GiehenerZamilienlMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1954 Montag, den 12. Hebruar Nummer 12 Auf dem Maskenball. Von Gustav F a l k Die Geigen girren leise, Die Flöten flüstern so fein, Die Masken drehn sich im Kreise, Plump fährt die Pauke drein. Die Bläser blähen die Backen, Das Bombardon poltert wie wild, Da dreht sich auf zierlichsten Hacken Auf einmal das zierlichste Bild. Ein Seufzer der Klarinette, Ein zärtliches Ach der Obo, Tanze mit mir, Pierrette! — Kein Füßchen tanzte je so. Die Geigen girren leise, Die Flöten flüstern so fein, Die Masken drehn sich im Kreise, Ein Pfropfenknall fährt drein. Die Bläser blähen die Backen, Das Bombardon winselt wie wund. Den Arm um den reizendsten Nacken, Such ich den reizendsten Mund. Ein Seufzer der Klarinette, Ein zärtliches Ach der Obo, Küsse mich, Pierrette! — Kein Mündchen küßte je so. Karneval unter den Sternen. Von Claudia Bork. Als Gabriele gegen Mitternacht an der Tür des Ballsaales stehenbleibt, spürt sie schon die Helle Lustigkeit und die heitere Fröhlichkeit karnevalhaster Stimmung, Eine Fülle von Licht um« gleißt die Buntheit der Kostüme und überstrahlt die Schwärze 6er samtenen Masken, und vom Orchester her klingen eben die ersten Takte eines jener wiegenden und weichen Walzer auf, nach dessen schmeichelnder Melodie die Paare in zauberhafter Träumerei ru schweben scheinen. Warum Gabriele gerade heute ihr strenges Arbeitspensum unterbrochen hat, weshalb sie für einen ganzen Abend ihre geliebten Studien in der Bibliothek aufgab, obgleich sie besonders interessante wissenschaftliche Spuren verfolgte, dafür weiß sie auch keine rechte Erklärung. Vielleicht war es die wunderliche Ausgelassenheit, die in diesen Tagen überall in der rheinischen Stadt umging, vielleicht auch nicht als Sehnsucht, einmal fröhlich und unbeschwert zu sein, gewiß ist nur, daß Gabriele eine seltsame Unruhe und ein unerklärliches Verlangen spurt, einmal ganz anders zu sein äls sonst. . So heiter, so schwebend, so wunderbar leicht erscheint ihr alles, dieses flirrende auf und ab, diese herrliche Losgelöstheit, daß die vielen Abende, die sie einsam über ihren Büchern saß, hinblaßen. Sie erinnert sich, daß dies ihr erster Faschingsball ist, und inmitten all der Fröhlichkeit fühlt sie noch stärker, wie allein sie eigentlich immer war. Gewiß, sie ist vorwärtsgekommen, sie hat den Doktor gemacht und die ersehnte Stellung als Bibliothekarin bekommen, ihr Name wird in der Fachwelt ehrenvoll genannt, aber was sie in all den Jahren, erfüllt von der Unerbittlichkeck ihrer wissenschaftlichen Arbeit, immer wieder betäubt hat durch neue Studien und neue Ziele, jetzt spürt sie es schmerzlich, dar, Einsamsein. Mit einem Male ist all ihre gewohnte Sicherheit fort lind sie kommt sich so hilflos vor, daß sie froh ist, weil ber große Eckpfeiler sie fast verdeckt. Ihre Blicke folgen lehnsuchtig der gra- riösen Schäferin, die lachend mit einem Rokokoherrn nn grünen Samtfrack vorübcrgeht, um schon den Cowboy zu beobachten, der -einen Arm zärtlich um eine kleine Indianerin geichlungen hat. Eigentlich ist Gabriele richtig bange zumute, trotzdem sie das hochgeschlossene silberne Brokatkleid anhat, das nur tm 9iitr£en e n ' chmale Fläche ihrer sehr weißen Haut freigibt, und obgleich sie die glänzende Kappe mit den Propellern so tief über ihren Nacken- knoten gestülpt hat, daß kaum mehr als em paar rötliche Locken unter dem gebogenen Kappenranö bervorschimmern, und soga ihren blaßroten Mund noch von einem leichten chwarzeni Schleier verhüllen läßt, jetzt hat sie richtig Angst, genau wie damals vor dem großen Tanzstundenball, als sie nicht wußte, wer sie wohl zur Polonaise holen käme. Mehr als zehn Jahre ist das schon her. Gabriele lächelt traurig und weil sie sich ein bißchen trösten will, summt sie die Melodie des Faschingsliedes mit, das eben mit Tusch von der Kapelle gespielt wird. „Na, Propeller-Mädchen", sagt eine Stimme dicht neben ihr, „warum singst du so bescheiden im Hintergrund? Los — in volle Beleuchtung!" Und schon fühlt Gabriele sich fortgezogen und inmitten des fröhlichen Gewirrs. Daß ihr Begleiter einen dunklen Trainingsanzug trügt und eine winzige Baskenmütze auf den lichtblonden Haaren, daß seine Augen stahlblau sind und sein Mund energisch, das alles hat Gabriele nach dem dritten Tanz, einem Tango, festgestellt, und daß er Helmut heißt, weiß sie auch schon. Er hat eine so nette und lustige Art zu erzählen, daß Gabriele gar nicht anders kann als ihm zuhören, aber mehr als mal „ja" oder „hm" hat sie noch nicht geantwortet, als sie in einer kleinen Seitenloge sitzen und in hohen Kelchgläsern goldgelber Rheinwein zum Trinken einlädt. „Für Maskeraden bin ich sonst sehr", sagt ihr Gegenüber. „Wenn wir so in der Luft rumgondeln, haben wir oft genug Nebel-Brillen vor Augen, beim Fliegen, da können wir keine Maske brauchen!" Gabriele horcht auf. Fliegen, das war etwas, wonach sie sich schon immer gesehnt hat, so ganz nah den Wolken und Sternen zu sein, das scheint ihr wie etwas Unirdisches. So sehr träumt sic von diesem Erleben, daß sie fast