Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ Jahrgang MH Montag, den H. Mai Nummer 57 Wind. Von Ruth Schaumann. Woher der Wind gefahren. Das weißt du nicht. Er spielt mit deinen Haaren, Grüßt dein Gesicht. Er senkt die schwachen Halme In ihre Knie, Er beugt die starke Palme So tief wie sie. Biegt Blume tief zur Blume Zum Herbstgewinn, Und lenkt zur Ackerkrume Die Welle hin. Und wo sein Wehen endet, Ganz ohne Lohn? Der es empfängt und sendet, Der weiß es schon. Oer große Elch. Von Görge Spervogel. Till klammerte sich mit aller Kraft seiner sechzehn Jahre an die Lenkstange, was seine Lage nur verschlimmerte, denn nun konnte er die Maschine nur noch schwerer halten. Alle Freunde sagten ihm immer, er müsse die Maschine durch das Körpergewicht lenken, aber das war von Tills Seite nicht zu bewerkstelligen: sowie er das Gefühl hatte, er führe zu schnell, mußte er sich anklammern. Und er hatte die Meinung, irrsinnig zu rasen. Was die Maschine anbetrifft, so war dieser Ausdruck für das Fahrzeug von einem liebenswürdig jungenhaften Optimismus geprägt worden. Natürlich war es eine Maschine, aber sozusagen nur eine Winzigkeit von einer Maschine. Da war ein richtiger Vergaser, eine Zündkerze, ein Zylinder, ein Auspuff und ein Benzintank, Lärm, Geschwindigkeit und Rauch beim Fahren: es gab bei Stillstand und Panne eine ganze Wissenschaft und kunstvolle Mechanik zu beachten und eine Unmenge Fachausdrucke obendrein. Lieber Himinel, wenn Till von Hub, Bohrung, Umdrehungszahl und Marimalgeschwindigkeit anfing, von Lagerschäden, Zentral - Einöruckschmierung, Trockenscheibcnkupplung, Kulissen,chal- tung und Oelfilm, dann konnte man nicht anders als vor Till und der Maschine tiefe Ehrfurcht empfinden. Wenn man sie aber nach langem Bitten endlich zu sehen bekam, Schmach und Schande war das Ende für Till. Die Maschine war an Tills ehrwürdig altes Fahrrad als Hilfsmotor montiert und entwickelte in ihrer allerbesten Zeit dreiviertel Pferdekräfte Höchst- und ein wenig mehr als eine halbe Pferdestärke Dauerleistnng. Es verhielt sich wohl so, daß Till voller Glückseligkeit war, wenn er mit seinem Gefährt allein auf einer weiten weißen Landstraße dahinfuhr. Er sang laut, pfiff oder jodelte gegen den Lärm des Motors an: er hätte auf der weiten Welt nichts anzugeben vermocht, das ihm lieber gewesen wäre als seine Maichine. Aber mit der Zeit sammelte sich alle Schmach und Schande, die er erfahren mußte, in seinem Herzen an, und ertappte sich oftmals über den gleichen Meinungen, die Fremde über die Maschine äußerten. So geschah es, daß der Glanz der vernickelten Teile verging und die schwarze Emaille des Rahmens sich mit einer grauen Staubschicht bezog. Die Maschine war auf dem besten Wege, zu einem vergessenen Ding im Kellerwinkel zu werden. • Da mußte Till eines Tages schnell,eine Besorgung über Land machen, und es blieb ihm keine Wahl, als mit der lächerlichen Maschine zu reisen. So setzte er sie voller Mißbehagen in Gang und fuhr ab. Er quälte den Motor aufs äußerste, zwang ihn zur Hergabe der letzten Energien, schimpfte dabei und verachtete um und den Globus, auf dem derartige benzinverzehrende Apparaturen herumkriechen durften. _ ... - „ Die Straße führte bergauf. Till mußte treten. Dafür kam hinter der Steigung ein wunderbares Gefalle, ,o daß -LUI oen Motor abstellen konnte und dennoch mit gewaltiger ivohrt zu Tale schoß. Wie schon gesagt, klammerte er sich dabe.t an d,e Lenkstange, anstatt mit dem Körper zu lenken, und geriet dabei iu einiges Schleudern. Das Gefühl unsinniger Raserei lähmte ihn, und als er nun noch einen schweren, funkelnden Luxuswagen auf sich zubrausen sah und sein herrisches Signal hörte, wartete er sekundenlang ergeben auf seinen Sturz. Als er sich danach immer noch im Sattel sand, zog er aus Leibeskräften Felgenbremsen und Rücktritt und stand kurz vor dem vornehmen Auto still. „Verzeihen Sie", sprach ihn de, Herr am Steuerrad an, „würden Sie die Liebeswürdigkeit haben, mir mit etwas Brennstoff auszuhelfen? Mein Benzinstandmesser ist in Unordnung geraten. Es langt nicht einmal mehr für diese Steigung." „Selbstverständlich", sagte Till ohne Besinnen. „Genügen zwei Liter?" „Vollkommen", erwiderte der Herr und äußerte sich über Tills Kameradschaftlichkeit und sportlichen Geist, während er ausstieg und die Verschraubung des Einfüllstutzens abnahm. Darauf drehte er sich nach Till um und Befahl dabei das Motorrad, das von vorn durch die Größe des Tanks Vertrauen erweckte, in seiner wirklichen Gestalt zu sehen. Was man begonnen hat, soll man auch, so gut es geht, mit Anstand zu Ende führen, dachte er in ein gewaltig aufsteigendes Gelächter hinein, bezwang sich und fragte Till mit Hochachtung und Höflichkeit, wie das Umfüllen wohl am geschicktesten zu bewerkstelligen sei. Da stand Till nun, blickte ohne Rat und Hilfe umher, schämte sich bodenlos und bemühte sich so krampfhaft wie erfolglos zu begreifen, warum an der Venzinleitung kein Abfullhahn erschaffen worden war. Zu allem geschah es nun, daß seine suchenden