GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang 1934 Montag, den 10. Dezember Hummer 96 HANS DOMINIK • EIN STERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT < 934 BY KOEHLER & AM ELAN G G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) Unruhig rutschte der 21: lerikaner auf seinem Stuhl hin und her, während Berkoff mit ehrlichstem Gesicht seine schwindelhafte Geschichte vorbrachte. Für den Augenblick brach Berkoss das Gespräch ab. Mochte der Amerikaner die Mitteilungen, die er ihm soeben versetzt hatte, zunächst eine Weile verdauen. Erst am folgenden Morgen kam er wie zufällig auf das Thema zurück und lud ihn zu einem Flug nach der Fallstelle des Meteoriten ein. Mit Vergnügen ging Mr. Garrison auf diesen Vorschlag ein. Er sprach viel von seinem wissenschaftlichen Interesse an Meteoriten und ähnlichen Erscheinungen, während sie zum Schifs gingen. „Lüge du und der Deibel!" dachte Berkoff bei sich. „Was du willst, weih ich, und auf den Leim führe ich dich doch! In der Tat verband er mit der Einladung zu diesem Flug eine ganz bestimmte Absicht. Aber es gab da südlich von der Station und auch etwa hundert Kilometer von ihr entfernt eine Stelle, an der das Gelände dicht neben einer leichten Hügelwelle eine kleine merkwürdig gezackte Mulde bildete. Vielleicht war dort zu irgendeiner Zeit sogar wirklich einmal ein Meteor eingeschlagen. Bei früheren Flügen war Berkoff die Stelle aufgefallen, und er versuchte jetzt, sie wiederzufinden. Absichtlich vermied er es dabet, in die Stratosphäre zu gehen. In knapp 2000 Metern Höhe strich das Flugzeug über den Boden hin. Nun glaubte er gefunden zu haben, was er suchte. Noch ein paar Kreise zog das Schiff über der verdächtigen Stelle, dann sank es langsam nach unten. Prüfend blickte Berkoff in die Runde, nachdem sie das Schiff verlassen hatten. „Hier muh es sein, Mr. Garrison. Leider ist heute alles tief verschneit, der Nordwind hat den Schnee gegen die Hügelkette geweht. Damals hatten wir bessere Verhältnisse. Aber ich kenne die Gegend wieder. Gerade von uns muß es sein..." Er wollte noch weitersprechen, aber der Amerikaner lies bereits auf die Stelle zu. „Vorsicht, Mr. Garrison, das Loch ist tief", schrie ihm Berkoff noch nach. Aber da war das Malheur schon geschehen. Der Amerikaner war über den Rand der etwa zehn Meter tiefen Mulde hinabgestolpert und steckte da unten irgendwo tief im Schnee. „Na, weh getan wird er sich nicht haben, Schnee ist weich", ging es Berkoff durch den Kopf, während er vorsichtig Fuh vor Fuß sitzend bis zum Rande der Mulde schritt. „Hallo, Mr. Garrison. Ich habe Sie gewarnt. Haben Sie sich verletzt?" Er schrie es, während er mit den Händen einen Trichter vor seinem Munde bildete. Aus dem Schnee klang es dumpf und undeutlich herauf. Soviel Berkoff verstehen konnte, war der Amerikaner nicht zu Schaden gekommen, aber er war nicht imstande, sich ohne Hilfe aus den Schneemassen herauszuarbeiten. „Warten Sie, Mr. Garrison, ich gehe zum Schiff zuruck und bringe Ihnen eine Leiter", schrie Berkoff und machte sich auf den Weg. „Das wird dir schon gut tun, mein Junge", dachte er dabei, „wenn du aus der Schneekuhle wieder glücklich raus bist, wird dein Wissensdurst hoffentlich ein für allemal gestillt sein." Es gab in dem Stratosphärenschiff kurze Aluminiumleitern, bie man nach Bedarf zusammenstecken konnte. Berkoff griff drei davon und kehrte zu der Unfallstelle zurück. „Hallo, Mr. Garrison. Sind Sie noch vorhanden? Ein unwilliges Brummen aus dem Schnee kam als Antwort auf die Frage. Berkoff steckte die Leitern zusammen und stieß das lange Gebilde dann vorsichtig in den Schnee hinein nach unten, schrie dabei: „Achtung, Mr. Garrison. Vorsicht! Die Leiter kommt. Er mußte niederknien und die oberste Sprosse noch ein Stuck über den Muldenrand nachlassen, dann fühlte er, wie die Leiter festen 6rU,Leiter6 ftef)!! Haben Sie sie?" schrie er mit voller LungenkrafL Mr^ Garrison antwortete nicht mehr. Die Luft mochte ihm allmählich knapp geworden fein, aber an den Erschütterungen der Leiter merkte B rkoff daß der Amerikaner sie gefaßt hatte und sich Stu e um Stufe auf ihr in die Höhe drückte. Es ging nur langsam vorwärts Oester asemma mußte er Haltmachen, um wieder frischen Sauerstoff m die Lungen zu pumpen. Aber schließlich war er doch geschaffL Die Schneedecke beweg sich, und über und über weiß bezuckert wie ein Weihnachtsmann tauchte Mr. Garrison aus ihr heraus. Berkoff streckte ihm die Hand entgegen und zog ihn mit kräftigem Schwung auf sicheren Boden. „Wie konnten Sie nur, Mr. Garrison?" sagte er dabei. „Ich rief Ihnen doch nach, warnte Sie noch, das hätte leicht böse ausgehen können." Garrison atmete in tiefen Zügen und begann dabei sich den Schnee abzuklopfen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder Worte fand. „Wie tief ist das verfluchte Loch eigentlich?" Berkoff lachte. „Tief genug, lieber Garrison, um sich das Genick zu hätte. Sie werden es gleich sehen." Während Berkoff es fugte, machte er sich daran, die Leiter wieder emporzuziehen, und bei jeder Sprosse die aus dem Schnee auftauchte, wurde Garrisons