SichenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 79 Zreitag, den \1. Oktober o M 5)as ddCalsßand / O N Schulbank und schätzen einander. Aber ich gestehe Ihnen, daß der dringlich; neu lief). „Da brül Mit „Also hat meine War- jungen Mädchen von gefeiert sein, im Geld Geld reden. Wer mag nicht. iW1 Obers aus. Die chand tastete zum Schalter. Das Licht erlosch. N RANK F. BRAUN „Stein", sagte Luztus, Bellmann scheidet aus, dessen Fußzeug habe ich angesehen. Aber Wingart Reutzner, da werfen Sie einen Namen auf, den ..." Er beendete seinen Satz nicht. Brendel, der sonst so Beherrschte, sprang auf. „Was ist das?!" ries er; seine Eisschale klirrte; Leute am Nebentisch blickten auf, sahen ihn an Luzius drückte ihn wieder aus den Sitz nieder. „Was ist denn los, Brendel, hat Sie eine Wespe gestochen?" „Sind Sie dessen sicher?" „Ich kenne meinen Onkel und meine Tante", versicherte Brendel ohne weiteren Zusatz. ängni= Ulf] I1' M -Z°l iW Projeti uh» lanik ig B urop«’ 1*1 Serben für acht Stunden. m bet arbeit sie m beab= . $«s nl«6i, reiben I* roegen «r, mbeit, janjen erjini h» g feil' gifi* en bii Sei btt i fei« tiingen tnäüj in btt tiatiffl Staat chm-t n aii * -uliam Ium. c> die .*6 niete -N efjmen; •rg tV leb’“ i.N ä w; $ s Tagen ,------------ „ .. .... auch mir dieser Verdacht auftauchte. Dann jedoch verwies ich mir das. Warum mußte Zurrhelm der Täter sein? Weil er in steter Geldnot lebt? Wie häßlich, da eine Verbindung zu knüpfen. Weil seine Schuhe spitz waren, die er gestern abend trug? Ja, es mochte ein Verdachtsmoment sein. Aber, Luzius, wissen wir, wer alles noch spitze Schuhe trug aus der kleinen Gesellschaft gestern? Nur um die Namen aufzuzählen, um zu zeigen, wie völlig unser Verdacht in der Luft hängt: Frau Iustizrat Reußner trug spitze Schuhe, Barbara Zurrhelm natürlich; bann ber Wingart Reußner, vielleicht auch ber Hauslehrer Doktor Bellmann." Luzius schaute auf unb nickte bann. . Brendel fuhr fort: Diese Fußspur ba im Schlahimmer ^st eine Teuf l l«Ke. Zurrhelm ist mein Freunb, will sagen, wir kennen uns leit Luzius sah ihm auf ben Mund. „Und neben der Mita läuft als einziger Vertrauter der Primaner her..." Ein Unbehagen beschlich sie beide. Es war nichts ausgesprochen, als ~ re Tatsachen; keiner hatte eine Mutmaßung gewagt: aber ber Gebanke iilfaft . ife in Inter, iberer lo(|en _ L Jahrgang 1934 Dom liefen klare Tatsache — -------- „ „ , „ , lag in ber Luft. Wingart Reußner trug gestern abend spitze Schuhe! Ob sie in die Puderspur paßten, hatte man nicht feststellen können. Justizrat Reußner, sie kannten ihn ja beide gut, war ein netter alter Herr; er hatte nur einen Fehler, die jungen Leute jedenfalls sprachen diese Eigenschaft als Fehler an, er war genau, um nicht zu sagen knauserig oder geizig in Geldsachen. Er hielt feinen Sohn knapp. Luzius hatte oftmals an feine eigne Jugend gedacht. Er hatte nie etwas vermißt; so waren Versuchungen nicht an ihn herangetreten. Charakter, nun ja Charakter — mit achtzehn ober neunzehn unterliegt man ben Impulsen eher, schon weil man bie Tragweite ber Dinge nicht übersieht. — Er sah Brenbel an. „Wir wollen ben beiben nachgehen", schlug er vor. Brenbel nickte. Sie zahlten rasch unb stanben auf. Brenbel sagte erklärungslos: „Halten Sie bas auch nur für möglich?" Luzius zuckte bie Achseln. „Mita ist hübsch; er ist noch ein junger Dachs. Ich Dachte das gerabe alles." Rascher schritt Brenbel aus. „Wenn es so war", sagte er, „baß meine Kusine bas Gelb für bie Reise von Dem Jungen verlangt hat, bann ist sie ein ganz herzloses Geschöpf!" Aber nein", oerteibigte Luzius bas Mäbchen, „w'e bürfen Sie bas so sägen. Mita ist vielleicht ganz ahnungslos, bas arme Mäbchen. Was Die Sonne schien, unb es war warm. Das Kaffeehaus am Marktplatz Ifttte Tische unb Stühle auf bie Straße vorgebaut unb t dieser Maß. Mjme Erfolg gehabt. Mancher Vorübergehenbe, bem ^ nuHt eingefallen wäre, in bas Haus zu. gehen, blieb für ein paar Minuten bei einer Er- l>> lchung sitzen. In grüngestrichenen Kübeln wuchsen Oleanberbäumchen unb fäatteten nicht. Brendel löffelte sein schon flüffifl ‘ ^"b fab babet Nus an. Kam eine Erklärung? Aber ber MHeHor SRertmurtrtg Nus. Vermutlich hatten ober haben Sie Regmalb Zurrhelm B-rbacht?" Luzius schaute über bie Straße, unb er erschrak. Jenseits bes Fahr- bammes überschritten ben Marktplatz nebeneinanber, beeilt scheinbar, das Fräulein Mita Finkenbey unb ber Herr Wingart Reußner aus ber Prima bes Heinrich-Hertz-Realgymnasiums. Wingart trug ben Koffer. Das Gepäckstück mußte schwer sein, benn er ging schief geneigt. Mita aber schritt strahlenb wie ber Mittag einher. Ihr Trenchcoat umflatterte sie, ber Filzhelm saß schräg auf bem Kopf. Wer bas Paar sah, war sofort im Silbe, baß nicht ber junge Mann, säubern bas liebreizenbe Fräulein bie Person war, bie auf Reisen zu gehen sich anschickte. „Verflixt nett sieht bas Mäbchen aus", stellte Luzius fest. Aber unter Brenbels vorwurfsvollem Blick erschrak er neuerlich. „Sie haben recht, nicht bas steht zur Debatte." „Wo will sie hin?" meinte Brenbel fragenben Tons. (Fortsetzung.) Luzius schritt bie Straße entlang, ben Weg