Gießener HamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang . Freitag, den 9. März Nummer^ und ÖOB es schiefgehen würde. Als Willi mit Ach und Krach dreimal herumgekommen war und die Furche hinuntersah, bekam er es selber mit der Angst zu tun. Das war nicht mehr Vater Bem- michs gerade Pflugschnur, sondern es sah aus, als hatte man den Weg, den ein Betrunkener im Zickzack zurückgelegt, nachgezelchnet. Da der Bauer aber immer noch nicht zu sehen war, pflügte Willi weiter. Er hoffte nämlich, die Furche wieder gerade zu bekommen. Sie bekam aber nur mehr Buckel. Am liebsten wäre er jetzt einfach davongelaufen, aber er mußte doch auf die Pferde achten. Sie rührten sich nun nicht vom Fleck, und Willi unternahm nichts, sie anzutreiben. Die Peitsche knallte nur noch ganz schwach und höchst unlustig, so daß die Pferde nur die Kopse schüttelten. Das Handpferd fing plötzlich zu wiehern an; es hatte den Bauern bemerkt. Ein triumphierendes Wiehern war das, als wollte das Pferd zum Ausdruck bringen: „Nun wirst du was erleben! Der Bauer kommt!" _ _ t Nichtsahnend stieg der Bauer vom Rad, sprang uber den Graben und sah ... Sah ... Da weinte Willi plötzlich los, als hätte er die Prügel schon bekommen. „Na warte!" sagte der Bauer. „Na warte!" Mehr konnte er nicht über die Lippen bringen, so erstarrt war er iw ersten Augenblick. Aber dann stürzte er auf Willi los. Doch Willi wartete nicht, bis der Vater bei ihm war, er lief davon, wie ein Jagdhund nach einem Aafen, war im Nu auf der Chaussee, schwang sich auf das Rod und raste in das Dorf zurück... Bemmich kam noch dreimal herum, dann schmiß er den Pflug hin und spannte die Pferde aus. Heute war rede weitere Muhe vergebens. Es war zu spät. Dumm, daß morgen Sonntag war. Und dann noch Kirmes. Aus dem Dorf und von drüben aus Kunnersbach würden sie hier vorbeispazieren und die krumme ^"^Wem gehört denn das Stück hier?" hörte er sie im Geist schon fragen. Und ein leises Gekicher klang in feinem Ohr: „Dem Bemmich Max! Der ist wohl hinter dem Pflug elugeschlafen. Da nahm sich der Bauer vor, seinem Sprößling zum Abendbrot eine anständige Tracht Prügel zu verabreichen. Als er dann die Pferde im Stall besorgt hatte und in die Stube trat, wo auf dem Tisch schon die Snppe dampfte, sah er sich immer wieder ungeduldig nach Willi um, doch der war nicht zu erblicken. ,Wo steckt denn der Bengel?" fragte er stirnrunzelnd, wahrend er mit dem Löffel in der Suppe rührte. „Ach, er kam ganz blaß nach Hause und sagte, ihm wäre nicht nut. Und wie ich nach dem Melken aus dem Kuhstall komme, liegt er schon im Bett. Da muß ihm wirklich nicht gut sein,.erwiderte die Bäuerin. „Ich werde ihm einen Tee kochen, vielleicht hat et ,Kt’ Laß "mal den Tee!" meinte der Mann, „der Junge hat nur Augst. Er hat mir heute die Pflugfurche versaut. Erne Schande *’1 Heftig" kmrte"er§ das Brot. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Frau. Sie kannte ihren Mann. Die krumme Furche ging ihm nicht aus dem Sinn. Davon würde er heute noch träumen. Vielleicht ging im Traum der liebe Gott über seinen Acker und sagte mit erhobenem Zeigefinger zu Bemmich: "Bauer, Rauer, die krumme Furche hättest du mir zum Sonntag nicht laßen 'Ol"n8 hätte der Bauer wirklich ähnliche Gedanken, sagte er plötzlich: „Nun kann ich morgen die Gäule anspannen und den L>chand- ,IdÄsEt' fuhr die Bäuerin erschreckt auf. Morgen, zur Kirmes Das gibt es nicht! Was sollen die Leute denkens Wir sind doch nicht in der Ernte. Nein, nein, der Sonntag ist ein Feiertag! Meinst du, nun läuft das ganze Dorf hinaus und hat seinen Spaß an der krummen Furche? Die haben morgen einen besseren Spaß. Und außerdem — die Seidewitzer Kirmes ist seit secg» Fahren noch jedesmal verregnet. Da sitzen sie im Saale. . Meinst du?" schöpfte der Bauer plötzlich Hoffnung, üie meinte es sehr überzeugt Als er nachher an Willis Bett trat, war diele Hoffnung noch"n ihm lebendig. Er beugte sichüber den Jungen, der auffallend laut schnarchte. Dem Vater schien es, als hatte Willi einmal mit den Augen gezwinkert. Lausbub! dachte der Bauer, eine Weile stand er noch unschlüssig neben dem Bett' dann aina er leiser, wie er gekommen, in seine Kammer binnber. Als die Tür ins Schloß fiel - es gab nur ein kleines schnappendes Geräusch —, streckte Willi plötzlich seine Beine wie zwei Fahnen "" Dock7e?hatt^ssih"zu früh gefreut. Als er am Sonntagmorgen, schüchtern zwar, doch voll Vertrauen, sich dem Vater näherte, ergriff ibn der ganz unerwartet und legte ihn über das Knw ... Balder Frühling. Von Johann Georg Fischer. Springt der Bube das Dorf hinaus: „Vater, es ist schon Frühling draus, Zum Schmetterlingsfang die beste Zeit." Ist zwar kein Frühling noch weit und breit, Fing