Nummer 2\ Jahrgang (934 Freitag, den (6. März seinen Schiffsreisen kennengelernt haben mochte, der Kapitän, der Eisen, Baumwolle, Oel und Fette gefahren hatte. Und wie er auf den Wogen des Meeres hinausgesteuert war, seinen Zielen entgegen: so trieb Greta auf den Strömungen ihrer Vorstellung und Gedankenlust nach Abwechslung und Ferne fort und weiter als der verunglückte Seemann, denn ihr Fahrzeug befuhr auch Länder und Städte. Aber war dies die einzige Ablenkung und Freude, die sich ein junges Mädchen wünschen und gönnen durfte? Ein Mädchen dieser Zeit. Und würde sie niemals lieben und geliebt werden? Greta fühlte sich sehr einsam. Und als sie sich wieder einmal ganz verlassen vorkam, hatte sie einen absonderlichen und sentimentalen Einfall, über den ihre Arbeitskolleginnen sicherlich gelacht hätten, wenn er ihnen bekannt geworden wäre. Aber Greta führte ihn ganz heimlich aus. Mit ihrer hübschen Handschrift schrieb sie abends etwas auf einen Briefbogen und legte ihn am nächsten Arbeitsmorgen verstohlen in eines der von ihr gefertigten Streichholzpakete. Ein kleiner Brief war es, für den Zufall geschrieben und auch für die Hoffnung, ein Brief in die unbekannte, lockende Welt. Und das Paket, in das er verschlossen wurde — war es nicht einer der vielen Bausteine an der unendlich langen Fernbrücke, die täglich am Packtisch gebaut wurde? Auf einer Zündholzbrücke sollte Gretas Brief hin- auswandcrn. Sie hatte darin ihrer Verlassenheit Ausdruck gegeben, einem unbekannten Empfänger ein Geständnis gemacht, ^öffentlich, dachte sie, kommt der Brief an einen richtigen Menschen. Und sie stellte sich darunter einen hübschen Mann vor, vielleicht einen Seemann, einen Kapitän oder Lotsen. In einer schlichten Reimerei hatte sie ihrem persönlichen Gefühl nachgegeben. Bitte! stand groß und zügig auf dem Briefbogen oben ... und darunter hieß es: Wer dieses Paket erhält, Ich bitte ihn, mir zu schreiben. Ich habe keinen Freund auf der Welt: Ich möchte nicht traurig bleiben! Sie hatte mit ihrem vollen Namen Greta Wels unterzeichnet, und daneben die genaue Anschrift der Fabrik vermerkt. Und jetzt stak der Brief in dem Streichholzpaket, das fließende Band führte es von Gretas Tisch weg, und wer wußte, wohin. Das Paket aber hatte es nicht eilig. Es kam mit den anderen Tagesleistungen aufs Lager der Fabrik und wurde eingestapelt. Die Streichholzpost brauchte ihre Zeit. Endlich, nach Wochen, verfrachtete der Lagerbeamte eine Schiffsladung voll Strcichholzkisten — und Gretas Brief. Er trat eine vorbestimmte Reise an. Längst hatte jedoch Greta ihren Einfall vergessen. Zwar hatte sie einige Zeit lang auf eine Antwort gewartet, da sie aber ausblieb, dachte die Schreiberin auch nicht weiter an ihr Geschreibsel. Sie hatte auch andere Sorgen: ihr Lohn war gekürzt worden, und sie mußte, wegen schlechten Geschäftsgangs der Fabrik, sogar ihre Entlassung befürchten. Monate vergingen. Als sie den Brief geschrieben hatte, war es April gewesen, jetzt war Oktober. Greta war nicht entlassen worden, der schlechte Sommer war überstanden, nun, im Herbst, ging das Zünöholzgeschäft wieder flotter, es werden mehr Streichhölzer angczündet. Eines Morgens legte der Bürodiener einen Brief vor Greta auf den Packtisch. Für mich? sagte sie erstaunt. Es war ein Brief aus dem Ausland und an Greta gerichtet. Sie sah sofort: etne amerikanische Briefmarke klebte auf dem Umschlag. Wer mochte ihr schreiben? Vielleicht jemand, der etwas über ihren verstorbenen Vater wissen wollte. Sie war sehr neugierig, den Inhalt des Briefes zu erfahren — aber jetzt war keine Arbeitspause, unaufhörlich flössen die Streichholzschachteln heran und erlaubten keine Unterbrechung im Arbeitsgang. , . , . _ r„ Wie erstaunte sie aber, als sie hernach den in deutscher Sprache geschriebenen Brief las, wobei sie sich erst erinnern mußte, baß sie einmal in einer kuriosen Laune einem Paket ein paar Zeilen Dei9,5Berte§Cltsiäutetn Wels!" las sie. „Ich habe Ihren dem Zufall anvertrauten Brief erhalten. Da mich das Gedicht — doch wohl von Ihnen selbst verfaßt? — sympathisch berührte, schicke ich Ihnen einen schönen Gruß. Vielleicht freuen Sie sich darüber, so daß Sie wenigstens heute nicht traurig zu sein brauchen. Ihre Streichhölzer kaufe ich gern. Ich bin Inhaber einer Drogerie, die ich von meinem Vater, der Deutscher war, geerbt habe. Mein Geschäft hat eine gute Lage, und die Stadt, wo ich lebe, ist sehr hübsch. Sie heißt Providence, und man hat von ihr nicht weit zum Atlantik..." So schrieb der amerikanische Streichholzkäufer. Idyll. Von Paul Appel. Sie schläft. Mondlicht schließt sie in ihre Kissen ein. Nur diese Schulter und die holde Brust gehorchen nicht, Sie glänzen vor: warten sie, daß ich mich entzücke? Ich öffne irgendartig meine Lippen: Ein Mann ist einer, der noch banken will, So klingts mir vor. Dann stell ich Kindertische längs zum Mondbett hin, Schütt Wicken aus und Winden, Portulak, Verbenen: Vielleicht, am Morgen, liegt ihr kleiner Arm in Blumen. Oie Zündholzbrücke. Von