Sicfjeiier^amilienblättcr UnterhallungZbeilage zum Gietzener Anzeiger Mrgang 193^ Montag, den |6. juli Nummer 51 Nachtlied. Von Werner Bergengruen, GDS. Hirte, dessen stille Hand Lämmerwolken weidet, mit der Sichel von Demant Sternenblumen schneidet. Laffe mich vom Mondenwetn deiner Kühle trinken. Tauche nur den Finger ein, ' laß den Tropfen sinken. Tropfen, pur und silberhell, — Hand und Herz wird Schale, Tropfen wird zum Ueberquell tausend tausend Male. Mondene Feuchte breitet sich, steigt an meinen Wänden, und ich bade silberlich Stirn und Brust und Lenden. Sänftigen sich Herz und Blut zu getrosten Schlägen, trägt mich dir die Mittnachtsflut, ewiger Hirt, entgegen. Oie zwei Diplomaten. Von Hans Franck. Unter der Regierung des Großen Kurfürsten wurde ein Mann zum Gesandten des brandenburgischen Hofes ernannt, der Besser hieß. Em- fid): Besser! Johann Besser! Nichts davor und nichts dazwischen! Dieser üesser war der Sohn eines Predigers und obendrein — für einen Diplomier! schrecklich zu sagen! — auch noch Poet. Daß er es als Poet nur bs zu der kleinen Unsterblichkeit gebracht hat, welche die Mitwelt verso wenderisch an ihre Günstlinge verleiht, und der großen Unsterblichkeit ncht teilhastig wurde, über welche nur der unbestechlichen Nachwelt das kchenkungsrecht zusteht, will gegen seinen Dichterruhm nichts besagen. !?nn bekanntlich gelten jeder Zeit als die größten Dichter fast immer , silche Männer, welche alles andere, nur eben keine Dichter sind Daß der Große Kurfürst mit der Wahl des Predigersohnes und lsoeten Johann Besser anfangs zum holländischen und später jum eng» lichen Gesandten keinen Fehlgriff getan hatte, erwies dieser ihm durch Incrnches diplomatisches Bravourstückchen. Dasjenige, welches seinen - l.plomatenruhm im höchsten Glanz erstrahlen lieh, war solgendes: Im Jahre 1685 galt es, dem König Jakob II. zu ferner Throu- dilsteigunq die Glückwünsche des brandenburgischen Kurfürsten zu überdüngen. Mit dieser überaus wichtigen diplomatischen Mission wurde fsihann Besser betraut. Der- Große Kurfürst bestimmte, daß fein Gesandter d: rchzusetzen habe, innerhalb der Gruppe von Gratulanten, der er nach dm Range seines Heimatfürstenhofes angehöre, als Erster, also> t>> o r dm Venetianischen Residenten, dem Monarchen seine £lfrfurd)tDmJ| e Gratulation zu Füßen legen zu dürfen. Denn obwohl selbst der Große Kursürst nicht so vermessen war: anzustreben, daß sem. Gesandter m eine h Here Gratulantengruppe aufrücke — die unauslöschliche Schmach daß imerhalb der ihm zustehenden Gruppe der Beauftragte eines Kurfursten- äms hinter dem Beauftragten einer Republik rangiere, konnte und wollte et seinem Staat nicht antun. ...... Johann Besser reiste also mit dem unerschütterlichen Entschluß, diesen h Ibootten Auftrag seines Herrn, koste es was es wolle, der erteilten Zln- misung gemäß auszuführen, vom Haag nach London. . . Dort erwies sich ihm bald, daß er die Schwere seiner Aufgabekeines- «:gs überschätzt, sondern um ein beträchtliches unterschätzt ha"eDer »netianische Gesandte, namens Vignola, em m seinem 5“4 'hnnhert "t alter Mann, machte dem jungen Johann Bester Segenuber hundert ard noch einige Gründe geltend, die sein Recht, vor dem branden- - ratschen Gesandten seine Glückwünsche anzubringen sonnenklar er » efen. Obwohl Johann Besser in der Beibringung ebenso zahlreicher, n ch sonnenklarerer Gründe für das Gegenteil keineswegs ß 8 - fceb schließlich nichts anderes übrig, als die Entscheidung d. ? .-iraten-Ehrenrates anzurufen. Dieser, dem nur Gesandte der damaligen .Großstaaten, also nur zweifellos unparteiische Männer, angehorten, fällte nach sorgfältiger Erwägung aller Gründe und Gegengründe das salomonische Urteil: Es solle derjenige von beiden zuerst in den königlichen Thronsaal eintreten, der an dem ihrer Gesandtengruppe zur Gratulation bestimmten Tage zuerst in dem königlichen Vorsaal des königlichen Thronsaales einträfe. Vignola und Bester mußten sich vor dem versammelten Ehrenrat die Hände darauf geben, sich an diesen Beschluß wie an ein freiwilliges Ehrenwort gebunden zu erachten. Als spät in der Nacht, welche dem für Brandenburgs Schicksal bedeutsamen Gratulationstage voraufging, alles am Hofe aufbrach und, sich schlafen zu legen, nach Hause ging, ließ Besser sich von dem schlüstel- geroaltigen Kammerdiener — gegen ein gutes Douceur — in dem königlichen Vorsaal einschließen und brachte den Rest der Nacht darin zu. In aller Herrgottsfrühe kam am andern Morgen Vignola bei Hofe angefahren. Triumphierend stellte er durch höchst eigenhändiges Rütteln an der Türe des königlichen Vorsaales fest, daß dieser noch verschlossen war. Tiefbefriedigt, dem anmaßenden brandenburgischen Gesandten den Rang abgelaufen zu haben, wartete er vor der Schicksalstüre, bis fein Bediensteter den königlichen Schlüstelkammerdiener geweckt hatte, damit dieser ihm aufschlösse. Wenn Vignola auch nicht wenig erstaunt und verärgert war, al» ihn bei seinem Eintreten in den königlichen Vorsaal Johann Besser mit einem höhnisch-heiteren Gutenrnorgengruß empfing, so gab er dennoch (ein Spiel nicht verloren. Selbstverständlich erachtete er sich — da bekanntlich noch niemals ein Diplomat sein Wort gebrochen hat — an die getroffene Abmachung gebunden. Aber da es — was nicht weniger bekannt fein dürfte — noch keine ehrenwörtliche Abmachung auf Erden gegeben hat, an der ein Diplomat nicht deuteln könnte, so stellte Vignola bei sich fest, daß er nur verpflichtet sei, Besser vor sich eintreten, nicht aber, ihn vor sich verbleiben und noch viel weniger, ihn mit dem ersten Wort