Gießener ZamilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <934 Freitag, den U-Mai Nummer 36 Bauersfrau. Von Hans Gäfgen. Die deutsche Heimat ruht in ihrem Blick. Ich möchte Mutter zu ihr sagen. Sie hat ein einfaches Geschick. Ihr Leben ist ein Strautz von Arbeitstagen. Sie hat drei Söhne ihrem Land geboren, Sie schreiten heute alle hinterm Pflug. Und keiner ihrer Söhne ging Int Lärm der Welt verloren, Und das ist ihr genug. Sie liebt die Scholle und den Garten, In dem die bunten Bauernblumen stehn, Und nach dem Werkeltag, dem harten, Pflegt sie dort langsam auf und ab zu gehn. Und rote Geschwister sind ihr all die Bäume, In denen Stimmen sind vom Abendroind. Und manchmal wachen in ihr auf die Kinderträume, Die längst verklungen und vergessen sind. Dann wischt sie sich die Augen eine kleine Weile, Doch rasch wird wieder hell ihr Blick, Denn eben kommen festen Schrittes, ohne Eile, Die Söhne aus dem Feld zurück. Der lächelnde Chinese. Ein rumänisches Eisenbahn-Abenteuer. Von Hans Trübst. Diese sonderbare Geschichte hat sich in einem „Compartimang" eines „Trenmixt" zugetragen, mit dem ich kürzlich nach dem Dorfe Sarmisegethusa, der ehemaligen Residenz des Dazischen Königs Dezcbal, reiste, dessen Reich vor rund 2000 Jahren von den Legionen Trajans zerstört worden ist. Die Bauern, die heute in und um Sarmisegethusa wohnen, sehen noch genau so aus, rote die alten Daker, und wenn man einem dieser hinterwäldlerischen Naturburschen begegnet, hat man das Gefühl, als seien die Reliefs „Gefangener dakischer Krieger" vom Trajans-Monument bei Aöam-Klissi in der Dobrudscha wieder zum Leben erwacht. Ein Dutzend dieser wilden Gesellen füllte den „durchgehenden", klapprigen Waggon dritter Güte der kleinen Gebirgs-Stichbahn. Sie hatten mächtige Holzfäller-Aexte zwischen den Beinen stehen und sahen mit ihren wagenradgroßen, schneeweißen Pelzmützen und den eckigen Filzumhängen wie kaukasische Schafhirten aus. Sie trugen gestickte Lederwesten und Mokkasins und schleppten ihr Hab und Gut in buntgeflochtenen Taschen mit sich Kerum. Ein paar Bäuerinnen in wundervoll gestickten Röcken, einige beurlaubte Soldaten und ein europäisch gekleidetes Individuum, das die Mitte hielt zwischen versoffenem Dorfrichter, geriebenem Landadvokaten, brutalem Steuereintreiber und gewerbsmäßigem .Bauernfänger, bildeten den Rest der Fahrgesellschaft. Dieses — 'übrigens recht humoristisch veranlagte Individuum — war im Nebenberuf vielleicht Volksredner, denn er schimpfte auf alles und jedes und war bald der Mittelpunkt der ganzen Reisegesellschaft. Zuerst gab er es den „feinen Leuten" in Bukarest, „toti fnra" schrie er immer wieder, „alle stehlen", und es wäre höchste Zeit, daß in Rumänien wieder ein „Vlad tepesch" käme, jener sagenhafte Fürst Wladimir, mit dem Beinamen „Der Pfähler", der einst alle Diebe, die »roßen und die kleinen, längs den Landstraßen aufgespießt hatte. Die Bauern nickten zustimmend mit den Köpfen, aber gerade als der Volksredner einen neuen Anlauf nehmen wollte, tat sich lautlos die Tür auf, und ebenso lautlos erschien ein lächelnder Chinese auf der Schwelle. Er war einfach, aber städtisch gekleidet, hatte zwei große Handkoffer bei sich, die er umständlich verstaute, dann setzte er sich hin, legte die Hände auf die Knie und lächelte wie Buddha — zeitlos und ewig... Im Abteil trat Stille ein, und jetrr starrte den Chinesen an wie eilte Erscheinung aus einer anderen Welt. Nur der versoffene Bauernfänger fand sofort das richtige Wort: „Hallohl Titu- lesku!" schrie er fröhlich, „Mensch, wo kommst du denn her?" -- Die Soldaten als einzige Repräsentanten der sogenannten Intelligenz verstanden nach einigem Nachdenken den Witz und lachten herzlich. Denn der Chinese sah genau so aus wie der rumänische Außenminister — nur die Bauern begriffen nicht und starrten den Chinesen weiterhin ernst und nachdenklich an. Aber der Volksredner ließ nicht locker: „Jst's dir recht, mein lieber Titulesku, wenn ich auf der nächsten Station noch eine Maschine bestelle, damit wir schneller durch die Berge kommen? Denn du mußt doch sicher wieder zu einer Konferenz?" Das brüllende Lachen der Soldaten ließ die vereisten Fenster erzittern — der Chinese lächelte höflich, zeitlos und unergründlich, wie das unergründliche China. Einer der alten Bauern sprach ihn an. Höflich und bescheiden. Allgemeine Ueberraschung... der Sohn des Himmels sprach Rumänisch! Wenn auch nicht schön, so doch aber durchaus