SiehenerZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1954 Zreitag, den 9.8ebruar Nummer \\ Nachtiied. Von Paul Appel. Schlafe! Es ist nun genug. Laß dir die Glieder entsinken, Sie wollen von Segen trinken, Der anders am Tag dich schon trug. Schlafe! Der Tag hat's vollbracht. Folg ihm aus seinem Lichte! Meng nicht mehr bange Gesichte Neu in die ruhige Nacht! Schlafe! Dir wird jetzt geschehn, Daß aus den Ewigkeiten Heilige Zärtlichkeiten In deine Poren eingehn. Schlafe! Schon bist du beschenkt. Atme und laß dich verwallen: Kannst nur der Huld verfallen, Die er, der eine, dir denkt. Schlafe! Er denkt sie dir groß. Alles, was trüb dich gebildet, Wird dir vertauscht und gemildet. Morgen gleich hellt sich dein Los. Schlaf nur! Und gib dich dem Bann! Feierlich wird dir Genüge, Und für die Atemzüge Dankt dir ein sinnender Mann. gemacht, und Chri- Nütten & Loening der Landung. Eine licher Genehmigung des Verlags dem neuen Buch „Kolumbus vor Legende" von Emil B e l z n e r. Kolumbus im Chausseebaus. Von Emil B e l z n e r. Die folgende Episode entnehmen wir mit freunö- Der alte Kolumbus hatte eine Kundenreise „ . . , , stoph durfte ihn begleiten. Es war in einer Winternacht. Ein in dem südlichen Lande ungewöhnlicher Schneesturm hatte eingesetzt. Das Chausseehaus lag an einer unheimlichen Wegbiegung ttn Gebirge, auf einem kleinen Plateau, das nach vielen «eiten hin ziemlich steil abfiel und jenseits der Schluchten und kurzgestrcckten Täler von schroffen Bergrücken umstellt ivar. Fast schien es, al» hätte der Schneesturm das Haus in die Ecke des kleinen Stem- bruchs gezwängt, der sich hinter dem Hof mit seinen verwitterten Zinnen erhob. Während der Knecht Pferde und Wagen unterbrachte, gingen der alte Kolumbus und sein Sohn in der Hauptstube, die ohne Licht war, fröstelnd auf und ab. Die Fenster waren bis zur Hälfte verweht und zugcschneit, aber durch die Lucken in Glas und Eis drang die weiße stürmische Helligkeit der Winter- nacht herein. Christoph konnte kaum die Blicke von diesem ungewohnten Schauspiel hier oben im Gebirge wenden. Von Eis- und Schneenächten im Norden hatte er wohl schon gehört und auch von weißen Bären, die unterm Polarlicht aufrecht wie Manner über die Einöde gehen. Aber dieser Schneesturm hn Gebirge übertraf doch eigentlich alles, was er sich an kühlen winteriichen äte- gentagen in der dumpfen Küche der Mutter oder in der Teigstube des Bäckers Augusto, in der er gelegentlich Zucker und Gewürze abwiegen durfte, unter Kälte und Endlosigkeit vorgestellt patte. Und als die Fenster ganz zugefroren und zugeweht waren, schien es ihm, als sähe er noch viel weiter und al» gewönne das Licht von draußen an natürlicher Stärke und geriete in wc^enfvrnng haushohe Bewegung, als lechze es herein, um ihn auf _fernen schimmernden Rücken fortzutragen, hinauf und hinunter und ^rad^wollte ihn die Angst packen, nWe er nad) üervand oder dem Gürtel des Vaters, um sich festzuhalten, öa kam zum Glück der Wirt die Treppe herunter, hinter ihm eine „Magd mit einem Leuchter. „Die Jungfrau segne euch Kolumbusse ,^ sagte der Wirt, „es ist eine grausige Nacht. Die Magd machte ein Feuer und stellte Töpfe und Pfannen auf. ^b man bald etwas zu essen haben könne, fragte der Vater, und ob es warme Betten gäbe und wie die Pferde und der Wagen mit den Waren untergebracht seien. „Gut, gut", sagte Wamba der Wirt, „im Chausseehaus ist noch kein Vernünftiger erfroren. Wenn ihr freilich Nachtwandler seid wie der Astronom vom vorigen Jahr, dann will ich euch lieber mit einem derben Strick ans Bett binden und zur Vorsorge außerdem Glasscherben und Nägel vors Bett streuen." Was denn das wieder für Possen seien, fragte der Vater, und ob er denn keinen heißen Wein holen wolle. Wamba holte die Weinkanne aus dem Schrank und brachte