Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Nummer 29 Montag, -en 16. April rgang ^954 Brümmer schnupperte mit der Nase in der Lust, als er die Frühling über der Erde. Von Knut Hamsun. Ich weitz nicht, warum Mein Herz nun erwacht, Nicht Ruhe mir lätzt In der langen Nacht. Bald hastet mein Puls Wie ein bellender Hund, Bald steht er und stockt Wie in Todesstund. Ich heb' die Gardine: Schon blaut der Tag — Eis hängt vom Dache, Schnee schmilzt im Hag. Die Felder beschleich' ich, Das Freie, mein Ziel —: Nein, welch ein Gedröhne Und Märchenspiel —I Oer Glockengießer Christoph Mahr. Von Kurt Kluge. Hier geben wir eine Probe aus dem bei I. Engelhorns Nachf., Stuttgart, erschienenen Buch gleichen Titels, in dem der Dichter das Schicksal eines jungen Glockengießers in der heutigen Zeit schildert. In der nachstehenden Leseprobe wird erzählt, wie Christoph — jetzt selbständiger Glockengießer — unter Hinzuholen des alten Werkmeisters Brümmer nach einem anfänglichen Fehlgutz seinen zweiten Glockenguß bewerkstelligt. Brummer icynupperie um ‘ ‘ ltrf. 4metarr Gcßerei betrat: der alte vertraute Geruch nach Rauch,. Ottrau unV Lehm. Ihm wurde wohl wie dem Pferd, das tn leinen «tau E fühl. Christoph war seiner Prüfung ängstlich gefolgt und sah nun Zeise aufatmend an: jetzt stimmte der Ofen. Mit dem Material der Form war krümmer nicht gleicher, meßen zufrieden: „Den Lehm Ham Se zu e t genommem -vas Ot Sprünge in der Form un die loofen mit Metall von. hiilit'r sch een nachzuarbeiten." Rulle sah bereits am zweiten Tage mit Hochachtung zu Brum- i-ir auf. Der junge Meister war hastig. Emma sang und psisf er wd gleich darauf wühlte und fluchte er wie ein Wilder,, Der alle . Ziegel streich er wußte auch, was Handwerken ist und erkannte nn düster Brümmer den Werkmann von Geblüt auf "en einen Er sah genau, daß Brümmer einen Hammer fto® an aßte, wie er nachher in der Hand liegen s • feinen Echippe oder ein Streichholz war Brumme Handgriff zweimal tun. Obwohl er ganz ruhig st fertig iüge, umzudrehen schien, bekam er doppelt so viel Arbeit fertig, kiin er tat keinen Griff unüberlegt. „Mir viere langen", sagte Brümmer. Er wollte keine weiteren Itihstückte mit derselben sachlichen Ruhe wie jeden -Lag, g g liiuetter, sprach nicht eiliger. Es war alles wie sonst. Rulle traute seinen Augen nicht, als er Zeise das Schürloch aufmachen und eine Last Holz hineinwerfen sah. „Was'äl" schrie Rulle und starrte Zeise an, der oben auf der Stufe am Ofen stand. Das geht ja so los wie damals, als sie die verschwundene Glocke gossen! Zeises Gesicht glühte im roten Widerschein des Feuers. Er lachte: „Mußt'n selber fragen!" Den Werkmeister zu fragen, getraute sich Rulle nicht. Brümmer stand an der Waage, wog Zinn ab und rechnete mit Kreide an der Wand. Christoph rechnete mit. Zeise brachte den Gießlöffel, mit dem sie damals eine Metallprobe aus dem Arbeitsloch des Ofens geschöpft hatten. Rulle hatte auch hineingeguckt: es war entsetzlich gewesen. Die Flammen loderten nicht etwa zum Schwalch hinein, sondern sie wurden gezogen, ganz straff, leise pfeifend. Das war nicht das schone Flammenwogen und Lodern gewesen, wie Rulle es vom Ziegler- cfen kannte — das war das Feuer in seiner gefährlichen, bösen Gestalt. Die ganze Wölbung des Schmelzherdes glühte hellrot wie die Sonnenschale von innen gesehen. Das Furchtbare aber, von dem sich Rulle abgewendet hatte, war der Herd selber, in dem das Erz schwamm: gelb mit grünem Stich und stechend hell. Ohne u-1 zu regen, ohne zu brodeln — ganz leblos still lag der grauenhaste Teich im Grund. Denn daß er flüssig war wie Wasser, wußte Rulle: sie hatten ja einen Löffel voll herauSgeschöpft. Rulle hatte aufgehört zu karren. Er fing auch nicht an zu sieben. Rulle wußte jetzt, was kommen mutzte, stand wie ein angewurzelter Baumstrunk in der Werkstatt und ließ kein Auge vom Ofen. Schon füllte Zeise die Gietzrinne, welche das Stichloch und die Form verbindet, mit glühenden &Wen, um sie zu erwärmen. Christoph zog aus den Mündungen der Form die Lappenpfropfen. Brümmer nahm die letzte Probe aus dem Ofen, schlug sie nach dem Erstarren entzwei und sah den Bruch an. „Na, Herr Meester?" sagte er bedächtig zu Christoph, „is es Rulle mußte die Fenster schließen, damit keine Zugluft bas flüssige Metall treffen konnte Zeise warf die Kohlen aus der Gießrinne und fegte sie mit einem Flederwisch sauber. Brümmer wars noch einen Blick auf die Angußmündungen. Dann nahm er die Stande, nitf tc Christoph zu es fiel kein Wort — und gab dem Tonzapfen den Stoß. Fn einem klaren leuchtenden Strahl, ohne zu sprühen oder zu flackern, schoß das Erz aus dem Stichloch und strömte lautlos über die Rinne in die Form. Das war der Glockenguß. Brümmer legte die Stange aus der