verständlich. Der alte Bauer wollte wissen, „was die Lieblingsspeise der Menschen im Lande des Herrn sei?" — „Mäuse in Honig getaucht!" schrie der Volksredner, was der Chinese lächelnd bestritt. Er hatte eine ganz helle Stimme, die immer gleichmäßig klang und die niemals eine Spur von Erregung zeigte. Der Chinese lachte sogar beim Sprechen, ohne sich wohl darüber klar zu sein, daß er lachte. Es war, als habe er eine unsichtbare Wand von Glas um sich aufgerichtet, an der alle dummen Fragen abprallten. Ein Mütterchen wollte wissen, „warum der Herr so gelb sei?". — Auch darauf vermochte der Chinese keine erschöpfende Antwort zu geben... er lächelte weiter und zog mit seinem unheimlichen Grinsen allmählich das ganze Abteil in seinen Bann. Dieser Chinese war von einer anziehend-abstoßenden Häßlichkeit — wie hypnotisiert starrten ihn schließlich alle Fahrgäste an, die Bauern hatten das bärtige Kinn auf den Stock gestützt, sogar der Volksredner war verstummt, und auch ich dachte immer nur: „Wie rätselhaft ist doch dieses gelbe Volk!" Plötzlich zog der lächelnde Chinese ganz> unvermittelt aus seiner Rocktasche eine kleine, runde Papierscheibe, so groß wie ein Hunöert-Lei-Stück, an dem ein kleines Holzstäbchen befestigt war. Das Ganze sah aus wie eine Miniatur-Signalscheibe, mit der auf den Bahnhöfen der Fahrdienstleiter das Zeichen zum Abfahren des Zuges gibt. Der Chinese sah es sich eine geraume Zeit an, plötzlich machte er einen kleinen Lufthieb und hatte auf einmal ein farbenprächtiges Bukett in der Hand. Aus Papier natürlich... „Nanu?" dachten wir alle — aber ehe wir zu Ende gedacht hatten, hatte der Chinese — unergründlich lächelnd — wieder einen kleinen Lufthieb gemacht und an Stelle des Blumenstraußes hatte er ein Konglomerat von verschiedenfarbigen Kugeln und Würfeln in der Hand. Gerade wollte der Feldwebel vom Regiment „Michael der Tapfere" eine Frage stellen — schwupp — ein neuer Lufthieb... neue Blumen... neue Würfel, neue Kugeln, neue Kegel — mit verwirrender Schnelligkeit folgten sich die Lufthiebe und jedesmal hatte der lächelnde Sohn des Himmels eine neue „Komposition" in der Hand! Natürlich war das Ganze keine Heperei — es war der gleiche Trick, den ich unzählige Male int Varietö gesehen hatte. Dort faltete auch der chinesische Künstler ganz dünne, bunte Papier- bvgen unzählige Male zusammen, machte mit einer Schere ein paar Ein- und Ausschnitte, faltete das Ganze wieder auseinander und zum Vorschein kam ein herrlich gemustertes Tischtuch — das, was der Chinese hier vorführte, war das Gleiche int Kleinen, nur etwas bunter und netter. Die Wirkung war verblüffend: die alten Bauern, die Soldaten, die Mütterchen starrten wie hypnotisiert auf den lächelnden Chinesen — schließlich brach einer den Bann und fragte, „was denn das Ding koste?" — „Drei Lei" (7,5 Pfennig), sagte der Chinese und lächelte weiter. Umständlich öffnete ein alter Holzfäller seine Geldkatze ans dem Bauch, zählte sorgfältig drei einzelne Leistücke ab und reichte sie höflich dem Chinesen, der ihm den Zauberstab mit einer ebenso höflichen Verbeugung übergab. Der Bauer nahm ihn, machte damit ein Lufthieb und — Wunder Gottes! — konnte genau so zaubern wie der Chinese! Blumen, Würfel, Kugeln, Scheiben... „Ob Seine Hochwohlgeboren nicht zufällig noch so ein Ding hätte?" fragte neugierig ein anderer Bauer. „Gewiß", lächelte der Chinese, griff in seine Rocktasche, holte noch so ein Scheibchen heraus, machte einen Lufthieb und überreichte verbindlich lächelnd auch diesem Bauern einen Blumenstrauß. Der hieb damit ebenfalls in die Luft und hatte ein papierenes, buntes, mathematisches, in sich verschachteltes Gebilde in der Hand — noch ein Hieb und es war wieder etwas ganz anderes daraus gewotden. Staunen! Kopfschütteln! Doammne! Doammne! Mein Gott! Mein Gott!... Zufällig hatte der Chinese irgendwo noch ein paar solcher Wunderscheiben — er gab sie Stück für Stück um drei Lei ab! Augen rollten" (Lersch). Der Bergmann spricht: »Erde, wie Ian« ick mich in deinen innersten Anfang hinein ... tWohlgemuth), und der Soldat im Schützengraben sucht m der mütterlichen Erde Schutz. „Doch will der Tod auf uns Soldaten halten, kriechen wir, Erde, in deine Winkel und Falten, dürfen enggepretzt an deinem Herzen liegen, Kindern gleich, die sich in Mutter» Rock ver- fchmiegen. Ueberall hast du uns gedeckt Deine Gute ,st nicht mit Grenzen abgestecki" (Bröger). Aber diese Erde ist nicht nur da» offene Ackerland und