Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Zahrgang (934 Freitag, den J5. )uni Nummer 45 Kleine Ballade. Von Detlev von Ltltencron. Hoch weht mein Busch, hell klirrt mein Schild Im Wolkenbruch der Feindesklingen. Die malen kein Madonnenbild Und tönen nicht wie Harfensingen. Und in den Staub der letzte Schelm, Der mich vom Sattel wollte stechen! Ich schlug ihm Feuer aus dem Helm Und sah ihn tot zusammenbrechen. Ihr wolltet stören meinen Herd? Ich zeigte euch die Mannessehne. Und lachend trockne ich mein Schwert An meines Hengstes schwarzer Mähne. Sprengpatrouille. Von Hubert E. Gilbert. (Copyright 1934 by Gerhard Stalling A.-G., Oldenburg t. O.) Mit Genehmigung des Verlages Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. / Berlin, veröffentlichen wir aus H. E. Gilberts Buch „Drei Krieger", Roman des Front- ofsiziers, den nachstehenden Abschnitt. Am 12. September erlosch auch am Kotraabschnitt der russische Widerstand. Sengend und brennend zogen sich die Russen weiter rach Osten zurück. Ihre Bewegungen waren nicht mehr ein geord- «eter Rückzug zu nennen. Es war mehr eine regellose Flucht geworden. Auch der Umstand, daß der Zar, ein schwacher und allem Kriegerischen abgewendeter Mann, den Oberbefehl persönlich überrahm, konnte die Zeiger der Schicksalsuhr nicht zurückdrehen. Die erschöpften deutschen Truppen folgten unaufhörlich. Brot hatten sie schon lange nicht mehr gesehen. Die Verpflegungskolonnen kamen richt nach. Munitionskolonnen hatten den Vortritt. Das Salz legann zu mangeln. Der Regen rann seit Tagen in Strömen. Die Division der leiden jungen Gregersdorsfs rückte auf Lida vor. Frühmorgens Vormarsch, mittags eine kurze Rast ... weiter, bis der Abend kam i nd die Truppen erschöpft ans das nächste beste Lager sanken. Die Infanteristen besaßen keine Strümpfe mehr. Die Wäsche war verlaust, die Tornisterriemen scheuerten und drückten. „Mein Korpus sieht aus wie ein alter Perserteppich", meinte ein kriegsfreiwilliger Unteroffizier der Maschinengemehrkompanie k-regersdorff zu seinem Nachbar, einem Vizefeldwebel, sonst Ne- gicrungsbanführer in Magdeburg. „Ich weiß! Nur stellenweise behaart! Diese Läuse ... es ist eine lausige Zeit!" „Eine große Zeit!" „Auch das ... aber man fällt bald von's Gerüst!" sagte der Pize und klopfte den Hals seines „Panjepferdes", das er vor einigen Tagen „erobert" hatte. Hans hatte nachgerade die ganze Kompanie beritten gemacht. Diese Pferde waren hart und beanspruchten kaum eine Pflege. * Der Divisionskommandeur, Exzellenz Scharf, ritt an der Marschkolonne vorüber. „Leutnant von Gregersdorff", rief er, als er Hans erreicht hatte, der müde der Kompanie vorausritt. Hans wendete sich um. „Nanu?" dachte er. „was will denn der von mir?" Er warf das Pferd herum und ritt an die linke Seite des Generals. „Sprechen Russisch?" fragte der General. „Nicht doll, Exzellenz, meine Mutter ist Russin ... ich spreche es leidlich ans, aber nicht gerade fließend." „Mhm... ich suche einen Offizier, der ... die Bahn im Rücken des Gegners unterbrechen kann ... mit Flieger nach drüben ... kni den ... sprengen ... der Deiwel hilft ihm zurück ... böse Lache ... sehr ehrenvoll." „Mache ich, Exzellenz." „Ueberlegen Sie sich's!" „Ich brauche nicht zu überlegen, Exzellenz ... sowas hab' ich wir schon lange gewünscht." „Uebergeben Sie die Kompanie dem ältesten Offizier und kom- oi cn Sie mit." „Zu Befehl!" Hans ritt zu seinen Offizieren, sagte kurz, daß er eine eilige Sache in ein paar Tagen zu erledigen habe, drückte ihnen, dem Feldwebel, seinem Burschen die Hand und galoppierte dem General nach. * „Alles klar?" fragte ber kleine Leutnant Schütz von der Feldfliegerabteilung 125 den Leutnant von Gregersdorff, der über seine deutsche Uniform den Rock eines russischen Offiziers gezogen hatte und sich gerade auf dem Beobachtersitz des Albatroszwei- dcckers festschnallte. „Ja, alles klar wie dicke Tinte ... Sprengmunition, Kavallerie- znnder, Zündapparat und Fressalien. Zu schleppen werde ich haben ... zu schleppen!" „Dann los!" rief Schütz und die Monteure warfen den Propeller an. Der Apparat brummte in tiefen Tönen, dann wurden die Holzklötze unter den Rädern entfernt und der Apparat kam ins Rollen. Er raste einige hundert Meter über das freie Feld und hob sich dann. Hans sah, wie die Gegenstände am Boden immer kleiner wurden, wie der Wald unter ihnen schwand und sie über Felder und kleine Flußläufe flogen. Die Häuser sahen aus, als hätte man sie aus einer Spielzeugschachtel genommen. Die Sonne kam im Osten über den Horizont und blendete die Augen. Der Höhenmesser zeigte schon 800 Meter. „Ueberall Wälder, dieselben Dörfer und Felder ... wie soll man sich da zurechtsinden", dachte Hans. Aber der kleine Schütz kannte seinen Weg. Er sah kaum auf die Karte. Sie kamen über einen größeren