Hand, faßte Christoph am Arm und zählte, mit den Fingern zeigend, die Angußossnungen. Fn jeder Mündung stand, ohne sich zu rühren, ohne etnzusallen oder zu sprühen, das rotleuchtende, erstarrende Erz. Rulle stand immer noch mit offenem Mund vor der Danirn- arnbe. Der erste Guß war aufregend gewesen. Aber die Großartigkeit, welche in der Stille und scheinbaren Einfachheit der Vrümmerschen Arbeit lag, überwältigte den alten Handwerker von Fach. Brümmer hatte einen Waschnapf voll Wasser gefüllt, wusch erst die Hände und steckte schließlich den Kopf hinein. Darm trocknete er sich ab und zog den Tabaksbeutel aus der Hosentasche. Die wundervolle Meisterlichkeit in Brümmers Leitung feit dem Morgen hatte Christoph wohl gefühlt. Er ging auf ihn zu und drückte ihm herzlich die Hand: „>ich danke ^hnen schon, .Jtei- ster. Heute habe ich viel gelernt." Fh wo. 's erschte Mal hat m'r Lampenfieber. Den zweeten Guß machen Se ooch so. 's is doch gar nischt weiter gewesen. Daß es wie „garnischt" aussah, das eben war Brümmers Leistung und der Alte wußte das auch selber gut genug. Brümmer blieb so lange, bis die Form abgeräumt war. Er besah die Glocke von allen Seiten. Dann sagte er trocken. ,,xj» gut", zählte sein Geld nach und wanderte ab. Christoph konnte kaum erwarten, den ersten Ton zu hören. Er arbeitete fieberhaft. Zeise ließ er nicht heran. Er sollte lieber dem Zimmermann helfen, der in der Mitte des Hofesern Balten- aerüst aufstellte. Zeise mußte statt der Feile das Schnitzersen führen und richtete aus Eschenholz 6en „Ltorch zu, einen geschweiften Balken, an dessen dickes Ende die Krone der Glocke mit Eisenbändern angeschlagen wurde. Um das schwengelartig ans- laufende dünnere Ende schlangen sie später das Zugseil. Diese uralte Art, Glocken lautbar aufzuhängen, kostete Christoph das wenigste Geld. Rulle wurde in die Schmiede geschickt. Er sollte den Klöppel abholcn. Mit Hilfe des Meisters Hut lud er das schwere Ersen auf sein ächzendes Wäglein und zog es vor sich hmmurmelnd durch das Dorf. Er kam langsam vorwärts. Wer ihn traf, blieb stehen und wollte Genaueres wissen. Aber Rulle nickte nur jedesmal und sagte: „Nä." An der Mühle traf er Kruspe. Der Totengräber ließ sich nicht mit „nä" abfertigen. „Se is wieder da", sagte Rulle. „Wer'ä?" „De Glocke." „Wo ham'se se denne gehabt?" „Ich weeß nich." „Hat se sich verännert?" „Ae bißchen." „Ich hab's d'r doch glei gesagt", schrie Kruspe, „meine Kundschaft verännert sich ooch in der Erde." In der Nacht des letzten Februartages herrschte klirrender, klarer Frost. Die Ettersfelder waren tief unter ihre rotgewürfelten Federbetten gekrochen und hatten die Fenster gut mit Moos verstopft. Gegen zwei in der Nacht fuhren sie hoch und setzten sich in den Betten aufrecht. Dann kletterten sie heraus und machten zitternd vor Kälte die Läden halb auf. Der Himmel strahlte in übermenschlichem Sternenglanz. Sie sahen nur Schnee und Sterne. Aber geträumt hatten sie das nicht: durch die Luft tönte golden und klar ein nie gehörter Glockenton. Herrlich schwebte ein Es-Klang von der Höhe des Dingwegs herab auf Ettersfelde. In dieser Nacht war die Glocke fertig geworden. Christoph, Zeise und Rulle standen auf dem Hofe. „Soll ich?" fragte Zeise. Christoph nickte. Zeise fing an zu ziehen, und Zeise konnte läuten. Die Ettersfelder hatten erfchrocken gehorcht. Dann war ihnen eingefallen, daß dieses Geläute von der neuen Glocke kommen müsse. Sie krochen wieder in ihre Betten. „Der Tausend, so'n Kerl", sagten sie und schliefen unter dem Es=®eläute des Christoph Mahr friedlich ein. In der Glockenstube des Kirchturms war es still. Aus den alten Glocken kam nur ein leises Brummen, das die Schallwellen der jungen Glocke geschwisterlich in ihnen geweckt hatte. Noch in drei anderen Ettersfelder Stuben fanden die Es-Ton- wellen ihre Gegenwellen. Sie fanden dort Ohren, die trotz der Kälte nicht unter den Federbetten verschwinden mochten. Der versoffene Pfannert kräkelte von einem Fenster zum anderen und horchte: „Meine Ziegelei. Meine Backschteene. Die Hun ne." Kruspe kratzte sich hinter den Ohren: „Da macht se schon Mu- sike. Bei so eener nützt fee Begra'm was." Frau Mahr hatte den Laden ganz aufgestoßen, ihren alten Mantel umgewickelt und wich nicht, bis der letzte Es-Ton verklungen und in den verschneiten Ettern verhaucht war. Sie kannte den Spruch des neugeborenen Glockenkindes und sagte ihn mit gefalteten Händen her: ich schlage, hört zu, das ist die Zeit — ich läute, steht auf, nun ruft euch das Reich. Hans Grimm, der Deutsche. Bon Johan Luzian. Im Jahre 1896 ging ein junger deutscher Mann nach Port Elizabeth ins englische Kapland. Er war dort als Clerk in einer Handelsgesellschaft verpflichtet. Eine sehnige, elastische, langaufgeschossene