beginnen zu lassen. Darauf baute der schlaue Italiener den Plan, der ihn, trotz allem, zur Erreichung seines hohen Zieles führen sollte. Als nach Stunden, während der sich der brandenburgische und der venetianische Gesandte, von denen keiner sich getraute fortzugehen, aufs freundschaftlichste unterhielten, der königliche Zeremonienmeister die Flügeltüren des königlichen Thronsaales öffnete, hielt Vignola sich streng an sein Ehrenwort. Unter der größten Spannung des ganzen Hofes, der bis zum König hinauf von dem Vorgegangenen unterrichtet war, trat als erster von beiden Johann Bester, der Gesandte des Großen Kurfürsten, ein. Aber schon während Besser noch in seiner alleruntertänigsten Verbeugung erstarb, begann der wenige Schritte hinter ihm eingetretene Vignola, Resident der Republik Venedig, der feine Verbeugung ein wenig abgekürzt hatte, zu sprechen. Und allen höfischen Brauch und Wohlanstand außer acht lassend, um so sein gewaltiges Ziel: als Erster seiner Gratulantengruppe dem König Jakob II. die Glückwünsche feines Staates zu überbringen, dennoch zu erreichen, suchte er im Sprechen an feinem Rivalen vorbeizugelangen. Bester verlor auch in diesem kritischsten Augenblick seines Lebens die Fassung nicht. Er schnellte keineswegs hoch, sondern vertiefte seine Verbeugung noch um ein Erkleckliches. Aber während er scheinbar nur der Verehrung seines Auftraggebers vor dem neugekrönten Monarchen durch die nicht zu überbietende Krümmung feines Rückens Ausdruck gab, suchten — an seinen Füßen vorbei — seine Augen nach den nahenden Füßen seines Gegners. Und just in jenem Augenblick, als Vignola an dem sich verbeugenden Johann Besser vorbeitrachtete, tat dieser, sich langsam aufrichtend, mit seinem rechten Fuß einen kleinen — versteht sich unbeabsichtigten! — Schritt zur Seite. Der Venetianer, der sich schon Sieger glaubte, gewahrte es nicht, hakte dahinter, stolperte, glitt auf dem glatten Parkett aus und schlug der Länge lang auf den Boden hin. Vesser, als ob nichts, das ihn etwas anginge, geschehen sei, richtete sich nach der Vorschrift langsam völlig auf, begann seine Gratulativnswünsche herzusagen und war damit am Ende, ehe Vignola sich von seinem Fall soweit erholt hatte, daß er mit seiner Gratulation von neuem beginnen konnte. Natürlich wurde, sobald der König sich zurückgezogen hatte, das Mißgeschick des venetianischen Gesandten weidlich beschmunzelt. Ms dann aber der spanische Gesandte auf den wutbebenden Alten zuging und, indem er ihm die Hand mitleidig auf die Schulter legte, doppeldeutig faate: „Caro vecchio, Sie haben eine großartige Verbeugung gemacht!" — da war es mit der Heimlichkeit des Lachens vorbei. Alles brach in schallendes Gelächter aus, in das — was blieb ihm anderes übrig? — zuletzt auch Vignola einstimmte. Da somit die diplomatischen Fähigkeiten Johann Bessers unanzweifelbar erwiesen waren, denn was kann es für einen Diplomaten Größeres geben als jemandem im geeigneten Moment ein Bein — es braucht ja nicht immer ein körperliches zu fein! — zu stellen, verlieh der Große Kurfürst feinem englischen Gesandten, sobald ihm von diesem Bravourstück berichtet wurde, den erblichen Adel. Womit der erste Schritt auf jenem Würden-Wege getan war, an dessen Ende sich der Predigersohn und Poet Johann Besser in den brandenburgischen Oberzeremonienmeister und Wirklichen Geheimen Rat Johann von Besser verwandelt hatte. Oer ewige Weg. Don Waldemar Bonsels. Wemi die Sonne das Tierkreiszeichen der Fische verlassen hat und mit der Wandlung alles Gewesenen in den aufkommenden Glanz der Erneuerung tritt, erhebt sich in den Menschen tieferer Bestimmtheit, in Geist, Blut und Körper, ein Zug, den ausgelosten Machten des großen Gestirns im Erdgewese zu folgen, dieses Gestirns, von dessen Kraft un» 31 eifen märe ,-h. -u»-r»ch bestimmt, wenn ihm nichts als Neugier, Ungeduld oder die Sucht zu Bewegung und Wechsel nachgesagt würde Es ist ein Zug, der besonders uns Deutsche von Urzeiten her bestimmt hat, und sein Wesenhaftes be ruht auf einer religiösen Inbrunst, nicht auf einem physische» oder seelischen Hang allein Dieser tiefe Antrieb ist im @runbe der heimliche Wille zur Erneuerung, die Sorge und Furcht, im Gewohnten oder Alltäglichen zu verarmen oder zu verkommen, urch der Wunsch, die alten Kräfte im Neuen und Ungewohnten zu erproben. Es ist der alte germanifche Eroberungswille, der in den Gotenzügen wirkt, m den Wikingerfahrten sowohl als in den Kreuzzügen Er erhebt sich nut der heiligen Um ruhe zur Weite, im Heimweh nach der Fremde; darin ist er zugleich Segen und Verhängnis, Macht und Schicksal. Vom kleinen Spaziergang vor die Stadt hinaus, bis 3ur Todesfahrt des Dichters Mar Dauthendey nach Java, es ist immer derselbe Hang. Es bleibt darüber gleichgültig, ob sich dieser Antrieb m kleinen und verkümmerten Seelen als lächerliche Sensationsgier oder oberflächliche Vergnügungssucht zeigt, es solle vielmehr darauf ankommen, zu verstehen und zu erkennen, welch tiefer Sinn auch noch in der geringsten und unbedeutendsten Erscheinungsform liegen mochte. Erst vom Ursprung und der rechten Ausdeutung her bahnt sich der Geistesweg m das beste Verhalten und zur höheren Freude der Verinnerlichung. _ Dem Gewohnten hastet die Gefahr der Erkrankung und Erblindung der Seele an, und es stößt sie leicht in die Regionen des Gewöhnlichen. Ihr Ausbruch zu Reisen und Wandern sucht die Erprobung und Bewahrung der verstaubten oder verschütteten Kräfte in neuen Ausgaben, es gut die Widerstände der Fremde zu bestehen und sich darin zu erweisen. Mit solcher Einstellung sinkt die