leMerZamilieMStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mrgang 1934 Freitag, den 13. Juli Nummer 53 Bahnfahrt. Von Peter Bauer. Die Landschaft läuft als buntes Band Vorbei mit Bergen, Fluß und Au: Ein Auto rast, Staub molkt ins Land, Am Feldpfad lächelt eine Frau Ein Reiher watet im Gefchwämm, Am Forfthaus schilpt ein Spatzenschwarm, Ein Reh erschrickt am Hochgestärnm, Weiß wimmelt eine Hühnerfarm. Und immer rast der Räder Tanz Vorwärts, als riß ihn ein Magnet Und immer fern im Sonnenglanz Der Himmel auf den Gleisen steht weisen einst und jetzt. Zusammengestellt von Dr. Eberhard Meckel. Von meiner lieben Auguste hatte ich tags zuvor Abschied genommen/ Sie weinte heiße Tränen über die bevorstehende langjährige Trennung, mhrend ich von dem Gedanken, an das Ziel meiner Wünsche, nach Rom, zr kommen so eingenommen war, daß in meinem Herzen ein fort- w: hrendes Jubilieren herrschte, welches eine tiefergehende Rührung nicht otffommen ließ. Ich ging also am andern Tag nachmittags zur Post. Der St ter begleitete mich dahin. Der Kaffer wurde auf das große Ungeheuer, m:5 die damaligen Postkutschen waren, aufgepackt, und der Kondukteur fr: gte, ob er nicht mein altes schäbiges Ränzchen mit dazu legen solle, itrnit ich im Wagen nicht davon belästigt werde. Ich übergab es ihm ebenfalls. Und dann ein kurzes bewegtes Lebewohl, und fort ging es. (Aus: Ludwig Richter, „Lebenserinnerungen".) Der Reisende ahnte schon die Fremde, das Wasser roch anders als an ie» bayrischen Seen, die ihm vertraut waren, der Wind, der es in Int gen Stößen herübersprühte, wehte rein und stark, er kam über die Eisgebirge, und es war kalt am Junitag, als habe sich das Jahr längst in den Herbst gewendet. Eilig trug er seinen Koffer auf das Schweizer Jtjnpfboot hinüber, er war ungeduldig nach fremdem Brot und fremder föe. Er fetzte sich vor das Steuerhaus, die Luftsäule über dem Maschinen- lhicht sandte Wärme in feinen Rücken, Gischt und Regen sprühten in eil Gesicht, als das Boot sich bald darauf mit Fauchen und Zischen und im hellen Schlagen der Glocke in Bewegung setzte. (Aus: PaulAlverdes, „Kleine Reise".) Ich fuhr von Berlin mit der ordinären Post nach Hamburg ab. Die S-tchreibung von dem, was damals eine ordinäre Post hieß, möchte jetzt Hin an der Zeit und hier an ihrem Ort sein, da der Fortschritt der Gifchichte auch dieses Ungeheuer weggeräumt hat. Ich kann aber, ohne Mine Glaubwürdigkeit zu gefährden, auf Lichtenberg verweisen, der die Rirtermaschine mit dem Fasse des Regulus verglichen hat. Der deutsche Mwagen scheint recht eigentlich für die Botaniker eingerichtet zu fein, intern man nur außerhalb desselben ausdauern kann, und dessen Gang i«r auf berechnet ist, gute Muße zu lassen vor und zurück zu gehen. In ta Nacht wird auch nichts versäumt, da man sich am Morgen ungefähr Ur demfelben Punkte wiederfindet, wo man am Abend vorher war... Aus: C h a m i s s o , „Reise um die Welt".) ... Ich war mit einem Sprunge hinter dem Wagen, der Kutscher h? Ute, und wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir der Bub am Hute pfiff. Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirch- linme unter, vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf. Unter mir Beaten, Büsche und Wiesen bunt vorüberfliegend, über mir unzählige He: chen in der klaren blauen Luft — ich schämte mich, laut zu schreien, tb r innerlichst jauchzte ich und strampelte und tanzte auf dem Wagen- herum, daß ich bald meine Geige verloren hätte, die ich unterm Arm jiilt Wie aber bann die Sonne immer höher flieg, rings am Horizont hvere weiße Mittagswolken aufftiegen und alles in der Luft und auf tt weiten Fläche fo leer und schwül und still wurde über den leise iqenben Kornfeldern, da fiel mir erst wieder mein Dorf ein und mein luter und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem schatti- ei Weiher, und daß nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war »bei so kurios zumute, als müßt ich wieder umkehren: ich steckte meine ge zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den Mentritt hin und schlief ein... , (Aus: Eichendorfs, „Taugenichts .) ... Nun fühlten sie Nässe in ihren wasserdichten Bergschuhen, das Nfer war von den Mänteln abtropfend von oben hineingelangt. Die gegen die Mäntel stoßenden Knie waren naß. Aber wie.es kam, daß ihnen auch im Nacken das Wasser herunterlief, konnten sie sich nicht erklären ... Das Wasser, durch die Hutsilze gedrungen, lief ihnen aus den Haaren über die Stirn in die Augen, sie sahen nur noch Wasser, von der Welt nichts als Wasser. Mißbehagen befiel ihren Marsch, der nun fast ein Schwimmen bergan geworden war. Er sagte wie aus einem Weltärger heraus: „Und auch der Menschenkörper besteht zum größten Teil aus Wasser... Das nenne ich wässrige Welt!" Sie wollte etwas erwidern, doch als sie den Mund öffnete, schlug eine Wasserbo hinein, sie schluckte daran und schnaufte heftig. Sie steuerten stumm im Meere nebeneinander ... (Aus: Josef Ponten, „Die letzte Reise".) ... So fuhr er galoppierend daher und warf an einem fchiefgesunkenen Grenzstein leicht, wie mit einer Wurfschaufel, den Wagen in einen nassen Graben hinab. Katzenberger fuhr als Prima Ballerina zuerst aus der Schleudertasche des Kutschers, griff aber im Fluge in die Halsbinde des Schuldirektors wie in einen Kutfchen-Lakaien-Riemen ein, um sich an etwas zu halten — Würfel feines Orts