norddeutsche Gestalt. Innerlich etwas scheu, aber dann gab er sich selber gewiß einen energischen Ruck. Sein Name war Hans Grimm, der da an Bord eines englischen Dampfers stand, um nach Südafrika zu fahren. Er war einer unter vielen Tausender junger Deutscher, die alljährlich in die Welt hinaus- fnhren, um ein rascheres Glück zu suchen oder in die Welt fahren mutzten, weil daheim kein rechter Platz für sie war. Es war keine schlechte junge Mannschaft, die auf allen Schiffen über die Meere fuhr, vielleicht für immer fort von der Heimat. Mut zeichnete sie aus, Unternehmungslust, Anspruchslosigkeit, Wille zum Borwärtskommen oder aber jene festliche jungenhafte Kühnheit, jener abenteuerliche Traum von den gefährlichen Ländern der Glückssuchcr, auf die ein Volk ebensowenig verzichten kann, wenn es nicht nüchtern und spietzbürgerlich werden will, wenn es Most in sich birgt, der gährt, der ein Volk fröhlich zu machen weiß. In einer seiner neuesten Erzählungen „Der Händler" (die in einem demnächst erscheinenden neuen Bande „Lüdcritzland" von Hans Grimm enthalten sein wird) heiht es zum Schluß: von einem Manne, der sich als erster weißer Kaufmann unter den Hereros niederzulassen wagte, der beim Aufstand dann nach tapferer Verteidigung in seinem Hause erschosien wird: „Dem Kaufmann ist also geschehen wie vielen Deutschen, deren Leib auf schwere Weise eins geworden ist mit der harten heißen Erde von Südwest. Er war gleich den meisten seiner Landsleute weder ein Negerausbeuter noch ein Gewaltmensch, noch ein Eroberet, sondern ein fleißiger Kleinbürger, der einen etwas rascheren Ausstieg suchte als die alte Heimat ihn zu bieten vermochte. Er wurde wie die anderen- auf seinem neuen Wege bet Sonne und größerer Freiheit immer näher an das Schicksal gerückt, er stand ihm eines Tages einsam gegenüber, ganz erbarmungslos Auge in Auge, und dann zeigte sich freilich vor dem Unabwendbaren auch bei ihm ent Stück Heldentum." Vor einigen Monaten war ich dabei, als Hans Grimm davon erzählte, daß er für seinen Sohn, der Landwirt werden soll, ein Gut kaufen möchte. Aber er könnte schwer etwas Passendes finden, denn er wünschte sich und seinen Nachkommen ein Stück Land, „bei dem man nicht von jedem Punkt aus mindestens etn Haus sieht", so ungefähr sagte der Dichter. Hans Grimm hat vierzehn Jahre in Südafrika gelebt, er hat am Flusse Nahoon eine Farm besessen, abends ist er aus der Stadt East-London nach feinem Hause hinausgeritten, und dort hat er einsam und abgeschlossen fti ungeheurer Weite mit seinem farbigen Diener, seinen Büchern, seinen Hunden, seinen Gewehren sich von der Büroarbeit in der heißen Stadt ausgeruht. Dort hat er dann auch die ersten Novellen geschrieben, dort hat „der Dämon" ihn ergriffen, auf den seine Mutter, die an den heimlichen Dichter in ihm lange Jahre unverbrüchlich glaubte, baute. Vielleicht wäre Hans Grimm ohne dieses Erlebnis der Einsamkeit, der afrikanischen großen Maßstäbe, niemals der Dichter geworden, der er ist. Vielleicht wäre er ohne die Berührung mit der englischen Welt auch niemals der Deutsche geworden, der er ist. Der Deutsche, der volkspolitisch dachte und schrieb, als es 23 Parteien und mehr in der Politik gab, der als Auslandsdeutscher niemals früher an einzelne Länder dachte, sondern in dem Begriff Heimat, Vaterland immer das ganze, große Volk sdeutschland sah. Das ist heute selbstverständlich, aber noch 1926, als sein Buch „Volk ohne Raum" erschien, war es eine unerhörte Tat, das kämpferisch auszusprechen. Und weil er sich von diesem Buche mit der seelischen, der soziologischen, der politischen Erkenntnis seines damals fünfzigjährigen Lebens, in dem 14 Jahre Ausland und vier Jahre Kriegs- und Muskotendasein enthalten waren, mehr versprochen hatte, als nur einen literarischen Erfolg und eine hohe Auflage, weil er geglaubt hatte, das Buch „Volk ohne Raum" müsse eine größere Aufgabe erfüllen können, deshalb war er lange Jahre nach dem Erscheinen von der politischen Nichtwirkung des Buches enttäuscht, wie er in einem Aufsatz in seinem Buche „Der Schriftsteller und die Zeit" schreibt. Aber die Enttäuschung bestand zu Unrecht, denn „Volk ohne Raum" hat gewirkt und die Geister gesammelt, es h a t in der Stille die Deutschen aller Stände gesammelt Jahr für Jahr bis zur nationalsozialistischen Revolution und heute noch. Und die schönste Anerkennung, die sich der Dichter wünschen konnte, lag wohl darin, daß im vorigen Jahre anläßlich der Weltausstellung in Chikago neben den sechs hervorragendsten deutschen Leistungen auf technischen und wirtschaftlichen Gebieten auch ein einziges deutsches Buch bestimmt wurde als weltbeachtliche Leistung deutschen Geistes: „Volk ohne Raum" von Hans Grimm! Und zwar geschah