Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Nummer 7| Hreitag, -en l4. September Negenlieb. Von Klaus Groth. Walle, Regen, walle nieder, Wecke mir die Träume wieder. Die ich in der Kindheit träumte. Wenn das Ratz im Sande schäumte! Wenn die matte Sommerschwüle Lässig stritt mit frischer Kühle Und die blanken Blätter tauten Und die Saaten dunkler blauten. Welche Wonne, in dem Fließen Dann zu stehn mit nackten Füßen! An dem Grase hinzustreifen Und den Schaum mit Händen greifen. Oder mit den heißen Wangen Kalte Tropfen auszusangen Und den neuerwachten Düften Seine Kinderbrust zu lüsten! Wie die Kelche, die da troffen, Stand die Seele atmend offen. Wie die Blumen düftetrunken In den Himmelstau versunken. Schauernd kühlte jeder Tropfen Tief bis an des Herzens Klopfen, Und der Schöpfung heilig Weben Drang bis ins verborgne Leben. — Walle, Regen, walle nieder. Wecke meine alten Lieder, Die wir in der Türe sangen. Wenn die Tropfen draußen klangen! Möchte ihnen wieder lauschen, Ihrem süßen feuchten Rauschen, Meine Seele sanft betauen Mit dem frommen Kindergrauen. Oie Schatulle. Erzählung von Werner Bergengruen. Copyright by 1. L. A., Wien Im zweiten Jahre der Konventsherrschaft verließ die Frau des Goldschmiedes und Juweliers Leclef eines Morgens das in der Rue St. Hilaire gelegene Haus ihres Mannes, um sich für einige Tage zu ihrer Schwester nach Versailles zu begeben. Im Hause blieben nur ihr Mann und der Geselle zurück, denn die Dienstmagd hatte man obschasfen müssen. • „ , _ .. . Am Nachmittag erschien im Laden eine verschleierte Dame, hie den Meister in einer vertraulichen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Er führte sie in die Stube. Sie nahm den Schleier nb; ihr Gesicht war jung und hübsch. Nachdem er ihr versichert hatte daß sie keinen Lauscher zu fürchten brauche, schickte sie sich an, ihm ihr Anliegen aus einanderzusetzen. Sie begann mit einigen nichtssagenden Höflichkeiten und nannte ihn dabei „Monsieur" und nicht „Citoyen“, und das horte der Juwelier immer gern, vorausgesetzt, daß niemand dabei war. Cr war ein Geschäftsmann, hatte unter dem alten Regime gut verdient und fluchte im stillen auf Jakobiner und Philosophen „Nein Monsieuer". sagte die Dame „ich weiß, ich kann zu Ihnen Vertrauen haben. Ich will daher alle Umschweife fortlaffen. Einige hochgestellte Personen im Auslande, deren Namen ich nicht zu nennen brauche, die es aber verstanden haben, große Teile ihres Verinogeiis zu retten, schicken mich zu Ihnen Es sind Personen die in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Häusern Rohan und Montmorency stehe und den Wunsch haben, Wertgegenstände aus dem Besitz dieser und anderer ihnen verbundenen Familien zurückzuerwerben, soweit sich a diese Gegenstände ihnen teure Erinnerungen knüpfen. . h . „Die Personen leben im Auslande. Madame?" fragte L°clef bedenklich. „Der Konvent hat die Ausfuhr oon, Edelsteinen und Goldsachen über die ©ren.ien der Republik verboten. „Niemand erwartet von Ihnen einen Berstoh gegen die Gesetze^ Ich weiß, daß die Glieder der Familien Rohan und Montmorency Teile des Familienschmuckes an Sie veräußert haben, um sich die Mittel zur Flucht zu verschaffen. Sie sollen diese Stücke und vielleicht noch andere ähnlicher Herkunft in Paris verkaufen. Was weiter mit den Pretiosen geschieht das braucht Sie nicht zu kümmern." Nachdem sie die Zusicherung seiner Verschwiegenheit erhalten hatte, wurde die Dame ofsenherziger. Sie erzählte ihm, es habe sich eine Art geheimen Komitees gebildet, das den Ankaus und die Wegschafsung der Kostbarkeiten in die Hände genommen habe. Er werde begreifen, daß sie ihm die Namen der Mitglieder nicht nennen wolle außer dem einen, den zu wissen ihm nötig sei. Und zwar handle es sich um einen Arzt, Öen Doktor Pillon an der Butte St. Roch. Dieser führe die Kasse und werde den Kaufpreis erlegen, während sie selber. Vollmacht habe, das Gefchäst abzuschließen. Als Lecles den Namen des Doktors hörte, verließ ihn fein Mißtrauen, das bis zu diesem Augenblicke noch recht groß gewesen war. Den Doktor Pillon kannte jedes Kind. Er war ein wohlhabender, In allen Stücken zuverlässiger Mann, dessen geschickte Kuren höchlich gerühmt wurden. Wiewohl unter feinen Patienten die Angehörigen des hohen Adels in der Mehrzahl gewesen waren, hatten die neuen Machthaber ihn unangetastet gelassen, wie denn gemeinhin die Aerzte gleich den Schauspielern von keinem Umsturz etwas zu fürchten haben. „Ich kenne die Gesetze, Madame", sagte Lecles vorsichtig. „Ich weiß, daß es verboten ist, andere Zahlungsmittel zu fordern als Assignaten. Allein Sie werden begreifen —" „Der Preis wird in Gold entrichtet", fiel die Dame ihm bestimmt ins Wort .Sein redlicher Mensch bezahlt Goldwaren und Edelsteine mit wertlosem Papier " Nun ließ die Dame sich corlegen, was der Juwelier an Schmuckstücken aus dem Besitz der genannten Familien an sich gebracht hatte. Einiges war bereits umgearbeitet Aber sie erklärte sich bereit, auch diese Stücke zu übernehmen. Die Wahrheit zu sagen, schob Lecles auch manches mit unter, das zu den Geschlechtern der Montmorency, Rohan ober überhaupt des französischen Adels in gar keiner Beziehung stand. Die Dame wählte und stellte zusammen. Dann fragte sie nach dem Preise. Lecles rechnete eine Welle und nannte dann seine Forderungen. Die