ging er, ben Zurrhelm rot Minuten gekommen war. Eine Vielfalt von Empsindungen wogte in ihm. Hatte er etwas verpaßt, wußte bieses sentimentale Herz ihm einen Sreich zu spielen? Weshalb meinte Zurrhelm? Es war nicht komisch; Hch ein Mann darf meinen, nachts, allein. Wußte jener, baß er Bar- bira verlor? War es Scham? Selbstbesinnung nach ber Tat? Erkannte ei, daß ber Weg verschüttet mar, unb verfluchte er bie unselige Minute jenes Diebstahls? Ober hatte Zurrhelm bie Perlen verkauft, trug bas Gld — enblich nun Gelb! — in ber Tasche, unb es versagten jetzt msach die Nerven, rissen, und die Tränen flössen, ohne daß er es recht mßte ... Luzius dachte: roenn er den Schmuck verkauft hat, diesen Weg kam N Wo kann er gernesen sein? Er schritt bie Straße zu Enbe. Bürger- lihe Wohnhäuser, ein Restaurant, ein paar Gäben. Keine Gegenb, um gestohlenes Gut an ben Mann zu bringen. Aber brüben vielleicht, bort, m es buntel ist? Ah, ein Park. Ein höchst ungeeigneter Platz, Luzius roollte umkehren, aber es staub ba gerabe eine Bank. Er nur ben ganzen Tag schon untermegs: plötzlich spürte er bie Mübigkeit i» ben Beinen; er ließ sich einen Augenblick nieber. Der Monb schien noch immer. Die Luft mar marm. Späte Grillen ziepten auf bem Rasen. In ber Ferne mar bas Brausen ber großen Stabt. Er sah vor sich hin. Monbnacht, buchte er, Lyrik. Unb bann: aber dies Licht genügt nicht, es hellt biefe Nacht nicht auf. Kein zartes Gebicht i weit. Es ist ein Perlenhalsbanb gestohlen worben, unb mir finb bem i lieb auf ber Fährte. Lassen mir uns nicht von Gefühlen verwirren, »der alles ist verloren. Da stutzte er. Stanb bort im Sanb nicht eine i Schrift? Er beugte sich vor. Jemanb hatte mit bem Spazierstock einen flamen geschrieben. „Aber Mann, Luzius, sehen Sie benn nicht!?" flüsterte Brenbel ein- ichbem er eben noch überlaut gerufen, wisperte er jetzt förm= üben bas Mäbchen, ber Jüngling mit bem Hanbkoffer!" schwimmen.. " „A propos", warf Brenbel ein, „ba Sie vom Mita bas Gelb für biefe Reise gegeben haben? Vater unb Mutter sicherlich nicht. Der Konsul ist in ber Opposition, roas seiner Tochter Filmpläne anbelangt, unb Frau Olga wagt nichts ohne ihn." .fanb liier 6* . W ejpetil ■n fe i“ uii le,A ■ 1111 „Nach Berlin", antwortete Luzius, ohne zu zögern. „Ich habe ihr einen Brief an meine Schwester geschrieben; nun versucht sie wohl prompt ihr Heil." Er senkte ben Kops ein bißchen. „Also hat meine Warnung boch nichts genützt. Früher träumten bie jungen Mäbchen von Liebe. Ober haben wir uns bas nur eingebilbet? Heute ist es ber Film, der ihre Sehnsüchte ausfüllt. Berühmt werden, gefeiert fein, im Gelb ,rm -rholl irhich geringer Mühe entzifferte er bas Wort, las bas große B, em ||..., unb es stieg ihm heiß in bie Kehle. Barbara stanb ba. Hier also bitte Reginalb Zurrhelm gesessen. Nicht Perlen hatte er zu einem Hehler g.tragen, fonbern auf einer Bank im Park war er niebergejeffen unb bitte wie ein verliebter junger Mann ben Namen ber Erwählten m ben Eanb geschrieben. Also boch noch Lyrik .. Assessor Luzius erhob sich mit einem Ruck. Er zerstampfte ben Namen. ?f) bin auf falscher Fährte, dachte er; ein Mensch, ber sich nachts auf ehe Bank setzt unb weint unb an bie Liebe denkt, stiehlt keine Perlen. muß irgenbroo ein Denkfehler unb ein Trugschluß vorgekommen se,m vf) glaube nicht mehr an Zurrhelms Schuld. Es ist nichts geändert, ich «iß, aber mein Gefühl sagt mir: biefe Spur ftt falsch. 3cb grub bie obere Tragöbie auf. Barbara. Schön, gefährlich unb immer geliebt Nährend er hier ihren Namen in den Sand malte, verabredete sie mel- .A i lucht mit Jan Strombeck bie Flucht. So ist bas Leben. Ist es fo? Das ”wlW falsch gefragt. Muh es so fern?! 1 Er ging nach Hause. Alles noch einmal. Portier, Schlussel, Fahrstuhl, kann bas Bett bas große breite Bett. Unb nicht mehr denken. Schlafen. ’ ~ ■ Vielleicht sieht morgen früh bie Welt weiß sie, woher der Bengel das Geld nehmen wird! Sie kennt ihn gut, sie sind im gleichen Alter, da macht es sich leicht, daß sie diese Frage an ihn stellt." Und er schloß, während sie schon in bte Bahnhofstraße einbogen: „Uebrigens, was wissen wir, woher Wingart das Geld nahm! Wenn es so ist, daß er es gab! Vergessen Sie nicht, wir wissen nur, weil wir es sahen, daß er über Mitas Reise informiert ist." „Mita wird doch nicht ihrer Mutter den Schmuck gestohlen haben?" meinte Brendel; es sollte keine Frage sein, er äußerte wohl nur einen Gedanken, der ihm zugeflogen war. Luzius stolperte vor Schreck. „Das — nein", brachte er heraus, „das wage ich nicht zu mutmaßen." Brendel entgegnete nichts. Erst als er die Straße entlang blickend die beiden Versalzten nicht mehr entdeckte, meinte er: „Sie sind schon im Bahnhof." „Wie bitte?" „Ich meine, die beiden sind schon im Bahnhofsgebäude. Der Zug geht vom Bahnsteig 2." Da schritten die beiden Juristen rascher aus. Sie kannten beide sehr genau die Abfahrtzeit des Berliner v-Zuges. Es war höchste Zeit, wollte man nicht eintreffen, wenn gerade die roten Schlußzeichen des Zuges aus der Halle verschwanden. Ein entzückendes kleines Fräulein in Hellblau schritt vorüber; es schien nicht abgeneigt, einen