Gesicht länger. „Ja, ja, mein lieber Herr", meinte Berkosf, während er die Leiter wieder auseinandernahm, „Sie sind da reichlich zehn Meter runter gesegelt, lassen Sie sichs eine Warnung sein. Es ist schade, daß das Gelände hier so verschneit ist. Sie hätten sich sonst durch den Augenschein überzeugen können, daß wir das Meteoritenerz restlos mitgenommen haben. Hier ist weit und breit fein Stückchen davon liegen» geblieben." Der Amerikaner brummte etwas vor sich hin, was ebensogut ja wie nein heißen konnte. Ganz offensichtlich hatte der Sturz in die Schneekuhle ihm die Laune gründlich verdorben. Während sie zum Schiss zurückgingen, fragte er, ob die Gegend hier immer so verschneit wäre. „Sie kommen oft in diese Gegend, Mr. Berkoff?" Der Deutsche nickte. „Ich kann wohl sagen ja, Mr. Garrison. Ich bin sozusagen der Verbindungsmann zwischen den Eggerth-Werken und der Station. So durchschnittlich alle zwei Monate hat die Antarktis das Vergnügen, mich zu sehen." Morgen, spätestens übermorgen gehts wieder auf dem schnellsten Wege nach Deutschland. Wenn Sie wollen, Mr. Garrison, nehme ich Sie gern mit." „Sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Berkoff. Ich denke, ich werde Ihre Einladung annehmen." „Wenn Sie jetzt nicht mitkommen, werden Sie voraussichtlich zwei Monate in der Station bleiben müssen", sagte Berkoss trocken. ,Du Riesenkamel, nu komm schon mit', dachte er im stillen.-- Die nächsten beiden Tage benutzte der Amerikaner noch zu ausgiebigen Märschen in der südlichen Umgebung der Station, aber das Glück war ihm dabei nicht hold. Er fand kein einziges Stückchen des schweren blinkenden Erzes, nach dem er so eifrig ausfpähte. Als Berkoff am Abend des zweiten Tages startete, befand sich Mr. Garrison an Bord von ,St 10' und ließ sich nach Deutschland mitnehmen. Aus seinen Gesprächen glaubte Berkoss entnehmen zu können, daß er die Hoffnung, in der Antarktis Erz zu finden, endgültig begraben habe. * Zum erstenmal in den beiden Jahrzehnten, während deren die beiden Gelehrten nun schon zusammen arbeiteten, gab es einen regelrechten Krach zwischen Wille und Schmidt. Die Sache nahm ihren Ausgang von dem in den letzten Wochen so oft behandelten Thema: Wollen wir die Station weiter nach Süden verlegen, oder sollen wir hier bleiben? Wie stets bisher war Dr. Wille dafür, an der alten Stelle zu bleiben, während Schmidt energischer als je zuvor für eine Verlegung eintrat. Wille fuhr ärgerlich auf. „Meinung hin, Meinung her, Herr Schmidt! Gegen Ihre Ansicht fetze ich die meinige. Das dürfte sich bann ja wohl so ziemlich heben." Eine Weile stand der lange dürre Schmidt mit zusammengekniffenen Lippen schweigend da. Schon glaubte Dr. Wille, daß der Streit damit beendet sei, als sein Assistent wieder zu sprechen begann. „Ich stehe mit meiner Meinung nicht allein da, Herr Wille. Sie wird von andern geteilt." „Machen Sie mich nicht verrückt!" brauste Wille auf, „was sind das für Eideshelfer, auf die Sie sich da stützen wollen?" „Da wäre zuerst Professor Eggerth zu nennen, Herr Wille." „Unsinn, Herr Schmidt! Ich habe, glaube ich, schon einmal gesagt, daß der Mann sich um seinen eigenen Kram kümmern soll." „Dann möchte ich an zweiter Stelle Herrn Ministerialdirektor Gerhard aus dem Kultusministerium nennen." ... als Ihr alter Mit" Hit! »« zu. „Sprechen Sie als was hier eigentlich ge- kennt Ihr Temperament ■i8Ia - Ü5 iad •j lom ;i Sei Wille warf ihm einen verwunderten Blick was Sie wollen, aber sagen Sie mir endlich, spielt wird." nächst zu sondieren.; „Der Professor hat mir auch kein Wort davon gesagt", fiel ihm Wille ins Wort. „Weil er die gleichen Bedenken hatte. Deshalb hat man den alten Schmidt vorgsschickt, der sich von seinem hochverehrten Chef gern ein paar Dutzend Grobheiten an den Kopf werfen läßt, wenn es ihm nur gelingt, ihn für die große neue Sache zu gewinnen. Mein lieber Herr Dr. Wille, geben Sie mir bitte keinen Korb." Er streckte Wille langsam die Rechte hin. „Schlagen Sie ein, versprechen Sie mir, daß Sie den Vorschlag der Regierung annehmen werden." Langsam griff Wille nach Schmidts Hand. „Mein lieber alter Schmidt, ich habe Ihnen unrecht getan. Ich glaubte. Sie wollten mich verlassen. Ich will Ihnen versprechen, das Angebot nach bestem Wissen und Gewissen zu prüfen, sobald es mir offiziell gemacht wird." „Auch anzunehmen, Herr Wille? Das ist mir die Hauptsache. Soviel ich weiß, beabsichtigt man. Ihnen den Titel und Rang eines Reichskommissars zu geben." Dr. Wille fuhr sich wie träumend über die Stirn. „Titel und Rang eines Reichskommissars, merkwürdig, Schmidt, merkwürdig ... wenn ich mich recht erinnern kann, waren Wihmann und Peters einmal .r* Htbli $5 I ktrid) Nr Hs K 3 „Mein sehr verehrter Herr Dr. Wille, man in Berlin und man möchte sich dort keiner Ablehnung von Ihrer Seite aussetzen. Sie begreifen, daß eine Ablehnung, von Ihnen vielleicht in einer ersten Aufwallung gegeben, die Verhandlung sofort auf einen toten Punkt bringen würde. Man bat deshalb Professor Eggerth, zu- Der Schein eines Lächelns huschte über die faltigen Züge Schmidts. „Darf ich ganz offen zu Ihnen sprechen, als