erschreckt ist, als sie plötzlich vor der Tombola stehen und Helmut übermütig die Propeller ihrer Kappe rund um ihren Kopf sausen läßt. Zaghaft greift Gabriele in die Schale mit den weißen Papierstreifen,- Helmut steht dabei und lacht sie aus, als sie eine Niete hat. „Paß auf, jetzt krieg ich das Faltboot!" Aber obgleich er mit geschlossenen Augen in die Glücksschale greift, gewinnt er nicht sein ersehntes Sportgerät, dafür hält er etwas verlegen ein kostbar gebundenes Buch in der Hand, das er rasch durchblättert. Gabriele sieht ihm über die Schulter. „Chinesische Märchen", sagt sie, „Erstdruck, auf Pergament, handgepreßt." „Behutsam streicheln ihre schmalen Finger das seltene Buch und während sie zärtlich Blatt für Blatt betrachtet, erzählt Gabriele von all den wundersamen alten Manuskripten und Handschriften, denen ihre Liebe gehört, und sie vergißt ganz, daß sie im Ballsaal ist und daß Fasching ist, und daß sie zu Helmut spricht, so sehr ist sie wieder besessen von all dem, was ihr Leben all die Jahre erfüllte. Ob es bloß Verlegenheit ist oder noch etwas anderes, das wagt Gabriele nicht zu denken, aber Helmuts Stimme klingt mit einemmal merkwürdig unsicher. „Jetzt muß ich aufpassen, daß mir mein Propeller-Mädchen nicht davonfliegt!" und schon hat er sie untergehakt und während sie an seiner Seite die Treppe zum Tanzsaal heruntergeht, während wieder Musik aufklingt und Papierschlangen schwirren, bleibt Helmut plötzlich stehen und sieht Gabriele einen Augenblick schärf und prüfend an: „Propeller-Mädchen, wenn du keine Angst hat — ich mache jetzt meinen Probe-Rutscher, wenn du willst, kannst du mitfliegen!" Keine Sekunde zögert Gabriele mit dem Ja, stumm folgt sie ihm zur Garderobe und immer, wenn seine sportliche Gestalt in dem einfachen dunklen Trainingsanzng aus der Menge der bunten Kostüme auftaucht, freut sie sich auf eine besondere und nie gekannte Weise. Bis zum Flugplatz sprechen Gabriele und Helmut kaum miteinander, auch nicht, als das Flugzeug in der Halle noch einmal von Helmut sorgfältig überprüft wird, erst als sie langsam anf- steigen, höher, immer höher und die vielen Lichter der Stadt winzig unter ihnen sind und der Rhein nur ein dunkler Punkt ist unter vielen anderen, da kann Gabriele ihr Entzücken nicht mehr zurückhalten und ihre Augen schimmern feucht. „Traurigsein gilt nicht", ruft ihr Helmut zu und übertönt den Lärm des Motors. „Paß mal auf, wie du gleich lachen wirst!", und dann beginnt das Flugzeug in wunderlichen Kapriolen auf und ab zu tanzen, als wären sie noch im Ballsaal beim Fasching. Gabriele winkt den Sternen zu, und als sie plötzlich so inmitten der Wolken sind, daß Helmut das Steuer herumreißt und „Aufpassen!" schreit, da denkt Gabriele bloß daran, wie kümmerlich doch alle Phantasien ihrer Bücher sind gegen die Einmaligkeit solch einer Fahrt. Plötzlich fühlt Gabriele sich gar nicht mehr verlassen, sie weiß, daß noch viele herrliche Jabre vor ihr sind und daß alles nur darauf ankommt, den richtigen Gefährten zur Seite zu haben. Sie denkt daran, wie zaghaft und versteckt sie hinter dem Pfeiler stand, bis Helmut kam, und daß ste sich eigentlich immer versteckt hat, vor der Sonne, vor der Luft und vor allem, was hell und freudig war. Langsam gleitet das Flugzeug immer tiefer, der Erde zu. „Na, Mädchen, wie ist es, jetzt sind die Sterne fort und der Fasching ist aus", sagt Helmut, aber Gabriele findet, daß die Sterne immer da sind, wenn man sie nur zu sehen versteht. Astronomischer Karneval. Von I. O. Bringezu. Der Mond liegt auf dem Rücken, er schaukelt für sein Leben gern; sein Kalb tanzt vor Entzücken ein Föxchen mit dem Abcndstern und ist von irrer Liebe blaß. Der Bogenschütze, tränennatz, kann leider es nicht hindern, daß ihn die Jungfrau abgetan, weil sie der wilde Wassermann beglückt mit Zwillingskindern. O Karneval, o Karneval, auf Erden wie im Weltenall! Die Schlange beißt sich in den Schwanz, die Leier schlägt sich selbst zum Tanz, der Löwe löwt, die Ziege ziegt, der Krebs zwickt, toll und voll vergnügt die Jungfrau in die Waden. — Hier kommt nichts mehr zu Schaden! O Karneval, o Karneval! Der Stier nimmt eine Prise — Hatschi! Da stürzt ein Sternenfall jäh von der Himmelswiese goldrieselnd auf den Erdenball den Narren vor die Füße. * Die Fische unterdessen hat, gut in Essig eingelegt, der Große Bär gefressen... Münchner Fasching. Von Hans Brandenburg. Manche gibt's, die beteuern jedes Jahr, kein einziges Faschingsfest besuchen zu wollen, und halten dann doch nicht, was sie sich und anderen versprechen. Sie kommen aber oft mehr aus ihre Rechnung als diejenigen, die sich mit schädlichem Uebereifer hineinstürzen, mit der Furcht, etwas zu versäumen, mit zu hohen Erwartungen, die natürlich enttäuscht werden. Da geht man besser unfreiwillig, getrieben, verführt, unter äußerem Zwange. Man bringe den Tag vor dem Abend in Qual und Unbehagen zu, in leichtem Fieber wie vor einer Reise ins Unbekannte, ja wie vor dem Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende, man zanke sich bis zum gemeinsamen Aufbruch mit seiner Frau oder quäle