SietzenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 193^ Hreitag, den 9. November Nummer 81 5)as SKalsßand / ROMAN VON FRANK F. BRAUN ch in großem Ernst an dich stelle, liebe nir raschest und erschöpfend Aufklärung kam mit diesen Ueberlei fragte sie gereizt. „Es ist eine Frage, die tc Frau; und ich bitte dich, mi „ich weih' es wirklich nicht, wo ich hier an frische Farbe dieser Art geraten konnte. Was übrigens ist der Grund — mit großem Ernst! — die Frage an mich zu richten?" Ihr Lächeln war mokant und wich nicht Der Konsul offm er laut und prallte mehr aus. . Konsul Finkendey faltete die Hände; wahrscheinlich hielt er sich fest; die Gelenke knackten. „Du weißt es nicht. Deine Worte in Gottes Ohr! Laß mich weiter fragen Hast du heute eine Unterredung mit Doktor Bellmann gehabt?" „ , ... Sie zuckte merklich zusammen. „Was soll das? Werde ich überwacht? Läßt du mir nachspionieren?", und sie sah den Assessor an, errötete und (Fortsetzung.) „Fragen Sie", sprach Luzius, „Ihre Gattin wird uns bestimmt Auskunft geben können, wie sie zu den Flecken kam. Ich durste nicht fragen; ich wagte schon viel. Fragen Siel Es muß eine Verbindung zu dem Doktor Bellmann bestehen!" „Aber welche! Was hat meine Frau mit diesem Hauslehrer zu schaffen? Wo ist der Mann übrigens? Er soll sofort hierherkommen. Vielleicht hat er den Brief geöffnet, sich die Finger gefärbt und meiner Frau die Hand gegeben? Ist solche Uebertragung möglich?" „Nein", sagte Luzius. „Sie werden auch seststellen, Ihre Gattin hat blaue Fingerspitzen, Daumen, Zeige- und Mittelfinger. So gibt man niemandem die Hand." eine Ziel kennend und «es ansteuernd, nahm sofort ihre Hand auf. Er sah die Fingerspitzen an, auch Luzius warf einen neugierigen Blick hin. Frau Olga hatte selbst mit Terpentin nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Der Konsul gab den Weg frei. „Bitte, setze dich, Olga", bat er, „dorthin, wenn es dir recht ist. Wir wollen einander bei dieser Unterredung in die Augen sehen. So, danke. Und nun sage mir: woher stammen diese blauen Flecke aus deinen Fingerspitzen?" Frau Olga schaute nur ihren Mann an. ,Zst dies ein Verhör?", ete die Tür in das Nachbarzimmer. „Olga!!", rief zurück; feine Frau war im Begriff gewesen, durch diese Türe hereinzukommen. Der Konsul, wie ein Besessener nur das zu geben." Sie sah ihren Mann mit größer werdenden Augen an. In diesem Ton sprach er selten mit ihr. Hatte er Verdacht geschöpft? Sie sah diese verteufelt blauen Fingerkuppen an. Doktor Bellmann war lange schon unterwegs, von der Seite drohte keine Gefahr mehr; der gefährliche Brief war schon aus dem Hause. Sie hob den Kopf, ihre Sicherheit .........gungen zurück. „Ich weiß es nicht", sagte sie, licht, wo ich hier an frische Farbe dieser Art Läßt du mir nachspiom^c.,- , — -im,— -------- - - stand aus. „Mach dieser merkwürdigen Szene vor unserm Gast hier gefälligst ein Endel" Sie wollte zur Tür, aber der Konsul sprang auf, er war schneller und stellte sich breit vor den Ausgang. „Ich gehe in den Garten", sagte Luzius und erhob sich, doch der Konsul rief ihm fast drohend zu: „Sie bleiben, Luzius! Klingeln Sie bitte dem Mädchen. Es soll sofort der Doktor Bellmann hierherkommen. Sofort!" Frau Olga wandte sich ab. „Das ist überflüssige Mühe", erklärte sie, „Doktor Bellmann ist nicht im Hause, er besorgt einen Weg für mich. „Schickst du den Hauslehrer deines Sohnes, Wege zu gehen? „Im allgemeinen nicht. In diesem Falle paßte es gerade. „Wohin hast du den Mann geschickt?" „ Frau Olga war an das Fenster getreten; sie trommelte nervös einen Marsch gegen die Scheibe. „Er wollte zum Bahnhof , stieß sie heraus. Würde die Fragerei nun ein Ende haben? , < .<■ Luzius und der Konsul sahen sich an. Der Konsul klingelte dem Mädchen. „Sehen Sie nach", befahl er, „ob Doktor Bellmanns Sachen, fein Gepäck noch oben im Zimmer sind. Sagen Sie mir gleich Bescheid. Das Mädchen blieb stehen. „Ich kann das sofort sagen, Herr Konsul. Ich habe gerade das Zimmer des Herrn Doktor Bellmann aufgeräumt. Herr Doktor Bellmann hat mit zwei Handkoffern und fast allem Zeug, daß er besaß, das Haus verlassen." . , „Cs ist aut", sagte der Konsul. Er ließ sich m den nachsten Sessel linfen. Er hob die Hand, aber sie fiel wieder herab und schlug schwer wie ein Hammer auf die Sessellehne. Luzius sagte: „Es ging vor kurzer Zeit em Personenzug nach Ber- :in; den wird er benutzt haben." „ v Der Konsul nickte. „Er hatte nicht Zeit, auf den O-Zug zu warten, »en Sie nachher nehmen werden. Vielleicht will er auch auf einer kleinen Station aussteigen und untertauchen. Es wäre ja eine köstliche Szen< gewesen, hätten Sie sich etwa auf der Fahrt nach Berlin im Speisewagen getroffen." Der alte Herr versuchte ein Lächeln, aber es mißlang kläglich. Er schaute zu seiner Frau hinüber. „Olga", hob er an, „ich bitte dich nochmals, verrenne dich nicht in Trotz. Sage mir, wie du dazu kamst, den Bellmann als Boten zu benutzen, was er für dich erledigen sollte, und warum das eine geheimnisvolle Sache bleiben muß." Er sprach nicht weiter und trat nicht näher. Seine Gattin sah ihn an. Ihre Augen waren zu einem Spalt geschlossen. So blinzelte sie ihn an wie ein großes gefährliches Tier, das zum Sprung ansetzt. Dann riß sie sich herum. „Nein!", sagte sie; nur das eine Wort; und sie stürmte hinaus, wandle