SiehenerZaimlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger — II Jahrgang 193^ Montag, den 12. November Kummer 88 i-UU 11|3 lu; Ult uujjin stäubte den Spiegel und lich um und floß aus. zu nahe. „ "^U"ÄtbU -'und^das Blau dieser Augen war ein Meer oder einem Spiegel und zupfte an sich herum »ntmckte ihn. Sie hatte Luzius betrachtete sie, und der Anblick emzuaie »n ' zarte Beine, während ihr Körper eher voll war. Ihr sueio (Schluß.) Nun, es war also endlich doch so weit. Doktor Paulus wischte sich den Schweiß von der Stirn: er murmelte etwas, das wie eine Verwünschung klang. Dann schrie es: Los! Aufnahme! Licht! Von allen Seiten fprang das Licht auf, so grell, so in die Augen 5)as dKalsßand / 0 stechend, daß ich sie schloß. „Sind Sie verrückt?" sch.ie Doktor Paulus, „wollen Sie die Zofe als Mondsüchtige mit geschlossenen Augen spielen?" Da riß ich die Augen auf; es schmerzte, aber ich beherrschte mich. Ich ’ ' ~ ' h die Fläschchen ab. Der Parfümflakon siel glück- Ich kniete nieder und hob ihn mit Schreckensgebärde auf, — nie würde ich im Leben solche Bewegung tun! —, längst brannten meine Augen, als hätte ich eine Ladung Pfeffer hineinbekommen. Es war ein Leichtes, jetzt zu weinen. Aber dem Doktor Paulus war das nicht genug. Mehr Tranen! schrie er man sieht ja nichts! Denken Sie, Ihr Geliebter verläßt Sie, Fraulein, denken Sie, eine Kollegin spielt Ihnen die gute Rolle weg! So, chon besser. Großaufnahme. Jetzt dicke Tränen!! Schluß! Er wischte sich wieder den Schweiß von der Stirn, sagte etwas von: Gott im Zorn erschaffen, und lief grußlos davon." - . Ich saß noch lange auf einer Bank im Wald, trocknete meine Tranen, — jetzt kollerten sie prächtig —, Herr Doktor Paulus hatte ferne Helle Freude gehabt, — und schwor mir feierlich, diesem Beruf den Rucken zu kehren. Wahrhaftig, Luzius, ich war schon entschlossen. Es war nicht mehr nötig, daß der Himmel mir einen Kollegen von der Erntetanzgruppe schickte, der sich zu mir setzte und mich zu trösten versuchte War er ein netter Herr?", meinte Luzius etn bißchen eifersüchtig. .'.Ein sehr netter Herr", blitzte ihn Mita an, noch nachträglich in Zorn qeratend. „So ein netter Herr, daß ich ihm in der Mitte seiner Vorschläge davonlief, und als er mich einholte, mich am Arm festhielt und etwas redete, ich solle nicht so prüde sein ,hm eine Ohrfeige gab. Da ließ er mich los. - Nachher in der Bahn konnte uh achen Die Ohrfeige tat mir leid. Ich habe vom Tennis fo einen scharfen Schla^ Kannte der Mann mich, warum mußte ich ihn schlagen? Wahrscheinlich hatte dieser Schlag auch nicht so sehr ihm gegolten; mein ge peicherter Zorn explodierte, entlud sich, und der junge Stürmische war zufällig der ^Luziiisbnahm das Thema nicht auf. Seine Eifersucht„hatte sich bereits vollkommen beruhigt und verzogen. „Sie sind। also enttäuscht stel te er fest. „Wollen Sie den Plan nun aufgeben? Dann fahren Sie mit mir roiebga b mich. „ Luzius nickte. „Ich hatte mir eine schone Rede bereit gelegt sagte er und nahm ihre Hand auf, „nun komme ich damit nutzt mehr zurecht. Ich glaubte, Sie wollte» Ihren Weg allem gehen, Fräulein Mit? Ich meine: ohne männliche Begleitung. Das ist der Zug der Zeit. Ich wollte Ihnen sagen: wenn Sie aber ^Nina spuren, der Weg wird zu steinig oder zu einsam, erinnern Sie sich bitte, daß iemonb aus Sie wartet." Er hatte leiser gesprochen. Mita hob ben Blick zu ihm; sie vergaß, ihre Hand ^uckzunehmem „Wer wartet?", fragte sie ebenso gebampft, „ich verstehe nicht alle-, Herr ^^E°s "wartet jemand auf Sie, dem Sie Glück bedeuten ganz einfach durch Ihre Existenz, Mita. Aber wenn Sie: Herr Assessor zu nur sagen, kann ich nicht weitersprechen." »in Meines ä? & wartÄFÄ ä °|» «* SMWWMMM Rahmen um diesen Kopf. Wer fagte --®}1 • • „ auj, hie Lippen so leise, daß es ineinanderklang; vielleicht waren sich auch bte Lippen OMAN ON FRANK F. BRAUN schottisch gemustert; in Stoffarten kannte er sich noch immer nicht aus. Das Röckchen war so kurz, daß der Schenkelansatz über dem Knie feine Form verriet. Auf ihrem Haar lag das Licht der Deckenbeleuchtung und.. Mita drehte sich um. Sie warf Luzius eine Kußhand mit nur einem Finger zu und ging zur Tür. „Fräulein Finkendey", sagte das Mädchen, „ein Eilbrief für Sie." " Mita nahm das Schreiben. „Die Adresse hat Mutti geschrieben , sagte sie und riß ben Umschlag auf. Der Brief war kurz, er brachte nur ein paar herzliche Zeilen; aber es lag eine Banknote habet, ein Hunderk- markfchein. Mita nahm ihn heraus. Sie hatte Tränen in ben Augen. „Ist meine Mutter nicht goldig?" fragte sie, „sie schickt mir hundert Mark, und ich solle mir keine Sorgen mache», sie sei mir nicht böse. Sie sah den Brief an, ober ben Schein, ober ihre Hänbe. „Was ist benn bas?", rounberte sie sich und legte die Papiere aus der Hand. „Ich habe ja ganz blaue Finger!" Luzius fprang