Gläser. Und während die Magd am Feuer ein Essen wärmte und das Feit sudderte und gluckste, erzählte Wamba von dem ausländischen Astronomen, der im vergangenen Jahr in einer ebensolchen Winternacht angekommen und jämmerlich erfroren sei. „Aber das Allernotwendigste hinaus habe ich ihn kaum verstanden", sagte Wamba. „Er begab sich, nachdem er ein wenig gegessen und getrunken hatte, gleich auf sein Zimmer. Ich trug ihm den Koffer nach, sah, wie er ihn auspackte. Er rollte eine große Landkarte auf und schlug sie an die Tür; eine zweite Karte, eine Sternkarte, schlug er überm Bett an die Wand. Da ich außerdem sah, wie er einen Zirkel und ein Fernrohr auf den Tisch legte, überkam mich ein etwas unbehagliches Gefühl, und ich sagte ihm Gute Nacht. Er hat übrigens keinen Augenblick Notiz von mir oder von sonst jemand im Hause genommen. Auch die Magd hat das gesagt, die ihm noch einige Kerzen brachte, um die er gebeten hatte. Als sie unter der Tür stand, nahm er ihr die Kerzen ans der Hand und fuhr mit seiner Beschäftigung fort, als befände er sich in einer Zauberherberge, in der alles gerade ginge, wie er es brauchte." Wamba machte eine kurze Pause. Dann fuhr er etwas leiser fort: „Wahrhaftig, der Sturm läßt nach. So war es damals auch: gegen Mitternacht ließ der Sturm nach und hellte sich der Himmel auf. So viele Sterne habe ich im Winter nie am Firmament gesehen wie in jener Nacht. Ich wollte aus dem kleinen Fenster meiner Kammer nachschaneu, wieso es mit einemmal so ruhig geworden war, erschrak jedoch über die scharfe, schneidende Pracht der Gestirne, so sehr, daß ich die vereiste Scheibe sofort wieder schloß, mich nur halb ausgekleidet ins Bett legte und die Decke verdutzt über den Kopf zog. Sv konnte ich vermutlich nicht recht hören, wie der Astronom später sein Zimmer verließ und aufs Dach stieg. Es ist merkwürdig, daß ich es nicht hören konnte; ich habe lange die Ohren gespitzt, wie man das in der Angst ja immer tut, denn so blöd ich bin, so habe ich doch gefühlt, daß noch etwas kommen müsse. Rätselhaft ist mir auch heute noch, wie es dem Gast, der kein besonders starker Mensch zu sein schien, gelang, die schwere, angefrorene Falltür, auf der doch außerdem noch eine tüchtige Schneelast lag, in die Höhe zu drücken. Und genau so rätselhaft ist mir, wieso er die Falltür von oben so lautlos wieder schließen konnte, zumal da doch der eiserne Ring kürzlich abgerissen war und demnächst wieder angebracht werden sollte. Ein Riese hätte sie an der Kante mit den Fingern allein kaum halten können. Ich fand in dieser Nacht keinen rechten Schlaf. Ein Gespenst rumorte in mir, das nirgends heraus konnte. Erfreulicherweise hatte ich einen Rosenkranz in der Tasche, den ich hervorzog und mehrmals unter der Decke durchbetete, um den Angstteufel in meinem Leib kleinzukriegen. Ich muß sehr unruhig geschlafen haben, denn als ich im Morgengrauen erwachte, lag ich quer im Bett, die Beine in den Rosenkranz verstrickt. Notdürftig brachte ich mich in Ordnung, dann ging ich, nach dem Gast zu schauen. Die Magd sagte mir, baß er sich noch nicht gerührt hätte. Um so mehr brannte ich nach der ausgestandeneu Furcht darauf, ihn zu sehen oder zu vernehmen. Festen Herzens klopfte ich an die Tur. „fierr Passagier", rief ich laut, „die erste Post wird, da der Schnee bis weit ins Tal hinunter liegt, mindestens drei Stunden Verspätung haben. Wollen Sie dann die erste nehmen oder lieber die zweite am Nachmittag? Herr Passagier", rief ich, „wenn Sie zum Mittag bleiben, dürfen wir Ihnen dann mit einem kastanien- qefüllten Huhn und breiten Nudeln aufwarten? Herr Passagier, rief ich zum drittenmal, „soll man Ihnen die Wäsche ein bißchen am Ofen wärmen oder lieben Sie etwas Essenz im Waschwasser? K>gben Sie Wünsche für die Andacht? Wissen