arbeiter ... und Freund, Herr Dr. Wille?" Im Sir ■Jin thipe! eil ’io ■4P «I Mt H gi Ai uni s M|o Ä bi «iils .. i«S ■;i m "»1 ÄH tiirtr M Mkrt ■■■ iigi iit ei M, .'3 be ihn inm A, öm Ale ;elie st i Reichskommissare. Das erinnert sa beinahe an die Erwerbung unserer ersten Kolonien." Dr. Schmidt versuchte zu lachen. „Hier in der Antarktis dürfte es kaum etwas zu kolonisieren geben, Herr Wille. Der Titel wurde wohl gewählt, um Ihnen die notwendige Stellung gegenüber dem Ministerialrat Schmidt zu geben, den die Herren in Berlin aus mir machen wollen." Dr. Schmidt stand auf. „Darf ich an Professor Eggerth fünfen, daß Sie bereit sind, das Angebot der Regierung anzunehmen?" „Es kommt zu schnell, lieber Schmidt. Lassen Sie mir noch em paar Stunden Bedenkzeit. Sagen wir heute abend. Rach dem Essen werde ich Ihnen meine Entscheidung mitteilen." Und bann war Dr. Wille allein. In der Gesellschaft von tausend Gedanken und Ueberlegungen, die auf ihn einftürmten. Schweigend hatte Dr. Schmidt den Raum verlassen. Mit langen Stechschritten stelzte er durch den Schnee zur Funkerbude hin. Lorenzen ah ihn mißtrauisch herankommen. .Wahrscheinlich bringt der wieder einen halben Zentner irrsinniger Zahlen, die nach Potsdam zu funken mb', buchte er, als ber Doktor bei ihm eintrat, aber biesmal brachte ber Doktor keine seiner enblosen Tabellen zum Vorschein. Rach kurzem Gruß griff er sich einen von ben Schreibblöcken, warf ein Dutzenb Worte barauf unb schob ihn Lorenzen hin. „An Professor Eggerth persönlich. Bitte sofort fenben." Mechanisch griff Lorenzen nach bem Papier. Dr. Schmibt blieb neben ihm sitzen, bis ber Funkspruch abgegangen unb sein Empfang aus Bitterfelb bestätigt worben war. Dann ging er zur Station zuruck.-- Um bie gleiche Zeit hielt Professor Eggerth eine Depesche aus ber Antarktis in ben Hänben. ,Das Eis ist gebrochen. Heute ahenb soll es sich entscheiben. Schmibt. Der Abend kam herauf, aber er brachte die Entscheidung noch nicht; nur einen zweiten Funkspruch an Professor Eggerth: ,48 Stunden Bedenkzeit erbeten, Dr. Wille'. Nachdenklich wog der Professor die Depesche in der Hand. Irgendwelche neuen Hemmungen mußten eingetreten fein. Anders war die Bitte um eine so lange Bedenkzeit nicht zu erklären, und Professor Eggerth war selbst genügend Psychologe, um die Gesahr, die darin lag, sofort zu erkennen. Der tote Punkt mußte überwunden werden und er glaubte, die Mittel dafür zu besitzen.-- Ein Reichsinstitut in der Antarktis. Man war im Werk gerade dabei, die ersten Schiffe von Typ ,St 11* aus ber Neufabrikation für bie Pazificlinien einzufliegen. ,St 11a' hatte bie ersten 10 000 Kilometer bereits hinter sich, als es um bie achte Abend- ftunbe auf bem Werkhof nieberging. Hein Eggerth kletterte aus bem Rumpf, Berkoff unb Hansen folgten ihm. „Der Kahn ist großartig", rief Hansen vergnügt unb schwenkte dabei das Logbuch von ,St 11a' in der Rechten. In der Hoffnung auf ein gutes Abendessen schlugen die drei Piloten zusammen den Weg zum Kasino ein, als der Professor Urnen in den Weg trat. Eine kurze Begrüßung, ein kurzer Bericht über den letzten Flug, und der Professor ging zusammen mit ihnen weiter. „Die Herren wollen sich restaurieren. Ist recht so! Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen." Zu viert nahmen sie auf Einladung des Professors an dem runden Stammtisch im Prokuristenzimmer des Kasinos Platz und bald duftete es angenehm aus vollen Schüsseln. Professor Eggerth saß neben seinem Sohn und studierte aufmerksam das Logbuch des neuen Stratosphärenschiffes, während die anderen sich über die aufgetragenen Gerichte hermachten. Eine Weile ließ er sie gewähren, dann zog er Hein beiseite unb begann mit ihm zu sprechen. Üeise, fast flüfternb zuerst, halb banach lauter, so baß auch bie anbern hören konnten, um was es sich hanbelte unb was ihnen beoorftanb. In einer halben Stunbe sollten sie mit ,St 11a' zur Antarktis starten. „Pfui Deibel", sagte Hansen, aber vorsichtigerweise so leise, baß es ber Professor nicht hören konnte. „Ich hätte mich eigentlich aufs Bett gefreut", flüsterte Berkoff ihm zu. „Cs ist von Wichtigkeit für unser Werk unb für noch mehr, meine Herren", sagte Professor Eggerth, und da waren Müdigkeit und Abspannung im Augenblick abgeschüttelt. „Was sollen wir mitnehmen?" fragte Hein. „Keine Sorge für dich, mein Junge. Draußen wird schon alles eingeladen. Zwanzig Minuten könnt ihr hier noch gemütlich fitzen, bann wirb gestartet." Zur festgesetzten Zeit schvaudte fich ,St lla‘ in bie Höhe unb stürmte nach Silben bavon. Professor Eggerth hatte mit seiner Vermutung recht, baß eine Hemmung eingetreten sei. Währenb Dr. Wille in langen Stunben sein bisheriges Lebenswerk durchdachte, währenb er fich oorzustellen versuchte, wie er es zukünftig unter anbern vielleicht günstigeren Bebingungen weiterführen sollte, geriet er immer wieber an einen Punkt, über ben er nicht hinwegkam. Sein ureigenstes Werk war diese ganze antarktische Station, wenn er auch bte tatkräftige Hilfe der Cggerth-Werke nicht unterschätzte. Von ihm war die Idee ausgegangen, unb fein ganzes nicht unbebeutenbes Vermögen