eitle Begierde dahm, sich selbst zu zeigen oder in Szene zu setzen, und verwandelt sich in den Wunsch, das andere und die anderen zu schauen und zu begreifen. Sie bewahrt vor Enttäuschung, und mit solcher Haltung erhebt sich die schönste Tugend des Wanderers, die Bescheidenheit vor dem Fremden. Niemals wird die Einstellung des andächtigen Beschauers verletzen, und die Schwester der Andacht, die Geduld, wird mächtig aus dem Weg der Einsicht von außen nach innen, dem einzigen Weg, den zu beschreiten ein Ausbruch der Mühe wert ist. .. . . , Goethe sagte einmal den Satz: „Man reift doch nicht, um anzukommen!" Er begriff aus der Tiefe seiner Erlebniskraft die Bedeutung des Weges, die die meisten vergessen haben, sie kommen an, und suchen am Ziel, enttäuscht und voreingenommen, das Alte, statt auf dem Wege schon die Erneuerung des Eigenen gefunden zu haben. Erst im Verweilen und Beschauen öffnet sich die umgebende Welt zu ihrem eigentlichen Leben. Freilich, wer von den vielen Tausenden, deren Blicke diese Zeilen slüchtig durchstreifen, hat nur einmal eine einzige Stunde lang, eine Stunde von unendlich viel unnütz vertaner Zeit, vor der Gestalt und Daseinswelt einer Pflanze gestanden? Wer kennt ihr Lebensgebiet vom tastenden Suchen der Wurzeln im Erdreich, über die Knospe fort, bis zum farbig entfalteten Blütenkelch, der dem Morgen zugekehrt, den Sonnenschein aufnimmt wie himmlische Nahrung. Wer erlebte die Verzücktheit der zarten Körperseele im Anflug des Falters, ihren geneigten Kelch unter der beseligenden Last, ihr Welken, ihre rasche Nacht und endlich die in den Erdschoß gebettete Frucht, als ein Gleichnis des eigenen Daseins? . Wer ermaß auf feiner Wanderung schon einmal vom Teppich des Korns, von den Bächen und Hängen aus, den Stand und die Art des bäuerlichen Gehöftes, den Brunnen und die Scheunen? Und von dort her, Über den Heugeruch der Wiesen und das Brüllen der Rinder fort, vom Rauch des Herdes und vom Wiegenlied her, den gewaltigen Weg bis zum lichtdurchbrochenen Aufstieg des gotischen Doms? Wer hort in seinen Glocken noch den Seufzer des ermüdeten Landmanns, den Vogel- gefang und das Rauschen des goldenen Korns, in seiner Orgel das Wiegenlied... m , ,, So mag sich dem Wanderer der Sinn des Weges erschließen, alles andere sind leere Straßen, auf denen sich die Seele alles Lebendigen verbirgt, in Landschaft, Pflanze und Tier. Wer das Dorf durchfährt, um am Marktplatz nur den Wegweiser für die nächste Ortschaft zu suchen, fährt in die Oede und macht aus der Landschaft eine Landkarte. Er wählt den Lärm statt der Stille, den unheimlichen, geheimnislosen Lärm, den furchtbarsten und tödlichsten Dämon Europas. Dieser Götze ist so mächtig geworden, daß die Erwähnung seiner Untat nicht mehr anders als mit einem überlegenen Lächeln angehört wird, und die Menschen wissen nicht mehr, zu welcher Ohnmacht seine Betäubungen führen. Freilich, ein Lerchenlied allein verscheucht, auch gerne gehört, seine Gefahr nicht. Denn nicht nur die Lerche erklingt in ihrem Lied, sondern in ihm bricht die durchwärmte Scholle des Ackers und der gelbe Kelch am Wiefenrand auf, in ihrer Stimme offenbart sich das tausendfältige Werden als beredt gewordener Triumph aller Stummen in und über der Erde. Im Gesang des Vogels ist die Wesensgeftalt der Auferstehung, er tönt auf als ihr Sinn, ein hallendes Lichtsignal ihres Wegs zur Höhe, gestimmt auch für unseren Weg. Es gibt einen Ausspruch von Christus, der auherkanonisch überliefert und auf einem ägyptischen Papyrus gefunden worden ist. Ein Wort von abgründiger Weltentiefe, dessen Gehalt sich dem andächtigen Geist im sinnbildhaften Leuchten der Natur enthüllt. Er heißt: „Ihr fragt, wer diejenigen sind, die uns zum Reich führen? Die Vögel in der Luft und alle Tiere auf der Erde und unter der Erde und die Fische des Meeres, die find es, die euch führen, und das himmlische Reich ist in euch." Hier ist die gleichnishafte Bedeutung und Wirkung der Dunklen der Urmächte der Natur in ihrer Beziehung zur inneren Freiheit des Menschen wunderbar berührt. Das Führertum der in unschuldvollem Wandel befangenen birgt das Geheimnis, das es für den Wanderer in der Natur zu finden gilt, auch im Walten der eigenen Natur. Adriatischer Bilderbogen. Von Herbert Kemlein. Fiume ist das beste Stückvon Fiume So paradox es klingen mag: es ist fo. Denn die Stadt wird durch den Canale della Fiumara geteilt in das italienische Fiume und das ,ugo- slawische Susak. Nach dem Krieg gehörte die ganze Stadt zu Jugoslawien. Dann machte D'Annunzio den ganzen Kustenstreifen zur Freizone und ein paar Jahre später annektierte er es für Italien. Fiume wurde geteilt. Vor dem Krieg war hier reger Schlsssverkehr. Heute ist der Hafen tot. Alles, was Wert hat, gehört zu Fiume. Die Kais, der Bahnhof die Werft. Doch Susak arbeitet fieberhaft. Em Hafen wurde gebaut, ein Bahnhof. Mit Neid und Bewunderung sehen die Fmmaner ihren Nachbarn zu. Der Warenverkehr nach Dalmatien, Albanien und Griechenland hat hier seinen Hauptumschlagplatz gefunden Wer das Susak von 1926 kennt und heute dorthin kommt, wird die Augen auf- reitzen. Aus dem engen, kleinen, übelriechenden Vorort ist eme moderne Stadt geworden. Schöne neue Häuser und Straßen. Große Läden und Hasenanlagen, die eine glatte, rasche Abwicklung des Verkehrs gewährleisten. Zwei riesige Holzlager ziehen sich weit an den Eisenbahngleisen bin In vielem spürt man den nahen Orient. So im Handel, der feste Preise nur noch zum Schmuck kennt. Am Leben der Bevölkerung, die immer Zeit hat für ein Gespräch, eine Stunde im Cafe, eine