keinen Blick mehr zurück. Die Tür fiel schallend in das Schloß. Der Konsul hob die Schultern, als wolle er eine Last stemmen; dann lieh er sie wieder sinken; die Bürde war zu schwer. „Verstehen Sie das? Da spricht ein Schuldbewußtsein. Dieser Bellmann wird meine Frau getäuscht haben mit der Maske seiner heimlichen Harmlosigkeit. Er hat meine Frau für irgendeine Tat gewonnen, die anfangs anders aussah — und ihr nun über den Kopf gewachsen ist." Assessor Luzius sah durch den Konsul hindurch; er sprach, als lese er etwas ab, das irgendwo geschrieben stand, wohin des Konsuls Blick nicht reichte. „Wenn wir dem Herrn Bellmann Unrecht täten? Wenn er die Perlen aus dem Kollier entfernen ließ mit Wissen Ihrer Frau Gemahlin, Herr Konsul. Wenn Ihre Gattin Geld benötigte .. Finkendey schüttelte den Kops. „So enden Kriminalromane", sagte er, „hier ist das fraglos ausgeschlossen. Meine Frau besitzt eigenes Vermögen und kann jederzeit über jede gewünschte Summe verfügen." „Ohne Haß sie Ihnen davon Nachricht geben müßte?" „Gewiß. Davon erfahre ich nur gesprächsweise, nicht zwangsläufig. Aber an was denken Sie?" „Vorbei, Herr Konsul. Es war eine Idee. Ich dachte: wie, wenn die Frau Konsul eine Summe Geldes flüssig machen wollte, von der Sie, der Gatte, nichts wissen sollten — vielleicht, weil Sie die Verwendung des Geldes nicht billigen würden." „Das gibt es doch nicht, Luzius. Ich bin mit meiner Frau zwanzig Jahre durch eine glückliche Ehe gegangen; wir hatten bisher keine Geheimnisse voreinander." „Nun ist Mita erwachsen, Herr Konsul. Nur um meine Hypothese ein wenig zu rechtfertigen, gestatten Sie mir diese Worte. Mita will zum Film. Sie wehren sich. Die Mutter ist nicht absolut dagegen. Wie nun, sie ebnete der Tochter den Weg mit Geldsummen, deren Verwendung Ihnen aus Stolz oder Scham verschwiegen bleiben sollte?" Finkendey wiegte den Kopf. „Aber da wäre ich doch mit von der Partie", sagte er, „ich bin doch nicht geizig!" Luzius schüttelte den Kopf. Der Konsul verstand ihn nicht ganz. Aber er ließ es dabei. Diese Mutmaßung hat sich ja als falsch herausgestellt. Schluß damit! Er erhob sich. Er hatte keine Ahnung, wie nahe er aller Lösung wiederum gewesen war, wie weit er vorbeischoh, aber ganz fern das richtige Ziel gesehen halte. Er sagte: „Soll ich unter diesen Umständen nun doch nach Berlin fahren?" „Aber was diese Reise anbetrifft", wehrte Finkendey ab, „hat sich doch an der Konstellation nichts geändert. Natürlich fahren Sie, und noch heute, lieber Freund." „Und die Frau Gemahlin?" „Das werde ich in Ordnung bringen. Verlassen Sie sich darauf, sie ist dem Bellmann aufgesessen. Ich weiß nicht wie, ich weiß gar nichts. Nur die Spukgeschichte, daß meine Frau die Perlen verkaufen ließ, daß Bellmann dies Geschäft für sie übernahm, das ist völlig ausgeschlossen. Meine Frau hätte vielleicht den ganzen Schmuck verkauft, wenn sie nicht anders zu Geld zu kommen gewußt hätte, aber mit falschen Perlen würde sie sich niemals behängen. Das ist ausgeschlossen, Luzius!" „Aber ich glaube das keineswegs, Herr Konsul!" „Um so besser." Der Konsul gab dem Assessor die Hand in alter Herzlichkeit. Es ist entzückend, dachte Luzius, als er das Haus verließ, er ist wütend auf feine Olga — und mit Recht, scheint mir — aber er verteidigt sie schon. Bellmann hat sie arglistig getäuscht. Und falschen Schmuck anlegen, das ist überhaupt ganz ausgeschlossen bei meiner Olga! Er lächelte; es war nicht anzuhalten, er mußte ein bißchen lachen. An dieser Geschichte war noch immer alles dunkel; dies war ein heiterer Sonnenstrahl gewesen. Er ging ins Hotel und telephonierte mit Brendel und weihte den ein. Dem Konsul und Brendel mußte er die Kriminalgeschichte überlassen. ierlin. Davon. Luzius saß am Fenster und sah aus die Felder; grüne; braune; gelbe Rechtecke. Noch lag die Sonne darauf, noch war es Tag. Wenn man in Berlin ankam, würde es Abend sein; dazwischen lagen drei Stunden und 300 Kilometer. Zwölftes Kapitel. Vera Luzius, die beliebte Filmdarstellerin, wohnte im Westen, nach Charlottenburg zu. Wo Hütte sie sonst wohnen können. — Sie hatte die Villa verschmäht und eine geräumige Etage bezogen. Assessor Luzius war dort gewesen und hatte die Einweihung mitgefeiert. Er stand sich mit Vera vorzüglich; nur eben, man wohnte in zwei verschiedenen Städten; man hatte zwei überaus verschiedene Beruse, und die Zusammenkünfte waren selten. Er entlohnte den Taxifahrer und stieg die Treppe in das Hochparterre. Er schämte sich ein bißchen. Nun kam er wieder nicht, seine Schwester zu besuchen; sie wäre nicht Anlaß zu dieser Reise gewesen. Er druckte die Klingel und dachte: ich will furchtbar nett zu ihr sein. Er meinte allen Ernstes jetzt seine Schwester. Das Mädchen ließ ihn ein und schaltete Licht an. Es suhrte ihn in einen kleinen Salon, dessen Tapetenfarbe und Möbelbezüge verrieten, daß er der „blaue" heißen würde. An der Wand hingen ein paar gute Gemälde; Makart friedlich neben Manet; Filmbilder Veras waren aus eine Ecke beschränkt Der zierliche Schreibtisch war bedeckt von einem Stapel uneröffneter Briefe. Luzius warf einen Blick darauf; diese Post mar tatsächlich nicht eilig. Junge, unfeste Schriftzüge; Verehrer und Verehrerinnen, Bitten um Autogramme. Im Fenfter blühten viele Blumen. „ „ ., , Er stand und wartete. Da tat sich zu einem