Friedrich Schnack. Was sind schon Streichhölzer? Sie werden angebrannt und weggeworfen. Und doch ist kein Ding auf der Welt so gering, daß sich daran nicht ein Schicksal heften könnte. Greta Wels arbeitete seit mehreren Jahren in einer Streich- holzsabrik. Mit siebzehn war sie dort eingetreten, jetzt, ein Mädchen aus der Zeit, war sie zwanzig, und seitdem tat sie in der Woche die gleichen Handgriffe: sie verpackte die Streichholzschachteln in die bekannten Pakete. Die Schachteln flössen zu ihr und den Mitarbeiterinnen an dem langen Tisch heran, geschwind und genau fertigten die geübten Finger die Pakete, und das laufende Band führte sie davon, ununterbrochen, wie eine endlose Kette ihre Glieder. In Gretas Vorstellung begannen die Zündhölzer ihre weite Reise in die Welt, überall hin, wo man nur Streichhölzer kaufte und verbrannte, in Europa ebensogut wie in Uebersee. Greta war hübsch. Sie hatte ebenmäßige Züge, die ein wenig schwermütig schienen, leuchtend blondes Haar und dunkelblaue Augen. Der längliche Gesichtsschnitt ließ erkennen, daß sie und ihre Vorfahren aus dem Norden stammten. Obwohl sie nicht viel an ihr Aeußeres hängen konnte, bewies sie in der selbstgeschneiderten Kleidung doch Geschmack und auch eine persönliche Note, und so sah sie besser aus, als man eigentlich bei ihrem geringen Verdienst vermuten konnte. In dem scheinbar gelassenen Mädchen stak eine phantasievolle Unruhe, wahrscheinlich ein Erbteil von Seite ihres Vaters, der Kapitän auf einem Frachter gewesen war, ehe er in einem Sturm vor der schwedischen Küste Schmbruch erlitten und dabei den Tod gefunden hatte. Gretas Etnsalle strebten gern über den Alltag hinaus, am liebsten malten sich ereignisvolle Geschehnisse in ihrem Sinn, in denen sie die Hauptrolle spielte — und möglicherweise rührten solche Anwandlungen ebenfalls von ihrem Vater her, der in seiner Jugend viele Svrünge in die Welt getan hatte, die damals noch weit und offen vor einem jungen abenteuerhungrigen Burschen lag. Tue Zund- holzschachteln, wie sich eine an die andere auf dem fließenden Band reihte, kamen Greta zuweilen wie geheimnisvolle Brucken in die Ferne vor. Ihre Bilder und Wünsche Sickte sie wahrend der Arbeit darauf entlang — irgendwohin. Die Richtung war nicht so wichtig, nur fort, hinaus, weg von dieser Fabrik und dieiem unruhevollen Sinn. Gretas Mutter war nach dem Eintreffen der Nngluckvbotschaft von der schwedischen Küste einem alten Herzleiden erlegem Geschwister waren nicht vorhanden. Ware nicht ihre Tante geweien, die Schwester des Vaters, hätte das Mädchen nach dem der Mutter allein gestanden. Die Lehrcrswitwe nahm sie z,1t ft*. Freilich mußte sich nun Greta ,»gleich nach einer Stellung umtun, die kleine Witwenpension reichte nicht für zwei. Er gelang Greta, als sie sechzehn war, Laufmädchen und Hilfspackertn in einem Pharmazeutischen Unternehmen zu werden, ^gen ^n geringes Entgelt: und als die Fabrik wegen schlechten Geschäftsgangs! schließen'mußte, fand sie ein Unterkommen tn der *»» sie bald Packerin wurde. Witwenpension und Fabriklohn wurden zusammengelegt — auf diese Weise schlug ^sa^bett ver- Wenn sie abends zu Hause war, die kleine Hausaroelr ver richtet, die Kleiber und Wäsche in Ordnung und noch ein wenig Zeit übrig hatte, auch nicht zu müde war, nahm sie aus den Reiten der einstigen Lehrerbibliothek gvrne eln Buch. Nicht um lh«m schmalen Wissen aufzuhelfen — rote sollte fte? ®tc brauchte er regung und eine Entspannung grrgen die, seelische W a maschinellen Tagesarbeit. Sie brauchte kmne Verführungen und Ausschweifungen fite ihre Phantasie. Meist tat es etn Land über fremde Länder, Sitten und Menschen, rote sie i&t Beter W SietzenerKnmIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Und so geschah es. * erfüllt werden konnte, bedurfte es noch eines weiteren entscheidenden Schrittes. Am 16.Dezember 1883 wurde Gottlieb Datm- l e r das grundlegende Patent für einen von äußerer Brennstoff- zufnhr unabhängigen Gasmotor erteilt. In zielbewußter Arbeit hatte sich der am 17. März 1884 in Schorndorf in Württemberg geborene Gottlieb Daimler, nach regelrechter Lehrlingszeit in den Werkzeugmaschinenfabriken Grafenstaden i. E. (1853 bis 1856) und anlchließenden Studien am Polytechnikum in Stuttgart (1857 bis 1869) seine grundlegenden Kenntnisse und Erfahrungen zur Losung Aufgabe geiam- melt. Er hatte drei Jahre in der englischen Maschinenbauindustrie seine Ausbildung vollendet, und nach seiner Rückkehr nach Deutschland zunächst in Geislingen, Reutlingen und Karlsruhe gearbeitet, um alsdann technischer Leiter der Gasmotorenfabrlk von Langen und Otto in Deutz zu werden, wo die schon erwähnten Gasmotoren hergestellt wurden. Hier war Daimler zehn Jahre, von 1872 bis 1882, tätig. In diese Zeit fallen seine ersten Versuche, da- Problem des pferdelosen Wagens mit Hilfe des Explosivmotor- endgültig zu lösen. Er hatte zudem das Gluck, hier einen Arbeit-- genossen von hohen Fähigkeiten, Wilhelm M ayb ach, zu treffen, mit dem zusammen er 1882 in Cannstatt