die sonstige Hausgenossenschaft, weil die Garderobe nicht zustande kommen will, man beschaue sein Kostümbild im Spiegel voll Jammer und Ekel, daß man nun so aussieht, obwohl man alles, was man ist, seiner Arbeit, seiner Würde, seinem wohlgeordneten Leben zu verdanken glaubt, man werfe sich schließlich zerschlagen und müde auf das schon nächtlich aufgetane Bett, wo man in Schlaf versinken möchte, wie man es verdient hätte, ja, wie man es müßte. Alle großen Dinge wollen nicht so sehr frisch angepackt werden, darum ziemt es sich auch, vor dem großen Festrausch die Hemmung, das Sichwehren und Sichsträuben, die Angst vor Liebe und Tod und vor allen Abenteuern, die wir nur bestehen, wenn sie uns verschlingen. Denn der Münchner Fasching ist eine ernste Angelegenheit, nicht nur eine „Herrschaft des Prinzen Karneval", sondern diejenige einer weit elementareren Macht, die von Völkern, Religionen, Kulturen göttlich gesprochen wurde, das letzte Erscheinen des orgiastischen Festgeistes in einer entgötterten Welt Wer den Fasching gar nicht mitfeiert, kann von diesem Geiste doch tiefer ergriffen und beseffen werden als wer in ihm nur Unterhaltung, Witz und Amüsement erblickt, er kann dem Dichter Eduard Mö- rike gleichen, der sich monatelang auf eine Aufführung des „König Lear" gefreut hatte und dann noch vor der Ouvertüre beim Hoch- gchen des Vorhangs die Flucht ergriff. Man kann den Fasching also auch durch Nichtfeiern feiern und überhaupt auf alle Arten. Man kann ihn von Anfang an begehen, nicht nur wenn man unersättlich ist, sondern auch, wenn man nur durch viele Nächte und Feste, auch durch verfehlte und verunglückte, für einen oder mehrere Höhepunkte zubereitet, losgelöst, aufgelöst wird, kann die Nächte schließlich nur noch deshalb feiern, weil man an den Tagen nur noch vegetiert, oder man kann auch die anderen Menschen für sich arbeiten lassen und sich erst frisch und unverbraucht, in die letzte und steilste Woge werfen, die unbedingt mitreißt, kurz, aber gründlich und schön wie alles Glück. Man kann aus Uebcr- schwang hingehen oder der Not und Sorge zum Trotz, man kann als der erste kommen und als der letzte bleiben, der ein Fest bis zur Neige schlürft, man kann den Becher absetzen, wenn er am vollsten schäumt, man kann sich völlig verlieren, um sich im Alltag desto erhöhter und gekräftigter wieder zu finden, und man kann, wie der große Weise beim Gastmahl, es vielleicht gar über sich gewinnen bis zum Morgen „helle zu bleiben". Man kann sich gleichsam nur um sich selber drehen, trunken vom eigenen Blute, sobald ein einziger Takt Tanzmusik ertönt und der verhängte Mond eines einzigen Glühlichts farbig dämmert. Man kann, blind für alle übrigen, nur mit ein und derselben tanzen, oder mit ihr gar keine Zeit zum Tanz finden, und man kann, sowie wohl ein toller Reiter immerzu das Pferd wechselt und die Runde auf jedem als etwas anderes und neues genießt, von Arm zu Arm tanzen, daß kein Gesicht einer Tänzerin haften bleibt oder alle wie Göttinnen erscheinen. Man kann bas langweiligste Fest als das schönste in der Erinnerung behalten, wenn es die Partnerin brachte, auf die man gewartet zu haben schien, und das schönste als das langweiligste, wenn es unter allen zu erblickenden Gestalten die niegesehene vorenthielt, mit der man den Chor im Zweiklang gesammelt hätte, die gerade die Seele dieses einen Festes gewesen wäre. Man kann, beneidet von allen Männern, die schönste Tänzerin des Saales erringen, erhaben über alles Wünschen und Begehren — bewegt wie die Sphären, an unsichtbarem Faden in goldener Schwebe, und man kann ein armes Mauerblümchen erlösen, das dankbarere, bescheidenere, glücklichere Anmut ausstrahlt als alle die kalten und eitlen Siegerinnen der Schönheitskonkurrenzen. Man kann sich demaskieren, als einer der das ganze Jahr Masken trägt und nur im Fasching keine tragen will, und der darum nichts als eine äußere Hülle, ein neutrales Gewand brauchen kann, oder man kann aus purer Freude an der Maske Fasching feiern, an vielen Masken oder an einer einzigen, eingeborenen, und bringt sich nun dieser Maske für die ganze Nacht zum Opfer, niemals aus der Rolle fallend und doch glücklicher als alle die übrigen, die nicht wissen, was sie vorstellen und darstellen und nur genäschig an den Tischen der Freude sitzen. Nur der kann den Fasching nicht feiern, der Arme, der Acrmste, der niemals den Ernst und die Würde seines Namens, seines Alltags und Amtes abzustreifen vermag. Man kann, man kann ... man kann alles in diesem einen und wahren Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur darüber schreiben kann man nicht. Man kann, man kann ... nur den Rausch preisen; aber wer es tut, preist auch die Gefahr. Man kann ... nur die endlose Girlande der Feste, die irgendwo in früher Jugend, in ganzem und halbem Vergeßen, selig oder manchmal auch unselig verflackert, traumhaft durch die Finger gleiten lassen. Kann man es? Jeder Fasching war eine Feuerkugel, die in hundert Sterne spurlos zerplatzte. Aber irgendwie bleiben sie doch am Himmel stehen und leuchten über ein Leben hin oder gar