Nummer 27 Montag, den 9. April Jahrgang 193$ WnerZamiüenbläner Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Heimatgefühl. ' Von Clemens Brentano. Wie klinget die Wellei 1 Wie wehet ein Windl O selige Schwelle, wo wir geboren sind! Du himmlische Bläue! Du irdisches Grün! Voll Lieb' und voll Treue wie wird mein Herz so kühn! Wie Reben sich ranken mit innigem Trieb, so, meine Gedanken, habt hier alles lieb! Da hebt sich, kein Wehen, da regt sich kein Blatt, ich kann draus verstehen, wie lieb man mich hat. Ihr himmlischen Fernen, wie seid ihr mir nah! Ich griff nach den Sternen hier aus der Wiege ja! Treib' nieder und nieder, du herrlicher Rhein! Du kommst mir ja wieder, läßt nie mich allein! O Vater, wie bange war mir es nach dir, horch' meinem Gesänge, dein Sohn ist wieder hier! Du spiegelst und gleitest im mondlichen Glanz, die Arme du breitest: Empfange meinen Kranz! Wohlauf, Kameraden ... Von Werner Lürmann, GDS. Es ging zum Abend. Ein heißer Tag war zu Ende - ein Tag des Verhängnisses, der viel rotes und junges Blut hatte verströmen lassen, hin über trockenen, gierig trinkenden Waldboden im Lsonst^-alles umsonst!" stöhnte der Jüngste von ihnen auf, die' da aus ausgepumpten Gäulen die große Waldstraße entlang aeritten kamen. In seinem rechten Arm unter dem vom geronnenen Blut steif gewordenen Verband wühlte fressender Schmerz, smndertmal mehr aber brannte in seinem Innern die Schmach, und das, was da drinnen im Herzen zuckte und flammte, wollte HÄ«n I6rn we» SU» Stittc große Stille lag um Pferde und Reiter gebreitet. Un- der Schlacht in ihren Ohren wck>erhallten. ÖOI iSjt’urt'sS d«i Vr-d-ml«-» SHell«r6nga»e in unsichtbarer Mantel um seine Schultern, und ttet unren tu i«» ausgedörrten Kehle reizte der widerliche Geschmack vom Pulver- Dieser höllische Wald wollte kein Ende nehmen. An den Leibern der schnaubenden Gäule kroch das Dunkel hoch. Ein Waldkauz schrie aus der Nachtferne wie die verlassen irrende Seele eines Toten, rief klagend und echolos und schwieg. „Seht, Kameraden! Der Abendstern funkelt bereits da droben ..." sagte einer gedämpft und hob sich ein wenig in den janken- ^el®ag S£Iang wie ein Trost durch die Finsternis, welche ihre Gemüter umfangen hielt. Der Leutnant drehte sich rückwärts tot Sattel und ließ seinen Blick hingleiten über die ernst und gläubig aufschaucnden Gesichter der Leute. Ihm mal, als müsse er die Hände über den Zügeln falten: „Herrgott! Du da droben über der Wellt Führ du alles, alles zum guten Ende! Amen! So ritten sie hinein in die fallende Nacht un Herzen Deutschlands ... , O Deutschland! Heiliges Vaterland! — Es ging auf Mitternacht, als sie bei gelblichem Kerzenlicht und hinter verhängten Fenstern beieinander laßen in der eichen- holzgetäfelten Wohnstube der Wassermühle, drunten in einem der Auslauftäler des Gebirges. Etliche der Reiter lagen schon mit müden Köpfen auf dem Tischholz und schliefen vor Erschöpfung. Draußen flössen die Laute der Nacht. Vom Muhlenwehre her rauschte gedämpft ein schlafsingendes Tönen: und der antwortete murmelnd und leise aus deu Gebtrgswaldern, deren dunkler Wall Pferd und Mann bts zum Morgenrot Schutz verhieß. Bisweilen erscholl dumpfes Hufgescharre: die Gaule standen im Hof gesattelt vor ihren Halfterringen und waren getränkt und 6e^$>en ganzen Morgen hab' tch's gehört, das Gebrumm der Kanonen!", sagte der Müller erregt aus der Ofenecke her. „Was W'1 ehi nurCru£)ig schlafen..." erwiderte Leutnant von