Dame zuckte zusammen und erklärte das fei zu Diel. Wenn das fein letztes Wort fei. io müsse sie ihren Ankauf auf einige wenige Stücke beschränken. Nun setzte Lecles seine Forderungen hinunter und schwur, er verliere dabei. Nach einer Welle wurden sie handelseinig. Die Dame suchte eine dauerhaft gearbeitete Schatulle aus, und dann wurden die Pretiosen eingepackt Die Schatulle wurde in Wachstuch geschlagen, Lecles naym sie unter den Arm warf seinen Mantel um und sagte dem Gesellen, er gehe aus Die beiden machten sich auf den Weg zur Butte St. Roch Ein Auf- roärler führte sie in das Wartezimmer des Arztes Nach einiger Zelt erschien er wieder und bat die Dame, ihm zu folgen Lecles saß da und überschlug den Gewinn, den er gemacht hatte. Die Schatulle stand neben ihm auf dem Tisch Bald daraus kehrte die Dame in 'Begleitung des Arztes zurück, den Lecles vom Sehen kannte Auch hatte er ihn einmal selbst bedient, als der Doktor bei ihm eine Tabatiere gekauft hatte Pillon streckte ihm mit gutmütiger Herzlichkeit die Land hin. „Da sind Sie ja, mein lieber Citoyen Lecles", sagte er. „Ich habe schon den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet. Nun, wie gehen die Geschäfte?" Der Juwelier begann zu flogen, wie es die Geschäftsleute aus Grundsatz tun vornehmlich fn bewegten Zeiten. „Aber heute haben Sie wirklich keine Ursache zum Schelten", sagte die Dame, die sich neben ihn gesetzt hatte. „Meiner Treu, ich verdiene kaum etwas daran", versicherte Lecles. „Vergessen Sie nicht, daß die Sachen mehrere Jahre als totes Kapital bei mir in den Kassetten gesteckt haben." „Nun ja, nun ja", sagte Pillon und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. „Haben Sie übrigens schon gehört, daß man den Brückenzoll wieder einführen will? Was lagen Sie dazu?" Leclef erwiderte, er fände das unrecht, und wollte auf die Rechnung zu sprechen kommen Indessen schalt Pillon auf die hohen Milchprelse, die der Wöchnerinnen halber ganz besonders zu verdammen seien. Der Juwelier wartete höflich, bis Pillon mit seinem Satz zu Ende gekommen war: dann zog er die Rechnung aus feiner Brieftasche, die er schon eine ganze Weile in den Händen hin und her gedreht hatte. Jetzt schob er das Blatt dem Arzt hin und sagte hastige „Ich bitte Sie. Bürger Doktor Sie werden Einsicht nehmen wollen " „Nun, Vs wird ja stimmen, lassen Sie gut fein" antwortete Pillon. „Nein, Ordnung muß (ein, ich bin ein Geschäftsmann", beharrte Leclef. „Sie erlauben, Bürger Doktor." Damit setzte er sich neben den Arzt und begann ihm die einzelnen Posten zu erklären, über das Blatt gebeugt und ab und zu mit dem gelblichen, gekrümmten Fingernagel eine Zeile unterstreichend. Der Dame mochte es zu lange dauern, und sie ging stillschweigend hmaus. „Nicht wahr, es stimmt?" fragte Lecles, als er fertig war. „Gewiß, gewiß", sagte der Arzt. „Also dann darf ich wohl höflichst um geneigte Zahlung bitten, mein Bürger Doktor?" Pillon präsentierte ihm die Tabatiere, die Leclef auf den ersten Blick wiedererkannte, und sagte: „Langen Sie zu, mein Lieber. Meinen Sie nicht auch, daß wir Heuer einen strengen Winter haben werden? Des Juweliers Haut bekam plötzlich eine bleigraue Farbe. Einen Blick warf er in das väterlich-lächelnde Gesicht des Arztes- ein zweiter überflog das Zimmer. Die Dame war fort. Die Schatulle war fort. „Tausend Teufell" schrie Lecles, sprang auf, stürzte zur Tür, rannte durch den Korridor. Am Ende des Korridors standen plötzlich drei Männer und vertraten ihm den Weg. „Fort! Laßt mich!" schrie er, und seine Stimme überschlug sich. Er wollte die Männer beiseite stoßen und sich durchzwängen. Allein sie packten ihn, ruhig und unerschüttert, als hörten sie sein Schreien und Flehen gar nicht, banden ihm Hände und Füße und trugen ihn davon. Dann wurde er entkleidet und in eine hölzerne Wanne mit kaltem Wasser gelegt. Endlich fand er sich in einem Zimmer, welches ein Bett enthielt, sonst nichts. Einige Tage später stürzte Madame Lecles in das Empfangszimmer des Doktor Pillon. „Wo ist mein Mann?" schrie sie. „Wo ist mein Mann?" „Aber beruhigen Sie sich doch, Bürgerin", sagte der Arzt sreundlich. „Er ist gut aufgehoben. Wenn es möglich ist, führe ich Sie nachher zu ihm. Haben Sie die Wäsche mitgebracht?" Er drückte sie in einen Sessel. Es sah aus, als sei die große Frau plötzlich klein geworden, in sich zusammengesackt. Sie weinte. „Ja, was ist denn nur? Was ist denn nur? Was haben Sie denn mit ihm gemacht? Ich komme aus Versailles. Da sagt der Geselle, mein Mann sei seit vorgestern bei Ihnen, Ihr Aufwärter sei gestern dagewesen: wir sollten Wäsche für ihn schicken. Was soll denn das heißen?" „Aber Bürgerin, Ihr Mann soll doch geheilt werden. Es ist kein Wunder, er hat Verluste gehabt durch den Umsturz, wir alle. Nun will er von jedem seine Juwelen bezahlt haben. Aber ich bringe ihn wieder in Ordnung, seien Sie unbesorgt." „Mein Mann ist gestört? Großer Gott, wie ist er denn zu Ihnen gekommen?" „Ihre Tochter war vorgestern früh bei mir und hat mir alles auseinandergesetzt. Am Nachmittag hat fie ihn dann hergeführt. Er kam gutwillig mit, weil sie ihm gesagt hatte, ich würde seine Juwelen bezahlen. Ja, hat Ihre Tochter Ihnen denn nichts davon erzählt? Sie hat doch in Ihrem Auftrag die Pflegekosten für einen Monat vorausbezahlt!" „Meine Tochter? Meine