Augen im Innern des Wagens eine junge Dame erspähten, sah, eine so schöne Dame, es ist gar nicht zu sagen, rote sehr sie Till gefiel. Der Herr folgte Tills Blicken und nickte der Dame lächelnd zu. Da ließ sie das Fenster herab, lachte den Jungen geradeheraus an und sagte ohne Umstände, rote lehr sie ihn beneide, denn für ihre Person liebte sie Motorradfahren außerordentlich viel mehr als etwa jegliches Autoreiien. Till hörte mit seinen leiblichen Ohren, daß sie das sagte und rote sie es tat, der Herr fragte ihn nun nach der Marke der Maschine, jawohl, Maschine sagte er in allem Männerernst, und die Dame stieg endlich aus, um sie ganz aus der Nähe betrachten zu können. „Och", sagte Till, „es ist eben nur eine ganz leichte Maschine, aber für ihre Klasse unheimlich schnell, dabei fabelhaft wirtschaftlich und ein ganz großer Bergsteiger obendrein. Wichtig sur diese Gegend", fügte er hinzu, und dann kamen aus Frage und Antwort eine Menge Fachausdrücke und Zahlen ans Tageslicht. Sie wurden, das merkte er, mit Interesse und Sachkenntnis angehört, auch mit denen des großen Wagens verglichen. „Eine schwere Maschine", sagte er schließlich, „kommt unter den vorhandenen Umständen überhaupt nicht in Betracht. Und zuverlässiger als diese kann keine andre fein." . Ach je, was hatte er da für eine Pracht von einer Maschine. Man konnte ihm den Stolz richtig ansehen. Setzen Sie den Trichter in den Stutzen, mein Herr", versetzte er endlich voller Selbstbewußtsein, „denn nun wollen wir umfüllen." Kob die Maschine hoch, drehte sie mit Schwung in der Luft um und hielt den Ausfluß seines Tanks über den Trichter ttn Autotank. Das Benzin floß in glatten Strahl. „Das werden wohl zwei Liter sein", sagte der Herr, „danke, es ist wirklich genug. Die Dame bewunderte unverhohlen -rtlls Starke. Ach je, meinte der, das wäre doch gar nichts, nein, wahrhaftig nicht. „Kat Ihr Motorrad auch einen Namen?" fragte die Dame. „Meistens gibt man doch den Dingen Namen, die man sehr lieb hat. — Gott, wie Sie das wissen", sagte Till, sah sie an und begann sich zu beschäftigen, indem er mit der Fußspitze einen Stein aus dem Schotterschlaq zu lösen versuchte. „Es ist ein komischer Name , sagte er endlich. „Großer Elch, damit Sie ihn wissen. Der Kerr trat hinzu, seine Börse in der Hand. Till wünschte schnell eine gute Reise und schob die Maschine an. „Aber wir müssen uns doch bedanken", rief die Dame aus dem Wagen heran». „Dank genug", schrie Till, „wirklich!" ''Dann lege ich es hier auf die Straße", rief der Herr bestimmt. „Es gehört Ihnen. Wenn Sie es nicht wollen ..." Nein nein", schrie Till und startete. Es gab eine Staubwolke, und der schöne Wagen mit der schönsten Dame von der Welt war fort Die Wolke verging und der Junge sah immer noch den Kügel hinauf. So, dachte er endlich, da haben sie das Geld nun ■ hinqeleqt. Da liegt es nun. Wer es wohl finden und aufnehmen wird? Eine Mark, wenn es viel ist, eher die Hälfte. Genau müßten es 80 Pf. fein. Eigentlich könnte ich ja mal nachsehen. Sicher, anfefien kann ich es ja, solange ich will. Till spazierte zurück und spähte nach einem Silb«>ralan' ans. Er spazierte aufrecht hin und her, er bückte sich, er lief auf und ab, der Teufel mochte wissen, wie es zuging, aber von einem Silberglanz war nicht die Spur aufzufinden. Ist es möglich, muhte Till denken, ist es möglich, dah er hier gar nichts hingelegt und mich verhöhnt hat? Möglicherweise sitzen sie nun in ihrem Auto, lachen, fahren drauf zu und sprechen verächtlich von mir und der Maschine. Es ist nichts unmöglich. Vielleicht sagt die Dame bei all ihrer Schönheit nun zu dem Herrn, daß die Maschine der „Große Elch" heißt. Da hat er, sagt sie wohl, diese Lächerlichkeit von einem Motorrad, diesen „Großen Elch" in ferner Dummheit auf den Kopf gestellt. Denk dir doch, wird sie sagen, „Großer Elch" nennt er das. Nein, und stellt.ihn kurzerhand auf den Kopf. Ist es nicht unsagbar lächerlich? Ja, wird er sagen und lachen, und sie wird ebenfalls lachen und sich ausmalen, rote der Dummkopf nun auf der Straße Geld sucht, das da nicht hingelegt roorden ist. Tills Kopf war rot und heiß, ganz benommen vor Scham und gebeugt vor der Demütigung. So ging er auf sein Rad zu. Plötzlich kniete er nieder, als ob er die Erde bitten wollte, ihn zu verschlingen, doch stand er schnell wieder auf, schob sein Rad in Eile an und fuhr davon. Nachdem er seine Besorgung erledigt hatte, ssiclt er an einer Tankstelle, ließ sich zwei Liter Benzin geben und bezahlte mit einem Fünfmarkstück. Als er die Steigung am Hügel erreichte, legte er das Wechselgeld auf die Straße. Dann stellte er sich groß hin und sagte in der Richtung,'die das Auto genommen hatte: „Der „Große Elch" läßt sich nicht für Gefälligkeiten bezahlen!" Dann wendete er, wendete abermals, fand mitten auf der Straße Geld, mehr als vier Mark, freute sich und fuhr heim. Am Abend erzählte er den Freunden von der schönsten und liebsten Frau auf der Welt, und was sie und ein Herr, der dabei tvar, über seine Maschine gesagt hatten. Vom