Henners: und seine Stimme kam wie die eines sorgenden Vaters durch den mitternächtigen Raum, der ihnen einige Stunden lang Heimat bedeutete Die herabgebrannten Kerzen flackerten. Zuckenden Schein warfen sie über das Antlitz des Jüngsten, der tnt unruht- aen Schlummer auf der harten Bank lag. Ueber sein Knabenantlitz das jetzt ernst, männlich und hart geworden war, wie es sich für einen Soldaten eines ruhmreichen Regiments und einer ft-l«-r»en B-u«n°«and W-nd. önnn aufspringend, lauschend und ruhlos auf und ab schreitend, verwachte der Leutnant den Rest der Nacht. Im Morgengrauen iveckte er Der Tag begann. Ein Hundsfott, wer nicht kämpfte bis ^um letzten Atemzuge! Bis zum großen Fluß mutzte er durchhalten mit seinen Leuten! Und wenn nicht gelang mar 'hnen bestimmt zu fallen —, fte wurden fechtend fallen! Alles tur Deutschland, für seine Täler und Fluren, Dörfer und Städte, Wälder und Flüsse, Lieder und Glockenklänge, Wiesen und -6lu- men und Vogelschall... Nichts lag an ihnen, aber alles, alle-, am deutschen, weiten, schönen, geschlagenen und gesegneten Vater- Junge mit dem verbundenen Arm war allein in der Stube zurückgeblieben. Er richtete sich gerade schlaftrunken und leise ächzend empor, als sich die Türe auftat, und tnt Rahmen die ßieftalt eines Mädchens erschien, das mit beiden Händen ein Trag- üÄt voll von geschnittenem Brot und dampfender Morgenmilch krua holdselig und so voller Anmut war die Erscheinung, dah er ivie gebannt in dies liebreizende Angesicht schauen mutzte. Guten Morgen!" grützte ihn freundlich das Mädchen. aitte Seifte ich: ich bin die Müllerstochter." Dann, beim Decken des Tisches, sah sie den blutbefleckten Verband und wurde blatz. „Tut s <11'0 meß du Armer?" fragte fte voller Mitleid. Nickt so schlimm..." sagte er und schaute sie unverwandt an Trnmnete wie der Kampfruf eines angreifenden Raubvogels. . ^ Lebewoh Brigitte!" sagte der Junge gefaßt. Schad.um tue smtTA ittth &a§ Brot ..." Den Schmerz in der Wunde, das süße ' Erschrecken in seinem Herzen beim Erblicken ihrer Jungmadchen- gestalt und sein töricht seliges, glühendes Jünglingserschaucrn — alles dieses hatte der zweimalige kriegerische und drohende Erzruf der Trompete von ihm mit machtvoller Gewalt hinweggcnommen. „Wo bleibt der Benjamin?" klang Leutnant von Henners Stimme. „Holt ihn und helft ihm in den Sattel!" „Zur Stelle, Herr Leutnant!" Frisch und kampffroh kam des Jungen Antwortruf von der Haustür. „Sie kommen!" der Müller rief es warnend vom Dachfirst herunter und zeigte erregt mit dem rechten Arm in die bunt flammende Bergferne über dem Tal. Davon stob der Neiterhaufe, das Tal hinunter und hinein in die goldflimmernde Luft. Stiebender Hufschlag, Staubwolken ... Blitzen blanker Metallteile und dann nichts mehr. — Das Wasserrad rauschte und sang, wie jeden Tag von jeher, solange Brigitte denken konnte. Dunkel und tief erklang die unermüdliche Musik von stürzenden Wassern, mahlenden Steinen und grünmoosigem Radgetriebe; brausend und dunkel und tief wie ein Schicksalslied... „Unser Herrgott sei mit ihnen!" Der Müller sagte es ernst und gedankenschwer, ehe er daranging, das Hoftor zu schließen. „Was Gott tut, bas ist wohlgetan..." betete Brigitte in ihrem Herzen. Aber ihre Lippen zuckten, und sie konnte es nicht mehr hindern, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Lebewohl, Brigitte!" so hatte der Jüngste der Reiter zu ihr gesagt, und er war verwundet und fast wehrlos, und der