auf. Er sah ihre Hände an, sah den Geldschein — und schlug sich vor die Stirn. . „Was ist denn?" rief Mita und wurde ängstlich, „was erschreckt Sie benn so?" Sie verfiel, selber erschrocken, in das gewohnte Sie. Luzius nahm ihre Hände. „Komm", sagte er, „wir wolle» den Schaden beheben. Ich habe glücklicherweise das Mittel in der Tasche, diese blauen Flecke zu entfernen." „Aber warum? Ich gehe hinaus und wasche mich. „Das nützt nichts, Mita. Dieser Geldschein ist eigens mit einem Farbstoff präpariert, der sich nicht ohne weiteres abwaschen läßt." Ihr Blick war groß und verwundert. „Aber weshalb benn? Woher weißt bu bas? Unb warum schickt Mutter mir biefen Schein, ber abfärbt?" . . „Das ist eine lange Geschichte", sagte Luzius. „Komm, gib mir deine Patschhände, ich will sie säubern." Er nahm sein Taschentuch und zog die kleine Flasche, die hier Hilfe bringen würde. Während er ihre Finger betupfte und reinigte, erzählte er ihr, was sich im Haufe und in der Heimatstadt inzwischen ereignet hatte. Mita unterbrach ihn nicht, sie lehnte eng an Luzius, lieh sich die Fingerspitzen waschen und staunte ab der Kriminalgeschichte. Er spürte sie beglückend nahe; er beeilte sich nicht; weder mit der Tätigkeit.nach mit der Rede. Schließlich war er zu Ende. „Unb nun erkläre ich mir bas so", schloß er:^ „Deine liebe Mutter hat biefen gefärbten Schein in gutem Glauben .. Da klingelte es roieber braunen. m Luzius unterbrach sich. Sie horchten zur Tür. War bas Vera? Aber es sprach bort braußen ein Mann, feine Rebe klang schüchtern unb ge= bämpft, aber man hörte boch bie Worte: „Mein Name ist Doktor Bell- mann Ich hätte gern Fräulein Finkendey auf einen Augenblick ge« ^“©ebulben sich der Herr eine kleine Weile, ich werde nachsehen, ob das" gnädige Fräulein im Hause ist", sagte das wohlerzogene Mädchen unb verschwand. Es kam durch das andere Zimmer an die Tur des blauen Salons und pochte an. Mita öffnete sogleich. „Führen Sie ben Herrn in biefes Zimmer", sagte sie unb wies in bas Nachbarznnmer bcs blauen Salons, jenes, in bem bas Mäbchen ftanb. „Ich komme sogleich." Sie zog bie Tür erst »och einmal zu. „Dieser Mensch kommt hierher! Verstehst bu bas?", flüsterte sie. Luzius schüttelte ben Kops. „Das ist bie Höhe ber Frechheit", fagte er Verhandle du mit ihm. Deine Idee, ihn zu empfangen, ist richtig, wir "müssen erfahren, was er hier will. Er nimmt natürlich an, bu weißt nichts von ben Vorgänge» im Haufe beiner Eltern. Vergiß buh nicht!" „Unb was soll ich tun?" . ' „Was sich ergibt, Mita. Ich bleibe hier im Salon unb greife rechtzeitig ein, benn ich höre ja, was er mit bir spricht." Dann ist es gut", sagte Mita. Sie ging hinüber; Luzius blieb, solange bie Tür geöffnet war, bicht an der Wand stehen, fo daß er nicht sichtbar ward für den Wartenden. Noch sollte Doktor Bellmann nicht wissen, daß fein Gegenspieler hier war. Doktor Bellmann stand hinter einem der Sessel. Er verbeugte sich und lächelte erfreut. „Gnädiges Fräulein," sagte er, „ich muß Ihnen danke» daß Sie mich angenommen habe». Ich komme hier hereingeschneit da ist es wirklich sehr freundlich, und läßt mich hoffen, daß Sie auch meine Bitte nicht sonderbar finden werde». Ich hatte bie Ehre, mehrere Monate im Hause Ihrer verehrten Eltern leben zu bürfen lmb„s1e finb nicht mehr dort? Als ich wegfuhr, war noch kein Gedanke, daß Sie den Posten aufgeben würden." „Ich habe meinen Posten nicht aufgegeben", sagte Bellmann, „ich bin natürlich noch der Lehrer Ihres kleinen Bruders. Ich wollte mit meinen Worten nur eine gewisse Gemeinschaft feststellen. Ich möchte nicht, daß Sie das Gefühl haben, es steht ein Fremder vor Ihnen." „Was für ein Unsinn, Herr Doktor Bellmann, ich kenne Sie doch gut. Aber nehmen Sie Platz. Trinken Sie ein Glas Portwein?" Doktor Bellmann verbeugte sich und lehnte natürlich ab. „Ich will nicht stören, gnädiges Fräulein," sagte er und sah aus seine Hände, die in gelbledernen Handschuhen steckten, „ich möchte nun rasch zum Ziel kommen. Sie haben mich so freundlich ausgenommen, daß ich, wie gesagt, nun eine Bitte wage." Da er doch noch — wahrscheinlich gemacht — zögerte, ermunterte ihn Mita: „Was ist denn diese Bitte, die so vieler vorbereitender Worte bedarf? Aber ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus und setzen Sie sich." Doktor Bellmann tat keineswegs wie ihm geheißen. Er hatte triftige Gründe, die Handschuhe nicht abzulegen. Aber er entschloß sich, der Situation ein Ende zu bereiten. Dieser kleinen Dame mit Ehrerbietigkeit zu schmeicheln, schien ihm nun genug getan. „Es ist peinlich, das zu gestehen", hob er an, „man kommt sich als Provinzler vor, aber es muß heraus: mir ist hier in Berlin meine Brieftasche abhanden gekommen. Gestohlen sicherlich, denn wie könnte ich mein Geld verlieren. Ich wollte Sie bitten, mir mit so viel Geld auszuhelfen, als