hatte er in ihren Dienst gestellt. Eine Fülle neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse war im Lause biefes letzten Jahres gewonnen worben. In ben gelehrten Zeitschriften aller Kulturvölker waren Berichte barüber erschienen unb hatten seinen Namen in ber ganzen Welt bekannt und berühmt gemacht. Nun sollte das plötzlich anders werden. Nicht mehr nach feinen eigenen Ideen, sondern nach denen der deutschen Regierung ... eines Ministeriums der Regierung ... irgendeines unbekannten ... vielleicht unbedeutenden Dezernenten dieses Ministeriums sollte zukünftig gearbeitet werden. Er kam nicht darüber hinweg, sooft er in seinen Gedanken bis an diesen Punkt gelangt war. (Fortsetzung folgt.) Dr. Wille pfiff durch die Zähne. „Das Kultusministerium hat bis jetzt keinen Pfennig zu meiner Expedition beigefteuert, und da berufen Sie sich mir gegenüber auf diese Behörde. Ich begreife Sie nicht mehr." „Sie werben mich vielleicht besser verstehen, Herr Dr. Wille, wenn ich Ihnen sage, daß bas Kultusministerium jetzt bereit ist, die Expedition finanziell zu unterstützen." Dr. Wille ließ sich in einen Sessel fallen. Er brauchte Zett, um die unerwartete Nachrichte zu erfassen. „Davon hätte ich als Leiter der Expedition doch zuerst etwas erfahren müssen", fuhr er nach einer Weile fort, „vorläufig ist mir nichts davon bekannt. Ich würde es mir auch noch sehr überlegen, ob ich eine solche Unterstützung annehme. Sie wird wahrscheinlich nicht sehr bedeutend sein, unb bas Ministerium wirb mir bafür in unerträglicher Weise in meine Arbeiten fjineinreben." Schmibt schüttelte ben Kops. „Das würben Sie kaum zu befürchten haben. Das Ministerium wünscht nur, baß wir mit ben Transportmitteln, bie es uns zur Verfügung stellen will, einen Teil ber Station motorisieren unb Forschungsreisen in süblicher Richtung unternehmen, bis wir bie besten Bebingun- gen für unsere Arbeiten gefunben haben..." Dr. Wille hatte einen Bleistift ergriffen unb spielte nervös damit. Stockend, oft lange Pausen machend, sprach er: „Herr Dr. Schmidt ... ich muß Sie daran erinnern ... daß Sie mein Assistent sind und bei mir in Brot und Lohn stehen. In Ihrem Anstellungsvertrag befindet sich ein Passus, daß die Arbeiten der Expedition nach meinen Anweisungen zu erfolgen..." , .. „Verzeihung, Herr Wille", unterbrach ihn Schmidt, „hier wurde m Zukunft eine Aenderung eintreten. Das Kultusministerium beabsichtigt, mich mit Beamteneigenschaft in den Staatsdienst zu übernehmen. Sie werden es begreiflich finden, daß ich eine solche Ehanee nicht vorbeigehen lassen kann." .. Der Bleistift in Willes Händen zerbrach in zwei Stucke. „Großartig, Herr Dr. Schmidt", rief er, während er sie achtlos beiseite warf, „Sie werden also Staatsbeamter, wahrscheinlich Ministerialrat, werden mir hier womöglich vor die Nase gesetzt ... und ich habe keine Ahnung von alledem, was sich da bereits hinter den Kulissen abgespielt haben mutz. Pfui Teufel, Herr Schmidt, das hätte ich von meinem langjährigen Mitarbeiter nicht erwartet." Der lange Schmidt machte eine verzweifelte Abwehrbewegung. „Nicht doch, Herr Dr. Wille. Sie verkennen bie Situation vollkommen, man benft gar nicht baran, hinter Ihren Rücken vorzugehen. Es besteht im Ministerium bie Absicht, unsere ganze Expebition zu verstaatlichen unb auch Sie in ben Staatsbienft zu übernehmen ... wenn Sie bazu bereit sind, Herr Wille ..." „Und wenn ich nicht dazu bereit bin?" Schmidt zuckte die Achseln. „Dann würden wir uns trennen müssen, wollen Sie sagen, Herr Schmibt? So ist es boch!" schrie ihm Wille ins Gesicht. Minuten vergingen, in benen keiner ber beiben ein Wort sprach. Dann begann Schmibt von neuem. „Wir wollen versuchen, Herr Wille, biese Unterrebung unter Beiseitelassung aller Nebensächlichkeiten zu Ende zu bringen. Die Regierung erkennt Ihre großen wissenschaftlichen Verbienste voll an. Sie will bie antarktische Expebition, bie Sie bisher aus Ihrem Privatvermögen finanzierten, zu einer bauernben Institution bes Deutschen Reiches machen, und sie will Ihnen babei burchaus diejenige Stellung geben, die Ihnen nach Ihrer ganzen Vergangenheit zukommt. Es wäre ein schwerer Verlust für die deutsche Wissenschaft, wenn Sie dieses Angebot nicht annehmen." Dr. Wille sprang erregt auf. „Sie sprechen von einem Angebot, Schmidt. Aber man hat mir ja noch gar kein Angebot gemacht. Von allen diesen Dingen höre ich zum erstenmal aus Ihrem Mund" Und Wir kaufet, Neue Liebe. Von Eduard Mörike. Kann auch ein Mensch des anderen auf der Erde ganz, wie er möchte, sein? — In langer Nacht bedacht ich mir's und mußte sagen: Nein! So kann ich niemands heißen auf der Erde, und niemand wäre mein? — Aus Finsternissen hell in mir aufzückt ein Freudenschein: Sollt ich mit Gott nicht können fein, so wie ich möchte, mein und dein? Was hielte mich, daß ich's nicht heute werde? Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein! Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte fein, Gott selbst zu eigen haben auf der Erde! Alle an einem Strang. Eine Geschichte von Curt Corrinth. Ist lange, lange her, diese Geschichte, spielte in frühen, kaum noch mstellbaren Friedensjahren — aber ich sage euch: unser Geist, der -«Ist dieser verrückten Untertertia des Barmer Gymnasiums von da- rals, war schon der Geist von heut! Merkt auf! Es begann damit, daß eines Vormittags während des ”ut|cf,= nterrichts beim Dr. Busch der kleine Erwin Kulms so seltsam abwesend war, daß der Lehrer nicht mit ihm fertig werden konnte, tir Klassenkameraden in den Pausen nichts aus ihm herauskriegten - bis unser Hugo Poellnitz, Klassenältester und Vertrauensmann, 6« Sache sanft in die Hand nahm, dann nach Schulschluh uns um sch sammelte, nachdem der kleine Erwin Kulms längst enteilt, uns ine Rede hielt, die aller Weisheit und getreusten Kameradschaft voll rar — er hat den großen Plan geboren, wir haben ihm in die jcnb geschworen, und damit ging das ganze phantastische Begängnis ds und trieb schnell weiter. Also: noch am gleichen Tage verdingte sich Hans Budde, der iohn des reichen Färbereibesitzers, bei seinem Vater gegen bares Ent- plt als Botenjunge, Packer, Hilfsschreiber und dergleichen, der Vater s,ll baß erstaunt über diese neue Betriebsamkeit und Lohnsucht seines Hungen gewesen sein, aber weiter nicht groß gefragt haben. Ebenfalls nch am gleichen Abend strich der stämmige Rudols Stoy, ohne Schüler- lütze, um den Bahnhof herum, wartete der einlaufenden Züge, fing die msfteigenben Reisenben ab und verdiente dies und das durch eifriges Soffertragen. Zwei Tage später erlebte der Hauptschriftleiter unseres »iadtblattes- feine befremdliche Sensation, weil unser Klassenkamerad Herbert Neumark bei ihm hereinschneite und ihm nach einigem Drucksen tin eigenes Gedicht vorlegte, jawohl, er wäre ein Dichter geworden, jatte er nicht früh an der Schwindsucht sterben müssen; lange Jahre wch habe ich die Zeitungsnummer besessen, in der dies rührende Jungen- xdicht, für das der Neumarck wahrhaftig das Honorar von zwei Mark «us dem Schriftleiter herauszubitten vermochte, abgedruckt war mit tollem Namen des Verfassers. So verfiel ein jeder von uns Unterter- ianern jäh und entschlossen auf irgendeinen Erwerbszweig. Der Ra- ianus bemühte sich um Nachhilfestunden bei hartschädligen Sextanern ind erwischte sogar drei solcher Stunden in der Woche. Der Jäger ver- «nftaltete vor seinen Angehörigen und dem großen Bekanntenkreise seiner somilie ein paarmal in der Woche abends großartige Vorführungen jrtner Laterna Magica. Der Schulte hielt es ähnlich mit feinem Kafperle- heater. Und wir — , ,, Nun, wir waren drei. Der Hugo Poellnitz, der Edgar Bergt und ich. Wir waren fowas wie die besten Soprane des Schulerchors, damals. krum fetzten wir in klarer Selbsterkenntnis und ohne den leidesten ;frupel oder gar Standesdünkel diese unsere Begabung für das hohe fiel ein. Wir fangen. Wir wurden einfach Straßenmustkanten, fertig. Vir zogen die Häuser entlang, fangen und sammelten. Trieben e s happ zwei Wochen lang. Dann allerdings wurde uns das Hand^ Bert gelegt. Das Ende unseres sehr ernsthaft betriebenen Berufs g g ton einer photographischen Aufnahme aus. Eines Nachmittags narn ch fanden wir im Villenviertel des Toellenturms wieder 6nt|d)(o en unb Mchtgetreu aufgebaut. Hugo Poellnitz hielt auch diesmal die Laute ie Händen, präludierte und begann dann fein Sopransolo bis unfere frei Stimmen sich zum schallenden Refrain einten. Da standderous- xschossene blonde Junge mit den blitzenden Augen, da schmetterte die i'lle klare Kinderstimme so hingerissen unb soldatisch lubelnb, daß b fünfter aufsprangen, bie erwachsenen Menschen acheliid und winkend hnabspähten und ein jeder, eine jebe ben Obol.^ in Papier wickelt mb uns zuwarf, ohne baß es einer noch fo höflichen Aufforberung ve Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist der Mann noch was wert, Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein anderer für ihn ein, # Auf sich selber steht er da ganz allein, unser jauchzend bestätigender Chorus: „Da tritt kein anderer für ihn ein, „ Aus sich selber steht er da ganz allein. •"■uuiei, das Leben schäumt — und setzet UN n 1 dich euch das Leben gewonnen sein! — Nte, -»ie. , Nun, und damals hat uns von der andern fttatzemeue ° » Kimtückischer Reporter beobachtet, un2.9^J”nmufitanten3unferer96tabt!" icangte es im Blatt: „Die längsten Stratzenmusikanten 1 - unb mittenbrauf, bu großer Gott, aus dem surchtbtten Duo Hugo Poellnitz, mit der Laute im Arm, und ich, wie ich mich gerade zu Boden bücke, um Gelbmünzen auszuklauben, und der ^hqar Bergt, mit singend aufgerissenem Mund ... lieber Edgar Bergt ist es bann zuerst hergegangen. u.r war der Sohn eines Stadtbaumeisters — unb wie er uns die Szene erzählte, die ihm sein Vater gemacht, da konnte er nur tief seufzen: „O Junge, Junge, Junge ..." Jedenfalls hieß es: „Du Taugenichts, bu Lümmel, bu Schnorrer, bu Abschaum, bu Mörder meiner Ehre, was habt ihr Banditen mit dem erfchnorrten Geld gemacht?!" — Und Edgar Bergt hielt dicht, wir hatten es ja alle dem Hugo Poellnitz in die Hand versprochen. Und der Vater schleppte ihn zu unserm Klassenleiter, dem Dr. Busch, und ich ward hinzitiert, und der Hugo Poellnitz war schon da — und die Szene wurde zum