Zigarette. Die Menschen hier sind sauber und ordentlich. Sie verstehen es, sich nut den geringsten Miteln hübsch zu kleiden. Und alle tragen Regenschirme. Große, schwarze Ungetüme von vor hundert Jahren. Selbst Die Brief- träger. Mit einem Regenschirm kann man nicht rennen. Und das scheint auch der einzige Grund zu sein, weshalb die Leute ihn tragen, denn tagein, tagaus scheint helle, heiße Sonne vom blauen Himmel auf dies glückliche Volk. Ein General. Biograd, ein kleines Küstennest nahe Zara. Hätte die Schiffsglocke nicht solchen Lärm gemacht, ich wäre nicht so früh ausgestanden. Im vorderen Laderaum wird gearbeitet. Rasselnd poltert die Dampswmde. Orientalische Faulheit kann man den Leuten nicht nachsagen. Was ver- packen sie? Kisten, Ballen, Fässer. Jetzt kommt eine Kolonne Soldaten. Schleppt Tische, Stühle, Schränke. Eine Zinkbadewanne und zwei drei- beinige Garderobeständer. Korbsessel und Koffer. Ein schönes Pferd laßt sich ängstlich über den Laufsteg führen. Soll es auch in den Laderaum? Zwischen die Badewanne und den Hausrat? Nein, doch nicht. Man hat ihm an Deck eine Box gebaut. Die Soldaten machen den Versuch stramm zu stehen. Ein Offizier kommt. Weiße Jacke mit großen, goldenen Tabletts auf den Schultern. Lange, graubraune Hofe mit breiten, roten Streifen. Hinter sich her zieht er einen schweren Schleppsäbel. Ich fragte den Steward, wer das ist. „Ein General", antwortet er geheimnisvoll und in tiefster Ehrfurcht. Ein Kriegshafen. Heiß ist es, sehr heiß. Die kahlen Felsen der Küste und der vielen kleinen Inseln, die die Schiftahrt so erschweren, strahlen die Sonnenglut unvermindert zurück. Der Dampfer gibt ein langes Signal. Vor uns taucht Wald auf. Eine enge Einfahrt. Dann eine weite Bucht. Em Kreuzer läßt feine blau-weiß-rote Fahne träge hängen. Neben ihm drei O-Boote. Der nördlichste jugoslawische Kriegshasen. Gegen Kiel und Wilhelmshasen nur ein kümmerlicher Versuch. Die kleine Stadt, winklig und staubig. Der alte Dom gibt einige Kühlung. Feierliche Stille umfängt mich. Auf den Bodenfliesen flimmert die Sonne. Rot, blau, violett fließt das Licht durch die hohen Kirchenfenster. Man könnte träumen von einer Zeit, wo hier venezianische Schiffer um glückliche Fahrt gebetet haben Ein Park, nur wenige Meter lang und breit. Mit Springbrunnen. Hier fitzt die Hälfte der Bevölkerung und freut sich des Schattens, den die wenigen Bäume spenden. Zufrieden und unbekümmert. Beginnender Orient. „ , Erinnerung an die Heimat. Jetzt habe ich Zeit, mich auf dem Schiff umzusehen, denn die Küste bietet wenig Abwechslung. Sie ist gleichmäßig kahl und wild. Ein Luxusdampfer ist es nicht. Aber ich fahre lieber mit solchen Schiffen, als mit den eleganten, schwimmenden Hotels. Man ist mehr allein. Kann sich ganz ausschließlich dem Genuß der Seefahrt hingeben. Dennoch ist auch hier alles sauber. Die Bedienung hervorragend. Und das Essen kann man getrost mit dem in jedem guten Hotel vergleichen. Der Dampfer erinnert mich an die Schiffe meiner Heimat. Genau so sind sie in Flensburg und Kiel. Mal sehen, wo er gebaut ist?! Unter der Kommandobrücke hängt eine Messingtafel. „Howaldwerke Kiel, 1902" steht darauf. Na, also! Es mußte allerhand Mut dazu gehört haben, diese Nußschale durch den Kanal, die Biskaya und das ganze Mittelmeer hierherzubringen. Und heute noch ist der Dampfer in tadellosem Zustand. Deutsche Arbeit! Römische Kaiser st ad t. Split, in der weiten Bucht gelegen. Ein großer Hafen. Dort an der Riva, die eine Palmenallee ist, der Palast Diokletians. Heute stehen bis zum dritten Stockwerk Wohn- und Geschäftshäuser davor. Statt des Kaisers und seines Hofes wohnen brave Dalmatiner in feinen Räumen. Enge Gaffen, Torbogen von Haus zu Haus spannen sich darüber. Der Haüptplatz, Narodni Trg, wo man in einem Cafe zwischen lauter antiker, römischer Geschichte Wiener Walzer hört und deutsche Zeitungen liest. Unaufhörlich zieht eine dichte Menge vorüber. Viele Offiziere. Mönche in braunen Kutten, Schüler des theologischen Institutes. Der große Dom reckt seinen schlanken Turm hoch in den flimmernden Himmel. Er ist erst spät angebaut worden, denn der Dom selbst war unsprünglich das Mausoleum Kaiser Diokletians, dessen Grabmal man in der Kirche sehen kann. Vor Beginn der Weltwirtschaftskrise war Split der bedeutendste bei Heil. nbe| «tut ben W- ug°- zm tunte le ijt her iurbe inner uni bas auf. lerne und oä()t» leifen fefte I, bit reffe. ) mit lirme. Brief, tfjeinl beim ; dies ■gloit .. 3m oinbt. > »er. baten, drei. ) !W aum? m hat ramm ibfetts reifen, e de» II uni viele» englui r uns t. ®n m drei >[ uni vinflij le um: oioleit en twi gebetet unnen. 15, i® menbet ßafen des Landes. Fünf große Zementfabrkken produzierten jährlich ! e Millionen Tonnen allerbesten Zement. Riesige Mengen Bauxit wurden hier nach Amerika, zur Aluminiumherstellung, verladen. 1929 noch wurden 39 000 Tonnen Eisenbahnschwellen exportiert. Heute liegt alles still. 