das wiederum in der ehrenden Weise, indem das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, also das junge nationalsozialistische Deutschland und seine Bewegung, dieses Buch für die Ausstellung bestimmt hatte! Der Gedanke des „Volk ohne Raum" ist nun oft mißverstanden worden und wird heute vielleicht immer wieder einmal mißverstanden oder mißdeutet mit der einfachen Erwiderung, es handle sich um koloniale Utopien darin, gegen die die wirtschaftliche Erschlaffung in der ganzen Welt, also die Unrentabilität von Kolonien spräche. Oder die klügere Entgegnung wird immer wieder einmal sein: ein Volk mit wachsender Bevölkerungszahl könne sich durch kluge Intensivierung des Binnenmarktes, seiner Industrie, seiner Landwirtschaft anpassen und erhalten. Beide Gegenargumentationen haben etwas Richtiges und etwas Falsches. Das Falsche liegt darin, daß ein Volk durch allzugroße Enge und durch allzu- grotze Sparsamkeit und „Quälerei" seelisch ernüchtert, daß es sich wohl erhalten, aber nicht auf die Dauer jung und fröhlich bleiben kann. Und um nochmals auf die Worte von Haus Grimm im „Händler" zurückzukommen, da nicht jeder Mensch es verträgt, sein Eröverlangen in Schrehergärten, sein Entwicklungsverlangen in Gemeinschaftsgruppen zu befriedigen, daß er vielmehr „bei Sonne und größerer Freiheit immer näher an das Schicksal gerückt werden" will und daß sich dann erst, auf sich gestellt, bei solchen Menschen „ein Stück Heldentum" zeigt. Gerade hierin mag ein Wesenszug der nordischen Rasse zum Ausdruck kommen, deren Menschen sich langsamer, schwerfälliger, hemmunqsvoller gegenüber beweglicheren Rassengruppen im deutschen Volke entwickeln. Cornelius Friebott, der Held in „Volk ohne Raum" und Kersten Döring im „Oelsucher" sind solche Menschen. Wir Norddeutschen brauchen Weite, brauchen Stille, brauchen Raum im materiellen und geistigen Sinne: wenn wir aufeinanderhocken müssen, werden wir aufrührerisch, verbittert, gehemmt. „Der deutsche Mensch braucht Raum um sich und Sonne über sich und Freiheit in sich, um gut und schön zu werden!" sagt Hans Grimm, und hier überträgt er eine ausgesprochen norddeutsche Anschauung auf unser ganzes Volk. Die kolonialen Ideen, soweit sie in Hans Grimms Dichtungen und Aufsätzen enthalten sind, muß man also unter einem höheren Aspekt hetrachten als unter dem kühler realpoli- tischer Rechnungen, man mutz nicht nur versuchen, einem Dichter zu folgen, sondern auch ein seelisches Verlangen rnitzu- spüren trachten. Und dieses Verlangen ist in nnserrn Volksganzen unbeweisbar vorhanden. Wir würden nicht für die Rückgewinnung Die Schuflerkugel. Noman von Hans FrantL. (Fortsetzung.) «Nachdruck verböte».) Zwei Stuben an der Hohen Straße konnte sie verlangen! Eiue Treppe hoch. Nicht zur ebenen Erde, da war es für eine nun bald achtzigjährige Frau zu fußkalt. Beide, nicht nur eine, nach vorn. Mit modernen Möbeln: Nußbaum im Schlafzimmer, Mahagoni im Wohnzimmer. Drinnen am Fenster hatte ein dickgepolsterter Ohrmuschellehnstuhl zu stehen. Natürlich auch aus Mahagoni. Draußen am Fenster muhte ein spiegelnder Spion angemacht sein, daß sie in ihrer warmen Stube von der Post bis zum Rathaus sehen konnte. Morgens um sechs würde sie sich in den Ohrmuschellehnstuhl neben den Spion setzen und vor abends um neun nicht wieder ausstehen. Denn mit der Arbeit war es dann ganz vorbei. Und mit dem Essenkochen auch. Es war wirklich eine Knauserei von Rike, daß sie ihr nur das Mittageffen ins Haus schickte. Abendbrot und Frühstück und Kaffee konnte sie auch verlangen. Bloß den Nachmittagskaffee! Oh, sie war nicht unverschämt. Den Morgenkaffee wollte sie sich gerne auf ihrem Gasherd — Gas in der Küche mußte sein! — auch künftig selber kochen. Schon damit sie morgens so lange im Bett liegen bleiben konnte, wie sie wollte. Das würde ihr bald über werden? Ihr? Nee! Gab's was Schöneres für eine schwache alte Frau, die sich siebzig Jahre lang von früh bis spät abgerackert hatte, als wenn sie des Morgens im Bett sagen konnte: „Ick bruuk noch nich uptostan!" Zwanzigmal, fünfzigmal, hundertmal, so oft es ihr Spaß machte. Leise, halblaut, kräftig, daß man's durch die Wände hörte: „Fiel Micheelsen nut dei Bracken bruuk noch nich uptostan!" Gust gab seiner Mutter Jahr um Jahr willig, wessen ste bedurfte. Die wild aufschießenden Wünsche Fiek Micheelsens allerdings kappte ihr Siebter mit einem: „Giwwt nich, Mudder". Als die Unersättliche Gust eines Tages wieder lange und laut wegen der beiden Stuben an der Hohen Straße in den Ohren gelegen und sein „Giwwt nich, Mudder" noch weniger als sonst verfangen hatte, sagte er mit gelassener Bestimmtheit: Einen alten Baum dürfe man nicht verpflanzen. Der wachse auf der neuen Stelle nicht mehr an. t Sie werde auf