Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ Jahrgang Zreitag. den lZ. April Nummer 28 Segen der Heimat. Von Walter Steinbach. Der Heimat sind wir beigesellt Wie Wind und Regen jeder Wolke Und sind verbunden unserem Volke, Des Schicksal mit uns steigt und fällt. Der Acker, der uns Brot beschert, Der Strom, drauf unsere Schisse fahren, Das Meer, das uns mit Fischen nährt, Der Dom, der wie vor tausend Jahren Sein ungewandelt Antlitz trägt In Ewigkeit, die uns bewegt, Der Winkel selbst tm Vaterhaus, Im Walde Baum und Ast und Blatt, Das Reh, der Has, die Wurzelmaus, Der Schoß, der uns geboren hat, Und auch die Scholle, die uns deckt, Eh wir vom Tode auferweckt — Wie sind wir all dem beigesellt Gleich Wind und Regen jeder Wolke: Ein Herz, ein Leib mit unserem Volke. Für das uns gnädig Gott erhält! Heimkehr. Von Agnes Miegel. Agnes Miegel gehört zu den Dichtern, die nicht Jahr um Jahr ein neues Buch schreiben, sondern deren Werke langsam und schwer reifen. Kommt dann ein Band heraus, so darf man Besonderes von ihm erwarten. Wir sind in der Lage, aus dem demnächst bei Eugen Diede- richs in Jena erscheinenden Buch „Gang rn d re Dämmerung" einen Ausschnitt im Vorabdruck zu bringen, der die herbe Kraft ihres neuen Werke» wiedergibt. Die Stube ist eng, niedrig und dunkel. Durch die altersbunten stensterrauten schimmert nur undeutlich der helle Sommervormrt- tag draußen über das Grün der Linden vor dem sprtzgrebllgen Kürschnerhaus gegenüber. Das kleine Winterfenster steht halb ititf, ein Sonnenstrahl süllt herein, liegt auf den gescheuerten Dielen ans dem krümeligen hellen Sand, auf dem weißen Holztisch. Der gelbe Kater auf dem Fensterbrett neben dem Salbeitopf schnurrt vor Behagen. Der alte Mann im Feiertag»rock, der m dem grünen Holzlehnstuhl auf dem Denstertmtt sttzt, streichelt das getigerte Fell und blickt versunken nach der Wand. Die Tur wird eilig aufgeklinkt, Küchendampf und Herdrausch guellen Herein, Röcke rauschen. Seine Frau steht auf der Schwelle. Sie bindet die dunkle Arbeitsschürze ab, die helle Küchenichürze mit den emge- webten Borten hat sie schon drunter, hat auch einen großen weißen Leinenkragen umgebunden. „Vater, es ^.Zeit, mahnt ste, ,,nur müssen gehn. Der Hersch hat gesagt, um Mittag wird er mit i men r)te®ei‘2tlte steht auf, greift nach seinem Stock, der neben ihm steht, nimmt den grauen steifen Hut vom Nagel, und bürstet ihn noch einmal mit dem Aermelrucken über. „Wer das damal» gedacht hätte!" sagte er leise. „Als wir so ruhig nach Königsberg zu Markt reisten und dann wiederkamen und alles so fanden. Er blickt mit einem sonderbar leeren Blick in den hellen Augen umher. An seinem hageren Hals beioegt sich der starke Adamsapfel, die Muskeln in den schmalen Backen zittern uur Rater, das ist nun alles lange vorbei! Heut rommr die'Lene wieder!" tröstet die Mutter und streicht ihren graueq Scheitel glatt eh' sie das helle Kopftuch festknotet. „Dann ist alles wie früher!" Ein Lächeln geht über ihr fruhgealtertes, kleines Gesicht: ihre tiefeingesunkenen «rauen Augen werden ganz Rank. CYO aber der Georg", sagte der Alte, „der Georg! — "Twenn man bloß wüßte, ob die Tataren ihn wirklich erschlagen haben, oder ob sie ihn mit der Lene zusammen verschleppten ... cfcr.-sit sensit tief. „Laß ihn schlafen, Rater , lagr ne. ij}oroci(f s,at's ia au? die Bibel beschworen, daß er ihn mit Worm- sens Lieschen und Bürgermeisters Christian^ zusammen begraben bat Du kannst ia noch die Lene danach fragem ,„m, ja . mein der Mann abwesend und drückt die Tür zu. Sie stehn auf dem HellenVorplatz, der zugleich Küche ist. Der Sand knirscht auf dem roten Ziegelpflaster, das Holz qualmt und brennt schwelend unter dem großen schwarzen Kessel auf dem Dreifuß. Der Herdmantel hängt tief herunter, eine hagere kleine Frau hantiert darunter mit dem Blasebalg. „Muhmchen", ruft die Frau. Da kommt sie ange- hinkt. Sie zieht das linke Bein schwer nach, eine große feuerrote Narbe entstellt ihr freundliches schmales Gesicht unter dem weißen Häubchen „Das Essen wird fertig sein, wenn ihr wiederkommt! Ich halt alles warm." Plötzlich färbt sich ihr Altfrauengestcht dunkelrot, die Narbe glüht lichterloh. „Mein Gott, wenn ich so denk' — Hütt mich der Kerl nicht mit dem Säbel damals runter- gehauen, vielleicht käme ich jetzt auch wieder!" — Sie nimmt den Schürzenzipfel und schneuzt sich. „Oder auch nicht", sagt der Vater trocken. „Es sind bloß einige zwanzig, die der Radzinnll abkaufen ließ." Das halbe Städtchen hat sich einen Feiertag gemacht und pilgert aus den Seitengäßchen Uber den großen öden Marktplatz mit der Kirche, die ohne die Anno 56 verbrannten Handelsbuden ganz kahl aussieht. Daran vorbei führt die Straße nur noch an ein paar elenden Häuserchen