nicht nur das blutgetränkte Erdreich des Schützengrabens, sie lebt auch in jedem Meter Boden, der riesige Mietshäuser trügt und nur in kleinen Gartenstucken noch in ferner Reinheit zu erkennen ist. „Mütterliche Erde der großen Stadt ... spärlich nur recken sich Baum und Blume ins Llcht uns zu kunden die Kräfte, die du liebend deinen Geschöpfen verströmst (Luijen»). Zugleich aber ist sie heiliges Land, in dem Gott sich oftenbart. Laßt uns der Erde Wundermeer durchwühlen, denn dort steiget Gott gewaltig an das Land" (Wieprechi), und dem seinem Gebot Gehorsamen wird die Erde geschenkt: „Aber wird dir auch nie Vollendung, von Stufe zu Stufe reißt dich dein Wille, bis du erkennend fühlst, daß du Erde, und nur in ihr dich vollenden kannst (Kläber). Und eine stille Scheu befällt den Frommen vor der Größe dieser Erde. „Wie fremd wir noch der reinen Erde sind, wie stoßen wir uns noch an Nacht und Wind' (Lersch). Nicht nach Sehnsucht nach einem verlorenen Land nimmt so der Arbeiter von der Erde Besitz, sondern er ergreift sie vorurteilslos und ohne rückwärtsgewandten Blick als das Land seiner Zukunft. Ihre Dichter entfliehen nicht auf eine romantische „Insel der Seligen" und täuschen sich nicht über die Schwere von Tag und Not hinweg. Auch die hundertfältigen Widerstände, Spannungen und Lasten ihrer mechanisierten Arbeitswelt können sie m dieser Grundhaltung nicht wankend machen. Der einzelne konnte sich zur Flucht wenden, das Arbeitertum als eine Einheit aber, das mutz sich diesen gigantischen Kräften stellen und sie nicht Herr über sich werden lassen, sondern sie in den Dienst des Ntenschen zwingen. Im Krieg, in dem nach Brögers schlichtem Wort, Deutschlands ärmster Sohn auch sein getreuester war, wird dieses Gemeinschaft»- gefühl vertieft und mit einem neuen Sinn erfüllt. Der Krieg ist der große Gleichmacher. „Es hat ein jeder Tote des Bruders Angesicht" (Lersch). In ihm entsteht die große Kameradschaft, die nicht mehr vergessen werden soll. Was der Arbeiter verteidigte, erscheint ihm bei seiner Rückkehr aus dem Krieg wie ein Geschenk von neuem gewährt. „O wie lächelt das Land? ivft das diesel >e Erde noch wie einst? ... Deutschland, nimm auf mich Armen, umschmiege mich, der da lächelt mit weinender Seele. Jeder, der heimkehrt vom Kriege, der ist im Meere der trauernden Menschheit eine leuchtende Insel vom Glück" (Lersch). Und es ,st ein einfaches Begegnen und Wiedererkcnnen und neues Besitznehmen von Land' und Freund. „Menschen gehn vorüber, einer gibt dem gnderen die Hand, spricht voller Freude. Sieh, mein Guter, Lieber, wie so fruchtbar unser Land" (Petzold). Aber d,e Nachkriegswelt stützt die Heimkehrenden von sich ab, verhöhnt „die armen, unerhörten Beter", die „ihrer armen Wünsche Leichen wie tote Kindlein in des Glaubens Grund" senken (Petzold). Aber durch alles, was geschieht, fühlen sich die Ilrbeiterdichter nur tiefer „hinabgestoßen zu dir, Urgrund des Volkes!" (Lersch). „Volk, Volk, noch weht ein Flammenring um deine Leiber: die Ahnung und der Wille deiner Söhne, Töchter und der vielen Brüder schon lätzt die Musiken einer Hellen Zukunft uns erhören. Du Volk: wieder die große Fahne!" (Oschilewski). Und iiibelnd verkünden sie: „Die alten Götter sind tot. In diesen Tagen haben wir I ihre Bilder zerschlagen und künden laut ein neues Gebot: Volk, I du bist groß und unbegreiflich in deinem Tun, Volk, dein Schoß I läßt die Kinder der Zukunft los!" (Bröger). I Aus diesem Geist führen die Dichter nun den Kampf mit der I Maschinenwelt, die sie seelenlos machen will, den Kamps um den I Sinn der Arbeit. Der Glaube an die Bestimmung des Menschen und das Bewußtsein, nicht allein zu stehen, sondern in einer großen Kameradschaft, die auch hier, an diesem Platz, ,n der Maschinenwelt, frei und tätig sein will, gibt dem Arbeiter die Kraft sich die Maschine dienstbar zu machen. An seine Waffe, das Arbeitsgerät, verschenkt er seine Liebe, den Rhythmus der Maschinen überwindet er durch den Rhythmus seines eigenen Lebens und dem Werkstück gilt seine Freude und sein Stolz. Nicht die gegen die Zeit wütende Aufsässigkeit der Maschinenstürmer gewinnt Macht über seine Seele. Die in Pflua und Maschine gebändigte Erdenkraft wird bejaht, da der Mensch sie zu beherrschen vermag. „Wir, die den Hammer schwingen, wir, die das Eisen hämmern, nur sind die Kraft! der Erde Herzen! ... Der Amboß Erde erdröhne von I unserem Werde!" Der Arbeitsvorgang wird zum Sinnbild der Gestaltung der neuen