der Hohen Straße schon noch mit dem Leben zurechtkommen, zeterte die Mutter, und dort Schüsse tun, daß er nach einem Stuhl greifen müsse, um nicht vor Staunen platt auf den Hintern zu fallen. , , . Unsinn, erklärte der Bedrängte. Sie solle sich mit dem zufrieden geben, was er und Rikelchen ihr freiwillig brächten, denn sonst — Sonst? fing Fiek das abgeschnellte Wort ihres Siebten auf. Sonst kriege sie gar nichts! . Oho! Das zu verhindern gäb's denn doch noch Gesetze m Mecklenburg! Also gut: Sonst kriege sie künftig, was ihr gesetzlich zustehe. S^e solle doch mal gelegentlich aufs Rathaus zum Stadtsekretär gehen und sich erkundigen, wieviel sie von ihm für ihren „standesgemäßen" Unterhalt fordern dürfe. Dort würde man ihr schon klarmachen, was sie vergeßen zu haben scheine, daß er nur einer von ihren zehn sei. Und trotzdem hätte er ihr freiwillig mehr gegeben, als sie zusammen gesetzlich ihr geben müßten. Er werde das auch weiterhin tun. Aber nur, wenn ste die Bettelei wegen der zwei Stuben auf der Hohen Straße endlich sein laste. Fiek gab ihre Sache trotz dieser Worte noch nicht verloren. Aber daß mit Fordern und Begründen nichts zu erreichen war, wußte sie jetzt. Also nahm ste zur Stimmkraft ihre Zuflucht Wenn's aufs Schreien ankam, blieb sie hinter dem Geizhals noch nicht zurück. t , .. .... , . .. „Krieg ick min twei Stuwen an der Hooch Straat? legte die ehemalige Pantoffelmachersgattin los. Gust bedeutete ihr, daß sie in die Baracken gehöre, nicht auf I die Hohe Straße. t , .... „Krieg ick min twei Stuwen an dei Hooch Straat?" kreischte I die Abgewiesene. , ,, , Gust machte ihr klar, daß sie sich in der neuen Umgebung, unter veränderten Lebensverhältnissen nicht glücklicher fühle« werde als bisher, fondern unglücklicher. Krieg ick min twei Stuwen an dei Hooch Straat?" schrie Fiek. Giwwt nich, Mudder!" gab Gust mit erhöhter Stimme zur Antwort und ging ohne Gruß hinaus. Um nicht auch das noch zu verlieren, was ste nach der Erklä- rnna des Stadtsekretärs über das Gesetzmäßige hinaus von ihrem Siebten erhielt, zog Fiek Micheelsen es fortan doch vor, von der Wohnunq an der Hohen Straße zu schweigen. Aber um eine andere Wunscherfüllung kämpfte ste mit desto größerer ZahlgketU fompfte sie, sooft ihr reichgewordener, hartherziger Jung auch „Giwwt nich, Mudder!" entschied, Jahr und Tag. Fiek wollte ein schwarzseidenes Kleid haben. Das Schwarzseidne war in dem mecklenburgischen Landstädtchen für alle mehr als fünfzigjährigen Bürgerssraucn Schluß- pnnkt der Entwicklung. Ein schwarzseidnes Kleid bewie» unwiderleglich: Geschafft! Wer mit fünfzig Jahren das Schwarzseidne noch nicht hatte, in desten Lebensrechnung stimmte was Nicht. Also war die Erfüllung dieses Wunsches für die ganze Stadt die öfsent- ^'^Sophch ^Mi'cheelsen, die Witwe des verstorbenen Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen in den Baracken, gehört nicht mehr dem Arbeiterstand an, sondern sie ist ei>w Bürgersfrau geworden wie ihre Schwiegertochter Friederike Micheelsen, die bei ihrer An- «nldwests oder Kameruns in den Krieg ziehen, das wäre töricht, aber niemand wird in unserer Seele jemals die Erinnerung an das llnrecht löschen können, das man an uns durch den glatten Raub unserer Kolonialgebiete begangen hat! Die Aufgabe des Kolonisierens, des Pionierseins ist eine alte, tiefe Verpflichtung, die unser Volk fühlte und fühlen wird, die Wolgadeutschen, die I Siebenbürger Sachsen, die Banater Schwaben, die Deut^hen in Argentinien und Brasilien, die Sudetendeutschen, die Ostlandfahrer — ungezählte Männer und Frauen unseres Volkes haben „bei Sonne und größerer Freiheit" in den Jahrhunderten ihre besten Eigenschaften bewiesen, haben andere Völker gelehrt, haben „das Salz der Erde" einer fremden, aber sich selbst und damit deutschem Ansehen vor 'Gott erworbenen Erde abgegeben. Und wenn sie auch unserem jetzigen Volkskörper verloren gegangen sind, sie gehören doch zum „Reich", zum mythischen Reich der Deutschen, sie haben die Säulen gepflanzt dieses Reiches, von dem Josef Magnus Wehner, der Münchener Dichter, denkt und träumt. Und ich glaube, daß unser Volk diese Stützpunkte in der Welt braucht, um seelisch zu wachsen, nicht etwa um nur Handel»stutz- I punkte zu haben oder nur sich selbst seinen Kaffee und seinen Gummi und seine Karakulwolle zu verschaffen, sondern um immer wieder über den Kirchturm hinaus deutsche Menschen, deutsche Arbeit, deutsche Tüchtigkeit zu sehen und den Schwung nicht zu verlieren. Wie sehr solches „Verlangen", das ein Volk „zu beseelen" vermag, auch politisch sich in Realitäten umsehen kann, das hat gerade der Nationalsozialismus gesehen, das hat vielleicht am deutlichsten der Volksentscheid vom 12. November gezeigt, bei dem es ja um nichts