krallte nach Flexen hinaus und in dessen Friesärmel ein und hatte unten im Graben den mitgebrachten Friesaufschlag in der Hand. — Rieß, das Gestirn erster Große im Wagen, nahm aber mehr die Gestalt eines Haarsternes an, weil er die Theodasche Perücke nach sich gezogen, an die er sich laut wehklagend unterwegs hatte schließen wollen! — Theodo war diagonal im Wagen geblieben; — Flex ruhte, den Kutscher noch recht umhalsend, bloß mit der Stirn im Kote, wie ein mit dem Gipfel vorteilhaft in die Erde eingesetzter Baum... (Aus: Jean Paul, „Katzenbergers Badereise".) ... Als noch diesem Tage der dritte vergangen war, fuhren wir gegen Abend durch den Torweg des Vorstadthauses unserer Eltern ein. „Mutter", rief ich, da uns diese und der Vater, der unsere Ankunft gewußt hatte und daher zu Hause geblieben war, entgegen tarnen, „ich bringe sie dir gesund und blühend zurück." Wirklich war Klothilde auf der kleinen Reise durch die Luft und die Bewegung kräftiger, heiterer und in ihrem Angesichte reicher an Farbe geworden, als sie es je in der Stadt gewesen war. Sie sprang von dem Wagen in die Arme der Mutier und begrüßte diese und bann auch den Vater freudevoll; denn es war das erstemal gewesen, daß sie die Eltern verlassen hatte und auf längere Zeit in ziemlicher Entfernung von ihnen gewesen war Man führte sie die Treppe hinan und bann in ihr Zimmer. Dort mußte sie erzählen, erzählte gerne unb unterbrach sich öfter, inbem sie bas inzwischen heraufgebrachte Gepäck aufschloß und die mannigfaltigen Dingen herausnahm ... (Aus: Adalbert Stifter, „Nachsommer".) Sogleich übergab ich mein Gepäck der Postanstalt und beschloß, den Rest der Reise zu Fuß zurückzulegen. Ueberall lag das Land in himmelblauem Duft, aus welchem der Silberschein der Gebirgszüge und der Seen und Ströme funkelte, und die Sonne spielte auf dem jungen betauten Grün. Ich sah die reichen Formen der Heimat, in Ebenen und Gewässern ruhig und wagrecht, im Gebirge steil und kühn gezackt, zu Füßen blühende Erde unb in ber Nähe bes Himmels eine fabelhafte Wüste, alles unaufhörlich wechfelnb unb überall bie zahlreich bewohnten Tal- unb Wahlfchaften bergenb... Unb wie ich mir fo barin bas ganze große Sieb voll Verfassungen, Konfessionen, Parteien, Souveränitäten unb Bürgerschaften buchte, burch welche die endlich sichere und klare Rechtsmehrheit gesiebt werden mußte, die zugleich die Mehrheit der Kraft, des Gemütes und des Geistes war, der fortzuleben fähig ist, da wandelte mich die begeisterte Lust an, mich als einzelner Mann unb roiberfpiegetn« ber Teil des Ganzen zum Kampfe zu gesellen und mitten in demselben mich mit regen Kräften fertig zu schmieden zum tüchtigen und lebendigen Einzelmann, der mit ratet und tatet und rüstig darauf aus ist, das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen ... (Aus: Gottfried Keller, „Der grüne Heinrich".) Wenn ich ein Vöglein wär. Wenn ich ein Vöglein wär Und auch zwei Flüglein hält. Flog ich zu dir; Weills aber nicht kann fein. Bleib ich allhier. Bin ich gleich weit von dir. Bin ich doch im Schlaf bei dir Und red mit dir; Wenn ich erwachen tu, Bin ich allein. Es gehl kein Stund in der Nacht, Da nicht mein Herz erwacht Und dein gedenkt. Daß du mir viel tausendmal Dein Herz geschenkte Qnunc und Gärten, durch den schwimmenden Mondschein in sein Haus. Dann 3oqen wir uns die Stiefel ab und legten die Jagdgerate bereit. Cr ging in die Ehekammer, ich legte mich in der Stube daneben aus das Sofa. 9 tzj., Bäuerin kam bald, schnaufte rote em Eber und fd)ne (djon tm Misth bist- du zu Hause?" Der ließ sein Schnarchen durch das ftarös 'rasseln daß es der Frau seltsam zumute wurde. Schweigend trat 9 in s:p Kammer. Und nun fing da ein Numoren an. Misch gähnte und orgelte. Das Bett knarrte. Wie aus "efstem Schlafe ausschreckend iraate er erstaunt und gleich wütend: „Wo Reibst du dich des Nachts herum?" Die Bäuerin fiel in das Solo mit gutem Ält. Ähre Sache schien E so wohl begründet denn der Bah fang die längeren Partien und nab schließlich in einem kurzen Schlußsatz das Motto des Duetts „Ich will mein Vergnügen auch einmal haben. In zwei Stunden holen u>r den Bären, der "vom Westgrat auf die Lichtung wechselt." Sein Schnar- chen setzte dahinter eine Reihe Gedankenstriche. Somit wäre nun alles in Ordnung gewesen. Doch ich fühlte mich ach dem Sofa nicht wohl. Das plötzliche Verstummen der Alten dünkte mich 5 böfe SBorbebeutung. Die Frau war nicht dumm, die schlucktei keine Ville ohne Gegenmixtur. Ich lag wach; es kroch mir durch bte Adern, baft daneben ein sauberer Plan im Ausbrüten stak. Und nach einiger yeit als Jekels Schnarchen natürlich klang, hörte ich die Ture geben und' die Alte aus dem Hause tappen. Da war ich meines Argwohns 0et3a, das Luder, ein totes Pferd, lag schon seil.einem Tage Mifth hatte es ausgelegt und durch den Altknecht bewachen lassen. Der Bar war in der Vornacht schon daran gewesen; ein feister Bur cheAller Voraussicht nach muhte die Sache einfach ablaufen. Nun hatte mir eie Alte die Unruhe ins Blut gesetzt. Ich weckte Misch, der em bedenkliches Gesicht schnitt, als er das Bett neben sich leer sah. Er wäre am liebsten stand vor ihm, bas Gewehr am Riemen und seine Büchse in der anderen Hand. Ihn übermannte die Lust. Wir schritten los. Es mochte eben Mitternacht fein, als wir an den Luderplatz kamen und uns ansetzten. Der Wald schwieg im Umkreis; die Lichtung au