Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Nummer 62 Montag, den 15. August Schweig, Herz... Von Clemens Brentano. Schweig, Herz, kein Schrei! Denn alles geht vorbei! Doch daß ich auferstand Und wie ein Jrrstern ewig sie umrunde, Ein Geist, den sie gebannt, Das hat Bestand. Ja, alles geht vorbei, Nur dieses Wunderband, Aus meines Herzens tiefstem Grunde Zu ihrem Geist gespannt, Das hat Bestand. Ja, alles geht vorbei. Doch sie, die mich erkannt, Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde, Ging nicht vorbei, sie stand, Reicht mir die Hand. Ja, alles geht vorbei. Doch diese liebe Hand, Die ich in tiefer, freudenheller Stunde An meinem Herzen fand, Die hat Bestand. Beamte abermals feixt; hierauf muß Philander alles unterschreiben. Ja, sagt der Beamte wichtig, das ist eine Koffersalle gewesen; und er beginnt, auf Philanders fragenden Blick antwortend, die Sache zu erläutern: das ist ein Handkoffer, nicht wahr, unter dem man den Boden weggeschnitten hat; stattdessen hat man an den unteren Rändern Mctall- stäbe angebracht, die, wenn man auf einen kleinen Hebel oben am Bügel der Tasche drückt, hervorschießen und sich unter dem Hohlraum ver- schränken. Man setzt das Ding wie eine Käseglocke ganz harmlos im Gewühl über die Tasche eines Reisenden, die man stehlen will, drückt aus den Knopf, hat die Beute wie eine Maus in der Falle und geht zufrieden weg. Niemand kann etwas sehen. Niemand, denkt Philander mit nie gekannter Bitterkeit! Und er geht, ohne den schuldigen Dank zu entrichten. Da sitzt er nun, seht ihr, in seiner häßlichen, aber romantischen Dachstube und sieht die Sonne und die letzten Schwalben nicht, sondern ver- wühlt sich in finstere Gedanken. Es gibt so viele Leute, die es Der» schmerzen können, wenn man sie bestiehlt; er kann es nicht verschmerzen. Wo blieb die höhere Gerechtigkeit, als es galt, die Hand des Diebes zu lenken? Oh, man kann dieser höheren Gerechtigkeit nicht zu Leibe; aber der irdischen, dieser blinden Schnecke, kann man höhnisch eine Nase drehen. Und wie? Wir müssen befürchten, daß der fanfte Philander zur Hyäne wird. Kein Gedanke an Brandstiftung und Amoklauf, aber das kranke Feuer der sogenannten fixen Idee flackert in seinen Augen. Er wird ein Pirat auf den Bahnhöfen werden, ein Stoertebecker im Landverkehrswesen, ein Michael Kohlhaas in bezug auf Handtaschen. Seht: er sucht mit zitternden Fingern in der wackligen Kommode sein letztes Geld zusammen; er geht zum Trödler und kauft sich einen großen, bieder aussehenden Handkofser. Er entsinnt sich einst geübter Bastelkünste und macht sich zu Hause daran, den Boden des Kosfers wegzuschneiden. Stattdessen bringt er an den unteren Rändern Metallstäbe an, die, wenn man auf einen kleinen Hebel oben am Bügel der Tasche drückt, heroor- schießen und sich unter dem Hohlraum verschränken werden. Er macht die Probe auf die Zuverlässigkeit dieser Sofferfalle mit Hilfe seiner alten Fußbank und verläßt dann am andern Abend mit der Tasche das Haus, die verzweifelte Entschlossenheit des Wahnsinns im Blick. Aber es ist Methode in diesem Wahnsinn. Philander — wer hätte das gedacht? — handelt wie ein alter, erfahrener Zunftfachmann. Er betritt, Angstanwandiungen kräftig himmterfchluckend, den Bahnsteig, wo der Nachtschnellzug nach Berlin adsahren wird; er durchwandelt gelassenen Schrittes die dichtgedrängte Menge der wartenden Reisenden und macht ein Gesicht dabei, als wäre die Benutzung von Nachtschnell- zügen ihm eine alltägliche, abstumpsende Gewohnheit. An dem Eisengeländer, das den Schacht der Bahnsteigtreppe begrenzt, stehen viele Koffer und Handtaschen in allen Größen, mit und ohne Aufsicht. Phi- lander wählt hastig eine davon, die in der Größe passend erscheint, für sein Probestück; pirscht sich heran; setzt seine Kofferfalle darüber; drückt auf den Hebel und hört das leise Klicken des einschnappenden Metalls; wartet einen Augenblick voll herzabdrückender Spannung und nimmt dann, mit einer gemurmelten Bemerkung, als hätte er sich in der Richtung geirrt, die Beute auf. Er hat Glück: eben läuft auf der anderen Seite des Bahnsteiges ein Zug ein; so kann er sich unauffällig unter die Ausgestiegenen mischen und sich von der niederschwappenden Woge in den Treppenschacht spülen lassen. Mit zitternden Knien, schweißbedeckt, aber, ach, voll wilden Triumphes, verläßt er den Bahnhof In der Nähe ist ein kleiner Park, und darin steht, verborgen in einem Gebüsch, aber beleuchtet von einer Laterne, eine einsame Bank. Da läßt sich Philander nieder und befreit voll gieriger Spannung seinen Raub aus dem Käfig. Warum zuckt er, als er die gestohlene Tasche genauer betrachtet, zusammen? Warum reiht er sie mit einem knirschenden Ruck auf und zerrt den Inhalt mit bebenden Fingern heraus? Warum lacht er so schrecklich, daß wir uns besorgt umschauen, ob auch niemand es hört? Betrachten wir den Inhalt; vielleicht erhalten wir Aufklärung. Da ist ein Hemd, daß wir kennen; aber es hat Gesellschaft bekommen in Gestalt eines zweiten, das auch der etwa nicht anspruchsvolle Leser verschmähen würde. Da sind Hölderlins Gedichte: die uns geläufige Zahl der Papierkragen hat sich auf einen verringert, aber die Strümpfe sind noch da; auch die großen Morgenschuhe mit den sehr roten Rosen fehlen nicht; ebensowenig die Seife, wenn sie auch etwas kleiner geworden ist; zu den „Liedern an eine Blonde" hat eine fremde Hand schauerlich gemeine Randzeichnungen gemacht Und schließlich findet sich noch ein dickes Buch, aus dem man sich über die Geheimnisse der Nonnenklöster unterrichten kann. Hat etwa Pbilander