Ort. Schütz schrieb ein Wort auf einen Zettel und reichte ihn über die Schulter an Hans. Bei dem Gedröhne des Motors und des Propellers konnte mau sich nicht unterhalten. „Oschmjana", stand auf dem Zettel. . Nun mutzte Hans, wo sie waren. Weiter ging es nach Osten. Nach einer guten halben Stunde waren sie da, wo sie landen wollten. Mvlodetschno war ihr Ziel. Mvlodetschno war ein Bahnknotenpunkt, wo die Bahn Wilna— Minsk und die Bahn Bologoje—Mvlodetschno zusammentrafen. Gelang cs, die Bahn an diesem Knotenpunkt nachhaltig zu zerstören, so war es vielleicht möglich, das strategische Ziel, die Umfassung der russischen Hauptarmee, Lu erreichen. Ueberall hatten die beiden Flieger auf ihrem Wege hinter der Front russische Biwakfeuer, Zelte und Truppenansammlungen ge- sehen. Sie waren auch beschossen worden, doch war es kaum möglich, sie in ihrer Höhe zu erreichen. Noch lag Mvlodetschno in tiefer Ruhe. Auf dem Bahnhöfe fauchten einige Lokomotiven. Hans sah den weißen Rauch stoßweiße aus den Schornsteinen quellen. Vier Kilometer nordwestlich der Bahnhofsanlagen wollten sie auf einer Wiese mitten im Walde landen. So hatten sie es sich nach der Karte zurechtgelegt. Ssabolotje hieß das nächste Dorf und konnte nur aus wenigen Hütten bestehen. In Spiralen ging Schütz herunter. Er hatte den Gashebel heruntergedrückt und das Gas weggenommen. Lautlos senkte sich der Apparat. Es war noch, sehr früh und niemand auf den Feldern. Nach einigen Minuten atemloser Spannung setzte der Apparat sanft auf der Wiese auf und rollte noch hundert Meter weiter. „Glatt!" rief Hans und machte sich daran, seine Sachen auszupacken. Schütz half ihm, den schweren Rucksack über die Schultern zu nehmen. In jeder Hand trug Hans noch ein Paket. Die Karte hatte er in einem Zelluloiöetui vor der Brust hängen. „Stellen Sie erst mal ab und werfen Sie mir den Propeller an! So einfach ist das nicht!" murrte Schütz. Hans half ihm beim Herumrollen des Apparats, wartete geduldig, bis Schütz fertig war und reichte ihm die Hand. „Gruß daheim", sagte er. _ „Hals- und Beinbruch", wünschte Schütz und klopfte Gregersdorff auf den Rücken. Dann kletterte er in den Apparat. Hans warf den Propeller an und der Apparat startete glatt. Nach wenigen Minuten sah Hans nur noch ein Pünktchen, das sich immer mehr nach Westen entfernte. * Ihm war doch etwas bange, als er sich auf den Weg machte, nachdem er sich genau nach der Karte überzeugt hatte, wo er sich befand. Sie ivaren etivas weiter nach Norden gekommen, als sie zuerst beabsichtigt hatten. Das bedeutete für Hans eine noch größere Strapaze, als es ohnehin war, denn nun mußte er das schwere Gerät uoch weiter schleppen. • Er iah sich um. Nichts zu sehen. Niemand. Nur die Vögel sangen in den Zweigen. Ein Specht hämmerte tm nächsten Waldstück. ging weiter. Was mochte die Frau ge- nicht viel! Ein Offizier, der von der Euer Hochwohlgeboren", hatte sie ihn beschloß, sie in der Nacht in einer leeren * aber sie wehrte ihm. Hans bedankte sich und dacht haben? Vermutlich • Truppe abgekommen ist! „Wyssoko Vlagorodje! < genannt. Er sammelte Pilze und 1 Konservenbüchse zu braten. ^>ans schritt aus den Wald zu, den er durchqueren mußte, um an die Bahn zu gelangen Im Walde, dessen tiefes Dunkel ihn umfing, kam er nur langsam durch das dichte Unterholz »oim- fster war seit Menschengedenken kein Förster tätig gewesen. Vielleicht gehörte der Wald auch niemandem? Pilze wuchsen in Unmassen, das Moos war dicker at§ zwei Ziegelsteine und der Fuß versank darin rote in einen Teppich. Nach einer halben Stunde wurde es licht. Wenige Schritte und Hans stand vor einer weiten Wiese, die niemand gemäht hatte, und im Hintergründe, etwa zwei Kilometer entfernt, sab er den Bahnkörper. Hier, quer über die Wiese konnte er nicht gehen. Dav iväre zu ausfällig gewesen. So drückte er sich am Waldrand entlang nach Norden, richtete an einer Stelle, die er sich leicht merken konnte, ein „Depot" ein und marschierte erleichtert werter. Er nahm nur das Material zu einer Sprengung und die Mauser mit Nach zwei Stunden gelangte er an eine Stelle, wo der Wald die Bahn erreichte. Vorsichtig pürschte er sich an den Bahnkörper, erkletterte ihn und legte das Ohr auf die Schienen: ... Nichts! Dann befestigte er Sprengkörper um Sprengkörper an den Schienen, da, wo sie über eine kleine Brücke führten. Der Zünder wurde angebracht und eine Zündschnur, die etwa fünf Minuten brannte. Den elektrischen Zündapparat brauchte er ^EDas^Streichholz flammte auf. Er zündete sich eine Zigarette an, sog die ersten Züge ein und hielt dann das glühende Ende °n D^as^Zündpulver sprühte auf, und Hans sagte laut: „Nix wie weg!" Damit verschwand er im Walde. Nach fünf Minuten hörte er hinter sich dre Detonation. Er lächelte befriedigt. An diesem und dem folgenden Tage knallte er