bis in die Ewigkeit, wie alle Gestirne der Freude, die nur scheinbar vergänglich sind. Wann Hub es an? Ja, als es anhub, da waren die Künstlerfeske nur mit persönlicher Empfehlung, nur auf Einladung zugänglich, erst waren sie in der „Blüte", dann in der Schwabinger Brauerei, und als die berühmtesten schließlich in den Lüwenbräukeller übersiedelten, da wurden sie längst plakatiert, und jeder darf hin, der seinen Eintritt zahlt. Früher nannte man nur die halböffentlichen Feste Künstlerfeste und die öffentlichen allesamt Balpares oder Reövuten. Beide haben ihren Reiz und ihre Berechtigung, die Feste einer gleichgestimmten größeren oder kleineren Gemeinschaft und die Feste der Maffe, die alles Volk durcheinander mengen. Dieser Unterschied ist längst verwischt, aber er muß bleiben und sich darum immer wieder neu bilden. Immer wieder mutz der Fasching neu geboren werden in Schwabinger Ateliers, in unscheinbaren Hinterhaussälen, in kleinen Landhäusern vor der Stadt, sonst entartet er zum bloßen Geschäft. Immer wieder aber muß er auch seine glänzenden Nahmen und Kostüme schaffen, seine exotischen Tranm- länder und Zauberwelten, aber immer wieder mutz auch das von unten auf geschehen, immer wieder mutz es sich aus der unbekannten Künstleriugend erneuern, sonst gibt es nur noch Szenen und Klischee und Prunk und Masken aus dem Kostümverleih, nach historischen Bilderbogen, nach modischen Zeitschriften und fertig bezogenen Schnittmustern. Faschingsfeste sind keine Schaufeste, keine Ausstellungen, denn die schönsten sind die, die man als „Bild" nicht bemerkt. Und doch: wenn man zurückblickt und aus dem Wirbel der Erscheinungen, Räume, Festspiele, Festzüqe, Gestalten in die Erinnerung reiht, — welch unerschöpfliche Phantasie, Laune, Erfindung der Generationen Münchener Künstlerschaft, welche Mühe und welches Gelingen, welche Gestaltungskraft, an den Rausch einer einzigen Nacht verschwendet, oft von namenlos gebliebenen, lebendig verschollenen. oft von Berühmten, die doch in ihren Vilderrahmen längst nicht so Bedeutendes schufen wie in diesen spielerischen Festrahmen. Der Münchener Fasching ist eine Erinnerung daran, datz Kunst nicht voll gedeiht, in den „luftleeren" Ateliers und Ausstellungen, sondern daß sie Zweck und Auftrag braucht, Gelegenheiten, Zusammenhang mit dem lebendigen Leben und seinen Veranstaltungen, wirkliche, belebte Ränme, und daß sie Sinn und Krönung der Feste ist — eine Erinnerung, die fortlebt nur noch in den Phantasmagorien und Illusionen kurzer, schnell und für immer verrauschender Wochen. Krieg und Nachkrieg haben den Fasching nur verschwinden laffcn, um ihn neu zu stärken. Doch vorher schien er einmal ernstlich erschüttert durch die allgemeine Revolution des Gesellschaftstanzes. Die überfüllten Faschingsböden verwandeln schon immer den Walzer in ein Chassteren, und die Münchener Franeaise hatte stets den Menichenrhythmus und den Zweischrittdreher. Nur sind jetzt die biedcrmeierlichen schwitzenden Hopser zum schwelgerischen Schreiten geworden und die Kreise zu schrägen und schwankenden Raumrichtungen. Nur der Aschermittwoch mutz bleiben. Die Freude staut sich an der Grenze, dte Lust lebt vom Ende, wie das Leben vom Tooe, und ein unentwegter Fasching mit Kostümbällen um Ostern kann niemals ein Fasching sein. Aber der wahre Fasching sei — ohne Polizeistunde — das große Ventil, das die Menschen einmal im Jahr brauchen. Ist er zerstörerisch, so ist er auch schaffend. Und erzählt man mir von den vielen Ehescheidungen, die er verschuldet hat, so kann ich noch ganz andere Dinge erzählen von den Eheschließungen, die er eingefädelt hat, und von Weh und Kampf der Herzen, die der große Ruf der berauschten Stunde zu jahrelangen Entscheidungen aufrief, zu Schicksalswenden, in denen sie erstarkten. Meist aber weint man in die Kissen, als alter Lor noch einmal jung wie ein Kind, und steht doch am späten Morgen lachend auf, mit einem angenehm leichten Brummschädel und mit dem neusten Schlager auf den Lippen. Was waren wir nicht alles, was erlebten wir nicht alles! Wir machten die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Wir hielten die Läden geschlossen, damit es nicht hell wurde und die Nacht gleich in die nächste Nacht, das Fest in die Nachfeier übergehen konnte. Wir fuhren auf Wagen in der Maximilian- straße und brachten die Reste des Konfettis ein halbes Jahr nicht aus unserer Wohnung. Wir drehten uns wie Gespenster lautlos aus dem Teppich zehn Stunden lang zur leisen Nadel der unsichtbaren Saxophone. Wir tanzten am Aschermittwochmorgen den letzten „Frassäh" auf dem Bahnhofsplatz zur Pfeifenbegleitung der Nachtbummler. Wir waren grundlos glücklich zum Herzerheben und grundlos unglücklich zum Herzzerbrechen. Ein Fest hätte ein Jahr lang dauern und das Jahr ein Mondjahr sein müssen, um alles zu entwickeln, was es an Keimen und Abenteuern in sich barg. Hier waren die Hütten gebaut, wo es sich wohl sein ließ, Zelte, Lauben, raumlose Räume, zeitlose Zeiten, übernächtige Landschaften der Seele, die sich bunt aus wachem Traum erbauten. Du arbeitest, du hast deine