Nummer 20 Montag, -en \2. März Jahrgang 1(954 Kleiner ©ie&e"' scherzte ute der und sie n späte- endbrot > neuen ien Sie sen wir iffen ja, nicht so eute im hlichkeit ich nah- lehten ekalbert ' fertig, W h einem er ihr d"Aus dem blanken riesigen Flugdeck vor dem Hintergrund wuchtiger Decksaufbauten — lange Rechen Hummer Gesichter blicken geradeaus über See in den roten westlichen Abend, wahrend der Kommandant dem Andenken eines Braven warme kurze Worte spricht. Nun tritt der Staffelführer an die Bahre, sieht einen Moment schweigend auf das verhüllende Flaggtuch: März. Von Dr. Owlglaß. Der Himmel blaut, tief in sich selbst verloren. Verträumte Wolken ziehen ihre Bahn. Fern ruft ein Hahn. Die erste Biene summt dir um die Ohren. Wie Silber glänzt, wie altes Gold, die Weide im stillen Licht, das durch die Täler schwebt. Die braune Erde webt mit leiser Hast an ihrem bunten Kleide. Mit steinernem Gesicht geht Pilot Leutnant Pratt den langen "aufklarendem ^Wetter in früher abendlicher Dämmerung „Klchner Wachdienst, dienstfreie Besatzung an Deck, Antreten zur htm itt würde, feinen 9*e mit «en _ 'fahren aachljch r Ser, 1 dürfe, Argen nruga- ber ge- elockert 3 ihres i"t; und keinen de nun itfpäte! a roten cht aus erbitten igesetzte zeigen, ■i besaß sich die brachen Hut im - Fräu- Männ- ;t einem fragte: er sich -orgfalt, Minuten indigten sen ihren Fasi- itett mit Schweiz zurück- z übrigwartend, et mtß- nen auf f Fiüu- reitschaft ; Bereit- n°u>e»E ken: das rken,609 -ine Tocht-^ ihm fei« behalf nal Gießener,tsamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Regen. Und voraus schieben sich tief hängende graue Wände rn den Blick — Rebel! Ah, endlich! Rach Hause! - Der Staffelfuhrer geht über den rechten Flügel ab, Nr. 2 folgt, jetzt kommt Dan: Mit mechanisch gewordenen Griffen kippt er die Maschine über rechts, Drehen in den Sturzflug — vorsichtiges Anziehen — Dan landet 300 Meter tiefer und 100 Meter hinter 1 und 2. — Vollgas zum Einholen der beiden. Nr. 1 verhält etwas für den Nachkömmling, keine einfache Sache bei solchem Schiebewind und der hohen Eigengeschwindigkeit! — Dans Uhr zeigt: eine Stunde Flugzeit, die Kontrollen: alles in Ordnung. Etwas später: dicht unten schießt em langer grauer Schatten vorbei, also „Sarratogcst schon überflogen! Die Staffel wendet — einer hinter dem andern ziehen sie abwärts, großer Abstand, Gas weg - dem Vordermann Zeit lassen zum Aufsetzen! Aus dem breiten Flugdeck prallt „Mary leicht auf sanfter Sprung, dann faßt ein Deckspannseil den Schwanzhaken, anschwellender Ruck mit scheußlichem Kippen nach vorn — Dan flucht jedesmal brüllend — vier Maschinen werden zum Fahrstuhl gerollt, während vier Männer in regennassem Leder, dick wie Taucheranzüge, zum Rapport stelzen in Richtung Brücke. Im Depot empfängt Nelson strahlend die großen Vögel. Jeder einzelne ist ihm ans Herz gewachsen. Bei „Mary angekommen, stutzt er aus den ersten Blick: „Ist sowas möglich? — Barry!" "Sehen' Ssi?sich mal diese Schweinerei an, haben Sie das vor dem Start nicht gemerkt?" - In diesem Moment poltert Dan Pratt ins Depot, noch im Fliegerdreß. Der Bär" bat sein Gleichgewicht wicdergefunden: „Danny, Mensch, du hast mehr Glück als Verstand, wolltest wohl »ns alle bombardieren? — Fliegt der Kerl mit. einer scharfen Bombe los. Dan steht und starrt auf das blanke längliche Ding, das dort leicht nach vorn geneigt unter dem Führersitz hangt. Mit einem kalten Gefühl im Rücken wendet er sich zu Nelson: „Alter Freund, ich mutz immer an die Fangseile destken — sie konnten ja auch statt des Schwanzhakens die Höllenflasche erwischen bei der Landung!" * I Undermüdlich teilt „Sarratoga" graue Nebelvorhänge über bleiern-glatter See. In allen Flugzeugdepots pulsendes Leben der ständigen kleinen und großen. Reparaturen.ani einigert 70 glug= -engen. Auf Deck und von der Brücke scharfer Ausguck der Wachen. Me sichthemmenden dicken Schleier sind ein böser Feind nur undeutlich erkennt man Bug und Heck, Positionslichter sind gesetzt. „Funkspruch der Schlachtkreuzer-Division: Uebungen beenden, San Diego anlaufen - stop Flugmotoren Jagdeinsttzer englisches Bristol-Jupiter-Muster auswechseln — stop Geschwaderstandort aufsuchen!" Erwartungsvoll steht der Ordonnanzoffizier vor dem Kommandanten. Der liest und wendet sich dann an fernen „Ersten . Wir werden froh sein, wenn wir wieder mit unserm eigenen Material fliegen lassen können." — Ein weiteres Wort unterbricht I das Schrillen der Telephonklingel. Lange hält der Kommandant den Nörer am Ohr, hört stumm einen Bericht, dann: I Meine Herren. Depot 11 meldet mir, daß Chief Nelson, durch einen zurückgeschlagenen Propeller schwer kopsverletzt soeben in I sQa Aararett übergeführt wird — einer unserer ältesten und besten I Befahrenen — Ich gehe hinunter: Johnson, Sie übernehmen das Schiff!" I Vor"dem' Eingang zum Lazarett warten Dan Pratt und andere I dienstfreie Kameraden aus den Bescheid des Arztes. — Nach einer halben Stunde, große Augen heften sich auf die Tur, I öffnet sie ein blasser Lazarettgehilfe: I „Der Kommandant selbst hat bis zum letzten Augenblick seine Pazifik-Kämpfer. Von Peter Stassen, GDS. Naßkaltes Wetter im nördlichen Pazifischen Ozean. Ein rauher Wind pfeift durch die Antennen der „Sarratoga , Flugzeugmutterschiff der II8^..