entlang, dann ist die Stadt zu Ende. Aus dem Anger dort stehn und liegen schon eine Menge Menschen. Sie wollen alle dabei sein, wenn der rote Hersch die Verschleppten wiederbringt. Vor ein paar Tagen ist er hiergewesen und hat dem Bürgermeister die Namen genannt, so gut oder so schlecht ste ihm der Geschäftsjude des Radziwillschen Offiziers geschrieben hat. Die meisten sind hier aus der Gegend. Aus der Stadt sind nur ein paar. Es ist ein heißer Tag. Die Luft flimmert über dem weißen sandigen Weg mit den tiefen Gleisen. Der magere Roggen m dem langen Feld hinterm Anger neigt sich leise in dem warmen Wind. Kahl und fahl steigt zur Linken der Galgenberg an mit dem schwarzen Holzkreuz. Aus dem Grund blickt der große See im Mittagsglast, ein blauer Dunst liegt um seine Erleninseln. Zackig und schwarz stehn hinten die Tannenwipsel der Heide vor dem klaren Himmel. Ein paar Jungen, die sich langweilen, sind auf die einzige alte Kiefer geklettert, die hier auf dem Anger steht und halten nach dem Wagen Ausschau. Die alten Leute lagern auf dem kleinen Httgelabhang darunter zwischen den großen Kadickbuschen. Ein paar junge Mädchen in bunten Kleidern gehn auf und ab, haben sich untergefaßt, schwatzen und kichern! Die Frauen knüpfen die Kopftücher auf und hören zu, wie die Männer von den Schreckenstagen damals reden. „Ihr habt Gluck gehabt, Szstnick , lagt der Gerber Neumann zum Vater, „daß Ihr bas nicht mit durchzumachen brauchtet!" „Und meine Kinder?" fragt der. „Ja, dafür bekommt Ihr auch heut Eure Lene wieder!" sagt der Kürschner. Die Mutter sieht ihn dankbar an. Er steht genau aus, wie der Fritz in dreißig Jahren fern wird. „Ja, Gott sei aclobt!" sagt sie. „Wir werden alle alt, der Muhme ihr Bcm- schaden von damals wird immer schlimmer. Der Vater kann» auch nicht mehr recht mit der Wirkerei, sein Herz ist zu schwach geblieben von dem Schrecken." „Na, nun wird alles gut , beschw i- tigt der Kürschner. Sie lächelt freundlich „Gott geb s , sagt sie. „Morgen können wir schon alle zusammen tit die Kirche zur Danksagung." Die Sonne wandert weiter, noch immer ist kein Wagen zu sehen Ein Teil der Leute geht nach Hause Mittag essen und kommt dann wieder. Der Vater wird müde und schwankt hin und her. Die Mutter rückt ganz dicht an einen großen Wacholder, breitet ihren weiten Rock aus, da kann er sich drauflegen: sie halt ihm die Schürze zum Schutz gegen die Sonne vors Gesicht, einmal mit der Linkem ^einmal mit der Rechten Ihre Arme ermüden rasch und zittern von der Anstrengung. Mit einem kleinen Biisthel Labkraut wehrt sie ihm noch die Mücken ab. Erst um die Desperzeit herum wacht er aus. als alle andern sich anschicken nach Hause zu gehn, auch der Kürschner, der ihretwegen bis jetzt geblieben st. ^Wolln wir auch gehn?" fragt die Mutter. Er ist müde und hungrig, aber er schüttelt den Kopf. Zuletzt sind sie ganz allem. Nur ein paar Heine Jungen, die schon vergessen haben, weshalb sie herkamen, spielen noch an der Kiefer, und zwei alte Weiber, die nichts zu versäumen haben und zu neugierig sind, bleiben noch mit ihnen auf dem Anger. Als die Sonne ganz tief hinter der Heide steht, meint auch die Mutter, daß sie heut wohl nicht mehr kommen. Sie würgt ihre tiefe Enttäuschung tief herunter, als sie sieht, wie blaß der Vater ist. Der Pfarrer sitzt auf dem kleinen Wolm unter den Linden und grüßt sie, 6ie Kürschnersleute mit Fritz und Lieschen sind auch schon draußen aus der Bank, — sie gehen stumm an allen vorüber. Auf den Stufen vor der Haustür fitzt die Muhme mit dem Kater im Schoß und jammert über das eingekochte Essen. Endlich hat man mal wieder ein gutes Stück Fleisch uud frisches Gemüse, da muß es verkommen. Zu wärmen geht das morgen nicht mehr, da wird's sauer, am besten ist's, sie essen es jetzt rasch auf. Sie sitzen um den weißgescheuerten Tisch vorm Fensterplatz, die Muhme bekreuzt das Brot und schneidet vor. Der Vater rührt mit dem Löffel in der dicken Suppe und würgt daran. Auch die Mutter vergißt fast das Essen. Sie blickt traurig im Zimmer umher. Das Zinn glänzt noch in der Dämmerung, die weiße Platte leuchtet. Alles hat sie so schön hergerichtet für die Lene! Neben ihrem Spinnrad — das sie damals mit dem bunten Band und dem Flachs ganz unversehrt wie ein gutes Omen in ihr» Kammer wiederfanden — steht auf der Pelzkiste in einem blauen Paartopf der Rosenstrauß. Sein Duft mischt sich mit dem frischen Geruch des weißen Lakens und des bunten Bezuges der schmalen Bettstatt, die an der anderen Feusterwand aufgeschlagen steht. Die Kissen sind dünn, aber die Lene ist ja jung. Dem Vater kann man nicht das dicke Kissen aus dem Himmelbett in der Nische fortnehmen, wo er doch noch immer keine Vorhänge an den Holz- psosten hat. Die Muhme, die grad noch eine Scheibe Brot schneiden will, legt Brot und Messer hin —: „ein Wagen!" Oer Schmied. Erzählung von AlbrechtSchaesfer. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Früher als sonst am Morgen erwachend vernahm ich das eintönige helle, klagerufende Gebimmel des Totenglöckchens vom Kirchturm, womit allezeit dem Markt und den umliegenden Dörfern angezeigt wird, daß einer aus der Gemeinschaft, Mann, Weib oder Kind, davongeschieden ist. Wenig später hörte ich vom Hausmädchen auf meine Nachfrage, der alte Schmied P. sei gestorben. Er war vor einem halben Jahr vom Schlage getroffen und nun wohl einem zweiten Anfall erlegen. Die Schmiede ist das zweitnächste Haus neben dem meinen, bas selber fast versteckt in einem Winkel des Marktplatzes liegt. Vor der Schmiede befindet sich eine allerseits offene Halle, verrußt, mit Bretterboden und einem alten schrägen Dach über Pfosten. Hier werden die Pferde beschlagen und die eisernen Bänder um Räder von Wagen und Karren gelegt. Das helle Klingeln vom Hammer auf dem Amboß gehört zu den heitersten Geräuschen des Werktags, die ich kenne. Der Schmied und seine Sühne waren mir, wie sich denken läßt, gut bekannt, weil saft jeder Weg aus dem Hause mich durch die Vorhalle führt. Entweder hatte ich dort den Schmied zu umgehen, wenn er sich über den Huf eines Rosses bückte, der von dessen Besitzer oder Knecht gegengestemmt hochgehalten wurde,' oder er kreuzte meinen Weg aus der Tür der Werkstatt hervor, mit kurzer Zange ein dampfendes Eisen tragend: oder auch ein Blick durch die immer offene Tür zeigte ihn mir in der Tiefe des düsteren Raumes, am Amboß oder neben dem großen gemauerten Herde mit rotglühendem Kohlenfeuer darauf. Klein war der Schmied, schwarzrußig immer, auch schwarz von Augen und Schnurrbart, und hielt sich gebückt, so daß er zumal im Abenddunkel gnomenhaft scheinen konnte. Seinem Vater, von dem noch die Rede sein wird, soll er ganz gleich gewesen sein, so daß die Leute nach dessen Tode kaum einen Unterschied merkten. Aber seine sechs Söhne sind ohne Ausnahme von guter Größe, rotblond und breitschultrig: nur die einzige Tochter wiederum ist, wie er selber, ganz schwarz. Daß der Schmied unter den wohlhabendsten Grundbesitzern der Gegend war, dankte er zu einem Teil diesem seinem männlichen Nachwuchs. Denn wenn er auch zwei Söhne im Weltkrieg verlor und einer anderswo als Schmied lebte, so sparten die übrigen ihm Knecht und Magd, ohne die er bei seinen mehrfachen Besitzungen nicht hätte haushalten können. Ihm gehörte nämlich außer dem Wohnhaus am Markt mit der Schmiede ein in dem Dorf H. eine Viertelstunde bergwärts gelegener Hof von zwanzig Stück Rindvieh — das ist in dieser bescheidenen Gegend schon viel —, worin er eine zweite Schmiede betrieb und auch selber wohnte, und zudem ein kleinerer Hof von einem halben Dutzend Rindern, einsam am Berghang gelegen, eine Einöde, wie das hier heißt. Dort hauste eine ältere Base als Wirtschafterin und Bedienerin von Sommergästen, während einer der Söhne die Dorfschmiede inne hatte. Dem Vater hatten nur die Schmiede am Markt und der da- mals weit kleinere Hof im Dorf mit noch wenig Ländereien gehört. Auf welche Weise sein Sohn zu dem übrigen kam, das bildet den Knotenpunkt dieses Berichts. Meine Kenntnis davon verdanke ich einem Sommergast, einem gesprächigen alten Herrn und einstigen Gymnasiallehrer, auch Doktor, dessen Bekanntschaft ich vor einigen Jahren schon auf einem Spaziergang machte. Er er- ^ohlte mir, daß er mehr als drei Jahrzehnte lang, mit geringen Unterbrechungen, die sommerlichen Wochen seines Urlaubs in unserem Markt oder in der Nähe verbracht hatte und die meisten davon in jenem „Einöde" benannten Hof. In den ersten Jahren jedoch hatte er in dem jetzt mir gehörenden Hause, bei dessen damaligen Eigentümer, einem Töpfermeister, Quartier. Ich traf ihn auf einem Vergweg am Nachmittag des Begrübnisies, und er sagte mir gleich, er wolle mir etwas Merkwürdiges erzählen. Er begann mit einigen Mitteilungen über den Vater des eben verstorbenen Schmieds. Der soll ungemein geizig, sogar an Worten, gewesen sein. Seine Frau verlor er durch die Geburt des Sohnes. Herangewachsen übernahm sein Sohu die Schmiede im Dorf,' und der hat, wie mein Erzähler versicherte, der es von ihm selber hörte, niemals anderes Geld im Hause gesehen, als was er und was die Tante für die geringen Verkäufe an Eiern und Butter einnahm. Der Vater schien niemals auch nur einen Pfennig heimzubringcn,' denn wenn er es vor dem Sohn verborgen hielt und in einem Möbelstück insgeheim unterbrachte, so hätte sich das Jahrzehnte lang kaum unbemerkt durchführen lassen. Also lebten die Drei einigermaßen kümmerlich und auch nach der Verheiratung des Sohnes lebte die