Tochter ist seit acht Jahren tot. Ich will meinen Mann wiederhaben! Ich will meinen Mann wiederhaben!" Doktor Pillon erschrak. Er strich der Frau über das dünne Haar, sprach ihr Mut zu und führte sie dann in das Zimmer des Juweliers. „Lecles", schrie sie und wollte auf ihn zustürzen. Allein Leclef erkannte sie nicht. Er hockte auf dem Bettrand, nickte mit einem glücklichen Lachen eifrig vor sich hin und zählte an den aus- gespreizten Fingern: „... eine Tabatiere mit Zahlperlen besetzt ... achtzehn Perlen ... dreitausendachthundertfünsundsiebzig Livres ... das Bracelet mit den Saphiren ... neuntausendsechshundertachtzig Livres ... der Paragon der Frau Herzogin ... ä jour gefaßt, achtundstebzig Karat ... einundsechzigtausenddreihundertundfünfzig Livres.. Montenegrinische Fahrt. Von Georg Britting. Um sieben Uhr stand ich auf dem Marktplatz in Cetinje. Ein junger Kerl machte sich da wichtig; er trug schwarze, weite, schmierige türkische Hosen, eine alte, verschossene, geflickte graugrüne Militärjoppe, war barhäuptig: und jeder Bauer, der ein Lamm zu Markt brachte — sie trugen die Tiere wie lebendige Pelze zärtlich um den Hals gelegt —, jeher" Sauer muhte sich das Tier vom Nacken lösen und dem Kerl Hinhalten, der dem aufblökenden Kraushaar an den Bauch griff mit prüfenden, knetenden Fingern. Er schien ein sehr fettes Tier zu suchen, er tat wenigstens so; jeder Bauer hielt ihm auch geduldig das Lamm vor. Ich sah dem wichtigtuerischen Treiben des Kerls wohl zehn Minuten lang zu, ich hatte nichts Besseres zu tun, ich wartete auf den bestellten Kraftwagen; aber der Kerl kaufte (eins der Lämmer, wenn er auch eine kennerische, käuferische Miene machte. Da tippte mir jemand auf die Schulter, ein mittelgroßer, auffallend breitschultriger Mann war's, der Wagenbesitzer und Wagenlenker. In schnalzendem Englisch sagte er, jetzt ginge es los, und wir fuhren los. Rückschauend lachte ich dem gautierischen Burschen ins Gesicht, der mir verdutzt nachstarrte, während seine Finger am Bauch eines Lammes geschäftig waren. Cetinje blieb zurück, der Weg stieg, Steinberge ringsum, viele schwarz- blaue Bergkreise, einer über dem andern sich schiebend, gezackt, ver- schluchtet, türmig. Weit hinten, hoch oben, ein schwarzer blitzender Strich, wild herfunkelnd, den Blick an sich reißend wie eine glitzernde Nadel, nein, breiter, wie ein Säbel, der auf Bergen liegt — der Skutarisee, fern! Die Straße geht abwärts, schwarzes, stilles Wasser zur Linken, ein See; es ist aber, der Karte zu entnehmen, nur ein unmäßig breiter versumpfter Fluß; Wassergevögel schwirrt auf; gegen neun Uhr sind wir in dem Dorf Rijeka. Frische, saubere Kühle weht, grüner Baumschatten, hohe Pappeln, Gesträuch; die schwarzen Berge sind hinter vorgelagerten grünen Hügeln verschwunden, das Dors liegt langgestreckt am Fluß, auf dem Enten und Gänse schwimmen. Aus Holzbänken hält man Fische feil; den Fischen, breitnasigen, fetten Tieren mit hängenden, fleischernen Schnurrbärten, sind durch die weichen weißen Mäuler Weidenruten gezogen, die Ruten sind zu zierlichen Ringen geschlungen, daran trägt man die gekauften Tiere nach Haus. Die Fische sind lebendig, rühren sich aber nicht, schlagen nicht mit dem Schwanz, liegen geduldig, nur vergeblich und quälend öffnen und schließen sie, auf und zu, auf und zu. Feuriges einatmend, das Maul. Hier in Rijeka trank der mittelgroße, breitschultrige, englisch schnalzende Montenegriner einen Zwetschenschnaps, rauchte eine selbstgedrehte Zigarette. Dann weiter, bergauf, bergab, auf guten Wegen, auf schlechten Wegen. Einmal läuft die Straße hoch oben, von tief unten glänzen blaue Buchten silbern heraus, das ist wieder der Skutarisee. Die Straße fallt nun in schönen Kehren abwärts, der Engländer wirft den Wagen schwungvoll um die Kurven, es ist, als flögen wir, abwärts kreisend, wie ein großer Raubvogel, Immer näher blinkt der See, und da scheint im See ein befestigter Ort zu liegen, auf Pfosten und Dämmen und Pfählen, schwer verschanzt, eine Burg säst. Ein Damkn stößt in den See hinein, und der Damm verbreitet sich zu einem Platz, das also ist Wirbasar. Wir jagen über die Dammbrücke, halten am Markt. Mein Führer nimmt fein Geld, nimmt das Verabredete, erwartet nicht mehr, wie einem das sonst hier leicht geschieht, legt die Hand grüßend an den Hut, sagt schnalzend: „Good bye", geht. Den Wagen se' ich nach einer Stunde noch stehen, den Führer sah ich nicht mehr, er wird Geschäfte haben in Wirbasar. In Wirbasar ist Markt, ausgeweidete Lämmer, rot, von Fliegen schwarz bedeckt, hängen von den Stangen, am Boden sitzen Bauernweiber, bieten Schafkäse an, Schafwolle, Gurken und Zwiebeln, und auch Fische, denen die Weidenruten schmerzhaft durchs Maul gezogen sind. Ich bleibe zwei Stunden in Wirbasar, in zwei Stunden erst fährt mein Dampfer ab, und als ich auf dem Weg zum Dampfer bin, schnappen die geduldigen, genarrten Fische immer noch nach Wasser, immer noch, mit grauem Staub beschmiert. Die Hitze ist schon groß geworden, eine knallige Sonne hängt über Wirbasar, ich bummle durch Wirbasar, es ist wie ein großer steinerner Würfel, liegt auf Dämmen i m Skutarisee, jetzt, im Mai. Später, im Sommer, weicht der See zurück, bann liegt Wirbasar a m See, wie sich das gehört. Ich gehe ein Stück in der prallen Hitze auf dem Damm dahin, im