100 italienische Lire (22 RM.) für ein Kubikmeter Bretter ist zu teuer. Aber man kann doch die Ware nicht verschenken?! Also läßt man sie liegen und wartet auf bessere Zeiten. Oberhalb der Stadt liegt ein Wäldchen. Der erste Versuch wieder auszuforsten, wo die Venezianer Raubbau getrieben haben. Es ist ein Park geworden, in dem der König Wild hegt. Seine Erhaltung kostet jährlich etwa eine Million Dinare. ; Dafür aber hat man den schönsten Ausflugsort der ganzen Küste. Und | die Kaufleute sind optimistisch und glauben, daß alles sich in nächster Zeit zum Guten wendet. Venedigs Widersacherin. Erst Napoleon konnte diese Republik bezwingen, die so geschützt liegt, wie kaum ein anderer Hafen. Und die dazu Befestigungswerke hat, die ebenso romantisch wie uneinnehmbar erscheinen. Heute dienen sie nur mehr zum Schmuck. Nachdem man die lange Bucht durchfahren hat, kommt man nach Dubrovnik I. Gegenüber dem Kai die Halbinsel Lapad, mit herlichem Wald und dem schönsten Strandbad zwischen Korfu 1 und Triefte. In einer halben Stunde etwa geht man nach Dubrovnik II, dem alten Ragusa, wenn man es nicht vorzieht, bei der Hitze, mit dem Omnibus zu fahren. Ist das Wirklichkeit? Ist es ein Märchen? Hoch oben grüßt die alte Zitadelle herunter auf die gewaltigen Türme und Mauern. Ein Filmregisseur würde in hellste Begeisterung ausbrechen, so er diese Bauten sähe. Und bann die Stadt! Hohe, glatte Häuser in engen Gassen. Alles rechtwinklig gebaut. Jahrhunderte alte Steinplatten bilden das Pflaster. Das Jefuitenklofter mit feinem verträumten Kreuz- gang. Verzaubertes Mittelalter. Wohl taufend Stufen, die eine Straße bilden, verursachen Atemnot und Herzklopfen beim bloßen Hinschauen. Und die Menschen! Stolze Dalmatiner. Die Frauen schlank und hoch- ' beinig, in schwarzen Kleidern. Edle Züge. Den Männern haftet immer noch etwas an von der kriegerischen Vergangenheit. Verwegen gebogene Nasen, klare, blitzende Augen. Aber sie sind friedlich heute und träumen nur noch von stolzen Handelsflotten mit geblähten Segeln, von Karavellen mit starrenden Kanonen. Die klirrenden Degen und die goldenen Ketten ber Senatoren sinb nicht mehr zu sehen, boch bie Menschen sinb so geblieben, baß sie sie tragen könnten, ohne ben Einbruck bes Unwahrscheinlichen zu erwecken. Eine Perle im Kalkfelsen. Cs wirb halb Abenb, ober man hat sich schon an bie Hitze gewöhnt: die Sonne sengt (ebenfalls nicht mehr fo. In weitem Bogen schwenkt ber Dampfer ein, zwischen ben beiben alten Forts, bie noch heute bie Einfahrt schützen. Jetzt biegt bie Boccha nach ©üben um. In ber Ecke spiegeln sich zwei Inseln im klaren, fmaragbgrünen Wasser. Eine griechische Krypta unb eine römische Kirche stehen barauf. Die Bevölkerung suchte hier früher Schutz vor ber Pest. Große Flugzeughallen stehen bort vor ber kleinen Stabt Herzegnovi. Ein ganz moderner Kreuzer, Torpedoboote unb O-Boote. Wieber ein Fort. Solbaten haben von ben Felsen aus. Unb nun legt bas Schiff an am Kai von Kotor. Anscheinenb ist bie ganze Bevölkerung auf ben Beinen, um uns zu begrüßen. Eng an bie montenegrinischen Berge geschmiegt liegt bie Stabt. In Serpentinen zieht sich bort bie Straße zum Basischen hinauf, nach Eetinfe. Viel ist nicht zu sehen in K o t o r. Ein alter trotziger Turm, aus römischer Zeit. Der halbverfallene Dom mit (einen beiben Türmen. Aber man kann sich rasch verlaufen unb geht immer in Kreise, wenn man nicht endlich jemanden trifft, ber außer serbisch noch eine andere Sprache spricht, in der er Auskunft geben kann. Unb bis bahin dauert es meist recht lange. Aber fchön ist Kotor wegen feiner Lage Schön rote nur wenige Plätze auf der Erde. Diese weite, stille Bucht. Die hohen Berge. Das klare, grüne Wasser, in dem jetzt eine Menge rote unb blaue Medusen schwimmen. Schön ist es, wenn der Abend kommt, die jengenbe Hitze nachläht unb ein blauer Schleier allmählich bie Konturen verwischt. Sanft ist bie Luft unb süß. Unb bie Fischer fingen ihre gebauten Melodien in der Stille. Und die Mädchen! Schön und schlank und immer freundlich. Immer lachen sie mit weißen Zähnen. Wie das Schiff ab- sährt, stehe ich noch lange unb schaue hinüber auf bas Gewimmel unb winke unb winke. Unb neben mir stößt mich ein Herr aus Serajeroo an: „Hier müßte man mal ein paar Wochen wohnen. Allein. Was?. - « W j(5 mit nn M ist m in B" >rinneä irg"”* 11 ” L. ich ' 'N. ■ a« ihe"^ taff p iä* ier. aut» enji* (JIOIW ,6e 5H* % 6t» Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. in. b. H., Berlin. (Fortsetzung.! Dagobert lachte. „Sehr gut!" sagte er anertennenb und nahm einen neuen Schluck. Er betrachtete dabei seinen Onkel Louis aufmerksam übern Tassenrand hin; Sagos Ohren wurden spitz und steif, rote bie eines Sattlers. „Ich mache mir, offen geftanben, nicht viel aus Flunbern. Onkel Louis. Aber das liebe, verdammte Geld —! Natürlich rourbe mid) die weitere Welt, wie bu fagft, locken. Da gibt es Schweben in ber Jtabe, auch Hollanb... Wunberdare Möbel bort, glaube ich. Gewachsene Woyn- nnb Baukultur..." "Immer ein bißchen mein Steckenpferd gewesen, Onkel Louis", erklärte Dagobert verschlossen. „Aber was nützen Einsichten? Was nutzen ^".W°mat, Dagobert! Man kann und soll auch seine Ferien nach Mög- Uchkeit nützen. Du hast durch das Bild ein Heidengeld verdient. Ich werde dir noch einen kleinen Scheck geben, als Zuschuß. Es soll keine Luxusreife fein. Wann geht das Schiff morgen früh ab?" Dagobert dachte nach. „Ungewöhnlich zeitig natürlich. „Ich denke: Drei, vier Wochen Schweden oder Holland — wie bu willst — werben beine .Zäsur" beheben... Prachtvoller Tag heute. „Gemacht! Danke bir, Onkel Louis. Wirklich ganz famose Idee. L e Renntiere werben wiehern, unb bie schönen Schwebinnen werben lachen. Ich nehme selbstverstänblich deinen großartigen Vorschlag an. Vielleicht zurück über bas sympathische Finnlanb? — Ganz prachtvoller Tag, Onkel Louis! Sieh mal bie Farben — unb bas Gewimmel ba brüben!" Der Ohm blickte flüchtig burch bas offene Fenster. Sah bann nach ber Uhr. Auch Dagobert tat es, reckte ben Arm vor, als habe er plöglich, unb in Anbetracht der bevorstehenden Lebensveränderung, noch einiges Wichtige für den Nachmittag zu erledigen. „Ich hoffe, daß du die Gelegenheit gut ausnützt, mein Junge, Schade um jeden Tag!" „Ohne Zweifel, Onkel Louis! Eine kleine Abschiedsfeier mit Tränen und vorgreifendem Schwedenpunfch wird sich am Abend nicht umgehen lassen. Oder befiehlst du mich? Dann steh' ich selbstverständlich--" „Wird sich leider nicht einrichten lassen, mein Junge. Ich wünsche dich auch nicht von deinen unumgänglichen Verpflichtungen abzuhalten." Dagobert, in Gefühl und Haltung distinguierter Fremder ober Abreisender, gab seinem Onkel Louis bis zum Kurhaus zurück das Geleit. Dann verabschiedete er sich kurz und herzlich unb begab sich behenben Schritts in bie noch belebtere Stranbbiele kurz vor ber Mole, wo ihn ungebulbige Freube empfing.