kaum der Staub des Märzen an; Doch die Jugend will ihren Willen Han. — Wie, wenn ich nach dem Jungen ging, Zu schauen, was er im Garne fing? Freute mich ja so ein Falter selber, So ein roter oder zitronengelber! Richtig! da flattert's schon; — doch rote! — Sah ich doch all mein Leben nie Einen so artlichen Schmetterling: Ein milchjung, geschlacht und huschig Ding, So scheu halb und so flüchtig noch, So dreist halb und fürroitzig doch, Minder im Fluge, mehr im Laus, Ein herziger Kindskopf obenauf, Schroarzaugen, so funkelnd und feuernd schon, Zöpfe, so lang als die ganze Person, Eine rote Masche als Halsgeschmeid, Statt der Flügel ein fliegend Kleid, Und ein lustiges Kreuzband zum Beschluß Kurzweilig zeichnet den muntern Fuß. Ein Extra-Märzcnvogel der! Mein luftiger Aergster hinterher. Das Schmetterlingsgarn verächtlich weggeschmtsfen. Ja, nun, nun freilich muß Frühling fein, Er blüht mir ja selber znm Haus herein; — Was doch die Jungen alles besser wissen! Krumme Furchen. Eine Geschichte von K. R. N e u b e r t. Ilm 4 Ubr lief die Sirene der Ziegelei, die zwanzig Minuten JUtÄffw mach,-» di- A-d-ii« se.e«6en», schwangen sich auf ihre Nader und fuhren nach Haufe. Der Bauer Remmifch aber, der drüben seinen Acker pflügte, dachte noch nicht an Feierabend. Als die Sirene über das Land blies, machte er beim Wenden an der Anwand nur eine Pause, um enwn Schluck aus seiner Kaffeeflasche zu nehmen und sich n Skuck Brot m Öen Mund zu schieben. Dann hatte er schon wieder ^e euernin Viluaarisse in den Händen und rief den Pferden ein Huh zu. D°«« s s " «SMS s war Willi, des Bauern Jüngster. „Was gibt s? riet iym ÄS» P —iW "* “ Di. b-I>- R'w'ich nm Äfte ÄS ss auf die Chaussee. * Willi begann »»nächst eine Unterhaltung^mit^dem^Sattelpferd, dann, als er dem Wallach etgentüd) ) - , Schließlich hob er kleine Steinchen auf und 'varf sie m die^^un. erlahmte sein Arm, wohl auch sein B» » , . 6te eine sich. Plötzlich trat er an den Pflug, nahm ote ^etnt SS-äSs-ä» »uie ä So legemt 6er Kirmessonntag. Die Hoffnung auf Regen hatte i sich nämlich als trügerisch erwiesen. Kein Wölkchen am Himmel I ließ die Vermutung zu, daß die Seiöewcher Kirmes zum siebenten Male verregnen-würde. t Und obwohl die Bäuerin ein über das andere Mal dre Hande zusammenschlug und über sein lästerliches Beginnen jammerte, holte der Bauer nachher die beiden Pferde aus dem Stall und spannte sie vor den Kastenwagen. Zu einer Zeit, als die anderen Bauern ihre Pferde höchstens vor den Kutschwagen spannten, um in bas nächste Kirchdorf zum Gottesdienst zu fahren. Aber Bemmich ließ die krumme Furche keine Ruhe. Mit verbissenem Gesicht lenkte er den polternden Kastenwagen durch das Dorf. Vor ihm fuhr der Schulze mit Frau und Tochter in der funkelnagelneuen Kalesche zur Kirche. Sie drehten sich nach ihm um. Er grüßte mürrisch. Dann bog er in den Weg links ab. Jetzt ließ er die Gäule laufen. Knallte mit der Peitsche. Plötzlich freute er sich über den schönen Morgen. Und als er mit den Pferden auf den Acker trat, schimpfte er nicht mehr über die krumme Furche, die er da erblickte, er lachte. Das war ja ein schöner Gottesdienst, dem er heute oblag! Ob der Herrgott ihm grollen würde? Nein, dann hatte er nicht Liesen wolkenlosen Himmel über ihn gespannt. Die krumme Furche mußte den Herrgott doch selber stören, wenn er durch das ^immelsfenster auf die Erde blickte, akkurat auf Bemmichs Acker. Vom Kirchdorf klangen die Glocken herüber, und Bemmich pflügte. Da hielt er einen Augenblick an, nahm die Mütze ab und faltete die Hände über dem Pflug. Dann pflügte er weiter, bis die Furche gerade war wie eine straff gespannte Schnur. Jetzt erst zündete er sich seine Sonntagspfeife an. Jetzt mochte Kirmes sein. Zufrieden kehrte er in den Hof zurück, schüttete den Pferden doppelt Futter, drehte seine Frau lachend ein paarmal im Kreise herum, bis sie schwindlig in seinem Arm lag, und dem Willi gab er fünf Groschen zur Kirmes. Ern paar Handschuhe. Von Vera C r a e n e r. Natürlich kommt Stephan erst wieder im letzten Augenblick aus dem Labor fort und zwei Minuten vor Abgang des Zuges auf die Bahn. „Elende Hetzerei!" schimpft er und stürzt suchend die Wagenreihe entlang. Er springt zur Seite, weil ein Gepäckkarren ihn zu überfahren droht, gerät in Versuchung, schnell noch sämtliche Ueberschriften der ausgebotenen Zeitungen zu studieren, und entdeckt schließlich Irene, deren bunter Schal stgnalisirend zu einem Abteilfenster hinausweht. Sie hat ihm den kleinen braunen Koffer an die Bahn gebracht, den er heute morgen mit schöner Selbstverständlichkeit zu Hause vergeßen hatte und einen angenehmen Eckplatz in einem scheinbar leeren Kupee belegt. „Sicher kannst du es dir hier bequem