Tiehenek Knnilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum (Siebener Anzeiger Nummer 52 Montag, den 9. Juli Jahrgang 1934 Meeresstrand. Von Theodor Storm. Ans Haff nun fliegt die Möwe, Und Dämmrung bricht herein; Uebsr die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein. Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer. Ich höre des gärenden Schlammes Geheimnisvollen Ton, Einsames Vogelrufen — So war es immer schon. Noch einmal schauert leise Und schweiget dann der Wind; Vernehmlich werden die Stimmen, Die über der Tiefe sind. „Warum haben Sie sich nicht auch einen Hausschrat angeschafft? Oder ist das Sünde?" fragte Nippernaht. „Warum soll es Sünde sein, ein Tier bleibt immer ein Tier", antwortete Kudisiem geringschätzig und ging mal vor die Tür. Der Flößer Nippernaht — er kehrte nicht wie alle andern bei dem reichen Haba- hannes ein, sondern blieb bei Kudisiem, fing ihm Fische und half bei der Hausarbeit; ein merkwürdiger Mensch — bekam erst am dritten Abend die Geschichte mit dem Hausschrat zu hören. Der Alte hatte mit dem Hausjchratkauf kein Glück gehabt. Es ist noch kein Jahr her, daß er zu diesem Zweck gleichfalls nach Riga fuhr. Unterwegs kehrte er in der nächsten Dorfschenke ein, wo er feinen alten Freund, den Schneider Stockros, traf. Sie machten ein paar Schnäpschen zusammen, redeten dies und das, bis der Stockros wissen wollte, was der Kudisiem in Riga für Geschäfte hätte. Der Alte hieb auf den Tisch: das Hundeleben hätte er bis da, und als der Schneider vgr Neugier so weit geschwollen war wie eine Schweinsblase, flüsterte ihm Kudisiem ins Ohr, was für Geschäfte. „Die Rigaischen Hausschrate sind teuer und wertlos!" sagt hieraus Stockros. „Sie sind aus verfaulten Besen und Kohle gemacht. Warum fährst du so weit, man versteht sich hier auch ganz gut auf Hausschrate." „Wer versteht sich?" fragt Kudisiem, „etwa du?" Der Stockros nickt, als wär's nichts. Dem Rigasahrer ist, als hätte ihn jemand mit der Ahle gestochen. Er läßt Stockrosens Aermel nicht mehr los, beschwört ihn: „Stockros, Stockros, mach mir einen Hausschrat. Hier sind sünfund- zwanzig Rubel, behalt sie und mach mir einen anständigen Hausschrat." — „Narr", sagte der Schneider, „ich will dein Geld nicht, wenn du aber so sehr bittest, so komm nach zwei Wochen zu mir und hol dir den Hausschrat ab." Der Alte war so froh, daß er dem Schneider trotz seines Sträubens drei Rubel aufnötigte, als Handgeld. Das Geld haben sie bann in derselben Nacht vertrunken. Nach zwei Wochen war Kudisiem beim Schneider. Stockros hatte die Hausschratgeschichte völlig verschwitzt, fing fürchterlich zu stöhnen an, der Kopf schmerze ihm, das Wetter fei zum Hausschratmachen nicht günstig, auch fehle es ihm an geeignetem Material und dergleichen mehr. Kudisiem ließ aber nicht locker. Da wurde der Schneider trötig und sagte: „Gut, du sollst deinen Hausschrat haben! Aber drei Dinge mußt du dir merken: beim Nachhausefahren darfst du dich unter keinen Umständen Umsehen, sodann darfst du das Wort „Teufel" nicht in den Mund nehmen und endlich keinen bösen Wind machen. Wenn du diese drei Bedingungen nicht erfüllst, kann ein Unglück geschehen. Erst wenn du zu Hause angekommen bist, darfst du den Hausschrat vom Wagen heben und ihn betrachten. Setze dich in den Wagen und warte!" Der Waldhüter setzte sich in den Wagen und wartete. Bald kam auch der Schneider, hielt etwas unter der Schürze verborgen und brachte es hinten im Wagen unter. „Fahr zu", sagte er zum Abschied, „und denke daran, was ich dir gesagt habe." Nach Hause fährt Kudisiem, ein glücklicher Mensch. Ganz genau überlegt er sich schon, was für Arbeiten er dem Hausschrat zuschanzen wird. Wie er etwa fünf Werft gefahren ist, spürt er Brandgeruch. Nanu! denkt er, raucht der Hausschrat? Da er sich jedoch nicht umsehen darf, fährt er scharf weiter. Aber kaum ist er noch eine Werft gefahren, fühlt er, fein Rücken brennt. Er springt vom Wagen und sieht: das Hinterende des Wagen« ist vollständig in Flammen, das Heu ist verbrannt, der Sack ist voller Feuer, und sein Rock ist hinten angesengt. Gräßlich fluchend sucht er noch zu retten, was zu retten ist! „Warte nur, du Hund, hast du am Ende brennende Kohlen in meinen Wagen geladen? Eine derartige Beschimpfung eines ChristenmenscheiL lasse ich mir nicht gefallen; und wenn mich tausend Hausschrate fressen und der alte Beelzebub selber!" Zurück zu Stockros. Der sieht den Alten schon von weitem, läuft ihm entgegen und fragt vergnügt: „Nun Silver, bist du mit deinem Hausschrat zufrieden?" „Halsabschneider!" ruft Silver, „was wolltest du mit den verfluchten Narrenspoffen? Du hast brennende Kohle in meinen Wagen gelegt! Zum besten hast du mich gehabt wie ein Stück Vieh, wie einen dummen Iltis oder dergleichen." „Nein", ruft der