Sie für ein, zwei Tage entbehren können. Ich fahre morgen früh zurück und werde den Herrn Konsul bitten, die Summe sogleich für mich an Sie zurück- zufchicken. Der Herr Konsul gibt mir sicherlich Vorschuß." „Sicherlich", räumte Mita ein. Sie legte ihre Fingerspitzen aneinander und dachte nach. Er ist aus der Flucht, er will noch mitnehmen, was er bekommen kann. Er hat mich ausersehen. Was soll ich jetzt antworten. Sie sah ihn an und ließ den Blick fallen: er traf diese auffallend gelbledern bekleideten Hände. Und wieder war die Idee da, ich muß ihm doch etwas anbieten, daß er seine Handschuhe auszuziehen gezwungen ist. Er wird auch diese blauen Farbflecke haben. Er muß seine Finger zeigen! Sie ging zum Büfett, ergriff das Tablett mit der Portweinkaraffe und den Gläsern und kam zum Tisch zurück. „Trinken Sie ein Glas, wir werden sehen, was sich machen läßt, Herr Doktor", und sie schenkte ihm schon ein. „Ist im Hause sonst alles wohlauf?" Er schluckte die Beruhigung. „Alles wohlauf, gnädiges Fräulein. Ihr Herr Vater — ich habe hier einiges für ihn zu erledigen — dachte nicht, daß ich Sie aufsuchen würde. Sonst hätte er mir bestimmt Grüße für Sie aufgetragen." „Das glaube ich auch", sagte Mita. „Prosit. Aber ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus!" Doktor Bellmann sah ihr aufmerksam ins Gesicht. Diese lächelnden Züge wiesen völlige Ahnungslosigkeit. Seine weitere Weigerung konnte nur merkwürdig erscheinen. Er knüpfte die Handschuhe auf. „Es ist nur", meinte er entschuldigend, „ich habe eöen auf der Post, wo ich eine Adresse schrieb, Pech gehabt und mir die Finger beschmutzt mit Tinte. Blaue Tinte, sie geht nicht so leicht ab." Mita setzte ihr Glas hin. Sie starrte Bellmanns Finger an, sie trugen dieselben Zeichen, wie sie die ihren vor kurzem getragen hatten, ehe Luzius zu Hilfe gekommen war. „Oh ja", meinte sie seststellend, „es sieht aus, als ob Sie mit den Fingerspitzen in die Tinte gegriffen hätten." Doktor Bellmann hob mit einem Ruck den Kops. Hatte ihn dieser Satz stutzig gemacht, oder hörte er gerade in dieser Sekunde das Geräusch der sich teilenden Tür? Er sprang vom Stuhl aus. Die Gläser klirrten. Instinktiv tat er eine rasche Bewegung auf die andere Tür zu, durch die er hereingekommen war — aber Luzius' Worte erreichten ihn und hielten ihn fest. „Bleiben Sie, lieber Doktor Bellmann, eine Flucht wäre das glatteste Schuldgeständnis." „Was — ich muh bitten — ein Ueberfüll. Wie kommen Sie hierher, Herr Assessor!" „Setzen Sie sich wieder. Lassen Sie die Handschuhe liegen. Ich habe Ihre blauen Finger schon bemerkt. Sie sind meiner Braut ja wunderbar auf den Leim gegangen." ,Lhrer Braut?" Doktor Bellmann rang nach Fassung: es war vollständig deplaciert, er fühlte es selber im Augenblick, als er es sagte, aber er sprach es aus: „Da gratuliere ich." „Danke", sagte Luzius ungerührt. „Gestatten Sie mir einige Fragen. Zunächst: wo haben Sie Ihren Doktor gemacht? Kollege Brendel erzählte mir. Sie hätten geäußert: in Hamburg?" „Allerdings. Was berechtigt Sie?" „Psst. Lassen wir das lieber. Cs gäbe Peinlichkeiten für Sie. Wann haben Sie Ihren Doktor gemacht? Brendel erzählte mir 1913; stimmt das?" „Waren Sie ebenfalls in Hamburg?" „Nein. Niemals." „Weshalb wollen Sie dann dies von mir wissen?" Bellmann wurde ein wenig unsicher. „Es war also 1913 in Hamburg?", forschte Luzius. „Gewiß. Aber warum fragen Sie?" „Das interessiert mich für den Stand", sagte Luzius, „es interessiert mich als Akademiker, wenn Sie wollen. Nun bin ich beruhigt. 1913 besaß Hamburg zwar ein Vorlesungsgebäude, aber erst später wurde daraus die heutige Universität." Bellmann biß die Sippen zusammen. Er suchte eine Ausrede, aber er fand so schnell nichts. „Wollen Sie mir nicht erklären..." Luzius schnitt mit der Hand durch die Luft und riß des falschen Doktors Satz ab. „Nein, kein Wort habe ich zu erklären", sagte er betont. „Aber wenn Sie sprechen wollten, wenn Sie ein Geständnis abzulegen bereit sind, kann das die Peinlichkeit der augenblicklichen SituatiG verkürzen und wird auch sonst nur in Ihrem Interesse liegen." „Was hätte ich zu gestehen, Herr Assessor?" Bellmann war blaß. Er beherrschte sich mit Mühe. Dieser Mann war ihm über; dieser Assessor wußte! Er hakte es geahnt, er war geflohen, hatte die Beute im Stich gelassen, nur um sich zu retten. Sollte er diesem Gegner nun doch noch erliegen? Er spürte sich schwach werden. Sollte er gestehen? Aber vielleicht gestand er mehr, als der Assessor wußte! Er zögerte, er sah Mita an. Kam auch von dem Mädchen keine Rettung? Und da war es, als begriffe Mita diesen Blick. Sie griff ein. „Sagen Sie uns, wie Sie daraus kamen, meiner Mutter den gefärbten Hundertmarkschein zu unterschieben. Was sollte das?" Bellmann senkte den Kopf. „Es ergab sich", sagte er. „Ihre Frau Mutter wollte