Spalt die Schiebetür auf. Vom Geräusch angerufen, schaute er hin, sah eine Hand, die sich durch die Spalte schob, sah einen Rmg mit blauem Stein an dieser Hand, den er zu kennen meinte, — und die Verbindungstür glitt vollends auseinander. ... Hallo!" sagte Mita Finkendey, und trat in den blauen Salon über. „Ich denke, das Mädchen hat sich verhört. Assessor Luzius I? Da sind Sie wahrhaftig." Sie schlenkerte mit der nonchalanten Gebärde, die er belächelte und liebte an ihr, die rechte Hand vor. „Ich begrüße Sie. Ihre Schwester Vera muß gleich zurück fein. Wollen Sie sich eine Viertelstunde mit mir begnügen? Nehmen Sie vorsichtig Platz. Dies ist der Salon aus einem bayerischen Lustschloß. Ich halte nicht viel von der Stabilität der Sessel." , , . Er lachte. „Sie I>aben sich hier gut zurecht gefunden, wie es den Anschein hat." . Sie sah ihn an. „Davon später. Erzählen Sie mir erst, rote steht es zu Haus? Ist Papa wütend, hat Mutti viel auszustehen?" Luzius schüttelte den Kops. „Niemand ist wütend. Ihr Herr Papa wünscht Ihnen alles Gute; daß er darunter just den Erfolg beim Film versteht, wage ich zu bezweiseln. Aber Ihre Frau Mutter wäre erfreut darüber." Mita atmete erleichtert auf. „Ich habe mich nicht getraut, einen richtigen Bries zu schreiben", gestand sie. „Ich wagte es einsach nicht." „Das ist mir eigentlich unverständlich. Ihr Herr Papa ist doch so ein ruhiger lieber Herr. Wenn Sie Ihm Ihre Gründe klargelegt hätten. dächtig blieb, habe man ni . mit dem Personenzug 356 nach Karte, die er gelost hatte, bis B< Luzius bedankte sich. Er sah den angeschlagenen Fahrplan nach. Sein v-Zug holte diesen Personenzug säst ein. Aber leider nur säst. Der Per- fonenjug war immerhin 20 Minuten eher in Berlin, eine Zeit, die Überreichlich genügte, dort unterzutauchen, zu verschwinden. Schade, dachte Luzius, ich hätte das Zusammentressen gewünscht. Er hätte mir Rede stehen müssen, der sanfte Doktor Bellmann; ich hatte ihm in die Augen geblickt, die mit und ohne Brille so gut zu sehen vermögen. Er hat uns alle lange genug Irregeführt und getauscht. Schade, daß diese kleine Revanche nicht mehr glücken will. „O-Zug Berlin! Zurücktreten!" , v , Der Zug schoß brausend in die Halle und stand. Ein Zauberwerk. Nur es achtet keiner mehr darauf. Das Wunder ist alltäglich geworden. Luzius stieg ein. Der Zug fuhr ohne die leiseste Erschütterung an; er glitt davon; die Bahnhofshalle fiel zurück. Brandmauern, Hinterhäuser, mit aufgelegten roten Betten beflaggt. Und der Zug besann sich auf jein D; er warf sich vor wie ein Renner und schoß rauschend der Stadt Brendel mürbe zu erfahren suchen, wer den Brief „Auerbach abgeholt hatte Brendel würde auch für die Sicherstellung der vier Perlen beim Vater Berlebach forgen. Er felber fuhr nach Berlin — und er wurde für die Sicherstellung einer anderen Angelegenheit Sorge tragen. Karn er zurück, war hoffentlich alles in Ordnung, hier und m Berttn. Frau Olga hatte bann gestanden, ihr kleines Vergehen, ,das aufschlußreich werden würde; man kannte Motiv und Täter. Und vielleicht hatte auch Mita dann schon gestanden, dicht vor seinem Munde ... Er nahm seinen Soffer und fuhr zum Bahnhof Als er durch die Sperre gegangen war und feine Fahrkarte in die Tasche steckte, fühlte er die kleine Flasche, die ihm Klarfeld mitgegeben hatte Das Mittel die blauen Flecken von den Fingern zu entfernen. Es tat ihm lew, daß er vergeßen hatte, die Frau Konsul zu erlösen, aber nun mußte sie warten, bis er zurückkam. _ „ , . . „ War er durch diese Flasche an Doktor Bellmann erinnert worden? Er kehrte um, fragte den Sperrbeamten, ob er sich eines Mannes entsinnen könne, so und so gekleidet wahrscheinlich; zwei Handkoffer, fuhr vermutlich nach Berlin. Und das Unerwartete traf ein. Der Beamte erinnerte sich an diesen Fahrgast. Er und der Kollege vom Kartenschalter hätten sich noch ihre Gedanken gemacht. Jener beschriebene Herr habe nach dem nächsten Zuge gefragt; nicht nach dem Ort, wohin der Zug gehe, sondern wann der nächste Zug abfahre. Das fei ihnen beiden aufgefallen, aber da der Herr dann feine Karte ordnungsgemäß gelöst habe und weiterhin unver- ............ Uchts gegen ihn unternommen. Er fei Dann nach Berlin gefahren; wenigstens laute die ehe Sie — flüchteten, ich bin überzeugt, Sie hätten Ihn auf Ihrer Seite gehabt, zumindest feine Einwilligung zu diesem Startversuch bekommen. „Natürlich. Das meine ich auch nicht. Nur — es ist. doch jetzt so schwer, einen Brief zu schreiben und zu gestehen; ihr hattet recht. Oder nicht einmal, nur zu sagen: ich habe mich getäuscht. Luzius warf ihr einen raschen Blick zu. „Sind Sie enttäuscht worden?" wagte er zu fragen. „Enttäuscht ist gar kein Ausdruck", sagte Mita trocken. „Ihre Schwester Vera ist ganz reizend zu mir. Sie hat es auch durchgesetzt, daß ich als Landmädchen bei einem Erntetanz mitmadjen durste Es wurde dann nichts daraus. Es tarn ganz anders, ich spielte eine kleine Rolle, unerhörter Triumph über Kolleginnen. In Wirklichkeit em —, na, lassen wir Krastausdrücke beiseite." „Erzählen Sie!" „ ,, „ ... „Im Grunde ist nichts zu erzählen. Vorgestern begann es. Um 7 Uhr muhte ich ausstehen. Dann suhren wir in einen müden Vorort am Waldrand, wo die Ateliers waren. Neu-Babelsberg, naher bei Potsdam als bei Berlin. So gegen 9 Uhr waren wir alle angekleidet