machen und vielleicht sogar ein bißchen schlafen", sagt sie und verstaut eine Kakes- schachtel oben im Gepäcknetz. „Möglich", nickt Stephan und sieht auf die große Vahnhofs- uhr. Es sind nur noch wenige Sekunden bis zur Abfahrt, und es ist höchste Zeit, daß Irene aussteigt. „Also Freitag bin ich spätestens wieder zurück", sagt er und versucht vergeblich, sich zu besinnen, was er ihr noch hatte sagen wollen. Da war doch irgend etwas gewesen — langsam rollt der Zug an, und mit kleinen, hüpfenden Schritten läuft Irene nebenher. „Wieder Savoy?" fragt sie zum Fenster hinauf, und Stephan nickt zerstreut. Natürlich Savoy, er hat noch nie wo anders gewohnt, wenn er in Frankfurt gewesen ist, und es ist eine gänzlich überflüssige Frage. Dagegen ist es wichtig zu wissen, daß Petersen von seiner Abreise verständigt werden muß — aber als er ihr das sagen will, ist bereits der letzte Wagen aus der Halle hinaus, und die kleine Frau Irene keineswegs wahrnehmbar in der Menge der Abschiedwinkenden. Mit einem ärgerlichen Ruck zieht er das Fenster in die Höhe und gewahrt, sich umdrehend, daß inzwischen noch ein Platz in „seinem" Abteil belegt worden ist. Ein gelber Damenulster und eine bunte Neisedecke sind scheinbar eilig niedergelegt worden, und draußen im Gang wartet ein schwarzer Lackkoffer darauf, hineingenommen zu werden. Die Besitzerin der Sachen ist allerdings nirgends zu entdecken. „Sie wird schon kommen", denkt Stephan und widmet sich der Lektüre seiner Zeitschriften. Als er mit spöttischem Behagen dem Irrtum eines Fachkollegen auf die Spur gekommen ist und heftig Notizen an den Rand des Artikels kritzelt, erscheint die Dame. Mit geschicktem Griff, und ehe noch Stephan Zeit gehabt hätte, seine Hilfe anzubieten, hebt sie den Koffer ins Netz, ordnet die Decke und ein kleines buntes Kiffen und macht es sich lesend in ihrer Ecke bequem. Nur selten einmal blickt sie hoch von ihrem Buch, und Stephan wird keineswegs gestört in seiner Arbeit. Allerdings geschiebt es, daß er zwischen den höchst anfechtbaren Ausführungen des Kollegen hin und wieder zu ihr hinübersieht und nicht umhin kann, ein junges, anmutiges Gesicht zu bemerken und rotblonde Locken unter einer kleinen, verwegenen Kappe. Stephan weiß nicht recht, ob eine Kappe vorne gesteckt oder seitlich gerafft sein muß, aber diese hier dünkt ihm ein kleines Meisterwerk der Zunft und wert, wieder und wieder betrachtet zu werden. Hinter Halle wird mit Rücksicht auf die Dame bas Licht ausgemacht. und dann spielt in Stephans Träumen die kleine, verwegene stappe eine nicht ganz unbedeutende Nolle. Es ist 6er Schaffner, 6er ihn weckt. „In zehn Minuten sind wir in Frankfurt", sagt er, und erschreckt fährt Stephan in die Höhe. Der Platz gegenüber ist leer und von einer gewissen Kappe keine Spur. Nur die Decke liegt, sorgfältig zusammengefaltet, ans dem Polster, und der hcrunter- geholte Koffer läßt darauf schließen, daß die Dame ebenfalls in Frankfurt auszusteigen beabsichtigt. Stephan beeilt sich nach Kräften. und ist auch glücklich mit allem fertig, als der Zug in die Halle des großen Hauptbahnhofs einfährt. Ein Gepäckträger erscheint, der sich der Sachen der Dame bemächtigt, und Stephan greift zu seinem kleinen, braunen Köfferchen. Er hatte doch wohl, nur dieses eine Gepäckstück, wie? Sorgfältig sieht er sich jetzt noch einmal in dem jetzt leeren Abteil um. — „Ich wollte, du würdest nicht auf jeder Reise etwas verlieren", sagt Irene immer — und entdeckt auf -dem gegenüberliegenden Sitz ein Paar Handschuhe. Ein Paar dunkelbraune, lederne Damenhandschuhe, die augenscheinlich da vergessen worden sind. Einen Augenblick lang betrachtet er sie erstaunt — nie hätte er geglaubt, daß es eine so kleine Nummer überhaupt gibt — und nimmt sie dann schnell an sich. Er wird sie der Dame wieder zustellen, jawohl, er wird sie schon zu finden wiffen. Mit großen Sätzen stürzt er den Bahnsteig entlang, rennt ein kleines Gebirge von Handtaschen und ihm höchst überflüssig erscheinenden Hutkoffern über den Haufen und erreicht den Ausgang grade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die Dame in einer Taxe davonfährt. Rasch entschlossen führt er hinterdrein und landet wenig später vor einem großen Hotel. Es ist nicht das Savoy, nein, es ist eleganter und vermutlich auch teurer, aber Stephan sieht nicht ein, warum er es nicht auch einmal hier versuchen soll. Schließlich bleibt er ja höchstens zwei Tage, und das kann doch nicht alle Welt kosten. Er bekommt ein wunderschönes Zimmer im zweiten Stock und mit der Aussicht auf den Hotelgarten. Da sind jetzt zwar nur strohbcdeckte Beete und vermummte Bäume zu sehen, aber es ist schon beruhigend, nicht dem Lärm klingelnder Straßenbahnen