der das Aas lag, leuchtete im Mondschein wie Silber. Das Luder selbst ähnelte einem dunklen Fleck darin, undeutlich und stumm. Die Luft strich uns entgegen. Bei längerem Hinsehen schien es, als bewegte stch etwas am Luder, ein Fuchs vielleicht. Wir lagen, und von Minute zu Minute erregt» uns stärker die Stille. Wir hörten Laute aus Baum und Strauch, in der Luft und aus uns selbst wie ein Orchester, an bas nur uns nur allmählich gewöhnten. Es tönte einförmig tm leichten An° unb 21b- fchwellen unseres Herzschlages. , TOi_ mllrh,n Nach zwei Stunden fuhr uns der Schreck in die Glieder. Wir wurden aus dem traumhaften Horchen fosort wach. Im Walde brach Unterholz durch ungestüme Schläge. Misch faßte ans Zielfernrohr mit einem ra ch n (Briff dann zog er die Hand wieder fort. Das war das einzige Zeichen feiner Erregung. Wir starrten hinüber zum Waldrand, woher der Lärm tönte. Nun schien es aber, als näherte er sich als knackte es an einer bestimmten Stelle, wie wenn stch em ungeschlachtes Wesen im Strauch einen Standplatz trete. Der Lärm wurde dabei schwacher brach bann ab, und in unsere Ohren drang Brummen und Schmatzen, deutlich hörbar, gute hundert Schritte weit. Und dies immer aus dem Walde. Es wurde wieder ganz still, um gleich darauf zu brummen. Dazwischen knackte manchmal ein Ast. Misch flüsterte: „Der Kerl kommt nicht heraus!" ®ir51auerten.^Der Mo^ischein^ieuchtete hell, das herrlichste Büchsen- licht; bas Luder war gut gelegt und der Bär traute sich nicht aus beni Wald. Er trollte sich auch nicht fort; wir horten ihn brummen. Er hatte U115® jrd) fobenstarr auf die silberne Lichtung in dem Schwarz des Waldes, daß uns die Augen zu brennen anfingen. Hoch über uns m der Nacht fuhren leichte Wolken vorüber, die für wenige Sekunden den Mond verdeckten. Dann stand der Wald noch undurchdringlicher und bas Brummen unb Knacken klang brofjenb. Doch ber Bär wußte nichts von uns. Er blieb in feinem Walbplatz, rauschte im Busch unb lärmte. Weg war er. Aber Misch staub auch schon unb schritt hinter ihm her, bebächtig, ben Stuhl erhoben in ber Faust. Ich lief mit. Alles jubelte tn mir. Nun war bte vierte Flasche vergessen. Misch schritt geradewegs in die Schwemme. Ehe er noch tn ber Ture stand, hatte sich der Bursch in den Saal gesetzt unb laut geschrien, daß nun der gnädige Herr Iekel komme. Sie hörten es nicht. M'sch stand im Türrahmen und hielt den Stuhl noch immer erhoben. Kein Wort. Er stand Der Wirt und ich blickten ihm unter ben Armen durch. Die Knechte faßte plötzlich ein Schweigen, als hätte sie der Leibhaftige berührt. Sie starrten mit vielen großen Augen nach uns und stürzten dann Hals über Kops durch die Fenster ins Freie. Der Stuhl in ber Hanb bes Riesen sank. Mit einem kleinen Ruck schleuderte er ihn mitten in den Saal. Beine und Lehne splitterten ab beim Aufschlag. Der Wirt beachtete es nicht, er rieb sich die Hande und sagte: „Nun ein Weinchen, meine Herren!" Das fehlte mir gerade noch. Ich schlich hinter den Zweien her bte Treppe empor. Wir setzten uns; bie Ohren summten vom Lärm nach wie ein Bienenschwarm. Durch bas Summen brang plötzlich ein Pfiff vom Hose her; als ich ben hörte, sprang mich bie Freube wieder an. Den Pfiff kannte ich. Da pfiff Jekels Altknecht; es bedeutete: die Bäuerin hatte sich aufgemacht, den Riesen heimzuholen. Die Gläser blieben voll. Wir tränten sie nicht. Misch sagte nur: ».Komm!" unb lief brähnenb die Treppe hinunter. Ich hinterher über „Er frißt", meinte Misch. „Das weiß ich auch." , , , . ... OIx» Wie mich bie Wut brannte! Vielleicht trat bas Tier boch ins Licht, wenn es seine Beute verzehrt hatte. War die aber groß, so konnten wir ruhig davon gehen. Wir warteten. Misch slüsterte nach einiger Zeit, « wolle einfach dem Bären entgegentreten, denn es fei verdammt, sich pi« 3um Narren halten zu lassen. Ich antwortete gar nicht; auch erlchnE Sein Gerede nahm er selbst nicht ernst. Wer tritt einem fressenden Bären im Halbdunkel entgegen? . So verging die Zeit, eine Stunde vielleicht. Unsere Wut wurde Gleichgültigkeit. Wir rührten uns nicht. Und jedes Brechen von Aesten peitschte uns durch die Adern weil wir glaubten, nun trete endlich der ^"Jn"biests^wogenbe Lauschen tönte rechtsher vom Rande ber Lichtung ein leises Geräusch. Als setzte sich ein Fuchs vorsichtig auf. Als trete et nun roieber ben Grunb. Da war kein Zweifel, es nahte em Mensch. „Ein Wilberer!" sagte ich, unb alle Lust floß in mich zurück Wenn der Bär verloren war, so blieb dies Abenteuer. Ich kniete aus. Misch folgte Das Gewehr legte er neben sich. Mit einem Wilderer band er, der dreißig Knechte in bie Flucht jagte, waffenlos an. Plötzlich ftanb et, die große Gestalt schlaff und vorgebeugt, feine Stimme tonte hilflos: „Meine Frau!" „ ., _, . Die Bäuerin trat rechtsher auf die Lichtung, wandte stch der Stell« zu, wo der Bär still geworden war und fchrie mit greller Stimme. W hörten als Antwort Brechen und Knurren, das immer leiser wurde uiw zum Westgrat verstrich. Der Bär trollte sich. x Dann drehte sich das gottlose Weib um und rief: „Wo treibt ihr eud) herum, wenn ihr ben Bären haben wollt?" Ja, nun traten wir hervor. Ich keuchte, ich sah nicht weg als M !