noch dreimal in der Umgegend von Molodetschno. Die Rusten fuhren wie rasend auf Lokomotiven und Dräsinen die Bahnstrecke entlang. Kosaken suchten die Umgegend ab. Sie fanden nichts. Zuletzt wurde ein Transportzug, der aus Wileika kam, int Walde bei Domanowa zur Entgleisung gebracht. Hans hatte schon die Sprengladung angebracht, als er in der Ferne das Rollen eines Zuges hörte. Er befestigte den elektrischen Glühzünder, legte rasch die Leitung nach einem dreihundert Meter int Walde liegenden Punkt, von dem aus er die Lokomotive sehen konnte, schloß die Litze an den Zündapparat an und steckte den Kontaktschlüssel in den Kasten. „ „ Noch bange vier Minuten hatte er zu warten. Es war alles so schnell gegangen, daß er nicht mit Sicherheit wissen konnte, ob alles in Ordnung war. Da fauchte der Zug langsam heran. Als die Lokomotive zwei Meter vor der Stelle war, wo 6te Ladung lag, drehte er den Schlüssel herum. Ein ohrenbetäubendes Krachen ... dann noch eins. ~ Der zweite Krach war die Explosion des Kesiels. Hans war mit seiner Aufgabe zu Ende. Er drückte sich in den Wald und lief. Hinter ihm und rechts und links klatschte es in den Bäumen. Die Russen schossen, wie wenn sie "dafür bezahlt würden. Wahrscheinlich hatte einer die Leitung entdeckt, sonst hätten sie die Richtung nicht gewußt. Er rannte eine kleine Stunde und verkroch sich dann in dichtes Gestrüpp. Speck hatte er noch und einen Kanten Brot, auch Kolapastillen und Bonbons. Also frühstückte er. Dann ging er weiter nach Westen durch den tiefen Urwald. Baumriesen, die das Alter gefällt, lagen über seinem Pfad. Nach der Karte waren kaum Ansiedlungen in der Nähe, aber immer paßte er auf. Es ging nms Leben. Erwischten die Russen ihn in russischer Uniform, so konnten sic ihn nach Kriegsrecht an die Wand stellen und erschießen. Trug er aber deutsche Uniform, so konnte er keinem Menschen in den Weg treten. Die Nacht verbrachte er im Gebüsch und fror gegen Morgen jämmerlich. Der Hunger begann ihn zu plagen. Er lief weiter und kam gegen Mittag mitten im Walde an ein Hans. Russisches Geld hatte er mitbekommen. In dem Hanse war nur die Frau des Waldwärters und einige Kinder. Sie lachte freundlich, gab Hans, dessen Russisch sie kaum verstand (was aber nicht an ihm lag), Milch, Eier und ein Stück Brot. Er wollte bezahlen. Fünf Tage später wurde eine Dragonerpatrouille bei Gawe- nowitschi, südlich von Smorgon, von einem Russen angerufen, der plötzlich aus dem Walde trat. „Nicht schießen! Gute Leit!" äffte der Rusie die Juden nach, die so liefen, wenn deutsche Truppen in die Städte kamen, obwohl ihnen kein Mensch etwas Böses tat. „Komm her, Panje-!" sagte der Dragoneroffizier und hielt feinen Fuchs an. Der Russe kam heran und knöpfte feinen Rock auf. Darunter war eine feldgraue Uniform zu sehen. Auch feldgraue Hosen hatte der „Rusie" an. „Da staunen Sie vielleicht, aber ich bin wahrhaftig der Leutnant von Grcgcrsdorff." Hastig erzäblie Hans von seinem Auftrag. „Bitte, Sie brauchen mir nicht zu glauben, aber nehmen Sie mich mit zu Ihrer Division ... hier haben Sie sogar mein Schießeisen." Damit reichte er dem verblüfften Dragoner die Mauser. Der Dragoner ließ Hans auf ein Handpferd aufsitzen und ^^Der 'unrasierte Kerl, der sich tagelang nicht gewaschen haben mochte, bas wollte ein deutscher Offizier sein? Man wurde ja sprach kein Wort mit Hans, der belustigt zusah, wie er von zwei Dragonern in die Mitte genommen wurde. Schweigend Am^Abend wurde er int Divisionsstabsquartier der Kavalleriedivision ganz fürchterlich gefeiert, nachdem die Angaben über feine Person nachgeprüft worden waren. Bei feiner Division, die er am andern Tage bei strömendem Regen in der Nähe von Bogdanow erreichte, hatte man ihv Ichon für verloren gehalten. Die Umklammerung öer Nüssen mar fliegt gelungen, weil die Kavallerie, die zu ermüdet war, um dre Marschziele zu erreichen, den Ring nicht völlig hatte schließen ^""Großartig haben Sie es trotzdem gemacht, kleiner Gregers- dorff. Ich werde dem Alten schreiben. Vielleicht freut er sich auf dem Krankenbett." Das sagte der Divisionär zu Hans, der dadurch von der Verwundung des Vaters erfuhr. Er war bleich geworden. Aber die Exzellenz'beschwichtigte ihm „Wollen Sie Urlaub haben?" ,, . „ „Wenn Vater krank und nicht in Gefahr ist ... nein, Euer Exzellenz, meinen gehorsamsten Dank ... aber Nicht für einen ^°Der'°General' lachte belustigt über die burschikose Ausdrucksweise. Aber Hans hatte einen „Stein im Brett und durfte sich so etwas erlauben. Otto war ärgerlich, als Hans ihn besuchte. „Nichts wie Blödsinn. Darin gleichst du ganz dem Alten. Immer die Nase da, wo geschoßen wird." „Und du hast dein E.K.I wohl bei der Feldbackerei bekommen? fragte Hans. „Halt dein dämliches Maul! * Die ermüdeten deutschen Truppen blieben in den Stellungen, die