freundlichen Blick zu verschenken; aber Luzius und Brendel sahen sie beide nicht an. Ihre Gedanken hasteten den Schritten voraus, und je näher die Männer dem Bahnhof kamen, um so weniger erschien es ihnen angebracht, jetzt zu lächeln. Es war gut möglich, daß alle ihre Befürchtungen sich als unsinnig herausstellten. Sie wünschten es herzlich. Lieber den Diebstahl noch unausgeklärt wissen, als dieses junge Paar darin verwickelt. Aber es konnte auch anders kommen. Denn was vermochten Wünsche jetzt noch an Geschehenem zu ändern. Sie lösten in der Halle ihre Bahnsteigkarten und hasteten durch die Sperre. Unten stand noch der Zug, aber die Abfahrtzeit war gekommen. Sie sahen schon von weitem des Primaners weißleuchtende Mütze, Fräulein Mita fuhr also zweiter Klasse? Das kam ihr zu als Tochter des Konsuls Finkendey. Aber wer zahlte die Fahrkarte? Sie dachten beide wieder dasselbe und fanden beide nicht- das richtige Wort, als sie vor dem Abteil standen, aus dessen Fenster Mita schaute. Sie grüßten, öffneten vielleicht den Mund, da fuhr der Zug an und Mita Finkendey sagte herzlich, während sich die rasche Röte an ihren Schläfen schon wieder verzog: „Wie nett, daß Sie auch gekommen sind. Woher wußten Sie es?" „Wir sahen Sie zum Bahnhos gehen", keuchte Luzius außer Atem. Und Mita lächelte gewinnend. „Beruhigen Sie die Eltern, Herr Assessor. Und du, Ewald, bitte tue es! Ich komme bald zurück." Der Zug fuhr schärfer. „Haben Sie denn genügend Geld?" rief Luzius; dieses „genügend" war eine glatte Feigheit; er hatte fragen wollen: Haben Sie denn Geld? Mita zog ein Taschentuch und winkte. Sie sah alle drei Männer zugleich an. Gab es denn das? Hier geschah es! „Geld, o ja, danke, reichlich", rief sie. Luzius setzte sich in Trab, ries hinter dem Zug her die Frage, auf die es ankam: „Woher haben Sie es?" Mita legte noch die freie Hand an ihr Ohr und beugte sich weit heraus, Luzius holte tief Luft, die Frage, die so wichtig war, zu schreien — da bog der Zug um die Ecke, und Frage und Antwort blieben ungesagt. Luzius gab augenblicks das lächerliche Rennen auf. Er kehrte an den Start zurück, wo Brendel und Wingart Reußner warteten. Vielleicht ärgerte ihn die erlittene Niederlage, es mochte auch sein, daß er nur außer Atem war, er sagte härter, als er beabsichtigt hatte: „Sie sind im Komplott, Herr Wingart. Ich frage Sie auf Ehre und Gewissen: Haben Sie Fräulein Finkendey das Geld gegeben?" War es Zufall? Er sah dem Primaner dabei auf die Füße und — sein Herz setzte erschreckt ein paar Takte höher ein — Brendel hatte recht gesagt, man mußte feststellen: Wingart Reußner trug spitze Schuhe! Der Primaner bekam seinerseits einen nicht geringen Schrecken. Wie kam der sonst so sympathische friedliche Assessor Luzius dazu, ihn hier derart anzufahren. War etwas herausgekommen? Aber das mußte unmöglich sein. Er schluckte, würgte etwas hinunter und sagte leidlich gefaßt: „Wie kommen Sie aus diese Idee, Herr Assessor?" „Antworten Sie nicht mit Gegensragen! Haben Sie Fräulein Finkendey das Geld für diese Reise gegeben?" Wingart Reußner verkrustete sich in Trotz. „Ich bin dazu nicht in der Lage", sprach er, „ich besitze keine größeren Geldsummen, wie sie hier in Frage gekommen wären." Luzius nickte. Er ging hier nach einem alten Plan vor, der kühn war. Denn es konnte leicht sein, daß er sich irrte. „Fräulein Mita ist ohne Wissen ihrer Eltern abgereist. Wußten Sie das, Herr Wingart?" Luzius besaß dieses Wissen selber nicht, aber er würde darüber ja nun wohl Bescheid bekommen. Brendel sah ihn an. Fangfragen des Untersuchungsrichters, dachte er. Tatsächlich erlag der junge Wingart ahnungslos diesen Fragen. Er nickte: „Ich wußte das." Luzius sann nach. Mita war also einfach ausgeknisfen. Moderne selbstsichere Jugend. Er hätte ihr gern Beifall geklatscht, denn diese Eskapade an sich machte ihm Spaß, aber es blieb die schreckliche Geldfrage. Der Gedanke war da: Vielleicht geht der junge Wingart noch einmal und vollends aus den Leim? — Assessor Luzius sprach kalt: „Dann müssen wir also sosort nach Berlin an die Kriminalinspektion des Bahnhofs telegraphieren. Dann bleibt eben nur die traurige Gewißheit, daß Mita Finkendey die Diebin ist." Brendel öffnete den Mund. „Wie, bitte, war das?" fragte er verblüfft; aber Luzius sah ihn groß und warnend an; da begriff er wohl. Sofort stimmte er zu und trug stärker auf: „Ja, man wird sie aus dem Zug heraus verhaften und hierher zurücktransportieren. Halten Sie es für angebracht, daß man ihr Fesseln anlegt?" „Doch wohl nicht", sagte Luzius. Er mußte an sich halten. Diese trockene Art Brendels schoß ihm beinahe ins Lachen. Aber er beherrschte sich, denn hier war kein Raum für Heiterkeit. Der Primaner hatte sich geradezu verfärbt. Um feine Nase lagen grünliche Schatten. „Ich ...", brachte er heraus und stockte. „Wollen Sie etwas sagen?" Da stieß Wingart Reußner vor, warf seinen Satz hin wie etwas Körperliches, daß er ihn ja nicht doch noch zurückhalten könnte: „Ich bürge! Mita hat nicht gestohlen!" Luzius sah ihn ernst an. „So, so; Sie bürgen. Gestatten Sie eine kleine Frage: der Diebstahl ist geheim gehalten