Schneider überzeugt, „das habe ich nicht getan. Du solltest dich schämen, einem Freund solch eine Schweinerei zuzutrauen. Der Fehler steckt ganz bestimmt wo anders. Sag mal, hast du des Teufels Namen kein einziges Mal in den Mund genommen?" „Nein", sage ich entschieden, denn ich hatte an den Namen nicht ein einziges Mal gedacht. „Hast'du nicht vielleicht über die Schulter zurückgeguckt? „Nein", sage ich, „ich sah erst bann hinter mich, als der Wagen vollständig in Flammen war." „Aber hast du auch keinen bösen Wind gemacht?" forschte Stockros weiter. t . ,, . „Nein, auch das nicht, und roenn, dann gewiß nur em ganz klein wenig!" antworte ich Oer Hausschrat. Von August G a i l it. Der estnische Dichter August Gailit wurde durch feinen eigenartigen Roman „Nippernaht und die Jahreszeiten" in Deutschland eingeführt. Wir entnehmen dem Buch, dessen Held man einen nordischen Till Eulenspiegel nennen könnte, mit Erlaubnis des Propyläen-Verlags dieses charakteristische Kapitel. Aber dann, einige Tage später, erscheint noch ein Floß. Auf diesem steht ein Mann, und Loki sieht schon von weitem, daß •r ungeschickt ist und das Floh nicht mitten in der Strömung halten tmn. Von einem Ufer zum andern pendelnd, bleibt er oft stecken, hält an, wartet, läßt sich treiben, ohne eine Hand zu rühren. Ost versinken die Balkenenden im Wasser, das Floß dreht sich im Wasser wie etn Geisel, und der Mann liegt längelang auf dem Floß rote .auf einem Nldgewordenen Pferde. Bei Habahannes' Hof, wo der Schwarzbach das plötzliche Knie hat, löleubert die Strömung das Floß auf das Ufer, und der Mann bleibt ^Loki^be'obachtet ihn eine Zeitlang voller Verwunderung. Ist er tunt? Und Loki läuft zum Vater. . Der alte Kudisiem hustet mißtrauisch. Aber Loki ist wie eine Klette mb zieht ihn hinaus. Da saß ber Mann noch so ruhig wie vorhin mb sah ins Wasser. Er schien sogar zu pfeifen. „Ist Ihnen ein Unglück zugestoßen?" stottert ber alte Siner Kubisiem. Bi-ine Antwort. „Soll ich Sie abstoßen?" „Nein", antwortet ber Mann, „ich habe Zeit', unb kachelt Lok, an. Der alte Kubisiem brummte was unb machte kehrt. Loki zogernb iinterbrein. Der Mann hinterbrein. „Aermlich lebt Ihr", sagte er unb sah sich in ber Stube um. „Jawohl", sagte Kudisiem sehr ruhig. „Sie hätten zu Habahannes zchen sollen. Er ist reich, und die Floßerburschen gehen immer zu chm. „Wo hat denn Habahannes feinen Reichtum her?" fragte der Mann Muftigt. . „Er ist nicht immer reich gewesen", erklärte Kudisiem, „in ferner Irgend war er sogar ein sehr bekannter Dieb. Dann fing er hier an; leine Wirtschaft warf nicht viel ab, bas Betreibe wuchs hirtentaschelhoch. Aber bann hat der Mann auf dem Markt in Riga für zwanzig !R ibcl einen Hausschrat gekauft, und sofort begannen die Felder zu itigen, unb bie Vorräte häuften sich wie Schneewehen. Jetzt fehlt ihm nichts mehr, hochmütig ist er geworben, geizig ist er geworben, fitzt auf feinen Butterfässern unb fährt auf ihnen in bie Stabt." „Haben Sie feinen Hausschrat gesehen?" fragt ber Flößer, ber sich bomas Nippernaht nannte. „Wer zeigt einem Fremben feinen Hausschrat , sagt Kudisiem iiummig. . „Ich habe ihn gesehen!" ruft plötzlich Loki lebhaft. „In einer Ge- vkiernacht flog er wie eine Feuergarbe in Habahannes Schornstein Moll fagte wohl, der Blitz habe eingefchlagen, aber ich kenne schon Malls Redensarten." Mark und kaufte mit Grätenmuster, zu Mittag. Beim was", wehrte er Aber auch Weiher denn da?" „Ich heiße Lenchen Zimmermann und muß den Hansi begraben, weil der tot ist. Wenn Sie für den armen Hansi nochmal „Sterben mag ich nicht" spielen, gebe ich Sie auch meine Sparbüchse!" _ Lenchen hing erwartungsvoll an Karls Mienen, ängstlich, er könnte es abschlagen. Karl verstand nicht recht, um was es sich drehte, und erkundigte sich: „Wo liegt denn der arme Hansi?" Da öffnete Lenchen ihre Zigarrenkiste, und auf bunten Seidenfetzchen lag Hansi, der tote Kanarienvogel. Karl begriff jetzt und lächelte. „Komm", sagte er, „wir wollen ihn begraben, er soll sein Grablied haben!" „Dort hinten habe ich schon ein Loch gemacht", entgegenete Lenchen und wies, indem sie ihre Sparbüchse in Karls Hand legte, auf den Holunderbusch in der äußersten Ecke des Hofes. Karl nahm fein Instrument unter den Arm und folgte dem Kinde, das vorausgeeilt war und den welken Hansi schnell noch einmal an die Wange drückte, ehe es ihn in die Mulde legte. Karl wartete geduldig, bis öenchcn ein Zeichen gab, dann spielte er „Sterben mag ich nicht" für den toten Kanarienvogel, spielte es derart choralig und der Lage angepaßt, daß Lenchen in Tränen ausbrach und abwechselnd Karl und Hansis Grab anäugte. und blickte fragend auf Karl, der unter diesem Blick ein wenig nervös wurde, und in dem Bestreben, seine Anwesenheit zu erklären,.braute er Überhöflich heraus: ..Fräulein Lenchen ersuchten mich um die Leichen- nWDer—$rofefior schmunzelte, klopfte Karl auf die Schulter, zog seine Börse und druckte ihm eine blanke Mark in die Hand mit den Worten. „Da nehmen Sie, Sie haben dem Kind einen sehnlichen Wunsch er» Währenddessen überlegte sich Karl, ob er die Sparbüchse, die schwer in feiner Tasche hing, wohl behalten dürfe. Sicherlich wußten die Ettern gar nichts davon, und so konnte es hinterher leicht Unannehmlichketten neben, und diesen seinen besten Hof wollte er sich mit einer solchen Dummheit denn doch nicht verpatzen. Karl beschloß also, den Kinder» sreund zu spielen und die Sparbüchse zuruckzugeben. Jedoch es kam anders. Karl konnte seinen guten Borsatz nicht mehr """Kaimi''dcch Tos Akkordion ausgeklungen hatte, erschien der Vatermörder aus der Bildfläche, ein gesticktes Käpp, aus dem Kopf und die Hände aus dem Rückenauslaus verschlungen. „Großpappie , rief Lenchen, „jetzt haben wir den armen Hansi begraben!" Leuchens Großvater, Professor Zimmermann, schlurfte langsam heran und blickte fragend auf Karl, der unter diesem Blick ein wenig nervös Karl, dem allmählich der Boden zu heiß wurde, bedankte sich über» schwenqlich und schielte nach Lenchen hin. Wenn die letzt bloß nicht ihre Sparbüchse erwähnte! Aber das Kind sah und horte nichts, sondern tätschelte mit beiden Händen die Erde auf Hansis Grab. Da.besann sich Karl nicht mehr länger, er grüßte und strebte mit Riesenschritten dem Ausgang zu, ein unangenehmes Gefühl im Rücken, wie einer, der jeden Augenblick einen Steinwurf zu gewärtigen hat. Kart atmete erst wieder auf, als er im Gewühl der Straße unter» getaucht war. Er ärgerte sich über sich selbst, daß er den Mut nicht aufgebracht hatte, dem Vatermörder die Sparbüchse auszuhandigen. „Ich wollte dem Kind die Freude nicht verderben, drum nahm ich die Spar» büchse zum Schein, hier ist sie!" so hätte er sagen können, und es hatte glaubhaft und ehrlich geklungen. Jetzt aber, nachdem er sich aus dem Staub gemacht hatte, war es schon fast unmöglich geworden, die Angelegenheit wieder einzurenken. Nun fehlte bloß noch das eine, daß die Sparbüchse lauter Kupfer enthielt! Würde ihm gerade recht geschehen Karl hatte für heute die Lust am „Schubern" verloren und trieb auf kürzestem Wege nach Hause. Hier sah er sich die Spardose genauer an, bog eine Haarnadel zurecht und öffnete damit ohne Schwierigkeiten das Schloß: die Sparbüchse enthielt Silber-, Messing- und Kupfermünzen im Werte von 8,20 Mark. , . Was jetzt? Sollte er das Geld zurücktragen? Oder sollte er es behalten und in Zukunft diesen Hof meiden? Einerseits kamen ihm diese 8 Mark wirklich gelegen. Er hatte keinen Mantel mehr, und der Herbst stand vor der Tür. Für 8 Mark würde er beim Trödler schon einen ganj netten Mantel kriegen. War es nicht wie ein Fingerzeig des Schicksals? Anderseits freilich war er bisher doch immer noch ein halbwegs ehrlicher Kerl gewesen, und daß ihm Leuchens Sparbüchse von Rechts wegen nicht mstand, das wußte er auch... .......... Eine dumme, dumme Sache! Karl wollte sich Zeit lasten und Der» schob den Entscheid bis zum Abend. Doch auch am Abend konnte er sich noch nicht entscheiden, und so verschob er die Gewissensfrage bis zum nächsten Morgen. Am Morgen aber regnete es, und der Wind pfiff durch die Kleider. , .. o Da traf Karl die Entscheidung. Er nahm die 8 sich einen getragenen Mantel von halbdunkler Farbe Er kostete 6 Mark. Für den Rest aß er ausgiebig Zahnstochern tarnen ihm nochmals Bedenken. „Ach sie ab, „sterben mag ich nicht, bin noch so jung." Damit war dieser Fall für Weiher Karl erledigt Karl selbst ist erledigt, nämlich bei den Bewohnern des Hofes und allen, Da haben n 's. da haben wir's!" tobte der Schneider und drehte sich "wie ein Kreisel in der Runde. „Du ewiger Esel, du verdammter Hund was hast du getan?" schrie er, immer wütender werdend „Du hast mich in Sdjanbe gebrarfjt, du hast dem Gluck verspielt — td) mitt mit dir nichts mehr zu tun haben. Der Wolf möge dich fressen unb be Teufel dich verschlingen! Leb wohl!" Und der Schneider riegelte die Tur < vor Kubisiems Nche M Kubisiems seine Erzählung, „aber was zuviel verlangt ist, ist zuviel." Unb er ftanb auf unb ging mal nach bem Wetter sehen, benn es regnete. Und sterben mag ich nicht. .. Von Gert Lynch. Es war heute schon später Vormittag, als Weiher Karl ben ersten fiof „abfrfmberte", wie bie Hofmusikanten sagen. Behutsam holte er fein Akorbion aus bem Kasten, schlüpfte in bie Schulterriemen, fingerte bie Tonart ab unb zog breit. „Mag ber Himmel euch vergeben klang es in gewaltigem Orgelton burch ben schläfrigen Amerhof, ben I Weiher Karl nun schon feit Monaten wöchentlich einmal besuchte. Es war stin bester Hof! Wenn alles zu Haufe war, pflegten hier sechs m Papier eingefchlagene