Feind ritt hündertfach hinter ihnen... „Lebewohl!" sagte auch sie jetzt tonlos mit tränenverschleierten Augen. Brausend und dunkel und tief sangen die Wasser ihr Lied ... Oer Flötenspieler. Von Georg v. d. Gabelentz. Im menschenfernen Teil der Abruzzen klomm ich einst auf einen der kahlen, sonnenzerglühten Berge, zu denen von fern der Riesensaphir des Adriatischen Meeres heraufleuchtet. Beim Rückweg säumte ich lange, und schon sanken lila Schleier auf Gebirge, Land und Tal von Ofena. Ich verfehlte den rechten Pfad und tauchte in die Einsamkeit einer Felsschlucht. Eine Hirtenhütte kauerte unweit eines Quells. Die Tür gähnte dunkel. Ich trat einen Menschen suchend herein. Doch der Raum war leer. Dämmerlicht webte durch ihn hin. In der Ecke waren Schaffelle über eine Schütte von trockenem Gras gebreitet. An den Steinwänden hingen Bündel von Maiskolben und getrockneten Zwiebeln, Kräutern und Tomaten. Auf dem rohen Steinherbe stand in der erkalteten Asche ein Tonkrug. Hinter der wetterzernagten Tür, die müde in den Angeln hing, waren einige Armvoll trockene Reste von Pinien und Steineichen ausgeschüttet. Da ich drinnen niemand fand, der mir den kürzesten Weg hätte zeigen können, trat ich wieder ins Freie. Schon wollte ich weiter, als ich über mir, hinter großen Felsbrocken vor, wo eine Herde Ziegen und Schafe an spärlichem Gras zupfte, eine Flöte hörte, unbeholfene und fast rauhe Töne. Ich rief, da tauchte plötzlich über einem der Blöcke ein menschliches Antlitz auf, und ein von grauem, verscheuertem Schaffell umhüllter Oberkörper schob sich empor. Zottiger, graubrauner Bart umrahmte das dunkel gebrannte Gesicht des Hirten. Wie eine kurze Mähne umflog wirres Haar die Schläfen. Der Kerl starrte mich einen Augenblick mit feindseligem Ausdruck an, beantwortete aber meinen Anruf nicht, sondern duckte sich mit scheuer Bewegung wieder hinter den Felsen. Als ich einige Schritte emporstieg und nach der abenteuerlichen Gestalt suchte, war sie nicht zu finden. Ich konnte mich nicht lange aufhalten, ließ den Wilden laufen und war auch ohne seine Hilfe eine Stunde später drunten in Ofena. Rastend in der Osteria traf ich den Pfarrer des Ortes und fragte nach dem sonderbaren Flötenspieler droben am Berge: Der Priester lachte: „Ach, Sie sind unserem Wilden begegnet? Nun, das ist eine eigene Geschichte mit dem. Ja, Andrea Pascale, den ich heute den Pan von Ofena nennen möchtes war seinerzeit ein wilder, übermütiger Bursche. Niemand, er selbst nicht, kannte seine Herkunft. Ich schwöre Ihnen, er war Heide, sie sagten, ein wenig beschränkt, ich will es zugeben, und bestimmt hatte er den Teufel im Leibe. Es gab keinen Schabernack, den er nicht aus- geftthrt. Am meisten hatte mein Vorgänger, Don Matteo, unter ihm zu leiden. Der tolle Andrea ärgerte den alten Herrn, wo er nur konnte, weil dieser einst ein Mädchen vor seiner Liebe gewarnt hatte. Und als die Betreffende daraufhin gar einen anderen heiratete — sie tat recht daran, denn Andrea war wirklich kein Mann für ein anständiges Mädchen —, da wußte sich der Bursche vor Wut und Rachsucht nicht zu lassen. Bei einer Rauferei fiel er über seinen Nebenbuhler her, stieß ihm das Messer in die Schulter und wurde dafür einige Monate ins Gefängnis gesperrt. Dann tauchte der Bursche wieder auf, um es in Ofena schlimmer als je zu treiben. Die Leute waren manchmal nahe daran, den Unruhestifter mit Gewalt zu verjagen oder totzuschlagen. Eines Tages rührte den