Name eines ^modischen Mannes .. ."-„Ich weiß aber ich dachte ..." Und plötzlich lügt Gernot, zum erstenmal in seinem Leben: „Lenchen meint, daß er 2°lber^roir sind es gewohnt, wie denn wolltest du heißen?" _ Friß!" kommt es dumpf unter der Decke hervor unb nun, ein wenig leichter, an ihrem obersten Rande: „Fritz, wie der Vater heißt. «ad hi hü Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unbBerlag: Brühl’sche Universitäts-Buch- und Steinüruckerei, A. Lana«. Gieb> j O» Ito V n ebei i Sui „K schauers und Zuhörers führen kann. * War auch in Gießen zu Gast. Schauspieler ohne Herz. Aus dec Geschichte des Puppentheaters. Von Dr. Paul Iunghans. Im geräumigen Wohnzimmer der Großmutter, der alten Frau Schultheiß T e x t o r, in dem Goethe als Knabe am liebsten seine Freistunden verbrachte, ist ihm zum erstenmal die wunderbare Welt des Theaters ausgetan worden. Es war ein Puppentheater, vor dem der junge Wolfgang in Staunen und Entzücken faß, und der Anblick der künstlich gleich Menschen bewegten Puppen haftete tief in seinem Sinn, bis er einst mit seiner Dichterkraft lebendige Menschen zu gleichem Spiel erwecken und bewegen durfte. In „Dichtung und Wahrheit" hat Goethe später dieser ersten Begegnung mit dem Theater im Haus am Hirschgraben gedacht und das Theater beschrieben, mit dem die alte Frau Textor den Enkel beglückte. „An einem Weihnachtsabend jedoch setzte sie allen ihren Wohltaten die Krone auf, in dem sie uns ein Puppenspiel vorstellen lieh und so in dem alten Haus eine neue Welt erschus", heißt es da. „Dieses unerwartete Schauspiel zog die jungen Gemüter mit Gewalt an sich; besonders auf den Knaben machte es einen sehr starken Eindruck, der in eine große, langandauernde Wirkung nachklang. Die kleine Bühne mit ihrem stummen Personal, die man uns anfangs nur . vorgezeigt hatte, nachher aber zu eigener Uebung und dramatischer Belebung übergab, mußte uns Kindern um so viel werter sein, als es das letzte Vermächtnis unserer guten Großmutter war." Dies Vermächtnis sollte für Goethes Künstlerschaft von großer Bedeutung werden, denn das Werk, dem er fein ganzes Leben widmete, der „Faust", hat in jener Welt des Puppentheaters feinen tiefsten Ursprungsort. Wenn man die Geschichte des Puppentheaters zurückverfolgt, so kann man mehr als zwei Jahrtausende unserer Zeitrechnung abstreichen, ohne damit bis zum ersten Auftreten von Puppen aus dem großen Welttheater gelangt zu sein, das wohl immer im Dunkel bleiben wird. Aber drei Jahrhunderte vor Christus wird erwähnt, daß in Indien schon Puppen im Spiel die Stellvertretung des Menschen übernahmen, und in diesem Märchenland ist wohl der Anfang des Puppenspiels zu suchen. Daneben haben Chinesen und Japaner bereits früh die Puppen hochgeschätzt, die beweglich waren, und die an Fäden int Spiel als handelnde Personen uralter Tragödien und Komödien gegeneinander geführt wurden. Eine Anekdote aus dem Jahre 262 v. Chr. berichtet von der magischen Täuschungskrast dieser beweglichen Puppen: Zu dieser Zeit war die Stadt Ping durch Maa Tun und seine kriegerische Gemahlin Oh belagert worden; in der Stadt herrschte große Not, und niemand wußte, wie man sich der grausamen Gegner erwehren sollte. Da schlug der Mi- 2Rat Von I. W. von Goethe. Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, mußt ums Vergangene dich nicht bekümmern, und wäre dir auch was verloren. Mußt immer tun wie neugeboren; was jeder Tag will, sollst du fragen, was jeder Tag will, wird er sagen: mußt dich an eignem Tun ergötzen, was andre tun, das wirst du schätzen, besonders keinen Menschen hassen und das übrige Gott überlassen. nister Tschan dem Kaiser Kao-tzo vor, auf den Wällen der Fessi M künstliche Puppen, die sich wie Menschen bewegten, erscheinen zu la(]e JA um durch ihren Anblick die Eifersucht der schönen BelagUm Oh zu, IW wecken. Diese List gelang. Kaum hatte die Amazone die schönen Frwdl auf den Zinnen der belagerten Stadt gesehen, die sich mit tänzerochil» Bewegungen dem Feind barboten, als sie auch schon ihren ®ema|6f