GietzenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger • Jahrgang Freitag, den 16.Februar Nummer^ Februar. Von Ruth Schaumann. Sie sagen, daß noch Winter sei. Darin der Glanz der Sonne schwach, Ich aber spüre schon den Mai In seiner süßen Fülle nach. Sie sagen, daß der Fluß gefror Und nur getaut für kurze Zeit, Mir aber strömt sein Herz hervor Und ist dem fernen Meer bereit. Sie sagen: weh, der bittre Tod Liegt tief in aller Dinge Grund. Ich aber küsse warm und rot Der Kinder Mund und deinen Mund — Wo ist der Tod? Hermann Stehr. Zum 70. Geburtstage des Dichters am 16. Februar. Von Richard Holven, GDS. Hermann Stehr ist Schlesier, Sohn eines Sattlers, vierund- dreihigjährig, als seine erste Veröffentlichung, „Auf Tod und Lebe n", erscheint. Mit diesen Daten seiner äußeren Lebensgeschichte kann man sich begnügen, alles übrige steht in seinem Werk. Man hielt ihn, als er auftrat, für einen Naturalisten, der Dichter hielt sich in den Jahren seines Suchens vielleicht selber dafür: „Psychologische Monographien" ist der Untertitel seines Erstlings, seinen „S ch i n d e l m a ch e r" könnte man nach Turgenjew einen „König Lear des Dorfes" nennen, seine „Leonore Griebel" ist eine Nachfahrin von Ibsens unverstandenen Frauen und noch 1915 klingt es wie ein Nachhall des Naturalismus, wenn ein Korbflechterweib in dem Novellenband „Das Abendrot" sagt: „Gott wird mersch nich ibelnehmen, wenn ich barfißig zu'm komm". Aber der Naturalismus ist für diesen Sucher seines Selbsts von Anfang an frei von allen aktr- vistischen Tendenzen: das Fehlen einer seelischen Gemeinschaft zerbricht die Ehe der Bäckerstochter Leonore Griebel, die seelische Verkrüppelung ihres klumpfüßigen Gatten läßt Marie Exner ihren Gott begraben und Professor Konegen, der — in Stehrs einzigem Drama — gegen die geistliche Schulaufsicht kämpft, treibt sein Weib, dessen Liebe er ungestillt läßt, zum Betrug und Selbst- letzte Kind" ist eine Art Gegenstück zu „Hanneles Himmelfahrt", eine Begegnung zweier Dichter, welche die grundlegenden Unterschiede eindringlich macht: bei H au p tma nn ftt es wichtig, daß ein armes Menschenkind das Gotteserlebnis hat, bei Stehr ist das Menschliche nur Hülle, die vom ekstatrschen Flug gen Himmel zurückbleibt. Die Gestaltung der Wirklichkeit ist für .diesen Dichter nur ein Weg zum Ueberwirklichen. Er gestaltet weniger das äußere als das innere Leben — nicht zufällig hieß das Thema seiner Rede, die er 1930 hielt: >.Aeber äußeres und inneres Leben". In „Meta Konegen" gibt Stehr Erlebnisse seiner Volksschullehrerzeit noch als äußeres Leben wieder, in „D r e i N ä ch t e" verdichtet sich sein inneres Leben zu der Gestalt Franz Fabers, dieses Gottsuchers aus eigener Kraft. Es ist der Faber-Rebell, den wir tm „Heilig en ho f als verfolgten Arbeiterführer Wiedersehen — als er sich selbst erlöst hat, wirder letzte Wandlung des Heiligenbauern vorbereiten. Der Roman „Drei Mächte" wird zum Vorspiel von Stehrs Hauptwerk ,^er Heiligenhof", zwischen beiden Buchern liegen acht ^ahre der Vorbereitung: „Wem die Welt nicht Seele wird, findet durch ste niemals zu Gott!" .. , Die Blindheit des Sintlinger-LenleinS führt ieinen mannlich- starken Vater zum Blick ins Inwendige, das blinde Mädchen wird zum Sinnbild K?das Sehertum seines Dichter«-: «r^treses Gleichnis steckt darin, daß die Alten Homer bUnddargestellt haben und »WiS’äSS’SläPSS'Ää des zweiten Reiches unmittelbar Ausdruck. Seine Stellungnahme zum Staat von Weimar ist metapolitisch: die Novelle „Die Krähen" bekommt durch die Revolution nur Farbe, es ist der Kampf mit Jnnenmächten, der für die Gestalt des Schiebers Gub- natz entscheidend ist. Und in der erwähnten Rede kritisiert er die Auflösung der Familie, das Gesellschastschaos und fordert eine Ordnung der Mildigkeit, das Aushören des dummen, aber so verderblichen Klassen- und Ständekampses ..." Er prophezeit ein Anwachsen der Not bis zu einem Grade, „daß wir keine andere Rettung finden als die Einkehr in uns selbst" und verspricht sich vom „Durchbruch dieser Erkenntnis" den „Beginn des Aufstiegs". Alles Programmatische muß sich bei einem Dichter des inneren Lebens der Gestaltung entziehen. Aber vieles, was aus unterirdischen Quellen floß und jetzt zu Tage trat, fand in seinem Werke Ausdruck. Das Gottsuchertum