die entwendete Tasche seines Oheims Eusebius wiedergestohlen, in dem Augenblick, wo der Dieb damit hinwegreisen wollte? Wir können es nicht bezweifeln. Da sitzt nun Philander, seht ihr auf der Bank, hat die Hände vors Gesicht geschlagen und läßt durch die Finger zornige Tränen tropfen. Wohl hat er der irdischen Gerechtigkeit eine Nase gedreht, aber von der böheren hat er dafür eine schmerzende Ohrfeige bekommen. Und er sieht ihren schulmeisterlich erhobenen Zeigefinger, wie sie spricht: „Es hat phrlander. Eine romantische Geschichte. Von Karl Lerbs. Da in unserem nüchternen Zeitalter kein vernünftiger Mensch mehr Wilander heißt, so wollen wir aus Zartgefühl mit diesem Namen den hübschen jungen Mann benennen, der eben jetzt von einer kleinen Reise Nrückkehrt — Personenzug Dritter, denn er ist scheußlich arm; und Mein, denn seine schöne Begleiterin ist ihm unterwegs davongelaufen/ Einerlei — er schreitet beschwingt daher und lächelt, wie nur ein Mensch mit leeren Taschen und vollem Herzen lächeln kann, der die Hauptgestalt ii einer romantischen Geschichte ist. In der Hand hat er einen nicht mehr ganz neuen, aber vortrefflich erhaltenen Handkoffer, den er vor i fahren von seinem unbegütert und fromm verstorbenen Oheim Eusebius cis dessen einziges Vermächtnis ererbt hat. Sage niemand, daß es uns nichts angeht, was dieser Koffer enthält — es ist nötig, daß wir es »issen. Er enthält ein Hemd, das der anspruchsvolle Leser verschmähen Bürbe, obschon es sauber ist; zwei Papierkragen; Strümpfe; em Stuck feife; Hölderlins Gedichte; grüne Morgenschuhe, die mit sehr roten Sofen bestickt sind; und die Handschrift vvn Philanders „Liedern an eine !onbe", die er sehr schön findet, obschon ihm, während und weil er sie dichtete, die Blonde davonlief. Da ist er also durch eine goldene Sochmerlandschaft gefahren und HU sich an Wiesen, Wäldern und Gewässern gefreut. Nun laßt er sich om hastigen Geschäftsleuten und Bäuerinnen durch die Bahnsteigsperre buffen; entdeckt, den Schritt verhaltend, in der Mitte feines Innern em ilnlustgefühl — und gelangt dazu, es als Hunger zu erkennen. Er klaubt ans seinen Taschen ein paar Groschen zusammen, tritt an den Schau k- ti ch im Wartesaal und kaust sich einige Früchte, die er ußen Saft bllvoll schlürfend, zu verzehren beginnt. Seinen Handkoffer bat er n ben sich an die Erde gestellt. Als er, gesättigt, bas letzte Kerngehäuse vorschriftsmäßig in den dafür bestimmten Korb geworfen hat, greift k: zuversichtlich nach seiner Handtasche. Holla, aber da greift er verübens. Die Tasche ist fort. Wer hat sie gestohlen? „Man , müssen wir legen; denn alle Leute, die in der Nähe sind, haben ober machen harin- jlrfe Gesichter, und soviel wir auch mit Philander umherspahen — wir Inen viele, denen wir den Diebstahl zutrauen möchten, aber keinen, bim wir ihn beweisen könnten. , . ■ Was tut Philander? Er geht zur Polizei. Zwar hat er noch niemals tteucrn bezahlt, Strafbares gebüßt, zeugenpflichtigen Vorgängen bei- P wohnt, aber er fühlt sich trotzdem plötzlich als Staatsbürger. Er hat Vertrauen zur Polizei. Sie ist oft nicht freundlich aber immer gerecht M wird es mißbilligen, daß man einem armen Hansguckindieluft ferne mzige Habe stiehlt, und sie wird ihm die Habe wieder.herbeischasfen. .kie mißbilligt es auch; aber vom Wiederherbeischaffen ist einstweilen i'rbt die Rede, sondern von Philanders Personalien, seinem Vorleben, Irlbungsgang, Elternpaar und Reisezweck. Als Philander m ferner 23 er- furrung auch von der Blonden spricht, feixt der Beamte und will auch i-er sie alles wissen, obzwar sie, wie gesagt, davongelausen ist. Dann ist D-n einem Protokoll die Rede und vom Inhalt der Tasche, wobei der das Preußische Geheime Staatsarchiv die Veröffentlichung der Akte» zur Geschichte der preußischen Verwaltung in Pofen und Westpreußei, vor eine politisch äußerst wichtige Arbeit, da mit ihr tue vielfach falschen Darstellungen von polnischer und französischer Seite aktenmaßlg richt,g- aestellt werden sollen. Die ersten Bände dieser Veröffentlichung erscheinen in Bälde. — Im Verein mit anderen Instituten und unter besonderer Berücksichtigung des Ostraumes überhaupt hat sich das Archiv tue Ausgabe gestellt, eine grundlegende Erforschung der geschichtlichen Be- Ziehungen zwischen Deutschland und Polen vorzunehmen. Das >m Bor- iabr erschienene Werk „Deutschland und Polen" war ine erste Frucht dieses Vorsatzes. In Gemeinschaft mit mehreren Historikern werden zu- Feit auch die Akten über den Verlust des deutschen Ostens, über die Waffenstillstandsverhandlungen von 1918 und 1919 u"duber die Vorgeschichte des Versailler Diktatfriedens für die Veröffentlichung bearbeite,. So wuchs und wächst die Fülle der Ausgaben dergestatt fast von Tug zu Tag, und wäre damit allein schon die ungeheure Notwendigkeit dieser Behörde osfenkundig, so wurde dies im Verlauf der nationaI(03ta 111111djc■, Revolution mit einem Schlage auch einer großen Deffentlicptett vor Augen geführt. Bald nach dem 30. Januar brach eine Arbeitsflut ohnegleichen über die Archive und über das Preußische Geheime Staatsarchiv herein. Die in dem Nationalsozialismus wurzelnde starke Betonung der Verbindung mit dem Boden und die hieraus erwach ende, chließlich gesetzmäßig verankerte Schafsung der Erbhofe erweckte in zahllosen Männern des deutschen Bauerntums den Wunsch, nunmehr ihe Geschichte ihres Hofes und ihrer Sinne zu erfahren. Durch das nationalsozialistische Beamtengesetz und andere Geschehnisse und Maßnahmen sahen sich viele deutsche Volksgenossen veranlaß!, den Nachweis ihrer arischen Abstammung zu bringen, ober erbringen S« müssen. Da vielfach die örtlichen Quellen, wie Kirchenbücher, Fami- lienaufzeichnungen, Gemeinderegister versagten oder Lüsten auswleseii. 