sich mehrende Familie eher schlcch. ter als besser. Freilich — Bargeld war fast eigentlich nur für die Steuern vonnöten. Acker und Vieh lieferten die Nahrung, und es gab kaum ein Gerät oder Werkzeug, das nicht im Hause gefertigt werden konnte. Der alte Schmied verstand sich auf alles, sein Sohn mußte es lernen, und das Unmögliche erwarb die Schmiedearbeit im Tausch. Der alte Schmied starb und kein Erträgnis seines jahrzehntelangen Werkes war nur irgend zu finden,' auch aus keiner Bank lag das Geringste. Nun war es einige Nächte nach dem Hingang des Alten, daß der Doktor,' mein Erzähler, der damals mit seiner jungen Frau bei dem Töpfermeister zu Gast weilte, von einer leichten Berührung ausschreckte, da er eben im Einschlafen war. Die Uhr konnte, wie er später feststcttte, wenig über elf in der Nacht zeigen: im Markt lag um. diese Stunde schon alles in tiefem Schlaf und auch seine Frau hatte er, wie er sich erinnerte, beim Zubettgehen so gefunden, ermüdet von einer Wanderung. Diese, die ihn angerührt hatte, fragte jetzt leise: „Riechst du nichts?" Schlaftrunken, überdies mit geringem Geruchssinn begabt, wollte er schon verneinen, als er nun auch einen wohlbekannten Geruch zu verspüren glaubte, der nur aus der Schmiede hervorkommen konnte: jenen unangenehmen beißenden Geruch nämlich, der dadurch entsteht, daß der Schmied vor dem Beschlagen auf den schon gesäuberten Rossehuf das glühende Eisen drückt, wohl um die Form leicht in das Horn zu pressen: aus dem stark versengten schwalkt dann eine heftige Wolke von Rauch und Gestank. Und der war, zu Anfang schwach, bald aber in so vollen Strömen zu atmen, daß die Wachenden beide sich fragen mußten: Wie ist das möglich? Wer konnte zu dieser Stunde beschlagen lassen? Immer nach Feierabend lag die Schmiede verschlossen. Kein Laut war hörbar. — Nun, der unerklärliche Geruch hörte so wenig auf, daß der Doktor sich erhob, um nachzusehen, ob Feuer in der Schmiede ausgebrochen war, und obwohl er sich sagen mußte, daß es dann einen anderen als diesen Geruch von verbranntem Horn geben durfte. Das Haus konnte er ohne Störung verlaffen, denn vor dem Zimmer, in dem das Ehepaar wohnte, lag eine Veranda, von der eine Treppe in den Garten hinab führte, durch die unverschloffene Gartentür gelangte er ins Freie, wo es finster und still war: nur unter den Linden in der Mitte des Marktes plätscherte der beständige Wassergruß in bas Brunnenbecken. Die Vorhalle, die er nun betrat, war ganz leer. Die Tür zur Schmiede war geschlosien, aber sic bestand zur oberen Hälfte aus Glas. Ein rötlicher Schein war darin, und die Augen den rußtrüben Scheiben nähernd, sah er drinnen das Sonderbare: Auf dem breiten Herde ganz hinten war Glut. Davor stand ganz dunkel, abgewandt, jemand — ein Mann, der seiner Gestalt nach sowohl der verstorbene alte Schmied wie sein Sohn sein konnte, denn beide ähnelten sich ja. Wer es auch sein mochte — er trug nicht die Arbeitstracht, Kittel und Schürze, sondern einen Anzug, der dem glich, worin allabendlich der alte Schmied heimwärts zu wandern pflegte. Eine Zeitlang stand er so, als ob er ins Feuer blickte, das nun langsam dunkler und dunkler wurde. Bei der letzten schwachen Röte erkannte der Betrachter von draußen, daß die Gestalt sich zum Amboß wandte, bei ihm niederkniete und unten am Boden sich etwas zu schaffen machte. Ncberdem erlosch auch der letzte Funken, drinnen war nur mehr Finsternis. Beim Rütteln an der Klinke erwies die Tür sich fest verschlossen. Nach minutenlangem Warten rührte sich drinnen nichts. Uebrigcns war auch von dem Brandgeruch, wie der Doktor nunmehr erst inne wurde, nichts mehr zu spüren gewesen, sobald er ins Freie getreten war. Er erinnerte sich sogleich — den reinen, frischen Wohlduft der blühenden Linden kräftig geatmet zu haben. Am andern Vormittag suchte der Doktor dcu Sohu auf und fragte ihn, ob er bei Nacht in der Schmiede geivesen sei — was der, wie sich erraten läßt, verneinte. Darauf erhielt er die Mit- teilung von dem seltsamen Nachtbegebnis. Er äußerte — dem Verstorbenen auch an Wortkargheit ähnlich — nichts dazu. Aber am Abend kam er und sagte, er sei vielen Dank schuldig. Unter dem Amboß habe er eine Diele hochhcben können und in einer Vertiefung die ganze väterliche Einnahme aus Jahrzehnten gefunden, einen großen Betrag, nebst genauer täglicher Aufrechnung in mehreren Büchlein. Er bedauerte übrigens, auf die Glückwünsche des Ehepaares hin, den Verlust der Zinsen. Gleichwohl lud er den Doktor im nächsten Frühjahr ein. Sommers in der „Einöde" Quartier zu nehmen, die er gekauft hatte, und das Ehepaar kehrte von nun an alljährlich dort ein, wofür ihm ein geringerer Preis als überall sonst berechnet wurde. Mein Erzähler schloß: durch einen Geruch sich anzuzeigen, war nun eine besondere Findigkeit des Toten. Denn in der Nachbar- schäft seinesgleichen jemand dadurch aus dem Schlaf zu wecken, das war unmöglich, wie mich selber, der ich fast kein Geruch-wer- mögen besitze. Es war durchaus, meinte er lächelnd, berechnet auf die scharfe Tiernase meiner guten Frau. Annchen von Tharau. Aus dem preußischen Plattdeutsch übertragen von Johann Gottfried Herder. Annchen von Tharau ist, die mir gefällt; Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz. Annchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, Du meine Seele, mein Fleisch und mein BlutI Kam' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnt, bei einander zu stahn. Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein Soll unsrer Liebe Verknotigung sein. Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Je mehr ihn Hagel und Regen ansicht: So wird die Lieb' in uns mächtig und groß Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Not. Würdest du gleich einmal von mir getrennt, Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt: Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer, Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer. Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn', Mein Leben schließ' ich um deines herum. Was ich gebiete, wird von dir getan, Was ich verbiete, das läßt du mir stahn. Was hat die Liebe doch für ein Bestand, Wo nicht e i n Herz ist, e i n Mund, eine Hand? Wo man sich peiniget, zanket und schlägt Und gleich den Hunden und Katzen beträgt? Annchen von Tharau, das woll'n wir nicht tun: Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn. Was ich begehre, ist lieb dir und gut; Ich laß' den Rock dir, du läßt mir den Hut! bekanntesten Barock-Poeten Deutschlands gemacht hat. In Novellen, Lust- und Trauerspielen und Opern ist diese Legende immer wieder erzählt worden. Doch macht dies die Fabel nicht zur Wahrheit. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der poetische Schimmer um Anna Neander verflüchtigt sich in ihr. Annchen — der Ostpreutze i Herder sagt echt ostpreußisch „Annchen" und nicht „Aennchen", als i er das plattdeutsche Original ins Hochdeutsche überträgt — ist früh von Tharau fortgezogen, zunächst nach Trempen, dann nach Lau- kischken, wo sie ihren Mann verlor und seinen Amtsnachfolger und dann auch dessen Amtsnachfolger wieder heiratete und Mutter vieler Kinder wurde. Und Simon Dach heiratete die Tochter eines Königsberger Hofgerichtsadvokaten, mit der er in sehr glücklicher und sehr kinderreicher Ehe lebte. So löst sich die romantische Liebesgeschichte in gesunde Bürgerlichkeit auf. Simon Dach erwähnt seine Gattin Regina Pohl, sein „Pohlin- chen" des öfteren in seinen Gedichten, doch noch öfter seine Freunde. Ihm bedeutete die Freundschaft nicht weniger als die Liebe. Den Dichtern und Komponisten, die Königsberg im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts literarische Bedeutung gaben, fühlte er sich in Freundschaft verbunden. Er war gewiß nicht der geistig Führende in diesem Kreise. Dieses Amt fiel Robert Robertin zu, der in Italien gewesen war und den poetisch und musikalisch tätigen Kreis in Königsberg nach dem Muster italienischer Akademien formte. Jeder führte bei diesen Zusammenkünften einen Schäfernamen, der durch Umstellung der Buchstaben feines Namens gebildet wurde: Simon Dach hieß so Chasmindo oder Sichamond. Die Arien dieser Freunde, die er vertont hatte, sammelte der Komponist Heinrich Albert unter dem Titel „Musikalische Kürbis- Hütte". Er war es auch, der in seinem Garten zwölf Kürbisse mit ihren Namen und Gedenkversen auf sie versah. Ein idyllisches Leben spielte sich am Pregel, fern vom Kriegsschauplätze, ab. Während Deutschland schon barocke Formen in der Poesie entwickelt hatte, bewahrte der Königsberger Mchterkreis noch viel vom Charakter der Renaissancepoesie. Simon Dach ist die sichtbarste Gestalt in diesem Kreis: als geistige Persönlichkeit ohne große Ausmaße, aber als Mensch lauter und klar, fromm und von reiner Gesinnung. Das Obszöne der Varockpoesie ist seinem Dichten fremd: „Alles Leben liegt daran, daß man selig sterben kann": dieser Wahlspruch sagt genug von dem steten Bewußtsein des Jenseits, das Simon Dach eigen ist. Zahlreiche fromme Lieder künden davon. Aber Simon Dach ist dennoch nicht Asket. Er verneint die irdische Welt nicht, sondern erfreut sich des Daseins hora- ztsch maßvoll. — So lebt er, bescheiden, in Königsberg, allen konfessionellen Streitigkeit, wie allen kriegerischen Ereignissen und politischen Kämpfen fern, zahllose Gelegenheitsgedichte zu Hochzeiten und Beerdigungen schreibend, wie es damals Brauch war. Hat er das Lied vom Annchen von Tharau auch gewiß nicht geschrieben — er