des katholischen Menschen Stehr als selbständiger Kampf um Gott hat protestantische Züge, die Verschiedenheit der beiden christlichen Bekenntnisse hebt sich in seiner Religiosität auf. Seine Mystik, in der nach Jahrhunderten der Geist seines schlesischen Landsmannes Jacob.Böhme wiedergeboren wird, ist Zeugnis jenes deutschen Christentums, das von den Kirchen nicht geformt wurde. Seine Wirklichkeit ist nicht bas Zivilisatorische, sondern das Reich, das darunter liegt: sektenhafte Schwarmgeister treiben im „Heiligenhof" ihr Wesen und wenn in den „Nachkommen" der Gerber Jochen sich bewußt vom Geist seines Vaters „Nathanael Maechler" abkehrt, des unruhigen Rebellen der badischen Revolution, der im Mittelpunkt des ersten Bandes dieser Trilogie deutschen Lebens von 1848 bis zur Gegenwart steht, und die Mutter sucht, wenn dessen Sohn wiederum am mütterlichen Erbe trägt, so leben uralte mütterrechtliche Vorstellungen wieder auf. Ist es das schlesische Blut Gerhart Hauptmanns, bas ihn im christlichen „Emanuel Quint", in der heidnischen „Insel der großen Mutter" in jene Tiefen der irrationalen Bezirke langen heischt? Und tut sich die Gegensätzlichkeit ihrer Art, die schon in der Verschiedenheit des Traumspiels „Hanneles Himmelfahrt" und der Legende „Das letzte Kind" zu beachten war, nicht auch darin kund, daß der eine, der die Wirklichkeit hat, der Ironie bedarf, um sie zu überwinden, daß der andere, der Gott hat, die Wirklichkeit ins Wunderbare auslöst? Eine Welt liegt zwischen dem dionysischen Rausch der Liebe, wie Hauptmann ihn im „Ketzer von Soana" feiert, und einer für Stehr charakteristischen Liebesfeier, die Geheimnisse der Seele offenbart: „Dann sanken die beiden in den Liebesspiegel, der glückhaft und heiß wie je durch sie hinzog, und keinem kam der Gedanke, daß aus dieser seeligen Verschmelzung die lautlosen Hämmer der Notwendigkeit ein neues Glied der Schicksalskette zu schmieden begannen, an der das Geschlecht der Maechler über die Erde geführt wurde." Hermann . Stehrs Romane gehören der musikalischen, nicht der plastischen Gattung an. Mystik ist schweifend, ist unendlich, ist gestaltlos. Seine Menschen sind Instrumente eines Orchesters, das der göttliche Schöpfer spielt. Stehr ist die verehrungswürdigste Gestalt des heimlichen Deutschland, sein reichster dichterischer Besitz. Seine Deutschheit ist eine unterirdische Melodie. Wenn er einen Wald schildert, .werden Stämme und Zweige seiner Bäume zu Säulen und Bögen eines gotischen Doms, wenn er uns in die westfälische Landschaft des „Heiligenhofs" versetzt, steht die Welt der Wiedertäufer wieder auf. Der Gehalt seiner Dichtung ward vom schlesischen Raum, ihre Gestalt von der Entstehung des deutschen Romans bestimmt, sie ist tiefbegrünöet durch die Zeit — die Bekenntnisse des Pietismus, die Autobiographien des achtzehnten Jahrhunderts sind die Urform von Stehrs Romanen. Hier ist arteigene Kunst jenseits des Schlagworts: sie erneuern die Tradition der großen deutschen Entwicklungsromane und sind in die Reihe der europäischen Sft- tenromane nicht einzuordnen. (In dieser Begrenzung ist aber auch die Ursache zu suchen, warum sich Stehrs Schöpfungen dem Ausland weniger leicht erschließen als manches zeitbetont-europaftchere Werk minderen Werts. Und es liegt an einer sehr deutschen Eigenschaft Stehrs, baß sie auch in Deutschland wohl köstliches Gut der Wenigen wurden, aber nicht ins Volk gedrungen sind: daß er ins eigene Ich horcht, um im Durchdringen der Welt Gott nahezu- Romane „D r e i N ä ch t e" und „P e t e r B r i n d eise - n e r" sind geradezu Lebensbeichten. Die Form des mündlichen Berichts gibt der epischen Dichtung ihren urtümlichen Sinn. Wenn Stehr gar im „Peter Brindeisener" die Geschehnisse des „Heftigen- hofs" noch einmal von der unheiligen Seite der den Sintlinaern feindlichen Brindeisenersippe aus erzählt, bekundet dieses Bon- vorn«anfangen ein deutsches Suchen nach bcm letzten Sinn, diese Spiegelung wird zu einem mittelalterlichen Mysterium, das den Menschen inmitten von Mächten des Himmels und der Hölle auf Erden wallen läßt. Heimweh. Bon Max Dauthenbey. Gerne möchte ich die Hände falten Ithö die Wege gehen, die erinnerungsalten. Möchte meine Heimatnächte wiedersehen. Ach, nun singt die Amsel bei der Röte Schmaler Abendwolken im Holunder, Hier im Reisfeld gurgelt die Posaunenkröte, Und zum Himmel spreizt sich Palmenplunder. Ach, daheim der Mondstrahl überm Flieder! — Hörst du nicht der Gartentüre Klinke? — Liebste, steig die hellen Stufen nieder, Und ich steh' im Hohlweg unten, winke. Und wir wandern um das kleine Haus, Sitzen unterm alten Apfelbaume. Und der Nachtigall geht die Lust nicht aus, Und der Mond, er krönt uns in dem ewigen Raume. Germanische Götter. Von Wilhelm Schäfer*. Freya und Fro. Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Bauen, Heilzeugen himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Äsen: ihr Teil war die fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne. Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling; es dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die glückhaften Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung. Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger: der Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte die Erde bestrich. Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen Einkehr, wenn er aus Alsheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit Kränzen und dankreichem Opfer. Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle Erscheinung; ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne. Keinem der Äsen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme: strahlengekrönt von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte am Mittag im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder hin in den glühenden Abend. Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die Wolken glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck Brisinaamen hing, das köstlichste Kleinod der Welt. Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene Glut des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und trugen es glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht. So hielten die Banengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten der Götter; sie waren den Äsen vergeiselt im schuldvollen Kampf um das Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen Tage. Donar. Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit er die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente durchzuckte. Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit zackigen Sprüngen. Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns, wenn er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden Funken: dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich die Kreatur, bis fein Bocksgespann donnerrollend verscholl. Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt machte in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die Lenden geschürzt, aber so fern feine tollkühne Fahrt in die kalte Dunkelheit führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den Göttern zur Lust, die längst in Ungeduld harrten. Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blttzeblinks Bau, wo er die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß die Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten. Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Berrat das Vorrecht der Äsen gefährde: wie er, der Kimmelsgott, tat im Gleichmaß ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft feiner Faust und in der Furcht feiner Strafe. * Bgl. den ersten Aufsatz in Nr. 11 der Familienblätter vom 9. Februar. Loki. Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der Frühe die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard, und die Äsen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel brachte. Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit dem Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem Riesengeschlecht, wenn es ihm paßte, und höhnte der Asengewalt. Als ob er der Nomen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als Schalksnarr, und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanenge- walt: so hielt er das Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel das göttliche Schellenspiel an. Der Dämon aber der Ränke und ruchlosen Rede schwoll auf und wurde dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut: Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den f'^en Strömen der Unterwelt hausend das Ende der