0 strömte eine fast alle anderen Ausgaben erstickende Fülle von Arbeiü in die Archive. Hinzu kommt, daß auch in vielen ringt unmittelbar interessierten Kreisen die Anteilnahme an Vergangenheit und Famili, ungeheuer gestiegen ist. t „ .. . r, . Der Laie beruhigt sich bei dem Gedanken, daß em genügen!) starke- Beamtenheer all diese Aufgaben schon bewältigen wird. Weck gesehli Die Anzahl der wissenschaftlichen Beamten und Anwärter der gesamten Archivverwaltung, die unter der Leitung des Generaldirektors Pro,esso» D Dr Brackmann all diese Arbeiten für Volkstum und Stad zu bewältigen haben, beträgt nur etwas über sechzig Personen; in jeöeir. Archiv befindet sich außerdem nur ein Sekretär, der die Büroarbeit b<- sorgt. Dieses angesichts der Arbeitsfülle erschreckend geringe Per om - macht die Gefahr wahrscheinlich, daß eine weitere sehr wichtige Ausgab« allmählich in den Hintergrund tritt, nämlich die Erfassung weiterer piu Volkstum und Staat wichtiger Registraturen und Sammlungen. Denn wir besitzen zwar bereits im Reichsministerium des Innern einen amb lief) bestellten Sachverständigen für Rafseforfchung, aber wir besitzen noÄ immer nicht das schon im Hinblick auf dieses Gebiet wichtige Gesch welches sämtliche irgendwie für die Geschichte und Heimatkunde, fiin Rasse Volkstum und Staat bedeutsamen schriftlichen Unterlagen unten feinen Schutz stellt. Nur ein derartiges Archivalien-Schutzgefetz vermox zu verhindern, daß, wie es sogar heute noch vorkommt, Staats-, Rom munal- und körperschaftliche Registraturen der Einstampfung anheim- fallen, anstatt den Archiven übergeben zu werden. Je lebendiger jeder einzelne Volksgenosse Mit der Nation suhlt um lebt je stärker der staatspolitische Schwung aller, desto mehr roerotrr wir die Archive in ganz neuem Lichte betrachten und erkennen, daß |ut bester Spiegel unserer Vergangenheit und lebendigste Quellen unsere«! Seins sind. Fränkischer Bilderbogen. Von Friedrich Schnack. Mainfranken ist eines der lieblichsten und innigsten deutscheir Bilderbücher, mit heiteren Farben, Tälern, Flüssen und Gründen, femm Flächen, Linien und Höhen. Wer ins Mainland reist, reift ins Wem, land: dort gehen die Sinne auf, denn in Franken gibt es Schones M sehen. Klangvolles zu hörest und Edles zu empfinden Wer einmal, etnw in einem gutgeratenen Frühling oder in einem abgeklärten Herbst, öir zierliche Landfchaftsbuch auffchlug, wird die geschauten Bilder nicht ®i^ der aus dem Gedächtnis verlieren, und wer als echtburtiger Sohn M» dort in die Ferne geht, vergißt sein wein- und obstreiches Heimatla« nie: die fränkische Erde ist, nach einem zutreffenden Wort eines em heimischen Schriftstellers, schwer und anhänglich. Ja, triebe es ihn Ounr sieben Meere, wie den Würzburger Liedermeister Max D a u t h ende 1 der unter Palmen auf Java an Heimweh litt: in den äußersten Landern der Erde wird ihn das Gesicht Frankens gegenwärtig fein, Das gellem- Antlitz seiner Erdmutter: mehr „als goldene Pagoden gilt ihm S)einuw 9ra$ßer also nach Franken fährt, reift in eine festlich geftimmte unil harmonische Landschaft. Weinlaub überschwillt die Hänge des Wlamtau bekränzt die anmutige Traubenstraße; Gärten, Schlösser, Kirchen, Burg - und Bögen spiegeln sich in der Welle des behaglichen Flusses. Die tW ist würzig vom Blütenhauch der (Bärten und der Wiesen, unb immr hängen Erlebnisse mainauf, rnainab von reichen geschichtlichen Erb rungsroerten, mit deren Vielfalt und Buntheit sich nur wenige beuts-Y«' Lande messen können. Das unterfränkische Volk, soweit es die Rebe hebt, fleißig »en Wein zusprechend, ist zwar nicht fo beweglich und aufgeräumt wie ’ rheinische und wie es der Geist der Traube vermuten ließe: es hangt am Alten und liebt die ungrüblerische Behaglichkeit, dennoch ist es reg«, gemütsreif und phantasievoll. In seinem Blut ist die Kraft der Jä tung mächtig, der Drang zu Schönheit und Kunst: es hat viele D>m Maler und Bildhauer hervorgebracht. Sein Wesen schmückt, malt, p 8_- Die Werke aus fränkischen Händen hervorgegangen, sind fein unö 3le lich, leicht und sogar schwelgerisch. Der Wein wirkt hindurch mit |eituw gar keinen Zweck, daß du dich in den Abgrund des Verbrechens hmab- schleuderst, Philander; ich will dich da nicht haben, und ich werfe dich mit starker Hand in die Ebene deiner Bestimmung zurück. Bleib bet deinen Leisten — und schreib zur Strafe bald die „Lieder an eine Blonde" ab, damit sie wieder eine anständige Verfasfung bekommen. Oes Staates Haustruhe. Don Will Reifferscheid t. Archiv, — eine Gedankenverbindung, eine Mischung aus Staub, muffigen dunklen Zimmern und einem hüstelnden, schmalbrüstigen, schief- bebrittten Männlein wachst sofort aus unferem inneren Auge zur Em heit. Und vor allem Papier, Papier die Wände hinauf und hinunter. Gelbfleckig und schlecht riechend. Ueber dem Ganzen der Verdaast von etwas Unnützem. — Ein Laienirrtum und nicht einmal ein schöner- Es soll Kulturen und Völker gegeben haben (und noch geben), ine keine Archive kannten. Sie werden dafür andere Sorgen gehabt haben. Uns aber uns Abendländern vor allem befahl das Schicksal, das Leben als eine immerwährende Kette zu sehen, «Iso auch das Sein von Nation, Sippe und Familie, und deshalb vor jebem Schritt in das Morgen, das Gestern zu befragen, auf daß die Kette nicht abreihe durch Willkür oder Nichtwissen, Gewachsenes nicht unnütz zertreten werde. Aus diesem Urgrund eine Unzahl von