seine erste Fahrzeugfabrik einrichtete. Hier gelang ihm die Erfindung der Glührohrzündung, die alsbald in dem ersten Motor praktisch angewendet wurde. Er baute diesen neuen leichten und leistungsfähigen „D a t m l er- Motor" mit selbsttätiger Zündung zunächst in ein Zweirad em, ans dem er am 10. November 1886 selber die erste Fahrt unternahm. Dem Fahrrad folgte zunächst ein kleines Motorboot (1886), und dann sand der Motor im Straßenbahnbetrieb Verwendung (1887). Schließlich wurde, nach verschiedenen Versuchen in den vorangegangenen Jahren, 1889 ein leichter selbstfahrender, ganz aus Stahlröhren gefertigter Wagen erbaut, der eine Geschwindigkeit von 18 Kilometer in der Stunde erreichte. Zunächst fand dies Fahrzeug in Deutschland selber keinen Käufer; die ersten Wagen wurden nach Frankreich verkauft. Dann aber erfuhr das Automobil in kurzen Zeitabständen immer weitere Verbesserungen durch den Einbau der heute noch verwendeten „vier Geschwindigkeiten" und das Differentialgetriebe. Bald lies in Cannstatt die erste A u t o d r o s ch k e. Die kleine Fabrik in Cannstatt genügte schon in den nächsten Jahren nicht mehr den Anforderungen. Zur Verwertung der Daimlerschen Patente wurde die Daimler-Motoren-Gesellschaft gegründet, die bl-zum heutigen Tag führend nicht nur im deutschen sondern auch im internationalen Automobilban ist. Das 1900 erscheinende erste „Mercedes- Modell hat der unermüdliche Erfinder selbst nicht mehr fertig gesehen; er starb am 6. März jenes Jahres inmitten neuer großer Arbeiten und Pläne. Aber die weitere Entwicklung des Motorenbaues war durch seine Erfindungen schon weitgehend festgelegt. Ihre hohe Bedeutung für die Technik haben die von den Motorenwerken erzeugten Daimler-Motoren auch noch auf anderen Gebieten bewiesen, so bei der Ausstattung der Motorboote und beim Bau der Z e p p e l i n l u f t s ch i f f e, deren Konstruktion erst durch die Daimlerschen Maschinen möglich wurde. Es kennzeichnet den Weitblick des großen Erfinders, daß er schon 1887 mit der Militärbehörde in Verbindung trat, um seinen Motor auch für die Luft- Herr und Frau White wohnen heute in Promdence, tn 6er hübschen Stadt, nicht weit vom Atlantischen Ozean. Sie betreiben ihre gutgehende Drogerie, und Greta verkauft die Streichhölzer, die ihre früheren Arbeitskolleginnen in Deutschland verpacken. In der Fabrik ist die kleine Geschichte allmählich bekannt geworden, Gretas Erfindung wurde nachaemacht: viele der jungen Arbeiterinnen haben bereits versucht, auf Gretas Weise, dem Glück etwas nachzuhelfen. Aber bisher hat noch keine zwecke mit dem Brief im Streichholzpaket Erfolg gehabt. Das Gluck wendet selten zum zweiten Male die gleiche Art an. Der Vaier des Automobils. Zum 169. Geburtstage von Gottlieb Daimler. Von Dr. Kurt Warnecke. Wenn die deutsche Automobilindustrie in diesen Tagen in der großen Berliner Ausstellung vor der Welt Zeugnis ihrer führenden Stellung auf einem der wichtigsten Gebiete der modernen Technik ablegt, so rückt damit schon die Person und das Werk eines Mannes in den Vordergrund, dessen wir jetzt zugleich auch aus Anlaß seines 100. Geburtstages gedenken. Unter den großen technischen Erfindern des 19.Jahrhunderts ist Daimler einer von denen, die mit genialer Entdeckerkraft die besondere Fähigkeit vereinigten, ihre Erfindungen selbst auszuwerten und aus ihnen große Industrien aufzubauen. Sein Name geriet darum nicht wieder in Vergesfenheit rote manche Erfinder von technischen Errungenschaften, deren roir uns bedienen, ohne ihre eigentlichen Schöpfer zu kennen, roeil sie bei der Verwirklichung der kühnsten Wünsche der Menschheit die wirtschaftlichen Bedingungen verkannten und tragisch scheitern mußten; ihr Gedanke allein blieb lebendig und wegweisend für die weitere Entwicklung und Verwertung der durch ihn geweckten Energien. Der Name Daimler dagegen wurde zu einem über die ganze Welt hin bekannten Zeichen für hochwertige technische und wirtschaftliche Leistungen, die aus einer vorbildlichen Industrie hervorgehen. In dem ungewöhnlich kurzen Zeitraum von wenigen Jahrzehnten hat sich das Automobil neben der Eisenbahn nicht nur als gleichwertig behauptet, sondern hat gemeinsam mit ihr dem Menschen die Weiten der Welt erschlossen. Nachdem die verschiedenen Versuche, durch Wind und Dampf ein vom Schienenweg unabhängiges Fahrzeug auf dem Land selbstbeweglich zu machen, im Stadium des Experimentierens steckengeblieben waren, begann mit dem Einbau des Gasmotors in die Fahrzeuge der entscheidende Anschnitt in der Entwicklung des modernen Kraftwagens. Mit überlegenem Lächeln betrachten wir heute auf alten Bildern und in den Museen Stevins Segelwagen (1600) und die Dampfkutschen der Newton, Symington, Murdock, Church, Trevithis, Gurney, Hancock mit ihren schweren unförmigen Antriebsmaschinen mit offenem Feuer. Während sich auf den Schienenwegen der Dampfwagen bewährte, erwies sich für das Kraftfahrzeug die Entdeckung eines völlig neuen Prinzips der Fortbewegungskraft als ein ungeheurer Fortschritt. Der