grünen, schlammigen Uferwasser unsichtbar, quaken Frösche, hunderte, tausende, und wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, schweigen sie kurz, knarren und schnarren bann um so leibenschaftlicher. Der Himmel ist blau, wolkenlos, fast weiß, ber See behnt sich mächtig, rings steigen hohe Berge an, kahle Berge, grau, ohne (eben Graswuchs. Wirbasar, bas steinerne, kalkgraue, schlangenhautgraue Wirbasar, zwanzig Häuser vielleicht ober breißig, hockt faustklein unb frech unb fpring- lebenbig am Damm. Ich trinke schwarzen Kaffee, esse meine mitgebrachten Gier. In Cetinje sagte man mir, in Wirbasar gäbe es keine Verpflegung, bas ist aber nicht wahr, am Nebentisch ber kleinen Schenke ißt ein Bauer Lämmernes, ich schaue ihm neibisch zu, bas gebratene Fleisch riecht kräftig herüber, aber ich muß meine Eier essen. Eine Zigarette tröstet mich bann. Gegen mittag besteige ich bas kleine Dampfboot, bas mich in sechs- ftünbiger Fahrt nach Stutari bringen soll. Das Boot fährt nicht geradewegs nach Stutari, es legt ein paarmal an, an kleinen Fischerdörfern, Der Skutarisee, weithin grün glänzend, von hohen Gebirgszügen umrandet, liegt regungslos unter einem regungslosen Himmel, von den Bergen kommt ein Wind, Tauchervögel spielen. Unser kleines Boot stampft, die paar Mitreisenden schlafen auf den Bänken, essen Zwiebeln und Brot. Auf weite Strecken hin find die Ufer versumpft, grüne Binsen flirren, dann wieder steigt der Fels mit schwarzem Knie ins Wasser. Dörfer liegen tief in Buchten versteckt, wehren mit vorgelagerten Riffen die Zufahrt, so daß nicht einmal unser kleines Boot zu ihnen kann. Es kommen Ruderkähne um die Klippen geschossen, fliegen nahe an uns heran, bekommen den Postsack zugeworfen, die Ruderer mit rauhen Stimmen rufen uns etwas zu und werden von den Buchten wieder verschluckt. Wir sind schon vier Stunden unterwegs, da hält ein kleines, wendiges Motorboot entschlossen auf uns zu, es ist weiß gestrichen, fchnau- bend braust es an uns heran, es macht einen angriffsluftigen Eindruck, am Heck weht eine rotschwarzrote Flagge, es ist ein albanisches Zollboot, wir sind jetzt, auf diesem Teil des Skutarisees, auf albanischem Hoheitsgebiet. Zwei Männer kommen auf unfern Dampfer geklettert, bewaffnet, weißgekleidet, braungebrannte, luftige Gesichter, lassen sich die Pässe vorweisen. Die Pässe sind in Ordnung, die Albanier zeigen lachend ihre Zähne, besteigen wieder ihr kleines Kriegsschiff und zischen schaumwerfend davon. Zur rechten Hand schieben sich jetzt niedere, langgezogene Berge heran, befestigt, das ist wohl der Tarabosch, die berühmte Burg über Stutari, und da, bas Stangengewirr ber Masten ber vielen kleinen Fischerboote ist ber Hafen von Stutari. Ich gehe an Lanb, roieber Zollmenschen, sehr neugierige Zollmenschen, bann setze ich mich in einen Pferbewagen, eine alte Kalesche auf hohen Stöbern, herabgetommene Vornehmheit, zersetzter roter Plüsch im Innern. Der Wagen ist geschlossen, bie schmutzigen Fenster finb verquollen unb nicht zu öffnen, staubige, stickige, modrige Luft ist im Wagen, ber Wagen schwantt, ber Kutscher scheint auf die Pferde einzuhauen, ich höre ihn brüllen, wir fahren scharf, bie Straße ist schlecht, ber Wagen schaukelt, taumelt vorwärts, neigt sich seitwärts. Ich möchte doch was sehen von Stutari, presse mein Gesicht gegen die halbblinben Scheiben, sehe einen Reiter vorbeitraben, sehe eine lange weiße Mauer, sehe ein Minarett, schwarze Zypressen, wieder Maliern, lange weiße Mauern, verschleierte Frauen auf Eseln, viele Reiter, Staub wirbelt aus, Geschrei bringt in meinen verschlossenen Kasten, ber Wagen rüttelt, ich stoße mit ber Nase gegen bas ©las, aus ben schmutzigen Sitzpolstern bringt pfeffriges Mehl, bie Straßen werben enger, eine Biegung, noch eine, ber Wagen hält. Ich steige aus, betäubt, bas also ist du artet njtz , grützetz ich W wird 1 Jliegn Bäuerin UNd QW 'gen sM ährt m« IchnapM wer netz ängt übet (teinemi päter, m !, wie sitz m Dam । FrG je, jchmi icher. Ja itig, rings id)5. 8«' , zwanzig ib spting Zn Cetiff 5 ist ad« Läm«' •äftig i» nich bam i in setz» ht gerate leriärfm ügen • non bei ines $®i Zwiedtd ne Sinl» 15 Mr ten RW fann. 6 e an B jt raute1 en ®W nes,111,1 in, W* ginbrua, heit gesagt!" Du", spricht der General, zu Ohm emporsehend. „Es ist keine militärische Fahrt, die ich von dir verlange. Ich bin hier mit meiner Frau und den Kindern, zur Erholung! Wie alle Sommergäste! Verstehst du mich? Wir wollen zum Vergnügen segeln! Ich werde dich gut bezahlen, " Lümmel! Willst du jetzt, oder willst du nicht?" Ohm schüttelt den Kopf. Auf des Generals Stirn schwellen die Adern. „Warum willst du nicht?" „Weil ich keinen Mord begehen darf, Herr General. 7 N Wen n(. ^wa« Bö) ober Leblich Feurig,z $ Ichnad lchlechie« Jen blau, CQbe säiii ' Wag.