ausgesetzt zu sein. Das ist ein Zimmer, in dem man eventuell sogar arbeiten kann — Stephan versucht es, wird aber sehr bald abgelenkt. Auf dem Tisch liegen nämlich die Handschuhe und warten darauf, ihrer Besitzerin zugestellt zu werden. Behutsam streicht er über das weiche Leder und spürt beglückt den schwachen Duft der ihnen anhaftet. Dann steckt er sie in die Tasche seines Ucberziehers und marschiert hinunter in die Halle, um sich nach der Dame zu erkundigen. „Sic ist soeben fortgegangen", berichtet der Portier und fügt hinzu, daß sie vermutlich erst gegen Abend zurückkommcn wird. „So, so", nickt Stephan und schickt sich an, ebenfalls fortzugehen. Er muß nach Höchst hinaussahren, dort eine Menge erledigen und hat überhaupt sehr viel mehr zu tun, als nachlässigen jungen Damen ihr Eigentum hinterherzutragen. Bohr heißt sie übrigens, Susanne Bohr, und wohnt auf Zimmer Nr. 83. Gleichfalls im zweiten Stock. „Danke", sagt Stephan und entfernt sich leise pfeifend. Er erledigt seine Angelegenheiten zur Zufriedenheit, spricht alle Leute, die er hatte sprechen wollen, und könnte sehr gut schon am gleichen Abend wieder abreisen. Schiebt es aber auf und findet sich gegen 19 Uhr im Hotel ein. „Fräulein Bohr schon da?" fragt er mit der Miene angestrengtester Gleichgültigkeit und scheint nur mäßig enttäuscht, als er hört, daß sie seit heute morgen noch nicht wieder zurückgekommcn sei. „Dann werde ich eben warten", denkte er, „der Abend ist ja noch lang." Er wartet drei Stunden. In seinem hübschen Zimmer, in dem er so gut arbeiten könnte, wenn er nur die nötige Ruhe dazu anfbrächte. Leider aber kann er sich absolut nicht konzentrieren und memoriert immer wieder die wenigen Worte, mit denen er sich bei der jungen Dame einführen will und ihr die Handschuhe zurückgeben. Die liegen, schmal und zierlich, jetzt wieder auf dem Schreibtisch, und es ist unmöglich, in ihrer Gegenwart auch nur eine vernünftige Zeile in die Feder zu bekommen. Ein wichtiges Referat wartet darauf, vollendet zu werden, aber sein Antor ist mit ganz andern Dingen beschäftigt. Mit Dingen nämlich, die mit wissenschaftlicher Arbeit nicht das mindeste zu tun haben und eines ernsten, jungen Gelehrten vom Range Stephans eigentlich unwürdig sind. Als es 22 Uhr ist und das Fräulein Bohr immer noch nicht zu-rück, entschließt er sich endlich, zum Essen zu gehen. Es ist ein ziemlich trübseliges Mahl, das er einnimmt, und auch der Rest des Abends nicht eben erheiternd. Am nächsten Morgen steht er früher auf als gewöhnlich und etabliert sich mit ein paar Morgenzeitungen in der Hotelhalle. Hier wenigstens kann ihm die Dame nicht entgehen, und es ist gar keine Frage, daß er hier am ehesten Gelegenheit haben wird, ihr die Ansreißer wieder zuzustellen. Sie ruhen, sorgfältig zusammengefaltet in seiner Tasche und verströmen noch immer einen zarten Duft. Stephan widmet sich den Zeitungen nicht mit gewohnter Hingabe und wartet ungeduldig auf eine gewisse kleine Kappe ans rotbraunen Locken. Die kommt aber nicht, und in einiger Verlegenheit winkt er sich schließlich einen Pagen heran. „Ist die Dame von Zimmer Nr. 83 schon auf?" fragt er und versucht, möglichst unbefangen auszuseben. „Die Dame tft abgereist", gibt der Junge Auskunft. „Abgereist? Wann?" „Heute morgen. Mit dem Frühzug nach Basel", fügt er hinzu, „ich babe selbst ihr Gepäck besorgt." „Basel?" denkt Stephan und starrt blicklos aus seine Uhr. Heute morgen?" Es dauert eine ganze Zeit, bis er sich gesammelt hat. Da hat er ja völlig nutzlos hier berumgelessen und umsonst einen kostbaren Arbeitstag geopfert. Aergerlich greift er in die Tasche und zieht die unschuldige Ursache dieses Aufenthaltes heraus. Was soll er jetzt damit ansangen? Nachschicken kann er sie nicht, denn die Dame hat keine Adresse hinterlassen, und sie hier abzugeben, hat ebensowenig Sinn. Also wird er sie mitnehmen als Erinnerung an dieses unvollendete Abenteuer. Er wirft sie in seinen kleinen braunen Koffer, wo sie zwischen Aktenstücken, Rasierzeug und bunten Socken verschwinden und erst wieder in Berlin zum Vorschein kommen. Als nämlich Irene sie beim Auspacken findet —! Stephan spürt ein törichtes Herzklopfen und versucht eine einigermaßen glaubwürdige Erklärung für ihr Vorhandensein zu ^^^„Was hast du bloß wieder mit meinen Handschuhen angestellt?" fragt mitten in seine angestrengten Ueberlegungcn hinein die kleine Frau Irene. „Ich habe schon geglaubt, daß ich sie neulich auf der Bahn verloren hätte, und dabei reist du seelenvergnügt mit ihnen in der Welt herum..." Oie Antike als Erzieher. Das Hcldeuzeitalter der Grieche». Von Dr. Wilhelm Gemperle. Alfred Rosenberg hat kürzlich in seinem großen Vortrag Der Kampf um die