Sinn des weisens. Von Wilhelm von Scholz. Sehnsucht in die Ferne und Drang zur Ausweitung des Bildes von der Welt haben den Deutschen von jeher im Blute gelegen. Wandern und Reisen entspricht ihrem Wesen und bietet sich ihnen als eine geistige Aufgabe dar, der Dichter und Denker immer wieder beredten Ausdruck verliehen haben. — Soeben ist im Paul List Verlag in Leipzig eine Reihe der Reisebetrachtungen von Wilhelm von Scholz unter dem Titel „Wanderungen" in einem Band vereinigt worden, der zugleich ein schönes Bekenntnis zur deutschen Heimat darstellt. Ihnen ist der folgende Abschnitt entnommen. Das Reisen ist für den heutigen Menschen etwas Alltägliches geworden. Er reist die häufigsten Male ohne Achtsamkeit auf das schwingende Wandelbild, durch das er fährt, nur für diesen oder jenen praktischen Zweck, liest oder arbeitet im Zuge, hält sich kurz an seinem Ziele auf und kehrt nach erledigten Geschäften rasch zurück, so daß eine Reise nach Wien von ihm innerlich möglicherweise als drei Tage eines Münchener Aufenthalts gebucht werden kann. Ob in Mailand oder Amsterdam, Moskau oder Barcelona — er hält sich innerlich an das überall gleichmäßig geebnete Europäische der großen Gasthöfe, Kontore, Vergnügungsstätten, Verkehrsmittel. Von dem seelischen Bereichern, was Reisen früher war, ist in diesen häufigen Reisen des Menschen von heut gar nichts mehr. Auch die Sommerreisen, Ferienfahrten sind nicht bas mehr, was Reisen einst war und was uns wiedergewonnen werden sollte: sie sind zumeist nur Flucht aus der Stadt aufs Land, an die See, ins Gebirge, oder aber rasches, in ein paar Wochen gepreßtes Aufnehmen immer neuer Sehenswürdigkeiten — in Scharen, die das gleiche tun, und die Menschenumgebung der Stadt, der man entflohen ist, an die Wirtstafeln, in die Kurhäuser, die Bäder mitbringen. Es ist nicht mehr das Reisen zu einem Volke, in ein Land. Vielleicht können die großen Fahrten im Kraftwagen etwas vom alten Genuß des Reisens geben: sie sind aber auf zu wenige sehr wohlhabende Leute beschränkt, als daß von ihnen eine allgemeine Erneuerung und Veredlung unseres Reisens kommen dürfte, die wir nur seelisch erringen können. Noch ist das schwärmerisch, jugendlich-romantische Reisen mit Laute und Gesang wieder erwacht in den Fahrten der Wandervögel: schön und genußreich wird es dies neue Geschlecht zum Reisen in einem besseren Sinne erziehen, so wenig es mit der Poesie des Abkochens im Freien, des Heulagers, der größeren Wandergemeinschaft schon eine Erfüllung sein kann. Wenn wir an das Goethische Reisen denken, werden wir immer wieder mit Neid inne: welche Lebensstimmung, welch eine golden gezügelte Daseinstrunkenheit, welche Lust und Freude als reines Sinnen- und Gefühlserlebnis Reisen und Wandern sein kann: und zugleich: welches Lebensergebnis an Bereicherung, Bildung, Durchdringung der Dinge, Verbindung von Natur mit Menschenleben und seinen höchsten geistigen Leistungen, welch neues Aufmerksamwerden auf das, daheim nicht mehr gesehene und bemerkte, Alltägliche mit seiner vielfältigen Schönheit, seinem Sinn, feiner Beziehung zum menschlichen Dasein. Solches, die Persönlichkeit in ihren Gefühlskräften und zugleich in ihrem geistigen Besitz bereicherndes, Reisen ist freilich nicht ganz verloren gegangen, wird aber doch nur noch von wenigen geübt. Es gilt, meine ich, es aus breiterer Grundlage, als einen der größten Genüsse, die dem Menschen beschieden sein können, wieöerzuge- winnen. Es sollte für jeden einzelnen Gebildeten unserer Tage wichtige Pflicht sein, daß er neben dem geschäftlichen und dem Erholungsreisen sich auch dazu erziehe und ausbilde, einmal im Jahre goethisch zu reisen — trotz aller Massenhaftigkeit des Reisens, trotz der geschwundenen Entfernungen, die einst die Landesund Volkserkenntnis des Reisenden langsam reifen ließen, trotz der breiten Bekanntheit aller Gebiete des alten Europa, die nicht mehr, wie Italien noch Goethe, den Heutigen mit dem feierlichen Gefühl erfüllen: daß er etwas nur wenigen Geschenktes langsam sich eröffnen, um seinen Wanderweg zu wundervoller Raumgegenwart auseinandertreten sieht. Und doch, auch wenn er nur ein Stück Mitteldeutschland durchwandert, sollte der Mensch etwas vom goethifchen Reisen in sich haben. Wie ist das zu erreichen? Ich glaube, durch einen Entschluß, durch die bewußte willensvolle Schaffung einer Stimmung in sich, durch Selbstheranbildung: dadurch, daß man, möchte ich fast paradox sagen, viele Stimmungen und Gefühle verschiebt, ansammelt, wachsen und sich steigern läßt, bis sie fast von selbst zu einer Reife werden, bei welcher der graue Ueberzug Alltäglichkeit von allen Dingen abfällt. Dann werden ein paar Wochen zum innerlichsten Erleben einer Landschaft, ihrer Bevölkerung, ihrer Bauten, ihrer Geschichte, ihrer Daseinsbedingungen und, indem sie irgendwie als ein Lebensganzes erscheinen und dem einzelnen gegenübertreten, auch des Reisenden selbst, führen sie zu neuer Klarheit über Errungenes und zu Erringendes. Es ist eine besondere Forderung solchen