Tribunal durch den rasenden Stadtbaumeister, zumal der Dr. Busch ihm viel zu sanft inquirierte. Bis ihm das böse Wort „gemeine Lumperei!" entfuhr ... — „Das geht nicht!" forderte der Dr. Busch. „Ich für mein Teil möchte nachdrücklich feststellen, daß ich vorbehaltlos an meine Jungens, an alle, glaube, an ihre Sauberkeit, ihre Ehrlichkeit — ob bu uns nun, Hugo Poellnitz, der du ja wirklich der, hm, Rädelsführer bei dieser Sache zu [ein scheinst, aufklären willst und wirst über die ganze Geschichte oder nicht!" Der Stadtbaumeister wollte erneut loslegen, aber der Poellnitz kam ihm zuvor. Er richtete seine Augen auf das gütige Gesicht des Lehrers: „Herr Doktor, wir hängen an Ihnen, wir alle, und wir wissen, warum. Wir werden Ihnen nie Schande machen. Und zum Dank für — eben ... kann ich ja gar nicht anders als Ihnen jetzt alles sagen —" Und er gestand, was wir Jungens längst wußten. „Nur, bitte: den einen Namen, den darf keiner verraten. — Ist gut. — Also, Herr Doktor: wir haben alle gearbeitet, wir alle: der Stoy hat Koffer geschleppt, der Rabanus — also die ganze Untertertia hat gearbeitet; und wir, wir haben eben gesungen." „Gearbeitet —" brüllte der Stadtbaumeister. Ader der Poellnitz beachtete chn gar nicht mehr. „Uebrigens ist es", suchte er nach Erklärungen, „gar nicht so einfach. — Sehn Sie, Herr Dr. Busch, da war doch neulich mal der, der der, ben Namen nie verraten, bitte! der Erwin Kulms so komisch, so traurig. — Und keinem wollt' er was sagen. Aber mir hat er es denn doch gesagt. Und also. Ja, seine Mutter. Also ich meine: fein Vater, der ist tot, ja. Und Geld, sagt er, ist nicht da. Und seine Mutter, bie geht so, jo, na eben in die Häuser, so zur Bedienung, so." Er stockte. — „Sehr enge Verhältnisse, ja", erklärte Dr. Busch dem Stadtbaumeister leise. „Aber der Junge ist hochbegabt und wirklich eifern strebsam; wenn je eine Freistelle bei uns berechtigt war, dann ist es die, bie ber kleine Kulms innehat. Wie gesagt: Freistelle." Hugo Poellnitz mühte sich weiter. „Und nun, da ist die Mutter krank geworden, auf einmal. Sie liegt unb stöhnt und sorgt sich, sagt der Erwin und da hab' ich gestern auch noch, hat er gesagt, einen Kord Eier hab' ich fallen lassen, die ich austragen muhte, und nun läßt mich der Kolonialwarenhändler nix mehr austragen. — Und so. Da wußt' ich, warum der Erwin plötzlich so komisch war; und wie, ach, wie schlecht es da zuhaus' geht; und daß der Erwin sogar heimlich für feine Mutter schon Geld verdient, indem er für einen Kolonialwarenhändler Sachen austrägt in feiner Freizeit. — Und der Erwin war wirklich, doch, war ganz, ganz hoffnungslos, ja." Auf einmal drehte er uns mit kurzem Ruck ben Rücken zu unb rebete schamhaft gegen die Wand. „Und der Erwin ist unser Kamerad, ja, unser Kamerad. Unb, unb bann bin ich babrauf gekommen. Da hab' ich bas ber ganzen Klasse erzählt, schließlich muhte es boch einer in bie Hanb nehmen, und dann haben wir uns geeinigt: alle für einen! Ja. Der Erwin hat gearbeitet und hat feine Arbeit verloren, da werden wir mal alle antreten. Ja. — Ein paar von uns, die wollten dann sofort zu ihren Eltern fegen unb sic bitten, Gelb zu stiften ober fo. Aber da hab ich gemeint und gesagt: nein, nein! Denn dann kommen die Jungs von ben reichen Eltern mit viel Gelb unb die von den ärmeren mit wenig, und die schämen sich was. Und der Erwin, ber hat sich ja auch kein Geld stiften lassen, er hat dafür arbeiten müssen. Nee, wir wollten es gar nich besser haben und nich besser scheinen als unser Kamerad. Und da, da haben wir eben, wirklich, gearbeitet haben wir, was nun eben jeder konnte. Haden wir." Er drehte wieder den Kopf ins Zimmer zuruck, weil ein seltsamer Laut von dem Stadtbaumeister kam, und well wir beiden, ber Edgar Bergt und ich, lauthals und feurig beteuerten: ,Haben wir, haben wir!" „Jawohl, und alle haben gearbeitet. Unb wir haben uns versprochen, nix zu sagen, wofür unb für wen wir arbeiten. Vielleicht hätte sich ber Erwin fo sehr geschämt, unb bas wollten wir eben nich. 2llfo. Nu haben wir schon zweimal alles oerbiente Gelb zusammen- geschmissen unb heimlich an Erwins Mutter schicken können. Und, unb, nun eben, der eine hat Soffer geschleppt, ber anbere einen Zaun gemalt, einer Nachhilfestunden gegeben unb, hach, also alle, jawoll, unb, sehn Sie also wir brei, ich meine, wir haben eben gesungen, weil wir mal nir’anberes konnten. Unb wir schämen uns auch gar nich. Aber Lum- perei — nee! Unb, aber, boch, aber Schuld hab ich, das stimmt. Alle S$er)’ftanöt mit offenem Gesicht da, die Lippen ttotzig gewölbt, fo aufrecht und fechterhaft, als fei er bereit, gegen eine ganze Welt und ihr Urteil anzutreten und im klaren Wissen um feines Wesens und Wollens Tiefe zu rebellieren. Aber das hatte er ja nun nicht nötig. Der Stadtbaumeister hat ihm, sehr rot im Gesicht, „Entschuldige, Kerl' verzeih, Kerl!" die Hand gegeben und gequetscht, hat dem Edgar den Arm um den Hals gelegt und ist seltsam schnell so mit ihm davongegangen. Und der Dr. Busch, nun, der hat ihm auch die Hand gegeben, natürlich — und hat noch was gesagt — , Und bann standen wir beiden