hundert Mark im Brief wegschicken. Daß dieser Brief an Sie ging, erfuhr ich erst, als ich, mit der Besorgung von Ihrer Frau Mutter beauftragt, unterwegs die Anschrift las. Ihre Frau Mutter wollte einen Hundertmarkschein haben, sie gab mir kleine Noten, die ich ihr einwechselte." „Gegen den abfärbenben Schein!" Tiefer neigte Bellmann als Bejahung den Kops. Dann hob er ihn wieder. „Besitzen Sie den Brief schon? Ich hohe ihn wahrhaftig aufgegeben." „Natürlich. Mit dem Schein konnten Sie nichts anfangen. Ich habe den Brief vorhin bekommen." „Und?", er sah ihre Hände an, „der Schein färbte nicht?" Luzius beugte sich vor. „Sie können sich doch denken", meinte er lässig, „daß ich, der ich den Schein so vorhereitete, gegen die Farbe ein Mittel wußte." Bellmann sah ihn groß an. „Also doch Sie!", sagte er. „Demnach hat alles nichts genützt. Die Rückgabe der Perlen, das durchgepauste Kuvert, — die rasche Flucht." Er ließ den Kopf vornüberfallen. „Es ist aus", sagte er, „ich gestehe; lassen Sie mich verhaften." Luzius sah auf diesen gesenkten Scheitel; er überlegte. Mita, fraulich, dem Mitleid schon näher, sagte: „Warum taten Sie es?" Ohne auszublicken, antwortete Bellmann: „Es gibt viele Gründe. Am Ende immer nur einen. Ich wollte den Wechsel erzwingen. Einmal eine Summe Geldes in Händen haben und weggehen, weit weg, wo niemand den Nächsten kennt, wo der Anfang ist." „Falsch", sagte Luzius. „Sie machen die Welt verankworllich für Mängel und klagen sie sogar an; dabei sind diese Mängel in Ihnen! Den Wechsel erzwingen, Glückswende? Es ist immer dasselbe. Der Anfang ist in jeder Minute an jedem Ort! Aber ich bin nicht Ihr Seelsorger, bis vor wenigen Minuten war ich Ihr Gegner. Nun sind die Waffen ungleich." „Sehr ungleich." Luzius stand auf. Er blinzelte Mita zu, und Mita verstand ihn wohl, denn sie nickte mit dem Kopf. „Herr Bellmann", sprach er,, Sie waren gekommen, uns zur Verlobung zu gratulieren. Sie waren der erste Gratulant, da verweilt man wohl ein bißchen länger. Aber nun betrachte ich diesen Besuch als beendet." Er trat an die Tür, die in den Flur ging und klingelte. Bellmann sprang auf. Er hatte große, weitoffene Augen .„f)err Assessor .. .", würgte er. Luzius sah ihn wortlos an. Dann, es erschien das Mädchen, sagte er: „Der Herr wünscht zu gehen, geleiten Sie den Herrn hinaus." Und mit stockenden Schritten ging Bellmann zur Tür. Er verbeugte sich, er öffnete den Mund, aber er brachte kein Wort mehr heraus. Erst in der Tür sah er sich noch einmal um und schaute die beiden Zurückgebliebenen an. Seine rechte Hand ging in halber Höhe zur Brust empor wie zu einer letzten Beteuerung seiner Ergebenheit. „Danke ...", sagte er in die lautlose Stille, „das ist ..., danke ..." Das Mädchen schob ihn hinaus und zog die Tür zu. Es hatte ein Gefühl dafür, daß dieser Mann keine große Rolle gespielt haben konnte. Mika aber warf sich, kaum daß die Tür draußen zugeschlagen war, ihrem Verlobten an die Brust. Und den Satz mit einem Kuß in zwei Hälften teilend, behauptete sie: „Du bist ein ganz — ... — ganz großer Mann! Ich liebe dich!" Luzius lächelte. Wer wäre ernst geblieben .... Das Mädchen aus der fremde. Von Friedrich Schiller. In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten. Ein Mädchen schön und wunderbar. Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam. Und schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm. Beseeligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit, Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit. Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichem Natur. Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus; Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus. Willkommen waren alle Gäste, Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaden beste, Der Blumen allerfchönfte dar. Des Friedländers Kopf. Eine Novelle von Alfons o. Czibulka. Lager des Friedländers vor Nürnberg stand dem letzten Troß- wandelte°HEur° Verwunderung über des Generalistimus ver- . ...9tlc^ E sonst stelzte Wallensteins hagere Gestalt so drohend und duster durch die Lagergassen, als wäre er sein eigener Generalvrosos. Die alten Kriegsgurgeln, die etwas ausgefressen hatten __ und das roaren in jenen Heeren von damals die meisten —, verschwanden wenn der Feldherr nahte, nicht mehr in ihre Zelte und Wagen wie die Dachse m ihre Locher. Auch endeten diese Lagerinspektionen des Feldhaupimanns gliche Stunden später der Generalgewalliae ein halbes Dutzend Schelme in der Luft verarrestierte. 