« tat, was er nie zu tun gewagt hatte, bie Alte in bie Haube kriegte u Oie Bärenjagd. Bon Heinrich ZiUich- Äs«* dm» p« uw — sofort fragt ihr, was für ein Stein, wie groß, wie schwer. Da sch pp ich euch ben Stein heran, lege ihn vor euch hm und sage: Bedient euch. Nun Hebt ihr um ihn und wißt eben oroemg wie vorher, aber den Stein hab" hr, habt die Wahrheit, ihr habt bie Sache. Nun geh - und seid Mücklick damit Nein, bas ist euch doch zu wenig! Seht ihr Und erzähle ich »ucb bie kleine Geschichte mit bem Bären, so schreit ihr gleich, erlogen! ^uaeaebeni Aber ihr habt etwas baoon, ihr steht nicht um einen bummen töffÄ'K ■*» »«»*'*■»- “i<™ ■" wie ein Fahrplan. Ich"halte "rsah^n,^ bah im Hochwalb am westlichen Graf ein Bär bauie ein altes Tier — ihr wollt schon wieder etwas wissen? Wo der Hochwald ist? Das konnte euch passen! Er liegt 'n Siebenbürgen. Sieb - bürgen ist groß, in Siebenbürgen gibt es viele Baren. So letzt w h '^Ani Abend saß ich im Dorswirtshaus, hatte den Jagdschein m ber Tasche und neben mir einen alten Jagdfreund, ben inl Her Rieie hockte trübfinnig, weil feine Frau mit ber Pirsch nicht nerftanben war Die Stimmung mißfiel mir. Wenn Misch Iekel mit feiner Frau übers Kreuz geriet, schwammen Wolken auch burch meinen Tag Ich bestellte Wein, stellte .hm die Flasche vor bie Nafe, Er tmnk 2Ils eine Stunde vorüber war, hob er ben Kopf unb meinte. Roch so eine Flafche. Seht, dies gefiel mir schon besser, roetl es immerhin em Wort war. Bisher hatte er geschwiegen. Die dritte Flasche konnte das Schicksal der Jagd entscheiden. Wurde er dabei lustig, so. hatte der Gang beute Nacht Sinn unb Zweck. Ich schenkte ihm fleißig em. Als bte Aa che nur noch zur Hälfte gelb war, sprang er plötzlich auf unb Jagte: Der Teufel soll breinsahren unb ber Welthunb dazu! Dann setzte er sich ruhig nieder. Ich aber wußte, nun wurde die Samstagnacht gut. Die Flasche rückte ich näher an mich und versuchte, ihn über den Stareni au - tubolen. Er zog sich bie Flasche wieder heran unb trank. „Drei Flaschen! warnte ich denn mehr vertrug er nicht, ohne schußschwach zu werben. Er lachte Dies war kein gutes Zeichen. Die Flasche hielt ich wohl im Auge boch alle Vorsicht schien nichts zu nützen. Er hatte sich betrunken, wenn unten in ber Knechtschwemme nicht ein Streit losgebrochen wäre. Ihr müßt euch das recht vorstellen: Im Wirtshaus sitzen die Bauern oben im „Kasüw" und unten in der Schankschwemme bte Knechte. Diese Knechte waren handfeste Ungarn, denen das Messer locker saß, und nun hatten zwanzig oder dreißig einen Lärm angefangen, der durch das Haus dröhnte Man hörte, wie die Kerle aufeinander losgmgen. Aus Dem Fußboden stieg der Staub. Die Petroleumlampe an ber Decke schwang hin unb her. „Schasse Ordnung!" sagte ich zu Misch. Er trank wieder ein Glas. . Der Wirt lief herein unb bat verzweifelt um Hilfe. Misch lachte und trank. Es schien kein Kraut gewachsen, um den Riesen heute vom Stuhl $ Derweil ging unten die Schlacht weiter. Ich stellte mich ans Fenster und sah unten im Hof dunkle Gestalten, bie sich an ber Pumpe ine Wunden wuschen. Ms ich mich umroanbte, hatte bas Schankmadchen eine vierte Flasche auf den Tisch gestellt. Ich setzte mich verdrießlich Aus dem Boden stieg der Staub dichter. Die Lampe glühte schwingend im Dunst. Ich stand wieder auf und öffnete die Tür, um ben Luftzug streichen zu lassen. Im Flur an ben Pfosten geklemmt stand ein Dienstknecht. Ich packte ihn an der Brust, zog ihn ins Zimmer. Der Bauer sah stch den Burschen an und knurrte: „Was suchst du da?" „Gnädiger Herr, die Burschen haben mich herausgeschickt—." „So __", meinte Misch unb hob einen Stuhl auf ben Tisch, als habe er ein Holzscheit, „unb warum haben bich bie Burschen —?" Da schrie ber arme Teufel: „Um zu melben, wann Sie herunter- verdrosch; wortlos, aber tüchtig. Das Weib schrie nicht, sie biß nicht, sie hing einfach sprachlos in seinen Fäusten. Ich löste meinen Hosenriemen, trat an Misch heran und gab ihm den. So wurden die Prügel noch sinnvoller. Nach einiger Zeit ließ Misch von der Frau ab und sagte mit der j harten Stimme, vor der sich die Knechte duckten: „Wie hast du den Sri ■•en ferngehalten?" Mich durchfuhr diese Stimme wie die Frau. Sie knirschte mit den Zähnen. Da faßte Misch zu. Seine gute schwere Hand auf ihrem Nacken, so führte sie uns in den Wald, zur Stelle, wo der Bär gewesen war. Es lagen Fleisch und Knochen auf dem Boden, wild zerstreut. Wir leuchteten den Umkreis ab und folgten der Fährte, die heranführte; nach einiger Zeit fanden wir eine abgetretene Stelle, wo der Bär wieder etwas gefressen hatte, bald eine zweite, dann noch einige. Die Frau sprach nicht ein Wort, sie deutete auf diese Stellen und lachte höhnisch. Misch sagte nach einiger Zeit des Staunens: „Du haft also Fleisch ausgelegt, vom ganzen Westgrat herüber, damit der Bär auf dein Luder stößt und nicht auf unseres? Woher hast du das Fleisch?" „Von eurem Luder." Er ließ die Frau sofort los und schüttelte sich. Wir schritten zurück. Die Frau hinter uns her Mir gings noch immer nicht recht ein, daß sie in der kurzen Zeit dies alles hatte tun können, das tote Pferd zerstückeln, das Fleisch ausstreuen bis zum Westgrat und den großen Haufen vor die Waldlichtung legen. Sie war ein Satan, gewiß, aber Mut hatte sie. Als wir über die Stelle schritten, wo der Bär gefressen hatte, stolperte ich. Da lag ein Gefäß. Misch hob es empor, sah es an und schrie: „Honig!" Und dann packte er die Frau wieder. Ich aber war nicht mehr einverstanden mit dieser Züchtigung. Mochte er prügeln, so lange er wollte, wir waren blamiert. „Gib mir den