und geschminkt und warteten. Dabei blieb es. — Alle zwei Stunden kam ein Hilfsregisseur und fragte nach, ob wir noch alle anwesend waren Die Aufnahme würde jeden Augenblick fein. Wir faßen auf Banken, Holzbrettern herum. In der Nähe war eine Kneipe, da bekamen wir etwas zu essen. Die Kantine war brechend voll; von Menschen, Essendunst und Tabakgualm. Mir wurde elend. Hundeelend, sage ich Ihnen Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich erschien mir so verlassen unter diesen Leuten, die meist russisch sprachen, sehr hübsch waren, dazu sicher im Auftreten, und dielen Betrieb kannten und als felbstverständlich nahmen. Eine Träne kollerte mir in die Schminke und Augentufche. Sie waren nie in Ihrem Leben fo angemalt? Dann können Sie sich weder den beißenden Schmerz in den Augen noch die Farbwirkung auf der Backe vor- stellen. Es war doll, Luzius." Mita geriet in Schwung. Sie dachte nicht an die vertrauliche Anrede, sie achtete es nicht, daß der Assessor seinen Stuhl an ihren Sessel heran- gerütft hatte und ihr recht nahe war. „Weiter", bat er, „das ist ja eine unangenehme Beigabe zu dieser ÄU?,®ef)en Sie mir ab mit Kunst. Vera vielleicht und die Elnzelspleler; aber unsere Komparserie interessierte sich für nichts, als am Ende der Wartezeit die zehn Mark zu bekommen." . Luzius wollte weiterhelfen. „Wann war die Aufnahme, wie lange mußten Sie noch warten?" Mita dachte wohl zurück, die Erinnerung schoß ihr ins Lachen. „An jenem Tage kamen wir mit dem Erntetanz nicht mehr an die Reihe. Wir Durften uns am Nachmittag um 5 Uhr abfchrnlnken, jeder bekam bare zehn Mark, und wir durften nach Haufe fahren. Morgen früh um 9 Uhr, schrie der Hilfsregisseur; punkte 9 UhrU" „Das war gestern also?" Mita nickte. „Aber ich habe dem kleinen findigen Kerl — Neumann hieß er — etwas gehustet. Ich bin um 10 Uhr aufgeftanben. Sogar Vera war schon fort. In aller Ruhe bin ich dann nach Babelsberg I hinausgefahren. Da hatte ich nun freilich Glück. Der Erntetanz war gerade gedreht worden. Ich sollte mich nur wieder ins Bett legen. I meinte der Herr Neumann gehässig, jedenfalls möge Ich verschwinden. Aber den Gefallen tat ich ihm nicht. Ich wartete auf eine Gelegenheit, bis es mir gelang, Ihre Schwester Vera zu erwischen. Sie war nett wie I immer, also wirklich, ich liebe sie geradezu." Luzius verbeugte sich. Mita sah ihn an, sah sein Lachen. „Gestatten Sie eine Erklärung", stellte sie fest, und der Schalk saß ihr in den Mundwinkeln, dieses „sie" war klein geschrieben!" Er nahm ihre Hand auf, die da gerade in der Nähe lag. „Ein Satzanfang: ich liebe, kann nie mit einem großgeschriebenen Sie endigen. I „Wieso nicht?" . I „Ich kann mir das nicht vvrstellen. Wenn ich einem Mädchen sage — und das kann ich mir im Augenblick sehr gut vorstellen! —, wenn ich sage: ich liebe..., werde ich bestimmt schließen: Dich!" Sein Blick I wich nicht aus vor diesem strahlenden Blau. Ihre Köpfe waren sich I nahe; dieses Spiel mit Worten war mehr als ein Spiel, sie wußten es I ja beide; aber sie waren beide nur keck, nicht kühn, sie spielten eben doch I noch und wagten nicht den Ernst. Mita blickte zur Seite. „Ja", sagte sie unangebracht. „Wo war ich stehen geblieben? Richtig. Ich lief Dera in den Weg. Sie hielt mich sofort an, und ich klagte ihr mein Leid. Der Herr, der mit ihr ging, lächelte; die Leute jagten Herr Direktor zu ihm, aber Vera nahm ihn beim Arm und bat: „Lieber Paulus, tun Sie mir den Gefallen, verwenden Sie meine kleine Freundin." „Tue ich Ihnen wirklich einen Gefallen?" fragte er. Und Vera muhte erst noch versichern: „einen großen". Da winkte er mir. „Können Sie meinen? Ja? Das ist gut. Lassen Sie sich einkleiden. I Sie machen die Zofe, die das Parfüm vergossen hat, respektive vergießt. Schnurstein soll alles oorbereiten. Ihre Tränen Großaufnahme. Sie haben ein nettes junges Gesicht." Dera nickte mir zu, sagte: „Weinen Sie recht schön", und ging davon, sie war müde und abgespannt, man sah es ihr an. Sie hatte an diesem Morgen ihren Geliebten erschossen, das war nicht spurlos an ihr oorübergegangen." Luzius lachte; aber Mita verwies ihm das. „Sie Sache ist ernst", behauptete sie und verbiß sich selber die Heiterkeit. „Ich stäubte also in einem nett gestellten Boudoir die Frisiertoilette meiner Dame ab, dabei stieß ich mit dem Federpuschel das Parfümfläschchen um. Ein Flakon zerbrach; das war sogar mehr, als beabsichtigt gewesen war. Dabei jtano der Doktor Paulus, ober wie er nun hieß, immer seitwärts von mir, redete auf mich ein mit Zurufen, die anfpornen sollten, aber eine bestimmte Bewegung verlangten. Können Sie sich vorstellen, daß ich o>e Szene sechs- ober achtmal probieren mußte, ehe bie Campen emgestetu würben unb ber Operateur mit bem Kurbelkasten in Tätigkeit trat!? (Schluß folgt) Auf das Grab von Schillers Mutter. Von Eduard Mörike. Nach der Seite des Dorfs, wo jener alternde Zaun dort Ländliche Gräber umschließt, wall' ich in Einsamkeit oft. Sieh den gesunkenen Hügel; es kennen die ältesten Greise Kaum ihn noch, und es ahnt niemand ein Heiligtum hier. Jegliche Zierde gebricht und jedes deutende Zeichen; Dürftig breitet ein Baum schützende Arme umher. Wilde Rose! dich find' ich allein statt anderer Blumen; Ja, beschäme sie nur, brich als ein Wunder hervor! Tausendblättrig eröffne dein Herz! entzünde dich