Ueberbletbfel unten auf der Straße. Und ich boxte den Hugo Poellnitz auf einmal, ich konnte nicht anders, mächtig in die Rippen. Und er boxte schneidig wieder mächtig in die Rippen, es kam zu einer begeisterten Balgerei, mit Ho und He und Da und Peng. Und mit dieser Balgerei haben wir schnell die ganze Geschichte der letzten Wochen begraben, wir erwiesen uns als merkwürdig unbegabt, uns irgendwie als Heroen zu fühlen. Ein Lied vom Reifen. Bon Matthias Claudius. Seht meine lieben Bäume an, Wie sie so herrlich stehn, Auf allen Zweigen angetan Mit Reifen wunderschön! Von unten an bis oben 'naus, Auf allen Zweigeloin, Hängt's weiß und zierlich, zart und kraus. Und kann nicht schöner sein. Und sie beäugeln und besehn Kann jeder Bauersmann, Kann hin und her darunter gehn, Und freuen sich daran. Auch holt er Weib und Kinderleiu Vom kleinen Feuerherd, Und Marsch mit in den Wald hinein! Und das ist wohl was wert. Ihr Städter habt viel schönes Ding, Viel Schönes überall, Kredit und Geld und goldnen Ring, Und Bank und Börsensaal; Doch Erle, Eiche, Weid und Ficht' Im Reifen nah und fern — So gut wird euch nun einmal nicht Ihr lieben reichen Herrn! Das hat Natur, nach ihrer Art Gar eignen Gang zu gehn, Uns Bauersleuten aufgefpart. Die anders nichts verstehn. Wir sehn das an und denken noch Cinfältiglich dabei: Woher der Reif, und wie er doch Zur Stunde kommen sei? Denn gestern abend, Zweiglein rein! Kein Reisen in der Tat! — Muß einer doch gewesen sein Der ihn geftreuet hat! Ein Engel Gottes geht bei Nacht, Streut heimlich hier und dort, Und wenn der Bauersmann erwacht Ist er schon wieder fort. Der Engel, der so gütig ist, Wir sagen Dank und Preis. O mach uns doch zum heil'gen Christ Die Bäume wieder weiß! Zur Kuliurgeschichte des Handschuhs. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Mit Beginn der kalten Jahreszeit kommt in unseren Zonen der Handschuh auch bei denjenigen wieder zu Ehren, die ihn sonst gern als einen Luxusgegenstand, ja als ein lästiges Kleidungsstück betrachten. Welche Höhen symbolischer Würde und glanzvoller Ausstattung er im Laufe der Entwicklung auch erreicht haben mag, seine eigentliche Entstehung verdankt er dem Bedürfnis des Menschen nach Schutz gegen die Unbilden der Witterung, wenn wir einmal von der sportlichen Verwendung absehen, wie sie beispielsweise bei den dicken Fausthandschuhen vorliegt, die schon die Mädchen von Lacedämon bei ihren Ringkämpfen anlegten. Der Handschuh kommt bereits in vielerlei Gestalt im Altertum vor. Die Perser haben Fingerhandschuhe aus Pelz getragen. In der griechischen Antike bedienten sich sowohl die vornehmen Athenerinnen dieses Kleidungsstücks als auch die Hirten und Arbeiter. So trügt der im Garten arbeitende Laertes in der Odyssee stierlederne Handschuhe. Der griechische Mythos erzählt, Venus habe sich auf der Suche nach ihrem Liebling Adonis an den Dornen der wilden Sträucher gestochen und sich daraufhin von den drei Grazien zierliche Handschuhe machen lassen. Im allgemeinen waren sie bei den Griechen und Römern aus derbem Leder und gut für die Ärbeit geeignet, bald aber kamen auch schon feinere Fingerlinge auf, die man bei den Mahlzeiten benutzte, da man sich beim Essen keiner Gerätschaften, sondern der Finger bediente. Plinius erzählt in seinen Briesen von einem Schnellschreiber, der feine Tätigkeit im Reisewagen trotz der Kälte, mit Handschuhen an den Fingern, ausübte. Die alten Germanen haben aus der Jagd derbe Fäustlinge getragen. Schon im 6. Jahrhundert aber gehörten Handschuhe zu den Hoheitszeichen der Bischöfe und wurden fortab immer mehr zum Kleidungsstück der Vornehmen, reich mit kunstvollen Stickereien in Gold und Silber und mit Perlen verziert. Auch die zu den Ritterrüstungen gehörenden Panzerhandschuhe waren oft sehr sorgfältige und wertvolle Arbeiten. In dieser Zeit hatte der Handschuh bereits seine große symbolische Bedeutung erlangt. Dem Ritter galt er als Zeichen der Her ausforberung zur Fehde, ebenso spielte er bei Belehnungen und Stan, deserhöhungen eine große Rolle. Häufig wurden Handschuhe als Tribut ober symbolische Schenkung bargebracht. Die Kunst ber Herstellung von Fingerhanbschuhen soll in Europa erst im 12. Jahrhunbert aufgekommen sein. Aus bem kaiserlichen Ornat finb solche Hanbschuhe erhalten geblieben, bie aus purpurfarbenen Seibenstücken zusammengenäht und mit reichen Stickerein bebeckt finb, zu benen man Golb unb Perlen, sowie kleine emaillierte Golbbleche vcrwenbet hat. In ber katholischen Kirche bürgerten sich feit bem 10. Jahrhunbert befonbere liturgische Hanbschuhe ein, bie bei ber feierlichen Messe von höheren Geistlichen getragen würben. I Aber erst im 16. Jahrhundert erhielt dieses Kleidungsstück allge- meinere Bedeutung, und die Renaissance hat einen wahren Handschuhluxus entwickelt. Die Vornehmen schmückten sich nun mit herrlichen Handschuhen aus seidenen Geweben mit Verzierungen aus Pest und Goldstickereien. Besonders die Benetianerinnen zeigten an hohen Festtagen, so, wenn der Doge seine Vermählung mit dem Meere beging, Gebilde aus feinsten Spitzen, mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Später