Erlebnisse hinter dir, du wirfst alle Einladungen in den Papierkorb. Aber schließlich hörst du nur noch von Festen, jede Zeitung handelt davon, keiner erzählt dir etwas anderes, du bist der einzige vernünftige Mensch unter lauter Narren, und das heißt: du bist der einzige Narr. Du gehst schließlich auf ein einziges Fest, du bist das gerade diesem Verein schuldig, du bist vielleicht in seinem Vorstand — kurz, die Pflicht fordert dich, oder du gehst hin, um mitreden zu können. Aber der Faschingsbazillus hat dich, ohne daß du es merktest, schon vorher infiziert — du mußt dich ergeben oder du mußt in die Berge fliehen. Das Vom Toiengeist zum Fastnachisnarren. Die Entwicklung der deutschen Maske. Von Dr. Rolf Gärtner. Maskenwesen, das sich bei uns hauptsächlich zur Fastnachtszeit in seiner grotesken Buntheit entfaltet, ist über dte ganze Welt verbreitet und bei Sen Naturvölkern aufs engste verknüpft mit den religiösen Zeremonien. Schon daraus ersieht man, daß diese Vermummung einen tieferen Sinn hat, der aus den dunklen Urgründen menschlichen Glaubens und Aberglaubens emporgestiegen ist. Dasselbe aber zeigt uns auch die Entwicklung der deutschen „Mästereien", die auffällige Uebereinstimmungen mit den primitiven Formen aufweist. Diese Einordnung des deutschen Maskenwesens in die großen Zusammenhänge hat nun zum erstenmal der Basler Volkstumsforscher Dr. M e u l i in seinem grundlegenden Beitrag über die Maske zum „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" durchgeführt. Während man eine Zeit lang in allen Vermummungen germanische Gottheiten suchte und dann wieder alles Verlarvte aus der Antike und aus dem Orient ableiten wollte, erweist Meuli aus der deutschen mittelalterlichen Ueber- lieferung, die bisher zu wenig beachtet wurde, die selbständige Entwicklung der deutschen Maske, die im wesentlichen ebenso verlauft wie bei den Primitiven und in der Antike: „Es ist klar, daß eine so große und eigenartige Entwicklungsreihe nicht von einem fremden Volk übernommen sein kann. Für die tiefe Verwurzelung im alten Glauben spricht auch die Uebernahme und Pflege der Brauche in allen Schichten der Gesellschaft." Der eigentliche Sinn der Maskereien offenbart sich am deutlichsten bei den Naturvölkern. Sieht man von den Trerverkle,düngen ab, in denen der primitive Jäger das Wild beschleicht, sostno die Masken in der Hauptsache Verkörperung der „Totengeister, die das Aussehen der Toten nachahmen, nicht nur in der Gestaltung richtiger Totenmasken, sondern auch in der Verhüllung, Entstellung, Bemalung und Beschmierung des Gesichtes. Ebenso weisen die Masken-Namen, soweit sie diese unheimlichen und grausigen Gespenster genau zu bezeichnen wagen, darauf hin, daß es sich um Tote, Ahnen, und Seelen handelt. Diese Seelen-Mcwken haben zunächst die Furchtbarkeit böser Dämonen, die sich für ihre Abgeschiedenheit vom Leben zu rächen suchen, indem sie jeden Begegnenden schlagen, plündern, beschimpfen, vergotten oder ,hm sonst etwas antun. Aber der Mensch läßt sich diese Mißhandlung gefallen, denn er steht darin eine Sühnchandlung, die ihm Ruhe und Glück bringt: er will durch Opfer und Buge das Wohlwollen der „Ungeheuer" erlangen: er fügt sich dem „Geisterrecht, das die Maskierten außerhalb jeder menschlichen Ordnung und Gesetze stellt. In der überwiegenden Mehrzahl der Falle liegt das Maskenwesen in den Händen der Männer, und es wurde zur Zeit, da das Mutterrecht herrschte, von den Mannerbunden dazu verwendet, um sich bei den Frauen, die ihnen über den Kopf zu wachsen drohten, in Respekt zu setzen, und sie tüchtig zu erschrecken. Damit wird die ursprünglich religiöse Seelenmaske zum Frauen- und Kinöerschreck. Sie wird auch dazu benutzt, um sittenrichterliche Funktionen auszuüben, Schuldige zu bestrafen. Unbeliebte zu hänseln. Je mehr die Maskierten sich von dem Ernst ihrer Ausgabe entfernen, desto mehr werden sie schon unter den Naturvölkern zu Spaßmachern und Possenreißern: die vor allem Lachen erregen wollen. Der Humor triumphiert über den Tod: das Grausige wird ins Groteske verwandelt. Die gleiche Entwicklung läßt sich nun in der Geschichte der deutschen Maske aufzeigen. Auch hier geht der Weg vom unheimlichen Seelen-Dämon über kriegerische, richterliche Verlarvung zum Seelenpopanz und zur komischen Person. Wie überall erscheinen die deutschen Masken am häufigsten in jenen Epochen des Jahres, die von altersher als Schwarmzeiten der Seele galten, also in der winterlichen, von Sturm und Wolkenzug durchbrausten Dunkelheit der längsten Nächte, und in den Anfängen des Frühlings, da sich die Fruchtbarkeit in der Erde und im Blut regen. So sind diese Masken von Anfang an verknüpft mit dem wilden Heer, mit der Jagd der Seelen. Die germanische Ueberlieferung von den Masken ist erheblich älter und reicher, als man anzunehmen pflegt. Das älteste Zeugnis stammt aus einer Zeremonie, am byzantinischen Hof, die Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos im 10. Jahrhundert ausgezeichnet hat und aus der hervorgeht, daß im 16. Jahrhundert die Goten um Neujahr, in Pelz und Maske vermummt, Lärm- und