herrlich Am begeisternden Duft, den aus der Tiefe du ziehst! Eines Unsterblichen Mutter liegt hier bestattet; es richten Deutschlands Männer und Frau'n neben den Marmor* ihm auf. Schiller in dieser Zeil. Zum 175. Geburtstag des Dichters am 10. November. Von Geh. Rat Dr. Eugen Kühnemann, o. Professor an der Universität Breslau. Der Verfasser ist der bekannte Philosoph und Literarhistoriker der Breslauer Universität, dessen Arbeiten über Schiller, Goethe, Kant und Herder im Sinne des deutschen Idealismus von großer Wirkung gewesen sind. Das Eigentümliche, wodurch sich unsere Zeit in diesen deutschen Tagen von den meisten, vielleicht von allen der Vergangenheit unterscheidet, liegt darin, daß die unmittelbaren Angelegenheiten des nationalen Lebens allein die Seelen erfüllen und beschäftigen. Es hat Zeiten gegeben, in denen das Erscheinen einer neuen großen Dichtung ein öffentliches Ereignis war. Die Zeit Schillers war eine solche. Wieder in anderen Zeiten war es die neue Musik, die leidenschaftliche Kämpfe hervorrief and Alter und Jugend schied. Man kennt das Ringen um Richard Wagner. Dies alles weicht in unseren Tagen in den Hintergrund. Deutsche Geschichte tritt in einen neuen entscheidenden Abschnitt ein: es ist die Selbstschöpfung des deutschen Volkes, die wir staunend und ergriffen erleben. Jedes andere Anliegen steht hiermit verglichen tief im Schatten. Was Deutschland seit den Tagen des A r m i n i u s immer gefehlt hat, das soll ihm jetzt für alle Zukunft zuteil werden, nämlich Sie einfache instinkthaste Sicherheit des nationalen Lebensgefühls. Aber mir wären nicht Deutsche, wenn nicht in dieser ringenden Gegenwartsseele Deutschlands seit langem schon der Ruf vernommen würde nach einer neuen deutschen Geistigkeit, die der neu gewonnenen Bewußtheit um die Deutschheit entspricht. Noch ein anderes spricht sich mit der gleichen Sicherheit aus, nämlich die Gewißheit, daß diese Geistigkeit nicht aus dem Nichts entspringen kann. Sie wird sich bilden aus der Gemeinschaft mit dm großen Führern, die in früheren Zeiten den deutschen Geist schufen und bedeuteten. Wie jede schaffende Zeit ist auch diese eine Zeit gewaltiger Gerichte. Sie trennt die Menschen im Namen des neuen Lebens. Wer nicht mitschreiten kann, scheidet aus der Schar der Lebendigen. Wer dm neuen Glauben ergreift, gehört zum großen Orden der deutschen Lebensgemeinschaft. Dies gilt für die Lebenden wie für die Toten. Auch die großen Toten treten vor den Richter und sollen beweisen, daß sie noch in die Gemeinschaft des neuen Lebens gehören. Die Gedenktage sind immer die Gelegenheit zu neuen Wertungen gewesen. Schillers 178. Geburtstag ruft auch ihn in die Schranken. So jehr oas Urteil Über den dichterischen Wert feiner Werke gefchwankt hat, io unsicher es allmählich in der fortschreitenden Verwirrung und Ver- slachung der Ansichten geworden war, es ist doch niemals die Ahnung davon ganz geschwunden, daß Schiller der größte Volkslehrer der Deut- Ichen ist. Wenn nun jetzt das deutsche Volk an der Hand seines großen Mhrers sich selbst erschosst, ist eine wahre Lebensfrage, des Verhalt- triffes zu Schillers gewiß zu werden und zu erkennen, rote es Zu dem großen Volkslehrer steht. Zu den wahrhaft Großen des Geistes gehören deißt ja nichts anderes als dies: Jeder Zeit und jeder Gegenwart des eigenen Volkes mit neuer Stimme reden, jeder ein neues Antlitz zeigen uni) doch immer dieselbe einzig große Gestalt deutschen Lebens zu sein. Aber wirklich scheint es, als täte unter den großen Werken des Dichters nanches den Mund auf und wolle den Volksgenossen helfen, sich selbst in erkennen. Ja, hin und wieder will es scheinen, als ob die Werke jetzt ias Geschlecht fänden, das ihre wahre Sprache versteht. Sind nicht die „R ä u b e r" das stärkste Werk einer wahren Jugendbewegung? Eine tungtoar bildet sich um den Führer. Sie unternimmt, der verkommenen Zeit das Leben zu schaffen, das in Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit vor Sott besteht. Nur daß der heiße Atem Schillers tme em Sturmwind über He Erde fegt Es sind nicht die kleinen Anliegen einer neuen Aufnchtigkeit und Natürlichkeit, denen er das Wort schafft. Es ist die großsie, tue^ allgemeinste Sache: die Menschheit, die Karl Moor betrogen h^ loll auferstehen m einem neuen Schöpfungsmorgen. Es ist im d°ch^en dichterischen ^us .ruck ganz der Gedanke, der jetzt der Jugend e,nen neuen S,nn des Da- -ins gegeben hat. Philosoph, Sozialrevolutionär, ftaatsschopser zugleich l ockt Schiller im „F i e s k o" kein öderes Problem an as bas öes kührertums. Fiesko soll der Führer zur Fre heit em. Cs ifetae Xra '»die, daß er in der eigenen Große jlcf) Der^'^. ulJbD„fCrn Ißr sich selbst arbeitet, statt sich dem Vo ke und Aner Freche,«.zu opfern. Das Urrecht der Jugend, das Recht auf Liebe wird t „ —* 1839 wurde in Stuttgart das erste Schiller-Denkmal (von Thor- balbfen) enthüllt. Liebe* zum Weltgericht über die verkllnstelte und verkümmerte Zelt. Ehe es in Deutschland ein Gemeinbewußtsein des Bürgertums gab, hat Schiller ihm die Sprache gegeben und damit es geschaffen. Der hinreißende Schwung feiner sozialen Tragödie stammt daher, daß sie eine Weltgeschichte bedeutet und mit der Gewalt weltgeschichtlicher Größe spricht. „Don Carlos* wird für alle Zeit der schönste Hymnus der Jugendlichkeit