zum beschleunigten Abmarsch drängte; denn sie hielt die Puppen Frauen aus der belagerten Stadt und sürchtete, daß ihr Mann ihr ui treu werde, wenn er bei der Einnahme der Stadt so reiche Eroberung! machen werde. Wie aber diese Puppen beschaffen waren, ist nicht gcchi bert worben. Uederhaupt ist in allen alten Ueberlieferungen bet morge unb abendländischen Geschichte bei ber Beschreibung unb Darstellung« Puppenspielen nie mit letzter Zuverlässigkeit bargestellt worben, ob sich nur um große Glieberpuppen, um Kinberspielzeuge, Schattench Handpuppen, in bie man bie Finger der Hand einführte, oder um AmlMi maten gehandelt hat. Die javanischen Schattenfiguren, die lerrahthU^ puppen der Griechen, die mittelalterlichen Krippenfiguren und die foldaten, mit denen die Knaben sich auf das Ritterhandwerk vorbereitchi sind wie der Kasperle und die Marionette Mitglieder ber großen ml umfpannenben Familie ber Spielpuppen, benen nicht nur äußerlich bii Gestalt bes Menschen verliehen würbe, sonbern bie man auch bunf Bewegung unb Stimme zu Stellvertretern, Sinnbildern, ja höhmi Verkörperungen des Menschen machte und sie zu festlichem Spiel, hi mit Späßen gewürzt war, vor einem andächtigen Zuschauer- und Hörerkreis in dramatische Handlungen miteinander verwickelte. Von einem Puppenspieltheater im engeren Sinne, wie Goeth, h gekannt hat, ist mit Bestimmtheit erst seit dem 16. Jahrhundert zu fptti chen, in dem die an Fäden geführten Puppen, deren Bewegungen m, vor ober hinter ber Bühne mit entsprechendem Wortwechsel ergänz auch den Namen Marionetten erhielten. Mit ben Schauspielern b,t A5 Commedia dell’ arte kamen wohl auch bie ersten Puppenspiele mit Puppen aus bem klassischen Land ber Marionettenkunst Italien Frankreich und England, wo ein im Jahre 1573 begründetes steheidu-'« Theater italienischer Marionetten ben größten Genius bes Theaim Shakespeare, begeisterte, ber bes Spiels in feinen Werken m-hrwMI mals Erwähnung tut. Daß auch in Spanien bas Puppentheater M „31a, eine beliebte Volksunterhaltung war, geht aus Cervantes' SckM rung hervor, ber feinen berühmten Ritter von ber traurigen Gestalt ütu, Quichote von la Mancha einer bebrohten TOarionettenprinjeffin gegen bei L frechen Mohren bes Spieles zu Hilfe kommen läßt, weil sich ber Mu- burch die Menschenähnlichkeit der Puppen täuschen ließ und der leibertar- Unschuld seinen ritterlichen Schutz gewähren wollte. In Deutschland iil sich zuerst das Puppentheater von Michael Daniel Treu einen Na.«" gemacht, der in seinem Repertoire den „König Lear" unb ben „Sollon Faustus" ausgenommen hatte. Hanbpuppen unb Kasperletheater mib® -A eiferten in ber Folge mit ben ötarionettenfpielen, unb wenn sich M fe arme Kasperle durch seine derberen Streiche auch das Leben sauer mafcilütr und seine Vorführungen verboten wurden, so konnte sich bas vornehm^ ,r | Puppentheater behaupten, zumal es sich in Italien schon ber Musil w sd», gc bünbet hatte, unb Singspiele unb Opern barbot. Joseph Haydn, Mils $n selbst ein Marionettentheater besaß, schrieb in den Jahren 1773 bis ffltait. einige kleinere komische Opern für Puppenspiele, die sogar der Sai n Maria Theresia vorgeführt wurden. Das im Jahre 1802 von stoph Winter in Köln gegründete Hännesche-Theater* bchäi bis auf den heutigen Tag, unb in München, das neben Hamburg «t »üll3 alte Puppenfpiel-Tradition hat, ist Branns Marionettenbühne* t» bildlich für bie moderne Puppenspielkunst. Wie die Romantik eine rtieU Wertschätzung des alten Puvpentheciters brachte, so dürsten auch ük 1 neuesten Bestrebungen zur Wiedererweckung alten Volksgutes zu eiutjL' . Wiedergeburt des Puppenspiels in D e u t f d) l®’Cj : & führen. Befremdend ist es jedoch für uns, aus der Geschichte des Pupffe«! ; fpiels zu vernehmen, daß man die Puppen für bessere Darsteller Werkes ber Dichter hielt als bie Schauspieler ans Fleisch und Blut. " rühren wir an eine ber tiefsten Fragen bes Theaters unb aller fflsj ;1 gegenmärtigung von Dichterwort unb -Gestalt. Die Shakespearetois ch Dramen unb Lustspiele sollen, so wirb berichtet, auf ber Puppenspiil'" « bühne wirkungsvoller gewesen sein als auf bem Theater, unb cö $ Dramatiker rühmten bie Puppenbühne, weil sie vor bem großen The>»k •« - •_ bie Stilreinheit voraus hat. Nicht ber ßebenbe, nur bie Marionetis rtfii imftanbe, eine Dichtung ohne ftörenben Eigenwillen zum Ausdrud 11 . 