Aufgaben und Verrichtungen, die sich bis jetzt aber zumeist in Stille vollzogen, so daß der Laie tu um zu klarer Vorstellung von Zweck und Nutzen der öffentlichen Archive gelangte. Wie gesagt, bis jetzt, - seit einem Jahr etwa gibt es viele tausend Volksgenossen, die dankbar der latfadje gebenden, baß eine Preußische Archivverwaltung, ein Preußisches Geheimes Staatsarchiv ^Jn feiner heutigen Form geht bas staatliche preußische Archiowesen auf den Staatskanzler Hardenberg zurück, der schon barna s, als bie romantische Geschichtsforschung nach den Urkunden und QueUen unseres Volkes zu suchen begann, das Geheime Staatsarchiv bewußt der vaterländischen Geschichte, der Wissenschaft dienstbar gemacht sehen wollte. Selbstoerstänblich war bas Preußische Geheime Staatsarchiv, wie alle derartigen Institute, ursprünglich zustärkst als eine Verwaltungsbehörde gedacht und gewissermaßen als Vergangenheitsquelle für die Belange der übrigen Behörden. Die einzelnen Staatsorgane hatten bas Bedürfnis, alle ihr Reffort betreffenben unb nach gewisser Zeck aus bem laufenben Verkehr herausgenommenen Papiere, als da ftnb Rechts- unb Befitztitel, Manuskript über politische unb verwaltungstechnische Verhandlungen u. a. m. übersichtlich unb georbnet an einer bestimmten Verwaltungsstelle zu wissen, von wo sie jeberzeck zu etwaigem Gebrauch zurückqeholt werben konnten. Dergestalt ist bas Preußische Geheime Staatsarchiv ein Teil bes gesamten Verwaltungsapparates mit helfen Einzelbehörben es in bauernber lebenbiger Verbindung steht; dw Fachreferenten bedienen sich feiner bei der Aufstellung einer Ueberftdjt ober eines Vortrages, die außen- und innenpolitischen Funktionäre bes Staates beziehen, hier ihre Unterlagen für Denkschriften unb Formulierungen auf jebem Gebiet. — Doch über biefe ursprüngliche Aufgabe greift das Archiv weit hinaus. Wenn ber Laie erfährt, baß bie uder- wieqenbe Mehrzahl aller preußischen Staatsarchive räumlich-heute kaum noch ausreicht, fo wirb er anfänglich erstaunt fein. Denn außer dem Haupthaus in Dahlem, wo neben bem Zentral-Archw auch bie Provinzialarchive für Brandenburg und die Grenzmark sowie das Heeres- archiv untergebracht find, verfügt die Archivverwaltung noch über eine weitere Anzahl von Provinzialarchiven, und zwar in Königsberg (Ostpr.), Stettin (Pommern), Breslau (Schlesien), Magdeburg (Sachsen), Hannover, Osnabrück und Aurich (Hannover), Munster (Westfalen), Düsseldorf und Koblenz (Rheinland), Marburg unb Wiesbaben (Hesien-Nafsau). Dazu für bie Hohenzollernlanbe ein Archiv in Sigmaringen. All diese Archive aber haben seit 1918 riesige Abgaben an den behördlichen Aktenbergen des 19. Jahrhunderts in sich aufgenommen, die an Umfang die Bestände aus den weiter zurückliegenden Jahrhunderten weit übertreffen. Sie nehmen aber auch die Hinterlassenschaften von Politikern, Feldherren, führenden Beamten, Forschern unb anberen für Volk unb Staat bebeutfamen Persönlichkeiten auf. Ferner bergen sie bei sich private Familien- unb Abelsarchive, Lanb-, Stabt- unb Kirchen-Registra- turen, sowie Spezialsammlungen, etwa solche über Wappen- unb Siegel- tunbe usw. . m ■ 1 Schon seit vielen Jahrzehnten werben bte Archive von Privatpersonen aller Kategorien in Anspruch genommen. Wie oft muffen Rechtsanwälte unb Synbici, Vertreter von Kommunalbehorden m den Archiven nachschlagen, um in bestimmte Rechts- und Besitzftreitigkeiten Klarheit zu bringen, denn wenn alle anderen Stellen versagen, ist es nur noch hier möglich, etwas über Wege-, Mühlen- und Fijchereigerecht- fame Aufschluß zu erlangen. Unaufhörlich ziehen die Wissenschaftler, vor allem die Historiker herbei; Professoren, Studenten, Forscher für Stadt-, Heimat- und Familiengeschichte. Bei all diesen liegt die Last ber Arbeit nicht etwa allein auf bem suchenben Wissenschaftlern, fonbern ZU einem guten Teil auch auf bem betreffenben Archivbeamten. Denn Bucher- Fataloge wie etwa in ben öffentlichen Bibliotheken sink) beim Preußischen Geheimen Staatsarchiv angesichts ber Art unb Fülle bes Materials eine Unmöglichkeit. So muß also fast jeber fudjenbe Gast erst geprüft unb bann beraten werben, in welcher ber vielen taufenb Abteilungen bes Archivs er bas gewünschte Material zu finben vermag. Dazu bie Ueder- zahl ber einlaufenben Anfragen, auch frember unb auslänbifcher Archive, die alle ber Beantwortung harren. ______ Das Archiv hat sich aber niemals damit begnügt, sich aufsuchen zu lassen, sondern ist ben Suchenben nach allen Kräften entgegengekommen. Kein Geringerer als Bismarck ist es gewesen, ber bie Wichtigkeit der archivarischen Quellen wohl verspüren!), unmittelbar veranlaßte^ daß eines ber größten literarischen Unternehmen, bie „Publikationen aus den preußischen Staatsarchiven" in Angriff genommen würben, von denen bis jetzt 93 Bände erschienen sind. Bismarcks Wegweisung ist bis auf ben heutigen Tag lebenbig geblieben; seit einigen Jahren bereitet Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. «Fortsetzung.» Sie setzte sich ruhig und bequem und sprach mit hellerer Stimme. ,Das ist unwahrscheinlich gut!' lobte sie sich. Das kam von Louis' männlich- suggestiver Gegenwart; das war das alte, kostbare Geborgenheitsgesühl in Louis' lebendiger Nähe. Er schien strahlend froh und glücklich. Er sprach viel von Tegel und von seiner Arbeit. Er würde es kaum richtig finden, wenn sie ihm einiges von Peter und Wil bekennen wollte. Sie sind alle kluge, energische Egoisten und — Bürger... Auch Wil? Wil hätte sich niemals wegschicken lassen dürfen! dachte sie gleich darauf, wild und märtqrerhaft ehrlich, und sah