worden. Woher wissen Sie davon?" „ , Die drei Männer standen sich gegenüber. Jetzt waren Sie alle drei ein wenig bleich. Es war still. Dann heulte fern eine Lokomotive, es klang wie ein Schluchzen; als sie heran war und fauchend den Rauch zur Decke der Halle stieß, konnte man sein eigenes Wort nicht verstehen. Plötzlich stand die Maschine still. Der Lärm brach ab. In die neu er. ftanbene Stille sagte Wingart Reußner mit einer Stimme, die sich vergeblich um männliche Festigkeit bemühte: „Ich tat es." „Sie wissen, was Sie sprechen? Sie sind sich darüber klar, daß Ihre Worte ein volles Geständnis bedeuten? Ja." Brendel fuhr hoch. Er schätzte das Haus des Justizrats, er lebte viele Stunden des Tages mit diesen Menschen. Es war nicht Anmaßung, als er lospolterte. „Wingart, Menschenkind! Verrückter Bengel! Um Mita das Geld für die Reise nach Berlin zu verschaffen, wurden Sie zum gemeinen Dieb!" Sind Sie von allen guten Geistern verlassen gewesen? Konnten Sie — oder Mita — nicht mich fragen! Ich hätte Ihnen das Geld gegeben." Wingart Reußner lächelte bitter. Er wollte sagen: gerade das wünschte ich zu vermeiden; aber er sprach es nicht. Diese Worte, diese Vorwürfe trafen ihn wie Keulenschläge; vielleicht machten sie ihm erst jetzt klar, was er getan hatte. Er stand da, gesenkten Hauptes, der arme Sünder. Aber er war nicht zusammengebrochen. Was nun auch kommen würde, es mußte getragen werden. Er hob plötzlich den Kopf und sah die beiden Juristen an. Wüßtet ihr alles, wie sehr ich das Mädchen liebe ...; und das bitterfüße Gefühl der Märtyrer einer großen Liebe zu jein, ließ ihn fast stolz Brendel und Luzius, Häscher, die ihn gestellt hatten, ansehen. Schlagt mich nieder mit Worten! Beschimpft mich! Was wißt denn ihr ... Luzius fing den Blick auf. Er deutete dies Flackern falsch. Er las nicht Begeisterung des Leidens heraus, sondern wirre Planung. „Brendel", hob er an, „wir haben fein Recht, hier Vorwürfe zu erheben. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich." Und zu Wingart gedreht, um den Jungen zu beruhigen, daß nicht noch größeres Unheil geschehe: „Wir sind Freunde, Herr Wingart; wir wollen überlegen, ob sich nicht Mittel und Wege finden lassen, das Vergehen wieder gut zu machen. Sie sind nicht feige, Sie haben den Mut zu der unfetigen Tat gehabt. Haben Sie auch den anderen, dafür nun einzustehen! Wollen Sie mir in die Hand versprechen, keine Dummheiten zu machen! Ihr Ehren- wort?" Er hielt die Hand hin. Wingart Reußner legte bedächtig die seine hinein. „Ich fliehe nicht", sagte er, „daran denken Sie doch? Ich laufe nicht davon und flüchte auch nicht ins — Jenseits." Luzius nickte. „Das wäre nicht nur feige, sondern auch dumm. Verlassen Sie sich auf mich. Was ich für Sie tun kann, diese dumme Geschichte beizulegen, versuche ich." „Danke", sagte Wingart Reußner, „Sie sind sehr freundlich." Aber Brendel nahm ihn beim Arm. „Kommen Sie", forderte er, „wir gehen jetzt zu mir, da erzählen Sie mir die Geschichte ausführlich, und dann gehen wir zum Konsul, und sehen, was zu machen ist. „Muß das fein?", fragte Wingart. „Was?" „Daß ich zu Mitas Vater muß, mich entschuldigen ..." „Wolle Gott, damit sei die Affäre aus der Welt", sagte Luzius. Er verabschiedete sich. Dieser junge Mensch war nicht mehr verständlich. Stahl der Bengel eine Perlenkette — und meinte dann, es fei zuviel, bei dem Bestohlenen um Nachsicht zu bitten! Er gab ihm nicht die Hand, sagte kurz: „Wir wollen heute abend zusammenkommen und Endgültiges beschließen. Ich werde inzwischen das Terrain sondieren. — Eine Frage: „Haben Sie das ganze Geld, das Sie bekommen haben, an Mita gegeben?" „Jawohl." „Unglaublich", zischte Luzius. „Und Mita nahm es? Fragte nicht, woher diese sicherlich große Summe komme?" „Nein, sie vertraute mir." „Hören Sie auf mit diesen blödsinnigen Redensarten!", brauste Luzius auf. „Kinder seid ihr, beide! Unser Fehler ist da« vielleicht auch mit. Wir haben euch Kameradschaftlichkeit angebofen. Man hätte euch wie Kinder beaufsichtigen müssen!" Er nickteBrendel zu: sagte ruhiger: „Gegen Abend, sowie ich abfommen kann"; und schritt davon „Sie", sagte Brendel, und er nahm den jungen Mann fest beim Arm. „Wir wollen im Hause einen Schnaps trinken. Luzius scheint aum nervös geworden zu fein" Er zog den bebenden Winaart neben sich her. „Sie imvrovisieren aber auch tolle Sachen, mein Lieber . - •" Wingart Reußner biß die Zähne zusammen; ganz fest; er hätte Brendel um den Hals fallen mögen; aber er nahm sich zusammen. Er blinzelte heftig gegen das Licht; keine Tränen jetzt; das wäre ja wahrhaftig lächerlich gemefen. Arm in Arm schritten sie davon denn Brendel wollte sicher gehen, er ließ den Jungen nicht los. (Fortsetzung folgt.) Giernenwäris. Von Gottfried Keller. Wende dich, du kleiner Stern, Erdei wo ich lebe, daß mein Äug', der Sonne fern, sternenwärts sich hebe! Heilig ist die Sternenzeit, öffnet alle Grüfte; strahlende Unsterblichkeit wandelt durch die Lüfte. Mag die Sonne nun bislang andern Zonen scheinen; hier fühl' ich Zusammenhang mit dem All und Einen. Hohe Lust, im dunklen Tal, selber ungesehen, durch den majestät'schen