Taten empt.ug; da hielten sie alle den schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins Schattenreich kamen, Menschen wie Götter; im Schicksal der letzten Erfüllung. In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt, schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen Midgardschlange: Urfeinbin dem asischen Göttergeschlecht, und allen Glanz Asgards unentrinnbar umschließend. • Stärker als Gert und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris, der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert stak ihm quer in dem feurigen Rachen. Aber einmal ritz er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mtmirs nicht mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem Uebermut seiner Götter. Baldur. Näher als alle asiatischen Götter stand Baldur den Kindern der Bauen: der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die schwellende Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte. So licht war fein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im Vlütenkleid spielte. Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn, früh zu sterben im Schicksal der Nomen bestimmt sei. Frigga, die bangende Mutter, nahm allen Sen Schwur ab, tot und lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Waffer und Stein: daß keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid auö Liebe mit Eifer. Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte ihm Leides antun, der lächelnd abwchrte, als Sieger im Scherzspiel der Götter. Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als Weib entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch allein nicht in Baldurs Liebesbann sei. Da gab er dem blinden Höduö den Zweig der Mistel zur Hand, den Bruder zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims Nacht. Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und erstarrt, die starken Äsen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß ihrem Dasein für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere Spiel. Ans seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und langsam den Blicken entschwand. Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendiag, von den Bergen lodernd bis Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende Frühling, fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten den Abschied zu leuchten. Vom Bauernkrieg zur nationalen Revolution. Von Br. Wilhelm Gemperle. Mit schweren Schritten geht der Bauer hinter seinem Pflug über die Erde, die ihn mit ihren ganzen Kräften hält, die ihm Nahrung und einen Beruf bietet, den er nicht nach Belieben wechseln könnte, wie Konjunktur und Erfolg es gerade vorteilhaft erscheinen lassen. Der Rauer ist mit festeren Bauden an seinen Boden gebunden. Uralte Ueberlieferung der Ahnen, der ewige Rhythmus der Natur und das trotz aller Neuerungen unveränderte Antlitz feiner engeren Heimat haben ihn zu einem beharrlichen und bedächtigen, zu einem eher verschlossenen als anpassungsfähigen Menschen gemacht, sie haben seinen konservativen Geist geprägt, den kaum eine Zeit für die, Dauer von seinem Urquell abziehen, seiner Scholle abspenstig machen kann. Scheint es deshalb nicht ganz natürlich, daß der Bauer in Revolutionen, in Epochen der sozialen und politischen Spannungen abseits steht oder gar alle Macht und Gewalt einsetzt, um das Bestehende zu erhalten und das Neue mit Mißtrauen und Haß zu bekämpfen? Auf den ersten Blick scheint die Geschichte dieser Auffassung Recht zu geben, wenigstens von der großen französischen Revolution ab, die ebenso wie ihre Nachfolgerinnen tu Frankreich, Deutschland und in den anderen europäischen Staaten eine Tat der Städte war, der Bürger und später des vierten Standes, des Proletariates. Nur auf dem Asphalt der großen Städte, inmitten von Elend und Glanz, in dem rasenden Wechsel der menschlichen Schicksale konnte in der modernen Gesellschaft dre Stimmung von Erbitterung, Ungebundcnheit und Auflehnung erwachsen, die den Borabend jeder Revolution der letzten Vergangenheit kennzeichnet. Haus und Hof, die dem Bauern das Gefühl der Sicherheit geben, scheinen ihn also zu einem Revolutionär ungeeignet zu machen, der alles im Stiche läßt, um sich rücksichtslos für eine neue Idee, für einen neuen Staat einzusetzen, denn die