hätte es schreiben können. Dies ist uns, Annchen, die süßeste Ruh', Ein Leib und Seele wird aus ich und du. Dies macht das Leben zum himmlischen Reich — Durch Zanken wird es der Hölle gleich. Oie Geschichte eines Liedes. Von Universitätsprosessor Dr. Erich Ienisch. Im Jahrhundert des Barocks, in dem derbe Lebenslust und sinnliche Brunst neben stoischem Heldentum und mystischem Todesverlangen stehen, der gestillt ist mit höfischem Prunk und Glanz und einer Kunst der aufrauschenden, ausichwei- fendcn, sich auftürmendcn Formen, erklingt ein schlichtes, innigherzliches Gedicht, ein Liebesgedicht von zarter Einfalt. Es entsteht in einer abseits gelegenen Landschaft Deutschlands, in die der furchtbare Krieg, der Deutschland verheert, nicht einströmt. In einer Liedersammlung erscheint es dort, ohne Namen des Verfassers ... Nach fast hundcrtfünfzig Jahren nimmt es Herder in seine „Stimmen der Völker" auf, Silcher findet ihm eine Weise, die in jedermanns Ohr hastet wie sein Wortlaut ,n jedermanns Sinn. Aus jenem anonymen Lied ist nun ein Volkslied geworden, eins der schönsten, die das deutsche Volk besitzt: „Aenn- chcn von Tharau ist's, die mir gefällt!" Nicht viele Lieder aus jenem Zeitraum gibt es, die dieses Schicksal erfahren haben. Zwar entstanden in ihm viele herrliche Gedichte, deren Sprachgewalt heute noch nichts von ihrer Wirkung verloren hat, und Kirchenlieder, deren Ernst und Würde die Seele erschüttern. Wo aber ist noch ein Barocklied wie dieses voll reiner Einfalt, herzlicher Wärme des Gemüts und tiefer Treuherzigkeit, das Gemeinbesitz der Deutschen wurde, daS, aus dem Raum seiner Zeit gehoben, jedem der kommenden Zeitalter unmittelbar gegenwärtig blieb, wie es auch uns heute noch gegenwärtige Dichtung ist, gleichsam von einem von uns gedichtet für uns, zwanzigstes, nicht siebzehntes Jahrhundert? Die Tradition schreibt es Simon D a ch zu, dem aus Memel gebürtigen Königsberger Poesie-Professor. Er ^ll es gedichtet haben, so heißt es 1728, also lange nach seinem Tode (1659), für die Hochzeit der Anna Neander, der Tochter des Pfarrers von Tharau, einem kleinen, in der Nähe von Königsberg gelegenen Dorfe, als Anna einen anderen heiratete und nicht ihn, dessen „Licht, Sonne und Leben" sie war, wie sein Lied beteuert. Eine Legende bildete sich um den Dichter und dieses Lied, das er, wie heute feststeht, nicht gedichtet hat und das ihn doch zu einem der Die Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. lFortsetzung.) lNachdruck verboten.) „Halt ein, Gustl" „Da haben wir's also endlich, das Wort, das ich schon hundertmal von dir hörte, obgleich du es bisher noch nicht ausgesprochen hast, das Frauenwort: Bis hierher und nicht weiter!" „Nein, Gust, ich will nicht, baß du an dem gegenwärtigen Fleck stehenbleibst. Wohl aber wünsche — nicht: verlange! — wünsche ich, daß du nach und nach langsamer, daß du vorsichtiger, daß du zufriedener, daß du dankbarer als bisher aus dem eingeschlagenen Wege weitcrgehst." „Zufrieden? Bin ich. Aber dankbar? Wem? Alles, was mein ist, habe ich durch eigne Kraft errungen. Alles, was ich besitze, habe ich gegen den Willen der Stadt aus dem Nichts erschaffen. Vorsichtiger? Nicht einen einzigen neuen Weg habe ich ohne reifliche Ueberlegung betreten. Wie das Ergebnis beweist. Oder habe ich Fehltritte gemacht? Bin ich gestrauchelt? Habe ich jemals zurückgehen müssen, weil ich einen falschen Weg wählte?" „Nein, Gust." „Warum in aller Welt also soll ich langsamer gehen?" „Weil jeder Mensch in einem Leben eigentlich nur einen Lebensschritt aufwärts machen darf. Du aber hast schon drei, vier über deinen Pantoffelmachervater hinaus getan." „Wer hat mir die Zahl der Schritte über meine Herkunft hinaus zu erlauben? Wer besitzt das Recht, zu bestimmen: ,Bis hierher, Gust, und nicht weiter!'? Wer? Meine eingeborene Kraft." „Auch deine Kraft." „Auch...?" „Ja, Gust, nicht nur deine Kraft." „Wer außer ihr? Was sonst?" Rikelchen schwieg. Nicht weil Gust sie überzeugt hatte. Nicht weil sie sich ihm gegenüber im Unrecht wußte. Sondern weil die Sprache sie im Stich ließ. Wie auf seine Fragen antworten? Wer? Sollte sie ihm entgegnen: Gott? Dieses Wort bedeutete ihr zwar viel, aber Gust nichts. Was? Sollte sie ihm erwidern: das Schicksal? Damit i wußte vielleicht Gust etwas anzufangen, jedoch nicht sie. einem Kuß. V. Gust war es zufrieden. Und bald darauf begann neuesten, wiederum gewaltig fuhr Deutschlands vorzulesen. Gust glaubte nach solchen 1 Zahl vom Hundert eiunahmeu, überwunden habe. Eine aber sonnte sich in dem Glanz des Lebensausstiegs, chen August Micheelsen unbeirrbar nahm, als ob er ihm von einer höheren Macht vorgezeichnet sei: Fiek Micheelsen. Sie hatte keinerlei Bedenken, von Gust, ihrem tüchtigen