anderes gegangen ist, als um ba§ seelische Verlangen nach Einheit im Innern und Ehre nach außen. Und die völkische Sehnsucht, ist sie nicht eines der stärksten, der noch unklarsten, aber gerade darum begeisterndsten Verlangen unserer I Zeit? Darum ist auch das Verlangen nach einem außerhalb Europas gelegenen deutschen Reichsland, nach einem Land, mit dem die Seele in Wechselbeziehungen treten kann, nicht aus den unseligen Verhältnissen der augenblicklichen Weltlage, nicht nach bloßwirtschaftlichen Gegebenheiten zu beurteilen, sondern als Ausdruck innerer Jugendkrast von Menschen, als vom Schicksal gebotene und immer neu zu bietende Ausgabe zu bewerten. Viel- I leicht ist dieses Verlangen heute im neuen Deutschland vorüber- I gehend schwächer, es werden Güter parzelliert, es werden Deiche gebaut, es werden Sümpfe trocken gelegt, es werden Straßen gc- ! baut es wird in der SA. und im Arbeitsdienst jedem Hingen Menschen „bei Sonne und größerer Freiheit" auch die größere Aufgabe gestellt, als sie im normalen Entwicklungsgang und vor allem in der spießerischen Zeit des Liberalismus gegeben war, da von Staats wegen keine kämpferischen Anforderungen gestellt wurden. Aber es wird auch mancher junge Mensch ans eben dieser „Sonne und größeren Freiheit" einmal schwer wieder zuruckftnden in das einfache, nüchterne Dasein bürgerlicher Berufe. Und wenn man ihnen dann ein Land zeigen könnte, über dem d,e Farben des Reiches wehten, in dem die deutsche Muttersprache gälte, in dem Deutsche für Deutsche schafften, wohnten ste auch eine Meile oder mehr auseinander, so wäre das keine schlechte Sache, es wäre allein schon die Möglichkeit hierzu ein Trost vor der Ernüchterung und eine Vorbeugung gegen jene wilde Abenteuerlichkeit, die ins Nutzlose führt. Die Bücher Hans Grimms, die zum Kreis um „Volk ohne Raum" gehören, also „Der Oelsucher von Dnala , „Das Deutsche Südwesterbuch" und „Die Dreizehn Briefe ans Deutsch-Sudwest und nächstens das neue Buch „Lüderitzland , das der Albert Lan- acn/Georg Müller Verlag, der Gesamtverleger Hans Grimms, vorbereitet, sind alle aus einer harten und deutschen Wirklichkeit geboren worden. Auch die schönen, in ihrer Schlichtheit doch unerhört künstlerischen und erregenden „Südafrikanischen Erzählungen", die „Olewagen-Saga", der „Gang durch den Sand , der Richter tfi der Karu", sind wohl nur zu einem beringen Teile erfundene Stoffe, in der Mehrzahl werden sie wirkliche Geschehnisse aufgegrifsen haben, die dann von der Hand und aus der inneren Schau eines großen Dichters geformt wurden. Daß Han» Grimm als einer unter Tausenden junger Männer, als schUchter Angestellter einer englischen Firma, in diese fremde Wel hlnaus- fnm, das war die Fügung seines Lebens, daß er als norddeutscher, als nordischer Mensch sich nicht rasch anpaffen konnte, daß er feine andersgeartete Natur, seine Deutschheit auf solche Weise sehen lernte, war wiederum Fügung. Aber daß er sich "iemals von dieser dort draußen „störenden" Deutschheit trennte, daß er sie int Gegensatz zu vielen geradezu als Zentrum allen Denkens, als Ausgangspunkt aller Wege ansah undni den fetten tiger Not Tausende und Hundcrttansende mit sich riß tn wme Be schwörung deutscher Volksgemeinschaft, da» war sein Verdienst. Und so muß man Hans Grimm nicht nur zu den großen D ch- tern sondern auch zu den großen Deutschen zahlen, weil er eine deutschen Erbanlagen nicht seiner Kunst unterordnete, sondern iw ittpfli’nti'if• feine Kunst in den Dienst einer leidenschaftlichen, kämpferischen Deutschheit stellte, und was er im März 1931 schrieb, in einem kleinen Nachwort zum „Schriftsteller und die Zeit , wa» aan^ trocken und sachlich klingt, das ist doch auch iw Grunde genommen ein dichterisches und gläubiges Bekenntnis> nicht nur äim ei denen sondern auch zum Charakter anderer Volker, l--ver <5er faster meint die eine Verständigung, die noch nicht versucht worden ist, die Verständigung von Nationalismus zum Natw- nolisrnus müsse kommen, und es fei höchste Zeit, daß die Nationalisten aller Völker, jeder nach seiner Möglichkeit, sich dazu auf den Weg machten." Und was damals verlacht wurde, ist heu e eine politische Wirklichkeit geworden. Baracken aufwirvle. Aber ttrte manchen unvernünftigen Wunsch hatte er Jupp erfüllt! Wie vieles hatte er ihr gegen ihren Willen in das Haus geschleppt, das besser draußen geblieben wäre? Warum also nicht auch einmal seiner fast achtzigiahrigen Mutter etwas Törichtes schenken? , m . Weil es keinen Sinn hätte, gab Gust zur Antwort. Auf die Freude käme es an, die von dem Geschenk ausginge, hielt Rikelchen sich tapfer. Denn, genau genommen, sei die Freude, die es mache, der Sinn des Geschenks. Das aber, was er «>inn nenne, sei nur der Nutzen. Und der