Reisens, ein bestimmtes Jnterefse so gründlich auszubilden, baß es zu einem Faden wird, auf den sich die Eindrücke geordnet aufreihen: daß es jedenfalls den Sehenswürdigkeiten den zusammengewürfelten Charakter der Raritätenkammer nimmt. Es mag Volkskunde, Naturwissenschaft, Architektur oder überhaupt bildende Kunst, mag geschichtlich oder wirtschaftlich fein: seine Wirkung ist immer die, daß die Reise Gestalt gewinnt, die sich fest in die Erinnerung prägt und in der auch die andern Eindrücke Ordnung, Halt und Fülle bekommen. Selbst wenn solche Betätigung eines besonderen Interesses, bei der ich vorerst nur an den Nutzen für den Ausübenden, nicht an den etwaigen allgemeinen Wert ihrer Ergebnisse denke, nur den einen Zweck haben sollte, den ihr ein skeptischer Reisender beilegte: mit ihren Gedankenbeziehungen die Dinge länger im Bewußtsein zu halten — so daß sie genauere, vertieftere Erinnerungsbilder werden, so etwa, wie der Zeichnende in höherem Maße gezwungen ist, alles zu fehen, als der, dessen Auge von keinem Trieb des Nachbildens von Punkt zu Punkt des Angeschauten geführt wird — wäre sie in ihrer Höherbildung des einzelnen auch für die Gesamtheit wertvoll. Wer mit dem Geologenhammer durch ein Gebirge reist, wird einen volleren, an mehr Vorstellungen — und an festere Vorstellungen! — gebundenen Gesamteindruck des Erdstücks mitneh- men, das er besuchte, als wer nur den Wanderblick auf die wilden Bergformen, die Schroffen und Zacken, die malerischen Felsschattentiefen oder auf das Farbenspiel von weißem Durchscheinen und blauem Schatten im Schnee gedankenlos hinüberfliegen läßt. Eindrücke ohne Gedanken bleiben unverfestigt, flüchtig. — Wer mit Gefühl und Verständnis für Architektur eine Stadt besucht, dem wird sie, weit über die Gegenwart hinaus, zeitlich vertieft. Während er nach den Formen einer ihm lieben Stilepoche sucht und dabei alle beachtenswerten Bauten der Stgdt ansieht und überprüft, weitet sich unmerklich die gegenwärtige Stadt in die Geschichte hinein. Immer fühlbarer werden dem Reisenden die Lebensbedingungen, aus denen die verschiedenen Gebäude hervorgingen. In langen Geschlechterfolgen sieht er schließlich das Leben der Stadt in die Gegenwart münden, die um ihn ist: fühlt er diese Gegenwart neu und stark, indem er ihr, überschauend, ferngerückt ist ... Es ist gegenüber und neben diesen objektiven Beschäftigungsarten, die einer Reise Dauer und Vollendung geben, noch eine subjektive, die seit ältesten Zeiten mit dem Reisen verbunden ist und also wohl irgendwie tiefer zu ihm gehört: das ist das Schreiben und Schildern, das Festhalten des Gesehenen und Erlebten int Wort. Dieses Schreiben ist aber offenbar durchaus nicht bloß ein Festhalten. Das würde es wohl noch nicht zu dem sich bei allen begeisterten Reifenden immer wiederholenden Triebe haben werden lassen. Dies Niederschreiben ist vielmehr erst das völlige Eindringen in das Gesehene und Erlebte. Erst im Niederschreiben, in der Ordnung, die es mit dem festgelegten Wort dem Erlebten gibt, wird der Geist Herr seiner Eindrücke, wozu der tiefste Trieb in ihm ist. Erst dann stehen sie ihm zu Gebote, sind sie fein Besitz, sind sie eine Vermehrung feiner Person, seines Wesens. Wie sich die Betätigung eines ohjektiven Interesses am Gegenstände dem Zeichnen vergleichen ließ und dem Zwang, jeden Punkt des Vorbildes einmal mit Bewußtsein zu sehen, so hat das nachträgliche Niederschreiben eine Wirkung, verwandt der des Entwickelns einer belichteten photographischen Platte, die einen Moment das Bild sah, das nun von der über sie ausgegossenen Schärfe langsam mit allem Kleingefüge herausgeholt wird. So zwingt die Sammlung des Geistes beim Schreiben, die Schärfe des von äußeren Dingen unbeirrteu, ruhigen Jns-Jnnere-Hinein- sehens jedes Stück des vergangenen Eindrucks heraus, auch das, was noch durchaus nicht ins klare Bewußtsein des Reisenden getreten war. Er reift nun noch einmal, ganz frei und von keinem Gepäck gehindert, ganz Auge und Aufnahmesinn und zugleich ganz geistig, ganz Erkenntnis: so, als wäre keine Entfernung mehr zwischen Auge und Erkenntnis, als sähe er gewissermaßen in Sinneneindrücken, die gleichzeitig Erkenntnis sind. Oie Photo-Zelle. Von Dr. Helmut ThomasiuS. Mancher Fremde, der Berlin besucht, wird dort von seinen Verwandten oder Freunden vor eine kleine technische Sehenswürdigkeit geführt, die noch nicht ganz ein Jahr in Betrieb steht und die ihre Anziehungskraft noch immer nicht verloren hat. sie auch voraussichtlich so bald nicht verlieren wird. Gegen das, was es sonst an Technischem in der Reichshauptstadt zu sehen gibt, ist sie geradezu unscheinbar und doch übt sie einen unwiderstehlichen Zauber aus. Sie befindet sich am Bahnhof „Innsbrucker Platz" der Ringbahn. Von der Schalterhalle führt eine Rolltreppe hinauf zum Bahnsteig. Sie steht still, ist scheinbar außer Betrieb. Schreitet man aber auf sie zu, so setzt sie sich auf geheimnisvolle Weise ganz von selbst in Bewegung, um wiederum still zu stehen, sobald man oben angelangt ist Erst wenn ein neuer Fahrgast kommt, der hinauf will, wiederholt sich das Spiel. Wer wissen will, wodurch es ausgelöst wird, kann lange suchen. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß ein Strahl infraroten Lichts, das bekanntlich für das menschliche Augen unsichtbar ist, quer über den Eingang zur Treppe hinweg auf eine Photozelle fällt. Wenn der Strahl durch das Hindurchschreiten einer Person unterbrochen wird, schaltet die Photozelle die Einrichtungen ein, die die Treppe in Bewegung setzen. Das ganze führt einen Fortschritt von weitestgehender Bedeutung anschaulich vor Augen. Noch ist uns die Photozelle etwas Ungewohntes. Aber die Zahl ihrer Verwendungsarten mehrt sich ständig. Von überallher kommen Nachrichten, die zeigen, wie man die Feinfühlichkeit dieser im Grunde so einfachen Vorrichtung auszunutzen versucht, eine Feinfühlichkeit gegen Helligkeitsschwankungen und gegen Lichteindrücke überhaupt, die geradezu an das Unglaubliche grenzt. Die Einrichtung der Photozelle ist mehr als einfach. Ihre Erfindung, die in die achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fällt, verdanken wir dem deutschen Physiker Hallwachs. Wie mit so vielen großen Fortschritten ging es auch hier. Man erkannte den Wert nicht sogleich. Immerhin wurde die Zelle, in der Hauptsache durch deutsche Physiker, weiter verbessert und jetzt erleben wir, daß sie ganz beträchtlich in den Vordergrund des Interesses rückt. In ihrer gewöhnlichen Form besteht sie aus einem kleinen Glasgefäß, in das ein Edelgas wie Argon, Neon oder Helium eingefüllt ist. Eine innen am Glas aufgebrachte Metallschicht, die gewöhnlich aus Natrium, Kalium, Lithium, Cäsium oder Rubidium besteht, und ein Metallstab stehen einander gegenüber und sind so eingerichtet, daß sie in einen Stromkreis eingeschaltet werden können. Zwischen dem häufig schleifenförmig gebogenen Metalldraht und dem Me- tallbclag der Glaswandung besteht, solange die Zelle nicht bestrahlt wird, keinerlei Verbindung. Wenn jedoch Licht auf sie fällt, fließt ein Strom von Elektronen, also von kleinsten negativen Elektrizitätsteilchen, vom Belag der Glaswandung zur Metallschleife. Damit ist der elektrische Strom, in den die Zelle eingeschaltet ist, geschloffen. Die allerfeinsten Bclichtungsschwankungen üben ihren Einfluß auf die Zelle aus, die auch für einzelne Strahlungsarten empfindlich gemacht werden kann. Unter den mannigfachen Anwendungsarten der Zelle zeichnen sich einzelne durch die Eigenart des ihnen zugrunde liegenden Gedankens aus. Dazu gehört ein Musikinstrument, das mit Lichtstrahlen gespielt wird. Es ist eine Art jener Xylophone, die man als „Marimba" bezeichnet. Bet diesen Instrumenten werden die Töne durch Anschlägen abgestimmter Holzplatten mit Hämmern erzeugt. Der Künstler, der das neue Marimba spielt, hält aber keine Hämmer mehr in der Hand, sondern zwei Leuchtstäbe, aus denen Strahlen elektrischen Lichts herausdringen. Das Instrument selbst zeigt vierundsechzig Photozellen, die in zwei Rechen stufenförmig hintereinander aufgebaut sind. Der Künstler leuchtet nun mit seinen beiden Lichtstrahlen bald die eine, bald die andere Zelle an, wodurch jeweils ein bestimmter Stromkreis geschloffen wird, der den richtigen Hammer auf die Holzplatte schlägt. Mit diesem von dem Elektroingenieur Dr. Thomas gebauten, gewiß höchst eigenartigen Instrument kaffen sich, den Berichten zufolge, auch schwierige Stücke spielen. , Besonders wichtig ist es, daß man die Photozellen auf ganz bestimmte Lichtstärken einstellcn kann. Sobald sich j-"*» auf die eingestellte Grenze abschwächt, schaltet dce Zelle künstliches Licht oder sonstige Einrichtungen ein. Wenn es wieder heller wird, erfolgt an der Grenze die Ausschaltung. Damit ist man von Zufällen unabhängig geworden. Durch aufziehende schwere Wolken kann es bereits in den Mittagsstunden sehr dunkel werben. Die Photozelle kümmert sich nicht darum, ob die Verdunkelung durch Wolken oder durch den Eintritt der Nacht erfolgt. Für sie ist die Helligkeitschwelle maßgebend. Wird diese in der einen oder anderen Richtung überschritten — schon tut sie ihre Pflicht-Nachdem die Zoologen beobachtet haben, daß manche Obstschadlinge ihre Eier eine bestimmte Zeit vor Sonnenuntergang, also bei einem gewißen Dunkelheitsgrad ablegen, hat man Beleuchtung^enirlcy- tungen gebaut, die aufflammen, sobald dieser Grad erreicht ist, ganz gleich, ob die Dämmerung zur astronomischen Zeit oder durch Wolkenbildung schon früher eintritt. Wenn dann die Insekten mit ihren Flügen beginnen, brennen die Lampen. Sie fliegen aut diese zu und werden durch weitere Einrichtungen, die mit oer Photozelle nichts mehr zu tun haben, vernichtet, ^zn ähnlicher Weise schließt die Photozelle Jalousien, so lange die Sonne auf eine Hauswand scheint und öffnet sie, wenn es gegen Abend ober infolge von Bewölkung bis zu einem gewissen Grade,dunkel wirb. Man kann also beruhigt spazieren gehen und braucht sich unter- rveqs nicht au besinnen, ob öie Fensterladen offen oder zu sino. Die Zelle wird das