« send, mj, scheint in Psöhle, -i hinein, ofar. Wi, betnaffi*1' Pässe * dienb #• n W* ■rge h«"" r6tuW ii'ch-ldj schell' M tagen, „Was heißt das?" „ m Es wären doch Ihre Kinners daber, und die Frau? Nee , Ohm schüttelt den Kopf. „Ich darf nich, ich müßt euch in die See rinschmeihcn, wenn wir alleine auf dem Wasser wären. Ich darf das nich tun, Herr General." „Verhaftet ihn!" . . - Ohm schiebt die Soldaten zuruck. „Hanmng, sagt er, die Hand auf die Schulter seiner Frau legend, „der olle Husmann wird sich euer annehmen " Abschiednehmend streicht er noch einmal über den Scheitel seiner Frau er wendet sich. Ausgereckt tritt er vor den zurückweichenden französischen Offizier. „So, Herr!" spricht Ohm, „nun strafen Sie mich, dafür, daß ich den Ihren ihr Leben rettete." Sie zerren ihn hinaus. Im Sonnenlicht, auf der Höhe der Düne, vom Wind umweht, wendet sich Ohm. Er atmet tief auf: Brett, glitzernd, von flüchtig drüber hin eilenden Windstreifen hie und da ausgeraut, lautlos, tiefblau, grenzenlos wett, wie der blaue Himmel darüber, liegt zu Füßen des gelben Dünenbogens die deutsche See. Möwen jagen. Vor dem Wind steuert Ohms Boot seewärts. Zwei Knaben sitzen am Steuer. Trotzig halten sie das rote Segel vom Land ab. Ohm senkt den Kopf sein Vollbart bäumt sich auf, mit mächtigen Schritten geht Ohm den Sand hinab, landeinwärts, der Küstenwache zu. Hinterdrein, um ihn herum laufen die kleinen französischen Soldaten. „In zwei Stunden bist du kalt, Brotfresser! „Wird dir schon zeigen, der General, was es heißt, uns mit Mord broben i ** Dor Fischer faltet die Hände. Handfläche liegt auf Handfläche, Daumen auf Daumen, reglos dem All, der Luft, dem Himmel Über sich hm- gegeben, steht starr gläubig des Fischers Blick im Firmament. Körper , m«1 HE »X fw ,«?■ *< Ä%i»’ Von bahnbrechender Bedeutung ist seine Schrift „Bundesstaat und E i n h e i t s st a a t", in der er sein politisches Bekenntnis formuliert. Gewaltig sein Leßenswerk, die fünf Bände seiner grandiosen „Deutschen Geschicht e", vollendet in der Form, von einer unvergleichlichen Fülle und Anschaulichkeit der Sprache. Alle die zahlreichen Werke, die Heinrich von Treitschke im Lause seines fruchtbaren und energieoollen Lebens als aktiver Politiker und Historiker veröffentlicht hat, sind weit mehr als bloße wissenschaftliche Abhandlungen. Sie alle tragen den Stempel einer glut- und blutvollen künstlerischen Darstellungskraft, sie alle sind Dokumente eines stets lebendigen Herzens, einer unversiegbaren Vaterlandsliebe. Heinrich von Treitschke war eine Erscheinung von bezwingender Universalität: er war ein glänzender Lehrer und Redner, ein bedeutender Historiker, der die Zusammenhänge der deutschen Geschichte plastisch und eindrucksvoll formen konnte, er war Universitätsprosessor und später Reichstagsabgeordneter, er war einer der wirkungsvollsten Wahlredner, aber vor allem ein freier, unbeugsamer Charakter von unwandelbarer Treue der Gesinnung. So wurde er in einer Zeit der verhängnisvollen Kleinstaaterei zu einem geistigen Vorkämpfer für den deutschen Einheitsstaat, der heute durch die machtvolle Persönlichkeit Adolf Hitlers seine endliche Erfüllung gefunden hat. Das Volk wacht auf. Roman von Walter von Molo. IFortleyung.» Durch ein armseliges Vorgärtchen in den Dünen stürzt eine Fischersfrau. „Vadding", sie reißt die Türe auf, sie steht keuchend, das Gesicht verstört, vor ihrem Mann. „Er kommt mit Soldaten!" Die riesige Gestalt des Fischers mit dem sonnverbrannten, windgegerbten Gesicht wendet sich. „Bleib' man still, Mudding", bittet er. „Der Mensch darf nicht lügen." Sie nickt und finkt auf die Bank, zitternd legt sie sich die Schürze vor die Augen; im grell besonnten Fensterausguck erscheint eine Gestalt, ein französischer Soldat. Das Gewehr hat der Mann im Arm, als pirsche er auf Wild. Zwei, drei, ein ganzer Trupp umzingelt die Fischerhütte. Peter Ohm tritt zu seiner Frau. Voll Liebe streichelt er deren verhüllten Kops. , „ ,,f)ab’ man keine Bange, Mudding! Ich hab bloß die Wahrheit gesagt." Er neigt sich nieder. „Sei keine Angstbüx, komm!" Nickend gräbt sie das Gesicht tiefer in ihre Schürze, ganz zusammengedrängt sitzt sie, reglos, die Ellenbogen auf den Knien, die Hände über den Ohren. Der Fischer richtet sich« auf: Ein französischer General ist eingetreten, ein Stöckchen in der Hand. Gekrümmt ist neben dem General die Gestalt des Gastwirts; in den Händen das Käppchen ängstlich guetschend, stammelt der Wirt: „Eure Hoheit! So wahr mir Gott helfe, ich hab' die Antwort gekriegt, die ich meldete, Euere Gnaden! Ich schwör's!" Feige reckt er die Schwurfinger auf. Der General schiebt den Wirt zur Seite. „Bist du der Fischer Ohm?" Der Fischer nickt. „Ist dir ausgerichtet worden, daß ich mit dir segeln will?" Wieder nickt der Fischer. „Du willst nich?" „Herr General", sagt der Fischer. „Ich darf nich." „Du willst nicht?" "Schen'^Euer^Gnaden," zetert der Wirt, „ich hab die totaligste Wahr- aktiven Lebenskraft. In einem Alter von 29 Jahren ist Heinrich von Treitschke em berühmter Mann, der viele aufrichtige Freunde, aber noch mehr erbitterte Feinde hat. Er, der mit unverrückbarer Energie, von einer heißen Lttter- landsttebe durchströmt, an seiner Idee des preußischen Einheitsstaates sesthält, hat mit den hesttgsten Widerständen zu kampsen. Aber nach -und nach räumt seine mächtige Personlichkettalle Hmdenisse ausdem Wege. Seine Vorlesungen an den verschiedensten Unwersttaten Deut ch- lands haben einen enormen Zulaus. In den fiorfalen drangen und stauen sich begeisterte Studenten und hervorragende Manner der Wis en- schast. Treitschke, dem ein schweres, unheilbares Gehorleiden sehr zu schaffen macht, Überwindet sich selbst und strahlt ein Fluidum aus, idem sich niemand entziehen kann: seine H°rer bewundern die unverwüstliche, mitreißende Kraft dieser remen nationalen Gesinnung