Münzen, feiten unter fünf W^nig, l;erunter= I zustiegen. Karl zählte genau, wie oft es auf bem Pflaster bumste, so kam ihm niemals eine Spende aus. Auch heute wickelte sich alles wie gewöhnlich ab. Zuerst spendete wieder die sreundttche Schlafhaube vorn dritten Stack rechts. Karl hatte sie so getauft, wett er sie nie ohne Häubchen fah. Sie warf stets ihren Groschen und zeigte sich nur eine Sekunde lang am Fenster, und Karl muhte gut aufpaffen, damit er ihr noch schnell feinen Dank zunicken konnte. Nummer zwei vom Parterre links folgte. Karl nannte den altern Herrn ben „Vatermörder", da er diese überlebten Kragen trug. Der Vatermörder gab mit Vorliebe Kupfer, aber dafür war fein Paachen auch um so dicker, und er konnte unter allen Hausbewohnern am besten zielen, benn bie Münze lag immer griffbereit zu Karls Fußen, ber bann jebesmal bie Hacken militärisch zufammenknallte, was dem Vatermörder ein mildes Schmunzeln entlockte. Damit ging bas erste Stück zu Enbe, | unb bie Liebhaber klastischer Musik waren abgetan. Nummer brei, erster Stock Mitte, war Karls bester Kunde. Ein feiner blasser, junger Herr, der von ber Musik aufwachte unb bann feine gelben Vorhänge aufzog. Karl gab ihm ben Titel Kanbibat, bachte aber habet weniger an einen ©tubenten als an bie Schwinbfucht. Der Kanbibat fragte ausschließlich nach vaterländischer Musik. Karl spielte ihm heute den „Fridericus Rex" auf. Zackig und taktbetont federten die Töne zum Kandidaten hinauf, der denn auch nicht lange auf sich warten ließ, in einem violetten Schlafanzug am offenen Fenster erschien und mit weicher, lässiger Gebärde seinen Tribut abwarf. Karl quittierte mit einer ebenso weichen, aber tiefen Verbeugung des Kopfes, was sich unter bem Einbruck des harten Parademarsches ein wenig albern ausnahm. Karl fühlte das selber, jedoch ber Kanbibat war eben sein bester Kunbe. Er hatte auch jetzt roiebcr breißig Pfennig geopfert, manchmal waren es sogar schon fünfzig gewesen! Karl legte eine kleine Pause ein, ehe er Nummer vier, fünf unb fechs in Angriff nahm, bie er insgesamt „Kocheri" (Köchinnen) benannte unb bie schon in ben Fenstern bes vierten Stocks auf ber Horche lagen. „Jedem das Seine" dachte Karl und brachte nun etwas für die Rühr- drüfen. Als erstes: „Uebers Meer, übers Meer grüß ich dich, Heimatland, Heimatland!" Aber Nummer vier, fünf und sechs ließen ihn gern zappeln, sie verlangten noch mehr zu hören. Und Karl spielte anschließend die „Waldesruh" mit dem unerhört tragischen Resrain: „Mein Vater kennt mich nicht, meine Mutter liebt mich nicht, und sterben mag ich nicht, bin noch so jung!" Jetzt, jetzt endlich flogen die letzten fälligen Fünferl vom vierten Stock, und Karl wedelte, als er ausgejpielt hatte, mit der Hand leutselig nach oben. Indem er bie Einnahme überschlug — es waren sünfunbfechzig Pfennig — unb gerabe fein Akkorbion ins Futteral verfenkte, ereignete sich etwas Unerwartetes: Ein etwa sechsjähriges Mäbel, eine breite blaue Schmetterlingsschleife im halblangen Haar, schoß aus ber Haustür heraus unb blieb mit fliegenbem Atem vor Weiher Karl stehen, in einer Hcmb eine flache Zigarrenkiste, in ber anbern eine Sparbüchse. Karl hielt inne unb roanbte sich bem verlegenen Kinb zu, das mit scheuen Augen zu ihm emporblickte und kein Wort herausbringen konnte. Karl sah die Sparbüchse unb bie Zigarrenkiste unb fragte, Beute wit- ternb, im sanftesten Tonfall: „Wie heißt bu benn, unb was bringst du die davon hörten. Oie Delphische Idee. Von Curt Rösner, Athen. Eine alte Idee wird neu! Sie dürste siegen, denn es steht ihr ein Wort voran, das bei den Gebildeten in aller Wett eine bezaubernde Melodie hat und das ganz besonders in unserer Heimat als Wunderwort ^'"Di^grttchische Landschaft blieb klassisch und bis auf den heutigen Tag hat sie ihren alten Charakter treu bewahrt. Das alte Athen, die Akropolis unb feine sonstigen antiken Ruinen sinb freilich schon völlig von Neuem, von Gegenwart umgeben. Immer näher schieben sich bereits Die Hochhäuser an ben heiligen Felsen heran. Das moberne Leben forbert gebieterisch seine Rechte unb beweist nicht immer bie gebuhrenbe Achtung, bie es ber großen Vergangenheit zollen sollte. Delphi bagegen lebt noch heute in berjelben Umgebung wie vor Tausenben von Jahren! Noch stießen murmelnb unb kühl bie Wasser ber kastalischen Quelle, noch kann man an ihr sitzen unb bie durstenden Lippen netzen. Sie gehört zu ben seltenen Wassern, bie trotz ber unenblich langen Zeit auch heute aus bemfelben Felsen unb an berfelben Stelle aus bem Erdreich sprudeln, wie einst in der Antike. Die „blitzenden" Felsen, die Phädriaden krönen noch heute den heiligen Bezirk; noch dürfen wir uns in dem antiken Theater nieberlaffen unb sollen hier in einer nahen Zukunft, voraussichtlich im Mai 1936, klastischen Spielen ftauncnb folgen: nicht allein unb ausschließlich altgriechisch-klassischen, (onbern auch Meisterwerken Der Klassik aller Nationen. Unb mit ihnen soll eine Jbee lebenbtg werben — war es in ber Antike bie panhellenische, so soll aus ihr nunmehr eine noch größere, eine bie ganze Wett umjpannenbe geboren werben: die „pankosmische". Man möchte in Delphi bie „roeltumfaffcnbe Liebe erstehen sehen! 