-Flotte. s Lange flache gläserne Berge wandern heran unter dürftigen Schaumkämmen, aber mit unheimlich stetiger Gewalt, einer hinter I dem andern. Donnernd gehen die Brecher über den Bug. Trotzdem stampft das Riesenschiff mit nur wenig verminderter Fahrt ^'^Schlechte^ Flugwetter, noch schlechtere Startmöglichkeit auf dem I ^Soeb"Ewu?de°für'Staffel 6, Jagdeinsitzer, Aufklärungsflug angesetzt. * Unter Deck, in einem der Flugzeugdepots überwacht Sergeant I Nelson genannt der „Bär", das Tanken von Benzin. Breitbeinig I bleibt er vor „Mary" stehen, der Staffelmaschine 3, die gerade zum I S,ÄÄ*Ä- ßSÄ W«“,«»•« --.-'»s Propeller hervor — Nachdem auch die vierte Maschine im Auf- I kug^nach oben verschwunden ist, saust der »Bär" mit Volldampf hinüber in die Messe. Richtig, Dan ist drin und kramt in seinem ^Donnerwetter, Mensch, deine Maschine ist oben, und der Chef bei solchem Wetter sicher auch, was suchst du? — Marine-Luft- »ÖS Sffi1? S.ÄÄ« «6et D-m itl Ich«» d„i» dl- e««;“'-.! ^Auf"dem'^lugdeck"halten""Mannschafte^ die mer Maschinen ZKSWWBM- «Ly°r ME« «*««■-_ q6 ---Heben der Arme — fier — donnernoer saust der Vogel - und^daS noch dreimal. -Mit^vehender^ sahne steigt der Letzte, Dan, in den flw ä werden klein — und schräg übereinander ichaukelnde dicke Punkte weroen unsichtbar — westwärts. * Mit 350 Stundenkilometer^rasen äie °Avou d^Staffel^ gegen den Sturm aufwart». » Maschine aus einem Lust- mal", knurrt^Dan Pratt und> rerß!. die (in£§ hinüber zu loch, während er gleichzeitig zu fernem J war weit schielen versucht, der ebenfalls tolle tz-prung«v » ,e(t ftur der Alte wohl hinaus will bei diesem Wetter? « ’ ’ {eine um den 1000 Meter unter ihnen. . _ g-Esicht! Neue Schwierig- „Wir übergehen die sterbliche Hülle unseres lieben Kameraden der ewigen See. Er fiel durch Betriebsunfall im Dienst der Kriegsflotte. Sergeant Mechaniker James Theodor Nelson, leb wohl ..." * „Sarratoga", Flugzeugmutterschiff der USA. Navy, dreht wieder in den Kurs: Alle Maschinen große Fahrt voraus auf San Diego, Kalifornien. Germanen und Kelten als Lehrmeister der Römer. Von Friedrich von Oppeln-Vronikowski. Der Titel scheint paradox, und doch bestätigt ihn heute die Altertumswissenschaft. Früher galten unbedingt die Römer als Lehrmeister der von ihnen unterworfenen oder bekriegten Völker, und in der Tat haben sie ihnen unzählige Kulturgüter vermittelt, die sich noch heute in den Lehnwörtern unserer Sprache ausdrücken: den Mauerbau aus Stein, Ziegeln und Kalk, den Wein-, Obst- und Gemüsebau und die feinere Kochkunst, den Marktverkehr und das Schreibwesen, ganz zu schweigen von den zahllosen Begriffen und Einrichtungen, die das römische Christentum den Nordländern gebracht hat. Aber schon in heidnischer Zeit haben die Römer den Einheimischen die Baumeister und Bildhauer für ihre eigenen Tempel und Kultbilder gestellt, wie es die sensationelle Ausgrabung des römisch-nordischen Götterbezirks im Altbachtal bei Trier aufs neue gezeigt hat. Vollends die vorgeschichtliche Altertumswissenschaft stand bis vor kurzem derart im Banne dieser klassischen Auffassung, daß noch ihre beiden großen nordischen Begründer, der Däne Sophus Müller und der Schwede Monte l l i u s, die vorgeschichtlichen Kulturen des Nordens aus denen des Südens ableiteten. Erst die neuere nordische Bodenforschung, die von der Erforschung des römischen Grenzwalles (Limes) an der Rhein- und Donanfront entscheidende Anregungen empfangen hat, führte den umgekehrten Nachweis, baß zahlreiche Elemente der klassischen Kulturen im Norden wurzeln und von den nordischen Wanöer- pölkern, die jene Kulturen schufen, nach dem Süden verpflanzt worden sind. Das gilt besonders von dem homerisch-mykenischen Haustyp, der aus dem nordischen Holzbau entstanden ist und sich im Norden bis in die jüngere Steinzeit zurückverfolgen läßt. Dieser Haustyp, der uns z. B. in der sog. Römerschanze bei Potsdam und auf dem Vaalshebbel bei Guben entgegentritt, hat sich dann, in Stein übersetzt, in den mykenischen Herrenhäusern von Troja, Mykene und Tiryns fortgesetzt, aus dem später der griechische Tempel entstand. Ein besonderes Verdienst um die Aufhellung dieser Zusammenhänge hat sich der Altmeister der Vorgeschichte Carl Schuch- Hardt durch seine zahlreichen Ausgrabungen wie durch seine gelehrten Bücher erworben. Jetzt hat er auch den Nachweis geführt, daß die Römer sich in ihrem Befestigungswesen vieles von den Germanen und Galliern angeignet haben. Sein vor einiger Zeit in der Preußischen Akademie der Wissenschaften gehaltener Vortrag „Die Römer als Nachahmer im Landwehr- und Lagerbau" liegt gedruckt im Buchhandel vor. Schuchhardts