armen Don Matteo der Schlag. Ich glaube fast, der Steiger über diesen unverbesserlichen Kerl hatte ihn ins Grab geworfen. Auch als ich herkam, ist schon der zehnte Sommer darüber abgeblüht, mußte ich mich dauernd der Streiche des Gesellen erwehren, der jedem Geistlichen Feind war wie der Wolf dem Lamm. Fragen Sie nur die Mönche im Kloster drüben! Besonders gern spottete dieser Kerl über unseren Heiligen, den heiligen Antonius, der den Tieren predigte. Anzeigen? Ach, die Gerichte fassen leider heute derlei Dinge mit gar zu weichen Händen, was will man da machen.? Es war eines Tages im Hochsommer. Wir hatten lange Dürre gehabt und wollten den Himmel um Wasser bitten, denn im Bach konnte sich kein Frosch mehr satt trinken, und alle Weiden waren zu Stroh verdorrt. Eine Prozession sollte retten. Unter dem Baldachin trugen wir mit Gesang und Gebet den Heiligen um unsere Flur. Die ältesten humpelten mit, der Bischof selbst war dazu heraufgeritten. Andrea Pascale, der Heide, allein fehlte. Natürlich! Er lehnte unter einer alten Pinie, die Hände in den Taschen, und sah uns mit spöttischer Miene nach. Die Andächtigen warfen ihm böse Blicke zu, und wären nicht an dem Tage zwei Karabinieri bei uns gewesen, es wäre ihm übel ergangen. Als wir vom Bittgang heimkehrten, schien der Himmel unsere Gebete erhören zu wollen, denn er umzog sich plötzlich mit dunklen Wolken. Der Spötter stand noch immer unter dem Baum. Er hatte sich eine Flöte geholt und, was glauben Sie wohl, er blies ein Gassenlied, indem er tat, als sehe er uns gar nicht. In diesem Augenblick geschah das Wunderbare. Aus der schwarzblauen Wolke polterte ein Gewitter mit Donner und Blitz. Wir liefen, uns in Sicherheit zu bringen, da fuhr hinter uns ein Blitz krachend in die Pinie und schleuderte den Burschen zu Boden. Andrea Pascale wurde aufgehoben. Man hielt ihn für tot. Aber er erholte sich allmählich, nur die Sprache wollte nicht wiederkehren. Er ist seitdem nur noch imstande zu stammeln wie ein Kind. Damit wir ihn hier loswürden, schickten wir ihn als Hirten hinauf. In Berg und Einsamkeit ist er nun vollends verwildert. Sie haben ihn ja gesehen und werden mir zuaeben, der Name Pau paßt nicht schlecht für diesen Hammelhüter. Was er da droben auf seiner Flöte spielt, was er nun feinen Ziegen und Hammeln predigt, weiß niemand. Aber, hab ich unrecht? Vielleicht ist seine Stümperei heute doch ein Rufen zu dem. der damals den Blitz herabgeschmettert. Eine Weile blickte der Pfarrer schweigend in den Rauch meiner Zigarre. Dann fügte er halblaut hinzu: „Und am Ende findet auch das unbeholfene Stammeln diesens Narren ein Echo dort oben." Der Geistliche verließ mich. Ich trat auf die Pergola heraus, deren Dach von einer Steinsäule rechts und einer rohen Holzfäule links getragen wurde. Grillen zirpten tausendstimmig im Garten. Drüben reckten die Berge ihre Häupter in die Sternennacht. Irgendwo banste dort oben im Dunkel der aus dem Dorfe verjagte Pan. Welch merkwürdiges Zusammentreffen hatte sein Schicksal geformt! Ein Zufall? Wir neunen Begebenheiten so, deren Gesetzmäßigkeit wir nicht zu erkennen vermögen. Das Steinchen selbst, das heute früh droben eine Ziege, eine auf- fliegende Vcrgdohle, ein Windstoß in Bewegung setzte, das vom Steilhang herabspraug und meinen Füßen zufiel, nahm diesen Weg, an Gesetze gebunden, Gesetze der Schwerkraft, des Widerstandes, der Bewegung. Auch der Weg des Blitzes wird von dem Allbeweger bestimmt, der