Gasmotor von Otto, der nach den Verpuffungsmotoren Ravels und Lenoirs nun schon ein richtiger Viertaktmotor war, stand am Anfang dieser neuen technischen Entdeckung. Aber er war ein sest- stehender Motor, der aus eine Zufuhr von fertigem Gas von außen her angewiesen war. Damit das Erfordernis der unbeschränkte Unabhängigkeit des Wagens und feiner Beweglichkeit Seinen Namen hatte er unter die Zeilen gesetzt und die Straße, ’ L swi.e, w« ®«i« eine solche Verwirrung, daß sie ihr Frühstücksbrot ganz vergaß und ihre nach der Pause wieder aufgenommene Arbeck völlig geistesabwesend verrichtete. Ihre Gedanken brauchten nicht mehr die Streichholzbrücke: in der Stadt Promdence, von wo es nicht weit zum Atlantik ist, ergingen sie sich, tn einer schönen Straße, " " E s' w a r" ^s e l b stmrstän d ftch, daß Greta zu Hause die alte See- und Landkarte ihres Vaters vornahm, um die Stadt zu suchen, die einen so schönen Namen trug, jpte fand sie an öer Westküste von Amerika, und man hatte von ihr ,au- nicht Eit zum Ozean. Ebenso selbstverständlich war es, daß sie noch am selben Tag den Brief beantwortete. Und wie der Drogist einiges von sich berichtet , ,atte so erzählte nur Greta von ihrem Leben, wie sie zu jenem Einfall gekommen war, schrieb von Vater und Mutter, der alten Verwandten und ihrer Fabrikarbeit. Der Brief ging ab. Mit größerer Spannung wartete Greta nun aus einen neuen | Widerhall, auf einen zweiten Brief aus Amerika. Und er kam. Auch der Drogist erzählte von fernen Eltern, Verwandten und seiner Arbeit. Es war ein langer und hübscher Brief. Und nicht lange danach — Greta hatte schon wieder geantwortet — kam noch eine Ansichtskarte, ein Sonntagsgrutz, von entern kleinen Badeplatz am Ozean. So ging es eine ganze Zeit lang weiter, Vries folgte auf Brief — die Streichholzbrücke in die Ferne war einer lebendigen Wortbrücke gewichen. , Und wie jede Märchengeschichte der Wirklichkeit entstammt — weil nichts möglich ist außerhalb der Wirklichkeit - s° auch diese: Greta, das Streichholzmädchen, und der Drogist, der Streichholzhändler, kamen mehr und mehr einander näher, bis endlich nichts mehr zu schreiben war, nur noch zu tun. William White, derftinge Mann, bestieg eines Tages das Schiff und fuhr nach Deutschland ’U Hier bin ich! sagte er zu ihr, und ich fahre nicht allein zurück. schiffahrt zu verwerten. Der Ruhm Daimlers als Erfinder des Automobils war übrigens trotz seiner großen Erfolge nicht unbestritten. Zu gleicher Zeit wie er arbeitete in der Ottoschen Gasmotorenfabrlk in Deutz Carl Benz, und als Daimler sich in Cannstatt selbständig machte, schuf sich auch Benz in Mannheim eine eigene Fahrzeugfabrik. Und in oft sich wiederholender Duplizität gingen auch hier die verschiedenen Abschnitte der Erfindung und Ausgestaltung des Automobils fast gleichzeitig in Mannheim und Cannstatt nebeneinander her. Heute sind die großen Werke von Daimler rmd Venz in ihren Leistungen eng miteinander verbunden. Beide Er- ftndernamen werden bei der Rückschau auf die bisherige Entroick- lunq des deutschen Automobilwesens wie im Ausblick auf dte Zukunft stets gemeinsam rühmend genannt. So ist Daimlers Gedenktag wie der von Carl Benz im vorigen Jahre nicht nur eilt Rückblick auf die Leistungen der Vergangenheit, sondern er fuhrt uns tn die tätige Gegenwart hinein, in der Name und Werk Daimlers als Zeichen unversiegbarer Schöpferkraft der deutschen Technik wirken. Das ist die „Mahala". Von unserem ständigen Berichterstatter Hans T r ö b st. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) B u k a r e st, März 1934. „Los! Alter Freund! Heute Abend gehen wir mal in die „Ma- hala"! Wenn in Bukarest auch sonst nicht viel los ist ... in der „Mahala" kommen Sie doch immer auf Ihre Rechnung! Einverstanden?" „Klar!" Auto. Ab in die „Mahala". * Menschen, Tiere und Zigeuner. Tohuwabohu von Lärm, Gerüchen und Gestank. Unverputzte niedrige Backsteinhäuser inmitten windschiefer Kabachen und Baracken. Ratternde Panjewagen- Kolonnen und klapprige verstaubte Autobusse. Keifende Frauen und gröhlende Betrunkene. Zigeuerrnusik aus hundert Kneipen und Schenken. Duftende Abzuqskanäle und schnüffelnde Schweine. Karuffells und kreischende Luftschaukeln. Wildernde Hunde und bummelnde Soldaten. Wandernde Zauberer und Artisten. Sich sonnende Bauern und tobende Kinder ... über dem Ganzen der Duft von hundert dampfenden Fleischrosten und die Musik von tausend wimmernden Geigen — das ist. die „Mahala", die rumänische „Vorstadt" ... Rummelplatz und Nomadenlager zugleich. Wo die Menschen im Freien die „Hora" tanzen, wo der Mann zur Freude oder Empörung der Nachbarn seine Frau noch öffentlich verprügelt, wo kein gnädiger Schleier das Werden und Vergehen des Menschen verhüllt, wo Grausamkeit und Liebe, die Roheit und das Mitleid unter dem gleichen Dach beieinander wohnen ... * Wir stehen da, wo die „Hauptstraße" in die „Landstraße" übergeht. Nach Sonnenuntergang. Fahles Zwielicht. Fußhoher Staub. Unter den Chausseebäumen an der Wegegabel wieder