Untersuchungen beginnen mit den römischen Grenzwällen in der Dobrudscha zwischen Constanza am Schwarzen Meer und Cernawoda an der unteren Donau, die einen älteren, nach Süden gerichteten, also vor den ihrigen erbauten und gegen sie gerichteten Grenzwall durchschneiden. Dieser älteste Wall stammt wahrscheinlich von den dort wohnenden germanischen Bastarnern und hat den großen römischen Erdwall des Kaisers Domitian und den späteren steinernen des 4. Jahrhunderts zum Vorbild gedient. Der des Domitian ist das älteste Beispiel eines römischen Grenzwallbaus, wogegen die Anlage von Landwehren bei den Germanen von altersher üblich war und sich noch durch das ganze Mittelalter erhalten hat. Am Grenzwall der Angrivaren (Engern) an der unteren Weser, den Schuchhardt vor einigen Jahren wieder entdeckt hat, schlug Germaniens seine letzte Schlacht (16. n. Chr.) gegen Arminius. Der obergermanische Limes zum Schutze der römischen Rheinfront ist erst späterhin zur Landwehr ausgebaut worden. Er bestand ursprünglich nur aus einer Kette von Kastellen und vorgeschobenen hölzernen Warttürmen, die durch eine Grenzstraße miteinander verbunden waren. Erst 121 n. Chr. wurde er von Hadrian mit einer durchlaufenden Palisade versehen, die Antonius Pius durch Wall und Graben verstärkte. Römisch waren daran nur die Türme, alles übrige Nachahmung germanischer Befestigungskunst, insbesondere der Pfostenbau dieser Befestigungen, wie er uns schon in der oben genannten, von Schuchhardt ausqegrabenen Römerschanze bei Potsdam entgegentritt. Auch die Befestigung des ältesten Römerlagers auf dem Anna- berge bei Haltern folgt dem Muster der altgermanischen Volksburgen, sogar in der Anlage der Tore. In der nichtgermanischen Welt des Ostens und Westens, bet den Dakern in Siebenbürgen wie bei den Galliern und später bei den Slawen herrscht im Gegensatz zu dem germanischen Pfostenbau der Blockbau aus liegenden Hölzern, und so finden wir ihn auch bet den dakischen und römischen Befestigungen, die auf der Trajanssäule in Rom abgebildet sind, wie bei den keltischen und slawischen Burgen: Bibracte nach Caesars Beschreibung, Mittenwalde in der Mark nach Direktor Kiekebuschs Ausgrabung, merkwürdigerweise auch bei den Nordgermanen (Wikingern) Skandinaviens. Im Spreewald wie in Rußland und Skandinavien trifft man ihn noch heute an. Auch Karl der Große folgte dem gallorömischen Vorbild bei der Anlage seines ebenfalls von Schuchhardt ausgegrabenen Kastells tn Lenzen an der Unterelbe gegen die Wenden. Von den Kelten übernahmen die Römer, besonders bei ihren Befestigungen in England die eigenartigen Torverschlüsse (Clavi- culae) sowie die Annäherungshindernisse aus spitzen Steinen und angespitzten Pfahlreihen in der Sohle der Gräben, so Caesar bei Alesia und die Legionen am Schottischen Grenzwall. Ueberall also haben die Römer sich die Befestigungsweise ihrer Gegner zu eigen gemacht, und sie haben sich dessen nicht geschämt. Was ihnen nützlich erschien, übernahmen sie, und bald wuchsen sie ihren Lehrmeistern über den Kopf. Darauf beruht zum Teil das Geheimnis ihrer Weltherrschaft. Bismarck als Briefschreiber. Von Dr. Georg Böse. Die Dichter sind die berufenen Hüter der Sprache. So wie das Volk dem Strom ihrer Entwicklung immer neue Kräfte zuführt, so verleihen sie ihr auf den Höhen der Dichtkunst Adel und Würde, Glanz und kristallene Klarheit. Die Dichter lassen ahnen, wie weit die Sprache ewig fließender, geistiger Schöpfungsprozeß ist, und sie bewahrheiten durch ihr Wirken den alten Satz: „Am Anfang war das Wort". Glücklich aber ist die Nation zu schätzen, in der Männer des öffentlichen Lebens auch auf Gebieten, die dem Musischen ferner sind, sich den Sinn für die feinen Schwingungen der Sprache erhalten haben und sie weiterbilden, wenn ihre Gedanken aus der Sache heraus, die sie in nüchterner Leidenschaftlichkeit vertreten, schönen und echten Ausdruck finden. Ein solcher Mann, Reiniger und schöpferischer Bildner des Wortes ohne eigentliche Absicht, war der Schöffe Eike von R e p g o w, der mit seinem „Sachsenspiegel" nicht nur eine großzügige Zusammenfassung des deutschen Volksrechts vornahm, sondern der auch mit der Uebertragung dieses ursprünglich lateinisch geschriebenen Werkes ins Deutsche ein gewaltiges Sprachöenknml errichtete. Ueber zwei Jahrhunderte später wurde Martin Luther, aus dem heißen Drang des Reformators, dem Religion Volkes Sache war, durch seine Bibelübersetzung und seine Streitschriften zum großen Gestalter der deutschen Sprache. In diese Reihe gehört auch Bismarck: auch er verwaltet das wertvolle Gut der Sprache mit starkem Verantwortungsgefühl, ohne vorgefaßten Plan, einfach aus dem selbstverständlichen Gefühl des Genius, der sich ihm dankbar verpflichtet fühlt. Die sprachliche Zielsicherheit und kraftvolle Geschmeidigkeit hat seinen öffentlichen Reden gewiß nicht zuletzt den Widerhall verschafft, der Bismarck für einige Jahrzehnte zum ungekrönten Herrscher der europäischen