Hosenriemen", sagte ich. Wir gingen weiter, die Frau hinter uns her. Sie bog nach einigen Schritten zur Seite ab, bückte sich und hob eine Axt, ein Messer und einen Korb auf. Das war ihr Werkzeug gewesen. Dann folgte sie uns und lachte manchmal. Mythos gegen „Weltmaschine". Bon Renö Fülöp-Miller. Georges Corel gehört zu den Gestalten der europäischen Geschichte, die — kaum genannt und noch seltener gekannt — in der geistigen Vorbereitung der unsere Gegenwart bestimmenden politischen Ereignisse einen starken Einfluß ausgeübt haben. Mussolinis Weg zum Faschismus führte durch das mächtige Gedankengebäude dieses Mannes, der dem blutleeren Fortschrittsglauben des Aufklärungszeitalters das Bild der heroischen Lebenshaltung entgegenhielt und dessen Wirkung nicht nur in Italien ihre Spuren zieht. Rene Fülöp- Miller widmet in seinem fesselnden, soeben bei F. Bruck- mann in München erschienenen Buch „Führer, Schwärmer und Rebellen" der Person und dem Werk Sorels die folgenden Abschnitte. Als Corel seine leidenschaftlichen „Betrachtungen über die Gewalt" verfaßte, war er achtundfünfzig Jahre alt. „Le p6re Sorel" nannten ihn die jungen Dichter, Schriftsteller und syndikalistischen Arbeiter, die sich um ihn versammelten, so oft er nach Paris kam, und die mit aufhorchenden Geistern den Reden des „alten Originals" lauschten, in denen sich enzyklopädisches Wissen mit einer durch und durch eigenwilligen Art der Betrachtung und Wertung der Dinge paarte. In dem engen Redaktionszimmer des „Cahiers de la Quinzaine" in der Rue de la Sorbonne kamen jeden Donnerstag die Freunde Charles Peguys zusammen. „Es sind nicht immer dieselben", erzählt Michel Arnauld, „aber stets hebt sich von ihnen, über ihnen, die fast alle jung sind, der weihe Bart von Monsieur Georges Sorel ab. Er präsidiert nicht, er plaudert; feine abrupten und einfachen Urteile, die auf komplizierte Gründe gestützt sind, lassen die Unterhaltung nie ermatten." Kaum hat dieser Eine begonnen, sein Gehirn und sein Herz von der ganzen erstarrten Schicht toter Gemeinplätze, Instinkte und Sentiments zu befreien, da zieht alsbald in ihn der lebendige Geist ein, tauchen aus feiner Seele die Urbilder auf, aus denen die Welt sich immer wieder neu erschafft, wird fein Ohr hörend für das Wachsen und Walten von Natur und Geschichte. Eins geworden mit dem Werden der Zeit und ihrem Gestaltsstreben, beginnt er dieses ihr Wollen zu verkünden. In seinen leidenschaftlichen Ausbrüchen wirkt das Kreisen frischer Säfte, in der Bewegtheit feines Geistes, in den Wandlungen feines Wesens ringt die junge Zeit selbst um ihren Ausdruck. , Die Denkklischees, die das geistige und politische Leben jener Epoche im Bann halten, stellen alles Weltgeschehen als einen verläßlichen, von der fortschreitenden rationalen Erkenntnis geregelten Riesenmechanismus dar, m welchem die Demokratie als die vernünftigste aller Staatsformen die Sicherheit und den ewigen Weltfrieden gewährleistet und demnächst auch die letzten noch übriggebliebenen Gefährdungen des Lebens abge- fchafft haben wird. Freiheit von allen Aengsten des Dafeins, Sicherung vor jeglichem Schicksal — dieser ewige Wunschtraum religiös-chiliastischer Gemeinden ist nun zur banalen Phrase in aller Mund geworden, seit die moderne Druckmaschine des neunzehnten Jahrhunderts sie täglich in Leitartikeln, Reden und Ansichten van Ministern und Politikern in die Welt speit. , „Vater Sorel" aber versteht es, die Zeitungen und Bucher mit Augen zu lesen, die zwischen dem Gedruckten ein noch für lange Zeit Ungedrucktes herausbuchstabieren: feine Ohren, mit denen er die Meinungen von Rednern, Journalisten, Arbeitern und kleinen Leuten auffängt, hären zwischen den vielerlei Meinungen und dem vielen Geschwätz einen fernen Widerspruch — Worte, die noch niemand gesagt hat, ja, die für lange Zeit noch nicht einmal gedacht werden sollen. Hellhörig vernimmt er in der Stille dieser Jahre ein dumpfes Grollen aus der Tiefe, und dieses Grollen verkündet ihm den kommenden Kampf der Völker, der jetzt noch in den Frieden wie in einem Kokon verpuppt ist und der doch eines Tages feine Hülle sprengen wird; und bald wird auch die ganze wohlfunktionierende „Weltmaschine", diese stolze Erfindung der aufgeklärten Wissenschaft, so völlig in Trümmer gehen, daß zuletzt nicht einmal die Spur dieser Trümmer von ihr Zeugnis ablegen wird, denn bann wird selbst der Stoff, aus dem die Wissenschaft diese Maschine aufgebaut hat, in Milliarden unsichtbar wirbelnder Elektronen zerstieben, mit denen sich niemand mehr auskennen wird. Und die dann noch an den Fortschritt glauben, werden geächtet sein, ihre vernünftigste aller Staatssorinen wird der Welt zum Gespött dienen. Herrschen aber wird die Gewalt, die eine neue Welt und neue Ordnungen setzt und die Menschen lehrt, daß alles Dasein nur dann Sinn erhält, wenn es zum mythischen Schicksal reift, daß das wahre Glück nicht die Sicherheit, sondern das gefährliche Leben ist . . . Gewalt, das ist es, was Georges Sorel als das neue Evangelium verkündet. Zu ihr müsse die Menschheit sich bekennen, wolle sie Anteil haben am Werden der Geschichte, an der Gestaltung der Zukunft. Und so müsse sie es auch aufgeben, sich allerorten und von allen Seiten vor den unbekannten Mächten des Lebens „sichern" zu wollen; denn sich sichern ist Verrat am „Werden", ist Desertion vom Dienst am schöpferischen Leben. Wer mit den großen