eine Masse Mensch ... Dichtgeschart um ein Irgend etwas. Totenstille. „Chauffeur! Stopp!" Bereitwillig macht die schweigende Menge Platz. Alle Männer haben die Pelzmütze in der Hand. Eine Gasse öffnet sich. Im Straßengraben unter einem zerrissenem Woilach zeichnen sich die Konturen eines menschlichen Körpers ab. Ein Toter. Vom Lastwagen überfahren. Irgendwo ein zerbeultes Fahrrad. Blut ... Am Kopf- und Fußende der Leiche stehen zwei flüchtig in aller Eile eingerammte Stöcke. An jedem eine kleine, armselige Laterne mit zerbrochenen Scheiben. Darinnen gelbe, im Abendwinde flackernde Wachskerzen. Ehrfurchtsvoll schweigt die Menge. Unwillkürlich nehmen auch wir die Mützen ab. „Was haben denn die beiden Laternen da zu bedeuten?" frage ich leise einen grobknochigen Mann, der aussteht wie ein Schlächter aus den Markthallen. Er beugt sich zu mir und flüstert geheimnisvoll: „Sie leuchten der Seele voraus auf dem dunklen Weg in die Ewigkeit..." Das Quäken der Autohupe zerreißt die große Stille. Bedrückt steigen wir ein ... sonderbare Leute, die Leute aus der sonderbaren Mahala... $ Zwei Minuten später wieder mitten drin im Abendlärm der Mahala, Laternen, Lichter, Lampen, Karuffell-Musik, quietschende Luftschaukeln. Zymbal, Geige und Orchestrion, mächtige Weinfässer vor zahllosen Schenken und Kneipen. Tischbarrikaden auf den Straßen ... ein ganzes Nomadenlager tafelt, singt und spielt und Irgendwo steht ein Krapfenbäcker, klebrig wie seine klebrigen Kugelkuchen. Um seinen Stand drängen sich die Menschen und die Ware geht ab, wie ... wie ... nun eben wie frische in Oel gebackene und mit Zucker bestreute warme Krapfen. Aber öte Krapfen gelingen dem klebrigen Bäcker, der sich seine Hände vielleicht im vorigen Jahr das letzte Mal gewaschen bat, immer nur dann, wenn der Teig rechtzeitig in das rechtzeitig siedende Oel hineingebracht wird. Dessen Hitzegrad stellt der Bäcker auf sehr einfache Art fest: er spuckt vor jeder neuen Krapfenserw jedesmal kräftig in das Oel hinein. Löst sich die ... pardvn! Madame! ... Spucke sofort zischend in Wasserdampf auf, dann ist e» gerade recht". Tut es die Spucke nicht, dann muß mit dem Ecnlegen noch etwas gewartet werden. Solange müffen auch die Leute aus der Mahala warten, die lippenschnalzend um den eisernen Backrost herumstehen. Aber sie warten gern. Denn sie haben Zeit. Viel Zeit ... außerdem sind sie noch nicht so verweichlicht und „etepetete toie,kommen Sie, sagt „daraufhin" mein Begleiter, „daraufhin" müssen wir erst mal einen trinken!" Irgendwo eine kleine, fast noch leere Kneipe. Der „Carciumar ich hocherfreut über den „feinen" Besuch, dienernd begrüßt er die Gäste aus der „Stadt", rückt eilfertig einen Tisch zurecht, wischt mit der Schürze Brotkrümel, Speckreste und Lachen roten Weines fort, fegt rasch mit dem Handbesen rund um den Tisch auf, hangt sich das flache, schmutzige Ding wie einen Degen wieder an die Rechte und erkundigt sich mit gefalteten Händen, leicht vornüber- °e6Ä%Ä ÄÄ.ir«! Einmal g-b,a,-n- Schnn steht'b?r>WclN auf dem Tisch wir trinken_unb reifen und reden und trinken und starren tn das Gewühl der Mahala. Der Wirt steht unterdessen am „Gratar', dem eisirnen Rost mit dem Holzkohlenfeuer, der in keinem rumänischen Speisehaus fehlt, Un "drc ö t n S Ysinen^breUen Rücken zu, die Rechte macht rhythmische Bewegungen und facht, mit einem Wedel über das F eis ) wedelnd das Feuer zur stärksten Glut an. Endlich sind die Nieren fertig, mein Gegenüber -- ich mache mir nichts aus diesen Dingen ... fangt.an. zuessen. Plötzlich legt er Blechmesser und Gabel hm und beginnt in des Wortes verwegenster Bedeutung mit den Zähnen zu „tniTj^cn . Donnerwetter", sagt er nachdenklich, „wie schmeckt denn das Zeug? Das Vieh muß unbedingt Sand in den Nieren gehabt ^Jn "diesem Augenblick erscheinen zwei ■ fidele Bauern, nehmen Heine Fleischwürstchen, die der „Careiumar" ebenfalls eilfertig auf dem Rost zu braten beginnt. Wieder facht er- iiber sie hinweg- wYdelnd das Feuer an ... in diesem Augenblick iRrd mein Genosse von einem plötzlichen '-Unw°hlsein" befallen. Er springt auf und stürzt hinaus: „Jetzt weiß ich auch, wob as V ich die „Nie re n ftpine" fier fiat!" ... Entgeistert schaute ich mir den brutzemoen Wirt etwas näher an: friedlich lächelnd stand er am Gratar und wedelte mit dem alten, ausgefransten Stubenbesen rhythmisch über die Würstchen hinweg ... Ganz recht! Mich sieht die Mahala sobald nicht wieder... Zur Nacht. Von Theodor Storm. Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun sind wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden. Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt. Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt. Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden! Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt Zu seinem Strande lockender und lieber; Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber. Ein Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Schluß.) Wenn die Kameradin diesmal nicht Nein sagt, begann sie, und ihre Stimme war unruhig, als glitzere das Waffer darin, so deshalb, weil sie mit ihrem ersten Nein gewarnt ist. Der Mann namens Schmitz steht in Gefahr, sich durch eine Kameradschaft zu Torheiten verleiten zu lassen. Erst wollte er die Kameradin zu seiner Hausdame machen; nachdem sie nein sagte aus Gründen, die also doch nicht zimperlich waren, hat er seinen Eigensinn an ein unbedachtes Wort der Kameradin gehängt. So war sie es selber, die ihn auf diese Spur brachte. Wenn es sonst möglich gewesen wäre, was er nun vorhat: hierdurch allein ist es unmöglich gemacht. Denn nun sieht es nach List aus, was eine unüberlegte Freimütigkeit war. List oder Freimütigkeit, beharrte der Doktor, nachdem er lange nachgedacht hatte: der Mann namens Schmitz müßte seiner Kameradin jedenfalls dankbar sein, baß sie ihn von einer Torheit abgehalten hat! ... , . „ Aber nicht, um ihn zu einer größeren zu verlerten! gab bas Fräulein sogleich Antwort. Wie sie es vorher getan hatte, stand nun der Doktor auf, aus dem Uerei chihrer Worte an das Geländer zu treten; aber er kam auf dem Fuß zurück, vor ihr stehenzubleiben, die ihn diesmal nicht einlud, zu sitzen. __ ' Ich will mich nicht länger hinter dem Mann namens Schmitz verstecken! sagte er ruhig: Darf ich Fräulein Emilie zu Ihnen sagen und wieder selber für meine Worte verantwortlich sein? Damit Sie mir aus der Patsche helfen, in die mich dieser Mann namens Schmitz brachte; denn nun werde ich wohl ausessen müssen, was der mir mit seiner Kameradschaft eingebrockt hat! Ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, daß ich kein Jüngling mehr bin, dem dies ein Vergnügen, sozusagen seine Funktion ist, sich zu verlieben. Wenn ich nicht ableugne, mit solchen Empfindungen vor Ihnen zu stehen, so ist das in meinem Alter der Lächerlichkeit nahe, eine Torheit, wie Sie höflicher sagten. Es ist aber gleichgültig, welchen Namen wir diesem Faktum geben; nur daß mich meine Kameradin dazu hat verleiten wollen, dies kann sie selber nicht glauben! So listig ist sie gewiß nicht! Das Fräulein hatte zu den Worten des Doktors stumm auf der Bank gesessen; jetzt machte sie eine Bewegung, daß er sich setzen möge; aber er wollte nicht, und sie ließ ihm den Willen. Es handelt sich, sagte sie beherrscht, wie mein Kamerad weiß, nicht um seine Gefühle. Er hat von einer Heirat gesprochen, zu der ihn verleitet zu haben ich nicht in Verdacht kommen darf. Dazu ist meine gegenwärtige Position zu gering, Herr Doktor Schmitz! Der Doktor Schmitz fehlte noch! stellte er fest und konnte seinen Zorn nicht mehr dämpfen: Wer ist es denn eigentlich, der hier zu Torheiten verleiten will? Sie oder ich? brach er los, und wehrte sich selber ab: Nein, sagte er: Ich kann hier nicht weitersprechen, wo auf der nächsten Bank vielleicht schon ein Doppelgänger von mir sitzt. Sie sehen ja, wie das heute ist, wo noch die älteren Herren an solchen Anlässen leiden! Wollen wir nicht noch eine Stunde hinaus auf den See? Ich bitte Sie herzlich darum, Fräulein Emilie! Wo kein Lärm mehr ist wie hier von der Straße da unten und wo die Lampen uns nicht auf den Kopf scheinen! — Sie brauchen sich nicht zu fürchten: ich habe zehn Jahre gerudert. Und als das Fräulein zögerte,, ließ er sich doch auf die Bank nieder. Finden Sie nicht, Kameradin, sagte er mit dem sarkastischen Versuch eines Scherzes, finden Sie nicht, baß unsere Angelegenheit sich geklärt hat? Von der Hausdame eines Mannes namens Schmitz brauchen wir nicht mehr zu sprechen; ine beiden haben einander erledigt. Die Frage ist nun ganz einfach: Kanu und will meine liebe Kameradin mich wieder verlassen, nachdem ich sie glücklich gefunden habe? Das ist die Vernunft, von der ich sie abhalten, und die Torheit, zu der ich sie verleiten will! Wir wollen gehen ein Boot zu nehmen! sagte das Fraulein gequält und stand auf. Aber der Doktor in seiner wilden Laune rief: fialt! so geht bas doch nicht! Wir müssen erst wieder unfern Vertrag schließen, damit aus der Fahrt kein neuer Streit wird. Darf ich ön sagen? Und als sie gleichsam kopfschüttelnd dazu nickte, rafft? er seine Paragraphen zusammen: Erstensi Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert wir hätten sie mit falscher Bildung um die wahre betrogen. Es ist nicht nur Sport und Tanz, was uns trennt, die bauten wir auch nebenbei,- cs ist eine veränderte Einstellung zum Leben, der wir. Alten für den Krieg und alles Elend verantwortlich sind, und mit Neckt. Wo wir aber Verantwortung tragen und wo wir uns selber treu bleiben möchten, eben da zuckt die Jugend die Achseln. Sic mag unsere Buchbildung nicht und datz wir unsere Liebe an alte Stiche, Bilder und Porzellan hängen. Sie hackst über das, was wir Vornehmheit zu nennen gewohnt ünd, und will nicht nur alles neu, sondern auch alles gleich machen, als ob jedes für jeden da sei. Wer in mein Haus tritt, macht die Türen ihrer Welt hinter sich zu, als ob er ins Kloster ginge. Aber die Klöster sind ja schon oft Schlupfwinkel für Dinge gewesen, die draußen nichts Rechtes incbr aalten, und doch ihren Wert hatten. Das vierte Bedenken betrifft meinen Sohn. Der wird äufne» den sein, daß es mit seiner Jülli nicht eilt. Er kann sich endlich sein Iunggesellcnncst mit Stahlmöbeln bauen, wie er immer schon wollte, weil er für meinen altmodischen Kram, wie er sagt, keinen 'Seranl-vörtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche UntversitätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Schmitz, beide gebürtig aus Köln, werden eine Stunde lang mit- '"Zweckens: F?