Staatskunft machte. Selbst in seinen amtlichen Schriftstücken und in den diplomatischen Akten kann die zwangsläufig übernommene Form des Kanzleistils und der Höflichkeitsfloskeln die leidenschaftliche Gebärde des Tatmenschen nicht überwuchern. Um so eindrucksvoller wirkt in vielen dieser Dokumente die gebändigte Form, die fast immer knappster Ausdruck ist. Im privaten Schriftwechsel wird das Bild sofort bunter: wir stoßen auf eine Fülle von Stimmungen von einer behutsamen Zärtlichkeit, wie in den Briefen an die Braut und Gattin, bis zum Titanengrollen, vom eleganten Wortgefecht bis zum eiskalt und erfolgsicher ausgeteilten Hieb. Bismarcks Gestalt wird in ihrem ganzen Reichtum vor uns lebendig. Viele Menschen scheinen vor unseren Augen aufzustehen: liebende, hassende, nüchtern planende und leidenschaftlich erregte. Wir können kaum glauben, daß soviel Kraft, Vielgestaltigkeit und Weite, so viel Schatten und Licht in einem irdischen Wesen Raum fanden. Bismarcks Privat-Briefe gewähren uns den Anblick solchen Menschentums und schenken uns Farbe und Klang einer Sprache, die geschmeidig und kraftvoll zugleich allen Regungen, Gefühlswallungen und Gedanken treffenden Ausdruck verleiht und die das Märchen von der Sprödigkeit und Unbeholfenheit des Deutschen endgültig zerstreut. Die bei der Deutschen Verlags-Gesellschaft, Berlin, erscheinende und von Wolfgang Windelband und Werner Frauendienst gemeinsam herausgegebenen Briefe Bismarcks in zwei Bänden umsasien sämtliche Privatbriefe des großen Kanzlers: sie enthalten 290 bisher ungedruckte Bismarck-Briese, vor allem Briefe an Karl Friedrich von Savigny, Rudolph von Delbrück, Hermann Wagen er und viele andere. Diese neuveröffentlichten Zeugnisse aus Bismarcks Leben, besonders bis in die sechziger Jahre hinein, bieten inhaltlich zwar keine Sensationen, sie sind aber ein reizvoller Beitrag, mit dessen Hilfe wir gern noch einmal das Leben des Reichshegründers verfolgen. Mit Karl Friedrich von Savigny, dem Sohn des berühmten Staatsmannes und Rechtsgclehrten, war Bismarck seit seiner Aachener Zeit in warmer Freundschaft verbunden: erst später wurde er als einer der Führer der Zentrumspartei zu seinem heftigsten Gegner. Aus den ersten Briefen aus den Jahren 1837 und 1838 erhalten wir einen Einblick in die Seele des tollen, ungebändigten und überschäumenden Bismarck, der mit seinen Aachener Vorgesetzten in Streit liegt, der sich eigenwillig einen Urlaub nimmt, sich in ein Liebesabenteuer stürzt und aus dem Schuldenmachen nicht herauskommt. An Savigny schreibt er im August 1837: „Sobald ich meine Gläubiger zufrieöcngestellt haben werde, was hinnen einigen Wochen erfolgen wird, soll es mir gleichgültig sein, was man von mir glaubt." Und einige Tage später: „Den Urlaub möchte ich schriftlich haben, und zwar wie etwaige andere Schreiben unter der Adresse meines Vryders, der meine Angelegenheiten während meiner Abwesenheit besorgen und auch meine Aachener Finanzen in Ordnung bringen wird... Ich habe kein Vernünftiger könne von ihr verlangen, schon Mutter zu sein, und gar noch für eine Schwägerin, der sie tut Alter noch viel zu nahe stünde. Mit dieser Enttäuschung habe der Mann namens Schmitz das Haus des Obersten Bünzli verlassen, und — das sei ihm nun klar — aus der Ratlosigkeit dieser Enttäuschung habe er sich an seine Kameradin gehängt. Aus deren Händen, dessen sei er gewiß, würde sein Töchterchen eine kluge und gebildete Führung erfahren! , . Es war eine ziemlich lange Rede, die der Doktor auf eine« Mann namens Schmitz hielt, und es kam ihm nicht alles so glatt vom Mund: mit Engelszungen kann ich nicht reden, fügte er noch hinzu. Ich kann es nur sagen, wie ein Geschäftsmann seine Kalkulation darlegt. Aber ich hoffe, es deutlich gemacht zu haben, daß da nicht der oder jener, sondern ein wirklicher Mensch gebraucht wird! Das Fräulein, das jedes seiner Worte auch mit den Augen aufgefaßt hatte, den Mann, der das sagte, mit seinen Mienen und dem Versuch gelegentlicher Handbewegungen seiner sehr breiten, kurzfingerigen Hände in den Worten zu haben, senkte den Kopf nachdenklich auf ihre eigenen Hände, die immer noch auf dem Tischrand lagen. , Ich sehe ein, daß der Mann namens Schmttz ntcht diese oder jene Hausdame brauchen kann! sagte sie leise und hob die Augen nicht auf: Es müßte wohl eine Frau sein, die selber Kinder gehabt hat und sich auf Kinderherzen versteht. Ich zweifle nicht, daß er da bald jemand findet, wenn er ernsthaft sucht! Nein, eine beffere findet er nicht! begehrte der Doktor auf: Er mutz sich darin auf sein Gefühl verlassen! Aber Kamerad! mahnte das Fräuletn ebenso schalkhaft wie traurig und hob den Kopf mit dem schlichten Haar gegen ihn: Der Mann namens Schmitz kann doch noch gar nicht gesucht haben. Er ist heute mittag aus seiner Enttäuschung sogleich auf jemand ver- fallen, der eine kölnische Stimme hat und sich zufällig als die Tochter eines Studienfreundes entpuppte. Dieser Jemand ist ihm