nach der Voraussage des Elektroingenieurs D o n o v a t mit der größten Gewissenhaftigkeit befvrgen. Wenn wir heimkommen, werden wir ein kühles Zimmer finden. Wenn man in jeder Hand einen Koffer und vielleicht noch den Regenschirm unter dem Arm geklemmt hat, wird das Oeffneu von Türen in Bahnhöfen schwer gehen. Deshalb hat die Pen- sylvania Eisenbahngesellschaft in ihrem Ncuyorker Bahnhofsgebäude Einrichtungen angebracht, die denen am Bahnhof „Innsbrucker Platz" zu Berlin sehr ähnlich sind. Rechts und links vor den Türen stehen je zwei Pfosten. In den einen ist eine Lichtquelle, in den anderen eine Photozelle eingelassen. Wenn man zwischen beiden durch den Lichtstrahl hindurchgeht, springt die Tür auf. Eine Arbeit von geradezu märchenhafter Feinheit leistet die Photozelle jetzt beim Sortieren von Reis. Die Durchsichtigkeit des Reiskorns hängt von seinem Gehalt an Kalk ab. Beim Durchleuchten der Körner unter einer bestimmten Lichtstärke wird diese um so mehr abgeschwächt, je höher der Kalkgehalt ist. Zum Zwecke physiologischer Untersuchungen läßt man den durch das Reiskorn gegangenen Lichtstrahl auf eine Photozelle fallen. Bis jetzt ist es gelungen, fünfzig verschiedene Abstufungen des Kalkgehalts auf diese Weise mit Sicherheit und vor allem sehr rasch festzuhalten. Auch zum Melden der Windrichtung auf sehr weite Entfernungen hin läßt sich die Photozelle verwenden, also auf Entfernungen, auf die ein genaues Erkennen der Winbrichtungszeiger und ihrer Stellung Schwierigkeiten macht. Eine Scheibe, die auf dem Schaft der Windfahne sitzt, ist mit Schlitzen versehen. Je nach der Stellung dieser Scheibe zu einer mit gleichmäßiger Helligkeit brennenden kleinen elektrischen Lampe läßt sie mehr oder weniger Licht durch. Die Menge des durchgelassenen Lichts läßt die Windrichtung genau erkennen und beeinflußt die Photozelle, die je nach dieser Menge einen stärkeren oder schwächeren Strom durch- läßt. Jeder Windrichtung entspricht ein bestimmter Strom, wobei wieder feinste Abstufungen möglich sind. Oie Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) XIII. Im Juni 1918 traf die Nachricht ein, daß der Hauptmann Josef Micheelsen an der Westfront den Heldentod fürs Vaterland gestorben sei. Ein Kopfschutz hätte ihn bei dem Beginn der großen Offensive niedergestreckt. Nicht einmal zu einem Schmerzruf, geschweige denn zu einem letzten Wort an Vater und Mutter, hätte der Tod ihm Zeit gelassen. Ehre seinem Andenken) Der Besten einer sei mit diesem taufern, ungewöhnlich gutherzigen Offizier dahingegangen, den seine Leute wie einen befreundeten, erwählten Führer verehrt hätten. ~ t , Als Gust die dienstliche Mitteilung von dem Tod Jupps auf feinem Büro im Rathaus gelesen batte, sank er um wie ein Baum, dessen Pfahlwurzel durchschlagen ist. Man trug den Bürgerworthalter mit dem städtischen, von ihm selber erst vor kurzem im allgemeinen Interesse beschafften Krankeukorb über den Markt, die Hohe Straße entlang zur Ackerstraße. Der Arzt war noch vor den Tragern bei Rikelchen etn- getrofseu. In der irrigen Annahme, daß sie um bas doppelte Unglück bereits wisse, sprach er nicht nur von Gusts Erkrankung sondern unvermittelt auch von Jupps Tod. „Gust!" schrie Nikelcheu auf; sank aber nicht zusammen, sondern traf umsichtig alle Vorbereitungen für den Empfang des Kranken. Der Arzt stellte einen Schlaganfall fest. Er gab jedoch das Leben des erst Sechsundsechzigjährigen nicht verloren. Nikelcheu klagte nicht. Sie sorgte für Gust. Rikelchen fdjrie nicht: „Jupp!" Sie hatte tausendfach in schlaflosen Nächten seinen Tod durchlitten, so daß sie nun Bekanntem, daß sie fast Ausgelebtem gegenüberstand. Rikelchen weinte nicht. Sie hatte seit Jahr und Tag, wenn sie allein war — und wann war sie nicht allein? — so viele Tränen vergossen, daß ihre Augen nun leer waren und nur noch in den Minuten der allerschlimmsten Verlassenheit sich feuchteten. Rikelchen dachte, fühlte, sagte, flehte nicht: „Jupp!" Dieses Leid ihres Lebens hatte mit der Bestätigung: „Gefallen!" seinen Abschluß gefunden. Rikelchen lebte nur noch für eins: Gust darf nicht sterben! Dann war alles gut. Nein: nicht gut. Aber es war doch so, daß sie weiterleben konnte. Gust muß bei mir bleiben. Wenn auch hilflos wie ein Kind. Wenn auch gelähmt wie ein Krüppel. Gust darf nicht sterben! Seltsam, diese Frau, welche in den letzten Jahren, wo es ihr nach Anschauung der Menschen und der oft wiederholten Versicherung ihres Mannes gut ging, mehr und mehr in firn 8U= sammensank, das Blut aus ihrem Gesicht verlor, um den Glanz ihrer Augen kam, das Lachen verlernte, nun, im Leid, richtete sie sich wieder auf. Der Eifer des Helfens rötete ihre Backen. Der Wille zu dienen ließ ihre Augen aufleuchten. Das Bestreben, dem Kranken Gutes zu tun, wann und wie sie konnte, gab ihr Kraft, nicht: zum Lachen, aber doch: 8um Lächeln zurück. Unermüdlich, unverdroffen Betreute Rikelchen ihren Gust und fand mit der neuen, ihren ganzen Tag und einen nicht unbeträchtlichen Teil der Nacht füllenden Lebensaufgabe die