sie bewundern die Wissensfülle, die Unbestechlichkeit den geraden treuherzigen Charakter dieses Mannes, der eine sieghafte opl'M'st'iche Ka-nps- -natur ist. Seine Vorträge, seine Reden, seine Essays seine geschichts wissenschaftlichen Abhandlungen bereiten dem Gründer des deutschen Reiches, dem Fürsten Bismarck, den Weg, indem sie„in ben ten aller gebildeten Patrioten die notwendige nationale Atmosphäre schassen. Immer wieder predigt Heinrich von Treitschke f f - Unitarismus. Er bekämpft sem Heimatland Sachsen,. er gerat in einen dauernden Konflikt mit seiner Familie, besonders w't seinem Vaterf, e überwirft sich mit den Behörden der verschiedensten Slaaten und Um roerfitäten, aber nichts hält ihn davon ab, seiner Ueberzeugung treu 3U bleiben. Skutari. Hinten zerrt etwas an mir, ich drehe mich um, es ist ein Bettler mit verschorftem Gesicht, aber zuerst will der Kutscher sein Geld, schsägt dem Bettler die Peitsche schallend um die Beine, hält mit der peitscheschwingenden Linken den Bettler von sich ab wie der Bändiger den Tiger im Raubtierkäfig, während er mir seine Rechte offen und fordernd entgegenstreckt ... Heinrich von Treitschke. Lin geistiger Vorkämpfer für den deutschen Einheitsstaat. Zu seinem 100. Geburtstage am 15. September. Von Dr. Theodor Riegler. Unter den bedeutenden schöpferischen Persönlichkeiten, die mit leidenschaftlicher Ueberzeugung und hinreißendem Pathos gegen das nationale Ucbel der Kleinstaaterei und der innerpotttischen Zerrissenheit kämpften, unter den wenigen mutigen Männern, die mit rücksichtsloser Offenheit und Schärfe für ihre nationale Gesinnung eintraten, nimmt Heinrich Gotthard von T r e i t s ch k e , der am 15. September 1834 geboren wurde, eine führende Stellung ein. In der Gestalt dieses von einem hohen Idealismus beseelten Mannes verkörperte sich der nationale Gedanke, der schließlich zur Gründung des Deutschen Reiches sührte. Bevor in den breitesten Schichten des deutschen Volkes durch die überwältigenden Siege von 1870/71 das Gefühl für die nationale Zusammengehörigkeit der zahlreichen deutschen Provinzen geweckt wurde, war Heinrich von Treitschke unermüdlich bestrebt, seine Ueberzeugung von der zukünftigen Form des deutschen Einheitsstaates in die Oeffent- Uchkett zu tragen. Dieser Mann wurde nicht müde, in Wort und Schrift, in aufwühlenden Reden und hervorragender wissenschaftlicher Pionierarbeit die deutsche Einheit zu predigen. Immer wieder erhob er seine eindrucksvolle Stimme, um gegen die kleinlichen Sonderinteressen, Sonderwünsche und Sonderbestrebungen der verschiedenen deutschen Staaten seinen geharnischten Protest zu erheben. Heinrich von Treitschke war absoluter Unitarift. „Es ist eine Freude," so schreibt er selbst, „wenn man wie ich nach und nach erlebt, wie albern die Lügen sind von der unversöhnlichen Verschiedenheit der deutschen Stämme. Die Deutschen sind sich überall gleich. Was sie trennt, sind Aeußerlichkeiten und anerzogene Vorurteile." Aber Treitschke war nicht der Mann, der sich auf theoretische Erörterungen beschränkt hätte. Er wollte die verschiedenen Bezirke seiner deutschen Heimat aus eigenem Erlebnis und aus persönlicher Beobachtung tennenlernen. Die Vielfalt des deutschen Kulturlebens reizte ihn. So unternahm er, einem innersten Drang folgend, ausgedehnte Wanderungen durch seine deutsche Heimat, die ihn vom Norden bis zum Süden, vom Osten bis nach Westen führten. Ueberall suchte und gestaltete er die Gemeinsamkeit nationalen Wollens. So wurde es ihm zu einem heißen Bedürfnis, die Geschichte dieses Volkes zu schreiben, das er in allen seinen Berufszweigen und Lebensäußerungen sorgfältig studiert hatte. Als Mittelpunkt deutscher Machtfülle erschien ihm der preußische Staat. Es war ihm eine selbstverständliche Ueberzeugung, daß der zukünftige deutsche Einheitsstaat auf den Werten der alten preußischen Tradition ausgebaut werden müsse. Es war ein gewaltiger Kamps, den Heinrich von Treitschke, dieser glänzende, aufwühlende Redner und leidenschaftliche Patriot gegen die Kleinstaaterei führte. Er versucht, das deutsche Volk aufzurutteln, aber damals war, wie er selbst klagend hervorhebt, „von jener nachhaltigen, beinahe nervösen Leidenschaft, die im Wachen und tm -trau= men nur das eine zu jagen vermag, mein Land, mein Land und immer nur mein Vaterland, bei der großen Mehrzahl unserer Patrioten sehr wenig zu spüren". „Das heutige Herzogtum Nassau", heißt es an anderer Stelle , umsaht auf 85 Geviertmeilen die Fehen von 37 vormals selb- ständigen Territorien!" Treitschke haßt die Absonderung dieser kleinen Staaten, er haßt die Uneinigkeit, er haßt die Fürsten- und Königshäuser, die kleinen und kleinsten Staatengebilde, die alle ihr eigenes, besonderes Leben führen wollen. Für ihn existiert nur em Staat ber das moralische und geschichtliche Recht besitzt, aus all den vielen Kleinstaaten eine neue machtpolitische Einheit zu bilden: dieser Staat ist, wie chon erwähnt wurde, Preußen mit seiner Zucht und Tradition, mit einer straffen Disziplin, mit seinem glorreichen Militarismus, mit seiner und Kops sind Hüllen, die auf Erlösung harren. Die Soldaten senken die Köpse, sie gehen langsamer, sie bleiben zurück; heimlich faltet einer die Hände. * „Ich habe euch befehlsmäßig aufzufordern," spricht auf dem Exerzierplatz des alten Zielen