dankbar für das Vertrauen, und er sieht wohl, dah es diesmal mehr als bloße Hilfsbereitschaft ist: aber Ja sagen kann er nun leider nicht mehr! ~ t . Wieso nicht mehr? begehrte der Doktor zum andernmal und trieb sie so in die Enge, die, offenbar über das entschlüpfte Wort verwirrt, ausbiegen wollte, daß ihr die Scheingrünbe zuletzt durcheinander gerieten. Sich zu retten, berief sie sich auf die Unmöglichkeit, Fräulein Julie als Schwiegertochter in Köln zu begegnen, und daß der Sohn sich wahrscheinlich für eine Hausdame bedanken würde, die in Zürich Dienstmädchen gewesen sei! Wenn mein Sohn vernünftig ist, unterbrach sie der Dpktor, im Eifer den Mann namens Schmitz zu vergessen, so läßt er diese Jülli in Zürich und sucht sich ein Wesen wie Sie! Und merkte in seinem zornigen Eifer nicht, wie hoffnungslos er sich durch diese Offenherzigkeit verstrickte. , Mit ihrem Sohn wäre ich nicht über den Albis gegangen! wehrte sie ebenso zornig ab und saß schon da, mit beiden Händen ihre Schläfen zu halten, weil sie sich dieser neuen Ungeschickltchkeit ^"Nun also! triumphierte der Doktor und wußte nicht, über was. Und merkte erst, wie heftig er geworden war, als er sie weinen sah. Sie wischte zwar die Tränen, wie auf dem Meldeamt, mit ihrem Taschentuch ab; aber ihre Erregung ließ sich nicht fort- "^Doch schienen die geflossenen Tränen ihren Zustand geklärt zu haben. Der Doktor sah den Ruck, mit dem sie die Schultern fallen ließ, ihn aus verweinten Angen tapfer anzusehen: Ich habe mich herauslüqen wollen mit metnem Nicht-mehr, das mir entschlüpft war: Weil der Mann namens Schmitz mein Kamerad ist, darum kann ich nicht mehr seine Hausdame sein! Und als der Doktor sie mit einem unerforschlichen Bltck seiner wasserhellen Augen ansah, weil er ansing, ihre Weigerung zu verstehen, saate sie mit einem schmerzlich mtßglückten Versuch, zu lächeln: Wenn der Mann namens Schmitz wieder in seinem „Rheingold" sitzt, wird er wißen, wie recht seine Kameradin 6at@r weiß cs schon jetzt! stotterte der Doktor, als ob er aus einer Geistesverwirrung erwachte; und das Fräulein sah zu, wie er sich diesmal mit der flachen Hand den Schweiß aus der Stirn wischte und sein Haar in eine rührende Unordnung brachte. Aber da trat der Wirtssohn an den Tisch: Wenn es den Herrschaften recht wäre, er müße nun fahren! ’ Ja wir sind fertig! sagte der Doktor, indem er seine Uhr an sich nahm. Nur die Rechnung brauchen wir noch! Und während das Fräulein schon hinausging, beschrieb er der Saaltochter einen Kreis mit dem Zeigefinger über den Tisch, der ftin Notweinglas und bas Teegeschirr umfaßte: Es paßt nicht, scherzte er grimmig, aber es gehört doch zusammen! V. Es war noch hell, als die beiden in den Fordwagen stiegen, doch hing der nahende Abend schon in den Schatten, und der Gold- reacv im Westen gab dem Himmelsblau einen grünlichen Stich. Ist der Kamerad mir nun böse? versuchte das Fräulein die Stimmung zu klären, nachdem der Wirtssohn mit dem Gehabe eines vorsorglichen Chauffeurs die gemeinsame Decke über ihre ^Jn?^Gegenteu"sägte der Doktor aus der Tiefe seiner Gedanken und es mußte ihr über die Maßen unhöflich klingen, daß er auf'die herzliche Frage keine andere Antwort fand, auch wahrend der Fahrt nicht mehr sprach, als ob er an seiner Enttäuschung oder gar einer Bosheit brüte. leider in Wiesbaden exorbitant viel verspielt, über 1700 Taler, die zu anderen Zwecken bestimmt waren." Das Ende seines großen Liebesabenteuers meldet er dem Freund im Dezember des gleichen Jahres mit einigen wenigen Worten: „Als Nachricht wird es Sie vielleicht interessieren, daß meine projectierte Verbindung ganz und unwiderruflich abgebrochen ist, so daß mir davon nichts als die Erinnerung an vier sehr glückliche Honig-Monate nebst einem sehr bedeutenden aes alienum (Schulden) geblieben." Geldsorgen und immer wieder Geldsorgen: das ist der Inhalt einiger weiterer Briefe. — Der Teil des bisher noch unveröffentlichten Briefwechsels viele Jahre später aus Bismarcks Frankfurter Zeit ist ganz erfüllt von freundschaftlicher Zuneigung. Eine Aufforderung an den in Karlsruhe weilenden Savigny lautet: „Dienstag Abend ist mein erster Ball, fassen Sie einen plötzlichen EntschU in der Art wie zur Zeit von Fauguemont, und kommen Sie her dazu. Sie werden mir sonst vollständig misanthropisch. Ihre Gesundheit gebietet Ihnen zu tanzen, und meine Frau und ich bitten Sie dringend, seien Sie liebenswürdig und kommen Sie wieder einmal zu uns, ich sehne mich danach, Sie medisieren zu hören und der Abnehmer Ihrer Unzufriedenheit zu fern." Naturgemäß eutspinnt sich auch ein vertraulicher Briefwechsel über die Vundes- angelegcnheiten und wichtige Fragen der Außenpolitik. Besonders die Auseinandersetzung über die Wahl eines Oberfeldherren und über die Frage der Kriegsbereitschaft des Bundes ist zwischen den Beiden Anfang 1855 sehr rege. — Am Vorabend seiner Abreise nach Petersburg schreibt Bismarck mit einem Gefühl der Erleichterung, dem