Saal atmend mitzugehen! Schwinge dich, o grünes Rund, in die Morgenröte! Scheidend rückwärts singt mein Mund jubelnde Gebete. Der Mann, der Shakespeare war. Von Alfred Günther. Jedesmal, wenn eine Nachricht über neue Shakespeare- Funde durch die Presse geht, erstaunt die Welt, wie schattenhaft sein Lebensbild vor uns steht, obwohl die Shakespeare- > Literatur Abertausende von Bänden aufweist. Gleichzeitig aber erweist sich, daß nicht einmal das Wenige, was wir über ihn wissen, Allgemeingut unserer Zeit geworden ist. Jede einzige dieser Meldungen pflegt Fehler und Irrtümer zu enthalten. So auch verschiedene Berichte, die kürzlich einige deutsche Blätter ausgenommen hatten; von sensationellen Neuentdeckungen war da die Rede, und sämtliche • veröffentlichte Dokumente erwiesen sich als längst bekannt und zum Teil falsch ausgelegt. — Es ist darum nicht unnütz, die Fakten über Shakespeares Leben wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen. Das Schicksal, das den Namen Shakespeare trägt, hat es gewollt, das den Jahrhunderten das gewaltige Werk der Dramen und der Lyrik vererbt wurde, daß die Gestalt ihres Schöpfers aber ausgelöscht erscheint Von dem Mann, der in Stratford geboren ist und dort starb, ist so gut wie nichts auf uns gekommen: kein Manuskript eines Dramas ober Sonetts, kein Brief, kein Zettelchen; nur drei oder vier unbedeutende und bezwsifelbare Bildnisse, fünf oder sechsmal sein Namenszug, eine Handvoll der banalsten Dokumente, die sich auf seine Existenz, feine Familie, seine Kinder, sein Schauspielertum und Theaterdirektoriat und seine Werke beziehen, schließlich einige Anekdoten, für deren Echtheit es keine Beweise gab. Das ist alles, was von diesem zweiundfunfzigjährigen Leben übrig blieb. Es ist nicht einmal so viel, um die Einheit zwischen i>em Autor der Werke und dem Mann von Stratford zweifellos zu erweisen, denn im Testament Shakespeares steht kein Wort über feine Werke. Es kam soweit, daß ein Zweig der Forschung allen Ernstes die Identität i>er Personen bestritt und mehr oder minder phantastische Theorien entwickelte, wonach die Werke von einem Andern geschaffen feien, der sich lediglich des Namens W. Shakespeare bediente. (Bacon-, Derby-, Oxford-, Vutland-Theorie.). Von den Werken hat Shakespeare selbst nur die beiden Versepen .Venus und Adonis" 1593 und „Lucrezia" 1594 herausgege- ien, es sind zugleich die ersten im Druck erschienenen Werke des Dichters Denn auch vielleicht nicht feine ersten Dichtungen überhaupt. Die 1609 irfchienenen „Sonette", die unter feinem Namen herauskamen, st^d offensichtlich nicht von ihm, sondern von einem Freunde, wahrscheinlich dem in kr Widmung angedeuteten Mr. W. H., zum Druck gegeben worden. Die Sramen, die von 1594 an in Quart-Ausgaben zu erscheinen beginnen, lohne den Namen des Dichters) sind zweifellos ohne Shakespeares Erlaubnis gedruck, zumeist nach höchst mangelhaften Vorlagen. Erst lv23, leben Jahre nach seinem Tode, erschien der prachtvolle Folioband von iiehr als neunhundert Seiten, in dem seine Schauspielerkollegen H e m - ninge uni) (Eon bell die Dramen „nach den richtigen Origmalkopien lerausgegeben haben. Zugleich nimmt auch der berühmteste Dichter der k poche B e n I o n s o n das Wort zur höchsten Huldigung an Shakespeare, frft jetzt sehen wir auch ein Bildnis des Dichters: Das Titelblatt der kolio-Äusgabe bringt einen Porträtstich von Martin Droeshout. Fast sleichzeitzg wird in der Dreifaltigkeitskirche in Stratford am Grabe des Dichters ein Denkmal errichtet mit einer ’Portratbufte von Ja n s e n. Selbe Bildnisse sind keine Kunstwerke, die das Wesen des Dichters oer Mitteln können, außerdem sind sie kaum als Portrat desselben Mannes in erkennen. Hier sei gleich noch ein Wort über die mehr oder weniger glaub- üürbigen Shakespeare-Bildnisse gesagt. Das Jugendbild von 1588 (Grasten), das Porträt von Droeshout b. Sielt., vor allem das fogenmwtte Chandes« Porträt, wohl auch bas Janfen-Bilbnis von 1610, obwohl sie erst viel später aufgefunben wurden, haben manches Ueberzeugende. Große Kunstwerke sind nicht darunter, so daß wir nicht einmal ein unzweideutiges Bild Shakespeares besitzen. Es war leicht verständlich, daß eine Totenmaske mit der Jahreszahl 1616, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Darmstadt aufgefunden wurde, rasch Bewunderung gewann, als man sie als Totenmaske Shakespeares hinstellte. Sie stammte aus der Sammlung eines Grafen K e s f e l st a d t, der sie in England erworben hatte. Es wird behauptet, daß diese Maske genau die gleichen Schädelmaße aufweist., wie die (übrigens wiederholt restaurierte) Büste des Grabmals in Stratford, daß diese also nach der Totenmaske hergestellt worden sei. Auf jeden Fall zeigt die Maske einen herrlichen Kopf, ungleich mächtiger als jedes Porträt. Sie ist freilich im Ausdruck weder auf der Büste des Grabmals noch auf einem andern Porträt wiederzufinden. Dokumentarische Hinweise auf Shakespeare während feines Lebens haben sich einige gefunden, es sind teils bewundernde Aeußerungen über einzelne feiner Werke (daraus geht hervor, daß die zünftige Literatur und das Bücher