1n bringen; bie Menschenbühne versagt, die Puppe nie. Die Mario»», „h, ist ja nichts als ber Ausdruck ber Idee des Künstlers; der Sdjaufpielcii Mi -:ri( daneben noch Mensch unb nur allzuoft tritt biese Eigenschaft m zwischen ben Gedanken unb seine Darstellung. „Diese Ueberlegunig®«;ye mögen auch Jean Paul bestimmt haben, als er für bie Darsteliim ber Komöbie ausbrücklich Marionetten statt ber Schauspieler forderlckr.^ unb auch Justinus Kerner war ber Ueberzeugung, baß bie Ma "‘I $. netten „natürlicher" seien als lebenbe Schauspieler, well sie kein „nuftttt,,, „Mag er Fritz heißen, Elisabeth, wenn er es absolut will, Gernot Leverkusen liegt schon zu lang im Grad, als baß er sich deswegen um« drehen wollte. Jedes Wort hat feinen Sinn, in Fritz strebt er mir nach, Fritz, Fritz, klingt es nicht wie eine gute Rute zum Leben, also mir ist es angenehm, beste Elisabeth." „ Sie haben bas Echo schon vergessen, sie verstauben es nicht, wie können bie Leverkusen auch so was verstehen. Der kleine neugebackene Fritz kann es nicht vergessen. Manchmal steht er vor bem Silbe im Hafensaal. „Fritz! , tagt er leise, fast wie betörenb. Er lauscht. Es kommt keine Antwort. Fritz!", sagt er roieber, bas Echo im Bilde schwebt schweigend, von Himmel 'und Erde gewiegt. „Gernot!", sagt er, der Knabe. Not, erwidert es dunkel, warum warst du feige? Wie ein Seufzer, wie ein Mahnen, ganz leise, ja fast verhallt: Not. Sie sind alle schön, bie Leverkusens, sie finb auch nicht auf Kosten ihrer Klugheit schön. Der Klügste unb Schönste ist Fritz Leverkusen, ber Jüngere. Er hat vor sich allen Glanz ber Welt, sagen seine Lehrer, ohne zu schmeicheln, Fritz Leverkusen, ber Nettere, ist nicht ohne Stolz. „Das hast du fein gemacht, Elisabeth!", sagt er in weichen Stunden zu der stillen Frau, „ja, ja, Uebung macht den Meister, und Letzing ist Besting. Nur ’n bißchen still immer noch und immer so der Plabs mittenmang, aber das gibt sich, sollst sehn." „Fritz!", fragt der Jüngling, zu dem Bild, das nun in ferner Zelle hängt. (Wenn du es fo gut leiden kannst, nimm es herüber, mein Sohn.) Es schweigt. Not, not, sagt die Wett unter dem schwebenden Echo, und ganz leise, fast schon verhallt, sie selber, bie Frau: Not! Dies ist alles nichts als eine Episode, eine kleine Geschichte bes jüngsten Leverkusen, ber bann boch verschollen ist, trotz seiner glänzenden Gaben. Aber neulich bin ich in einem bayerischen Walddorf gewesen, Elend, Armut und Krankheit sind dort bie Größten. Die Welt kreist vorüber, ohne es anzusehen; häßlich, einsam und darum mit Recht verstoßen ist es auch mir erschienen, einzig absonderlich durch ein kleines blechernes Schild am Haufe des Doktors. Denn ich las die von Wind und Wetter wie auf einem Grabstein verwitterten Zeichen: Gernot Leverkufen. Ach, Fritz, Friedrich Leverkusen! Trug dich ein winziges, himmlisches Echo in ben Ruf dieser Oede und den Sinn deines Namens hinein? theatralisches Leben" hätten. Ifr 1 An den großen Meister des italienischen Puppenspiels Vittorio Dis b r e c c a schrieb bie Düse, bie wunderbarste Darstellerin ber JBüirt bes vergangenen Jahrhunderts: „Zwischen Traum unb Wirklichkeit die Marionette vollkommen fein, wenn sie von einer Seele geleitet rninb Mit diesen Worten ist an das tiefste Geheimnis alles Spiels gerii W $ auf der kleinen Marionettenbühne ebenso wie das auf den Breti»r, jj die die Welt bedeuten: Nicht Maske und Kostüm, nicht Gebärde n"» Spiel, nicht Bewegung und noch weniger die Szene entscheiden über W :.. Zauberwirkung des Theaters, sondern es ist allein die Kraft der > lidjen Seele, die selbst einer Puppe, einem Schauspieler ohne fW j» Herz, Leben einhauchen und sie zum Triumph in der Phantasie de? 1