Frankfurter Ränkespiel entronnen zu sein: „Ich habe Gott sei Dank mit diesen Dingen amtlich nichts mehr zu tun und hüte mich außeramtlich in dem Brei zu rühren; es ist angenehm, für den kalten Aufenthalt wenigstens die Freiheit von Verantwortlichkeit für deutsche Politik zu erkaufen." Auch die Beziehungen zu Hermann W a g e n e r, dem Vorkämpfer des Konservativismus tut preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag, dem Gründer und Schriftleiter der „Kreuz- zeitung", spiegeln sich von der ersten Phase freundschaftlicher Zuneigung bis zu der Entfremdung in den siebziger Jahren lebendig in einigen dieser neuveröffentlichten Briefe. Von Frankfurt schreibt er 1852 an Wagener: „Die Leipziger Allgemeine ergeht sich wieder in Absurditäten über meine Abneigung gegen Thun*), die durch meine finanziellen Verluste bei Gelegenheit des Verbots der Kreuzzeitung in Oesterreich gesteigert sei. O Rindvieh von Korrespondent!... Man geht in Lappalien unter bei dtesem Bundestage. In der Preffache bilde ich hier die äußerste Linke, schwärme für freies Wort pp." Politische Gegensätze und vtelletcht auch Mißverständnifle führten Bismarck und Wagener spater auseinander. In einem Brief vom 8. September 1876 findet Bismarck aber herzliche Worte der Versöhnung: „Daß ich bis zu den Eindrücken, die ich nach vorstehendem in diesem Winter empfing, bemüht gewesen bin, die Ungerechtigkeit, mit welcher das Staats- Ministerium 1873 und die öffentliche Meinung seither gegen Sie verfahren ist, gut zu machen oder doch zu mindern, wissen Sw selbst... Wenn Ihr Schreiben vom 4. d.M. ebenso wie die zwei oder drei letzten schriftlichen Mittheilungen, die ich trn Laufe von zehn Monaten von Ihnen erhalten habe, wirklich den Eindruck nicht beabsichtigen, den Sie mir formell machten, so wird die etwaige Verschiedenheit unserer Wege in dem jedenfalls kürzeren Rest unseres Lebens für mich nicht das Band zerreißen körnten, welches 30 Jahre freundschaftlicher Beziehungen und äcmeinschaft- licher Kämpfe geschaffen haben." In dem gleichen Brtef findet sich mich der stolze Satz: „Das Mittel, Zcitungsangriffe durch Tribut- ÄrtOhtntT abrukaufen halte ich sür zwecklos, indem es meine An- Kifer°rei?t - und meinem persönlichen Gefühl widerstrebt es absolut." _________ Ein Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Fortsetzung.) 'Nachdruckverboten.) Und als sie die Hände an der Tischkante leicht ubereinander- aeleat zwar nur nickte aber auch nicht abwehrte, setzte er ihr den -- tine. D--«-»-»- 1«: D°, Man» namens Schmitz habe nicht nur bresen Sohn, mit dem er so merkwürdig verwechselt worden wäre, und seine^ Tochter yuoe nriTs siC einem Privatdozenten der Gynäkologie in Greifswald verheiratet"sei, sondern auch noch ein sehr spät nachgekommenes Töchterchen mit Namen Berta, desien Geburt vor beinahe sieben Jahren seiner Mutter das Leben gekostet habe. Dieses Töchterchen sei bisher von der alten Anna, dem Km^ermadchen, auiaetoacn worden; aber nun merke er langst, daß dies nicht meyr ginge Das Kind sei zart und nachdenklich; es stelle Fragen, die über 'das Antwortvermögen der guten Anna htnausginger^Er Ha6e mit Schrecken bemerken muffen, daß der kleine Kopf mu^or stellungen angeftillt sei, die mehr zu dem abergläubischen Kinder öK 8ustand^habeÄnbMann namens Schmitz veranlaßt seinen Sohn der eigentlich noch keine Lust zum Ehemann zeige mit der Heirat zu bedrängen, damit das Kind etne Mutter Wn° D-n» ä*. » “m «Reifen wie der Sohn auch, der schließlich andere E>eoan^n ™ Qouf habe als sein Schwesterchen zil unterhalten. Aber da» Sclach- brett seines Plans sei ihm heute mittag durcheinandergefallen^als er das Mädchen gesehen habe, nut öent sein Sohn in eine und Tanzliebelei geraten wäre. Sie sei ja selber noch Kino, nno *) Friedrich Graf von Thun, seit 1852 österreichischer Gesandter in Berlin. Minuten nach er die zurückleben könne! Das Fräulein hatte bei dem einen Wort „lrebe, das er zu seiner Kameradin in diesem Augenblick faflte, eruen Stich tm Herzen gefühlt, so daß ihr Schritt stockte. Auch danach war die Last ihrer Gedanken den müden Füßen zu schwer. Was ist Ihnen? fragte der Doktor besorgt: und seine eigenen Füße mahnten wohl mit, daß er fte bat, sie wollten sich eine Weile auf den Bänken da oben am Seeufer ausruhen. Sie könnten. e» doch nicht auf der Straße zu Ende sprechen, was nun gesprochen werden müsse! . Und als sie die breiten Granitstufen hinauf auf die Terrasse gegangen waren, die da am See liegt, und eine Bank genügend entfernt von den andern Bänken gefunden hatten, darauf noch mehrere Menschenpaare in den überglitzerten See hinaussahen, wie sie es tun wollten — Worte zu sagen, die ihren B^at und ihre Zartheit mehr da draußen fanden als in den eigenen Gedanken als die beiden wieder nebeneinander saßen rote in dem Wagen, aber nun waren ihre Zungen gelöst: da kam auchi der Doktor dazu, von dem zu sprechen, was ihm da oben am Albis rote eine Erleuchtung gekommen war und