Pforte zu jenem Garten wieder, aus dem sie sich für immer vertrieben wähnte, zur Gemeinsamkeit mit dem geliebten Mann, zum Paradies ihres ehelichen Glückes. Auch in ihrem Kampf, anfangs mit dem Tod, dann mit der Krankheit, war Rikelchen schließlich das Obsiegen beschiedeu. Gust genas. Er wurde durch Rikelchens Hilfe zum zweiten Male tm Leben ' feiner Glieder Herr. Er lernte durch Rikelchens Beistand das Sprechen von neuem. Bis aus ein Wort: den Namen seines Jungen. Keiner der beiden Ehegatten sagte jemals „Jupp". Rikelchen nicht, weil sie überwunden hatte. Gust nicht, weil ihm die Kraft zur Ueberwindung fehlte. Es war, als ob Gust und Rikelchen nie em Kmd gehabt hatten. Aber die Niederlage Deutschlands kam, der Zusammenbruch, die Revolution. Gust begriff nicht. Deutschland besiegt? fragte er rmmer wieder. Ging denn die Sonne noch jeden Morgen auf? Gust klagte an. Mit immer größerer Heftigkeit richteten sich seine Worte gegen die Menschen, nicht nur wie bisher gegen die Böswilligkeit der Feinde, sondern auch gegen die Schwäche und Verhetztheit des eignen Volkes, gegen das blindwaltenöe Schicksal. Das Regiment in der Stadt führte nach der Revolution monatelang Schweikert als Volksbeauftragter. War es Scheu, die Schweikert hinderte, von dem Amtszimmer des Bürgermeisters oder von einem der Senatorenzimmer aus die Stadt zu regieren? Wollte er weithin sichtbar seine Volksmäßigkeit betonen? Tat es ihm wohl, an die Stelle seines gestürzten Meisters zu treten? Er ließ sich jedenfalls in dem Arbeitszimmer des Bürgerworthalters August Micheelsxn nieder. Anfang Dezember, nach einem halben Jahr, fühlte Gust sich fv weit genesen, daß er daran denken konnte, seine frühern Amtsgeschäfte wieder aufzunehmen. Die Beine, die Arme, die Finger, die Worte gehorchten ihm wieder. Nur mit den Gedanken konnte er manches Mal nicht so schnell zurechtkommen, wie er wollte. Mutzte er eben mehr Zeit daran setzen als früher. Jedenfalls lag nun kein Grund mehr vor zu faulenzen und der Stadt in schwerster Zeit seine Arbeitskraft vorzuenthalten. Als Gust an einem Dezembermorgen Rikelchen erklärte: „Von heute an gehe ich wieder auf mein Büro ins RathausI" erschrak sie bis in das Allerinnerste ihres Herzens. Sie hatte ihrem Mann, im Hinblick aus se.ine Krankheit, nur mit wenigen verhüllenden Worten von dem Umschwung in der Stadt erzählt. " Bet der Ankündigung: „Aufs Rathaus!" sah Rikelchen zu ihrem Schrecken, datz nun in Minuten alles das, was sie monatelang zurückgehalten hatte, auf Gust eindringen werde. Da es also einen Ausweg nicht mehr gab, faßte sie sich ein Herz und erzählte ihm, was geschehen war. Gust hörte wider alle Er- wartuna ruhig zu, nahm, was Rikelchen erzählte, als Bestätigung seiner Bitterkeit bin und erklärte: Also sei es für ihn doppelt nötig, aufs Rathaus zurückzukehren und endlich Ordnung zu schaffen. _ „Aber er sitzt doch in deinem Zimmer!" rief Rikelchen. „Hast du es überhört?" „Wer sitzt in meinem Zimmer?" wollte Gust wissen. „Schweikert!" Ja." „In wessen Auftrag?" „Das weiß ich nicht." „Aber ich weiß es! In niemands Auftrag. Ich kenne meine Pflicht." „Wohin willst du?" zitterte Rikelchen. „Mutz ich es wirklich noch einmal sagen?" empörte Gust sich. „Aufs Rathaus. Wohin sonst?" „Und dort?" „Meine Amtsgeschäfte aufnehmen." „Schweikert hat dein Zimmer im Besitz." „Ich werde ihn auffordern, es zu verlassen." „Wenn er nicht geht?" „Ihn hinauswerfen." „Er ist stärker als du. Vergiß es nicht, Gust: Du warst krank. Ein halbes Jahr lang krank." „Hinauswerfen lassen." „Keiner wird dir mehr wie früher gehorchen." „Nun gerade!" antwortete Gust. Gestützt von seinem schweren Eichenstock, verließ der Rentier und Bürgerworthalter August Micheelsen seine Wohnung und ging langsamen Schrittes zum ersten Male jenen Weg rückwärts, den man ihn vor einem halben Jahr im Krankenkorb getragen hatte, die Ackerstratze hinauf, die Hohe Straße entlang, an seinem ehemaligen, nun längst eingcgangenen Geschäft vorbei, über den Markt, die Rathaustreppe empor, quer durch den Rathaussaal in „sein" Büro. Gusi hatte in die Mitte des Zimmer gehen, dort nahe beim Schreibtisch Aufstellung nehmen, mit seinem Stock zur Tiir zeigen und kein Wort sagen wollen, höchstens ein gebieterisch unwiderstehliches „Raus!" Als er jedoch feinen früheren Untergebenen, wie wenn es seit vielen Jabren so gewesen sei und immer so bleiben werde, auf seinem Platz sitzen sah, blieb er an der Tür stehen, .