Welten ordnet und dem Sandkorn seinen Platz anweist. Wo man im Gielde wühlt. Ein Besuch in der Freiberger Münze. Von Hanns Lerch. Die Mulde schlägt um die Staatlichen Hüttenwerke „Muldenhütten" bei Freiberg einen halbkreisförmigen Vogen. Schwarz sieht ihr Wasser aus. Den weißen Flockenschaum ans den großen Papierfabriken weiter bergwärts könnte man in der trüben Dämmerung für Eisschollen halten. Links und rechts ragen steil die Hänge des Muldetales und mit Birken bewachsene Halden empor. Schemenhaft spannen sich die großen runden Vogen des Eisenbahnviaduktes der Linie Dresden—Chemnitz von Hang zu Hang. Und wendet man den Blick, so steigen Schornsteine steil zum Himmel, wachsen Industriebauten, Halden, Eisenkonstruktio- nen und Kesselhäuser massig in verschwommenem Licht immer mehr empor. Die ganze Halbinsel, die der Muldenbogen einengt, ist von ihnen bedeckt, eine kleine Arbeitsstadt der glühenden Oefen, der rauchenden Retorten. Hier ist die Schwefelsäurefabrik, dort das Arsenwerk, mitten zwischen ihnen aber liegt die sächsische Münze. Kaum hat sich die Tür zu der Werkstatt des Geldes geschloffen, fällt einem schon ein riesiger und mit den modernsten Mitteln gesicherter Tresor ins Auge, der die kostbaren Barren enthält, die sich weiter hinten in den weiten Räumen voller klappernder, rumorender und stampfender Maschinen in glänzende runde Silberstücke verivandeln sollen. „Wir prägen heute gerade Fünf- markstücke", sagt der Führer so leichthin, als ob das die selbstverständlichste Beschäftigung der Welt sei. „Aber eilen wir", fährt er fort, „dann können Sie gerade noch sehen, wie ein Schmelzofen entleert wird." Der Raum, der sich vor einem öffnet, gemahnt an das Alchi- miftentum ferner Zeiten. Vier Schmelzöfen stehen nebeneinander und sähen, wenn sie nicht aus Mauerwerk bestünden, wie eine Mörserbatterie aus. Einer von ihnen hat seine Aufgabe fast erfüllt, protzig und wichtig strahlt er seine Hitze aus, so wichtig, als wifle er, daß in ihm 150 Kilogramm Silber und die gleiche Menge Kupfer wohlabgewogen zum Schmelzen gebracht wurden. Und für- wahr, er kann sichs leisten, protzenhaft auszusehen. Nicht weniger als 1250 Hitzegrade entwickelt das durch Ventilatoren geschürte Koksfeuer, das wie ein dicker Mantel feinen Graphittiegel umkleidet. Zwei Arbeiter tragen jetzt in laugen Tragzangen einen kleineren etwa 50 Kilogramm fastenden Tiegel herbei: rauchend und bald feurig aufglühend, bald wie Quecksilber hell aufblitzend, fährt aus der stumpfen Schnauze des großen Tiegels ein dicker Strahl des geschmolzenen Metallgemisches in den kleineren. Schon steht eine Art fahrbaren Eisengestelles mit nebeneinanderlregenden Schienen mit je einem Hohlraum da, und die feurig flüssige Glut zischt in die Oeffnungen. Es ist der Viehwagen mit je einer Reihe von 14 Platten und insgesamt 28 Eingüssen. Hier wird die Munz- legierung zu „Zainen" ausgegosten. Das sind 50 Zentimeter lange und 8 Millimeter starke Metallstreisen, die etwa zwei Zentimeter breiter als ein Fünfmarkstück sind. Nach dem Erkalten sehen sie aus wie eins der alten schweren Messinglineale. Doch der Weg vom Silber- und Kupferbarren bis zum Geldstück hat erst begonnen. Mit diesen Metallstreifen geht es auf karrenähnlichen Gefährten in den nächsten Raum, in das Walzwerk. Dort schnurren große Motoren, dort drehen sich die Räber an den Transmissionen und übertragen ihre Kraft auf robu.st aussehende Maschinen mit schweren Stahlwalzen, die