was er wahrend der schweigsamen Fahrt überdacht hatte. Was nun gesprochen werden muß, begann er, seine eignen Worte ausnehmend, wäre unmöglich, ohne das Gesprochene vorher. Auch so ist es nicht leicht. Sie haben mir zwar eine Brücke gebaut, die zu begehen für mich bequemer wäre. Ich könnte sagen was die Kameradin sich während der Fahrt ausgedacht hat, das sei zwar nicht richtig, aber es wäre nach ihrem Nein doch vorläufig ein Ja. Ich hätte indessen mit einem _ut dieser Art nur eine Frist gewonnen: und eines Tages säße ich doch wieder da, wo ich jetzt sitze. Vielleicht wären die Worte dann leichter, aber die Sache hätte ein anderes Gesicht: ich glaube, ein falsches! I So weit hatte der Doktor mit der Bestimmtheit wohl überlegter Sätze gesprochen: jetzt schüttelte er den Kopf und dachte nach. Nein, so geht es nicht! winkte er mit beiden Händen ab. Darf ich wieder, wie wir es taten, von einem Mann namens Schmitz sprechen, dem der Zufall eine liebe Kameradin auf den Albis geweht hat, die danach seine Hausdame wird? Es mag sich alles richtig anhören, womit die Kameradin ihr erstes Gefühl der Absage beschwichtigt hat: aber wenn es dann zu der Schlußfrage kommt, die mir bei der Gemütsart des Mannes namens Schmitz so unausbleiblich scheint, wie es unausbleiblich ist, daß mein Hut naß wird, falls ich ihn dort in den See werfe: wenn es dann zu I dieser Schlußfrage kommt, hat der Mann seine Kameradin selber entwertet: Er kann natürlich auch seine Hausdame heiraten, aber so sauber — vor der Welt wie vor sich selber — ist es nicht, rote I wenn er den Umweg nicht gewählt hat. I Der Doktor war nun schon so im Fluß, daß er über das Ent- I weder-Oder eines Mannes namens Schniih weitergesprochen hatte. I Seine Partnerin aber stand auf, mit raschen Schritten aus dem I Bereich seiner Worte zu gehen, fort an das Geländer, wo sie mit beiden Händen leicht aufgestützt stehenblieb, in den See hinaus- I zustarren, so daß er ihre zierliche Gestalt dunkel vor dem Ge- I glitzer sah, das der Mond nun schon stärker auf dem Welleuspiegel Bahnhof hielten. . _ .. Gute Nacht! sagte der Wirtssohn — als der Doktor dem Fraulein zart aus dem Wagen geholfen und ihm die geringe Forderung seiner Gelegenheitsfahrt bezahlt hatte die schweigsamen Fahrgäste ihrem Streit überlassend: denn ihm war es gewiß, daß | die beiden in einem heftigen Zank begriffen waren. Sie standen auch eine Weile so da, jeder vom andern einen Abschied erwartend, der sich nicht so begeben durfte. Dann war es wieder das Fräulein, dem zuerst ein Wort glückte: Zum wenigsten sollten wir unsere Kameradschaft Nicht in Unfrieden verabschieden! , Nein, das sollten wir nicht! gab ihr der Doktor lakonisch recht: und als sie sich einen letzten Mut nahm: Am Bellevue stände ihr Tram! Ob sie das Stück miteinander gehen wollten? antwortete er zweideutig: Hoffentlich noch ein langes Stück! Während sie dann gegen den Alpenkai schritten, wo die Stratzen- beleuchtung dem halben Licht die Schatten immer eigenwilliger abspenstig machte, war das Fräulein endlich so weit, von den Gedanken zu sprechen, mit denen sie in der stummen Wagenfahrt fertig geworden war. , Sie müssen mich für undankbar halten, Kamerad! begann sie leise: und als er kopfschüttelnd abwinkte, legte sie ihm bittend die Hand auf den Arm: Oder für eine alte Jungfer, die ein solches Angebot ans Zimperlichkeit ablehnte! Und als der Doktor zum andernmal, verbissen in seine eigenen Gedanken, abroinkte: Sie habe im Gegenteil mit jedem Wort recht gehabt! schwankte ihre Stimme zum Weinen hinüber. ES aeschieht mir recht, daß ich so bestraft werde mit Ihrem schrecklichen Gegenteil! beherrschte sie sich: Aber Sie müßen mtch doch zum wenigsten anhören, wenn ich ehrlich gutmachen will, was ich durch meine unüberlegte Weigerung anrichtete l Und während die beiden über die breite Straße nach der Seeseite binübergingen, sagte das Fräulein tapfer in die Schritte hinein daß sie sich einfältig benommen habe, ihre Kameradschaft so wichtig zu nehmen. Die sei schließlich nur eine scherzhafte Laune gewesen und habe schon im Hirschen ihr Ende gesunden. Jedenfalls nnd dies sage sie nicht ihrem Kameraden, sondern einem Mann namens Schmitz nach vernünftiger Ueberlegung: Wenn er nun nicht die Lust an den Launen einer gewissen Emilie Petersen Als sie sich dann endlich wieder nach ihm zurückwandte, und er sah ihr Gesicht in der halben Entfernung nur wie eine blasse Helligkeit unter dem schwarzen Hut, stand er von der Bank auf, sie zü erwarten. Sie winkte ihm ab und setzte sich schweigend an ihren Platz, ihn mit einer weitern Handbewegung bittend, daß er dies auch wieder tun möge. (Schluß folgt.) tanzen ließ. Der Doktor bezwang ein Gefühl, ihr zu folgen. Ich werde der Kameradin Zeit lassen müssen, diesmal die Gründe vorher zu finden, mit denen sie das erste Nein widerruft! überspitzte er seine vermeintliche Kaltblütigkeit. Und er ließ sich auch nicht beirren, als sie minutenlang regungslos an dem