sie jetzt, Ende September 18, erreicht hatten. Es kam der Befehl sich einzugraben und mit dem Stellungsbau zu beginnen. Das bedeutete das Ende des Bewegungskrieges. Stumpf und teilnahmslos lagen die Russen gegenüber. Sie hatten in dem kurzen Sommerseldzuq drei Millionen Menschen verloren. Zwei Millionen tot, eine gefangen. Die Zahl der verlorenen Geschütze ging in die Tausende. Aber zum Frieden war man in Petersburg weniger als je geneigt. Als Großwildjäger in der Mandschurei. Erlebnisse von Ulrich von Riet. Wie ich als Seemann von Hamburg nach China kam — wie ich in Tsingtau wegen schlechten Essens und noch schlechter Behandlung heimlich von Bord floh — wie ich mich dann in allen möglichen Berufen in China herumtrieb bis ich zwischen die kämpfenden Heere zweier Revolutionsgenerale geriet, wo die Lust so dick war, daß ich unter Lebensgefahr nach der Mandschurei flüchten mutzte — das alles erzähle ich vielleicht ein anderesmal. Niemandsland. Mein Bedarf an Bomben und Granaten war von der Westfront her noch ziemlich gedeckt,' die Mandschurei, so hieh es damals, sei ein wahres Paradies gegen China. Ein solches war sie zweifellos, wenn auch nur für die Abenteurer aller Länder, die sich dort sammelten, denn das riesige Land war strittig zwischen China, Japan und Rußland. Es herrschte völlige Gesetzlosigkeit; die wahren Zerren des Landes waren bie'großen Räuberbanden, die in den Wäldern hausten. Zu ihnen gesellten sich unzählige Fremde — Weißrussen, sibirische Sträflinge, amerikanische Goldsucher, japanische Agenten, viele Deutsche und andere Westeuropäer — aber alles Leute, die es für richtig hielten, sich einige taufend Kilometer weit von ihrem heimischen Staatsanwalt zu entfernen. Gemischte Gesellschaft. Dementsprechend waren auch die vier Jäger, mit denen ich dort eine Zeitlang zusammen jagte: ob sie wirklich so hießen, wie sie sagten, weiß ich nicht, glaube es aber kaum. Da war zunächst ein f>err Knips, ein gedienter deutscher Infanterist, der dann Fremdenlegionär in Algier, Madagaskar und Tonkin gewesen war. In Tonkin war es ihm gelungen, über die chinesische Grenze zu flüchten, worauf er ganz China zu Fuß durchquert hatte, um schließlich als Pelzjäger in der Mandschurei zu landen. Der zweite war ein Herr Kostka aus dem schönen Polenlande, der sich aber in allen Sprachen über seine Vergangenheit ausschwieg. Der Dritte war ein Herr Ahlfeld, angeblich ein gewesener Offizier, der sich dadurch auszeichnete, daß er unbestritten den Wodka- Rekord hielt. Auch er redete nicht von seiner Vergangenheit — nicht einmal im Schlaf oder im Rausch. Herr Boboschin. Der Vierte und Gewichtigste endlich war ein gewisser Boboschin, ein geflüchteter sibirischer Sträfling, der wegen dreier kleiner Auseinandersetzungen, die jedesmal dem anderen Teil das Leben gekostet hatten, nach Kara lsibirisches Goldbergwerk) verschickt worden war. Dort hatte es ihm aber nicht so recht gefallen — er hatte eine Luftveränderung gesucht, doch hatte er fein „Fortkommen" erst gefunden, dachdem er einen Wärter von den ' Qualen dieses irdischen Daseins befreit hatte. Seitdem beglückte er die Mandschurei mit seiner Anwesenheit. Er war 2,06 Meter arob hatte ein Lebendgewicht von 240 Pfund und dazu Hande wie Kommisbrote — es war nicht rötlich, ihn schief anzusehen, denn er schrieb eine entsprechende Handschrift! Aus einen fünften Totschlag wäre es ihm sicher nicht angekommen. Feuerprobe. Ich zog, wie sich denken läßt, nicht ganz freiwillig in dieser erlesenen Gesellschaft in die Wälder, aber Hunger tut weh und ich hatte fast nichts mehr zu verlieren. Man war bereit, mich mitzu- nchmen, weil ich ein guter Schütze war und weil ich eiqe Pirsch- büchse Modell 88 sowie eine Doppelflinte Kaliber 12 nebst reichlicher Munition besaß. Immerhin mußte ich vorher eine kleine Nervenprobe ablegen, denn die Jäger konnten doch keinen brauchen, der dann vielleicht im Augenblick der größten Gefahr versagte. Diese Probe bestand darin, daß Boboschin mir schmunzelnd einen ausgedienten Kochtopf in die Hand drückte, den ich mit aus- gestrecktem Arm ruhig halten mußte. Darauf schossen die anderen aus 150 Meter Entfernung Scheibe! Ich gestehe, daß es muh am ganzen Körper wie von Ameisen kribbelte; ich mußte die Augen zumachen und die Zähne zusammenbeißen, denn ich durste mich ja nicht blamieren! Es schoß übrigens keiner vorbei. Nachher hiett Knips seelenruhig lächelnd den Topf und ich durfte schießen, -jd) traf dabei so gut wie die anderen. Damit hatte ich die erste Probe bestanden und wurde als Gehilfe ausgenommen — allerdings bestand meine Arbeit zunächst nur in der Besorgung der Küche. Nur gelegentlich wurde ich auf Schwarzwild mitgenommen. Außerdem hatte ich die Fanglinie für die Fuchseisen, in denen sich Marder, Iltis, Luchs und Wolf fingen, zu besorgen. Der