Sohn zur Front seines Regimentes, „daß ihr jeden hinweist, möglichst viel Geld für die innere Anleihe zu zeichnen. Anders kann Seine Majestät die fällige Rate der Kriegskontribution nicht bezahlen." Zieten wendet sich, vor ihm salutiert der Wachtmeister der dritten Schwadron. „Melde gehorsamst, gesammelte hundert Taler Kurant für den verabschiedeten Herrn Hauptmann Rohri Der Herr Hauptmann hat sieben Kinder, melde gehorsamst!" Zieten dreht sich, er sieht seine Mannschaft an: Rohr war der strengste, unerbittlichste Offizier des Regiments! „Der Herr Hauptmann soll in Rot sein, Herr Masorl Er soll nicht darunter schwerer leiden, als wir, daß unsere Armee gewaltsam vermindert wurde!" Zieten tritt zu seinen Soldaten, er schüttelt Mann um Mann die Hand; er nickt ihnen zu. Vom schwarzweih gestrichenen Schilderhaus reißt der Wachtmeister den Zettel, der das Geld für die Franzosen fordert. * „Es ist direkt zum Verzweifeln", spricht ein Bibliothekarius zu seinem ausländischen Freund. „Alle wissenschaftlichen Sozietäten brechen mit uns ab! Dabei sind wir die Höflichkeit selbst! Ich weise, in wahrster Jnternatronalität, überall, liberal und tolerantest daraus hin, daß wenigstens Kunst und Wissenschaft über dem Kampfe der Völker stehen sollen — es nützt nichts!" „Rennt ihr das .liberal und tolerant', daß ihr stillschweigend und ergeben die Diebstähle aus euren Gemäldegalerien Und Bibliotheken h!n- nchmt? Warum wehrt ihr euch nicht endlich dagegen? Ihr seid Narren! Ihr gebt ja der Gemeinheit recht!? Ihr bestätigt durch euer Kuschen, daß die Verachtung gegen euch richtig ist! Ihr macht den wenigen, die euch helfen wollen, dadurch ihr versöhnliches Wirken geradezu unmöglich! Haut dach endlich aus den Tisch! Ihr seid komisch! Ihr könnt nur das Extrem! Entweder seid ihr brutal wie Berserker, oder ihr kriecht! Gelassene Würde kennt ihr nicht! Ihr seid das wichtigste Volk der Menschheit, ihr arbeitet und arbeitet wie Sträflinge, ihr arbeitet aber nur um der Arbeit willen! Arbeitet doch endlich um der Wirkung eurer Arbeit willen! Sprecht öffentlich aus, daß es euch verwundert, daß man euch .Barbaren' Bücher und Gemälde stiehlt! Erklärt laut und entschieden, daß ihr eure Kunstschätze, daß ihr die Dokumente, eures Geistes behalten wollt, daß ihr die französische Kultur nicht durch Dürers, Rembrandts. Cranachs und Grünewalds Gemälde verderben wollt, daß ihr eure Werke aus den französischen Bibliotheken zurück haben müßt, daß ihr nicht den französischen Geist durch Leibniz, Kopernikus, Kepler, Guericke, Gutenberg, nicht durch Luther, Melanchthon, Kant, Jakob Böhme. Laoater und Friedrich, durch Hutten, Sickingen und Schelling, um nur ein paar Namen zu nennen, verschlechtern und verderben wollt! Zur Politik gehört Witz! Politik ist Sophisterei! Das französische Lügenpathos ist gegen euch nur möglich, weil ihr es ernst nehmt. Ihr schämt euch ja für die Franzosen! Schlagt sie doch mit ihren eigenen Waffen' Wie soll denn die Verlogenheit der Franzosen offenbar werden, wenn nicht ihr dafür sorgt? Entzündet ein homerisches Gelächter gegen die Franzosen! Nichts ist tödlicher! Wenn man dich sprechen hört, könnte man zweifeln, daß ihr das Blut des großen Friedrich in euch tragt!" „Es ift schon wahr. Wir sind zu bescheiden." „Dumm seid ihr! Ihr seid die dümmsten Menschen der Erde!" Traurig nickt der Bibliothekarius. „Ihr müßt Schindluder um der Wahrheit willen treiben! Euer Friedrich hat gesagt: ,Dte Erde ist das Tollhaus des Weltalls!' Richtet euch doch endlich darnach! Es kann früher nicht besser werden! Es wird früher mcht besser!" In Danzigs finstern Straßen hallen die Schritte heimkehrender Bürger. Aus weinglatten Kehlen lärmt ein Lied. Vorwurfsvoll ruft vom Gehsteig gegenüber eine Stimme: „Müßt ihr denn immer französisch singen? Singt doch Deutsch'" Sprünge, Körper prallen aneinander, Schläge Schimpfworte, Hiebe. „Deutsches Schwein." Ein Aufschrei; wie ein Irrwisch flieht die Laterne eines Bürgers; die Gruppe der Kämpfenden hat sich vergrößert: Ein Mann ist hinzugesprungen, einer der Angreifer fliegt hoch, niederstürzend schlägt er an eine Hauswand, in hohem Schwung kommt ein anderer auf der Straße zur Erde, der Dritte beginnt um Hilfe zu schreien. „Sind sie verletzt?" „Sie haben mich .. durch den Arm ... gestochen; ich war ... ganz betäubt durch die Schläge. Ich danke Ihnen!" Bang leuchten Lichtlein auf; zwei Wachsoldaten kommen; ein Fenster öffnet sich, ein Mann mit weißer, spitzer Schlafmütze spricht feig mit dem Finger zeigend zu den Polnisten .Dort! Der Mann dort, der, der sich den Arm hält, der hat die französischen Herren überfallen!" Die Franzosen raffen sich zusammen Ich bin von des Kaisers Garde!" Entsetzt klirr.end haut das Fenster »u Die Stadtwächter fassen den Gestochenen an: „Sie sind verhaftet'" „Nehmt auch diesen mit! Der hat uns tätlich attaquiert!" „Ich gehe von selbst mit! Sie kommen aber auch mit!" „Nab're’lement! Gern!" Wirr, zornig reden die Franzosen durch- einanhe- Der lange Lümmel muß dran glauben!" — „Wie fühlen Sie sich, Herr Major?" — „Der Mann wird dran glauben!" — „Es scheint ein preiC'i'cbes Schwein zu fein? — „Wir werden das gleich wissen!" Eine trüb brennende Laterne hängt über dem Wachlokal: Neben dem Verwundeten steht im Lichtschein ein hochgewachsener Mann. „Kommen Sie herein!" gebietet