Siebten, und dessen Frau Gaben anzunehmen. Denn es war doch selbstverständlich, daß eine alte Mutter an dem Reichtum ihres Sohnes, der in ihren Augen mehr besaß als alle Anwohner der Hohen Straße zusammen, ständig teil hatte. Niemals wurde ihr zuviel, was sie von beiden an Geschenken erhielt. Wohl aber schien es ihr oft zuwenig. „ , . Fick, wie sie unter Weglassung des Sinternamens allgemein in der Stadt hieß, wünschte. Fiek schlug vor. Fiek bat. ftief bettelte. Fiek forderte. Fiek vergaß den Dank, wenn sie eine Gabe erhielt. Sie bekam ja nur, was ihr zuständ! Fiekschalt, wenn ihr eine Bitte abgeschlagen wurde. Denn ihr wurde verweigert, was sie beanspruchen konnte. Hochnäsig war ihr Gust geworden. Alle Leute sagten e. Eine Schande bedeutete cs für ihn, nicht bloß für sie, eine Schande vor der ganzen Stadt, daß sie noch immer in den Baracken wohnen mußte. (Fortsetzung folgt.) er mit Stolz der Häkelnden die gestiegenen Zahlen über die Aus- Gesprächen, die eine weit größere :, als er schätzte, daß er seine Frau Zwar stimmte Rikelchen aus begreiflichem Stolz nicht mit dem Mund zu. Wohl aber mit dem Herzen! Es konnte gar nicht anders sein, als daß sie mit ihm einer Meinung war. Freilich, so behende sie als Rheinländerin auch war, über ihre Herkunft kam sie nur schwer hinaus. Allerdings schaffte sie unter seiner Mithilfe auch das jedesmal. Aber siebrauchte doch sehr viel mehr Zeit dazu als er. Nun, Geduld hatte er in diesen Dingen bewiesen. Hundertfach, tausendfach. Jeder besaß seine Schwächen. Er sicher mehr als Rikelchen. An Geduld, wenn sie mit ihm nicht Schritt halten konnte, sollte es auch weiterhin keinesfalls fehlen. Aber obwohl Gust immer wieder seine Frau innerlich überwunden glaubte, mutzte er doch bei allen Fragen der Lebens- änderuug dasselbe erleben. Rikelchen zauderte, wo er vorwärts drängte Rikelchen blieb beschattet, wenn er in der hellen Sonne des Wiedererreicht stand. Rikelchen urteilte: Genug! Uebergenug!, wenn er unzufrieden war. Rikelchen mahnte zur Selbstbescheidung, wenn er forderte: Mehr! Viel mehr! Im Laufe der Jahre war es Gust eine liebe, gehätschelte Gewohnheit geworden, sie zur Verschönerung ihres Heims, wie er seine Wohnung mit seiner ständig voller tönenden Sprache gern nannte, sowie zu ihrem eignen Schmuck reicher zu beschenken als alle Männer der Stadt ihre Frauen. Hatte er wieder einmal seinem Geschenkwillen nicht die gebotenen Grenzen gezogen, dann vermochte Rikelchen vor sich selber des verschwenderischen Geschenkes oft nicht recht froh zu werden. Gust aber zeigte sie nur Freude. Diese Freude war keineswegs geheuchelt. Denn sein Schenken beglückte sie als Zeichen der Liebe immer aufs neue. Solange sie sich liebten, was konnte ihnen geschehen? Mutzte nun Gust sie daran mahnen, daß eS ihnen — solange sie sich liebten — niemals und »irgendwo schlecht gehen könne? Freuen! Und Rikelchen freute sich über Gusts Gescchnke, selbst wenn ihr Kopf sie unsinnig nannte, von Herzen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts.Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. AVer die übergroßen Gaben zu gebrauchen, zu verbrauchen, vermochte Rikelchen nicht eigentlich um ihretwillen, sondern nur um Gusts willen, den die Nichtnützung ichmerzen mußte. Doch selbst, wenn sie sich zu solchem Gebrauch zwang, ertappte Rikclchen sich stets von neuem dabei, daß sie die geschenkten Kostbarkeiten nicht als ihr Eigentum ansah. Vielmehr als lediglich Geliehenes. Als etwas, das Gust ihr im Auftrag eines Hohern überbracht hatte. Eines Höhern, der es in jeder Minute von ihr zuruck- fordern konnte. Und der dann als erstes prüfen werde, ob es von ihr untadelig gehalten sei. ~ Fe mehr Gust an Reichtum und Ansehen in der Stadt zunahm, je zahlreicher und wertvoller sich seine Gaben um sie hausten, deren Unentbehrlichkeit er immer wieder behauptete, desto unerschütterlicher wurde in Rikelchen die Ueberzeugung, daß der Tag der Rückgabe kommen werde. Nicht etwa erst dann, wenn er für alle Menschen kam, mit ihrem Tode, sondern noch bei ihren und Gusts Lebzeiten. Sie waren so schnell emporgestlegen, daß, noch während sie atmeten, das Hinab da sein mutzte. Unabwendbar. Unerbittlich. Kein Baum wuchs in den Himmel - jeder lag eines Tages der Länge nach aus dem Boden. Kein Vogel flog nur nach oben — jeder, selbst der Adler, mußte irgendwann auf die Erde zurückkehren. Kein Wassertropfen konnte sich durch Verdunstung so leicht machen, daß es ihn bis zu den Sternen hinauftrug jeder mußte als Regentropfen Zu seinem Ort hlennieden zuruck. kehren. Kein Auf, wohin man auch sah, konnte ein Auf bleiben jedes mutzte zum Ab werden. Woher nahm Gust den Glauben, daß er diesem Urgesetz der Welt ein Schnippchen schlagen könnte? . Nicht an