Weltanschauung" darauf hingewiesen, „daß 'wir in unseren Herzen heute eine Wiedergeburt der Antike tn einem ganz anderen und viel tieferen Sinne als früher erleben und daß wir nach dem vielfachen Wandel des Bildes vom Griechentum in unserer Seele wieder die echten und uns verwandten müqc cifcnticn Unsere deutschen Klassiker von W i n ck e l m a n n bis G o e t h e verehrten im Griechentum die Offenbarung der wahren Natur des Menschen in einer einmaligen, nie wiederkehrenden Geschichtsepoche,- sie sahen in den Hellenen die Schöpfer unvergänglicher Schönheitswerte, aus denen eine unvergleichliche Harmonie der Seele und des Körpers sprach. Daß die Griechen Menschen waren mit ihrem Widerspruch, Menschen, die kämpften, litten und irrten wie wir, das haben dann die Romantiker betont, vor allem Friedrich S ch l e g c l, und die tragische Zerrissenheck dieses Elitevolkes ist von Jakob Vurckhardt und Nietzsche wohl zu duster gemalt worden. Die moderne Altertumswissenschaft trat in ihrer Forschung der Antike möglichst unvoreingenommen gegenüber und förderte ein neues ungeheures Material für ihre^Beurteilung zutage, ohne es jedoch recht auszunutzen. Nun aber scheint die Zeck gekommen zu sein, um den Ewigkeitswert der Antike von neuem zu prüfen, um aufzuzeigen, was die Griechen f u r u n » bedeuten. Tiefe ebenso großartige wie schwierige Aufgabe unternimmt der Vertreter der klassischen Philologie an der Universität Berckn, Werner Jaeger, in einem hochbedeutsamen Werk „Paidem. Die Formung des griechischen Menschen", dessen erster dand vor kurzem erschienen ist. Das Buch stellt sich die bis heute noch nicht in Anariss genommene Aufgabe, die Selbstsormung des griechischen Menschen'zumGegenstand einer neuen Gesamtbetrachtung des Griechentums zu machen, und es deutet das griechische ^nschen- bild wie es sich in Gesellschaft und Staat, Literatur und Phllv- soph'ie von Stufe zu Stufe aufbaut, als den höchsten Ausdruck jenes einzigartigen erzieherischen Schöpfergeistes, von dem die unueraänaliche Wirkung der Griechen auf die Jahrtausende aus- strahlt. Diese gewaltige Kulturleistung wird aber nicht erst im 5. Jahrhundert vollbracht, das man bisher a^ das eigentlich kl s- siicbe ansah das aber schon die Keime des Verfalls IN sich tragt. Der Aufbau der griechischen Bildung vollzieht sich in den vorangehenden Jahrhunderten, in denen der heroische und politische ^^^aller^ErwBckrunq des geschichtlichen Horizontes die die SZ-WSS Ws» ÄÄ - ÄtiÄ Ä -» * Ä-wSfe hafte Geistesvcrbundenheit zur Voraussetzung hat. Nur NSsSWU ihrer Entwicklung die Griechen neiftine Gesamt- irsssÄäte regt, muß nach tieferer historischer Nokwrnblgfelj zugleich mit dem Verlangen zu den Quellen des eigenen Volkstums der Trieb erwachen, zu den tiefen Schichten historischen Seins hinabzudringen, wo der artverwandte Geist des griechischen Volkes sich aus glühendem Leben die Form bildet, die diese Glut auf den heutigen Tag bewahrt und den schöpferischen Augenblick des Durchbruchs verewigt." Die Griechen haben den Menschen „als Idee" entdeckt, als allgemeingültiges und verpflichtendes Bild der Gattung, und die Erziehung zu dieser wahren Form, dem eigentlichen Mcnschsein, wird in unermüdlichem Ringen erstrebt mit einer Leidenschaft und Innerlichkeit, die nirgendwo sonst erreicht worden ist. Und zwar ist es der mütterliche Boden der Volksgemeinschaft, der dem einzelnen diese allgemeingültige Prägung verleiht, der ihn zum echten, zum politischen Menschen macht. Durch Heldentum zum Staat — das ist der Weg, den d.ie griechische Erziehung schreitet. „Die größten Werke des Griechentums", sagt der Verfasser, „sind Monumente einer Staatsgesinnung von einzigartiger Großartigkeit, deren Ringen sich in einer lückenlosen Reihe durch alle Stufen der Entwicklung entfaltet vom Heroentum der Gedichte Homers bis zu Platos autoritärem Staat der Herrscherlichen Wissenden, in dem Individuum und soziale Gemeinschaft auf dem Boden der Philosophie ihren letzten Kampf aussechten." Bei Homer findet sich die Hochgemutheit oder Grotzgesinntheit als eine besondere Tugend gepriesen, die eine Steigerung der Tüchtigkeit bedeutet. Hier ist die fundamentale Bedeutung der altgriechischen Ethik für die Formung des Menschen bereits klar zu erkennen. Aristoteles hat später die „Selbstliebe" in diesem Sinne als höchste Hingabe an das Ideal bezeichnet: „Denn kurze Zeit in höchster Freude zu leben, wird einer, der von solcher Selbstliebe erfüllt ist, einem langen Dasein in träger Ruhe vorziehen. Er wird lieber ein einziges Jahr für ein hohes Ziel leben als ein langes Leben führen für nichts. Er wird lieber eine einzige und große Tat vollbringen als viele geringfügige." In diesen Worten liegt „das