bleiben. Freunde bringen sich selbst und bringen sogar ihre Liebe zum Opfer, auf daß die heilige Sache der Zukunft lebe. Kein Wunder, daß die Jugend einer nicht lange verflossenen Zeit mit der Begeisterung dieser Dichtung wenig anzufangen wußte. Sie hatte keine Idee, für die sich zu opfern ihrem Leben Sinn und Inhalt schuf. Sie hungerte und dürstete wie jede Jugend nach Ideen, aber sie sand weder den Lehrer noch die Gelegenheit, um in der Idee ihr Leden zu weihen. Der Jugend ist in unseren Tagen das schönste Glück der Jugend wieder geworden: sie kennt die heilige Sache, für die sich zu opfern ihr die ganze Lust des Lebens bedeutet. Zu den Jungen dieser deutschen Zeit gehört Schiller. Ihre Seele war seine Seele. Aber ergreisender noch klingt die neuverstandene Schillerrede aus den großen Werken seiner Reife. Jugend soll nicht in der Selbsttäuschung leben, als sei sie schon das Salz der Erde dadurch, daß sie jung ist. Aus ihr soll das Salz der Erde in heißem Ringen werden. Sie soll es sich wieder einmal vergegenwärtigen, in welchem Ringen Schiller das geworden ist, was der Name Schiller bedeutet. Er besaß das Ohr der Jugend und hätte mit Wiederholungen im Stil des „Don Carlos" sich jenen brausenden Widerhall wieder und wieder schaffen können, der dem Dichter wie nichts anderes berückend klingt. Statt dessen verstummt er und geht wie ein Schüler auf ein Lernen ein, das ihm die Welt in ihrer Wirklichkeit und Wahrheit erst erschließen soll, wie ein genialer Schüler zwar, der im Schaffen lernt. So entstehen seine Geschichtswerke und tun ihm den Blick in die Wirklichkeiten der großen Weltverhältnisse auf. Bedeutender noch sichern seine philosophischen Arbeiten ihm die Weltanschauung, die auf dem tiefsten Grunde der Wahrheit ruht. Er bringt den Deutschen die Botschaft von der Ganzheit des Menschentums. Wir sollen die Roheit unseres blinden Trieblebens überwinden in schöner Lebensform. Wir sollen nicht verkümmern in überkommenen Formen und abgelebten Gedanken. Wir sollen uns nicht verstümmeln lassen in einseitiger Betätigung. Wir sollen atmen in einem Leben, das ein ganzer Mensch sich zum Ausdruck seiner Lebendigkeit schafft. In diesem Zusammenhang weist er der Kunst eine große Aufgabe zu. Vor allem gibt er seiner Tragödie mit Bewußtsein eine erzieherische Sendung. Sie soll die Deutschen dazu bringen, daß sie die volle Wahrheit des Lebens in feiner Schrecklichkeit schauen, in jener Schrecklichkeit, die zugleich die Größe des Lebens ist. Sie sollen in erhabener Erschütterung lernen, groß zu fühlen, um so ihre Seele von allem Kleinen zu reinigen und zur Größe zu führen. Schiller wird der Tragiker des heroischen Willens. Er bildet heroische Menschen. Aber rührend ist, wie in dem Einsamen eine Sehnsucht erwacht und ihm die Werke seiner größten Liebe schenkt. Cs ist die Sehnsucht zum Volke. Er dichtet den Deutschen zwei große Lieder von Volk und Vaterland. Es sind die größten Gedichte von der Volkwerdung in allem Schrifttum der Welt. Wie groß breitet er das Volksganze vor uns aus in der „Jungfrau von Orleans"! Er beginnt mit den Bauern, die die Arbeit tun, von der wir alle leben, und die geschehen muß Wie auch der Staat sich gestalte. Sie leben gleichsam noch biesfeits vom Staate, in ehrwürdigem Brauchtum, in volkhaftem Aberglauben, verwurzelt im Boden. Die Bürger suchen beim König und Vaterlande Schutz für ihre Arbeit, der niedere Adel widmet ihm 6en Dienst des Gehorsams, der hohe Adel findet in der Aufopferung für das Vaterland feine Ehre. ..Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig fetzt an ihre Ehre!" Schutz, Gehorsam, Ehre sind die drei Gedanken, die in drei Ständen das Volk aufbauen. Es ist das Volk im Entscheidungskampfe um Sein und Nichtsein. Liegt es über der „Jungfrau von Orleans" noch hin und wieder wie ein Krampf und wie eine Spannung des bloßen Gedankens, so übersetzt „Wilhelm Teil" das gleiche Wunder der Volkwerdung ganz in unmittelbares Gefühl. Es ist das Heimatgefühl, die Heimatliebe, die als Wurzel aller echten Vaterlandsliebe der ganzen Dichtung die Seele gibt. Es ist die große Schweizer Natur, die in diesem Volke Seele ward. Natur und Volksseele sind die wahren Helden des „Tell". Hochgebirge, Alm und See. Jäger, Hirten, Fischer — dasselbe urwüchsige Dasein! Der Bauer auf seinem Hof bildet den liebergang in die bürgerliche Gesellschaft. Alle wollen sie nur eins: die gottgegebene Freiheit ihres natürlichen Daseins wahren. Die fremde Welt von draußen (egt den schweren Druck auf sie, unter der Last des Drucks wächst die Empörung. Sie schreitet vom Raunen in der Stille der Familie über die Verbindung der Freunde, die — Jüngling, Mann und Greis — den drei Kantonen angeboren, zur großartigen Begründung ihrer Volksgemeinde im Rütlischwur. Jedes Volk erhält hier den Schwur der Volkwerdung: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern". Prachtvoll wird der Bolksheld in den Mittelpunkt gehoben durch die rohe Gewalttat, die aller Menschlichkeit spottend, ihn und in ihm sein Volk in den Stand der Notwehr setzt. Das Fest des geretteten Volkes schließt. Was für Menschen — diese Gertrud, die schönste Frauengestakt Schillers, die Wiederauferstehung des Gennaneyweibes, das den Mann in die Schlacht der Freiheit sendet. Für Schiller ist dies alles der größte Gegenstand der