9 roQnbet‘e ^brecht von Wallenstein an den Zelten, Troßwagen, Feldschlangen und Marketenderbuden vorbei. Jedem Arkebusier oder Reiter mckt er freundlich zu, zog mit weitausladender Gebärde seinen Hut so höflich vor dem oder jenem Offizier, als wäre der andere der Generallsftmus und er, der Friedländer, Obrist oder Major. Ja, es gab Rittmeister und Leutnants, die des Abends, wenn die Schelmenbeine über die Kalbfelle hupften und die Weine durch die Gurgeln, bei allen ^eiligen schworen daß der Feldherr sich mit ihnen fast eine Stunde vor ü/rem Zelte unterhalten, ihnen vor lauter Leutseligkeit die Knöpfe am Wamse abgedreht und sich Hann mit den Worten empfohlen hätte: „Dero lubnnssester Diener, Herr Bruder!" — Das war erlogen, denn Wallenstein hielt auf Distanz in seiner buntscheckigen Armada. Daß der Friedländer so aufgeräumt war, war zu verstehen. Bor drei Erst, am Bartholomäustage, hatte er den Schwedenkönig, der mit aller Macht sein Lager bei Fürth benannte, so ohne jede Eourtoisie empfangen, daß Gustav Adolf zwar mit Ehren, aber doch als der lieber« wundene abziehen mußte. Und weil es zum erstenmal geschehen war, daß der schwedische Eroberer nicht als Sieger hervorging, so war dies weit wahrscheinlicher der Grund zu Wallensteins so erstaunlich verbesserter Laune als der Umstand, daß ihn das Podagra in der linden Septemberlust an der Rednitz nicht zwickte. Dieser friedländischen Gloria vor Nürnberg war es auch zu verdanken, daß der sonst so Unnahbare nun jeden Mittag inmitten feiner Generalität zu tafeln pflegte. Ein gewaltiger Steintisch, den der kühne Aldringen auf den Schutt der Alten Feste hatte stellen lassen, diente als Tafel. Das war bei der Spottlust des Friedländers sicher nicht ohne Absicht geschehen. Die Ruine der Alten Feste erhob sich hoch über dem Lager der Kaiserlichen, dessen Hauptstützpunkt sie war. Bon ihrer trllm- merbebedten Kuppe blickte man weit ins nürnbergische Land Man sah Nürnberg selbst mit der Kaiserfestung, mit Sankt Sebaldus und der Lorenzkirche; man sah bis zum Hohenstein und Walpurgisberg. Und aus dem Lager der Schweden konnte man jede Einzelheit auf der Alten Feste erkennen. So war anzunehmen, daß der tägliche Anblick feines prunkvoll tafelnden Bezwingers dem Schwedenkönig um so sicherer die Suppe versalzen werde, als seine Kanonen die Alte Feste nicht erreichten. Was die Tafelrunde des Friedländers zu mancherlei Späßen reizte. Bei gutem Winde tonnte man das schallende Lachen des Holk, des Gallas, des Aldringen, bes Piccolomini und der andern bis ins Schwedenlager hören, wenn wieder einmal eine Rund kugel, die ersichtlich dem steinernen Tische gegolten, kraftlos und matt in die Sandsteinhänge der Feste fiel. Das freute He Schweden nicht. Das ärgerte auch den Nürnberger Konstabler Frank Beizleuter. Weil nämlid; die Deutschen sich durch Jahrhunderte nicht wohlfühlten, wenn Ire einander nicht die Köpfe einschlugen und dazu auch noch Fremde ins lianb riefen — der Kaiser die Spanier, die andern die Schweden —, tebiente ber Beizleuter einen nürnbergischen Sechsunbreißigpfünber im !chwebischen Heere. Der Stückmeister ärgerte sich über bas Gehabe am Steintisch, aber er staubte einen Rat zu wissen. Doch vorerst spekulierte er noch, wie er nit seiner Kartaune bie Feste erreichen könnte. Tag für Tag lag er um iie Mittagsstunde auf der Schanze neben dem Maul feiner Kanone und ragte zur Alten Feste hinüber, wo vor einem geborstenen Turm der Herzog von Friedland sich in feinem schwarzen Habit von der farbigen stracht seiner Generale abhob wie das Schwarze von der Scheibe. Wiewohl der Konstabler nicht eben redselig war, Himmelte um die Nittagszeit immer mehr schwedisches Volk in der Schanze herum und »artete, daß der Beizleuter sein Scheibenschießen beginnen werde. Ein War Tage vergebens. Doch eines Sonntags, an dem man vermutlich auf tem Steintisch ein besonderes Menü auftrug, glitt der Stückmeister, 6en als es von Sankt Sebaldus Zwölf zu schlagen begann, von seiner Schanze herunter und pfiff feinen Knechten. Dann begann er umständlich !tin Grobstück zu laden. Fast zweimal soviel Pulver als sonst ließ er ier Kartaune ins Maul schütten, so daß die Zuschauer und Gasser die khren zurücklegten und immer mißtrauischer von der Donnerbüchse ab« rückten. Eine Weile rechnete der Konstabler noch auf einem schmierigen Zettel herum, erwischte bann einen ber großmäuligsten Spötter, einen shwedischen Wachtmeister, freundschaftlich am Kragen, hielt ihm bie 2atze hin unb sagte laut: „Es gilt!--Ein Faß Ungar — ich hol' mir bes Frieblänbers Kopf!" Der Schwebe schielte abschätzenb nach ber Alten Feste, bie fernher in hr Mittagssonne über bem feinblichen Lager strahlte, grölte höhnisch >nd schchg ein. Ungarwein soff er für fein Leben gern, befonbers wenn . t[ ihn nicht bezahlen mußte. Der Beizleuter aber holte sich eine Kugel aus bem Sorratsbaufen, ?