-- Am nächsten Morgen also, zeitig um sieben, bestieg Dagobert, leicht fröstelnd, mit feinem Gepäck und einigen heiter gähnenden jungen Damen aus der Pension „Bianca", die ihn besorgt unterbringen unb am Horizont verschwinden sehen wollten, den Dämpfer, sicherte sich sofort einen ordentlichen Liegestuhl auf der Luvseite und tüchtiges Frühstück. Ade! Ade! Auch ihm brannte bas Herz. Tücher wehten; hübsche Hänbe blitzten in ber Sonne. Unb nun sangen bie Damen: „Dagobert, adel Scheiben tut weh!" Weiter konnten sie nicht; sie fingen wieber von vorn an. Es genügte. Der zurückweichenbe Stranb lag in ber Sonne unb schien verübet. XI. Anfang August kam Katarina von ber See zurück. Eine neue, etwas rasche, nervöse Katarina, bie sich ungebulbig im Zimmer umsah unb unbekümmert die Brauen spielen ließ. „Du bist so unruhig, mein Kind?" „Ich möchte gleich baden, Erika!" Sie streichelte Erika die Backe unb schob sie ab. „Es war eine lange Reise. Ich bin auch ärgerlich über ©lob unb Kittel, Mama. Sie haben hier zusammen gearbeitet? Wie konntest bu bas erlauben? Das wünsche ich nicht. Wollen sie bas hier weitertreiben? Bitte, sage ben Herren burchs Telephon, baß bas aufhören muß! Daß ihre Anwefenheit unerwünscht ist! Sei lieb! Auch Kittel ist nicht genehm. Ich wünsche allein zu sein. — Allein!" sagte sie eigensinnig unb laut Sie lief umher unb behüte sich. „Schrecklich mübe!" „Hast bu etwas von Louis Hasielbrink gehört?" fragte bie Mama leise. „Herr Professor Hasielbrink bürste heute nach Gastein fahren." „Was will er in Gastein?" „Vermutlich baben, trinken. Er ist in jebem Jahr in Gastein. Ein Jungbab. Uebrigens ist Herr Geheimrat Begeholb bort. Bab fertig? Danke, Sita, mein Schatz!" Erika Stammte, hochrot vom Wasserdampf, hals ihrer Dame beim Austleiden. Katarina genoß das lange Bad, das sie lau und tühl machte. Es tat gut, hervorragend gut. Immer zu zweien in dem schrecklich vornehmen Hotel, in der Stranbbiele, im Kurhaus, im Wasser, im Strandkorb, auf der Promenade, in der Bahn. Oh, es war wunderschön gewesen, dieses Leben in starker, mächtiger Verwöhnung und gediegener Geborgenheit. Auch sehr erholsam. Sie schloß die Augen. Das laukühle Wasser beruhigte, machte wunderbar neutral und schläfrig. Auch Irrsinnige werden in laukühles Wasser gesetzt, fiel ihr ein. Sie rührte sich nicht. In sieben, acht Wochen, ziemlich genau gerechnet, würden sie heiraten... Ein immer wieder grell aufregender Gedanke, wenn er plötzlich auf sie niedersank und etliches in ihr erzittern ließ. Alle vorbereitenden Schritte waren "getan. Auch am Tulpenweg sollte manches geändert werden, was feine Zeit brauchte; auf Louis war in allem Verlaß. Auch Louis war übrigens mit dieser dauerhaften und etwas rigoros beschlossenen vorläufigen Trennung einverstanden gewesen ... Sie machte die Augen verwundert wieder auf. Alles noch da? Die kleine Badestube ber alten Dame Pfefferkorn, zur Zeit Tokio? Der ab« blätternbe graue Oelanstrich mit roter „Borbüre"? Sie plätscherte schläfrig im Wasser, streichelte ihren Körper unb machte mit einemmal ein gufriebenes unb würdiges Doppelkinn — wie Frau Katarina Hasielbrink. Eine herrliche Rolle, die ihr, wie eine neue Haut, immer dichter unb praller anwuchs. Sie gefiel sich sehr gut barin. Sie war ein ganz neuer, ausgezeichneter Mensch barunter geworben, mit biefer kühleren unb boch höchst lebenbig brennenben Haut, eine edjtbürtige Hasselbrink-Gugernell. Ebelbürgerin... Sie trug einen Zauberring mit einer schwarzen unb einer weißen Perle am Finger, ber, wenn sie ihn bloß ansah, alles herdeischaffte, was sie begehrte: Wärme, Güte, Glück, Menschsein, Weibsein, Glanz. Sie plätscherte spielend mit den Händen im Wasser. Ein wenig einsam — eintönig, dies Laukühle. Machte schläfrig... Dann muhte sie lächeln, als sie an feinen gewaltigen und stürmischen Ernst zurückdachte. Sie dehnte sich. Preßte die Zähne zusammen. Sie lag ruhig unb starr, sehr warm. Sie krallte bie Fingernägel in bie Hanbballen... Louis war rührenb gut in seiner großen Liebe gewesen, als sie sich vorhin am Bahnhof Zoo getrennt hatten. Aber vielleicht war auch er mit einer aufatmenden Zufriedenheit in feinen blauen Finke-Wagen gestiegen: Endlich wieder allein! Das gab es immer und immer wieder, auch im besten Fall, auch für den Mann — im allerbesten Fall! Sie blinzelte zwischen ben langen, blanken Wimpern. Das alles war natürlich ein sehr großer Entschluß für Louis gewesen, kraftvoll unb unabänderlich gefaßt; ein hoher, gewaltig schwieriger Berg, ber nicht ganz schwinbelfrei zu erklimmen gewesen war. Jenseits lag bie blühenbe Welt — Katarina in ber laukühlen Babewanne. Uebrigens war er noch bis zum späten' Abend heute in Berlin ... „Was ist los? Ich glaube, ich bin eingeschlafen, Erika! Ich will 'raus!" Sie übte am Wartung. XIII. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Llniversitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. strenger Sitte. Wozu? Es patzte jetzt nicht mehr, gehörte nicht in lyr neues Leben, würde das hervorragend Gute darin bedrängen und bezweifeln. Sie erledigte ein paar straffe gymnastifche Hebungen, rote jeder verständige Mensch zum Tagesbeginn, die sie herrlich belebten. Eines Morgens freilich, am Ende eines besonders tief und erquickend verlaufenen Schlafs, verlängerte und überspielte sie diese vorzüglichen Bewegungen in jäh erwachender Lust und Aufsässigkeit und geriet habet in genießerische Schwebungen und Schwünge, summte dazu und tanzte plötzlich, schlotz rasch mit einer heftigen, fast gierigen Bewegung die Tur ab und tanzte hingegeben und besessen, sprang in ihr Element, wie der Schwimmer ins Wasser, alles um sich her vergessend. „Was tust du da drin?" fragte die Mama nach einer Stunde besorgt Auch Dagobert war erfrischt heimgekehrt. Er spazierte gleich am nächsten Morgen merkwürdig wach und tatkräftig in seiner Werkstatt umher, sah sich furchtlos seine Bilder an und drehte sie, eines nach dem andern, mit dem Gesicht zur Wand. Er würde das alles dem Preußischen Staat vermachen, beschloß er freigebig und war restlos zufrieden mit seinem Entschluß. Eine Hundearbeit, nach fixem Rezept anderer Leute Gesichter zu malen, made in Paris and New Charlottenburgh! Er hegte seit einiger 3eit die aufrichtige Vermutung, daß es viel zuwenig eigene Anschauung, um die es sich zu malen verlohnte, gäbe und viel zuviel Leute, die ohne sie immerzu malten. Es schien die Mission der hohen und besonders lebendigen Dame Katarina in seinem Leben gewesen zu sein, ihn zu dieser Einsicht zu bringen. Magie... Alle, die ihrem Leben nahe kamen, schienen etwas von dieser Magie zu spüren — zu ihrem Wohl oder auch Weh ,Da—mas—kus!" sprach er dröhnend. Ueberall Wandlung, Erneuerung, Einkehr, Heimkehr zu sich selbst. Alle im Schmelztiegel... Gegen Abend saßen die Vettern beisammen. Auch Diez sah gebräunt aus. Er hatte mit ein paar Bekannten Wochenende hinter Beeskow gemacht, in einem gemieteten Blockhäuschen: sie hatten wie die Indianer, gehaust, gekocht, den ganzen Tag in Badehosen — herrlich! „Ich hin wild auf bas hemdärmelig-tüchtige Leben!" sagte Dagobert. „Siehst du: Ich habe ein Gelübde getan.. „Gelübde —?" „Ich werde nicht mehr malen ..." „Du willst Tischler werden?" Das war eine zarte Anspielung. „Wie kommst du darauf, Diez? Wenn ich Holz oder Seim rieche — wunderbar! Ich sah schon vor meinem Rutsch in die Welt riesig gern bei Gustav Pick in der Werkstatt, wie du gemerkt haben wirst. Ich habe schon von meiner frühesten Windelzeit an leidenschaftlich gebastelt, gehobelt, geleimt, Diez: war mir lieber als jede Konjugation — kannst du qtauben! Und meiner Jugend hellstes Glück war ein Werkzeugschrank von Onkel Louis zu Weihnachten. Siehst du: Die Gesellen Dinse und Dublchinsky in der Frankfurter Allee sind mir gewogen — hervorragende Männer auf ihre Art..." Dagobert griff zerstreut hinter sich nach einem kleinen Tisch und warf dem Vetter ein längliches Zeichenbuch hm. (Fortsetzung folgt.) hinter der Tür. _ „Nichts Besonderes! Bitte, mich nicht zu störens Ich wische Staub! Danach sah sie angenehm matt, wie nach langem, erquickendem Lauf in leichter, reiner Höhenluft, still und lächelte, wie ein gutes, artiges Kind, und bewegte sich gleich darauf langsam und hochmütig, als sei die neue Art ihres Daseins und sie selbst plötzlich leicht und zerbrechlich und sehr kostbar geworden: und war, zu wiederum anderer Zeit, laut geschäftig, und voll beglückenden Phlegmas einem unbeschwerten fraulichen Leben hingegeben. — Es tarnen Briefe aus Gastein: kurze, humorvolle Briefe. Sie sah eifrig und beglückt nach diesen Briefen aus. Sie sprach nicht viel darüber. „Ja: von Lu. Er läht sich dir empfehlen, Mama!" Es lag ein kleines Rot auf ihrem Gesicht. Eine junge, glückliche Frcn ■ ■. Dann fetzte sich Katarina an den kleinen Säulchenfchreibtifch und schrieb ebenso kurz und herzlich zurück, sehr freimütige frauliche Briefe zwischen den Zeilen, die bestimmt eine Weile in einer männlich-sachlichen großen Brieftasche und in einer nach Zigarren duftenden Rocktasche ausbewahrt wurden. Manchmal um die Frühstücksstunde, meist zweimal in der Woche, pflegte er auch anzurufen. Das gab immer ein lebhaftes längeres Gespräch. Auch das war eine frohe und kostbare Sache, auf die mit Spannung gewartet wurde. — Eines Tages, nicht lange nach ihrer Rückkehr, erschien Herr Manfred Spllke, der Großagent, in der Knefebeckstraße (der wie der selige Don Quichotte mit (Eulenbrille aussah, aber durchaus keiner war, ein ganz gerissener Geschäftsmann), um Frau ©ugernetl, nach dringlicher telephonischer Anmeldung, seine Aufwartung zu machen. Spilke, von Beruf ironisch und leise enthusiasüsch, hatte sie, förmlich leidend vor Bewunderung, angesehen. „Wunderbar erholt und patiniert, gnädige Frau!" Und er hatte mit dem nächsten Atemzug seine großen Pläne für den Herbst und Winter entwickelt. Jawohl: Spilke hatte diesmal ein ganz großes Programm in der Pfanne, in dem bas Ausland eine noch beträchtlichere Rolle spielte als früher und das — ihre Zustimmung vorausgesetzt — nun, wie er zart betonte, mit energischen Händen in Angriff genommen werden mußte. Katarina hörte ernst und mit wgchsender Spannung und Begier zu und emnfanb Herrn Mgnfred Spilke in seinem gufreizend tarierten gelben Anzug als einen treu ergebenen, hervorragend selbstlosen Freund. Ja, ihr Herz klopfte unruhig und brannte in Sehnsucht. Sie war ein bißchen bloß um die Rase, sonst still und verschlossen. Spill-' wußte selbstverständlich einiges um die Freundschaft mit