Geländer blieb, obwohl Sekunden zählte. verloren habe, würde sie sein Angebot dankbar annehmen, in der Hoffnung ihn nicht zu enttäuschen. Sie glaube, mit ihren Netgun- aen und Fähigkeiten jedenfalls in der Erziehung sentes Töchterchens besser am Platze zu sein als hier wo sie schließlich nur wieder einer geeigneteren Person die Stellung wegnahme. Der Doktor hatte ohne Widerrede zugehört, so daß sie meinen konnte, er erwäge und billige ihre Entschließung: er horte aber nur auf den Celloklang ihrer stimme, die weich und warm tn ihre gemeinsamen Schritte floß, mit denen sie unterdessen aus der dunklen Umschattung der Anlagen an den See herangekommen waren auf dessen blanker Fläche die Lichter von überallher öod) »SS in Ll°», »->, n°« »er U'° versunkenen Tages darauf lag und schon der Glanz des noch blassen Monblichts zärtlich darin zu spielen begann. Die Kameradin möge im Recht fein mtt ihren ®™nöen, öte sie sich unterwegs gegen ihre erste Entscheidung ausaedacht habe, versuchte der Doktor ebenso ruhig zu antworten, wie sie gcwro- chen hatte. Aber Gründe nachher seien leicht falsch: das erste Gefühl habe recht! Von ihm aus scheine das Fraulein Emilie Petersen wohlberaten gewesen zu sein, daß sie nicht tn 6te Förmlichkeit einer Hausdame zurück könne, nachdem sie dem Hausherrn. eine so liebe Kameradin geworden sei. Aus einer Hausdame könne eine Kameradin, aus einer Kameradin kerne Hausdame werden. Das Leben habe nun einmal die Eigenschaft, daß man es tu an Die Fahrt ging vom Albis mit weiten Kehren hinunter ins J Sihltal, so daß die anschwellende Röte der Berge bald von rechts, bald von links durch die niedergelassenen Fenster des Wagens hereinlcuchtete, bis sie hinter den Waldrändern versank. Der Doktor schien so wenig darauf zu achten, wie er seine Begleiterin ansah, die verstummt über diese Wendung neben ihm sav. Welcher Art diese Wendung in Wahrheit war, die siemit ihrer sreimütigen Erklärung herbeigeführt hatte, konnte sie weder dem lakonischen Wort noch den Mienen des Doktors entnehmen. un dieser Wahrheit war seine Schweigsamkeit nur eine &ar, mitcr er seine Bestürzung verbarg, mitten in einer Entscheidung I zu sitzen, von der er nicht wußte, ob sie eine Vernunft oder eine Torheit bereit hielt. Denn er machte sich nun nichts mehr vor, daß er sich bis über bie Obren in feine zierliche Landsmännin verliebt hatte. Von dem Augenblick an, da ihm der Celloklang ihrer kölnischen Stimme wi? Balsam ins Ohr floß, bis zu seiner Entlarvung 'M Hirschen war alles nur eine täppische Werbung gewesen, ttt 6er er sich durch die Verklebung des väterlichen Freundes öed. Kanteraden und | beloraten Vaters zu dem Liebhaber hindurchgespielt hatte, als der er nun in der letzten Verkleidung seiner Schweigsamkeit neben ihr saß: wenn er den Mund aufmachte, konnte es nur zu einer Erklärung sein, durch die seine Lächerlichkeit offenbar rour&e, tn seinem Älter ernsthaft an eine Heirat mit diesem Mädchen zu denken, das kaum so alt wie seine Tochter war: als ob er die abgelaufene Spule seines Lebens noch einmal aufwickeln könnte. Wenn ich es ihr in aller Eindringlichkeit schreiben könnte, überlegte er, wäre es leichter! Aber auch dann konnte er nachher nicht stumm aus dem Wagen steigen, sich mit einer Phraset verabschieden: er mußte ein Brückenwort haben, und das fand er nicht so eifrig er seine Gedanken absuchte. Es gab keinen Ausweg, er mußte die Sache noch heute ins reine bringen,, wenn er fte nicht selber durch seine Feigheit gefährden wollte, rüdem er dadurch weiß Gott welchen neuen Verwicklungen Zert lreß. Ein Mann zwar, dessen war er nun versichert, stak nicht di> hinter: aber ihre Natur, das hatte er genügend erfahren, lreß sich nicht gehen und nicht bereden. Natürlich würde sie wieder nein sagen: weil er sich schon in der Vorstellung, dann vor ihren forschenden Augen rote ein Jüngling Liebesworte sagen S» müssen, lächerlich vorkam, wurde der Doktor mutloser und verdrossener, je mehr sie sich Zürich näherten. Während im Sihltal die Dämmerung ihre grauen Tücher über Öen endlich sierbenden Tag auszubreiten begann, starrte er unentwegt auf den breiten Rücken des Fahrers, als wäre da Ltne Anschrift zu entziffern, die ihm helfen könnte: und erst, als ste schon zwischen vereinzelten Lichtern durch die Straßen gegen den Bahnhof Enge fuhren, fing er ans seiner Versunkenheit an, den Dingen um Ihn herum etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Serue Begleiterin sprach er auch dann noch nicht an, so daß ste zuletzt, verdonnert von seiner Schweigsamkeit, sich zu der Frage aufraffte, . ob der Kamerad sie nun ganz vergessen habe? Im Gegenteil! sagte er noch einmal, tat aber einen so tiefen Seufzer hinterher, daß sie nicht weiterzufragen wagte, bis ste am w lii lit ni B il) ih hi U ih ai ii H $ it Z tl ei e; ti tl D h il i 1 d t ! i s i t ! I i I Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drübl'jche Univerj itäts-Vuch- und Stetndruckerei. R. Lange. Dieben.