1V1.„ . ... „ Die Nationen sollen sich hier sammeln. In ber Nahe des antiken Ortes wird die griechische Regierung genügend Gelände zur Verfügung stellen, damit jedes daran teilnehmende Volk sein eigenes „delphische» 1 Heim" errichten kann. Für die Bauten werden völlige Zollfreiheit und alle sonstigen Erleichterungen gewährt. Man rechnet, daß die Kosten eines solchen Heimes, das für 100 offizielle Vertreter bestimmt ist und dazu noch für etwa 50 Studenten Raum zu bequemer Unterkunft bietet, sich auf 720 000 Drachmen oder etwa 18 000 Mark belaufen werden. Hier, wo im Altertum der Amphiktyonenbund der 12 griechischen Stämme tagte, soll ein neues, antike Idee und moderne Wirklichkeit verbindendes Zentrum erstehen, ein geistiger Amphiktyonen- oder Völkerbund mit Idealen und Zielen, der vielleicht in mancher Beziehung mehr für die Verständigung unter den Völkern leisten und besser für die Sache des Friedens arbeiten könnte, als feine politische Antithese in Genf. Hier im antiken Delphi, dem Omphalos, dem Nabel der Welt, sollen sich die Vertreter aller Nationen mit völliger Gleichberechtigung zusammenfinden, um die Idee des Friedens und der Zusammengehörigkeit der Menschen auf dem Wege über die Geistigkeit zum Siege führen. Eine Zielsetzung, die durchaus fruchtbare Erfolge zeitigen könnte, wenn alle Beteiligten guten und ehrlichen Willens find. War diese Idee bisher nur eine private, die Idee eines Dichterehepaares, das aus eigenen Mitteln und aus einem hohen Idealismus heraus diesen Plan bereits zweimal mit größtem Erfolge 1927 und 1930 in die Tat umsetzte, so nimmt sich jetzt der griechische Staat selbst, ihrer an. Alle, die das Glück hatten, in diesen beiden Jahren an den delphischen Spielen teilzunehmen, trugen aus Delphi eine unauslöschliche Erinnerung heim und die Hoffnung, daß eine Verwirklichung dieser hohen Pläne möglich sei. Kein Fachmann hatte damals seine Hand im Spiele, keine Staatskasse war um Zuschüsse angegangen worden — und dennoch war der Erfolg durchschlagend. Doch ein so großes Unternehmen, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die Welt zu erobern, kann vom Idealismus einzelner Personen nicht leben; deren Kraft muß zu schwach sein, um solch ein groß anzulegendes Werk allein zu tragen. In Erkenntnis dieser Tatsache" fand der griechische Kultusminister Makropulos, daß hier der Staat eingreifen müsse. Der Minister selbst studierte an Ort und Stelle die Verhältnisse und war sofort für die Sache gewonnen. Auch der griechische Ministerpräsident Tsaldaris und seine Gattin gehören zu den Unterstützern der Idee, der sich dann der gesamte Ministerrat in anerkennenswerter Weise annahm. Die griechische Regierung stimmte zu, und mit einer Schnelligkeit, die man sonst im Orient nicht gewöhnt ist, wurde das „Delphische Gesetz" in der griechischen Kammer einqebracht. Von allen Parteien einschließlich der Opposition wurde es mit Begeisterung angenommen, wie auch die Athener Presse ohne Unterschied der Parteirichtung der Verwirklichung dieser Idee sehr wohlwollend gegenübersteht. Die ersten Spiele sollen im Mai 1936 durchgeführt werden, sozusagen als Präludium zur Olympiade 1936 in Berlin. Ein endgültiger Beschluß wurde jedoch noch nicht gefaßt. Die Delphische Idee hat vorläufig nur die private Zustimmung vieler geistiger Berühmtheiten gefunden. In Deutschland sind es die Herren Ö. Dr. Wilhelm Dörpfeld, Gerhart Hauptmann, Dr. Wilhelm Ley- -n, Prof. Dr. Theodor Wiegand u. a.; aber auch England, Frankreich, Italien und alle anderen europäischen Staaten, sowie die beiden Amerika, sind in der Delphischen Union mit bekannten Namen vertreten. Der preußische Ministerpräsident Göring stattete, wenn auch damals noch nicht im Hinblick auf die erst jetzt wieder aufgenommene Delphische Idee, Delphi einen Besuch ab und war vom Delphischen Erlebnis begeistert; der frühere französische Ministerpräsident Herriot gedenkt im August auf 10 Tage in Delphi zu verweilen. All das läßt erwarten, daß, wenn Griechenland demnächst offiziell den verschiedenen Regierungen seinen Plan mitteilen wird, es auf eine wohlwollende Behandlung desselben wird rechnen dürfen. Die Häuser der Nationen, die an die antiken Schatzhäuser erinnern sollen, werden natürlich auch außerhalb der Spielzeit ihren Angehörigen zur Verfügung stehen und einen billigen Aufenthalt, hauptsächlich für die studierende