wichtigste aller revolutionären Notwendigkeiten, die Bildung von marschbereiten und kampffähigen Formationen, scheitert an seiner festen Verwurzelung mit der Erde. Gewiß: Patriotismus und politische Leidenschaft sind bei ihm schwerer entzündbar, bas Hcimatsgefühl in seiner Vaterlandsliebe und die häufig religiöse Ehrfurcht vor der Autorität sind konservative Kräfte. Und konservative Revolutionäre? Wir haben unseren Blick zu lange an dem Bild der „fortschrittlichen" und proletarischen Revolutionen geschult, um in dieser Wortverbindung nicht einen Widerspruch zu sehen. Erst der Rembrandtdeutsche Langbehn und Möller van den Bruck verkündeten seit langem wieder eine Politik von konservativer und zugleich revolutionärer Gesinnung. Sind es die edelsten Werte, die konserviert, die erhalten werden wollen, dann vermag auch der revolutionäre Funke in solchen Gemütern zu zünden und sie zu politisch weitausgreifenden Handlungen auszurufen. Der Bauernkrieg und seine Vorläufer ist eines der großen und tragischen Beispiele in der deutschen Geschichte: es zeigt den Bauern als konservativen Revolutionär gegen politische Mächte, die die unantastbare Würde der heimischen Erde und die Reinheit des religiösen Erlebens bedrohen. In den Anfängen jedenfalls war es keine Bewegung eines verelendeten Standes, um wirtschaftliche Nöte zu bannen. Es war der Kampf einer bodenständigen Schicht um die Wiederherstellung des ursprünglichen, von der germanischen Ueberlieferung geweihten Rechtszustandes. In den fürstlichen Kanzleien erhielt der römisch-rechtlich gebildete Jurist eine immer größere Bedeutung. Ein fremdes und dem Volksempfinöen häufig widersprechendes Recht vernichtete ein Stück der bäuerlichen Gerichtsbarkeit nach dem anderen. Damals setzte bereits eine Entwicklung ein, die den Boden dann später zu einem Marktobjekt, zum Gegenstand der Spekulation herabwürdigte. Auch im Geld- und Kreditwesen begann die Auflehnung gegen einen vielerorts eingerisienen wucherischen Mißbrauch, einen der ärgsten Würger freien Bauerntums. Eine der Hauptforderungen des Bundschuh im Bauernkrieg war deshalb, das Zinsnehmen zu verbieten. Eine fünfprozentige Abgabe sollte nicht als Zins, sondern als Abgabe gelten. Der Drang nach einer Säuberung der christlichen Kirche von „Pfaffcnmißbrauch" und „Pfrün- denwirtfchast" war eine der mächtigsten Antriebsfedern. Die reformatorische Gesinnung war sehr stark in den Reihen der Bauern. Ucberall aber spürte man die Zeichen volksfremder oder gar volksfeindlicher Gewalten und sah den Bauern von seiner großen Aufgabe für die Erhaltung der Volkswirtschaft abge- drängt. Das bekannte große Werk von Wilhelm Zimmermann, das jetzt wieder in einer Neuauflage unter dem Titel „Der deutsche Bauernkrieg" in ausgezeichneter Bearbeitung von Gottfried Falkner im Verlag „Das Bergland-Vuch", Graz, erschienen ist, hat dieses „größte Ereignis der deutschen Geschichte", wie Ranke es nennt, zu einseitig geradezu als Ausdruck eines Fortschrittsgeistes dargestellt und dabei den konservativen Charakter dieser Revolution verkannt. Ueberall, wo die Aufruhrbewegung der deutschen Bauern zu Beginn des 16. Jahrhunderts aufflammte, in der Schweiz, am Rhein, in Süd- und Mitteldeutschland, war es dte gleiche Erinnerung an Zeiten freieren Bauerntums und die Hof^ nung auf ein gerechteres Regiment der Obrigkeiten. Wenn anch viele Gründe zur Entstehung der Vauernunruhen mrteinander verflochten waren, so kehrte doch derselbe Leitgedanke immer wieder: nur ein gleichberechtigtes freies Bauerntum, das nicht der Willkür der Territorialfürsten und geistlichen Machthaber ausgeliefert ist, kann das Reich sichern. Damals schon entstand der Gedanke eines Ltalkskaisers", mit dem sich sehr häufig das Erwachen des nationalen Ehrgefühls wie z. V. bei Karls des Kuhnen Angriff auf die Rheinlande im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts verband. Materielle Not und Machttrieb haben gewiß manchen Bauern zum Aufrührer gemacht. Der tragende Untergrund aber war sittliche Empörung, verletztes Gerechtigkeitsgefühl mrd twfstes religiöses Verlangen. Das Schlagwort vom „Göttlichen Recht oder der „Göttlichen Gerechtigkeit" hatte dem Bundschuh schon in den Anfängen Kraft gegeben. Man wollte wieder die Recht»- und Sittenauffassungen, wie sie aus dem