Tiger. Bald aber kam der Tag, an dem ich zum erstenmal auf Großwildjagd mitgenommen wurde — zunächst auch wieder nur zur Probe. Der gewaltige sibirische Tiger ist dort noch zremlrch häufig. In unserer Nähe war eine Holzkonzession, in der die geichmgenen Stämme auf Felöbahngleisen mit Pferden abgeschleppt wurden. Hinter einander waren zwei solche Gespanne dem Trger zum Opfer gefallen — und diesen sollten wir schießen. Da da-- Fell einen schönen Betrag einbringt, ließen wir uns das nicht zweimal sagen: vier Tage waren wir hinter dem Tiger her, bis wir ihn schließlich stellen konnten. Die große Katze lag zulammengerollt in einem Dickicht. Nun erhielt ich von dem schmunzelnden Boboschin den ehrenvollen Auftrag, mich so nahe als möglich heranzuschleichen und dann mit kleinen Steinen nach der Bestie zu werfen denn so, wie diese lag, war kein guter Schuß anzubringen. Alle sahen gespannt auf mich, ob ich jetzt wohl „kneifen wurde. E« blieb mir nichts anderes übrig — ich mußte dem Befehl nachkommen. Ich nahm also allen Mut zusammen und warf einen Stein nach dem Tiger, der wie von einer Feder geschnellt hochkam. Aber gleichzeitig krachten zwei Schüsse und das Tier sank getroffen zusammen. 250 Rubel waren unser und ich hatte meine zweite Prüfung bestanden, auf die hin ich „reis für die Hochwild- jagd" erklärt wurde. Gut, daß man mir nicht hatte ins Herz sehen können, denn ich hatte nur mit dem Mut der Verzweiflung den Stein geworfen. Hätte ich nur im Geringsten gezögert, dem Befehl nachzukommen, hätten mich die anderen ausgestoßen, und Boboschin hätte wahrscheinlich kurzen Prozeß mit mir gemacht. - Doch währte die gemeinsame Jagd, Bet der wir übrigens sehr schön verdienten, nicht allzulange. Tagelang hatten wir nichts geschossen und zogen hungernd und frierend durch die Wildnis — ivir wären imstand gewesen, wer weiß was zu verschlingen, denn wir hatten unseren letzten Proviant schon vor achtundvierztg Stunden verzehrt. Spechte und Häher, die ich hätte schienen können, wußten wir fliegen lassen, um das Großwild nicht zu vergrämen. Der riesige Boboschin, der ein Viertel von einem Reh allein aufessen konnte, knurrte wütend vor Hunger. Schließlich schoßen wir doch einen Specht, den wir noch halbroh verschlangen. Knips kriegt Ohrfeigen. In der üblichen Ordnung — Knips voran, dann Boboschin und dann ich — betraten wir eine Waldlichtung. Plötzlich hemmt Knips den Schritt — vorn bewegt sich etwas, und man sieht ein paar lange Ohren hinter niedrigem Buschwerk. »Nanu — leise. „Das ist doch ein Esel!" „Ganz egal ..." flüstert Boboschin. „Wir brauchen einen Braten." Knips hebt also dte Buchse, zielt und drückt ab — und das Folgende ging viel rascher, als man es erzählen kann. Ich, als der am weitesten hinten Stehende, sah nur Knips' Büchse durch die Luft wirbeln und ihn selbst mit Windeseile gebückt durch das Unterholz flüchten. Dann richtete sich ein entsetzlich großes Tier vor Boboschin auf, den es mit einer einzigen Ohrfeige mühelos niederstreckte. Der Var — denn es war einer! — versuchte nun, dem liegenden Boboschin den Kopf zu zerbeißen, doch rettete diesen seine Pelzmütze und seine dicke russische Kleidnng. Mich beobachtete der Bär gar nicht, ich konnte ihm den Flintenlauf fast an den Kopf setzen und beide Laufe Kaliber 12 zugleich abdrücken. Die Wirkung des Brenneckege- schoffes und der Ladung 60 im anderen Lauf war auf diese kurze Entfernung furchtbar: Es riß dem Bären förmlich den Kopf ab! Boboschin richtete sich langsam auf und betastete seine Glieder. Dann nahm er seine Büchse, stand auf und ging fort — ich traute mich gar nicht, ihn etwas zu fragen, denn der Mann sah zum Fürchten aus! Ich ließ ihn also gehen und machte mich daran, den Bären auszuweiden und ein gutes Bäreneisen herzurichte» — dann kam Boboschin wieder und brachte unterm Arm den Knips angeschleppt, wie man einen jungen Hund trägt — setzte ihn neben das Feuer und ohrfeigte ihn rechts und links solange, bis ihm der Arm wehtat. Er hatte nicht so ganz unrecht, denn Knips hätte nicht weglaufen dürfen - das war gegen die Verabredung! Daß er so gehandelt hat, ist mir heute noch unerklärlich, denn er war sonst der tapferste Mann, den ich kenne — er mutz in einem Augenblick völliger Verwirrung geflüchtet sein! Ich sah aber, daß Boboschin mit seinen Ohrseigen noch nicht genug hatte und dachte mir, daß es „daheim" in unserer Jägerhütte noch ein Nachspiel geben würde, weshalb ich Knips warnte und dieser sich vorsah. Abschied auf Mandschurisch. Unsere größte Falle war ein riesiges Tellereisen — für Tigr^ bestimmt. Wir schleppten dieses Eisen im Dunkeln vorsichtig in die Hütte, als Boboschin und die anderen schon ziemlich viel Wodka getrunken hatten und stellten sie so auf, daß Boboschin hineintreten mußte, wenn er zu Knipsens Lager wollte. Für gewöhnlich hatte er in der Ecke, wo unsere Lager waren, nichts zu suchen. Ich nahm vorsorglich eine Kerze, Streichhölzer und einen geladenen Revolver mit ins Bett. Morgens gegen vier Uhr schlug die Falle zu und Boboschin saß brüllend drin. Sein langes Jagdmesser war ihm entfallen. Wir befreiten ihn unter der Bedingung, daß er sofort verschwände — Kostka und Ahlefeld brachten den Riesen, der übrigens dank seinen Stiefeln nur geringe Verletzungen erlitten hatte, im Schlitten nach einer anderen, dreißig Kilometer entfernten Hütte und setzten ihn dort ab. Er wußte, daß unsere Kugeln zu treffen pflegten und hat sich daher nie mehr in unserer Nähe sehen lassen. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor votl Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. ^Fortsetzung.« „Sehr schön!" sagte Frau Gugernell in einem mächtigen Papst, stuhl und kreuzte bequem und schwungvoll die langen, begabten Beine. „Ich verstehe nicht viel von diesen Kostbarkeiten, obwohl ich ein paar Jahre zwischen nicht ganz so Herrlichem gelebt habe. Aber es erregt und entzückt mich: Man ist immer auf der Suche nach sich selbst... Verstehen Sie? Form und Melodie einer Lebenshöhe! Man läßt sich streicheln und dumpf erfüllen von einer Vollendung... Darf man hier rauchen?" Der schwere, große Mann gab ihr, herabgenergt, Feuer, als sie ihr goldenes Etuichen aufklappte. Sah auf sie nieder, rote auf eine neue, in Obhut genommene Kostbarkeit: vollendete Form und Melodie... Er antwortete, mit einem Tremolo in der Baßsatte. Irgendwo nebenan knackte das Parkett. Louis zuckte mit dem linken Ohr. Nichts... Die Dame Gugernell schien taub. Till und Diez besahen sich, gleichmütig vordringenö, ettt berühmtes Bild mit nacktem Fleisch, das zeitlos gegenwärtig wirkte. Ich geh' jetzt wieder weg! überlegte Diez. Was geht mtch das alles an? Till ist ein taktlos zähes und aufsässiges Mädchen! — Das nackte Bild da vor ihm tat ihm unheimlich weh, noch weher fast als gewisse Vorstellungen und Gedanken vorhin. „Sie müssen da hinten sein", sagte Till, vertraultch, neben ihm. Ein entsetzlich launischer Mensch, dieser Diez! Etwa gar schon eifersüchtig, mein Guter? „Wollen wir uns bei Tiepolo htnsetzen? fragte sie leise und mütterlich. „Nein. Denke nicht dran. Was hast du? ,Fch — ?" Sie schien blasser, empfindsamer, sehr hübsch in dem gedämpften Oberlicht; die Luft flirrte ein bißchen heiß um sie. „Ein unmögliches Muster, dein Schlips, Diez. Gehn wir wieder —!" entschloß sie sich kurz und entfernte sich sofort rasch, mit leichtem, hartem Hackenschlag. r ± Diez starrte ihr eine Sekunde lang nach, betrachtete kopfschüttelnd seine Fußspitzen, drehte gemessen wieder ab und schrttt allein weiter ins feierliche Jenseits. . Da lachte mit verwehendem Hall eine Frauenstimme in der Nähe. Diez konnte die Worte ungefähr verstehen. Dann klang es deutlicher: „Und keine stolze Frau in dieser ganz echten Renais- sanee?" setzte die Stimme ein fröhliches Gespräch fort. „Eine Art ^^Der^ Professor^ entschuldigte sich, brummend, mit raschem ^°Jetzt^ erhob sich Frau Gugernell lächelnd, wehte groß, weich an ihm vorüber. Sie schüttelte bekümmert und unbekümmert bas. Haupt mit dem ausdrucksvoll blühenden Mund. „Also nicht bloß ein Einrichtungsfehler!" „Woher wissen Sie das? „Ich weiß es natürlich nicht!" , , m "Noch nicht —", sagte der Professor rauh, wie ein Renaissancefürst zu seiner schönsten Tänzerin.___ Da verbeugte sich Diez in der Tür und lächelte anerkennend, als führe er hier Regie. Louis herrschte ihn stumm an: Was willst du da? „Alles bewundert, gnädige Frau?" fragte der muntere Me- diei-Neffe. Lvitis"bUckte' mit runden Despotenaugen, wirkte int Augenblick wuchtig und grausam, trotz heitrer Warze und blondem Scheitel, rote ein unbezähmbarer Doge, der im Begriff stand, seine sämtlichen Neffen in die Vleikammern abzuschteben. Dieser kleine, eitle Wichtigtuer... Sollte sich um Till und Dagobert kümmern! Doch Dagobert schlummerte eben ein btßchen, und Ttll brachte ein wildes Durcheinander in Onkos geheiligte Zettungen, gähnte fürchterlich. halten! IV. „Nicht, Till, mein Kind!" bat Dagobert mit geschloffenen ßibcin» Aber da kamen die anderen zurück: Diez als letzter. Dagobert, im Innersten erquickt, trat ihnen eifrig entgegen. Es war sehr herrlich! Ueber unser Porträt sprechen wir noch. Der „Meister" lächelte geschmeichelt. „Sie müssen noch meinen Garten sehen, gnädige Frau! Wir nehmen den Kaffee unten im Gartenzimmer, Klüter! gebot Kneipe Lodovieo. Porträt? summte es ihm beleidigend tm Ohr. Erne entsetzliche Vorstellung, sie vom Meister Dagobert gemalt zu sehen... Er bewegte sich leicht und locker und bot Frau Gugcrnell den Arm. , at„ Dagobert reichte Till den Arm. „Komm, mein Affe! Diez knisf ein Auge zu und sah ungeheuer belustigt aus. „Ich wittere Uuheil, Da«. Wir