äu?L^Emilie^Petersen und Doktor Herbert Schmitz versprechen einander, daß sie für diese Stunde treue Kameraden sein wollen, die weder Groll noch Mißtrauen haben. Drittens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz sind gewillt, einander auf alle Fragen aufrichtig Antnort zu geben, gleichgültig, ob dadurch die Bedenken ihrer Ehe ge- schiwicht^oder ^starkt^wcrdem wie in allen Verträgen! wiederholte das Fräulein die Antivort vom Albis,- aber der ot= tor hörte der Stimme an, daß ihr Cello verstimmt war, und tröstete sich nicht, es läge an seinen Ohren, weil ihn nun die eige- llCls>(n’ der'Bootslänge war zu Land und Wasser fröhliches Leben: und cs bedurfte manches Nuderschlags, bis ste zwar nicht allein, bocß einiacnnaficn nbfcitS der Stimmen und dichter mnren. trtt dem Doktor offenbar wohl, sich sachgemäß in die Riemen zu legen- und wenn das Fräulein in anderer Stimmung gewesen wäre Hütte sie ihm ein Kompliment machen müssen. So schwieg sie auch noch, als er die Ruder bcitrelben ließ und eine stumme Minute zu ihr hinübersah, die aus der Hinteren Bank sitzend von den Schwingungen des Bootes vor dem starrenden Lichtergrund der Stadt hin- und hergcschwankt wurde, selber "^'Ob"sie'zuerst das Wort haben wolle? fragte er, um in den scherzenden Ton der Kamerndschast zurüÄzukommen. Roch nicht! sagte sie, leise die Frage wie den Ton abwehrend. Er aber ließ das Boot beidrehen, so daß sie seitlich den Blick auf die Stadt hatten, die den breiten Talgrund mit ihrem stummen Feueriverk füllte. So sei es kein Wohnkessel mehr, gab der Doktor zu so sei es eiu Märchen, kein deutsches sondern eines aus Tausend und eine Nacht! Und weil er froh war, sprechen zu können, sing er in gespielter Harmlosigkeit an erzahlen. wie er als Student in Zürich an dieser Stelle eine künstliche Fnsel geplant und in allen Einzelheiten durchgczeichnet habe Die Verankerung sei das schwierigste gewesen, die Tragfähigkeit der Schwimmkörper natürlich eine Kleinigkeit. Zwölfeckig habe das Gebäude sein sollen, aus Eisen und Glas, natürlich ein Restaurant, zu dem man von allen Seiten hätte anrudern können. Cs sei vernünftigerweise nichts aus der Torheit geworden, obwohl er mehr Vernunft daran gesetzt habe als sonst an eine Arbeit. Er teile aber nicht die Meinung gewisser Leute, daß es die be- glückendsten Dinge wären, die sich nicht erfüllten: er sei eigentlich immer noch traurig darüber. . Der Doktor mutzte zweifeln, ob das Fräulein ihm zuhörte, die schon längst nicht mehr über die Schulter zur Stadt zuruck, sondern hinauf zum Albis sah. Mit leisem Zug und Druck das Boot wendend, blickte er selber zu dem langen Rucken hinüber, der sich ungewih aus der Wahlstatt der Lichter hob und nur gegen den helleren Abendhtmmel seinen dunkeln Rand deutlich zeigte. Die ganze Strecke sind wir gegangen bis dort, wo die Falte einschneidct! sagte er mit der Eifersucht, teilzuhabcn an ihren stummen Gedanken, und gab dem Einbruch noch eine Spitze: Man sollte von unten nicht meinen, was für ein Zickzack das oben ist. Es sieht alles nur in der Nähe so aus, als ob die Einzelheiten "'"Er"sah"deutlich, wie sie ihr Gesicht nach ihm wandte, es konnte aber auch nach der Dampfschwalbe gewesen sein, die in diesem Augenblick mit dem feurigen Schaum ihrer Lichter heranrauschte und in halber Entfernung an ihnen vorüberging. Wahrend das Boot Uber den dreifachen Wcllenwurf ihrer Schraube tn der kundigen Hand des Doktors hinübcrglitt, wäre eine Antwort sowieso verklungen: so schwieg er auch und ruderte mächtig, bis die dunklen Bauuiwölbnngen vom Belvoir sich deutlicher abhoben. Dann ivartete er ab, bis das Boot glucksend Uber das stiller und dunkler gewordene Wasser hinglitt und fragte wieder, ob die Kameradin iiuit das Wort haben wolle? , . , Noch nicht! antwortete das Fräulein zum zweitenmal: doch llang diesmal deutlich schon etwas Schalkhaftigkeit mit. Dem Doktor schien es recht, das Wort noch selber zu haben: WaS ans dem Wasser gesprochen wird, gilt nicht auf der Erde! sagte er leichtfertig und holte die Ruder ein, einen Augenblick zu bedenken, was er nun sagen wollte: , r Ich fürchte, meine Kameradin sieht immer noch zuviel Einzelheiten der Nähe. Die Hauptsache sieht sie nicht. Die Hauptsache ist, daß sie ihr junges Leben an ein altes hingeben soll. In zehn Jahren bin ich ein Greis, wenn ich noch lebe: und sie ist dann erst recht eine Frau. So bin ich ein Bettler vor ihr, der ste selber als Gabe verlangt. Ich also bin cö, der sie zu einer Torheit verleiten