kaufende Publikum das höchste Lob dem Versepos „Venus und Adonis" zollte, das auch die meisten Auflagen erzielte), teils Hinweise auf seine Leistungen als Schauspieler, darunter auch satirische Aeuße- rungen. Die früheste uns bekannt gewordene biographische Notiz schrieb der Historiker F u l m a n nieder, der Archidiakon Sabies ergänzte sie. Sie meldet Geburtsjahr und Todesdatum, berichtet, daß sich Shakespeare durch Wildern die Verfolgung des Sir Thomas Lucy zuzog, „die ihn zwang, feine Geburtsstadt zu fliehen, zu seinem großen Glück ..." — „Vom Schauspieler wurde er zum Dichter." — Die erste Biographie veröffentlichte Nicholas R o w e in feiner Ausgabe der Dramen 1709. Seine Hauptquelle bildeten die von dem Schauspieler B e 11 e r t o n gesammel- tetn Nachrichten, also in der Hauptsache mündliche Ueberlieferungen, die fünfzig bis sechzig Jahre nach Shakespeares Tode im Umlauf waren. Ebenso spät sind die Notizen des Antiquars A u b r e y und des Stratforder Vikars Ward gesammelt worden. Der Forschung des 19. Jahrhunderts verdankt die Shakespeare-Biographie ihr wertvollestes Material. Bewundernswürdiger Spürsinn, Sorgfalt und Geduld, die kein Archiv und kein Stück Papier ausließen, haben es zustande gebracht, daß noch manche Erwähnungen des Privatlebens, namentlich der geschäftlichen Unternehmungen Shakespeares als er fein Geld in Grundstücken u. a. anzulegen begann, ans Licht kamen. Es ist nichts unversucht geblieben, und die entlegensten Vorgänge der Zeit von 1564 bis 1616 sind zu Rate gezogen worden. Das Ergebnis war ein imponierend genaues Bild der Epoche, aber ein erschreckend leeres Bild des Dichters. Wir können uns dank dieser Forschung in das Denken und Schaffen der elisabethanischen Menschen einweihen lassen, wir sehen vor uns das Leben der Königin und des Adels, der Literatur und des Theaters, erfahren Einzelheiten über Verlags- und Druckwesen, Widmungswesen und Stenographie, lernen Hofklatsch und Kneivenleben kennen — über bas Leben des Dichters erfahren wir nichts. Wir können das gewaltige Zeitbild in Beziehung fetzen zu diesem einzelnen Menschen der Zeit, aber seine Gestalt wandelt nicht vor uns. Bis an seine unmittelbare Existenz ist das Zeitbild herangeführt, bis an die Konturen seines Dosens — aber die Gestalt selbst bleibt im Schatten. Man kann heute nicht mehr bezweifeln, daß alles Private über ihn und um ihn vernichtet ist und aus keinem Archiv wieder auferstehen kann. Aber wir müssen uns hüten, durch Addition der bekannten Einzelheiten feines Gebens fein Menschenbild aufzubauen. Diese Addition würde eine so banale Biographie ergeben, die auf irgendeinen Charakter passen mag, nur nicht auf den Schöpfer des Hamlet, der Kleopatra, der Sonette. Wie es nicht anders fein konnte, begann unter diesen Voraussetzungen ein Wettstreit an Auslegungen, Kombinationen, Ergänzungen und Erdichtungen, um die biographischen Fragmente lebendig zu machen. Die erlesensten Geister haben ihr Bestes dabei gegeben, die dümmste Dilettan- terei hat ihn nicht verschont. Oft wurde eine Jdealgestalt errichtet, meist ein mühselig gekittetes Stückwerk hingestellt, in den besten Darstellungen ließ der Biograph feine Vermutungen sich deutlich abheben vom Beweisbaren. Bewunderungswürdig wie die Erforschung der Historie ist auch die Durchforschung der Werke. Hier konnte man glücklicher fein und hot nach einem Aufwand von Abertausenden von Untersuchungen Wortlaut und Chronologie, aber auch die Ausdeutung des dichterischen Gehalts bis zu einem hohen Grad von Vollkommenheit geführt. Alle schöpferischen Geister dreier Jahrhunderte haben es sich zur Ehrenpflicht gemacht, die Größe dieses Werkes ihren Zeitgenossen zu vermitteln. Man hat durch den Ber- gleichder Werke mit ihren Quellen, Stoffen und Vorbildern das Shake- spearehafte des Geistes und der Kunst auszuprägen versucht. Eine Beschwörung des Charakters und der Schicksale, der Erlebnisse und der Leidenschaften, die diesen Menschen befähigten, ein Werk von 36 Dramen und drei Versdichtungen in zwanzig Jahren sich abzuvingen. gelang wohl in einzelnen Fällen, aber nur als schöne Dichtung. Einen Mann William Shakespeare in die Personenverzeichnisse feiner Dramen einzuführen, die Masken, die er sich wählte, zu lüften, so fein Herz schlauen zu fühlen, feinen Aufschrei zu vernehmen, die Raserei feiner Leidenschaften, in fein Auge zu schauen, das war eine wunderbare Aufgabe, aber wem konnte sie gelingen! Am ehesten mochte dieser tollkühne Versuch gelingen bei dem einzigen Lyrikwerk, bei dem noch immer nicht den Dramen ebenbürtig gewürdigten geheimnisreichen Band der „Sonette". Aber auch hier kamen die Historiker und Aesthetiker nicht zu einer einheitlichen Auffassung. Hatten bei der Ausdeutung der Dramen die einen höchste Objektivierung des Dichters matten sehen, die andern machtvollste Subjeftioierung zu spüren gemeint, so waren für die einen die Sonette eine ganz unpersönliche, wenn auch wohlgesungene Huldigung an die Sonettenmode der Zeit, für einzelne gar der dichterische Briefwechsel zweier Personen und Dichter. Die meisten freilich nahmen sie als das unmittelbare Zeugnis des