sollten doch beizeiten einspringen! Er nahm vorerst Tills andern Arm, doch der wurde stets, wie Holz. „Nicht so drücken, mein lieber Diez! Du weißt, ich schätze das nicht." „Hab' ich gedrückt?" . , „Wohl in einem abirrenden Wach- und Wunschtraum, mein Guter?" Und sie wies mit der erhobnen Nase auf Katarina vor ihnen. „Eigentlich ein bißchen ungewöhnlich, daß wir unferm jugendlichen Ohm gewissermaßen beim Fensterln die Leiter Professor Haffclbrinks Freunde, Ministerialdirektor Begehold, Geheimrat Spitz, Kammerpräsident Schellenberg, und ihre Frauen waren jetzt wieder amüsantere Freunde. Die Leute am Mittwoch- abcudtisch umgäuglichere Leute, auf die er sich zuzeiten wie auf eine bekömmliche saftige Kumpanei freute. Bridge, Skat und andere unvermeidliche kleine LebcnSspäße waren schon lange nicht mehr so interessant gewesen. Sogar eine neue Lust zu energischem Planen und Werkeln über den Tag hinaus machte sich bemerkbar, federte und trieb rote in seiner besten Zeit: ein Mann in Lebensgala. Seine Tegeler Assistenten Dr. Wiedehöft, Dr. Hornbogen und Dr. Kipps, eine gelehrten Schüler aus Japan, Indien, Bayern und Sachsen suhlten sich in ihren weißen Leinenkutten fröhlich angesteckt, spitzten Augen und Ohren und glaubten den Ches einer unerhört neuen Entdeckung und Großtat dicht auf den Fersen. Auch die „jungen Leute" merkten etwas von Onkel Louis neuem Austrieb. Allein die nächsten Sonntage verliefen in einer mehr persönlichen Stimmung. Selbst Dagobert erlaubte sich nicht, an Jüngstvergangenes zu tippen, obwohl er sich insgeheim als guten Geist und Wohltäter des Hauses empfand. Bloß Till machte eines Tages eine verschlagene Anspielung: „Es war gestern abend ivieder einmal alles unheimlich dunkel oben bei dir... Du hast jetzt öfter etwas vor, süßer Onko?" Er hatte nur kurz und ärgerlich gelacht. Eine kecke, schlaue Person, das kleine schmale Ding! Allerdings: Er erlaubte sich, jetzt öfter etwas — vorzuhaben... Das alles kam von dieser bezaubernden Frau — von dieser unerhört anmutigen und nattirlichen Frau! Und das alles hatte sich ans eine höchst einfache Manier gefügt und war dann ebenso selbstverständlich und ungezwungen weitergegangen. Fran Gngernell hatte an jenem hübschen Sonntag ihre flache goldne Zigarettenbüchse im Papstzimmer auf dem Büstensockel der Dame von Settignano liegenlassen. Niemand hatte es gemerkt. , , „ Der Professor hatte das Ding erst am nächsten frühen Morgen gefunden, als er nachdenklich durch die Zimmer gewandelt und eine Weile vor dem Papststuhl stehengeblieben war, in dem die Dame gesessen hatte. Mit einem leichten Schrecken und einer unergründlichen Freude über den liebenswürdigen, sympathischen Zufall Haie er das kleine Ding da liegen sehen. Er hatte es behutsam in die Hand genommen, geradezu zärt- Uch, hatte es ans- und zngeklappt, an süßem Tabak gerochen. Dann hatte er es mit einer kühn geschwungenen Bewegung in die Hosentasche gesteckt und hatte noch im Laufe des Vormittags von seinem Tegeler Labor aus bei ihr angerufen. Sein ernstes, geheiligtes, vor der Welt berühmtes Arbeitsgehäuse ivar dabei hell und heiter geworden Frau Gngernell hatte die wertvolle Büchse eben erst vermißt und >var noch sehr erschrocken gewesen. Nun war sie beruhigt und hetzlich dankbar. Sie hatten danach noch eine Weile wie alte, gute Bekannte und Freunde gevlaudert, und dabei hatte die gitädige Frau ihn freundlich und fröhlich aufgefordert, dieser Tage eine Tasse Tee bei ihr zn trinken, nun auch ihr Gast zu sein und ihr dabei die kleine, kostbare Büchse-- Schön! Gut! Einverstanden! Er hatte ebenso freundlich ttu6 fröhlich zugcstimmt. Es würde ihm eine Freude sein. Er hatte ihr in Person das Büchschen am übernächsten Nachmittag gebracht» mit einem Haufen Blumen, soviel eitj starker Mann schleppen konnte, und hatte dabei Tee bei ihr getrunken, rote eö zwischen ihnen abgesprochen war. Auch das war hübsch geroe[en, erfreulich und festlich — bis auf ihre Mama, die ihn etwas fremd ungemutet hatte. Er hatte sie artig und aufmerksamen Blicks hingenommen und sich mehr um die Tochter gekümmert. Dabei hatte Frau Gugernell ihn gefragt, ob es in seinem Tegeler Institut etwas zu sehen gäbe. Nein, nicht viel — eine ziemlich unappetitliche Sache ... Aber er habe jetzt auch zwei burmesische Inder da, fixe tabakbraune Bürschchen, richtige Doktoren — der reine Völkerbund da draußen, der nach Feierabend in seinem kleinen, hübschen Dtrektorhans friedlich lebe. Es würde ihm Freude machen, ihr einiges zu zeigen. Man könne — ja — dann noch ein wenig weiterfahren mtf seinem Wagen, nach der Krummen Lanke zum Beispiel oder nach „Onkel Toms Hütte" ... Famos! Ja - das sollte man einmal tun! Und sie verabredeten am Ende seines Besuches für die neue Woche einen Tag. Professor Hasselbrink schickte ihr genau auf den Tag