Welt: „Wir sckmicden,' daß die Funken grellen, um alle Geister zu erhellen. Wir drehen, daß die Spane sliegcn, um eine neue Form zu kriegen. Nehmen größer, kreischend, jeden Span: enthülln den Kern von mgrschem Plan ... Wir Schmiede, wir Former des Neuen!" Aber der tiefste Sinn der Arbeit liegt in ihrer Bestimmung für die Gemeinschaft. Der gleiche Arbeitsvorgang wird schöpferische göttliche Arbeit genannt, wenn er der Gemeinschaft dient, wider- göttlich dagegen und ein „Molochs- und Baalsdienst", wenn diese Bestimmung fehlt. Aus der Erde, die mit all ihren Kräften nach göttlicher Bestimmung dem Menschen gegeben ist, erwachst als eine lebendige Kraft das Volk, das in jedem einzelnen wirkt und ihn in die Gemeinschaft führt. Darum mutz die Arbeit, mit der von der göttlichen Erde Besitz ergriffen wird, dem Volk und der Gemeinschaft geweiht sein. Dann erst vermag sich der Ring zu schließen, der Gott und Merckch verbindet und durch Erde und Volk hindurckfließt, dann erst erfüllt sich Brögers Wort: „Die Arbeit ist ein Keim zu Gott." Auch der Volksredner kaufte eins, sah es sich genau an und . erklärte: „Mein lieber Titulesku — mein Wort! 500 ©tuet nrnröe ich dir von dem Zeugs sofort abkaufem wenn du sie hier hattest. Aber du bist ja viel zu dumm dazu! Drei Lei! Für fünf Lei... was sage ich — für zehn Lei läßt sich so et« Ding ohne weitere» I roC2)ei Chinese lächelte, stand geruhsam auf, nahm seinen Koffer I vom Brett öffnete ihn... er war bis zum Rand mit diesem Spielzeug vollgestopft! Immer 50 Stuck zu einem ^ofet ge- bündelt. Zehn solcher Pakete nahm der Chinese heraus und überreichte sie lächelnd dem Volksredner. , Der stutzte einen Augenblick, sah sich mißtrauisch um, dann griff er in feine Brieftasche, zückte 1500 Lei, zählte und erklärte, $auf den Dörfern ein Bombengeschäft mit dem -Beug»>3« • Un& da er ein „gebildeter Mann war, glaubte ihm jeder und | ie6et f“ ufte ,pentru copii", „für die Kinder daheim" ein oder mehrere Stücke... ich selbst nahm deren vier und konnte mich I über die Unsumme von Arbeit nicht genug wundern, die darin steckte und die der Chinese Stück für Stuck für 3 Lei oder 7,5 Wie "er das^mache?" wollte der ganze Wagen wissen. Der läch'Le Chinese gab lächelnd Auskunft: man Nimmt buntes tlinnier leat es zusammen, schneidet es, klebt e» uno matyi... dsooo":' und der Sohn des Himmels räuberte wiederum einen neuen Blumenstrauß aus dem Nichts in das Nicht». Mit seiner singenden Stimme erklärte er, schon seit geraumer Zeit in I Rumänien zu leben, jetzt führe er zum f/°^n^ahrmartt nach Liatea vielleicht könne er dort den Rest seiner Ware losweroen. In diesem Augenblick hielt der Zug... „Sarnnsegethusa riefen 6ie Schaffner, ich stieg eilig aus, um mich bei den Nachfahren des Königs Dezebal etwas umzusehen und überließ den Sohn des Himmels feinem Schicksal. * Hier könnte ich von Rechts wegen eigentlich den Schlußpunkt hinter mein schlichtes Eisenbahnerlebnis setzen, wenn e» eben nickt nock eine Fortsetzung gehabt hätte. Arn gleichen Abend kam ! ich 'nänilich spät aüends mit dem Auto in Hateg an um von hort mit her Kleinbahn nach Deva weiterzu?ahren. Der T^arte I foul des Bahnhofes war von Marktbesuchern aus der ganjen I Umgebung überfüllt wie ein Etappenbahnhof im Kriege nach dem Eintreffen des Räumungsbefehls. Kopf an Kops eme graue, müde Masie Mensch — aber: jebe Frau und jeöer Mann und ieoe» Kind _ all diese abgehetzten Lebewesen hatten ein chinesisches Wunderstübchen in der Hand und zauberten damit aus dem Nichts Blumen, Würfel und bunte Kugeln ins Nichts. Und o^e sahen dabei lächelnd und sinnend auf das Sp.elzeng und der Geist des lächelnden Chinesen schwebte über dem Ganzen... Und als ich das gesehen hatte, da ging mir zum ersten Male ein Licht über das eigentliche Wesen der „G e 16 en G e f ah r auf! Gewiß, sie hatte sich hier, mitten im gottverlassenen rumänischen Gebirge nur von ihrer harmlos-liebenswurdig-spwle- rischen Seite her offenbart, das konnte aber nicht "ber die -^at- sache hinweqtäuschen, daß sich dieses gelbe Spielzeug, dessen fpoft- billiger Preis schlechthin nicht mehr zu unterbieten war, im . Qnufc »ines Nachmittages in des Wortes verwegenster Bedeutung einen .großen Markt" erobert hatte: harmloses Spielzeug — I aeroiü. Aber noch von jeher ist aus einem „Spiel in den meisten Bällen Bitterer Ernst geworden. Wie lange wird es noch dauern und es tauchen auch in Rumänien, dem südöstlichen Emfallstor Europas „gelbe" Fahrräder