die Zaine polternd, dröhnend, malmend und quarrend in dreimaligem Walzgange strecken und pressen. Dann werden die Metall-Leisten zu einem Mammutofen mit Oelfeuerung zurückgebracht und nochmals auf etwa 900 Grad erhitzt. Wenn sie dann den Ofen verlassen, haben sie sich mit einer ganzen Schicht von Kupseroxyd bedeckt. Grau, unscheinbar und eisenfarbig sehen sie dann aus, und niemand, der sie sähe, könnte ihren Wert ahnen. Abermals ein dreimaliger Walzgang, der sie genau auf die Dicke der Fünfmarkstücke zusammendrückt und in die Länge und Breite preßt. Das zweite Erhitzen verhindert das Sprödewerden des Metallgemisches. Aber ein dritter dreimaliger Walzvorgang im Fem- malzwerk richtet die Zaine gleichmäßig dick her, ehe sie zu den Exzenterpressen gelangen, die dort weiter hinten rucken und klappern. Dort schiebt ein Arbeiter die Streifen auf einen eisernen Tisch, eine Stanzform fährt nieder, und unscheinbar aussehende kreisrunde Metallplatten fallen in einen Kasten. Scharf und kantig sind die Ränder der runden flachen Platten. In einem Nebenraum sausen schon die Rändelmaschinen. In einem runden Rohr türmt sich Platte auf Platte, und eine rotierende Scheibe und einseitlich festes Schleifeisen nehmen den Scheiben nicht nur den scharfen „Grad", sondern erhöhen auch die Ränder zu einem winzigen Wulst, dem späteren erhöhten Rand der Münze, das sogenannte „Stäbchen", das das Münzenbild wie em Rahmen umgibt und der tieferliegenden Prägung als Schutz gegen das Abgeqrifsenwerden dient. Die Platten werden hier außerdem zum erstenmal sortiert und fehlerhafte Stücke entfernt. In diesem Zustande werden die künftigen Geldstücke zum drittenmal in dem großen Oelofen geglüht, darauf von den Oxydschichten gereinigt. Das geschieht in großen schräastehenden und rotierenden Kupferbecken von stumpfer Kegelsorm, die aus einem Stück getrieben sind. Ein komplizierter chemischer Vorgang spielt sich hier ab. Wasier wird zunächst auf die heißen Metallicheiben gegossen, das zischend in einer weißen Dampfwolke aufste,gt. Verdünnte Schwefelsäure folgt, um das Kupseroxydhäutchen tn lösliches blaues Kupfersulfat zu verwandeln. Um aber auch das Kupferoxydul, eine unlösliche Kupsersauerstofsverbindung zu entfernen, gibt man noch eine dunkelrote Lösung übermangansauren Kalis hinzu. Die Plättchen verfärben sich ins Weißliche und sehen fast wie Porzellanscheiben aus, und aus der roten Lösung ist beim Abgietzen auf einmal eine tiefblaue Flüssigkeit geworden. Aber erst, wenn die künftigen Münzen mit Wasier genügend nach- gespült sind, werden sie in länglichen geschloffenen Kupfergefaßen getrommelt". So erhalten sie ihren Metallglanz und wandern auf geheizte Metallbleche zum Trocknen. Dann erst geht es zum Prägesaal. 15 Prägemaschinen sind in der Freiberger Münze Während nun bei anderen Geldsorten die Randornamente oder die Randbeschriftuna bereits die Rändelmaschinen, bie beim Funf- niarksttick nur die Wulste entstehen lasten, besorgen, übernimmt die Riffelung des Randes hier die Prägemaschine. Em Arbeiter steht vor ihr und füllt die Metallplatten m eine Art Rohr. Mechanisch werden sie unter den Prägestempel geschoben, verschwinden in einer kreisrunden Vertiefung, der obere Prägestempel senkt sich, und das Fünfmarkstück fällt blitzend neu und silbern aufklingend, in einen Behälter. Vorder- und Ruckbttd und ^'ffelung entstehen in einem Arbeitsgange, und der Stempel sieht aus wie der kleine Apparat, mit dem der Eisenbahnbeamte am Schalter Nummer und Datum in die Fahrkarten prägt, natürlich ms Große und Riesenhafte übersetzt. 