den Wagen und empfing sie in Tegel, wie eine fürstliche Gönnerin, an der Gartenpforte. Die Assistenten Wiedehöft, Kipps und die andern gelehrten Herren, auch die beiden Burmesen, mußten ihr an ihren Plätzen etwas vvrzaubern, dem sie mit himmlischem Lächeln zusah. Katarina Gngernell — nein, derlei war bislang nicht üblich in XcqcI öeroefen •. ♦ Eine Stunde später fuhr der Chef mit der erlauchten Dame davon. Und sie verlebten gemeinsam einen köstlichen Frühlingsabend in „Onkel Toms Hütte". Danach geschah eine Weile gar nichts. Es kamen bloß eine Masse Blumen aus dem Gewächshaus am Tulpenweg. Herrliche weiße Fliedersträuße wurden vom Gärtner Glänzel gebracht. Und sie bedankte sich erfreut dafür am Fernsprecher. Eine ziemlich lange Unterhaltung jedesmal zwischen der Knese- beckstraße und dem strengen Tegel, während tm Vorzimmer die Assistenten ungeduldig und ärgerlich vor der gepolsterten Doppeltür herumliefen und das lange amtliche Gespräch des Chefs abwarteten. r Ja, es war bald eine wichtige Morgenausgabe, an die er mit ernstem Nachdenken heranging. Und Frau Gugernell schien ebenso ernsthaft und unbefangen darauf zu werten oder kam seinen Gedanken und gelegentlich mal wieder ernsten Bedenken am Apparat liebenswürdig zuvor, um sich mitten in seinen schwierigen Geschäften für seine Blumen oder für ein Buch, über das man gesprochen hatte, oder für den letzten Ausflug zu bedanken. Sie störte ihn niemals. So war das. Und so ging das nun schon seit etlicher Zeit. Eine artige, sympathische, vom Zufall gelenkte Bekanntschaft... Es war unbestreitbar ein Vergnügen, diese wunderbar natürliche Frau neben sich zu haben, ihre Stimme Kluges und Nächstes, vor dem sie sich nicht im mindsten sechute, reden zu hören. Ein Mensch. Eine Menschin. Eine heitere lockende Weide für Herz und Auge... Louis Hasselbrink fühlte sich bei jeder dieser netten Begegnungen leicht, wie ein Hundertfünfzigpfundjüngling. Spürte kaum ein Spürchen von der alten Scheu und ärgerlichen Schwerfälligkeit,' wie weggeblasen alles — fast so, als habe das Schicksal, nach langer Vorbereitung und Wartezeit, ihn für diese eine kostbare Sache aufgehoben. Wie eine reife Frucht am Lebensbaum für einen leichten, zauberischen Windstoß, einen leisen, holden Fingerdruck. Sehr komisch bei seinen zivei Zentnern! Man konnte bloß in Bildern davon reden — so delikat, hübsch und besonders war die Sache. Und so wurde auch der gescheiteste Mann vor einer bestrickenden Frau zum Wundergläubigen. Er hatte da unlängst in den „Leuchtkugeln" einen Satz gelesen, spitzig und überlegen, von einem vergletschert schmunzelnden Methusalem namens Diez Hasselbrink, einen witzigen Satz: „Denkt nicht, ihr Leute, daß bloß versäumt ist, was versäumt ist! Es schleicht einen Monat oder ein Menschenalter lang in der Dschungel eurer Seele und bläst plötzlich wie ein Monsum in das tote Segel eures Willens..." Verdammter Bengel! Wen meinte er damit? Sich selbst etwa? Oho! So war das also, und so ging das feinen beinah schicksalhaften, Gang... Der Professor eilte elastisch in einem neuen hellen Anzug mit grüner Krawatte barhäuptig durch den Garten, um selbst im Gewächshaus ein paar Blumen zu schneiden. Er hatte sich für diesen Tag fretgemacht,- wollte gewissenlos die Schule schwänzen, was in den letzten dreißig Jahren bloß ans allerwichtigsten Gründen mal vorgckommeu war. Nun, er hatte dafür soeben eine Stunde lang mit seinen Leuten telephoniert, die Herren noch beim Rasieren und Frühstücken gestört, und im übrigen war die herrliche Nacht znm Arbeiten da. Er summte vergnügt, nicht sehr melodisch. Frau Gugernell liebte Orchideen und volle, würzige Nelken — war selbst eine Mischung von beiden. „Guten Morgen, Frau Klüter!" rief er in strahlender Laune über den Weg. Die üppig-straffe blonde Klüter-Frau hatte ebenfalls Blumen geholt. Ein ausgezeichnetes Wesen. Erbstück von Adele Pirre. Bor Lina zitterte das ganze Hans: „Mnffolina", wie Dagobert sie nannte. Aber Lina war auch eilte lebenskluge Frau, sogar mit einem Schutz heiter-weibhaften Sinns für Ungewöhnliches begabt, der ihr vermutlich in ihrer Ehe mit dem verliebten fetten Kater Klüter zugute kam. Ein unbegreiflicher Mißgriff! Der Herr Professor nickte und ging, durch die Zähne pfeifend, weiter zum Gewächshaus, wo Ziska, Gärtner Glänzels hinge Frau, ihm behilflich war und mit brombeerblanken Augen kullerte. Hübsche Frau — 'nen bißchen zu üppig und dunkel... Na, Glänzels Sache! Merkwürdig, die beiden hurtigen Paschas mit ihren straffen Snleikas in seinem HauS! schoß es ihm übermütig durch den Sinn. Er weitete den Brustkorb und schritt mit seinen Blumen würdig und flott davon. Wunderbarer Morgen! (Fortsetzung folgt.) Deranltvortlich: l)r. Han üThyriot. — Druck undDerlag:Brühl'fcheUniver>itäts-'Lu ch. undSteindruckerei. 2i.Lange, Gießen.