dürfe bei der Zusage oder Ablehnung eines Geschenks überhaupt keine Rolle spielen. Seit wann sie auf der Seite ihrer .Schwiegermutter stehe? wollte Gust wissen. . . , ..... Seit er sich auf die falsche Seite verirrt hatte. Er/olle seiner Mutter das schwarzseidne Kleid, das ihr nun einmal so viel bedeute, wie er es nie ermessen könne, endlich schenken, und alles wäre in Ordnung. „Giwwt nich", beharrte Gust bet seiner Entscheidung. Aber schließlich geriet der von zwei Seiten Bedrängte doch ins ^Zu Weihnachten bekam Fiek Micheelsen ihr Schwarzseidnes. Die Pantoffelmacherswitwe zog das schöne Kleid, bei besten Einkauf Rikelchen nicht eine Sekunde lang gedacht hatte: „Soll nur für eine arbeitsgekrümmte, alte Frau rn den Baracken fern, nicht etwa an. O nein! Sie streichelte ihr geliebtem Schwarzseidneo immer wieder mit den rissigen Händen. S,e hielt es an sich herunter. Bor allem aber: sie zeigte es ihren neidischen Nachbarinnen. Am liebsten hätte Fiek Micheelsen nach und nach sämtliche Frauen der Stadt zu sich gerufen und ihnen, einer nach der aii&tin, die Frage aller Fragen gestellt: „Schön, wat? Um dann, sobald tue Antwort lautete: „Ganz wunnerschön!" mit Stolz zu erklären. „Js ook richtige Siid! Meter Teinmarkföftig!" I Am Tag nach Weihnachten erkundigte sich jemand: Wann Fick I das Schwarzseidne denn zum ersten Male anziehen wolle? „Up Gust sin Sülwern Hochtid!" gab die Pantoffelmachers- I witwe ohne Besinnen zur Antwort. I Das fand die Nachbarin durchaus in der Ordnung. Obgleich bis dahin noch dreieinhalb Jahre waren und inzwischen ein acht- I zigster Geburtstag im Pantoffelmachcrshäuschen gefeiert werden I mußte. I Silvesterabend hielt Fiek Micheelsen das Schwarzseidne zum mehr als hundertsten Male an sich herunter. So sorgsam wie es I bei dem Nichtangezogensein ging, strich sie cs glatt. Wieder glitten ihre Augen aufleuchtend über den glanzenden Stott hin. Und I wieder stellte sie voller Stolz, zu der Betrachterin hrnubersehend, I die immer gleiche Frage: „Schön —?" Aber ehe Fiek Micheelsen diesmal das immer gleiche „wat? I zur Bekräftigung folgen lassen konnte, ent,ank das SUeib ihrer I ^Di'e Glückstrahlende wankte und fiel dem zu Boden sinkenden I Schwarzseidnen nach. . „Micheelsch!" schrie die Besucherin auf. I Aber die Zusammengesunkene gab ihr keine Antwort. Gab I künftig niemand mehr Antwort. Nicht auf der Hohen Straße, sondern in den Baracken hatte I Fiek Micheelsen das Schwarzseidne zum ersten Male an. Allerdings bei einer Feier, zu der viele um ihres Siebten willen kamen: sogar der Dritte nnd Neunte aus Hamburg. Aber auf ihrer Totenfeier. Starr, die Hände gefaltet, ruhte sie damit in ihrem Sarg. Um ihre Lippen lag ein Lächeln. I Hätte Fiek die Hände bewegen können, sie wäre mit ihnen I über den schmiegsamen Stoff hingeglitten. Hätte sie die Lippen noch zu einem allerletzten Satz zu öffnen vermocht, sie hatte gesagt. „Schön, wat?" I Als Gnst von der Beerdigung seiner Mutter nach Hause kam, fragte er seine Fran: Ob sie etwa noch immer das, vermaledeite Weihnachtsgeschenk, das in die Baracken gewandert sei, gutheiße? Jetzt mehr als je!" gab Rikelchen unverwirrt znr Antwort. „Obgleich das Schwarzseidne der Mutter zum Tod gewor- 5Crt„2BcU es ihr den Tod geschenkt hat, Gust." I „Ich versteh dich nicht." , Kann es einen schöner« Tod geben, als mit einem Schön auf den"Lippen umsinken und in Sekunden des Lebens ledig sein! I „Wenn man ein richtiges Leben gehabt hat, vielleicht nicht. I ".Kann der Frau ein richtigeres Leben zuteil, werden, als zehn I Kinder haben, von früh bis spät, Tag nnd Nacht, jahrein und jahraus für sie arbeiten, ohne daß in achtundsiebzig Jahren Krank- I hcit auch nur ein einziges Mal gewagt hat, die Hand nach ihr aus- I zustrecken?" „Und die Not?" ,r . „Ist Schicksal, mit dem man fertig werden muß. Ist Schickial wie der Reichtum. Und es ist noch erst auszumachen, bei wem von beiden der Mensch es leichter hat, Mensch zu bleiben." Er war auch jetzt keineswegs von der Richtigkeit seines letzten Geschenks an die Mutter überzeugt. Aber die halb neidvolle, halb ' beglückende Bewunderung der angeborenen Kraft Nikelchens, alle : Dinge zum besten zu kehren, verschlug ihm das Wort. ; I (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Univerjitäts-Duch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gießen. kunft in der Stadt noch weniger besaß als ihre Schwiegermutter, ! welche immerhin ein eignes Haus hatte. Bekam Fiek also endlich ihr Schwarzserdnes? Achtundsiebzig war sie nun schon und hatte es noch immer nicht '/Wie lange sollte sie den steinreichen Lederhändler um ihr । Schwarzseidnes bitten? Er verdiente das bißchen, was es kostete, . doch an einem Tag! Und brauchte nichts zu tun, als auf dem Tritt