ureigenste Lebensgefühl des Griechen ausgesprochen, in dem wir uns ihm art- und raffeverwandt fühlen, der Heroismus. Sie sind ein Schlüssel zum psychologischen Verständnis dieser kurzen und doch so unvergleichlich herrlichen Aristeia." Die Spartaner wurden dann die eigentlichen Hüter dieser heldischen Tugenden. In ihnen ist die Eigenart der nordischen Einwanderer, die sich mit der alteingesessenen Mittelmeer-Bevölke- rung vermischten, am reinsten erhalten. Von dem dorischen Stamm hat wohl Pindar sein Ideal des blonden hochrassigen Menschentypus hergenommen, als den er sich die „blondhaarigen Danaer der Helden-Vorzeit des Hellenentums vorstellt. Der Sänger dieser spartanischen Weltanschauung ist Tyrtaios, der das homerische Ideal der heroischen Tugend zum Heroismus der Vaterlandsliebe umschmilzt und mit diesem Geist sein ganzes Volk durch- dringt. Der Ruhm der homerischen Helden tritt nun in den Schatten vor dem Ruhm des einfachen spartanischen Kriegers, der tief in der bürgerlichen Gemeinschaft verwurzelt ist: „Wer unter den Vorkämpfern fällt", singt er, „und sein liebes Leben verliert, nachdem er seine Stabt, seine Mitbürger und seinen Vater mit Ruhm bedeckt hat, wenn er von vielen Geschaffen vorn durch die Brust und durch den buckligen Schild und den Panzer getroffen daliegt, den beklagt allzumal jung und alt, und sein Grabhügel und seine Kinder sind unter den Menschen geehrt und seine Kindeskinder und sein späteres Geschlecht, und nimmer geht sein Rubm und sein Name zugrunde, sondern ob er gleich unter der Erde liegt, wird er unsterblich." Nur durch die Gemeinschaft erhält der einzelne seinen idealen Wert. Und nur die selbstaufopfernde Staats- qesinnung verleiht ihm die echte Tugend, zu der Tyrtaios seine Mitbürger erzieht. Die heroische Rnhmcsidee hat stets diesenpoli- tischen Klang in der griechischen Geschichte behalten, und der Staat, die Polis, trat in den Mittelpunkt seines ganzen Wesens und Denkens, wurde zum Kraftzcntrum der Kultur. Das Erziebungs- ideal der griechischen Adelsgesinnung ist von Theognis und Pm- dar noch großartiger ausgestaltet worden. Die Ionier und im Anschluß an sie die Athener brachten dann etn anderes Element hinzu, indem sie den neuen philosophischen Menschen erstehen ließen, der sich mit seinem Denken tief in die Ge^nmniffe der Erde und des Alls vergräbt. Durch sie erreicht die Entwicklung des politischen Tugendvegriffes ihren Höhepunkt: mit der Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit vereint sich die Weisheit, ein Zusammenklang von Eigenschaften, der noch für Plato das Ideal der Erziehung darstellt »nd seitdem durch die Jahrhunderte als Leitmotiv aller menschlichen Vervollkommnung weiterhallt. Ein Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.) Glauben Sie etwa, Herr Doktor Schmitz, es wäre eine Laune oder ein Uebermut gewesen, daß ich mir die Rusche aufsetzte? Ich bin, als die Verlegenheit der Profefforentochter bekannt wurde, in alle möglichen Hilfestellungen verschoben worden, wo ich am Ende doch nur lästig, eine Last war. Ich habe zusehen muffen, wie sich weiß Gott wer - ‘ — in Verlegenheiten Gelöbnis getan, mir um mich brachte, und habe mir zuletzt ein nicht mehr helfen zu lassen, sondern mir daß ich es kann. Ich habe das Brot in Deutschland um einen Esser erleichtert, indem ich hier in eine Stellung gegangen bin, wo ich wirklich gebraucht und dafür entlöhnt werde, wie es heißt. Sie mögen von sich aus meine Lage schrecklich finden, wie Sie gesagt haben: von mir aus war alles, was vorher ging, Mrecklicherk Darum, nicht weil ich Ihnen Ihre Hilfsbereitschaft LLelnahm, kündigte ich Ihnen die Kameradschaft, als ich sah, daß Sie sie mißbrauchen wollten, indem Sie mit Ihren eigenen Sorgen «och eine fremde nach Köln heimbrächten. Wenn Sie wollen und mir versprechen, nicht wieder mit Ihren Kriminalfragen anzusangen, können wir unsere Kameradschaft fortsetzen! Wir sind ja schon längst wieder drin! sagte der Doktor Schmitz «nü lachte sie mit der ganzen Wasserhelligkeit seiner Augen an; und ich will versprechen, nicht wieder anzufangen. Weil ich nun aber einmal Geschäftsmann bin, stelle ich fest: Fräulein Emilie Petersen will kein Gegenstand einer Hilfsbereitschaft sein; sie will weder Mitleid noch Mithilfe; nur wo man sie brauchen kann, nein, wo man sie braucht, wo sie nötig ist, da tritt sie ein! Habe ich meine Kameradin nun recht verstanden? Dann geben wir uns wieder die Hand! Diesmal genügt mir der Handschuh! sagte er noch, als sie den ausziehen wollte; aber es war ein anderer Händedruck, den er gab und fühlte. Nach diesem vorläufigen Abschluß ihres Geschäfts gingen die beiden eine Zeitlang schweigend, weil sie keine Konversation über Berge und