Dichtung: der Uebergang eines Volkes aus dem Glück der Natur in das höhere Glück der selbstaeschaffenen Freiheit, vielmehr der Uebergang aus der Freiheit, die ein Geschenk der Natur ist, in die bessere Freiheit des bewußten sittlich-nationalen Willens. Sie sind eine Einheit aus Blut und Boden. Sie verlangen das ewig gleiche Nolksrecht der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung in der gottgewollten Eigenart. Wieder berührt es wie wahrhaftiges Sehertum, wie Schiller den uralten Attinghausen sterbend hinüberblicken läßt in die neue Jugend des befreiten Volkes. Schiller hat abermals das deutsche Erlebnis unserer Tage gestaltet. Unsere Zeitgenossen neigen sehr dazu, die Großen der Vergangenheit danach einzuschätzen, ob sie etwas vorausgeahnt haben von dem, was heute den Deutschen ihr neues Weltbild gestalten will. Sie würden sich selber und Deutschland besser dienen, wenn sie den Blick für Me volle Große der alten Geisterführer wieder gewännen. Der größte Volkslehrer der Deutschen erweist freilich seine Lebendigkeit, indem er uns unser Erleben vorausgestaltet und ausdeutet. Aber seine Lebendigkeit soll vielmehr uns der Quell neuer Erquickung und Kraft werden. Der heroische Wille, der in ihm Denker und Dichter war, ist in ihm Geist geworden. Er lebt uns im Geist ein Leben voll vornehmster Geistigkeit vor, ein Leben des Stolzes und der Freiheit, des Stolzes vor den feindlichen Schicksalsgewalten, der Freiheit zu einem rechten Mannesdasein in Mut und Größe. Das Volk, das sich ein Deutschland jetzt erschaffen will, muß freilich ein Volk des heroischen Willens sein. Aber auch in ihm soll der heroische Wille Geist werden. Das ist die nächste Aufgabe. Das Weltreich des deutschen Geistes will sich in der Gegenwart sein Volk bilden. Wir waren nie über Schiller hinaus, wir sind noch nicht bis zu ihm gekommen. Er blieb nicht hinter uns zurück. Er weist uns in die Ferne zu dem Ziel, das vor uns liegt. Reiterlied. Von Friedrich Schiller. Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist der Mann noch was wert, Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein anderer für ihn ein. Auf sich selber steht er da ganz allein. Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist, Man sieht nur Herren und Knechte: Die Falschheit herrschet, die Hinterlist Bei dem feigen Menschengeschlechte. Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, Der Soldat allein ist der freie Mann. Des Lebens Aengsten, er wirft sie weg, Hat nicht mehr zu fürchten, zu forgen; Er reitet dem Schicksal entgegen keck, Trifst's heute nicht, trifft es doch morgen; Und trifft es morgen, jo lasset uns heut Noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit! Von dem Himmel fällt ihm sein lustig Los, Braucht's nicht mit Müh' zu erstreben. Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß, Da meint er den Schatz zu erheben. Er gräbt und schaufelt, so lang' er lebt, Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt. Der Reiter und sein geschwindes Roß, Sie sind gefürchtete Gäste. Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloß, Ungeladen kommt er zum Feste. Er wirbt nicht lange, er zeiget nicht Gold, Im Sturm erringt er den Minnesold. Warum weint die Dirn' und zergrämet sich schier? Laß fahren dahin, laß fahren! Er hat aus Erden kein bleibend Quartier, Kann treue Lieb' nicht bewahren. Das rasche Schicksal, es treibt ihn fort, Seine Ruhe läßt er an keinem Ort. Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäumt, Die Brust im Gefechte gelüftet! Die Jugend braujet, das Leben schäumt, Frisch auf, eh' der Geist noch verdüftet! Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein. Ctf» ((er als Vorbild und Gewissen der Nation. Von Walter von Molo. (Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Walter von Molo, der Dichter des bekannten Schiller- Romans, stellte uns zum 175. Geburtstage Schillers den nachfolgenden Orginalbeitrag zur Verfügung. An vielen Stätten Deutschlands sind Denkmäler errichtet für den Schwaben Friedrich Schiller, und in jedem Schulbuch steht der Name Schiller. Wenn Schiller nur deshalb noch lebte, dann lebte er nicht mehr in uns, dann gehörte er dem vielen zu, das gestern oder vorgestern wertvoll war, das seiner Zeit diente, uns aber nurmehr ein Erinnerungs- mal an Früheres ist, nicht mehr. In die Zukunft geleitete uns dann Schiller nicht, und wer uns nicht in die Zukunft geleiten kann, der ist unserer stürmisch bewegten Gegenwart nichts wert. * Schiller war ein Held des unbesiegbaren Geistes. Gemeinhin glauben noch immer viele, der Dichter sei ein weltfremdes Geschöpf, das vom Leben nichts versteht. Diese Anschauung ist charakteristisch für die Zeit, die hinter uns liegt. Im wahren Dichter ist lebendiger als in anderen das Menschentum, er erlebt das Schicksal seines Volkes als das Schicksal der Menschheit, und das Schicksal der Menschheit erlebt er als das Schicksal seines Volkes. Er weih um die elementaren, unveränderlichen Grundgesetze des Seins und ist darum Mahner und Prophet. Schiller war ein geistiger Soldat, wie es jeder echte Dichter ist, denn jeder hat an feinem Platze das Seine zu tun. Die Ausgabe des Dichters ist das Reich der Seele, des Gemütes. Er ist durch die Sprache, die ihm nicht Werkzeug ist, sondern die Urkraft seines Werdens und Lebens und