dem großen Gelehrten am Tulpenroeg; er kümmerte sich um alles, was ihn anging od^r ongehen mußte, ffine Seelensreundschaft? Gut... Und Spilles kleine helle, verschlagene Augen spähten wieder. Seine letzten Briese waren nn^ontroortet geblieben, ihr Aufenthglt mnr nicht zu erfuhren gewesen- ^ie gnädige Frau wünsche ungestörte Ferien zu halten. Gut... „Also, gnnhige Frau: Ich denke, Sie überlassen mir vertrauensvoll alles Weitere? Sie wissen, es liegt in treuen, ehrfürchtigen Händen!" Sein Blick sah demütig in ihr Herz. (Etae* Stunde darauf rief Louis an: „Du solltest mitkommen nach Gastein! Du fehlst mir schon!" Nein es ist besser so. Ich möchte eine ganz vornehme Dame sein. Auch deinetwegen: vielleicht schon Einfluß des Tulpenwegs — und uralter Instinkt. Alle toten und lebendigen Gugernells und Haffelbrmks ^*Es°war"sehr still um sie her im Zimmer. Auch die Mama war aus. Sie freute sich, daß es ihm schwer wurde, und legte langsam, mit einer Reue und wachsenden Sorge, den Hörer hin. Vorm Einschlafen in ihrem frischen, kühlen Bett dachte sie. Jetzt spaziert er im Gang oder wartet im Speisewagen, daß sein Bett gerichtet wird. Sie dachte es gerührt. Jede Sekunde führte ihn weiter weg. Machte ihn kleiner, ohnmächtiger und noch liebenswerter. „Gute Nacht, Lu — lieber Lu!" sagte sie laut und sehnte sich verlangend nach ihm, wie eine richtige Frau. XII. Katarina fühlte sich fremd und beengt in allen Räumen. Sie war durch die langen Wochen an frei wehende, starke Seeluft gewöhnt; besonders fremd und beengt in ihrem Uebungszimmer: beklemmend der lange, kahle Raum und die tote Luft darin. Aber schon am dritten ober vierten Morgen, als alle Fenster offen- standen, ging sie rasch unter einem Vorwand hinein, lief, rote heimkehrend, herrlich ausgeruht durch die lange Ferienzeit, unbezwinglich fröhlich und frisch durch den guten Schlaf, darin umher. Sie markierte ein paar spielerische Bewegungen, als rege sich eine fremde Dame hier. Das Studio sah ihr zu und wartete; der kleine braune Flügel, der Notenschrank sahen ihr mit scharfem, höhnischem Glanz zu und warteten. Em unerbittlich vorwurfsvolles Zimmer... Sie ging rasch wieder hinaus, plötzlich laut singend und pfeifend, wie ein Kind im Dunkeln, mit einem schlechten Gewissen der, Treulosigkeit und der unerlaubten Gleichgültigkeit. ich am Morgen nach dem Aufstehn mcht mehr nach alter, Wozu? Es paßte jetzt nicht mehr, gehörte nicht in ihr Sie bewegte ernst die Brauen und wippte mit dem langen, schmalen Fuß Diesmal eine schmerzlich ausgiebige Bewegung. Eine nachdenkliche Bewegung und Pause. „Ich werde wohl nicht mehr tanzen, lieber ^SchUe öffnete erschrocken die großen, knochigen Hände, als wolle er ein unschätzbares Glasgefäh vor jähem Fall behüten. „Sie wollen nicht--?" „Ich werde heiraten!" sagte Katarina. . Die knochigen Hände griffen, wie ertrinkende Schwimmer, in Öle Luft. „Das ist allerdings neu. Das ist in der Tat überraschend! Sie wollen also--?" Ja " "Herrn Professor Hasseibrink?" entfuhr es dem untadeligen Diplo- mat,/3a$ficrrn Professor Hasselbrink", sagte Frau Gugemell, vollkom. mene Herrin am Tulpenweg, gütig und überlegen spöttisch über Spilkes entsetztes Gesicht und seine Wissenschaft, indes ihr Herz aufrührerisch chluq und schmerzlich litt. ... , Es gab und gibt immerhin Möglichkeiten ... Kompromiße, meine ich, gnädige Frau —! Hat es in unzähligen glücklichen Ehen und zu jeher Zeit gegeben. Eine gern unb einsichtig erlaubte Rückkehr frufjer ober pater — oft schon nach kurzer Zeit. Eine Verpflichtung vor bem Genie! prach Spille leise unb einbrlnglid), unter einem unabweisbaren Z"°Jch glaube: diesmal nicht, lieber Herr Spille." In Manfred Spilles Hirn arbeitete es trotzdem heftig weiter. So leicht war es nicht abzuftellen, wenn es um ein großes Geschäft ging. Man könnte die bevorstehende Verheiratung als wundervolle Reklame benutzen! Gerade im Ausland: Hasselbrink — ein ganz großer Jlame, unbezahlbar in diesem Zusammenhang! „Ich glaube Sie genau zu ten- nen, liebe, verehrte gnädige Frau", sagte er leise und stockend, mit bett hellsichtigen Augen her innersten Verehrung. „Ich sehe Sie wesenhaft genau, gnädige Frau. Es ist bestimmt nicht bloß em Wunfchblld. Also —?" fragt Katarina abweisend und wippte, gnädig belustigt und" ärgerlich, aber zuinnerst erregt, mit dem Fuß. „Kein Verzicht. Niemals ein Verzicht! Sie sind eine Beseßne. Eine in Harmonie Dämonische. Das andere? Das ist das große Herz, ine vollkommen natürliche Frau, die sich bestimmungsgemäß nach Begrenzung sehnt und — sie dennoch und darüber hinaus als schwere Fessel spurt Unb Un'fkin1 lieber Spilke! Das ist Literatur. Ich bin viel lebendiger und einfacher. Ein ganz einfaches Menschenkind. Lächerlich einfach!' Spilke schüttelte traurig den edlen, birnenförmigen Kopf. „Ich hoffe dennoch auf Sie! Ich lasse Sie nicht los, Katarina Gugemell; Sie werden sehen. Ich warte —I" . , , , _ ... „Also warten Sie! Es tut auch mir sehr leid, lieber Herr Spilke. Aber Sie werden vermutlich etwas andres sehen und erleben , sagte sie gutmütig und bestimmt unb lub barauf den nicht mehr sanft verschleierten, sondern nüchtern entsetzten Herrn zu einer Tasse Tee em. 2lls Spille entschwebt war, ging sie singend m ihr Zimmer, um sich anzuziehen. Sie mußte noch ihr Stück laufen. Sie wollte alle Benommenheit loswerden und ein ganz reiner und frischer Mensch fein in bet guten regenkühlen, geliebten Tiergartenluft. Unb bas rosa Haus grüßen. So verlief jetzt ihr Leben. Es war voll wechfelnber Spannungen, voll Glaubens unb plötzlich auffpringenber Sorge unb treibender Er-