Wolken, den Weg und die Blumen — wie er gespottet hatte — anfangen konnten. Und es mußte noch einmal der Groll des Morgens herhalten, dem Doktor Anlaß zu einem Gespräch 8« geben: Können Sie denken, daß ich den Ort Wollishofen da unten noch als ein richtiges Dorf gekannt habe, der heute auch schon von der gefräßigen Stadt verschluckt ist? Das war noch zu der Zeit, da wir alle die Schweiz liebten, nicht nur um der Berge, sondern um der gepflegten Menschlichkeit willen, die wir in ihren sauberen Ortschaften wohnhaft sahen. Wenn ich es scharf ausdrücken wollte, würde ich sagen: Europa ist den Schweizern nicht gut bekommen. In einer Stadt wie Zürich da unten ist unsere eigene Vorkriegszeit konserviert; das Leben läßt sich aber nicht auf Konserven ziehen. So wenig wie die Landschaft paßt die Stadt in die Zeit. Mit jedem Jahr mehr wird sie es zu spüren bekommen, daß der zerstörte Wohlstand Europas keine goldenen Eilande gestattet. Meinen Sie nicht, daß zwischen den Schweizern und uns noch ein anderer Unterschied ist als die Mittel, die uns genommen sind und die sie noch haben? fragte das Fräulein; aber im selben Augenblick hielt sie der Doktor am Arm zurück, weil eine Blindschleiche sich blank und dunkel über den Weg schlängelte. Wer über eine Schleiche tritt, darf einen Wunsch haben! Ich wünsche mir, daß meine Kameradin bald in Köln gebraucht wird! sagte er mit einem breiten Schritt über das Tier. Sie aber zögerte noch, und ehe sie dann den Schritt hätte tun können, hatte die Schleiche sich schon seitwärts ins Gras geringelt. Sie sehen, sagte sie wehmütig lächelnd, mir bleibt nichts zu wünschen. Weil ich es schon gewünscht habe! dachte der Doktor und freute sich heimlich über die Zweideutigkeit. Er hatte längst seinen Plan mit ihr; aber der war noch ein Säugling, in Windeln gewickelt, und er tastete nicht mit Worten an seine Wiege: Wenn er Milch haben will, wird er schon schreien! beschwichtigte er seine Ungeduld und ließ das Gespräch gleiten, wie es sich gab, indem er nach ihrem Vater, nach ihrer vor dem Professor gestorbenen Mutter und andern Dingen fragte, von denen zu sprechen seiner Partnerin offenbar eine willkommene Wehmut war. Einmal saßen sie längere Zeit auf einer Bank und gestanden einander, daß sie gern ein wenig ausruhten; auch holte er seine Uhr heraus, die schon auf sechs zeigte und das Fräulein unruhig um seinen Abendzug machte, den er um ihretwillen versäumen könnte. Und es war wohl die Hast dieser Unruhe, daß sie nachher an den Näfenhäusern den Abstieg nach links versäumten und geradeaus auf die Albishochwacht zugingen. Als sie es im Gespräch merkten, das immer kurzartmiger aber freier geworden war, waren sie schon zu weit, wieder ümzukehren, und marschierten zuletzt tapfer drauflos, bis sich der Weg endlich nach Albis senkte, wo sie nicht mehr im Zweifel waren, daß sie nun eine gründliche Rast machen müßten, und im Hirschen einkehrten. Ich freue mich auf einen Käs oder mehr! sagte der Doktor Schmitz und blickte, den Schweiß von der Stirn wischend, befriedigt nach dem steinigen Fußweg zurück. 4. Das erste, was sich im Hirschen entschied, war der Abendzug. Sie hätten, als der Doktor im.Hausflur den aushängenden Fahrplan ansah, stehenden Fußes umkehren und nach Langnau hinablaufen müssen; und dann war es nicht einmal gewiß, ob sie dort den Zug der Sihltalbahn noch erreichten. Wenn Sie nach Köln müßten statt meiner, scherzte er — bas Taschentuch noch in der Hand und den Hut im Nacken —, wenn Sie nach Köln müßten, würde ich sagen: Springen Sie los! Für meine alten Knochen ist es zuviel; ich muß jetzt eine halbe Stunde lang meine Beine ausstreckcn, muß mindestens einen Käs essen und einen Veltliner trinken! Oder, wandte sich der Doktor er- schrockeu zu seiner Begleiterin, wird es für Sie zu spät? Dann müßte ich ja nun wohl allein springen! sagte das Fräulein mit einem fast mütterlichen Blick auf seine Verstrickung: Aber ich brauche ja nur auf den Zürichberg. Dahin komme ich schon! Sie standen darüber im Flur, und der Wirt mußte ihre Ueberlegung gehört haben: Wenn die Herrschaften nach Zürich wollten, hätten sie eine Gelegenheit, indem sein Sohn etwa in einer Stunde mit seiner Ford-Limousine hinabfahren würde, jemand am Bahnhof Enge abzuholenl Der Mann lachte dröhnend dazu, als ob ein Witz in seinen Worten gewesen wäre; der Sohn, den er heranrief, bestätigte mit schwarzen Händen, er sei gerade dabei, einen Reifen zu flicken — deshalb könne er sie nicht etwa rasch nach Langnau hinabfahren — aber in einer Stunde sei alles bereit. Sie hätten gemächlich Zeit, sich auszuruhen! Und etwas zu essen! vollendete der Doktor mit einer Verbeugung zu seiner Begleiterin: Ob er sich die Ehre nehmen