Kräften des Lebens im Einklang bleiben will, darf vor ihnen nicht in eine „Ordnung" entfliehen; er muh diese Kräfte lieben. In ewiger Bedrohtheit muß sein Schicksal sich bilden. Aus der „exaltation genereuse de la vie" gehen die großen Ideen hervor. In der inneren Leidenschaft der „historischen Stunde", in der Glut des Kampfes wird die Seele zu neuer Form umgeschmolzen. Darum ist auch der Kampf „göttlich", „wie alles göttlich ist, was in der Natur unmittelbar aus der schöpferischen Fähigkeit, im Menschen aus der Spontaneität des Geistes oder des Gewissens hervorgeht und außerhalb der Serie geschieht". Nur wenn der Mensch einem Kampf auf Leben und Tod gegenüber» steht, ergreift ihn völlig die Idee, die aus dieser „lutte transformatrice" geboren wird, sich durch sie in den Herzen der Menschen befestigt. Als die Würde des neuen Menschen verkündet Sorel das Heroische, den Kampf, die — ewige Gefahr. Ungesichert soll -er leben, immer offen und bereit, daß der Schöpferwille in ihn einströme und in ihm Ausdruck gewinne. Ja, selbst dem Schmerz muß der Mensch Einlaß gewähren, denn er ist eine Urmanifestation des Lebens: „Im Schmerz liegt die Einheit des Daseins, während die Freude tausend Formen hat. Im Schmerz fühlen wir die Verbundenheit mit der wirklichen Welt. Das Vergnügen flieht vor den Notwendigkeiten des irdischen Daseins und setzt so den Gegensatz von Körper und Seele. Im Vergnügen liegt darum aber auch der Keim des Todes, weil der Mensch im Vergnügen die Wächter feiner Existenz einschläfert. Das Vergnügen reißt den Menschen aus seinem Muttergrunde los und entwurzelt ihn. In der aufrauschenden Musik der Freude ist sehr leicht die Melodie des Todes zu hören." Zur schaffenden Tiefe gilt es sich zu bekennen, aus der alles wahrhaft Wertvolle hervorbricht. Das Schicksal mit aller Bitterkeit und Härte will innerlich bejaht, nicht aber bekämpft werden; erst die Person, die eins ist mit ihrem Schicksal, gewinnt die Unvergleichlichkeit ihrer Existenz, die letzte Erhöhung und Vollendung ihrer Gestalt. Dieses Schicksalhafte aber, das sich in den Gewaltfamkeiten des historischen Geschehens kundgibt, findet fein Bildnis einzig im Mythos. Er verdichtet zur Form, was unaussprechbar und unausschöpfbar im Lebendig-Gegenwärtigen wirkt; und so empfängt auch alles, was ist und wird — Staat, Gesellschaft, Recht und Idee — erst vom Mythos her die Sanktion. Ihm kommt somit die Stellung zu, die seit Jahrhunderten die Vernunft für sich usurpiert hat; denn „der wahre Mensch in seiner vollendeten Gestalt, nicht aber der Mensch als Fabrikant seiner eigenen Ordnungsmaschine" ist das letzte große Ziel allen irdischen Geschehens. Es ist eine wahrhaft neue Geschichtsbetrachtung, die mit dieser Orientierung nach dem Mythos anhebt: Waren seit den Zeiten Rousseaus alle Neueinrichtungen des Staates und der Gesellschaft im Gegensatz zum Sein nach der absoluten Idee eines möglichen „Besseren" und „Vernünftigeren" geschaffen worden, fo suchte die Gründung des Tuns auf den Mythos die Idee wieder mit der Welt der lebendigen Erscheinungen in Einklang zu bringen. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H„ Berlin. (Fortsetzung.! Sie war wieder da und allein. Ziemlich einsam ohne Julia; und sie hatte einiges gutzumachen. ,Haben Sie unsre Karten bekommen, lieber Herr Professor? Wie geht es Ihnen?" Er holte sie am späten Nachmittag mit dem Wagen ab. Und am Abend, in der Nacht, wieder nach ernstem Wandeln, schrieb er ihr einen Bries. Er schrieb frisch, blond, jugendlich, mit einem harten Lächeln um die Lippen und mit anmutig bebender heitrer Warze aus der Backe. Wenn Dagobert, Diez und Till plötzlich ins Zimmer getreten wären und ihm über die Schulter gesehen hätten, würden sie ihm verblüfft auf diese Schulter gehauen haben: „Was ist los mit dir, alter Knabe? Was geht hier vor? Wir verkehren nicht mehr mit dir!" Er hätte nicht viel dagegen gesagt. Aber er hätte sie rausgeschmissen. Es war die Zeit, in der der Mensch gern Wald- und Höhenluft atmet ober seinen Leib von Meereswellen umspülen läßt. Dagobert liebte die See. . So wiegte er eines Morgens seinen langen, m einen breit gestreiften Bademantel gehüllten Leib, die Pfeife im Mund, den besonnten Strand entlang und freute sich des muntern, immer wieder festlichen Anblicks: * hie blau strahlende See, der lachende Himmel, flatternde Möoen und Der Tulpenweg war für ihn und andere Leute seit kurzem tabu; zumal Houis für Erholungsreisen abgerackerter Neffen nicht viel Verständnis verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen. seit geraumer Zeit eine i und Terpentingeruch. Mit einem beachtet wurde. Ein Wunsch- oder Wachtraum. „Malst du hier?" fragte Onkel Louis. „Nein", antwortete Dagobert einsilbig, gegen seine angeborene 2m Ganz merkwürdig, Onkel Louis: Es lockt mich nichts. Das Leben macht und verlangt solche Zäsuren, Pausen oder Kehren. Ich glaube, man soll das nicht stören oder bereden." " „Na, schön!" sagte Onkel Louis entgegenkommend und trommelte mit den energischen Fingern auf der Glasplatte. Da kam der Kaffee. „Das Leben hier gibt dir nicht viel Anregung. Ich kann es mir mit etwas gutem Willen denken. Dich müßte die weitere Welt locken — andere Luft, anderes Licht, andere Menschen, Sitten. Geräucherte Flundern kannst du auch in der Meraner Straße haben." (Fortsetzung folgt.) Äufbrachte. Dagobert wünschte nicht zu stören; er