Heischzüge unternahmen. Aus dem 7. Jahrhundert sind die langobardi-schen „Walapauze" belegt. Vermummte, die den Geist eines gefallenen Kriegers verkörperten und sich bas „Geisterrecht" zusprachen, Züchtigungen und Spitzbübereien auszuführen wodurch sie offenbar mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, denn das langobardische Recht setzt im Jahre 643 für diese Walapauze eine harte Strafe fest. Im gleichen Gesetzbuch wird das Wort „masca" als Schimpfwort unter Strafe gestellt, da es soviel wie Hexe bedeutet. Maske ist wahrscheinlich von Masche, Netz abzuleiten, bezeichnet also eine Umhüllung des wiederkehrenden Toten, daraus wird dann der Begriff des bösen Geistes, der Vermummung. Germanisch ist auch „talamasca", das mit dem Wort dalen, teilen, lallen, „kindische Dinge reden" zusammenhängt und auf die unverständliche, wohl auch komische Sprache der maskierten Geister hinweist. Andere deutsche Bezeichnungen der Masken offenbaren ein höchst altertümliches Bild dämonischer Wesen, die in Wind und Wetter öaherfahren, als unheimliche große Ltere oder als elbisches Gewürm erscheinen können, die Macht haben über Wohl und Wehe von Menschen, Tier und Pflanzen und deren Wirkung man in dem plötzlichen Auftreten rätselhafter Krankheiten, in unbegreiflichen Störungen der Naturvorgänge empfand. Diese Dämonen wurden von Vermummten, lärmenden Scharen dargestellt, die zu bestimmten Zeiten kamen, um Bußen durch allerlei Quälereien und Foppereien aufzuerlegen und Opfer zu heischen. Ihrem Aeußeren und ihrem Verhalten nach sind diese Erscheinungen als Geister charakterisiert. Die Gesichtsmasken, die sie tragen, heißen „Schemen", d. h. Schatten, wie das noch bei der berühmten „Schembart"-Maske anklingt: solche Masken bestehen aus Holz, Leinwand, Leder, ja aus Kupfer und Eisenblech, zeigen Bärte und tierische Verunstaltungen, „Teufelshauben" mit Hörnern usw. Gekleidet sind die Masken in Pelze und Rinderhäute, in Lumpen, Stroh- oder Laubhüllen. Die Pritsche der Narren ist wohl ein Ueberrest der Kolben und Schwerter, die die Masken der toten Krieger trugen: der Harlekin, eigentlich ein Höllen- mesen, behielt auch noch als Bühnenfigur der Posie sein Holzschwert bei. Die Schläge, die mit den Pritschen ausgeteilt werden, sind ein Nachklang der großen Sühne- und Opferhandlung. Der Spektakel, den bi'e Masken machen, ist eine typische Form zur Erregung von Furcht, aber auch glückbringend. Die uralten Lärminstrumente bestehen aus metallenen Hohlkugeln, aus Rumpelglocken, aus denen sich die Schellentracht des Narren entwickelte, aus Pfeifen, Ratschen, rasselnden Ketten, Kuhhörnern usw. Waffe und Radau-Erzeuger vereinen sich in den Peitschen, deren pistolenschußartiges Knallen mit großer Virtuosität ausgeführt wurde. Das „unmenschliche" Wesen dieser Masken erweist sich auch daraus, daß sie entweder stumm sind oder nur unverständlich lallen, grunzen, brummen, kreischen, bisweilen auch in Rätseln sprechen. Gespenstisch ist ihre Fortbewegnng, denn sie gehen niemals ruhig, sondern springen, hüpfen, tanzen, haben stets den „Geisterschritt", der auch noch in den Koboldsprüngen des Bühuen-Hanswurst bewahrt ist. In diesem tollen Benehmen, das auch heute noch als „Masken- Necht" gilt, lebt die Erinnerung an den Zug der „armen Seelen", des „wilden Gejaids". Doch gibt es auch freundliche und gute Geister, wie sich z. B. in der Unterscheidung der „schönen" und „schiach'n" (häßlichen) Perchten zeigt. Diese freundlichen Züge traten neben den derben und grotesken in der späteren Entwicklung immer stärker hervor und trugen dazu bei, aus den zunächst so unheimlichen und furchtbaren Totengeistern jene komischen Figuren zu machen, die wir heute allein noch in den Masken erblicken. Die Umgestaltung ins Heitere und Lustige, ins Prächtige und Festliche ging hauptsächlich in der höfischen und städtischen Kultur des Mittelalters vor sich. Die übermütige, verlarvte Schar, die mit Schimpf und Spott herumzog, die Gaben heischte und Schläge austeilte, wird in dem Mummenschanz und in den Umzügen der Fastnacht zu einer Possen verübenden Gesellschaft, gestaltet das Fastnachtsspiel zum groben Bühnennlk, die Karnevalsumzüge der Renaissance und die englischen „Masques“ zum künstlerisch verklärten Fest. In dieser Sphäre, die den dunklen Spuk des eigentlichen Maskenwesens weit hinter sich gelassen hatte, ist der bunte Tand unseres Faschings und Karnevals entstanden. Oer Sternenbaum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Das Weihnachtshans. Vis zum Herbst hatte sich Juppi, nach dem Beispiel des alten Titt, eine kleine Sammlung von Hölzern angelegt. Es waren verschiedenerlei Abfalle von Leisten, Latten, Brettern: große und kleine Stücke, wie sie ihm der Zufall fchenkte. Reichlich bemessene Schnitte hatten die gewöhnlichen Bäume geliefert: Fichte, Kiefer, Lärche, Buche, Eiche: sparsamer waren die nicht so häufigen Bäume: Platane, Ahorn, Kirsche, Nußbaum,- gegeizt hatten aber die feinen und seltenen: Mahagoni, Lebensbaum ... Jegliche Probe hatte ihre eigene Maserung, ihren eigenen Spiegel und ihren besonderen