dürfe, seine Kameradin zum Abendessen einzuladen? Sie bat um Tee, Brot und Butter, wenn es sein Wohlbehagen nicht störe! Und da er versprach, sich durch noch schlimmere Fruga- litäten nicht stören zu lassen, saßen sie bald an einem sauber gedeckten Tisch einander gegenüber und sahen sich an, wie aufgelockert sie durch die Luft und Sonne und die letzte Anstrengung ihres Marsches waren. Ob er in Zürich noch seinen Zug bekäme? fragte sie zuerst; und der Doktor sagte Nein! Der spätere Halbelfuhrzug habe keinen Zweck, weil er mit dem nur bis Basel käme. Er würde nun morgen früh den „Nheingold"-Expretz nehmen. Es sei ihr sehr peinlich, daß er durch sie den Abendzug verspäte! Durch sie sei richtig! gab er zu, der sein Glas mit dem roten Veltliner schon in der Hand hielt: Nur peinlich sei es nicht aus Gründen, die darzulegen er sich nachher die Erlaubnis erbitten möchte. Vorerst könne er nur versichern, daß ihm die fortgesetzte Kameradschaft einen versäumten Zug wert sei! Darauf trank er ihr so feierlich zu, daß sie sich nur verneigen, keinen Einwand mehr vorbringen konnte. Denn nun, wie er dasatz mit seinem Schalk um die wasserhellen Augen, hatten sich die guten Worte unterwegs mit in die Erscheinung gesenkt; sie sprachen gleichsam immer noch aus seinem Gesicht, das ohne den Hut im Nacken mit der breiten hochgelichteten Stirn — wie sich das Fräulein gestehen mußte — von seiner klar durchgearbeiteten Männlichkeit zeugte. Passen Sie auf, was für ein Pedant Ihr Kamerad ist! scherzte der Doktor, als er sich noch einmal genau nach der Minute der Abfahrt erkundigt hatte, seine Uhr von der Kette nahm und sie auf den Tisch legte: Also noch üreiundfünfzig Minuten! In spätestens öresundzwanzig Minuten sind wir mit unscrm Abendbrot fertig; es bleibt uns dann noch eine halbe Stunde, einen neuen Vertrag durchzusprechen, da der alte abgelaufen ist. Fragen Sie bitte nicht! wehrte er ihre erstaunten Augen ab. Erst müssen wir unfern Durst und Hunger niedergeschlagen haben. Sie wissen ja, wie bie frechen Kölner sagen: Essen und Trinken sind nicht so wichtig wie die Predigt, aber nötiger! Außer ihnen beiden war nur noch ein Gruppe junger Leute im Saal, die einen längeren Tisch mit ihrer lärmvollen Fröhlichkeit umringten und die beiden Saaltöchter reichlich in Anspruch nah- men, weil sie, in der Abrechnung begriffen, noch ihre letzten Scherze loswerdcn mutzten. Als sie sich endlich hinausgekalbert hatten, war der Doktor auch mit seinem „Geschnetzelten" fertig, während das Fräulein seinem Appetit mit Vergnügen zusah. Hat's geschmeckt, Kamerad? fragte sie, und er dankte nach einem letzten behaglichen Schluck seines roten Veltliners, den er ihr wiederum artig zutrank, mit einer höflichen Verneigung. Ich habe mich um drei Minuten verspätet! stellte er mit einem Blick auf die Uhr fest, legte die Serviette zur Seite und fragte: ob sie zu rauchen wünsche? und als sie verneinte: ob er sich selber eine Zigarre anstecken dürfe? Er tat dies mit Sorgfalt, stellte noch einmal fest, datz sie nun noch sechsundzwanzig Minuten Zeit hätten, und trat in bie Präliminarien zu dem angekündigten neuen Vertrag ein, über den sich das Fräulein unterdessen ihre Gedanken gemacht haben mochte. Gesetzt den Fall, begann er mit Behutsamkeit, gesetzt den Fall, Fräulein Emilie Petersen hätte nun wirklich Schwierigkeiten mit ihren Papieren und müßte also ihre Stellung in der Schweiz anfgeben, dann würbe sie doch wohl nach Deutschland zurückkehren? Sie hoffe es nicht, doch würde ihr dann nichts anderes übrig- bleiben! sagte sie, mit ruhigen Augen seine Fortsetzung erwartend. Es war vielleicht eine ungeschickte Einleitung! stellte er mißbilligend fest und fing an, mit der Serviette die Krumen auf dem Tischtuch zu verfolgen. Wie hatten wir uns geeinigt: Fräulein Emilie Petersen will kein Gegenstand einer Hilfsbereitschaft sein; wo man sie braucht, wo sie nötig ist, sagt sie zu? Sofern sie nicht sonst Bedenken hat! schränkte sie ihre Bereitwilligkeit ein; und der Doktor nahm das Wort auf: Würden solche Bedenken vorliegen, wenn ein Mann namens Schmitz seine Kameradin bäte, bei ihm als Hausdame einzutreten? Ja! sagte sie sofort und war sichtbar selber erschrocken: das heißt, ich will den Mann namens Schmitz keinesfalls kränken, bog sie die Weigerung um, aber es würde doch wieder nur eine verschleierte Hilfsbereitschaft sein, zu der er sich gegen die Tochter eines Studienfreundes verpflichtet fühle! Der Mann namens Schmitz habe befürchtet, datz ihm sein Vorschlag so ausgelegt würde! sagte der Doktor in seiner beharrlichen Art: Ob er vor seiner Kameradin den Falb einmal ausbreiten dürfe, wie er tatsächlich läge? (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.