Skape- speare-Jchs, das große Bekenntnis seiner Schicksale. Was hat man über Meran,wörtlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl',che Univerfitäts.Buch. und Steindruckerei. R. Lunge, Dieben. et3£ l^en wir nun aus diesem Sonettenzyklus? Das ist die Webe fönen ouBflen mit benen er in diesen Konflikt gekommen war. In ;t außerordentlichem Material unternommenen Beweisführung ^bte Th Tyler 1890 in dem Freunde den Grasen William Herber Pembroke, in der Dame die Hofdame Mary Fr t t o n gefunden zu h n ctiir xQ, bichterifcbc Erlebnis der Sonette lst die Kenntnis der ^rgestalttn natürlich nebensächlich, aber man hoffte, auch damit einen Schritt weiter zu kommmen. Was seitdem versucht wurde, um die aus■ b Lnrikwerk qewonnene biographische Ausbeutung auf bte Dramen anäu- wenben (Srant $ r r i 5 in seinem Werk: ..Shakespeare der Mensch unb seine tragische Lebensgeschichte") bas gereicht bem Ringen der Wl um bas Geheimnis bes Dichters zu hoher Ehre, so viel abstruse Phan- ^Daß ^das°Leben bes armen William aus Stratforb kein banales Dasein war ist unwiderleglich. Mit Achtzehn heiratete er eine um acht Jahre ältere grau, Anfang der Zwanziger geht er nach London er wird dort Schauspieler, Theaterdichter unb Theaterbesttzer; als °r über Geld verfügt erwirbt er in seinem Heimatdorf Hauser und Grundstucke. mit fünfzig Jahren kehrt er dorthin zurück, um mit zwemndfunfzig Jahren w sterben/ Daß sich ein wahrhaft tragisches Ringen abgespielt hat, ist offensichtlich. Er war Akademiker, der man sein mußte, um tm öüeratur betrieb der Zeit Aufnahme zu finden, noch gehörte er zum Sibel ober fanb leicht Zugang zu dieser Sphäre, bie allein Anerkennung und Ruhm verteilen konnte Der größte Menschengestalter kann kein Durchschnittscharakter gewesen sein, selbst wenn man der Phantasie den höchsten Anteil an seinem Schaffen zumeist. Was Hamlet und Romeo, Othello und Timon erlebten, das muß erst den Dichter durchschüttert haben, ehe er es sozusagen vermochte, daß es die Nachwelt als Offenbarungen der letzten menschlichen Geheimnisse begreifen konnte. Daß er aus den ersten 2onban?r roilben Jahren durch unermüdliche Arbeit aufstieg zur Läuterung und Reife, baß ihm nichts erspart wurde an inneren und äußeren Kämpfen, das muh jedermann spüren, der den Blick über diese lapidaren Fakten seines Lebens gleiten läßt. Der wahrhaftige Shakespeare steht in seinen Werken. Welands letzter Flug. Bon Hans Friedrich Blunck. In der Saga von Weland, dem kunstreichen Schmied, dem Sohn der Riesin Böia, den König Riod durch Zerschneiden der Fußsehnen lähmte, wird im Bereich der germanischen Mythen der alte Sehnsuchtstraum des Menschen gestaltet, sich dem Bogel im Flug vergleichen zu können. Was sich in unseren Tagen erst erfüllte, ist dort mit seherischer Kraft vorausgeahnt worden. In der dichterischen Nachschöpfung der „Urvaterjaga , der großen Romantrilogie der germanischen Vorzeit von Hans Friedrich Blunck, die jetzt als Volksausgabe tm Eugen Diederichs Verlag in Jena erschienen ist, klingt uns dieser Mythus vom fliegenden Schmied und seinem schweren Schicksal mit großer Eindringlichkeit entgegen. Wir bringen aus dem Werk das Schlußkapitel über den letzten Flug Welands in den Götterhimmel. Welands Hammer ging Tag um Tag wie einst auf dem Fels Rauchzahn. Die Feuer leuchteten aus der Schmiede, bte Balge stöhnten. Klirrend fiel Gefpäng in die zischenden Wasser, rote Stangen bogen sich zu Schwingenrädern, Gelenke lagen oben und unten, Schienen liefen von einem Flügel zum andern und weiteten sich wie um einen riesigen Leib, der sich zwischen den Flügeln einpressen wurde. Ein Gerüst schlug Weland doppelt so groß wie das aus dem Rauchzahn und vielfältig versteist. Von Zeit zu Zeit legte er Feuer an den Berg, zerschlug das Gestein mit ungeheurer Kraft und schmolz eine Wanne mit rotgoldenem Kupfer aus den Trümmern Er wies sie einer, bie nahe war, ohne bah er sie sah, mit ber er sprach, ohne bte Lippen zu öffnen. Dann hämmerte er das Erz zu Flügelfpangen. Zwei große Steine hielt Weland abseits, schmiedete Ringe daran unb übte sich und schwang sie, als seien es Flügel unter feinen Armen. So gewaltig war fein Spiel: viele Elbische kamen und sahen ihm zitternd zu. Tag um Tag lärmte es aus der Schmiede. Tag um Tag wuchsen die Gerüste weiter aus der Klippenhöhle heraus. Die Sonne spielte morgens in den roten Gräten und Stangen der Flügel und hätte über den See bis zu den Göttlichen blinken müssen. Aber Frau Fria zog aus Dampf und Schwalchhitze Wolken vor den Schmiedehang, so daß niemand sehen konnte, was dahinter im Werden war. . Als Weland die vierte Wanne Erz verhammert hatte, stand das Gerüst der Flügel fest an den Fels gekettet. Das Werk hatte den Schmied indes so sehr beschäftigt, er hatte noch wenig für Felle unb Federn gesorgt, bie er bem Gezähn einspannen mußte. Da ging er aus, um zu jagen. Die Insel war jeboch leer geworben, bie letzten Tiere waren um- getommen ober entflohen Wenig fanb Welanb Tag um Tag suchte er ,id,Da0efann fk'bie ganze Nacht, wie sie mit Leid unb Mantel zur vor den Dornen nieder, wie sie vor dem Apfelbaum gebetet hatte. Bis ber Morgen