^ochgereckt, aber so sehr in allen Fasern bebend, daß er seinen Eichensiock fest umkrampfen mutzte, wenn er nicht auf den Stuhl für Bittende, der zu seiner Rechten stand, nieüersinken wollte. „Was wünschen Sie?" fragte Schweikert. Gull, der in diesem Zimmer bisher nicht gefragt worden war, sondern nur gefragt batte, gedachte nicht zu antworten. Er sagte aber doch: „Meine städtischen Verpflichtungen wieder erfüllen." „Sie haben keine städtischen Amtsverpflichtungen mehr!" er- klärte Schweikert seinem ehemaligen Meister. „Dann bitte ich, mir die Regierungsverfügung zu zeigen, durch welche der Bürgerausschutz aufgelöst ist. Das genügt mir." Mit einem Ruck, wie man die Tür vor einem Hund aufmacht, den man ins Freie jagen will, öffnete Gust sein Amtszimmer zu dem großen Rathaussaal hin. Nun schritt er — seinem Vorsatz gemäß — in die Mitte des Raums, nahm in ganzer hochgereckter Größe Aufstellung, hob seinen Eichenstock und sagte: „Raus!" „Sind Sie verrückt geworden?" schrie Schweikert. „Naus!" wiederholte Gust. „Raus, begreife, wo der Zimmermann das Loch zum Weglaufen freigelassen hat." „Ich werde dem Stadtdiener telephonieren, daß er Sie an die Luft befördert! Oder vielmehr, daß er Sie zu Ihrer Frau bringt, die dann ja wohl wissen wird, wohin solche wie Sie gehören." „Hand zurück!" schrie, da Schweikert nach dem Hörer langte, nun auch Gust. „Hand zurück oder ich mache mein Wort wahr: ich schlage zu!", und als Erweis, daß er keine leere Drohung ausgestoßen hatte, hob er seinen Eichenstock zum Schlag. „Für solche Fülle genügt dies!" erklärte Schweikert höhnisch und erhöh einen Revolver. Einen Augenblick war Gust starr. Dann nahm er mit einer großen langsamen Bewegung die linke Vorderseite des Rockes von seiner Brust fort, zeigte mit dem Stock aus sein Herz und sagte: „Da sitzt das Leben. Schieß! In einer Welt, wo Deutschland besiegt werden konnte, ist es am besten: über den Haufen geschossen zu werden und nicht mehr zu wissen, datz unten zu oben und oben zu unten geworden ist." Dem Nicht-mehr-Bedrohten sank die Waffe nieder. Um den Augenblick seiner Schwäche zu verdecken, legte er sie mit betontem Nachdruck auf die Schreibtischplatte. Gust ließ den Rock über sein Herz fallen und bohrte, da ihn schwindelte, die eiserne Zwinge seines Eichenstockes in den Fuh- boden. „ , t „Nun werden Sie also trotz Ihrer sechzig Jahre und Ihrer Krankheit wohl begriffen haben, was geschehen ist", versuchte Schweikert festzustellen. Gust würdigte seinen ehemaligen Gesellen keines Wortes mehr. Schweren Schrittes ging er aus seinem Bürgerworthalterzimmer fort. . Im Januar lieh Gust sich als einziger Bürgerlicher bei den Stadtverordnetenwahlen aufstellen. Zwanzig Stimmen erhielt der ehemalige oberste Vertreter der Stadt. Es war, als ob es ein Bürgertum nicht mehr gebe. Am allerwenigsten begriff Gust, daß er immerfort armer wurde. Zunächst von Jahr zu Jahr, bann von Monat zu Monat, später von Woche zu Woche, schließlich von Tag zu Tag nahm der Wert seines Vermögens ab. , , m . Gust faßte nicht, was sich begab. Da, auf dem Geldschein, der in seiner Linken lag, stand gedruckt, nicht einmal, sondern viele Male: Tausend Mark! Warum nahm ihn niemand, wie früher, als tausend Mark? Warum rechnete man ihn um, daß er nur noch einen lächerlich geringen Wert hatte? Nach welchem Grundsatz geschah diese Umrechnung? Und vor allem: Mit welchem Recht? Deutschland haftete für den vollgültigen Wert des deutschen Geldes mit seinem Wort, mit seinem Ansehen in der ganzen Welt. Eine Mark mußte eine Mark sein, solange die Erbe stanb. Wohin sollte man kommen, wenn dieser Urgrundsatz der deutschen Wirtschaft plötzlich keine Geltung mehr hatte? Ein Liter blieb ein Liter, ein Meter war noch immer, was es vor dem Kriege gewesen war, wie der Tag ein Tag, die Stunde eine Stunde geblieben war. Also mutzte auch eine Mark eine Mark sein und bleiben. Warum waren alle Dinge in ihr Gegenteil verkehrt? Warum? Gust begriff nicht. Rikelchen aber begriff. Sie suchte zu retten, was noch zu retten war. Sie half, wo immer sie helfen konnte. In aller Heimlichkeit verkaufte die durch den Krieg kinderlos gewordene Mutter, was sie für ihre Enkel in der Ackerstratze an Nützlichem, an Schönem erarbeitet hatte. Sie veräußerte, ohne Wissen ihres Mannes, Schmncksachen, Goldenes, Silbernes, das er ihr in der Hohen Straße schenkte. Gust hatte während der Kriegszeit auch alle Wertgegenstände, goldene Uhr mit goldener Kette, Siegelring und was er an Verwertbarem bxsatz, dem Vaterland öargebracht. Sie aber, die oftmals zürnte, wenn der Reichgewordene ihre unnötigen Schmuck ins Haus schleppte, hatte sich nicht davon trennen können und manches bittere, ja schließlich manches harte Wort deswegen hinnehmcn müssen. Nnn erwies sich, datz, das für sie zur unschätzbaren Hilfe wurde und sie vor Hunger schützte. Aber so umsichtig Rikelchen auch bei ihren Verkäufen war, so unermüdlich sie immer von neuem helfend zugriff — nur durch den einen Gedanken geleitet, von dem geliebten Lebensgefährten an Bitterm, Schwerem fortzuscheuchen, was irgend in ihren Kräften stand —, der allgemeinen Not war sie nicht gewachsen. Als Gnst die Miete nicht mehr zu zahlen vermochte, reichte sein Hauswirt die Räumungsklage ein. Es gelang dem aller Schliche kundigen Mann, beim Mieteinigungsamt ein obsiegendes Urteil zu erzielen. Sogar den Nachweis einer neuen Wohnung, der die Vollstreckbarkeit des Urteils ermöglichte, vermochte er zu erbringen. «Fortsetzung solgt.j Veron: wörtlich: 0r. HansThyrivl. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniversitäls-'Luch» undSteindcuckere i, A. Lange, Gietzen.