sich dachte Nikelchen voller Sorge, wenn ^e Gedanken sich der Wende ihres Lebensschickjals zuwandten. Nicht um sich zitterte sie, wenn sie die Kräfte für das Bestehen dieser Prüfung abschätzte. Sondern um Gust. . n Immer wieder fragte Rikclchen sich: Wie wird Gust das Unvermeidbare tragen? Er, der sein Leben ganz auf baS Nachoben eingestellt hat, dem es der Atem seines Dasein-- ist. hinaus! hinauf!, wird er dem Hinab gewachsen sein? Ja, antwortete Rikel- Aber wenn trotz dieses Glaubens seine Kraft nicht aus reichte, ein zweites Barackenleben zu führen und den Ausstieg, unbekümmert darum, wie weit er führte, noch einmal zu beginnen? Wenn Gust so sehr ein Hohe-Straße-Mann geworden war, daß ihm ein Leben an anderer Stelle nicht mehr lebeiwwcrt erschien? ^"Dann^rnußte sie so viel Kraft in sich aufbringen, daß sie ihm von dem Überfluß hergab, daß er nicht vor ihren Augen versank. Vor ihren Augen? Wahnsinn - das zu denken. Daß er Nicht mit ihr zugleich versank! Denn er vermochte — wenn eine Krankheit sie hinwegnahm - ohne sein Rikelchen zu leben. Sre aber ohne ihren Gust? Nicht einen Tag! Nicht eine Stunde! Was konnte ihnen also geschehen? Warum war ihr Lachen, das der Stadt bei ihrer Ankunst wie ein nie erlebtes Wunder erschien, warum war es seltener geworden in den letzten Jahren? Ja, essollte Geltung behalten das Wort ihrer Brautzeit bis zum letzten Atemzug: Solange sie ihren Gust lieb hatte, solange er sein Rikelchen liebte, konnte keine Macht aus Erden ihrem Glück etwas anhaben! Was er schickt, muß mau hinnehmen. Wie Tag und Nacht. Wie Sonne und Regen. Wie Stille nnd Sturm. Wie Leben ""Als°Rikelchen sich — trotz des Wissens um das Hinab — zu diesem Glauben ganz durchqerungen hatte, war auch das Lachen in der früheren Helle und Beschwingtheit wieder da. Siehst du!" stellte Gust, sobald er es gewahrte, fest, „du brauchst wohl länger als ich, bis dn zur richtigen Einsicht kommst. Aber plötzlich oft gerade dann, wenn ich frage: „Wo bleibt sie denn?" gehst du doch wieder Seite an Seite mit Mir. Wer wird sich um die Zukunft ängstigen? Was kann uns beiden denn 8C,Wtö!" antwortete Rikclchen und schloß ihrem Mann, gerade als" er zu einer längeren Rede ansholen wollte, den Mund mit ' „Sv gib doch Antwort!" drängte Gust. ^D?wä"re? wü'wieder einmal an derselben Stelle, wo alle unsere Gespräche enden, wenn wir ausnahmsweise — bei drei vom Hundert schätze ich — nicht derselben Meinung sind, bei deinem Schweigen. Warum eine Sache anfangen, wenn man sie nicht zu Ende führt? Du weißt, daß ich das auf den Tod nicht leiden kann. Bei keiner Sache. Auch beim Sprechen nicht! Eine Minute lang wartete Gust, ob seine Frau nicht doch noch den Mut zur Antwort fände und sagte, was ihn — <6ter Meinung nach — am Weiter, am Höherhmauf hindern dürfte. Aber Rikelchen schwieg auch jetzt. Mit hörbarem Unwillen erhob Gust sich von seinem Stuhl ^„Was^willst du?" fragte Rikelchen vom andern Fenster her erschreckt. "Nicht, ^Gust" Noch nicht! Ich bitte dich, wart noch eine Viertelstunde, wart noch fünf Minuten, wart noch eine einzige Minute. „Es ist Nacht im Zimmer, obwohl die Uhr eben erst acht geschlagen hat." „Ich sehe dein Gesicht ganz deutlich." „Ich sehe nichts von dir! Und da ich auch nichts mehr von dir höre, wenigstens nichts von dem, was du nach dem Voraufgegangenen sagen müßtest, welchen Sinn hat es noch, im Dunkeln zu Und schon riß Gust, der bei diesen Worten in die Mitte des Zimmers gegangen war, die Lampenkette, an deren unterm Ende sich ein Messingkreis mit einem A befand, durch einen Ruck herunter. Zischend fuhr das Gas in den roten Glühstrumpf. Die Milch- glaskugel leuchtete auf. Grelles, kaltes Licht stürzte bis zu den äußersten Ecken in die Stube, deren Decke so niedrig war, daß Gust sie — wenn er sich auf die Zehen stellte — mit den Spitzen seiner ausgereckten Hand erreichen konnte. Rikelchen deckte ihre Rechte über die Augen. Weil das Licht blende, sagte sie. In Vahrheit aber wollte sie den geliebten Mann nicht sehen lassen, wie sehr bei dem Gespärch die Zuge ihres Gesichts in Unordnung geraten waren. Als sie diese wieder zurechtgeschoben hatte, in jene Ordnung, die Gust von seiner Frau erwarten durfte, nahm sie die Hand von ihren Augen fort und gestand: „Hast recht. Es war doch schon viel dunkler mt Zimmer, als ich glaubte!" Dann erhob sie sich, ging zum Tisch, vergaß nicht, auf diesem Weg ihre Abendhandarbeit abzuholen, und setzte sich zu ihrem Mann unter die snrrende Lampenglocke. „Nicht nur mit der Dunkelheit im Zimmer hatte ich recht!" sagte Gust und blickte über seine Zeitung, in die er schon eine Weile vertieft war, auf seine Frau. Rikelchen aber mußte bei ihrer Häkelei gerade Stiche auszählen. Sie konnte nicht aufsehen, noch antworten.