Jugend, ermöglichen. Man rechnet mit einer kleinen, aber auserlesenen Kolonie der bedeutendsten Männer Europas, die sich hier in Delphi treffen sollen, um untereinander eine ständige Verbindung zu pflegen. Wie bei allen geistigen Regungen fand sich auch bald der Deutsche mit an der Spitze der Bewegung ein. Ja, der neue Anstoß und der erste gewagte Schritt in die Oeffentlichkeit wurde durch Dr. Wilhelm Ley- Hausens gelungene Aufführung der „Perser" von Aechylus im Athener Herodes-Attikus-Theater veranlaßt. Sie lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf Delphi und auf die Kunst, die vereint, was das Schwert teilte. So wurde Dr. Leyhaufen zum Vizepräsidenten der Delphischen Union ernannt, deren Präsident der griechische Dichter Sikelia- nos ist, der mit seiner Gattin seit Jahrzehnten diese Idee pflegte und durch seine Aufführungen 1927 und 1930 den Beweis ihrer Lebensfähigkeit erbrachte. Trotz aller Bauten und Unternehmungen, die in Delphi durchgefuhrt werden müssen, ist es selbstverständlich, daß der antike Bezirk keine Einbuße erleiden darf. Es wurde bereits Vorsorge getroffen, daß die neuen „Schatzhäuser" die Aesthetik Delphis in keiner Weise gefährden. Aber wiederum werden diese Bauten auch so plaziert, daß man von ihnen aus einen Blick auf das alte Gebiet unbehindert und in aller Vollständigkeit hat. „ „ , . Sicherlich werden der Delphischen Idee auch Gegner erstehen; und die heutigen politisch-nervösen Zeiten, der chronische GeldmangA in allen Staats- und Privatkassen lassen im übrigen einen gewissen Pessimismus nicht unberechtigt erscheinen. Doch glauben die Verfechter der Delphischen Idee, daß gerade heute in diesem Durcheinander und in diesem Zeitalter der Spannungen eine Entspannung, wie sie Delphi verspricht, möglich ist, und daß eine solche Idee, wenn sie zum Ziele fuhren fall, gerade aus den Zeiten der Not heraus geboren werden muffe. Das arme und kleine Griechenland ist jedenfalls zu Opfern bereit und hofft auf die Unterstützung der großen und der kleinen Nationen. Und bald dürfte die offizielle Einladung der Griechischen Regierung erfolgen: „Auf zum Kampfe der Wagen und Gesänge nach Delphi!" Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H„ Berlin. IFortsetzung.l Die grauen Gestalten schritten, brüderlich vereint, wieder dem Gärtnerhaus zu. „Wollen wir nach diesem Gartenfest eine Tasse Kaffee trinken, Doktor Hasselbrink?" fragte Herr von Glod liebenswürdig. „Danke tausendmal! Habe, zu meinem Bedauern, keine Zeit mehr, Herr von Glod!" lächelte der überlegene Humorist. Er wollte jetzt erst recht zu der Jazzkapelle.-- Katarina empfing den Hausherrn in Hut und Mantel; darunter trug sie noch das phantastische Gewand. „Ich mochte jetzt gehen. Ich bin doch ein bißchen erschrocken. Was wollten die jungen Leute?" fragte sie mit unglaubwürdig tragisch gekrauster Stirn. „Ist das Katarina?" fragte er böse. Sie nickte. „Sie kennen sie noch nicht.. „Bleib hier!" befahl er. „Nein! Es ist zu ernst geworden... Sie glauben, sie lache und spiele gern? Sie irren, lieber Freund Lu! Auch Sie wollen kein Spiel; das fühlt und weiß eine Frau." Sie sah größer und voller aus, eine unbefangene, ihrer selbst gewisse Frau; ihre Lippen schimmerten reifer und röter. Sie neigte zum Abschied das Haupt: Ihre Majestät, die Siegerin. IX. Katarina stand zeitig auf, frisch, mit lautem Singen, sah Erika Kla- winke auf die Finger, in alle Ecken und Töpfe, ein Gugernellsches Erbübel. Aber plötzlich schrie sie: „Lassen Sie mich zufrieden, Sita! Raus! Ich wünsche nicht mehr gestört zu werden! Fragen Sie die Mama! Wiedersehn!" Dann saß sie über dicken Haufen Noten, an ihrem kleinen Flügel, hantierte mit Blaustift und Rotstift, Schere und Klebegummi. Sie verstand viel von Musik, spielte mit starkem Rhythmus in ihrem Uebungs» tittel, der wie ein elegantes Pyjama aussah, stand auf und begann plötzlich zu schaffen, unermüdlich hingegeben; pfiff ober fang laut dazu. Kein Häusereinsturz rings um das große Zimmer hätte sie stören können. Die Mama war ein. Schatten auf der Schwelle... Raus — weg! Sie verschloß die Tür. Dazwischen ging sie zu ihrem Agenten Manfred Spilke, Leiter einer internationalen Direktion. Dort gab es wichtige, noch vorläufige Dinge zu besprechen, die Katarina mit lässigem Lächeln förderte und zugleich in der Schwebe hielt, was Spilke zu scharf spähenden Seitenblicken aus der Brille veranlaßte. Daheim fragte die Mama; „Was ist mit Louis? Habt ihr euch gezankt? Immer bloß Gärtner Glänzet mit Blumen, Erdbeeren und Spargel —!" „Herrn Professor Hasselbrink geht es vermutlich ausgezeichnet." — „Ich muß doch fleißig fein, lieber Professor!" bekannte sie am Fernsprecher. „Ich war in den letzten Wochen entsetzlich faul. Dr. Kittel steht' mit der Hetzpeitsche neben mir und macht ein etwas zufriedneres Gesicht; aber zufrieden ist er noch lange nicht. Wir denken an ganz Neues und Großes." „Wozu?" kam es rauh zurück. Sie lachte stark — ein melodisches Geräusch. „Das ist doch sehr wichtig, lieber Freund Lu ... Nein!" bat sie dringend. „Ich schicke den Wagen, Katarina." Aber sie saß bann still unb verschlossen an seiner Seite unb war schon am frühen Abenb roieber baheim.