er den Franzosen. Hochfahrend treten sie ein. „Mi sind von der französischen Hilfskommission!" Ties, entsetzt verneigt sich der Polizeileutnant. „Dieser Herr ist Colonel de Cravagnac! Das ist mein Adjutant: lieutenant Premier Schüttle. Ich bin der Major de Vignerolles!" „Bitte gehorsamst Platz zu nehmen. Stehe völlig zu Dero Diensten!' „Ich bin ein freier Bürger Nordamerikas! Ich reife im Auftrage meines Präsidenten. Please!" Kreideweiß werden die Franzosen. Zitternd reicht Vignerolles dem Amerikaner den Paß zurück „Wenn Sie nicht wünschen, daß ich Ihrem Kaiser erzähle, daß seine Offiziere schon zu Totschlägern und Schurken geworden sind, zahlen Sie dem Uebersallenen sofort die Barschaft, die Sie bei sich tragen, als Schmerzensgeld! Und bann verschwinden Sie!" Die Franzosen zerren eifrig ihre Geldbeute! aus den Taschen. „Ich nehme kein Geld von euch!" „Geben Sie mir das Geld! Ich werde den Herrn bitten, daß er es von Ihnen annimmt." „Wir werden Ihnen dafür sehr verbunden sein, Herr Gesandter." „Hinaus!" Die Franzosen verschwinden. „Wir sind machtlos, mein Herr!" stam- melt der Polizeileutnant. „Unser Freistaat ist von Deutschland losgerissen!' „Er ist es nur, solange ihr es duldet! Kommen Sie! Seien Sie mein Gast; mein Vater war ein Offizier Ihres großen Königs! Er focht neben Washington im Freiheitskampf!" ♦ Zornig bedrückt schreitet ein pensionierter Major durch die Gäßchen eines märkischen Nestes. Zur Rechten geht die Gattin, zur Linken die stille Tochter. Schnaufend, in Wut und Schmerz umkrampft der Alte feinen Stock. Mitleidig, vorwurfsvoll sieht der Pensionierte sein Kind an. Die lausigen Passanten grüßen es nicht?! Bedrohlich mißt er die Milchfrau, die mit unförmigen Füßen vorüberlatscht. Spöttisch, geradezu spöttisch mustert das gemeine Weibsbild die armselige Toilette seines Kindes! „Will Sie, miserables Weibsbild, von mir kaduk gefuchtelt werden?" — „Herr Vater, ich bitte Sie! Das dürfen Sie nicht tun!" Fast weint die junge Hauptmannsfrau; er bezähmt sich und geht weiter. Hinterdrein keift das Milchweib; aus tiefstem, zerwühltem Herzensgrund seufzt der alte Major auf; Wasser steigt ihm in die Augen; vor einem Giebelhäuschen stehen zwei Zivilisten. Mit . . Gewehren!? Wie anno dazumal, am Rhein? Der Major steht, er fragt zitternd: „Wer wird da bewacht?' „Der Herr Generalleutnant, Herr Papa, wegen der Festung, die er übergab! Er ist erst jetzt in Untersuchung gekommen!" „Und da stellt bei euch das .... Zivilistenpack die Wache?" „Die Herren stehen nur, solange das Militär exerziert, Herr Papa! Von sechs Uhr ab stehen hier die ordnungsgemäßen militärischen Pfosten.' Gebrochen, mit schleifenden Beinen geht der alte Major weiter. Aengstlich zirkelt der Blick seiner Frau zwischen ihm und ihrem Kinde. „Ist es nicht schön, Mutter?" fragt die junge Hauptmannsfrau, „daß mein Kurt, trotz all diesem Häßlichen pflichtgetreu aushält?" Bei nassen Augen nickt die Mutter. Der Major a. D. reißt den Kops hoch: Schüsse blackern! In der Lücke eines beschnittenen Buschzaunes ziehen Soldaten. Die Offiziere sind nichl zu Pferd. Bitter nickt der alte Mann vor sich hin; Keine Pferde! Hcllb- sold! Bürgerliche Kameraden, kein Avancement, kein Ansehen. „Es ist aus!" schreit der Alte. „Es ist aus!" — „Was, Herr Vater?!" „Tochter!" befiehlt der Alte, „mit wem verkehrt ihr?" Die Tochter bleibt stehen, sie bückt sich und reißt Nesseln aus. „Ich bitte dich, deine Kasserollen gesälligst scheuern zu lassen, wenn wir wieder weg sind!" Hingebungsvoll kniet die junge Frau, sorgsam, mit eingedrehtem Schürnchen umfaßt sie die stechenden Stengel einer Brennesselstoude Die junge Frau streift die Blätter in ihr Schürzchen; sie richtet sich auf. „Hast du vielleicht auch nicht einmal mehr eine Scheuerfrau?" — „Nein, Herr Papa; wir haben doch dazu keine Zulagen mehr?! Die Nesseln geben ein hochfeines Gemüse. Mamachen." sagt die junge Frau, „es wird dir gut schmecken." „Rapport", befiehlt der Alte. „Mit wem verkehrt ihr?" „Nach Tisch kommen die Kameraden von Kurt zu uns. Wir lesen viel zusammen." „Bravourös! Höchst honett für Militärsleute! Höchst honett! Das muß ich sagen!" „Am Sonntag sind wir beim Herrn General. Letzthin haben wir dort mit den Soldaten .Wallensteins Lager' aufgeführt. Ach, Papachen, das war herrlich!" „Der Porck war schon immer eine überdrehte Schraube! Was will Sie?" Bittend halten die schlanken Finger der Tochter den Alten beim Westenrand, die Hecke umgrenzt den Exerzierplatz. „Cs ift gerade Ruhe, Herr Papa; hören Sie!" Des Schwiegersohns Stimme sagt hinter der Hecke zu seinen Soldaten: „Ihr dürst nicht fo verallgemeinern! Es taten viele von uns weit über ihre Pflicht! Denkt doch an unseren General!" „Der schon, aber sonst? ..." „Waren nicht Scharnhorst, Sd)ill, Blücher und Gneisenau schwer blessiert? Blieben nicht der Prinz Louis Ferdinand und der Braunschweig? In Solberg und Danzig fiel weit über die Hälfte aller Offiziere! Laßt euch nicht durch das Geschimpfe Ehrloser ungerecht machen! Die saßen schön warm hinter dem Ofen, als wir kämpften, die haben kein Recht, auf uns zu schelten! Laßt das Gewesene, seht in die Zukunst! Die Schuldigen sind ja entfernt!" (Fortsetzung folgt.) Peraniwortlich: Or. HanSThyriot. — Druck und Vertag: Brühl'scheUniversitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.