I vor seiner Haustür zu stehen, die Hände m die Hosentaschen zu stecken, die Straße lang zu trompeten: „Uns geiht dat gaud! Ihr I Schwarzseidnes! I Gust lachte seine Mutter aus. ... Sie laufe aufs Rathaus! drohte Fiek. Zum Stadtsekretar. Nur zu! lachte Gust. Dort sei sie ja schon einmal gewesen Woher er das wisse? Sie wäre doch hinten 'rum gegangen, nicht die Hohe Straße entlang, und außerdem an einem Tag, wo I Ct Woher^er «das nstsse, könne ihr gleichgültig bleiben. Die Haupt- I fache, daß er es wisse. Oder ob es etwa nicht stimme? Nun ja, wenn er es wisse: Sie sei auf dem Rachaus gewesen. I Er selber habe sie ja hingeschickte! Mit den beiden Stuben auf der Hohen Straße wäre die Sache allerdings fraglich. Aber bloß weil sie eine Unterkunft in ihrem eignen Haus habe. Das Schwarz- I seidne jedoch werde der Stadtsekretär ihr sicher als „standesgemaß I zusprechen. Dann müsse er es bezahlen. Also lieber freiwillig I damit rausrücken! r . . Ein fchwarzseidnes Kleid in den Baracken? lachte Gust seine Mutter aus. Er denke nicht daran, sie und sich selbst zum Gespött I der ganzen Stadt zu machen. Ihr Schwarzseidnes, forderte Frek. Also gut, kam der Herr Lederhändler seiner Mutter entgegen, 1 er wolle ihr etwas von dem schenken, was er.bisher abgelchnt I hätte, wenn sie endlich mit diesem unvernünftigen Wunsch auf- I höre. Was es denn sein solle? Es dürfe ebensoviel, es dürfe das I Doppelte, ja seinetwegen das Dreifache kosten wie em seidenes Kleid. Heraus mit dem Wunsch! Ihr Schwarzseidnes, gab Fiek zur Antwort. „Giivmt nich, Mudder!" entschied Gust mit gleicher Unbeirr- I 6ar®teimal verlegte Fiek Micheelsen sich aufs Weinen. Daß sie so was ihre alten Tage noch erleben müsse, schnuckte sie. Ihr ganzes Leben lang hätte sie sich für ihre zehn Kinder I abgerackert. Nichts hätte sie sich gegönnt. Immer alles den Kindern gegeben. Nicht mal richtig satt gegessen hatte sie sich. Biele Jahre lang nicht. Und was sei nun der Lohn dafür? Undank und Knauserigkeit, Unverstand und Filzigkeit. Nicht mal ihr Schwarzseidnes solle sie haben. Rikelchen, die den ganzen Schrank voller Seidenkleider habe und immer wieder sage: bloß nicht mehr! hänge er ein Kleid nach dem andern auf den Leib, so kostbar, daß die Frau Bürgermeisterin lange schon nicht mehr mit könne, ihr aber wolle er nicht mal das eine lumpige schwarzseidne schenken. Fiek versuchte zur Unterstützung ihrer Worte stärker zu weinen. Sie solle sich nur nicht unnötig anstrengen, wies Gust die gewaltsam Heulende ab. Damals, vor vielen Jahren, als ihr elftes Kind gestorben wäre, sei nicht eine einzige Träne in ihre Augen gekommen, obwohl es — nach zehn Jahren — endlich ein Mädchen gewesen sei. „Dat is nich wohr!" entrüstete Fiek sich. Tagsüber hätte sie vielleicht nicht geweint, weil sie vor lauter Arbeit keine Zeit dazu gehabt habe. Aber die ganze Nacht durch hätte sie weinend in ihrem Bett gelegen. Sie? geweint? lachte Gust bitter auf. Er habe, während die Mutter ihn schlafen glaubte, gehört, wie sie den Vater angefahren hätte: warum er eigentlich vor sich hin heule? Danken müßten sie Gott, daß der dreizehnte Esser aus ihrem Haus wieder verschwunden wäre. Mit gefalteten Händen und geglättetem Gesicht danken! Da weinte Fiek Micheelsen wirklich. Weinte aus dem Herzen herauf über die Schlechtigkeit ihres Siebten. Dem Vater, fuhr Gust mit seiner verwirrendsten Jugenderinnerung fort, seien trotzdem, als er am offenen Sarg der kleinen Schwester gestanden hätte, die Tränen über die Backen gelaufen, am Kinn herunter, so viele, daß sie auf seine gefalteten Hande gefallen wären, von wo er sie mit dem Handrücken weggewlscht habe. Sie aber — nicht mal feucht seien ihre Augen geworden. Das wären wohl keine Tränen? fragte Micheelsen und wies triumphierend auf den Tropfen, den sie mit ihrem Zeigefinger aus der Ecke des linken Auges geholt hatte. Nicht einmal bei dem Tod ihres Kindes, ihres einzigen Mädel- chens nach zehn Jahren, fuhr Gust fort, habe sie geweint, und er solle die Tränen, die sie um ein Kleid mit Müh und Not herausgedrückt kriege, für echt halten? ,\.™., , Jawohl, ihr Schwarzseidnes, wie's damit sei? rief Fiek Micheel- scn ans; froh, daß ihr Siebter nun wieder auf die richtige Straße eingebogen war und die Verggngenheit Vergangenheit sein ließ. Nun kriege sie es doch? „Giwwt nich, Mudder!" antwortete Gust, und fling. Gegen ihre Gewohnheit sprang in diesem Fall Rikelchen Fiek Micheelsen bei. , Er solle doch der Mutter das schwarzseidne Kleid schenken, bat sic Gust. Gewiß der Wunsch sei unvernünftig. Zugestanden, die Stadt werde lachen, wenn die krumme Pantoffelmachcrswitwe, von der Jupp als Kind behauptet hatte, sie sei der Hexe in seinem Märchenbuch ähnlich, mit ihrem Schwarzseidnen den Dreck der