°g sie umftänbüd) unb liebevoll wie ein Kegelspieler, ber fest entschlossen •t alle Neun zu schieben. Dann nahm er einen Zettel, schrieb mit Im e d'auf: „Die holt sich bes Frieblänbers Kopf!" Mit Schusterpech pappte bas Papier auf die Eifenkugei. Nachdem er die Äugel fo zärtlich uno auf einem fürsorglich ins Rohr gebettet, als fege er ein Jüngferlein tus Bnmtbett. begann er umständlich zu zielen. Erst als Wallensteins Brust haargenau nnl hOrnran^^.nn|e °ufsaß, war er zufrieden. Indes die Zuschauer sich von bem Geschütz verzogen und es dem Beizleuter allein überließen, samt brFpex S^adenen Kartaune gen Himmel zu fahren, legte der Stuckmeister den glühenden Luntenstock ans Zündloch unb brannte los. hi-M0 U2bsbrii[£eirl0 ^hr das Feuer aus bem Maul ber Donner- F°b.auch die letzte neugierige Nase hinter den Wällen verschwand, bernnr % n 'Vm,' x b,e Zuschauer wieder hinter ihren Deckungen m staubte drüben vor bem Turm ber Alten Feste auch schon eine Wolke auf. Die Generale am Steintisch sichren hoch. Nur der schwarze Punkt in ber Scheibe, ber Frieblänber, rührte sich nicht. Doch Wallenstein fanb ben Schuß bes Beizleuter, ber nun seinen Stummer mü bem Wachtmeister im verlorenen Weine ersäufte immer "°.ch wohlgelungen genug. Die Kugel, bie ein General, weil sie noch heiß war, in einem Tuche bem Herzog hinhielt, war in ben Suppentopf gefahren unO, vom Steintische roeitergellenb, über Wallensteins Kopf bin« ™e.9 6,5 °u den Turm geflogen. Währenb feine Generale von ben ©tufjlen aufsprangen, blieb ber Frieblänber sitzen unb sah gelassen zu, wie ber Holk sich fluchenb bie heiße Suppe von ber Galahose wischte. Dann betrachtete Wallenstein interessiert ben halbversengten Wisch auf ber Kugel, auf bem noch zu lesen war: „... bes Frieblänbers Kopf!" übe/!" lachte er. „Um Hanbbreite gefehlt. Einen solchen Stück- h'eilhtr x°tnnt4 brauchen. — Führt ihn zu mir, ben Mann!" So reben & ba5' aIs hatte er auch im Schwebenheere etwas zu „Ich hab' ihn!" brüllte ber Beizleuter unb tanzte vor Vergnügen ou, einem Bem, denn er glaubte, daß der kaiserliche Feldhauptmann sich hFft?QivU» "Ä rU er ^inen Kopf mehr zwischen bep Schultern tjatte. Erst als der Konstabler durch das Fernrohr sah, wie Wallenstein sich erhob weil einer ber Generale ihm etwas hinhielt, merkte er, baß der Frieblänber noch seinen Schöbel hatte unb ber Ungarmein verloren graben5“ Der^manb er' Don Spottrufen verfolgt, fluchenb im Schanz- » Weil aber bas „Befehl ist Befehl" auch schon bamals galt, fanbte der ^Ann9,en uoch m ber gleichen Stunbe einen Parlamentär in bas schwe- d'lche Lager Doch bie Schweden wollten sich über den Kasus nicht ben Hopf zerbrechen, baß ber feinblidje Generalissimus gleichsam einen ber Ihren zum Rapport befahl. Eine Ausrebe hatten sie ja: ber Beizleuter w°r nurnbergifdjer Untertan und Soldat. So schickten sie ben kaiserlichen Offizier an ben Nürnberger Rat. Einen Nachmittag lang schwitzte sich bie eilig zusammengetrommelte Ratsversammlung bas Hirn aus bem Schübel über biefen verzwickten Fall. Daß der Friedländer ihnen ihren Meisterschützen wegschnappen wolle, ahnten sie. Nun wollten sie zwar ben Beizleuter nicht verlieren aber auch ben Herzog nicht reizen. Der Teufel mochte wissen, ob nach dem Malheur bes Schwebenkönigs bei Fürth bie Wallensteinischen nicht ohnehin bald über Nürnberg herfielen wie Pest unb Heuschreckenschwarm. Doch so viel wußten sie auch, bah man ben Konstabler zu biefem Gange nicht zwingen könnte, wenn bet am Enbe selber nicht wollte So schickten bie Hochwohlweisen einen Stabtreiter in bie Schanzen hinaus um ben Beizleuter ins Rathaus zu holen. Inzwischen beschlossen sie, bem Begehren bes gefürchteten Frieblänbers zwar in principio zu willfahren doch vorher Bürgschaft zu forbern, baß bem Konstabler kein Haar gekrümmt unb er auch nicht unter bie Wallensteinischen gesteckt werbe. Als das der Beizleuter hörte, der breitschultrig und groß, rot von Sonne und Wein, sporenklirrend in ben Halbkreis ber schwarzgekleibeten, von Stubenluft unb Kanzleien wachsbleichen Ratsherren trat, nickte er erst zustimmenb. Dann aber kraulte er sich nachbenklich feinen Spitzbart unb meinte, baß ber Frieblänber bie Bürgschaft auch ausschlagen könnte. Dann aber käme er, ber Stückmeister Beizleuter, um bie Ehre, den Friedländer, ben er boch wohl nur um Haaresbreite gefehlt, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er bitte sich barum bie ©nabe aus, als nürnbergitoer Bürger oerkleibet mit bem Bürgschaftsbegehren selbst zum Wallenstein gehen zu bürfen. Mißtrauisch roanbten sich bie gelben Gesichter ber Räte über ben weißen Spitzenschultern bem Konstabler zu, ob ber am Enbe nicht auf fo fchickliche Weife befertieren wolle. Doch well bie Gestrengen zum Schlüsse tarnen, baß ber Beizleuter wie bie Ehrlichkeit selber aussehe, nickten sie ihr Einverstänbnis. So ftanb am nächsten Morgen statt bes gewünschten Meisterschützen ein nürnbergischer Bürger vor bem kaiserlichen Felbhauptmann. Wallen- tcin lachte: „Hütt" nicht gebucht, baß bie Nürnberger solche Angsthasen inb. Vor allem Euch hätte ich was Gescheiteres zugetraut, als mir