-- „Immer noch fleißig?" fragte Louis Hasselbrink in ber zweiten Woche bringenber. „Sie fehlen mir!" „Auch Sie fehlen mir. Aber nun hat sich gestern Besuch angemelbet unb wirb bei uns wohnen." Sie erzählte von Julia. „Wir waren schon auf bem Konservatorium zusammen unb haben herrliche Ferien in ihrem väterlichen Rostock verlebt. Ich ging zum Tanz unb Julia Möncke als Ehefrau zu Simanbus Hillerbeck, bem berühmten Chirurgen nach Breslau: Große Liebe — kleiner, majestätischer Herr — tot. Sie ist selbst Aerztin geworben, weil sie keine Kinber bekam. Prachtvoller Kerl — viel tüchtiger unb energischer als ich. Ich liebe sie." „Hoffe, bie erfreuliche Dame aus Breslau kennenzulernen!" „Bestimmt! Sagte ich schon? Wir waren auch damals in Amerika zusammen bei meiner ersten, kläglich verlaufenen .Tournee'. Julia hat eine Tante in Neuyork, Park Avenue am East River, Mrs. Susanne Bigge-Möncke..." „Erinnere mich." Katarina lachte. „Armer Freund Lu! Ich freue mich und schwatze! Sie wird mich stark in Anspruch nehmen." Der Professor räusperte sich grollend. „Darf ich den Damen meinen Finke zur Bahn schicken? Bitte darum. Er wird Sie abholen." „Herrlich! Es wird einen großen Eindruck auf Julia machen!" Ach, was: Julia... Nun wieder Julia! Das Neueste! Louis schickte noch mehr Blumen, Erdbeeren unb junge Kirschen.-- * Louis Hasselbrink erschien bes Abenbs unerwartet bei seinen Freun- ben Begeholb, Spitz unb Schellenberg, rauchte unb politisierte gereizt, lud sich selbst Gäste ein, auch mal bie Herren vom Tegeler Institut, ben ganzen Völkerbunb. Die anberen jungen Leute mochte er jetzt nicht sehen. Auch Till auf nicht viel mehr als auf scherzhaftes kurzes: „Guten Tag! Wie geht's, mein Kerlchen?" — „Arbeit! Arbeit! Süßer Onko, bu wirst staunen!" Es kam zu anberen Zeiten vor, baß er am späten Abenb burch bie Zimmer schritt unb Wachträume hatte. Er ftanb manchmal unerlaubt blicklos vor einem Bilb, einer kostbaren Büste ober Vase. Was wußte er von biefer grau, von biefem melusinischen Wesen aus einer oerbammt ms Das alte Siebt dachte Julia. Sie ist mal wieder verliebt oder will verliebt fein! Sie ist schrecklich weiblich. Sie hat das stets ungeheuer ernst „Auch Kinder. Gug?" Etwas, das noch nicht getan ist. Manchmal fahre ich hmaus, wo es besonders still und bürgerlich ist, und sehe voll Verlangen durch die Zäune, wo saubere Menschen in herzlicher Eintracht, rote es scheint, spazierengehn und an Blumen riechen, und fahre getröstet wieder Herrn. Das geht bei dir leicht durcheinander, wie Lachen und Heulen. Wie war' das mit Vitus? Du hast nicht viel davon gesprochen." Eine unruhige Ehe: mehr eine Liebschaft und das Haus voll merkwürdiger Gäste. Keine Kinder: es war zu nichts Zeit — drei kurze^ hübsche Jahre. In vier Jahren bin ich vierzig. Das ist grauenvoll. Ich habe Angst, Julia. Richtige Angst —!" Sie preßte die schmalen, langen Hände zusammen. , _ , . Da sagte der Doktor, als klovfe und horche er an Katarinas hübscher weißer Brust: „Ich kenne eine Katarina, die ihren Beruf leidenschaMich liebt, die der Natur sehr nahesteht: dem Element, die sich immer leidenschaftlich neben, verschenken und verschwenden muß." „Ich traue der Dame nicht sehr, Liebling. Sie ist setzt auf längere Zeit verreUt Cs gibt sehr viele von uns, „Verschwendern", die in Wahrheit das G-aenteil viel höher schätzen. „Das Beste war die Abkehr zu Weib und Kindern und zu meinem Bauerngut und die Erinnerung, die nicht mehr weh tut!" las ich neulich in den Geständnissen eines berühmten Clowns Es hat mich ergriffen. Das ewige Sichquälen und Tanzen, Jtckm — für wen, wow? Wie lange noch? Für ein paar hundert ober tausend Leute, die eine Weile schwärmerisch den Kopf schräg halten und danach noch andächtiger ein Schnitzel und eine warme Wurst verzehren Da« lohnt doch nicht io sehr! Julia — vielleicht nur zu bald ist es mit Toni und Seiet, V->rehrung und Bewunderung und Sporn des Ersaias nnrhei". bekannte sie klagend und preßte die Hände wieder im Schob Na Julia: Ich stirchte mich oft vor der ungestüm drängenden Jiig-md die natürlich olles viel besser kann und weiß, so unbesorgt sie mich und gewih auch einmal alles viel besser können wird, von mir a-länat und genährt .. Auch das ängstigt mich. Nein, das alles labnt nicht so sehr! Eine verhinderte oder verdrängte Bürgerin __ je äft-r ich werde, je mehr!" sagte sie lächelnd. W-WMMHM- Hoge fitt ihm ein -, die so eine