in der Zeit des Rokoko verwendete man zu ihrer Herstellung auch Leder, das van den eleganten Malern der Zeit mit zierlichen Bildern belebt wurde. Die wachsende Vorliebe für den Handschuh hat sich übrigens auch in der Geschichte der Malerei deutlich ausgeprägt. Eines der berühmten Gemälde Tizians, das sich im Besitz des Louvre befindet, heißt „Der Mann mit dem Handschuh". Die feinen Hände der DameMund Herren auf den Bildern Dan Dycks sind ohne diese Be- kleibuvff kaum denkbar. Auch V e l a s q u e z, ber große Meister Spaniens, gab seinen Gestalten gern Hanbschuhe in bie Hand. In Rembrandts Kunst wird dieses Bekleidungsstück beispielsweise in ber berühmten „Nachtwache" verwenbet. Der Hanbschuh hat aber auch eine verhängnisvolle Rolle gespielt unb ben Mordgelüsten ehrgeiziger Tyrannen und gewissenloser Frauen gedient. Katharinavon Medici soll sich durch das Geschenk eines Paares vergifteter Handschuhe der ihr unbequem gewordenen Jeanne d Albret, der Mutter Heinrichs IV., entledigt haben. Von geschichtlicher Bedeutung wurden die Handschuhe, bie ber Königin Anna zu teuer gewesen waren, so bah sie von bem Erwerb absah, was aber bie Herzogin von Marlborough nicht hinberte, sie bei einem Hoffest vor ben Augen ber Herrscherin mit großem Stolz zu tragen. Aus biefer an- scheinen!) so geringfügigen Begebenheit soll sich in unglückseliger Verkettung von Ursache unb Wirkung bie Entlassung Marlboroughs und bas Enbe bes spanischen Erbfolgekrieges ergeben haben. Daneben haben bie Handschuhe als Liebesboten schon feit Jahrhunderten eine freundlichere Sendung erfüllt. Das beweist ein Brief, den ber spanische Staatsmann Antonio Perez im 16. Jahrhunbert an seine angebetete Lady Riche richtete: „Ich bin in höchster Betrübnis, i Ihnen bie versprochenen Hanbfchuhe von Hunbeleber nicht überbringen zu können. Da ich sie nicht bekommen konnte, habe ich mich entschlossen, ein wenig von meiner eigenen Haut abziehen zu lassen, wenn überhaupt eine so schlechte unb rauhe Sache wie meine Haut auf einem so delikaten Platze wie der Ihren ruhen darf." Unter Ludwig XIV. wurde ber Leberhanbschuh, ber bisher nur für Männer üblich war, auch von Frauen angenommen. Es gehörte bamals zum guten Ton, am lag minbeftens vier bis fünf Paar Hanbschuhe zu tragen, bie in verschiedenen Farben und Mustern zu verschiedenen Tageszeiten und gesellschaftlichen Gelegenheiten paßten. Die Mode mag auch schon deshalb so schnell eine große Anhängerschaft gefunden haben, weil man in dieser Zeit auf Reinlichkeit des Körpers nicht allzu viel Wert legte unb wohl auch an ben Hänben manchen Schmutz zu verbergen hatte. Währenb im Rokoko ber Frauenhanbschuh vorherrschte, regierte in ben Moben bes Empire unb ber Restauration ber Hanbschuh vornehmlich als Bestandteil der Herrenkleidung. Bald mußte seine Farbe das Grau einer Gemse, bald ein Blaugrau ober ein Hellgrau haben. Einige Jahre später trug man nur Hanbschuhe zur Nachmittagspromenabe, die Tönungen bes Gelb von hellem Stroh unb reifem Weizen aufroiefen; bei Abenbgefellfchasten waren roieber buntle Hanbfchuhe bas einzig Pafsenbe, unb bei Besuchen ober Ausfahrten waren solche von ber Farbe bes Polisanber- ober Zedernholz vorgeschrieben. Schließlich wurde der gelbe Handschuh zum Gipfel der Vornehmheit und verlieh sogar dem damals üppig wuchernden Dandytum einen Spitznamen, denn man nannte den Gigerl jener Zeit auch „gelber Handschuh". Die langen Handschuhe, die fast den ganzen Arm bedecken, kamen zur Zeit des französischen Direktoriums in Mode und wurden im Interesse der französischen Handschuhherstellung auch von den (St-- mahlinnen des ersten Napoleon bevorzugt, verschwanden dann aber so vollständig, daß im Jahre der Thronbesteigung ber Königin Sied t o r i a von Englanb keine Dame ber Gesellschaft mehr lange Handschuhe trug. Die Göttin Mobe zeigt sich auch hier von ihrer launischen Seite und j befiehlt immer wieder Neuerungen in Material, Farbe unb Muster. Wie sehr ber Hanbschuh zum höchsten Zeichen gesellschaftlicher Voll- enbung geworben war, zeigt bie uns heute merkwürdig und verschroben berührende Tatsache, daß in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in London ein besonders auf feine Würde bedachter Klub entstand, der j sich der „gefranste Handschuh" nannte und der sich die hohe Aufgabe : gestellt hatte, die Kultur der feinsten Herrenbekleidung zu pflegen. Der vollkommene Herr mußte danach am Tage mindestens täglich folgenden Hanbfchuhwechfel vornehmen: 1. morgens beim Kutschieren ber Briska: braune Handschuhe von Renntterfell; 2. auf der Jagd: graue Handschuhe von! Gemsfell; 3. bei der mittäglichen Spazierfahrt im Tilbury: Kastorhand- schuhe; 4. beim nachmittäglichen Spaziergang im Hyde-Park, bei Besuchen und Besorgungen: Ziegenlederhandschuhe in heller Färbung; 5. zum Diner: gelbe Handschuhe aus Hundsleber; 6. am Abenb zu Ball unb Gesellschaft: Hanbschuhe von weißem Schafsleder mit Seidenstickerei. — Was müssen die Leute für Sorgen gehabt haben! 'verantwortlich; vr. HanS ThyrioU — Druck und Derlag: Brühl'fche Llniverf itätS-Duch- und Steindruckerei. 2L Lange, Gießen.