und spürte ihn bestürzend nahe vor sich. Louis sprach schon am ersten Tag in seiner neuen, ungeduldigen Art mit Katarina davon, die jungen Leute nach dem Tulpenweg kommen zu lassen, und lud auch sie dazu ein. Doch Katarina wich aus. Sie hielt sich zurück und entzog sich auch ihm? Gut, sie wollte das so. Sie paßten ihr noch nicht, die jungen betulichen Herren? Auch Till nicht, mit dem spähenden Sehloch? War das bei jungen Frauen so in der Zeit vor der Hochzeit? Er hatte keine Ahnung. Adele war nie ein Mysterium. „Bedrückt dich etwas, Katarina?" fragte er ruhig und sah sie dabei scharf an. . „ , „ , r. ,Jst es dir vielleicht selbst so ganz geheuer, mein lieber Lu? fragte sie stumm, aber säst vernehmbar. . . Feige —? Natürlich. Aber auch voll ehrlichen Kummers, einem anderen und sich selbst mitten ins Herz zu schlagen... ,Wo bist du, Wil? Warum schweigst du? Wo steckst du? Du solltest nicht vergnügt am Lido baden, während ich mich hier sorge! rief es zormg und aufbrennend sehnsüchtig in ihr. XXVI. Wil war hier. Er dachte gar nicht daran, am Lido zu baden; hatte nie daran gedacht. Er war sehr leibhastig hiergeblieben. Er hatte bloß nicht gewußt, wo Kat selber steckte. Hatte in diesen letzten Tagen auch nicht gewußt, daß sie wieder in der Knesebeckstraße lebte. Er hatte seit dem letztenmal nicht wieder angerufen. Uebrigens hatte er seit Anfang der Woche im wunderschönen Grünheide gesessen, gebadet und getaucht, langelang im Wald gelegen oder auf einem Streckstuhl, geschrieben, gelesen, ge- saulenzt, geraucht und an Kat gedacht ... , .. . ... - Gestern war er zurückgekommen und heute durch die Knesebeckstraße gegangen. Die Fenster im zweiten Stock — hm, tote Fenster? Tote Fenster ... Aber er ging ins Haus, fuhr hinauf; er hatte Zeit. Alollte diese Luft wieder einmal atmen und riechen; wünschte, mit Frau Klawinke ein Palaver abzuhalten. Nichts sprach dagegen, und jedenfalls wollte er es. „Guten Tag, Frau Klawinke! Ich kam vorbei. Ich bin feit einiger Zeit des Telephons entwöhnt ..." _ „ . D ja die gnädige Frau ist wieder hier! Die Damen sind schon den vierten Tag zurück. Waren bloß kurz weg." Die Luft atmete sich leichter, noch besser, sehr köstlich, wurde heller. Natürlich war sie hier! Er hatte es gespürt und gewußt. Aber er war Lebenssaft. Diese fränkischen Artzeichen zeigt jede alte Tür, jeder Dachgiebel, jeglicher Brunnen. Der Main ist die Lebensader Frankens, einst heiß umstritten, heut eine länderverbindende Straße. Dieses, seinem größeren Bruder, dem Rhein, zustrebende Flußkind des Fichtelgebirges, hat die bedeutende Eigenschaft, im Anschluß an die Donau, zwei Meere zu verbinden: das Schwarze Meer und die Nordsee. Aber Franken war immer an die Welt geknüpft, sein Boden ist bester Kulturboden: seit den frühesten Zeiten schon zogen drei Heerstraßen hindurch, eine kommend von Norden nach Nürnberg und Augsburg und weiter hinabreichend nach Italien, eine andere bog vom Mittelrhein her nach Würzburg, Nürnberg, Regensburg und begleitete die Donau abwärts und die dritte sandte Böhmen herüber quer durch Franken in den deutschen Südwesten. Kaufherren, Fürsten und Volk fuhren auf ihnen daher mit fremder Anschauung, fremder Sitte und fremdem Gut. Viel blieb davon hängen. Bevor der Main in den Bannkreis von Würzburg einströmt, ist er bereits an einer Perlenschnur reizender Weinnester vorbeigezogen, im grauen Stufenland des Muschelkalks, in den er seine fruchtbaren Flachtäler einsägt. Steigt man aus die weinlaubglänzenden, terrassenförmig gebauten Höhen, ist man verwundert, nicht auf Gipfeln, sondern auf saftwelligen Hochflächen mit Fluren, Feldern, Weiden und Siedlungen zu stehn. Mit hellen Flußschlingen wendet sich der Main durch sein Stufenland, liebe, gastliche Dörfer und Kleinstädte bespülend. Da liegt Heidings- seld, einst dem trunkfesten Böhmerkönig Wenzel zu eigen; das dächerrote Randersacker, Würzburgs ländlicher Vorkeller, bedacht mit köstlichen Sorten; das fröhliche Sommerhausen mit der Sonne und der Traube im Wappen, in der Schattenlage die Dorfschwester Winterhausen, im Wappen gleichfalls die Traube, darüber den Sichelmond. Lohnend ist der Besuch im betriebsamen Ochsenfurt, aus dem sich die Würzburger Studenten in den Sommersonntagen ihre Räusche holen, ein bangeschichtlich prächtiger Ort, im Volkswitz die Universitätsstadt der Dummköpfe, wohl im Anklang an die englische Universitätsstadt Oxford so bezeichnet. Vergessen wir nicht Marktbreits den alten Handelsherrenplatz, mit den reich- geschmückten Häusern des Barocks; jenseits Frickenhausen, eines der fesselndsten Dörfer Frankens, ein unberührtes Stück Mittelalter, mauerumzogen,. bewehrt und betürmt, vorzüglich in einer Mondnacht zu genießen, wenn der Duft der Traubenblüte durch die Gassen geistert. Wir kommen nach Kitzingen, gleich fällt einem der schiefe Fatterturm auf, krumm von allen Seiten, als hätte ihn sein Bauherr im „Schwips" gegründet. In Kitzingen zählt man hundert Weinhandlungen und viele Faßfabriken für die fränkischen Weinströme. Der Kitzinger Wein ist em wahrer Freudenwein: schon der Alchimist Glauber, der Erfinder des Glaubersalzes, der vor Jahrhunderten in Kitzingen hauste, rühmt diesen Traubensaft: „Kaum ein Land auf dem Teutschen Boden zu finden, darinnen der Edle Wein häufiger und besser wächst". Schnell noch einen Abstecher in die Weinstädtchen Dettelbach und Volkach, wunderbare altfränkische Orte, und dann noch nach Schweinfurt, wo das Weingrün und die glitzernde Beere schon seltener wird, und die Industrie anfängt mit Schweinfurter Grün und Gußstahlkugeln. Oben am