Verbindung niemals bereut hatten. Einerlei.. Ganz und gar gleichgültig... Er dröhnte hart durch die Zimmer, wurde noch stattlicher und fpurte ariSMüfÄ Baf w aUuben M das lebendige Leben und Geschehen, das Expen- Lt'viel mehr wett sei und zwingender als alles Deuteln und Wagen. An einem andern Abend — es war schon weit »ach Mitternacht — ging Louis Hasselbrink wieder mit unermüdlichen Schritten durch seine Zimmer Er hatte überall Licht gemacht. Er war heute mit den Damen zusammengewesen auch mit dieser scharmanten Doktorin Julia S)tUer= b"ck Die Dame hatte in Tegel die gescheitesten Fragen gestellt — famose cErnu| Dann waren sie nach Paretz gesahren, wunderhübsche Fahrt, Katarina selbst war den ganzen Nachmittag und Abend über stiller als sonst gewesen und blaß.Erschütternd, so daß noch jetzt ihr Bild vor ihm stand Nicht bloß ihr Bild — lebendigstes, wärmstes, spürbares, erschütterndes Leben! Eine Frau Bloß eine Frau. Die Frau. Er hatte sie unausdenkbar — unsinnig lieb. Er hatte beim Abschied ihre Hand lange festgehalten. Und sie hatte ihn ernst und schweigend angesehen. Wie nur eine Frau einen qnfieht. Es war nicht anders zu jagen. „ Er war noch im Innersten ergriffen und aufgewühlt. Ein Kind von dieser Frau -1 Er reckte sich stolz. Er spurte sie wieder ganz nahe Sah sie in hundert unvergeßlichen Situationen vor M): tl)re Schönheit, ihre heitere, natürliche, erdnahe Unbefangenheit ihr lächelndes und darunter ungestümes Temperament, ihr kindliches Still- und Zufnedensem. Vor ihr knien, vor dieser Frau! dachte er aus mächtiger Seele. . 1 Eine ungeheuer starke, mysteriöse Sache! Ein Sohn.. Natürlich kein Tänzer oder unruhiger Geniehase; auch kein Narr Dagobert; auchi tetn Diez der in manchem noch schwieriger war; ein vollkaratiger Hasselbrink — seiner schönen Mutter ähnlich. Das rührte und ergriff ihn gewaltig ... Nanananana! Sachte, mein Bester! Er lachte laut und (oder. Das erfrischte fein Gemüt. Er legte die Zigarre weg. Em Unfug so spat noch zu rauchen! Das hatte jetzt aufzuhören; er hatte erst selber mal vor- dachte an die ferne geliebte Frau. Er hatte sie und sich noch niemals fo klar gesehen. Was früher gewesen — ein großes Versäumnis, Man spürte und erkannte einander von Leben zu Leben, die unablenkbar mächtig zueinander hinstrebten. — — Also- Was ist das mit dir und ihm, Gug? forschte Julia Hlllerbeck mit 'türkisblauen Augen am Abend des Potsdamer Ausflugs, eine Frau mit festem Fleisch um Brust und Schultern, hübsch, straff klug, dunkel, mit belustigter Unterlippe, zweiundvierzig — kein Mensch glaubte es. „Er erinnert in manchem an Amandus." Ein gewaltiges Lob in Julias Mund, obschon Amandus Hlllerbeck klein und dick gewesen war. „Zärtlichkeit, Verwöhnung, Wärme, Güte, Halt — ein Innenleben, Gemeinschaft, weißt du, glückhafte Geborgenheit. Mann und Kinder tm Gehege", erzählte Katarina treuherzig. „Idiotisch, wie? Rückfall ins ‘ Mittelalter ..." »„„„„m* o,. L-»s »»« W« IUH.3U*. u»5 X e««a«. 3,ilä ffiStr Sotartaa ..»° "Im finsteren Asien natürlich: schreibt sonst grundsätzlich bloß be rlL ®er( der kleine lange Wil aus Rostock! Hat inzwischen de7n er war ttizwischen ein wichtiger Mann geworden, sonst der unver- Ste 'S richtigen Knockout-Wunsch für Peter im Herzen, w'-'ch Laube. Kata- ril;n spate bie Knie anders übereinander und schlug lachend mit oer Nacken Hand darauf, daß es angenehm klatschte. „Also der kleine, lang Wil kommt? Das ist hübsch. Schick ihn mir für ein paar Tage herüber! Vielleicht tritt dann auch Lord Peter überraschend und leibhaftig wieder in Erscheinung? Wer kann das wissen? Alles ist mogltckp ^etcjJ*amcPl boch aus Neuruppin hier dichtbei und hat dort liebe Verwandte. Ich werde nicht erblassen." -z„,io blieb der Mund offenstehen, denn die Uhr schlug plötzlich zwei und Julia schlug laut auf den Tisch. „Also Schluß letzt! Da hort doch'olles auf! Nun auch noch Hellseherei tm Morgengrauen. Leg di« verdammte Zigarette weg! Wir mutzen morgen zeitig heraus. Und sie Denn am"nächste^ Tag in aller Herrgottsfrühe fuhr Julia zu einem ärztttchen Kongreß nach Kiel. Sie hatte sich feit Amandus' Tod zum erstenmal wieder zu einem Rutsch in die Welt losgelassen. Katarina bereitete sie auf Julias Wunsch. Es war herrlich, rote in alter Zett.--- 9 ,Sa bin ich wieder!" sagte eine vertraute Stimme eines Morgens am Fernsprecher Der Morgen wurde noch heller im Dahlemer Laboratorium; der ganze Tag. (Fortsetzung folgt.) ^"shHiatte wie Julia wußte, immer die feinen Bürger geschützt und HMMZMZÄW Ä - «iä iäi SRftrsö^’S Säxs'S k-ugen “'fen'rombJCTiC3PafÄlV nacf ßaune behandelte und sich WUMWshWM ling nicht mehr ging, kein mn v..l uns Schlimmeres. Fahr Ö1 -°°d?°-ch^sch'« bTJlx”w""m«Mnund fttan'Z-8'.n s--u.®i*>.M°MÄKÄS“»-«®ug; ÄWSÄX -»«•**-* m“ m-ta Stab. --- >st '°°. -- ""I' »'* "*