respektierte stets fremden Frieden und anderer Leute Schicksalswege. Er ging weiter. Er besichtigte mit ungemindertem Interesse die neuen angenehmen Erscheinungen von gestern abend, die ihn auch heute morgen nicht enttäuschten, lud sie zu baldiger Visite in seine Burg ein und begab sich dann selbst dahin zurück, wo schon andrer Besuch es sich zwitschernd in seinem Korb und auf dem Wall bequem gemacht hatte und seiner harrte: „Hallo Dagobert!" — Jauchzen. Auch der stattliche Herr hob den Blick über die Zeitung, sah ernst der schönen Frau zu, sagte nicht viel, lachte bloß locker; denn letzt lappte, purzelte und rollte so ein fadennacktes kleines Ungetüm über -en prächtigen Wall. Die Dame legte das schrecklich dicke Buch weg, erhob sich, nahm das warme, weiche, rosigbraune Paket in den Arm, herzte und küßte es, nahm es auf den Schoß in ihren Korb und lachte dem großen Onkel zu. ........ , ., Nun, der schien das schon gewöhnt zu sein, täglich ein paarmal mit 'srnster Mühe den Wall frisch zu schaufeln — eine gesunde Uebung. Er schnappte lustig mit den Fingern, lächelte, machte Du — Du Du—! Ein Bild des Friedens, wie es überzeugend auf den Betrachter tntrne, tinb des ernst befreundeten und nobel verantwortungsvollen Beisammenbunte Fahnen, kreischende Kindlein im Sand, in den Korben schlanke und weniger schlanke nußbraune Mädchen und lungere Mamas, die auch nicht von Pappe waren; alles höchst erbaulich und beachtenswert für einen erholungsbedürftigen, verständigen Mann. Man fühlte sich vom ^^Sein°eigener^sirandkorb stand in einer großen Burg in der Nahe । des Familienbades, im Zentrum des Lebens. Es war em Zweisitziger Korb mit Wimpeln. Dagobert bekam häufig Besuch auf langen weiblichen Beinen, der lachend den geheiligten Wall übersprang oder einfach herab- ! rutschte. Er war ein umgänglicher Gastherr, hieß allenthalben .-Dagobert", was das gesunde Leben an der See so mit brachte, und so war, mit bester Wirkung, schon das Ende der zweiten Woche seines See- Dagob ert war ziemlich weit gewandert, hatte hier und dort Gruße vngebracht, einen kleinen Plausch mit jungen Damen die platt in der Sonne lagen und zur Begrüßung mit den Beinen in der Luft wedelten, gemacht, hatte, als stürmisch begrüßter Onkel, em paar Kindlein in den »immel geworfen und wieder aufgefangen. . Danach bog er von dem festen, feuchten Weg des Borderftrandes ab den er heute bis zu den Gefilden der Außenfelter hmabwandelte, denn er gedachte, hier draußen einigen neuen sympathischen Erscheinungen, die er gestern abend kennengelernt hatte, einen Besuch abzustatten. So schlängelte er sich zwischen den Burgen hin. Da stutzte er unversehens. Sein Blick wurde aufmerksam, noch Heller, kehr scharst Dag hielt die Pfeise mit den Zähnen fest; denn sein Mund hatte die Neigung, osfenstehen zu bleiben. „Sieh da! sagte er und war unschlüssig, was nun zu geschehen habe. Da hinten, ein gutes Stück ab von seinem Standpunkt, (ag eine Burg in einem besonders hohen und starken Wall, neu montiert, rote es Wen, also neu bezogen. Kurzum: Es bot sich ihm zum erstenmal dieser zlnblicf Ein imponierend breiter und großer Herr, frisch angebraten von Wind und Sonne, als weile er erst seit vorgestern an diesem gesegneten Strand, saß in einem der zwei breiten Strandkorbe; der Herr trua einen schwarzen Badeanzug, darüber einen schwarzweiß gestreiften Mantel, rauchte eine Zigarre und las Zeitungen. In einem anbeni, tm Winkel darangeschobenen Korb, so daß man beiderseits tm Schatten weilte, ruhte, leicht zurückgekippt und sorglos, in der Sonne eine schone, schlanke Dame, ebenfalls frisch angeröstet, mit hochgeschwungenen dunkleren Brauen unter sherryblondem Haar, in dem sehr viel Geld leuchtete, in einem grünblauen Strandpyfamia mit wetten Flatterhosen, Und las in einem schrecklich dicken Buch. Ein Bild des Friedens in diesem Tal der Tränen. Eignes Heim — Glück allein ... In einem kühlen Grunde ... Dagoberts Zitatenschatz War begrenzt. Es waren unbestreitbar Onkel Louis vom Tulpenweg Und die schöne Dame Gugernell; beide aus Berlin-Charlottenburg. Eine grünblaue Gummikappe lag zum Trocknen neben dem weiblichen Korb auf dem Wall vor einer in den Sand gepflockten leeren Milchflasche. Man schien erfrischt und gesammelt. Dagobert stand voll Ernst und Er stand verehrt und beliebt. Nach Tisch ruhte er sich in der Pension „Bianca" auf feinem kleinen Balkon hoch überm Meer vom prächtigen Seebad aus. „Sieh da! Das scheint unabänderlich ernst!" sagte er wieder beim Einschlummern und etwas Aehnliches auch beim Erwachen. Ein bißchen Schlaf bringt die besten Gedanken zur Reife. Er reckte sich und griff zur neuen Kurliste, die er mit heraufgebracht hatte, was streng verboten war. Also in Villa „Miramare"... Lag weit draußen am Ende der Welt; er war einmal, am Anfang seiner hiesigen Tage, draußen gewesen, um sich den „Laden" zu besehen: Alles sah und stand mit dem Rücken gegeneinander und sah Lust, ein Zirkel erlesener ffiiC®5$roarnnod) Zeit^einer Pfeife. Ein paar Bücher mit grellbunten Umlchläqen tagen da, die er auch nicht las, eine Zeitung von vorgestern, dtt er kaum umgeblättert hatte. Dazu war er nicht hier. Vor allem vernachlässigte er Zeichenstift und Pinsel aus tiefster Seele Ja, er hatte seit geraumer Zeit eine wahre Abneigung gegen Farbentuben, gegen Oel- und^Terpentingeruch. Mit einem Wort: Ausgeleertsein, Sapenjammer. Ein staubiges, taubes