Geruch. Juppi freute sich daran, eigentlich war es seine einzige Liebhaberei. Sein Werkzeugkasten lag in der Ecke: die großen Geräte der Werkstatt hatten die kleinen des Kastens verdrängt. Von Zeit zu Zeit gelang es ihm, den hölzernen Schatz um ein neues Muster zu vermehren. Viele Wälder hatten an der Sammlung teil: eine vertraute Gemeinschaft war es, mit der er sich gern unterhielt. Auch zeichnete er fleißig und dachte sich herrliche Tischlerarbeiten aus,- meist waren es Möbel von den allerfeinsten Hölzern. Der alte Titt hatte wohl nie solche Bäume zersägt. Mahagonibäume waren ihm nicht auf die Sägetische gerollt, Lebensbäume nicht unter seinen Schneiden verstummt. Hätte der alte Titt nicht so bald das Zeitliche gesegnet, so wäre vielleicht Juppi Sägemüller geworden. Doch der Alte ruhte nun aus dem gleichen Friedhof wie Juppis Vater: die Sägemühle gehörte zum Heimatdorf. Aber Holz ist Holz, und das Tischlerhandwerk gefiel Juppl. Nicht aber das Tischlerhaus. Es bedrückte ihn eigentümlich, und er sehnte sich oft fort. Beständig verfolgte ihn auch das Sarggesicht. Im Haus lagerte dumpfe Moderluft, als faule irgendwo Holz und Hausschwamm. Die enge Gasse hatte wenig Sonne, nur abends empfing sie ein paar goldene Streifen. Jetzt, in den Herbstnächten, legten sich die Nebel auf das Pflaster und feuchteten die Steinplatten im Hausgang. Juppi war die gesunden Düfte und Wohlgerüche des Waldes gewöhnt: vor seinem Kammerfenster bei dem alten Titt hatten die Tannen und Kiefern ihre grüngoldenen Weihrauchfässer geschwenkt und Harzaiem ihm zugewölkt, wenn er nachts in seinem Bett lag. Was war es doch für ein gesunder Schlaf gewesen, den am Morgen die Vögel mit ihren Waldtrillern lustig störten. Wie ein Eichhörnchen hatte er die ganze Nacht ruhig durchgeschlafen bis in die helle Frühe. Hier aber erwachte er so häufig in der Nacht vom Dunst der Moderluft, die ihm Kopfweh verursachte. Man konnte wahrlich meinen, sie entquölle einem Sarg ... Er träumte einmal, wie sich der Meister anstrengte, den Sargdeckel zu schließen, damit die Fäulnis nicht herausstänke, und wie es ihm doch nicht gelang, wie der Sarg aufplatzte, Grünes ausspie und der Deckel mit einem harten Schlag zu Boden knallte. Dann fuhr Juppi auf und starrte in das Dunkel, darin der schlafende Otto sägte. Wie ein Holzwurm raspelte und feilte der Schläfer. Und das Haus hauchte Totenluft... Nun war es Herbst geivorden, trüb und nebelig. Mürk hatte seine schlechte Laune, der Meister war mit Otto über Land, der Obergeselle führte das große Wort. „Heut stinkt es wieder in allen Ecken", schimpfte er, seine Mißstimmung auslüftend. „Nach altem Käse, nach Limburger Fähnrich. Man sollte wahrhaftig ’n Streichholz wegwerfen, damit die Bruch- Vude aufflattert. In so 'nem Kaff geht man kappores. Bei den paar Knöppen. Man tat besser Bankarbeit machen. Gestank mutz man hier fressest und den miesen Hanf der alten Kinkel da oben, die einen blotz beschwatzt und bedibbert." So knurrte und sluntschte er den ganzen Morgen. Er schwitz die Werkzeuge herum und feuerte die Laten in die Ecken. An Juppis Kopf flog der Leimpinsel. Die Möbel wuchsen unterdessen heran und bekamen Farbe. Den Werktischen und Hobelbänken entsprangen andere Tische, runde und viereckige: Stühle gingen aus Brettern hervor, Hocker und Bänke: Waschtische entstanden: Schränke gestalteten sich. Zuweilen schob sich ein Sarg dazwischen, ivenn jemand im Ort oder in der Umgebung gestorben war. Solche Arbeit jedoch schätzte Juppi gar nicht: das war kein Möbel, mit dem man leben konnte. Kein Zimmer in seiner Vorstellung mochte sich um einen Sarg aufbaun ... Für eine feuchte Kammer war er bestimmt, wo es moderig roch, schimmelig und sporig wie im Hausgang ... Er fühlte sich erleichtert, sobald der Sarg erst aus dem Haus war. Fort damit! Seinetwegen konnten die Leute ewig leben und brauchten keine Särge. Das war keine gute Tischlerarbeit. Solch ein Kasten wurde znsammengehancn, lieblos, ohne Kunst, ohne feines Holz. Schnell! Der Tote hat keine Zeit zu warten: rasch gesägt, schnell gehobelt, angestrichen, weg damit! Eines Tages im Oktober trat der Pfarrer in die Werkstatt und bat den Meister, er möge ihm den Lehrling Juppi auf ein paar Tage leihn. Er lmbe dessen Hilfe zum. Einpacken von Büchern, von Hausrat und zum Vernageln der Kisten nötig. Er sei versetzt worden, hinaus in die Donaucbene. Seine Gesundheit vertrage nicht länger die harten Winter mit dem anstrengenden Dienst im Wald. Ein jüngerer, kräftigerer Pfarrer werde seine Stelle einnehmen. Im Lauf der Woche schon gingen seine Möbel zur Bahn. Der Meister bedauerte sehr, den Pfarrer zu verlieren und schickte Juppi mit ihm. Da ivurden nun die schönen Ordnungen der Bücher in der Studierstube wieder eingerissen. Die Bildwerke aus dem untersten Fach siedelten sich auf dem Fußboden neben den Kisten an, eine neue Gebirgslandschaft von Bücherschichten baute sich rundum. Juppi trug sie ab. Mit Feuereifer hals er, als zöge er selber fort. Liebevoll, zärtlich fast nahm er das Buch, in dem die schönen Bilder waren, die Holzgestalten und das Abbild