für 12 Mark und elektrische Birnen für 5 Pfennige auf? Das ist die große Frage! Und dann??? Deutsche Arbeite? dichtung. Von vr. PaulJunghans. Alle echte Dichtung ist in ihrem Urgrund einfach und fromm. Wer sie erschließen will, um an ihr teilzuhaben, darf darum nicht an ihrer Oberfläche haften bleiben und sich nicht damit begnügen, ihre mannigfaltigen Formen, ihre Rhythmen und ihre Sprache zu erkennen und zu ordnen: dieser Weg führt notwendig in die Irre und entfremdet in feiner Unzulänglichkeit den mit redlicher Bemühung Suchenden von den Dichtwerken, denen er nahe kommen wollte. Wer Dichtung als Gestalt begreifen will, der muß in die Tiefe ihrer Bilder und Klänge hinabsteigen, um jene einfachen und frommen Empfindungen aufzudecken, in denen die dichterischen Gesichte und Worte ihren Ursprung haben und rote ein Traum über einem schlafenden Antlitz wehen. So können wir bis in die Zellen der .Dichtung ein- dringen. Darum soll versucht werden, die Arbeiterdichtung, die aus jahrhundertelanger Stummheit aus den Tiefen de» Volkes heraufklingt, als Gestalt zu begreifen und ihren Urgrund und ihre Höhe, ihren Gehalt und ihre Weite zu erschließen. Die Erde ist unsere wahre Mutter, sie hat uns geboren und hat uns genährt ... unser eigenes Leben hat in ihr seine Herberge, und einmal auch wird sie unsere Gebeine beherbergen. D,e Erde ist die Mutter des Menschen in alle Ewigkeit. Au» der Erkenntnis dieses Lebensgesetzes und aus dem Gehorsam, ihm zu folgen, kommt die Einfalt und Lebenskraft der Arbeiterdichtung. Und es ist die wirkliche Erde, auf der der Mensch steht, aus der ihm die Nahrung aufwächft. Sie ist ihm auch der ^stoff, öen er durch feine Arbeit zum Werk des Menschen formt. Er naht sich der Erde in Ehrfurcht und Anbetung: sie ist ihm Arbeit und das Brot, nach dem er greift, wenn ihn hungert. „Da mich hungerte ... brach ich eine Scholle Erde und biß und kaute, atz: und steckte Krume auf Krume in den Mund, indes die Tränen aus den Erlebnisse mit Schlangen. rührten ihre Finger den kalten Schlangenleib, und nach Frauen» art gab sie ihrem Schreck sogleich durch Helles Aufkretschen Au^ druck. Der Lärm liefe den Hauptmann auffahren, der gerade bet Kaffee, Toast unö Eiern mit Schinken saß, und die arme er« schreckte Schlange mußte dran glauben. Die nächste Woche kam und ging. Der Hauptmann rüstet sich eben zur Bockjagd auf der Nachüarfarm, ergreift seinen einen Reitstiefel und führt mit Fuß und Bein hinein, da stoßen feine Hetzen auf ein weiches nachgiebiges Etwas. Heraus mit dem Fuß, den Stiefel umdrehen und auf den Boden stoßen ist eins. Schau mal einer an! Da sällt eine junge und gänzlich erschrockene Kobra von etwa fünfzig Zentimeter Länge heraus. Nicht genug damit. Am gleichen Tage — er ritt im strammen Trab über einen schmalen Fußpsad durch den Busch — um einen guten Stand vor den Treibern zu suchen - erhielt er von einer Baumschlange einen heftigen Schlag über Kopf und Brust. Das Reptil war offenbar gerade im Begriff gewesen, sich in den hängenden Zweigen auf einen Baum an der andern Pfadseite zu schwingen. * Ein höchst schneidiger Kerl ist einer unserer europäischen Schlangenfänger. Eines Tages vertraute er mir seinen Kummer an, er könne keine Nacht mehr schlafen, da sei eine Schlange, die ihm „schwer zu schaffen" mache, eine große schwarze Ringhalskobra, die am Fuße einer bestimmten abschüssigen Sandbank in einem Loch hause. Der Hang sei zu steil, als daß er, L>mith, durch plötzliches Zuspringen die Schlange überrumpeln könne. Es sei eine richtige Sanddüne, auf der nur oben Straucher wuchsen, während der Hang selbst nur spärlich mit borstigen Grasern bewachsen sei, wie man sie überall an der Sandkuste findet. Un- zählige Versuche hatte Smith schon gemacht, die Schlange zu fangen, — aber alles Mühen war umsonst. Nach langem Ueber- leaen heckte er schließend einen so verwegenen Angriffsplan aus, daß es schier unglaublich klingt. Aber er führte ihn aus. Geräuschlos im Gebüsch vordringend hat er die Schlange erspäht, die, halb aus ihrem Loch hervorgekrochen, daliegt. Nun wählt er einen weiten Umweg und kommt schließlich oben auf dem Gipfel der Düne an, und zwar an,der Stelle genau oberhalb des Schlangenlochs. Er überzeugt sich, daß das Reptil noch aenau so daliegt — es sind etwa achtzehn Meter zwischen ihnen - setzt sich spreizt die Beine und rutscht ab. In Windeseile geht es' in gerader Richtung ans die Schlange äu. Unten angekommen, springt er hastig auf