sturmrot im Osten stand, flehte Sintgund den: Dorn- bufck an Aber er durste sich nicht öffnen. Da berührte sie seine Zweige, um sie zu erheben, und es ging solch eine süße Stärke von ihr aus: wo ihre ickneeweißen Hände die Dornen berührten, wuchsen melblattrige Rosen daran, weich wie ein Daunenlager. Als Sintgund das sah, sang fie leife überstreifte alle Zweige mit den Händen und üeß sie voll weißer Blüten' wachsen, daß sie wie in einem Pfühl kniete. Was unter und über und neben ihr war, alle Zweige wurden von großen, springenden, huftenben Blumen überbrängt; wie ein taftenbes Kind tonnte bie ®lau« big? uSefäKt unb ohne Leid, Schritt um Schritt, sich burch den ^°Unb"si^kam"die" Hände noch voll von Rosen, am hellen Tag leiblich zu dem an der Esse und reichte ihm ihren Mantel für seine Schwingern 3 Da wurde aus Welands Zagen ein Sturmiauchzen; er schne in a , Wetter hinaus, das von Westen gegen den roten Osten fuhr, er spannte bas feste Tuch in alle Oesen und Gelenks, bie dafür bereit waren Sint- aunb half ihm sie ließ ihn nicht aus den Augen m ihrer Hellen Liebe. 9 Schwerer ging ber Wind unb wehte in Kleidern und Haaren. Als sie fertig roaren, tarn eine Bö, heftiger als die Morgenwinde. Der Hunm-l wurde von fliegenden Wolken bedeckt, unb bte Schwingen nffen an ben Setten Welanb fürchtete sich vor ben Böen, er wollte den Riefenvogel halten unb trat in das Gestänge, aus dem heraus er die F^gel fchwm- aen machen wollte. Sintgund fchlüpfte zu ihm, umschlang und küßte ihn. 9 3n dem Augenblick fuhr ein Sturmstoß von Westen auf und zer ß eine der haltenden Ketten, fo daß bie Schwingen sich ^rah9 hoben und am Fels zu zerschellen drohten. Da stemmte ber Gewaltige sich jäh mit seinen Knien gegen ben Stein, baß auch bte andere Kette mittendurch riß und er vom Wind hochgetragen mürbe Er glitt schräg ™b bann hob er bie Flügel mit seinen Armen unb schlug damit gegen den Westwind. Und obschon Sintgund ihn umklammerte, schwang er sich mit jener Kraft auf, mit der er die gelsblocfe batte tanzen lass , h?b sich, unirdisch schier, mit den Sturmro.rbetn hoher und flog, nue ein ungeheures Wunder, mit faufenden Schwingenhieben zu den Wolke hinein. Hindurch und hinüber trieb er, rote em Bogel, den die Bo pack, atemlos rang er sich aufwärts, schräg stürzend wieder aufgertchtet allem aus der ungeheuren Gewalt feiner Sehnen. Da wurde der Rebel ube ihm licht, ein ungeheures brausendes Morgengluhen kam und uberta die weiße Tiefe des Gewölks wie auch des Vogels goldene Flügel. Lau rief Weland die Götter zu Zeugen, raste mit feinen Kräften und r e fierrn Wodan selbst vor feine Burg. Und es geschah, daß der Gottervater stürmisch kam und, unter Weland fahrend, aufblicfte unb erstaunt ben gbtwnben Wgd E?Weland, &af) er ausruf)cn mußte: bie Gewalt der Flügel wurde müder, die Sehnen feiner Brust schmerzten vom Werk^ Und die Götter sahen es, fie fingen ihn und Smtgunb m ihren Mänteln auf Zwischen zwei Berggipfeln, dicht vor ber Holle ber Gotter, straudele ber Schmied, einem sturmgeblendeten Vogel gleich, ber wieder auffteige m°6?e halfen ihm alle, auch Herr Fro unb Dimnar, fein Vater Weland war dankbar, er wollte aber nur Atem ühopfen unb gieiffl noch einmal zu ben Schwingen greifen, voll Furcht fern Werk ei nach nicht zu Ende Die Himmlilchen lohen tedoch, daß er vor Mudigie blutete, unb boten ihm für bieten Tag Rast. Unb sie berieten sich unb entästeten Weland weil er sich über Herr Wodans Sturmwolken erhoben hatte; ber große Landrichter heute b ©ötterfSmieb vom Leib seines Erbenwegs unb oom Fluch, ben er über bie Welt getragen hatte. Da knüpfte Sintgunb ihre SSurze out un° schüttelte weiße Rosen, wie fie zuvor nie gesehen waren, ben GoMiSen vor bie Füße. Unb bie Blumen schlugen Wurzeln und rankten sich aiy unb umkränzten Burg unb Pfosten zu einem Hochzeitsfest hoch unterm Himmel. ___ S. ! di- «n. If«. w. und fanb nur geringes Getier. Keine großen Schwanenzuge w,e am Meer flogen über bies Eilanb. m Aber Sintgunbs Wünsche, bie ihn geleiteten, brauchen so f°m- We- lanb sah bie Magd schlummern, während ihr Traum um ihnwar.Seine Lippen bebten vor halblauten Worten unb riefen unb flehten, baß sie mack werben unb zu ihm kommen möchte. Sintgunb lächelte aber sie schlug bie Liber nicht auf. Rur ber Dorn Buße der Einsamkeit noch lange wahren sollte. Als die Magd im Rosendorn nun fein Verlangen spurte, wurde auch ihre Trauer unb auch bie Ungebulb ihres Traumes fo stark, baß sich her Kauber über ihrem Schlummer ein wenig hob unb fie bte Augen auffchlu? Unb Sintgunb fanb sich in einer Klipphütte, von Dornen ^Da "ickloß"fie bie Liber, fühlte sich im Traum wieder Weland nahe x t c :un Dor hxn leeren Schwingen hocken unb, ben Kopf gestiitztz berbejn?n,^a” no% an ben g^gelnWe. Ihr und maß die Breite des Mantels, in dem sie eingefchlummert war, es schien ihr, als ob fie beide Flügel damit würde befpannen können Darüber erwachte Sintgunb zum anbern Male, tastete sich hblaf* trunken vor bie Tür ihrer Hütte unb fragte aus ihrem verwundenen Schlummer den Wind und alles winzige Getier, wie sie zu WAanb föme ^nur einen Augenblick. Aber die Dornen drohten ihr unb hoben