Berg Schloß Mainberg, vor Jahren der Sitz des Religionsphilofophen Johannes Müller, der jetzt in Elmau feine „Grünen Hefte" herausgibt. Und dann mit der Bahn nach Würzburg, Frankens Herz die Stadt des heiligen Kilian, die Bischofsstadt, die alte Residenzstadt, in der sich der Baumeister Balthasar Neumann, dem Franken zahlreiche Profan- und Sakralbauten verdankt, in der Residenz ein bezauberndes Denkmal setzte. Dahinter der herrliche, bäum- und vogelreiche Hofgarten, ein köstliches Frühlings- und Sommerstelldichein für Gartenfreunde, Philosophen, verliebte Studenten und für Rentner, deren es vor dem Krieg in Würzburg viele gpb. Vor der Residenz der raumhaft einzigartige Nefidenzplatz mit dem schönen Brunnen Walthers von der Vog-l- weide, der hier auf feinem Stein „mit überdachtem Bem sitzt und zu beiden Seiten des Platzes die flankierenden Säulen mit der Ausstchts- kanzel, von denen der Volksmund behauptet, sie würden sich verneigen, sobald ein braves Mädchen vorüberginge ... Wir müssen uns auf bas Würzburger Lied berufen: die Würzburger Glockli haben em schönes Geläut und die Würzburger Mädli sind kreuzbrave Leut Sehr schön ist der Blick auf die Universitätsstadt vorn Kalkstelnrucken des Steinbergs, auf dessen sonnenbeglühter Breitseite der köstliche Stemmern reift. Von ihm kündet auch ein bekannter Spruch: „Zu Würzburg am Stein, zu Klingenberg am Main, zu Bacharach am Rhein, da nächst bet beste Wein". Jenseits auf ber Südflanke des Festungsberges, au bem die Feste Marienburg thront, gedeiht der andere berühmte Würzburger Tropfen, der Wein der „Leisten", zwar nicht so feurig wie der manm liche „Stein", doch nicht weniger edel, mehr weiblich mild. Schon ist der Blick von der Festung über die vielturmige Stadt — auf den Fluß, der von dem bunten Gewirr der Stadt das Mainmertel ab chneidetz das ganz dicht an den Schlohberg gepreßt ro.rb gaffeneng unb reich an Weinkneipen, kein Wunber auch: hinter ben Dächern lacht der „Schloßberg" zwischen ben Bastionen ber Festung, und mit 'dw unb all den anderen Säften werden in den großen Kellereien d>° Flaschen und die breitbäuchigen Bocksbeutel gefüllt, davon es in ben Straßen Würzburgs die herrlichsten Räusche gibt, rote allgemein bekannt. Dom Mainviertel herüber führt bie alte Mainbrücke, mit ihren zwoft Brückenheiligen, barunter auch Karl bem Großen im windflatternden Mantel: sein mächtiger Wille war nach ben Trad't'onsbuchern ber Bene- bittenabtei Fulba entfdjeibenb für bie Ausbreitung der Rebe m grcmten. Herrliche Bauten finb bie Würzburger Kirchen, bas wag jeber m Kunstgeschichten nachlesen. In ber Neumunsterkirche soll nach ber Sage Walther von ber Vogelweibe seine letzte Ruhestätte gefunben habem von ber Kirche zum bischöflichen Palast, bem ''^Emobene Krewp Deutschlands", führte, wie die Legende weiß, der sagenumwobene Kreuz gang Walthers, das Cufamgartlem, m dem ber Sanger die Vog ^'Die'lebenbigfte Zierde Würzburgs ift bas „Glacis", eine Baum- und Nasenanlage in Hufeisenform, beginnenb und enbenb am Mmn. Erne Üppige Blatterlunge, die die Stadt durchatmet und ihr das Aussehen einei; einzigartigen Gartenstadt verleiht. Zahllose Vögel nisten in diesem strotzen- unb wegburchschnitienen Baumgürtel; im Mai wogt ein Strom von Flieber unb ein Konzert von Schnäbeln berütfenb burch Würzburg, biefem schönen Namen einen noch tieferen Klang fchenkenb. Die unterfränkische Hauptstadt ernährt nur wenig Industrie, dafür aber viele Weinwirte, Bäcker, Weinhandlungen und Weinkellereien. Die besten Keller gehören dem Juliusspital, dem Heiliggeist-Spital und ber staatlichen Kellerei. Bon ben Würzburger „weingrünen Fässern" gibt es nur Gutes zu sagen. In ber staatlichen Kellerei liegen allerlei Riesen- sässer, auch ein Faß von 1683 für ben „trockenen Sommerwein" bes Jahres 1540; wie viele Liter von biefem historischen Tröpfchen noch vorhanben finb, werben bie Museumsbiener wissen: er soll aber noch immer von seiner einstigen Größe zeugen. Mit bem sortziehenben Fluß scheiben wir von Würzburg, immer begleitet von ben hinhügelnben Traubenhängen: hier Oberzell, wo bie Rotationsmaschinen ber Schnellpressensabrik König & Bauer laufen; bort taucht Veitshöchheim eines lebensfrohen geistlichen Fürsten verträumtes Schloß mit Rokokogarten auf. Im Kavalierbau wirkt jetzt bie staatliche Lehranstalt für Wein-, Obst- unb Gartenbau; benn Frankens Obst- unb Gemüsezucht ist nicht weniger wichtig unb ebel als bie Weinpflege: ber Wert bes untersränkischen Dbftbaumbeftanbes würbe vor bem Krieg schon auf 120 Millionen Golbmark geschätzt; 1917, bem Jahr einer Vollernte, reiften in Unterfranken 1320 000 Zentner Obst. Veitshöchheim baut Musterroeinberge: Traniner unb Sylvener finb feine Gewächse. Das reiche Baum- unb Rebengrün lacht, allerbings graubestaubt, in bas sachliche Karlstadt herein, das den allbekannten Portlandzement erzeugt. ... Unterwegs, bei Lohr, schwenkt der Main ab, einen Umweg machend, denn er hat Zeit: sein Wasserband umgürtet die großen Waldungen des Spessart, wo Hauffs Wirtshaus unter Märchenwipfeln die Automobile ber Fremden erwartet. Der Mainlauf ift bis Aschaffenburg betupft mit grünen Weinflaschen: Homburg, Wertheim, Klingenberg finb Namen von Klang, und famose Orte, trefflich geeignet für Sommerferien und traubensüße Herbste. In Aschaffenburg, wo Clemens Brentano begraben liegt unb der „Arbinghello"-Dichter Wilhelm H e i n s e lebte, spiegelt sich im Fluß bas rote Schloß, ein mächtiges Viereck mit riesigen Türmen unb Helmen, ernst unb zeitlos, und hinter dem wuchtigen Werk liegt die gemütliche Stadt, beschließend den