die Füße. Aber wo ist die Schlange? Er wollte sie doch greifen, ehe sie ihm davonkommen konnte. Wie er sich so hin- und herwendet, spürt er em Gewicht an seiner^Jacke, blickt an sich hinunter und sieht die Schlange an seinem ^acken- sanm baumeln, wo sie sich im Stoff festgebissen hat. Es ist die! Art dieses Reptils, da wo es einmal zugepackt hat, nicht loszulassen, sondern die Kiefer unerbittlich festgeklemmt zu halten. __ Smith erschien am nächsten Morgen als glücklicher Mann mit seiner Beute im Muieum und bekam seine zehn Schilling. Einmal aber wurde auch er bös gebissen. Nach einem erfolgreichen Tag bummelte er heim und hatte einen baumwollenen Kissenbezug voll Schlangen über der Schulter hangen, als eine der Puffottern durch den Stoff hindurchbiß und ihm beide Fange ins Fleisch bohrte. Er hastete zur nächsten Straße, l^ß sich von einem vorüberkommenden Auto aufnehmen und zur Behandlung zu mir bringen. Die Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.) Als sie Gust besorgt an ihrem Sofalager sitzen sah- "ahm sie seine Hand, drückte einen Kutz darauf und flüsterte: „Ich habe dir „Ein ganz klein wenig — nicht d^r Rede wert. „Es war nicht recht von Mir, Gust. Vergib. Vergeben ist nicht nötig, Nikelchen. , , „„ "sßie kann ich wieder gutmachen, was ich dir getan habe? ,,Freu dich mit mir." . u „Gust, irgendwo freu ich mich wie du. Das ist es ja, das ist das einzige, was ich gegen dich zu sagen habe das einzige! wodurch du mir das Leben schwer machst schwe« rer als nötig: Irgendwo freust du dich. Aber man sieht es nicht, man hört es nicht Man weitz: die Freude ,st da, die Mitfreude. Aber ich habe an ihr keinen Teil." /y -L WÄÄ’ nur anzusehen brauchte, um mit ihm lachen zu müssen. Wo ist es. dieses geliebte Rikelchen?" u "Ns wi?arm"warem als die Sorge bei uns aus und ein ging, alsich vergeblich auf Kunden warten mußte, als ich mich mit meiner Mutter herumzuschlagen hatte, bist du «uf meinen Schoß aebüvit hast deine Arme um meinen Nacken gelegt, hast Mich geküßt,'hast dummes Zeug geredet, hast gelacht, w/Ee Grund bis ich mitlachen mußte, auch dann, wenn ich eigentlich Grund zum Weinen hatte." "Nun aber,"wo^ie Sorge nicht den Mut hat, bei uns anzu- klovfen noch viel weniger bei uns einzutreten, nun wo du alles < < p„ f'nnnft mng bu begehrst, wo ich bereit Bin, dir jeden Wunsch ?u erfüllem'wo du di7°zweit'reichst7 Frau in der Stadt bist wo Str tnprttt hu nernünftia Tüätft, t)Otn 9J?oic|CTt äutn 9l6ctib H'I JS Ä dn dich «6 »ic ml« M-m-r, »»» Von F. W. Fitz Simons. ' Der Verfasser, der den berühmten Schlangenpark von Port Elizabeth in Südafrika geschaffen hat, ist einer der besten Kenner der dortigen Schlangenwelt. Seme Erfahrungen hat er jetzt in einem außerordentlich spau- nenden Buch dargestellt, das soeben unter dem Titel Schlangen" im Verlag I. Engelhorns ©tuttgait, erschienen ist. Wir bringen daraus die Schilderung einiger abenteuerlichen Erlebnisse. farmet ?or den Verwüstungen dieser Nager schützten. Dennoch batte der unternehmende Hauptmann wenigstens em ^ahr lang eine reckst Ungemütliche Zeit durznmachen. Durchschnittlich wurde B ä&m WSL ästäs 7 Ä S?« ««» M« grunzenden Schweine ungeduldig der Abendfutterung harren. SS' ziL Lr Auptmann das Bein zurück, «egt ratlos da und über- MsN-ZUMUZ-S- MWWZZM SMMWWM Lage besnnden habe. Die vier Jahre Schützengraben in Frank- eicf) feien n ) - .nmnten Zeit seine Frau mit den Stunden später elend zugrunde ging. MHWVMS WMMchWW mU 6e“ temn 5>«S”ln"S'm MK" «III. Als ,1- nup Men» »m, hertastete, ob vielleicht noch ein Kücken zurückgeblieben ft , tft das Lachen aus deinen Augen fort wie bas Rot von deinen Backen. Warum?" „Ich weiß es nicht, Gust." „Wir müssen es wissen. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen, wenn wir wieder zurechtkommen wollen. Du hast gesagt: es ist so weit in dir bis zur Freude. Weswegen?" „Ein Berg liegt davor. Nein, viele Berge. Ein Gebirge. Dahinter ist auch in mir die Freude." „Welches Gebirge?" „Vielleicht der Krieg, Gust?" „Das kann nicht sein. Dann könnten sich überhaupt kaum noch Menschen auf der Erde freuen. Denn wie viele Völker gibt es, die nicht unmittelbar oder mittelbar von diesem Krieg in Mitleidenschaft gezogen werden?" „Ich wundere mich auch immer wieder darüber, daß Menschen noch zu lachen vermögen. Ich, die früher mehr und leichter gelacht hat als die meisten Menschen, ich vermag bas nicht." „Das allgemeine Leid kann der Grund für deine Not nicht sein. Es muß