mit olchen Juristereien zu kommen. Denn ich seh's Euch boch an, daß Ihr einmal Soldat gewesen seid. Was wart Ihr denn?" „Stückmeister, Jhro Hoheit!" brüllte der Beizleuter so stramm und laut, daß ihm nachträglich doch der Schreck in die Glieder fuhr, es könnte der Friedländer den Braten riechen. Doch dem gefiel der Mann unb feine Art. Er sagte freunblich: „Den Solbaten habt Ihr also Hinterm warmen Ofen nicht vergessen. Wollt Ihr bei mir bleiben? Stückmeister kann ich brauchen." Der Konstabler Beizleuter, ber bem wallensteinischen Zauber zu verfallen begann, hätte jetzt was brum geben, jagen zu bürfen: „Herr, ich hab' Euch zwar gestern beinahe ben Kopf von ben Schultern geschossen, aber ba — nehmt mich mit Haut unb Haar!" Die nürnbergische Stabt- arkeley genügte seinem Ehrgeiz schon lange nicht mehr. Aber ber Stückmeister wollte nicht zu benen gehören, bie bamals bie Fahne öfters wechselten als ihr Hemd. Er entschuldigte sich mit Geschäften. Die Bürgschaft bewilligte der Friedländer aber doch. Der verkleidete Beizleuter bekam einen Offizier mit, mit dem Auftrag, daß Wallenstein Und zum wie klärt sich doch in reichen Morgens Reinheit Licht der Gnade und zum Glanz der Einheit, wilder Most sich klärt zu stillem Wein. Sprache und Nationalität. Von Ricarda Huch. Verantwortlich: t)r. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'iche Aniversitäts.Duch. und Steindruckerei. L. Lange. Vieb°u- Die Dichterin Ricarda Huch schenkt uns mit dem im Atlantis-Verla«, Vertin, erschienenen Werk „Römisches Reich Deutscher Nation" eine Fülle von Einblicken in Vergangenheit und Wesen des deutschen Volkes. Unter der Gesamtidee des ehrwürdigen Reiches, das noch heut« wie ein ßieb „in das Ohr eines Schlafenden dringt und ihm wunderbare Träume erzeugt , sieht Ricarda Huch auch den stolzen Aufschwung der deutschen Sprache als Künderin der wachsenden Selbstbesinnung. Eine Heimat in der Heimat hatte das wälderliebende Volk der Sachsen im Harz. Allmählich hebt sich das romantische Gebirge aus der breit schwingenden Ebene, steigt in höheren, dunkleren Wogen, türmt sich immer mächtiger auf und taucht endlich mit seinem wilden Haupte, dem Brocken ins Gewölk. In diese Schluchten und Waldgründe bargen sich Gnom und Elf, die ganze drollige, holde und böfe Ausgeburt von Phantasie und Traum, die die Aufgeräumtheit des flachen Landes verdrängte; ihr heimliches Wesen saust und schnarrt in den biegsamen Fichten lauscht hinter granitenen Blöcken, glüht zwischen dem rosigen Fingerhut, der die kahlen Hänge hinaufschwillt und bläst und tollt auf dem Geisterberge, wo die Tanne zu kriechendem Kraut geworden ist und Irr al den Eindringling umnebelt. Früh umtrün^te die Vorliebe der sächsischen Kaiser den Harz mit Ansiedelungen: an seinem westlichen Rande entstand das Kloster Gandersheim, wo Hrosvitha dichtete, im Norden wurde zu Otto des Großen Zeit das Silber im Rammelsberge entdeckt, im Süden lag Mathildens Witwensitz Nordhausen, im Osten das Kloster Quedlinburg, dessen Aebtissinnen die Königstöchter wurden, nicht weit davon das Klo- ster Gernrode und der alte Bischosssih Halberstadt. Eine von den vielen Burgen, die die östlichen Harzberge krönten, ist der Falkenstein im Settetal, wo Eike von Repgow oder Reppichau den Sachsenspiegel geschrieben haben soll. Wenn es so ist, bewohnte er doch nicht die Burg, die heute noch wohlerhalten steht, sondern eine ältere; aber dasselbe Waldesrauschen und Bachgeriefel, dieselbe Fülle der Einsamkeit umgab ihn und erfrischte sein Herz und seinen Geist. Hat der Sachsenspiegel, in dem die Rcchtsaedanken und Rechtsgebräuche der Sachsen ausgezeichnet wurden, auch nMit die unermeßliche Wirkung auf das deutsche Volk ausgeübt wie die Bibel, so mag man sich doch insofern an den Sprachgewaltigen aus der Wartburg erinnert füblen, als der Sachsenspiegel und die wahrscheinlich von Eike verfaßte Sächsische Weltchronik die ersten in deutscher Svrache geschriebenen Prosawerke waren und somit eine wichtige Stelle in der Entwicklung derselben einnehmen. Graf Hoyervon F a l k e n st e i n , einer von den sogenannten Harzgrafen, unter denen viele tüchtige und gebildete Männer waren, überredete Eike von Repgow, der den Sachsenspiegel lateinisch Ses-hrieb-n hatte, ^ihn^ ins Deutsche zu SSÄb’ÄSÄK mu -m-, - Srtt llX i!nelbstv7rs!