und frostiges Gefühl in den.8'ngeripitzem Es schien vorderhand unabänderlich und ebenfalls wie ein Schicksalszwang oder ein guter ober schlimmer Zauber, als habe er sich an s^nem letzten Bild — an Katarina — etwas übernommen. Es hing, von Blattgewächsen und Blumen verdeckt, im Gartenzimmer am Tulpenweg. Er hatte bis zur Stunde nicht das geringste Verlangen gehn es wiederzusehen. Er blickte jetzt nachdenklich aufs glitzerblaue ebbenöe Meer und genoß ben süßen Tabak. Dagobert machte sich niemals mehr vor, als nnbebrngt nötig war. Neue Wandlung? Saulus auf bem Weg zum Paulus? Brac^ liegen vor neuem Aufschwung? Das wußten die Sterne! Er stopfte sich °°^Er grist au/da^Tstchchen neben bem Liegestuhl und schrieb die achte bunte Karte an Barby Pick, Frankfurter Allee. Er ließ die Frau Mama und den Herrn Papa grüßen, Tischler- und Innungsmeister, em Gerne in seinem Fach; natürlich auch die kleine Till, die neuerdings viel da I unten herumwimmelte, als suche sie einen "euen Unterstand. ( Auch Dag hatte in letzter Zett gern und oft dort geroeilt Samofe Sache, so eine wohlriechende Werkstatt! Verlockte einen Ärmlich dazu sich angeregt in die Hände zu spucken. Er hatte sich dabei ein- bißchen n Gustav Picks Stuhlbeine, Ti chplatten, Kommodenprostle Sofas und Hochzeitsbetten verliebt, insbesondere in seine tauberen überzeugenden Zeichnungen, und Barby hatte ihm dabei über die Schultern gesehen, so daß er leicht mit der Haut gezittert hatte. Er war dazwischen tagelang beharrlich und besessen durchs Schloßmuseum und durch die Potsdamer Schlösser gelaufen, hatte danach, geschärften und begehrlichen Geistes, dicke Bände im Kunstgewerbemuseum gewalzt, zur Erbauung seiner Seele, und hatte ^lbst mal daheim m t I Eifer etwas gezeichnet und entworfen; eine peinlich akkurate Beschafti gung, bei der man leise und ergriffen pfiff. ..... I Uebrigens hierherum an der See gab es vielerlei friesische Kisten, I Truhen Schränke — prächtige, wunderbare Sachen; Dagobert hatte ein verschämtes Skizzenbuch in der Tasche, das schon fast voll davon war, bei Gott — für Gustav Pick oder Barby ...Hoc Abwarten! I Dagobert tat einen tiefen Zug aus der Pfeife. Dann klopfte er sie I mit hell und energisch klingendem Ton aus, was den schlummernden Nebenbalkon an jedem Nachmittag zum Rasen brachte. Dagobert machte sich schön und stieg tn frischen weihen Hosen ins I Leben hinab, um sich der Promenade zu zeigen. Das Meer schimmerte I noch blauer und ebbte ruhig: ein Meer, bas feine Pflicht getan hatte und nur noch farbige Staffage war. Dagobert schritt hutlos mit blankem I gelbem Pfefferrohr, auf der breiten Promenade zwischen den zahllosen I Lästerbänken; Musik zwitscherte und machte den Schritt anmutig. ffiefneft ' . Plötzlich blieb Dagobert stehen und wippte erfreut mit bem langen Kinder benachbarte Kinber, krähten im nächsten Augenblick keck unb I Oberleib. „Nein, so was! Guten Tag, lieber Onkel Louis! Ich traue fiörenb über ben bitten Wallranb unb guckten gespannt unb erwar- meinen Augen nicht—", log er höflich. „Freut mich riesig! tunasvoll verliebt. Die Dame blickte auf, hatte ein Lächeln unb lieb- I Onkel Louis, ebenfalls in weißer Hofe unb blauer Jacke, rote fetn Teuenbes Lachen in ben Augenwinkeln unb warf, ohne ihre Lage zu I Neffe Dagobert, war allein. Er trug eine Abmiralsmutze. Er gab fernem Bnbern, mit weitem, starkem Schwung eine Banane unb allerlei Süßes I Neffen bie Hanb. „Was tust bu hier?" hinüber, bas schon neben ihr bereitlag. Noch roilberes Krähen und I „Ich erhole mich ein wenig." „Du hast es nötig!" „ „Aus mancherlei Orünben. Du bist noch nicht lange hier? „Wo wohnst bu?" „.Bianca'. Sauber unb orbentlich. Onkel Louis dachte barüber nach. Er sah jugendlich flott aus unb schien in strenger, aber gebiegen leuchtenber Saune. „Ist Diez auch hier .Hat noch keinen Urlaub. Ist auch mehr Binnenlaufer unb Gipfel- qänqer. Ich hatte es Till vorgeschlagen, mitzukommen Das Kind ist ein bißchen blaß um bie Nase; sie ist zu toll hinterin Geld f>er, finbe ich- Onkel Louis knurrte etwas unb überlegte wieber. Er fd^en tm 2lugen« blick kein starkes Interesse für heimatliche Dinge zu haben „3d) bin noch nicht lange hier", sagte er kurz. „Wo kann man eine gute Tasse Kaffee bekommen? Bist bu frei?" . , g. „ Lins. I Dagobert verneigte sich. Onkel Louis, ber eben in dem Kiosk am Kur- Dagobert hatte keine Ahnung gehabt. Er hatte sich bloß von Diez, I haus Zeitungen unb dicke, bunte Zeitschriften gekauft hatte, drehte ab Till unb Barby Pick in Groß-Berlin verabfchiebet. Hatte banach auch I unb ließ sich von seinem Neffen lotsen. Die betben Herren gingen zum bloß an sie je ein buntes Kärtchen geschickt, an Barby sechs bis sieben. I Stranbpavillon. Dagobert mußte häufig grüßen unb auch fein unpofanter Der Tulpenweq war für ihn unb andere Leute seit kurzem tabu; zumal I Begleiter, der ohne Admiralsmutze rote ein Maharadscha aus Berlin unö Louis für Erholungsreisen abgerackerter Neffen nicht viel Verständnis I ein bißchen wie sein Papa ober Großvater aussah, fand Beachtung. Sie nahmen in der Nähe eines breiten, offnen ©eefenfters Platz, eine frische Brise strich über die einander ähnlichen Schädel. Drüben rechts auf der Promenade wimmelte es bunt; einmal glaubte Dagobert, eine hohe Gestalt in einer Augenweide und einem Herzensglück von leuchtend buntem Kleid vorüberwehen zu sehen — wohl ein Irrtum, der nicht