ein besonderer, ein persönlicher Grund da sein." „Vergißt du denn ganz, Gust: unser Jupp —" „Jupp wird wiederkommen." Rikelchen schwieg. Auch hinfort widersprach die Mutter Josef Mtcheelsens ihrem Mann nicht mehr, wenn von dem Krieg und dem Schicksal Jupps die Rede war. Freilich, Rikelchen stimmte Gust auch nicht zu. Sie war stumm. Mit ihrem Mund. Und in sich selber. Da Gust es verlangte, so freute Rikelchen sich. Da Gust es wollte, so lachte Rikelchen. Nicht wie ehedem. Sondern bald zu leise — bald zu laut. Oft so gezwungen, so stoßhaft, daß man fürchten mußte, ihr Lachen werde in Weinen umkippen. An anderen Tagen so laut und schrill, daß selbst Gust aufhorchte und sich fragte: Was ist nur mit der Frau? Was «rtit Nikelchen war? Sie wußte es: Müde! Unsagbar müdel Aber Gust durfte es nicht wissen. Gust durfte es nicht sehen. Aufrecht halten! Freuen! Mitfreuen! Und: lachen! Auch dann, wenn die Tränen nur durch Aufwand aller Mühe herunterzuschlucken waren, auch dann lachen! Dieser Kampf gegen sich selbst machte Rikclchen immer blaffer. Und immer müder. Zum Doktor! drängte Gust. So gehe es nicht weiter! Nikelchen schüttelte den Kopf: Zum Arzt? Nicht doch! Ihr fehle nichts. Ein törichtes schwaches Frauenzimmer wäre sie. Das sei des ganzen Rätsels Lösung. Gust selber fand den Weg zur Freude nach wie vor leicht. Sie lag ihm sehr nah, seit er das höchste Ehrenamt des Bürgertums bekleidete. Kein Berg, kein Hügelchen drängte sich zwischen ihn und das Freuen. Nicht einmal die Sorge um Jupp. Der würde gesunden Leibes mit ordenbedeckter Uniform und einem Offiziersrang, der sich zur Zeit nicht einmal abschätzen ließ, wiederkommen. Das stand unerschütterlich. Es gab eine sittliche Ordnung der Dinge, die sich nicht einmal in ihr Gegenteil verkehren konnte. So wenig wie am Acquator plötzlich alles vereisen, an den Polen eines Tages die Sonne den Eskimos senkrecht auf die Pelzkappen scheinen konnte. Niemand in der Stadt hatte Veranlassung, den kriegbeglückten Rentier und Bürgerworthalter August Micheelsen, dessen Sohn im Felde die während des Friedens verweigerte Offiziersernennung zuteil geworden war, zu fragen, wie es ihm gehe. Man las es auf seinem Gesicht, sah es an seinem Kommen und Gehen, hörte es hinter jedem Wort, spürte es durch jedes Handausstrecken im Dienst des Vaterlandes: Gust ging's gut! XII. Obwohl Gust für die Allgemeinheit selbstverständlich ohne jedes Entgelt tätig war, vermehrte sich sein Einkommen ständig. Der Käufer seines Hauses, der das während zweieinhalb Jahrzehnte hochgebrachte Geschäft heruntergewirtschaftet hatte, stellte freilich die Zahlungen ein, und es war Gust, 5er Kriegszeit wegen, nicht möglich, sein gutes Recht gegen ihn geltend zu machen. Aber das nannte er ein Opfer, welches Tausende, Hunderttausende dem Vaterland bringen mußten. Ihn traf es obendrein nicht schwer. Ihn traf es im Grunde überhaupt nicht. Denn der Zinsfuß seines eigentlichen, seines unversehrt gebliebenen großen Kapitals erhöhte sich nach und nach von vier aus fünf vom Hundert und glich den Ausfall nicht nur wieder aus, sondern machte den ehemaligen Schuhmachermeister zu einem noch reichern Mann als bisher. Für die Zeichnung zu der ersten deutschen Kriegsanleihe mußte Gust Hypotheken kündigen. Bei den später« Kriegsanleihen war das nicht mehr nötig. Seine Gläubiger sprachen vielmehr die Kündigung aus. Sie brachten ihm das geliehene Geld ins Haus. Sie drängten es ihm geradezu auf. Sogar arme Schlucker, denen im Frieden das Zu- samnicnkratzen der paar Mark Zinsen manchesmal schlaflose Nächte gekostet hatte, waren imstande, ihm sein Kapital bis auf den letzten Pfennig zurückzuzahlen. Wo ivar unter den kriegführenden Nationen ein Staat, der den ungeheuren wirtschaftlichen Anforderungen des Weltkampfes kn gleicher Weise aus eigener Kraft gewachsen war wie Deutschland? Die Freude Gusts kannte keine Grenzen. Er freute sich, baß er im Laufe der Jahre sein ganzes Besitztum, seine hunderttausend Mark, bis zum letzten Pfennig auf den Altar des Vaterlandes legen konnte. Er freute sich, daß mit dem höheren Zinsfuß sein Einkommen bei jeder neuen Kriegsanleihe wuchs. Er freute sich, daß es selbst Leuten, welche früher die Groschen vor dem Fortgeben umdrehen mußten, möglich war, die Markstücke, die Fünfmarkscheine ohne viel Besinnen auszugeben. Er freute sich, daß der Wohlstand der unteren Volksschichten sich in unglaublicher Schnelligkeit hob. Wenn es mit der Aufwärtsentwicklung des