50 Fünfmarkstucke in einer Minute stellt eine solche Prägemaschine her. Bei Dreimarkstticken sind es etwa 60 und bei den kleineren Geldsorten bis zu 115 Lttrck. Weiter hinten auf einem Transportband „wühlt man im ®e!ö". Dort wird nochmals jedes einzelne Stuck aus etwaige Fehler nachgeprüft. Dann endlich sind die Münzen so wett, um in den Sortiermaschinen, sinnreichen Einrichtungen mit automatisch funktionierenden Waagen, nochmals aus das rechte ®e= "'Mn Fünfmarkstück mutz 25 Gramm wiegen, unö es ist nur der Spielraum von fünf Tausendstel Gramm .^eber- oder Untergewicht gestattet. Die Sortiermaschinen arbeiten verblüffend. ,,st die Grenze nach oben ober unten überschritten, fallen die Geldstücke in bie entsprechenden Schlitze, und nur bie mit „gutem Gewicht" gelangen in den Verkehr. Dann stehen sie da zu tausend Stück, in kleine Säcke gefüllt, und der Weg in bie wette Welt a rrf 'sorgfältig geht man mit dem um, was übrig bleibt. Fehlerhafte ober nicht dem Gewicht entsprechende Stucke, die Metallstreifen mit den Stanzlöchern werden ebenso wie die kleinsten Abfälle wieder eingeschmolzen, und kein Deut der kostbaren Metalle geht in dem umständlichen Herstellungsprozetz verloren. Etwas ganz besonderes ist die Herstellung der Prägestempel. Die Sächsische Münze darf sich rühmen, in Meister Hörnlein einen Münzgraveur zu besitzen, der feine Entwürfe unmittelbar tn den weichen Stempelstahl schneidet. Dieser schätzenswerte und bekannte Künstler hat seinesgleichen fast nicht in Europa. Sonst ist der Gang vom Entwurf zum Prägestock doch der, baß erst ein Wachs-- modell, dann ein Gips- und schließlich ein Eisenmodell geschaffen wird, das eine sinnreiche Reduziermaschine auf das geforderte Maß der Münze überträgt. Die Stempel für die üblichen Reichsmünzen jedoch werde« ebenso wie die erforderlichen Metalle der Sächsischen Münze von Berlin überwiefen. Aber der Originalstock darf nicht verwendet werden. Von ihm wird in riesigen Spindelpressen zunächst ein Positiv und dann in peinlich schwerer Arbeit ein negativer Prägstock hergestellt, der ursprünglich aus weichem Stahl besteht, dann edoch erhitzt und in sprudelndem Wasser rasch abgekühlt, also gehärtet wird. Während die Prägemaschinen bei ihrer Arbeitsleistung einen Druck von 100 000 Kilogramm ausüben, gelangen die riesigen Spindelpressen auf 160 000 bis 275 000 Kilogramm Druck. Mit ihnen werden in der Münze Medaillen hergestellt, zum Teil Kunstwerke mit erhabener Prägung. In diesem besonderen Arbeitszweig leistet die Freiberger Münze Vorbildliches. Ihre Entwicklung steuert immer mehr auf diese Arbeitsrichtung zu, weil die Geldprägung im Reiche reglementiert ist. Die Berliner Münze prägt 54 Prozent, die Münchner 14, die Stuttgarter 10 und bie Hamburger 8 Prozent bes gesamten Hartgeldes. Erst dann kommt die Sächsische Münze, wenig entsprechend der Bevölkerungszahl und der geographischen Größe des Freistaates, mit 7,45 Prozent vor Karlsruhe mit 6,1 Prozent. Es ist also wenig verwunderlich, wenn man das Freiberger Münzzeichen E verhältnismäßig selten vorfindet. Während in früheren Zeiten in Muldenhütten auch sämtliche sächsische Orden- und Ehrenzeichen hergestellt wurden, werden Aufträge dieser Art heute nur noch vom Wirtschaftsministerium vergeben, das hier die Medaillen für Verdienste in der Pferde-, Rinder- und Schweinezucht, kurz