Schaffens, ein bewußter Wahrer des Volkstums. Schiller schuf aus feinem Blut heraus, in dem die Erde der Heimat lebt, die mehr ist als die Hervorbringerin von Gemüse und Gras; er war bewußtwerdende Nation. Jeder Mensch wirkt in die Gesamtheit und damit für sie, ob er will oder nicht. Auch an Schiller ist manches zeitbedingt gewesen und gilt nicht mehr für uns, denn er hat ganz feiner Zeit gedient, aber weil er machtvoll war und denken konnte, so war ihm feine Zeit nur ein Stück der Ewigkeit, und so hat er seiner Zeit und aller Zeit recht gedient nach dem Grundsatz: Dem Ewigen dienen, heißt seine Zeit richtig erleben. ♦ Auch Schiller hat geirrt, denn er war ein Kämpfer, und kein Kamps ist eine Versicherungsanstalt gegen Irrtum. Und dennoch ließ uns Schiller Ungeheures: Die Anschauung seines Eigenwuchses, sein heldisches Wesen, das uns den Mut gibt, unbekümmert den Weg vorwärts zu gehen; denn nur das ist wertvoll, das ewiges Vorwärts ist. Es gibt kein Zurück, und wer es versucht hat, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, der erlebte stets, daß er damit das Geschäft seiner Gegner besorgte, in- dem er gründlicher und schneller das Gestrige beerdigte. Schiller erkannte: wirkliche, wirkende Veränderung wird nicht durch äußere Gewalt, wird nicht durch Massen, sondern nur durch die Veränderung der Massen. Und diese wird nur durch Aenderung jedes Einzelnen. * Schiller achtete jedes Volk, aber er liebte das feine, weil er zu ihm gehörte. In den Jahren der Jugend hat Schiller geglaubt, die Menschheit könne sich versöhnen und im dauernden Frieden leben, aber je tiefer er arbeitete und sich umsah, desto mehr fand er zu seinem Vaterland, mußte er erkennen, daß ewiger Krieg und daß es nötig ist, in diesem ewigen Krieg zu bestehen, daß jeder Krieg führen muß, jeden Tag, jede Stunde, mit sich selbst, in sich selbst, um ganz rein, ganz selbstlos zu sein, fähig zu bleiben, sich für eine Idee aufzuopfern. Denn nicht das Leben sah Schiller als wertvoll an, es war ihm nur wertvoll, wenn es jederzeit bereit war, sich hinzuopfern für eine sittliche Idee. Das Leben kann nur gewonnen werden durch Einsatz des Lebens; Sieger kann nur fein, wer sich selbst besiegt. Nur der Menfch, der überwunden hat, nur der Mensch und der Staat, die bitterschwer glücklich werden, geraten. Nur die innere Kraft entscheidet. Aeußere Unfreiheit ist mit innerer Freiheit zu bekämpfen. Das war Schillers Lebensrichtung und Werk. Es sind die Seelen, die frei werden müssen, damit äußerlich Freiheit lebt. Schiller erzog sich durch Geschichte und Philosophie. Als er seine mangelnde Bildung erkannte, endete er sein Dichten, — bis er seine Urteilskraft, seine Vernunft gebildet und ganz zum Herrn erhöht hatte. Auf diesem unangreifbaren Fundamente wurde er dann der große Dichter und Führer. Was von Schiller lebt und immer weiter leben wird, ist das Vorbild. Wie dieser kranke, arme Mensch stolz und kühn seine heldenhafte Weltanschauung erwarb, verbreitete und nach allen Seiten ausbaute, so die Gewißheit für uns gewann, daß der Mensch jede Schwierigkeit in sich und um sich zu überwinden vermag — wenn er nur will. Als Schiller durch Arbeit an sich die innere Gesetzmäßigkeit des Lebens erkannt hatte und das große Heldentum gewann: hinter sich zurückzutreten, sand er die Freiheit, das Ziel feines Lebens. Er gab sich selbst seine Gesetze, bevor sie ihm vom Leben diktiert wurden. * Schillers ganzer Kampf ging um Freiheit und Ehre! Ihm war das Zusammenleben der Menschen in einem Staate nichts anderes als der uralte Kampf, die Gattung und das Individuum ohne Zwang, in Freiheit zu versöhnen. Die einen wollen alle Macht der Gattuntz geben, die anderen dem Individuum: das war ihm grausame, unmögliche Trennung, wie sie nur Ungebildete suchen und wünschen. Der ideale Staat, der ästhetische Staat, wie Schiller ihn nannte, kann nur aus dem Ausgleiche dieser zwei Gegnerschaften gegründet werden. Schiller war für die Entwicklung der Gattung, weil die Anlagen der Menschheit nicht im Individuum allein, sondern nur in der Gattung ganz zur Entwicklung zu gelangen vermögen — denn der Einzelne stirbt. Aber er wußte: ohne Summe aller Individuen gibt es keine Gattung. ♦ Es ist leicht, sich als Idealist zu bezeichnen, aber zu tun ist das: den Glauben an das Ideal nicht zu verlieren und doch ein realer Mensch zu sein, der der Vernunft Genüge tut. So war Schiller. Ihm war die Kunst die befähigteste Lehrmeisterin im Erziehungsplane der Menschheit. In Schillers Werk können sich alle in selbst erworbener Freiheit als Brüder, jenseits aller Phrasen, erkennen, in der Gewißheit: das Leben ist Kampf, darüber ziemt uns nicht Klage, das Leben muß hingenommen werden, wie es ist. Wir bestehen es, wenn wir nicht an unser persönliches Schicksal denken, wenn wir immer an unser gemeinsames Schicksal, an das Schicksal der anderen denken. Der heldische Mensch ist stärker als jedes Schicksal. Je fruchtbarer der Gegner, desto glorreicher der Sieg, der Widerstand allein macht das Leben lebenswert. Schiller ist das Gewissen der Deutschen. Iah' N len 1 I miinj 8 steche ■ als! S stäub I tich gebä I, dran men. ri i er, r > lein, j schm mied ' --Ich -i : Jrei i Idir ; meh R |3°r Dor Mb Da San * i leit, mie Silin Beraniwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange. Gießen. 11