Vaterlandes in gleicher Weise weiterging wie bisher während des Krieges, dann gab es bald keine Arme mehr in der Stadt. Weil selbst Leute, die früher einen Hundertmarkschein nur vom Hörensagen kannten, mehrere davon besitzen würden. Schließlich aber vermochte Rikelchen nicht mehr, sich zum Schweigen zu zwingen. Als Gust wieder einmal mit Sätzen, die sich vor Stolz überschlugen, die unvergleichliche und undurchdringbare goldene Kriegs- rüstung Deutschlands rühmte, wies sie darauf hin, daß zwar mehr Geld im Lande sei als vor dem Kriege, aber auch sehr viel weniger Ware. Daß man für das Allermeiste das Doppelte, bas Dreifache bezahlen müsse wie im Frieden. Daß man manches nicht mehr bekommen könne, auch wenn man das Hundertfache des früheren Preises dafür biete. Uebergangserscheinungen: erklärte Gust. Aber man muffe doch essen! Selbstverständlich nicht viel und gut wie im Frieden: immerhin so, daß man satte werde. Man müsse sich doch kleiden! Wenn auch nicht verschwenderisch und wählerifch wie vor dem Krieg: immerhin so, daß man nicht friere und zum Gespött der Leute auf der Straße werde. Könne man. Geld sei genug im Lande. Gutes Geld, Gust? Da, auf dem Schein in seiner Hand, stehe mit unmißverständlichen Zahlen und Buchstaben gedruckt: Hundert Mark. Ein goldenes Zwanzigmarkstück würde ihr lieber sein als der papierene Hundertmarkschein. „Ich habe schon viel Gedrucktes gelesen, das nicht wahr ge- wefen ist", wandte Rikclchen ein. Der Krieg ging weiter. Und die Entfremdung zwischen Gust und Rikelchen wurde von Monat zu Monat, wurde schließlich von Woche zu Woche größer. Es war nun so, daß zwei Menschen, die sich geliebt hatten, die sich noch liebten, aber den Weg bis zum Offenbarwerden ihrer Liebe immer wieder verschüttet fanden, daß diese beiden Menschen sich zwar an denselben Tisch zum Essen setzten, im selben Zimmer die Stunden der Ruhe verbrachten, Äctt an Bett sich jeden Abend schlafen legten, aber weniger mit einander sprachen als zwei Fremde, die für kurze Zeit auf denselben Gasthaustisch angewiesen sind. Denn das, worüber Gust und Rikelchen zu sprechen hatten, worüber zu sprechen lohnte — den Krieg und bas Schicksal Jupps —, durfte sie mit Worten nicht berühren, ohne Gefahr zu laufen, daß es zu einer erregten Auseinandersetzung kam. Das aber, worüber sie sprechen konnten und auch, wenn das Schweigen gar zu quälend wurde, sprachen, war der Worte nicht wert, die sie daran setzten. So lag über dem Leben Gusts und Rikelchens das Schweigen schwer und lastend wie die Schwüle eines gewitterschwangeren Augusttages. Immer wieder grollte es dumpf und drohend in der Ferne. Aber niemals kam es zu einer befreienden Entladung. Es gab Tage, gab Wochen, wo Rikelchen das lastende Schweigen als eine Fügung des Schicksals hinnahm, wo sie im Herzen dankbar war, daß es nicht zu der großen, alles bedrohenden, entscheidenden Aussprache kam. Aber es gab immer wieder auch Stunden, in denen sie sich danach sehnte, daß endlich das Wetter ausbrach. In Frankreich wurden bereits alle Vorbereitungen für den letzten großen Angriff getroffen, durch den der Erstarrung der Westfront ein Ende gemacht werden sollte. Im Osten lagen die Feinde schon am Boden. Rußland — erledigt, Rumänien — erledigt. Nikelchen versuchte noch einige Male, wenn auch immer schüchterner und hoffnungsloser, Gust zu fragen: Wie aber, wenn Deutschland nicht siegt? Sie ließ cs sich, obwohl der Glaubcns- beraufchte ihr dieses Wort bei Androhung der sofortigen Ver- lassung der Wohnung durch ihn verboten hatte, nicht nehmen, dann und wann ihn anzurufen: „Und wenn meine Ahnung, daß wir Jupp nicht wiedersehen, recht behält?" Gust hörte den Zweifel, hörte die Sorge Rikelchens nicht mehr. Gust hörte nur noch sich. Und nicht Rikelchen, sondern sich selber, gab er Antwort, immer häufiger, immer lauter, immer anmaßlichcr: „Jupp kann nicht verwundet werden! So wenig wie die Sonne bei Nacht, der Mond über Tag scheinen kann." „Wenn aber doch —?" wagte Nikelchen zu fragen. „Halt den Mund!" schrie Gust und verließ, gepeitscht vom Aerger über die unbegreifliche Torheit und die unbeugsame Verstocktheit seiner kriegverwirrten Frau, das Hans. Nikelchen setzte sich ans Fenster und sah dem Davonstürmenden nach, bis er hinter dem Tränenvorhang ihrer Augen entschwand. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich; vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'fche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.