farbigen Bilderbogen vom Maingelände mit bem uralten Spruch: Glockenklang, Gesang unb Wein Gehen burch ganz Franken. ziemlich wütend auf sich, daß er vier Tag« zu lang ln Grünheide Seerobbe g^pielt hatte ... Er ging hinein. „Guten Tag, Kat! Wo waren-Sie? traate er erfreut, daß er sie wiedersah. .. . „Wie man einmal reift, Wil: Verlangen nach Luftveränderung und andern Eindrücken ..." , Er sah sie scharf an. „Sie wollten am letzten Nachmittag nnt mir über e^^Jm^ch' hätte gern Ihren Rat gehört, Wil. Aber es war dann nicht mehr notwendig. Ich schrieb es Ihnen." Er sah sie noch schärfer an. „Was war denn wieder los mit Johnny @CriDas arte Lied. Wo waren Sie denn, Wil? Vermutlich nicht am Lido?" "Nein. Ich war in Grünheide, Kat. Herrlich! Ich kann es Ihnen efe'hob den Blick, und ihre Hände griffen rechts und links nach den Seffelarmen. „Sie hatten doch einmal ein sehr starkes Verlangen nach dem Lido, Wil, wenn ich mich nicht irre?" angegliedertist. Der Reichsnährstand hat auf Grund der Verordnung „Nein, Kat. Nicht mehr. Vorläufig nicht. Ich bin lieber hier in Berlin. Ich war schon drei oder vier Tage zu lang in Grünheide. Eine Zeitvergeudung, wenn ich zurückdenke. Der Professor zuruck? fragte er gleichmütig, als weife er ihn weg. Wie weich sie war, förmlich scheu! Gar nicht mehr Katarina. Kat. Nur noch Kat. Unbeschreiblich! .Was wollen Sie trinken, Wil?" fragte sie gemütlich und kreuzte schwungvoll die Beine. „Sie sind tüchtig verbrannt, Wil, noch viel brauner. Viel gebadet?" . „Ziemlich viel." Er hatte im nächsten Augenblick das Bedürfnis, aufzustehen «mb etwas Sinnloses zu vollführen: den verrückten Bambusrohrtisch mit der Zwiebelmufterplatte hochzuheben und gegen Die Wand zu schmettern ... Nein: Er blieb ruhig sitzen und betrachtete seine braunen Halbschuhe. „Danke — ich möchte nichts trinken." „Eine Zigarette?" „Nein." Es sah sich wunderbar gut hier. Er hatte das lange nicht erlebt. Ihre Lust, erfüllt von ihren Erlebnissen, ihrem Dasein, ihrem Duft. Er hatte sich in Grünheide plötzlich unbändig danach gesehnt. Sie war an jenem Nachmittag aus dem Wagen gestiegen; sie hatte lächelnd, ziemlich bläh, zu ihm hochgeblickt, zu seinem Schwalbennestbalkon: Da bin ich — da komme ich! hatte ihr Blick, sich freimütig schenkend, gesagt. Er hatte oft daran gedacht; er hatte einen unablässig machen Eindruck davon. Katarina stieg aus ... Warum sollte sie nicht mal aussteigen, um fünf Worte mit ihm zu reden? Und dann war sie davongegangen, und dieser ihm nicht näher bekannte Nikodemus hatte seine Kniehosen nach der andern Seite weggetragen. „Was war mit Nikodem Glod los, Kat?" „Ich sagte oder schrieb es Ihnen. Wollen Sie ein Stück Ingwer? Sehr scharf, füh und erfrischend." .„Danke — nein." „Was haben Sie denn, Wil? Sie sagen immer bloh nein. Bedanken sich für alles?" „Nein." „Sehen Sie--" „Bitte nicht, Kat! Sie wissen es sehr gut." „Aber, Wil!" fabelte sie ernst — fast so wie bamals nach bem ersten Eselsfuhtritt. „Ich hatte inzwischen sehr viel Zeit, über alles nachzubenken, soweit bas nötig war", erklärte er roieber. „Ich fanb, dah es von jemanb anberm — von einer anbern — unbebingt überflüssig unb sinnlos ist, plötzlich wegzureisen, wenn sie ihrer selbst unb ihrer Sache ganz sicher ist, Kat. SBBie ich es schon vorher einmal aus bem gleichen Grunbe überflüssig unb sinnlos von einer andern fand, ihre Tür und ihren Telephontrichter zuzuhalten .Man sagt: ,3a!' ober: .Nein!" Unb: .Scher bich zum Teufel! Du bist mir widerlich und lächerlich — hau ab!'" „Widerlich und lächerlich? Seien Sie vernünftig, Wil!" „Nein, das bin ich nicht! Schon längst nicht mehr ..." „Es gibt nicht bloß Schwarz und Weiß." „Es ist gleich, was es gibt oder nicht gibt. Auch Sie sollen und müssen Farbe bekennen, Kal! Ja, Kat: Nichts weiter. Das verlange ich! Ich meine: Das kann ich verlangen — das möchte ich verlangen; darum bitte ich. — Ja: Ich liebe dich, Kat. Ich habe dich immer noch lieb seither. Erst recht lieb, Kat. Ich bin innen vollkommen verbrannt. Was in der Welt passiert, ist mir gleichgültig; wenn ich ein Buch aufklappe, noch gleichgültiger; ich muß an andres denken. Ich liebe dich, Kat. Das steht unabänderlich fest — sonst würde ich kein Wort verlieren. Seit jenem „Efelshufschlag" war nichts mehr daran zu ändern; soweit man solche Sachen erklären kann. Das muß nun so oder so in Ordnung gebracht werden ..." Sie legte die Hände wieder auf die Sesselarme, streckte sich ein wenig dabei aus, wie es schien, und war für seinen drohenden Blick wieder weich, ganz süß, bloß Empfindung und Gefühl. „Du mußt mir antworten! Ich liebe dich. Ich sag' es dir offen ins Gesicht — sooft du willst. Ich finde es schön, es zu sagen. Ich liebe dich unermeßlich ... Verzeih mir! Es ist ganz wahrhaftig." Er senkte den Kopf, legte die Hände gefaltet auf die Knie und sah sie unablenkbar an. „Es muß so oder so in Ordnung gebracht werden, Kat." Schweigen ... Es ist gut, jetzt zu schweigen! dachte er. Wie einfach dabei das Leben wird, ganz klar und bezaubernd gut! Dann sagte sie selbst leise unb langsam unb hob babei ben schimmernden Blick warm und freimütig: „Ja, Wil, das scheint so. Aber du mußt willen, Wil: Ich habe mir nie etwas aus Konflikten gemacht, und ich betrüge auch nicht gern." „Nein, Kat. Aber Konflikte — das ist niemals ein unbezwingliches Hindernis. Ich liebe dich, Kat ..." Da beugte auch sie sich sacht und langsam vor, die Hände mit den leise klapsenden und fast sichtbaren Adern zwischen den Knien faltend. Er Tatte den Arm um ihre Schultern gelegt, und nun küßte er sie. Noch anders — ganz anders