ändlich, daß OMSZMSWM der gefährlichen Donau, schlingt die Dichtung um das Reich eme silberne &TeS'ienal Dein" Wagni-^ein Buch'wissenschaftlichen Charakters Jn gemäßes Sr ve7hältnismäß!g'gr°tze Verbr^L niedergeschrieben: ein allgemeiner, von Friedrich II. verkünd I PnnMrieben ber in Mainz beschworen würbe. Im Jahre 1238 ober 39 würbe bie Ürkunbe über eine Teilung zwischen zwei habsburgischen Brudern in deutscher Sprache abgefaßt. Eine Chronik aus der zweltenHalste des 18 Jahrhunderts berichtet, König Rudolf habe .m Jahre 1283 auf Verlangen der Fürsten angeordnet, daß die Urkunden aus deutsch verfaßt werden dürften, weil die deutsche Zunge genug Worte Habe, um I nn,>riei ftönbel darin zu begreifen; wo sie Mangel gehabt hatte, sei sie aus anderen Sprachen erfüllt und gebessert Ein merkwürdiges Zeugm- der Selbstbesinnung der Deutschen ist es, daß nun auch of entlich amtlich in der Sprache gesprochen wurde, die bisher nur ,m Hause, m der F mitte ini Freundeskreise erklang, und daß der Laie deutsche Bucher lesen'und schreiben konnte. Uendlich viel lebensvoller spiegeln sich Zeit | unt) Menschen in den deutschen Chroniken des 14. Jahrhunderts als in den l°te"nifchen Annalen früherer Zeit. Es ist, als fiele e,ne glatte I Maske von beweglichen Zügen. Bedenkt man, wie wesensverschiebe einem etwa Friedlich ber Große erscheint, je nachbem man .hm I in französischer ober beutscher Sprache sich ausbruckenb begegnet, so er- I mißt man wieviel vollständiger man alles Geschehen erfassen kann, seit 7ns d7utsche Sprache die Kunde davon vermittelt. Geist, Sprache und Persönlichkeit sind nicht zu trennen... Man sollte meinen, da der erweiterte Gebrauch der Volkssprache gewiß ein wachsendes Bewußtwerden des Gesamtvolkes anzeigt, es müsse gleichzeitig ein Zunehmen des nationalen Bewußtseins zu bemerken fein. Hm allgemeinen herrschte es mehr bei den niederen Klassen, was schon nüt der mangelnden Sprachkenntnis und mit der Verbundenheit mit dem heimischen Grund und Boden, dem heimischen Gewerbe zusammenhing. Doch kann man mehr von Anhänglichkeit an die Scholle und an die Stadt, der man angehörte, als vom Natwnalgefuhl sprechen Derhoh und niedere Adel, desien Beruf der Krieg war, ah den Gegnern zugleich Angehörige derselben Gesellschaft mck denselben Begriffen von y Ehre, die dem Standesgenossen rücksichtsvolle Behandlung sicherten wen sie ihn nicht umgebracht hatten. Selbst die sarazenischen Feinde gewohnte 1 man sich mehr nach ritterlichem als nach christlichem'Maßstabe zu messen Ebenso wünschte der reisegewohnte Kaufmann, der die Städte beherrschte aus friedlichem Fuße mit den fremden Nationen zu verkehren, die ihm wegen der Handelsbeziehungen oft lieber waren als ein. landmannischer Nachbar, der ihn vielleicht mit Fehde belästigte. Wie einst bayrische He zögt, um ihre Unabhängigkeit zu retten, die Avaren ms Land riesen so scheute sich zur Zeit Ludwigs des Bayern Herzog Leopold von Oesterreich, de? Bruder Friedrichs des Schonen nicht d- deutsche Königskrone dem König von Frankreich anzubieten. Einige Her- ren trafen sich auf einem Boot im Rheine, wo sie sicher vor Lauschern waren, um die verräterische Wahl zu bereden; der Komthur Berthold v o n B u ch e g g war es, der durch seinen Widerstand die Schmach ver hinderte Nach Ludwigs Tode boten Karls Gegner die Krone dem Komq von England an. Auf der anderen Seite konnte es geschehen, daß Karl IV im Jahre 1364 die Reichssteuer, die Lübeck ihm zu bieten Haire, an den König von Dänemark übertrug, mit dem die Hanse, asto ouaj Lübeck sich im Kriege befand. Der Lübecker Rat stellte dem Kaiser vor, daß er ihnen nicht zumuten könne, ihren Feind zu starkem Indessen war es falsch, aus solchen Verwicklungen zu schließen die Deutschen hatt sich nicht als Deutsche gefühlt; namentlich ließ das seit dem 14. ^,oyr hundert stark sich aufdrängende Nationalbewußtsein Frankreichs zuwei en das ihrige aufflammen, oder die Anmaßungen der Pavste reizten Den Stolz. Ein junger Herzog von Geldern, dessen Tapferken die d^>m Grenze vor einem französischen Einfall schützte, hielt eine Ansprache^ den König von Frankreich in deutscher Sprache, um öffentlich darmi m, wohin er gehöre. Auch von Friedrich Barbarossa wurde gesagt, er rönne wohl Lateinisch, spreche aber deutsch, um die deutsche Sprache zu eyren. den Meisterschützen sehen wolle. Der Offizier könne alsGeisel In Nürn- KS8WSM W-WIM-LE üert9fher das sicht die Nürnberger nicht an, die noch heute diese Sage m Npiüeuter und dem Friedländer erzählen. Immer noch schworen sie daraus daß Wallenstein die Eisenkugel, die ihm an den Kops gesahren, tn Gold halte fassen und in seinem Schlasgemach habe aufhangen lassen, in feinem Palast zu Fußen des Hradschms zu Prag. Doch habe ich sie dort vergeblich gesucht. Schillers Lampe. Von Robert Hohlbaum, GDS. Weimar liegt stumm in satter Bürgernacht, in Goethes Hause selbst losch schon das Licht. Im dunklen Ruhestrom ertranken Pflicht, Sorge und Lust. Nur eine Lampe wacht. Nur eine Lampe wacht. In stiller Nacht wird sie zum reinen leuchtenden Gedicht, wird sie zum großen flammenden Gericht, zu einer Himmelssackel Purpurpracht, die Nacht erleuchtend und die Nacht durchflammend, die Welt erlösend und die Welt verdammend, äschert sie Pfeiler, Zwingburg, Mauern ein. ei e b' $ k bi b ü d i, n b E u 3 a il b f ti S 5 ii ii ii i । i i i ! I i ( I ! 1