will, nicht sie, indem ich eine günstige Meinung von ihrem Kameraden listig ausnütze. t , Dies ist mein erstes Bedenken, sagte der Doktor, und war doch wieder ein Geschäftsmann, der seine Kalkulation auf der Sollseite 'DaS zweite Bedenken ist, daß meine Kameradin wahrscheinlich um das Schönste gebracht wird, was das Leben einer Frau oißt,- daß sic grausam an Mutterstelle gesetzt werden soll, statt selber Mutter zu sein: Mutterpslichtcn auszuüben ohne Mutterglttck. Nur der Vater, heißt es, kann eine Mutter machen: darum war die Hausdainc falsch für meine Tochter: aber es wäre kein LZpfer von ihr verlauft worden ivie dieses von meiner Frau! Das dritte Bedenken wiegt nicht so schwer, soweit ich es sehe: dock bin ick ein Mann von gestern, und die Jugend von heute sagt: ^'Das°fiinfte und letzte Bedenken aber ist schwieriger zu sagen, weil cs die geringe Position meiner Kameradin betrifft. Ich wurde kein Dienstmädchen Heiraten, wenn es noch so schon und lcebens- wert wäre, weil ich von meiner Lebensgefährtin mehr als Lieb- kosungen erwarte. Ihre Rüsche, Fräulein Emilie Petersen, w das Ehrenzeichen einer tapferen Lebenshaltung, vielleicht hat sie mich mehr als das andere tn Sie verliebt gemacht. Was Sie taten, werden wir alle tun müssen, soweit wir Nutznießer von Verhältnissen waren, die nicht mehr sind. Als meine Frau wurden Sie bald erfahren, wieviel schwieriger die Dinge werden, je mehr Sie die Einfalt der Rüsche verlieren. Es ist em Unterschied °b ch mich nuf eine Planke retten will und kann, oder ob ich für ein Schift mit seiner Fracht verantwortlich bin. Ich will mir keine neue Fracht aus Zürich nach Köln holen, sonderen eine Hand, die m,r am Steuer hilft. Denn nach diesem Nachmittag bin ich der Mann namens Schmitz nicht mehr. Die Kameradschaft a»f dem Albis da oben hat mir die Augen ausgemacht, rote abgelebt meine Tage waren, die nun nach Ihnen greifen, mich vor dem Monolog meines Alters zu retten. ~ r So, Fräulein Emilie Petersen, sieht die Torheit aus, zu„der ich Ste verleiten will, indem ich um, Ihre Hand bitte. Sie können die Torheit nur begehen, indem Sie sich aus Liebe verschenken. Von dieser Liebe freilich müßten Sic einen Ansatz spuren: sonst "^Naclchem 'der ^Dottor' 6iese Worte mit immer leiserer Stimme gesprochen hatte, schien er keiner Antwort mehr zu bedürfen. Er griff nach den Rudern und legte sich tn die Riemen, wie wenn er noch über den ganzen Zürichsee wollte. Vis das Fräulein Halt sagte und, als er nicht hörte, ihm mit der Hand winkte, die Ruder ^Möchtemeine Kameradin nun das Wort haben? fragte er wie aus dem Traum, als das Boot sich gegen sein eigenes Kielwasser stemmte. Aber daS Fräulein sagte zum drittenmal: Noch nicht! und schien beklommen, als sie ihn bat, ihr die Ruder für die Heim- ^Sic "mußten ”'S im Wechsel die Hand geben, und das Boot schwankte kurz im Ruck ihrer umschwingenden Körper; dann sah der Doktor mit heimlicher Freude, wie geübt und fest ihre Arme den Kurs hielten. Und im klaren Takt der Fahrt erkannte er die Antwort, daß sie wortlos seine Lebensgefährtin geworden war. Als sie unter der Brücke hindurch zur Bootslande einfuhren, sah sie nach seinen Zeichen, die er sportgemätz winkte: und als er ihr nach der saubersten Einfahrt vom Bord herab die Hand reifte wurde sie nicht nur zur Hilfe genommen. Ohne daß sie ein Wort der Verständigung brauchten, gingen sie dann ein Stuck an der Limmat hinunter, abseits zu sein. Auf dem Wasser hätte es nicht für die Erde gegolten! gebrauchte das Fräulein seine Worte, als sie eine Weile am Geländer gestanden hatten: doch als er wieder nach ihrer Hand greifen wollte, deren festen Druck er noch spürte, schallte sie unverhohlen und ""tzalt/so geht das noch nicht! Wir müssen erst einen neuen Vertrag machen. Er hat nur einen Paragraphen! Darf ich ihn sagen ? Und als er kopfschüttelnd dazu nickte, mutzte ste sich die Worte während der Heimfahrt ansgedacht haben: _ Emilie Petersen übergibt hiermit ihre Person Herrn Doktor Herbert Sckmitz aus Köln und wird seinen Anordnungen, welcher Art sic auch seien, vertrauensvoll Folge leisten. .. Es würde ein bihchen viel versprochen, wie in allen Vertragen, änderte der Doktor die zweimalige Antwort seiner Kameradin mn und nahm ihre Hand, sie nicht wieder loszulasscn, wahrend sie Schritt für Schritt weitergingen, wie die Flitze sie trugen. Nur daS Siegel fehlt noch! fiel dem Doktor dann ein; doch als sic erschrocken stehen blieb, es zu empfangen, griff er nach seinem Hut, der ihm schon wieder im Nacken hing, und warf ihn nut einem Schwung über das Wasser, datz er vorn Licht der Laternen gestreift wie ein rostfarbenes Wasserhuhn aussah und auch so me^rging. ne r(a()te ba§ Fräulein hinter dem munter ab- schwimmenden Filz her und sab ihren Partner vorwurfsvoll an, der mit seinem weißblonden Schopf dastand wie ein Knabe, ste aus der Wasserhelliakeit seiner Augen glückselig anzulachen. Die Götter müssen ihr Opfer haben! sagte er sein L>chulbuch auf und beugte sich zu ihr, das Siegel nicht zu versäumen.