landwirtschaftliche Auszeichnungen, Herstellen läßt. Darüber hinaus fertigte die Münze in den letzten Jahren die Pestalozzi-Medaille, die Beethoven-Medaille, bie Medaille zum Gedenken an den 80. Geburtstag unseres Reichspräsidenten von Hindenburg, die zum Gedenken des 150.Geburtstages Turnvater Jahns und als Meisterstück seiner Art bie Dürer-Mebaille an. Auch die Dresdner Bogenschützen- gilde läßt ihre sämtlichen Medaillen hier Herstellen. Ein Stück Weltgeschichte ersteht vor einem, wenn man vor den langen Schaukästen im Direktionszimmer steht und die lange Reihe der hier geprägten Geldstücke betrachtet. Da Ii e» schon und, was einem gefehlt hatte, Geld, viel Geld dazu. Dte I uicht sinnvoller sei, Genug! zu sagen als tmmerfort. Mehr! Frau war der verkörperte Frohsinn. Der Junge hatte einen Hellen Mehr!? Ob Gott nicht gerade von jenen Menschen, mit welchen Kopf. Krankheit blieb fern. Was konnte Gust hindern, immer wie- er e§ qut meint, die Bewährung erwarte, daß ste selber sich da» dcr auszurufen- Uns geiht dat qaud!" I Ziel setzen? Ja, so war es: Der Prüfstein für Gust hieß, nicht Es klang manchmal zu laut! Wie bas Horn des Postillons, der das naturgegebene, schicksalbestimmte Lebensziel 6tnau», morgens der ganzen Stadt zutrompetete: „Ich fahr ab! und sondern davorbleiben! Lieber einige Schritte, ja, wenn sein Lauf abends: „Ich bin wieder da!" Jawohl, sie sollten es wissen und nicf)t anders rechtzeitig anzuhalten war, viele Meter davor blei- hören: „Uns geiht dat qaud!" Denn sie hatten sich alle dagegen ge- 6en als es auch nur um einen Fuß breit uberrasen. Denn da» stemmt, daß er nach oben kam. Aus eigener Kraft, gegen ihren ronI hie Mannessünde, welche nicht vergeben werden kann, der Willen hatte er es geschafft. Wer konnte ihn zwingen, was ihn Erbfrevel, welcher den unaufhaltsamen Sturz in den Avgruno nötigen, zu schweigen? Niemand. Nichts. I zur Folge haben mutzte: Seine Grenze überlchreiten. Uns, wißt ihr es, hört ihr es alle, ihr eingebildeten Bewohner Eines Abends in der Dämmerung, als er ihr Gesicht nicht der Hohen Straße? — uns, mir, dem Barackenjungen und meiner fe6en konnte, sprach Rikelchen von ihrer geheimen Lebenssorge. Frau, die nichts in die Stadt mitgebracht hat, als was sie auf dem I Gust wollte das grelle Gaslicht anzünden, welches er trotz des Leibe trug, „uns geiht dat gaud!" Einspruchs seiner Fra» aus dem Laden in bre Wohnung hatte 1 hinaufleiten lassen. „Nicht!" bat sie ihn. Gegen seine Gewohnheit erfüllte er ihre Bitte. „Also, meinetwegen noch eine Viertelstunde im Schummer sitzen! Das Gasgeld, obgleich wir es nicht nötig haben, sparen!" und ließ sich in den Stuhl am Fenster fallen, wo weniqstens er von der Straßenlaterne beschienen wurde, wah- reud seine Frau am andern Fenster im Dunkeln saß und mehr und mehr darin versank. , _ o , „Ja!" fuhr Gust herum, als Rikelchen ihren Herzen»glauben. „Genug! Mehr als genug!" bekannt hatte, „ja, soll der Mensch denn stehenbleiben, wo er steht? Dann gibt es auf der Welt bis zum Jüngsten.Tag nicht den allergeringsten Fortschritt. Und so was sagt eine gescheite Frau im Zeitalter der Entwicklung! Stehenbleiben — zum Lachen!" . „Wie kannst du nur so daneben Horen! fuhr Rikelchen tapfer fort. „Bist du etwa stehengeblieben? Wohnst du noch, wie dein Vater und deine Mutter, in den Baracken? Oder unten in der Nofstube, die Tag und Nacht unser einziger Unterkunftsraum war? Nicht einmal nebenan in der Altjungfernwohnung mutzt