als damals nach der Fahrt von Treptow. Viel überzeugender, unersättlich. Ja- küssen! dachte sie, als habe sie es durch viele Jahre nicht mehr erlebt und getan. Es fiel wie Sommerregen auf trocknen, dürren Boden. Ihr Kopf sank weich und gelind nachgebend zuruck ■ • • @5 ist starker dachte sie. Ich fühle es - hab' es ja gewußtz Es erzwingt und wühlt sich feinen Weg — das ganz Wahrhaftige: Weid, Tanz und Freiheit, und der Tanz und die Freiheit find das Stärkste unter ihnen. Und das Allerftärkfte? — Es ist alles gleich stark, ganz stark! glitt es ihr felig und schneidend durch Herz und Sinne. XXVII. Professor Hasselbrink sah am Tag daraus in einem Warenhauswinter- aarten auf einer prächtigen Marmorbank. Es war ein sommerlich heißer Oktobertag, ein toller Jndianersommer. Sein leichter Mantel lag neben ihm auf der Steinbank. Er wartete. Katarina war im Haus beschäftigt; um vier wollte sie ... Nun, das kannte man! Hübscher Raum. Aber es war aus die Dauer — hm — komisch, hier zu sitzen. Er tupfte sich die Stirn mit seinem Taschentuch und spurte in der Tiefe eine wachsende Kühle; er hatte die Masse der Bank nicht beachtet, bloß angenehm empfunden. Es saßen ringsum überall wartende Leute. Er blickte humorvoll um sich, die Hand aus den Stockgrisf gestützt, gleichmütig belustigt und mißtrauisch. Er wartete schon reichlich fünfundzwanzig Minuten. Er roar feit Jahrzehnten nicht in einem Warenhaus gewesen. Er kam sich, so allein, fehl am Platz vor, als habe er eben Kragenknopfe und Filzpanser gekauft und warte auf Muttern. Er würde sich nie wieder auf so etwas einlassen. Das tat man auch später nicht. Und er wurde einmal ein ernstes Wort, eine eindringliche Bitte an sie richten, sich mehr zu schonen; sie war in den letzten drei, vier Tagen ganz auffällig verändert. Dreißig Minuten ...Er war es nicht gewohnt, tatenlos vor sich hinzudösen und die Daumen zu drehn. E'ne ganz tolle Geschichte! Denn weggehn durfte er auch nicht; er würde sofort seinen Sitzplatz verlieren. Kurz darauf betrat durch die linke Glaspendeltür rasch ein schlanker, blasser Herr den Wintergarten. Eine unalltägliche Erscheinung, von der es sofort wie Uebermut und kühne Sorglosigkeit ausging. Em eleganter Herr in grauen Kniehosen; am linken Unterarm prangte eine anscheinend neue schwarze Florbinde; die Mütze wurde in der Hand getragen. Der Professor bemerkte die Erscheinung kaum; sein Blick wurde starrer. Der Kniehosenmann kam rasch in die Mitte des Raumes, sah schwungvoll nach der Armbanduhr, blickte sich herrisch suchend um, stutzte und ging auf Herrn Professor Hasselbrink zu. Er grüßte mit einer artigen Verbeugung. „Ich bin angenehm überrascht, Herr Professor. Sie gestatten oütigst — oder ist der Platz belegt? Glod. Sie erinnern sich meiner? Katarinas Vetter — Ihrer Frau Braut. Ein angenehmer Zufall! Sie erwarten die gnädige Frau, nehme ich an? Merkwürdig heißer Tag. Er wedelte sich mit der Mütze Kühlung und bot die Hand, die höflich angenommen wurde. . „Bitte sehr!" sagte der Professor freundlich. Majestät. „Ich erkannte Sie" nicht gleich — achtete nicht auf meine Umgebung." „Sie warten auf Ihre Frau Braut? Ein Louis Hasselbrink sitzt nicht ohne Grund auf einer öffentlichen Bank ... Einkäufe gemacht? Ja, das häuft sich jetzt natürlich. Man muß in die Scheuern sammeln! Haha! Katarina — Ihre Frau Braut — ist im Haus?" Er spielte mit der grauen Mütze zwischen den Knien. , Ein entfernter Verwandter von Katarina durch ihre vorausgegangene Ehe. Würde der Herr in feinem Haus verkehren? Eine spätere Angelegenheit. Der Professor war es gewöhnt, mit jüngeren Männern umzugehen und seine Autorität babei zu wahren. Aber wie benahm man sich vor so einem zwanglos vertraulichen Menschen? Nikobem Glob saß unbefangen neben ihm, brehte seine Mütze und betrachtete aufmerksam seinen einsilbigen Nachbar aus blanken Augen. „Auch ich erwarte eine befreundete Dame: Frau Ellinor Baker-Strong", plauderte er. „Sie ist ein paar Tage hier. Ja: die berühmte Sängerin aus Köln; sie wird demnächst Lieder von mir singen, später in meinen Opern, bestimmt auch in Argentinien, das unferm Herzen feit einiger Zeit teuer ist. Eine herrliche Künstlerin! Wir lernten uns norm Jahr in Paris kennen, wo sie bereits anfing, für meine Musik Feuer ZU fangen. Sie müßte schon hier sein; ich habe mich selbst verspätet. Wie es dem scharmanten Fräulein Till — Fräulein Grotemeyer, Meiller Dagobert und seinem Vetter Diez? Lange nichts von den Herrschaften gehört ..." ■ „Recht gut", antwortete der Professor, der seinen Humor roieberfanb. „Sie finb tüchtig unb fleißig." Nikobem ließ sich von keinem Menschen als Silbenspucknaps benutzen, auch von einem gewichtigen Professor Hasselbrink nicht; unb es stand feit etlicher Zeit noch etwas anbres wie Schwert unb Flamme zwischen ihnen. Die Vorstellung, baß dieser stattliche Herr sich Katarina nähern konnte unb bürste, nach ihrer weißen Herrlichkeit griff — gegriffen hatte, bas war bloß mit Hohn unb Haß zu ertragen, ein Sakrileg: Jupiter naht Danae als verlausner Großbürger unb Chemieprofessor, unb sie lächelt unb hebt, erhebenb, bie Arme ... Eine von Nikos fünf Vanderlip- Kusinen, Lybia, bie unbegabteste, hatte Katarina im Sommer an der See getroffen — natürlich nicht angeredet, Gott behüte! Man hatte dieser Tage an Tante Martines traurigem Krankenbett, wo auch er geweilt, aus schiefem Mundwinkel scharf von dieser unerhörten Begegnung gezischelt und gesprochen ... (Fortsetzung folgt.) Derantwvrtltch: Or. Hans Thyriot. — Druck unbBerlag:Drühl'scheAniversitätS-'Luch-undSteinbruckerei, L. Lange, Gießei,.