vom „Baum des Lebens" und versenkte es in die Kiste. Dabei wurde ihm schwer ums Herz: die Kiste war wie ein Schrein, darin er das herrliche Buch begrub. Er sah es wohl nie wieder. Und wie gern hätte er noch so manches Mal die Bildnisse betrachtet, die wunderbaren Holzwerke. Am liebsten würde er das Buch mit seinem Lebensbaum und den heiligen Familien aus allen Ländern begleiten. Schönes Buch, schöner Baum: lebt wohll Andere Bücher legte er darauf, große und kleine, und als die Kiste gefüllt und mit einer Schicht von Zeitungspapier überdeckt war, tat er den Deckel daraus und nagelte ihn fest. Kiste um Kiste. Er nagelte seine Reisesehnsucht mit hinein. Die Bilder, die Spiegel. Der Pfarrer verpackte seine Wäsche und das feine Eßgeschirr. Juppi rückte die Möbel, sie waren leer und dröhnten hohl. Das Büchergestell trug er in den Hausgang, andere Gestelle schob er dazu. Die schweren Gegenstände seufzten und ächzten. Sie hatten lange Jahre an ihren Plätzen gestanden, nun wurden sie in ihrer Ruhe gestört und mußten weichen. Mitunter waren sie freilich in der ausgedehnten Zeit staubig geworden, die Schränke auf der Rückseite und die Gestelle hochoben. Juppi fegte sie ab, sie waren marschfertig. Schon hatten sich die Stühle zu Haufen zusammengerottet, und die Uhr auf dem Schreibtisch war stehn geblieben. Wem sollte sie auch in der Kiste, wo nun ihr Platz war, die Stunde anzeigen. Zum bestimmten Tage fuhr der Möbelwagen vor. Laut hallten die Schritte der Packer und Möbelträger durch die Zimmer. Die Männer schrammten die Kisten durch den Flur und fällten die Schränke. Sie wurden die kleine Steintreppe hinuntergetragen, mit den kurzen Stummelfützen nach vorne, wie die Toten. Juppi schaute ihnen nach. So wurden aus seinem Elternhaus die Möbel fortgeschleppt. Angstvoll reckte der Tisch die Beine in die Luft, und die Lade hing heraus ... Die Kommode des Pfarrers, mit ihren alten, hübschen Messingbeschlägen, schwebte auf dem Rücken des Arbeiters ans dem Schlafzimmer. Der gepolsterte Lehnstuhl schwankte davon. Aus Juppis Herz stieg ein heiß gefühlter Abschiedsgruß. Den Dingen und Gegenständen, die sich auf den Weg machten, galt er, auch dem Pfarrer, ihrem Eigentümer und Begleiter. Mit ihnen und mit ihm schwanden alle jene guten Pfarrhaus-Abende für immer. Verklungen die Geschichten und Legenden, die ihm der Geistliche erzählt hatte, während sie damals ihre Bücherarbeit verrichteten und die Wände, Reihe um Reihe, mit den bunten Leiuen- nnd Lederrücken schmückten. Stück für Stück verödeten die Zimmer, zuletzt wurde die Küche ansgeräumt, und es blieb nichts als der kalte Herd. Juppi hielt im Garten Umschau, ob nicht etwa ein Stuhl oder ein Korb vergessen war: die Bäume warfen ihre Blätter ab, feiner Regen stäubte, der Garten war leer wie das Haus. Da rumpelte der Möbelwagen los ... Im Dezember erhielt Juppi einen Brief von der Gret aus Passau. Am Abend, nach Arbeitsende, las er ihn in aller Ruh in der Werkstatt bei seinen Hobelspänen. Heftig klopfte ihm bas Herz. Das Bild der Spielzeug-Gret flimmerte vor seinem Innern Blick, wie sie mit ihrer Wäsche von Hautz zu Haus ging und er mit ihr. Ein grüner Waldsittig winkte hinter dieser Erscheinung. Die ungefüge Handschrift war nicht leicht zu entziffern, und er selbst war im Lesen kein Meister. Sie erkundigte sich nach feinem Ergehn und rote es ihm bei dem Tischler gefalle. Wie es mit feinem Handwerk fei; ob er auch genügend warme Wäsche habe. Tausenderlei wollte sie wissen. Gleich einer Mutter fragte sie ibn aus. Der Brief machte ihm das Herz warm: wie lange hatte stch keine Frau um ihn gekümmert. Ihr ginge es gut, schrieb sie. Von Haus und Geschäft erzählte sie, auch von dem Herrn Nagel. Sie müsse nun bald an den Weihnachtsmarkt denken: ihre neuen Waren seien schon alle da. Ob er nicht wieder mit helfen wolle? „Ich bin froh", schrieb sie, „daß ich nicht mehr mit meinem Korb auf dem Rücken losttppeln mutz. Jetzt hab ich's fein: die Leute kommen in meinen Laden." So schrieb sie und malte zwei Seiten hin. Und Juppis Augen folgten gern ihren Federzeichnungen, die sich ineinander verästelten wie Baumgewipsel, vogelgleich flogen darüber ihre U-Haken, die I-Punkte und die Striche, und dazwischen hing ein Tintenklecks wie eine schwarze Sonne. Er ließ sich von ihren Schnörkeln, Schleifen und Schwüngen in die vergangene Zeit hineinführen, wiewohl er sonst, dem neuen Möbelstiel gemäß, nur für gerade Linien, scharfe Kanten und Formen ohne Schweifungen war. Sein Gesicht glänzte. Sie lud ihn zu Weihnachten nach Passau in die Messergasse fünf. Er sollte sich die paar Tage frei geben lasten und die Feiertage bei feiner alten Spielzeug-Gret verleben. Er feilte ibr nur bald schreiben, und die fünf Mark anbei wären für die Eisenbahnfahrt Fünf Mark! Eine achtbare Summe. Drei Mark hatte er auch noch vom Pfarrer. Nun waren es acht zusammen. Da konnte er gut reifen. Wie freute er sich. Hoffentlich erlaubte es auch der Meister ... (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'lche Univerfitäts-Vuch. und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.