Sie, wo's zum Ausguß geht?" Die verworrensten Sachen fragte ich vor der Tür. Fast war es mir, als lache mich die Tür ans ihren Rissen und Masern wie aus menschlichen Runzeln an. Schließlich drückte ich auf die Klinke; die Tür war unverschlossen, das Zimmer leer. Es befand sich alles noch am selben Platz wie am Abend; nur Fernrohr und Zirkel fehlten. Ich betrat d' ; Zimmer nicht, sondern schloß die Tttr rasch wieder. Da sah ich Wasserlachen ans der Treppe, die zum Dach führt. Irgendwie war Schnee durch die Ritzen gedrungen unb In der Wärme geschmolzen. Aber sofort kam es mir dann: Er ist auf dem Dach. Ich rief die Magd und drückte mit ihr die Falltür hoch: in einem Schneehaufen vor der Brüstung saß der Astronom, erfroren, tot, in der einen Hand das ausgezogene Fernrohr, in der andern den gerichteten Zirkel,' von Nase und Mund hingen ihm Eiszapfen herunter, seine Äugen waren verharscht. Ein paar Tage ließen wir ihn auf dem Dache sitzen, dann haben wir ihn einem mit Schnellpost durchreisenden Arzt für die Anatomie verkauft. So ist der Ausländer für seine nachtwandlerische Gottlosigkeit doch noch gevierteilt worben." Wamba erzählte während des Essens noch vielerlei von merkwürdigen Gästen, die in dem Durcheinander von Bratengeruch, Weinduft, Wärme und Kälte gleich einer steifen klingenden Prozession an den verschleierten großen Augen Christophs vorüberzogen. Vor jeder Figur und Gestalt tat der erschrockene Knabe innerlich einen Kniefall, als würde jeweils das Allerheiligste vvrbeigetragen. Das Zimmer, in dem er mit seinem Vater übernachtete, war das Zimmer des Astronomen. Wamba stellte den flackernden Leuchter auf den Tisch. An der Tür hing die Landkarte, über dem Bett die Sternkarte,' Zirkel und Fernrohr lagen auf einem Zinnteller, auf dem der Höllenrachen des Jüngsten Gerichts hochbildartig dargestellt war. Da Wamba das Interesse des Knaben bemerkte und wohl eine Beschädigung der Instrumente von Christophs Neugier befürchtete, nahm er den Teller vom Tisch, stieg auf einen Stuhl und stellte ihn auf den Schrank. Der alte Kolumbus lachte ob dieser Vorsorge und meinte, ein reicher Tuchweber sei nach solchem Strandgut nicht lüstern. „Die Sachen gehen leicht entzwei", sagte Wamba, rüttelte die Decken zurecht, nahm die heißen verschlossenen Wasserkrüge aus dem Bett, schob, nachdem die beiden in die Federn gekrochen waren, den Tisch davor, sprach seinen spaßhaften mulmigen Gastwirtssegen und verschwand hinter der Landkarte, die mit der Tür auf und zu ging und sich wie ein Geistersegel aus vorsintflutlicher Piratenzeit blühte. Der alte Kolumbus blies den Leuchter aus und neigte sein ehrbares Händlerhaupt, sich feist in den Schlaf schmatzend, zur Seite. Christoph behielt, trotz großer Ermüdung, die Augen offen. Er hatte versucht, sie zu schließen, aber das Schließen schmerzte ihm. Mit der Hand betastete er die Sternkarte überm Bett, soweit er sie erreichen konnte. Manche dicken Punkte spürte er, sie brannten ihn an den Fingern. Er brachte die Finger fast nicht mehr weg von dem magischen Papier, unter dem die Krümel und Unebenheiten der Wand ungewisse Strecken anzudeuten schienen. Sterne, Sterne, Sterne! auf einer Wand, hinter der vielleicht eine Magd oder ein Knecht schlief oder vielleicht nur ein Mehlkasten, ein Sack oder ein Tisch mit ungeflickter Wäsche stand. Christoph riß die Hand von der Karte, erhob sich, über seinen schnarchenden Vater hinweg, auf den Tisch und von da herab aus den Fußboden. Mit einem mächtigen Knavenruck ritz er das Fenster auf und ließ dre Sterne der klaren eisigen Winternacht auf sich niederfallen. In einer dunklen Abwehr und Versunkenheit faltete er die Hände über dem Kopf. In Weiten blickte er, in denen kein Mensch mehr wohnte, deren Grenzenlosigkeit und gläserne, eherne Oede aber öennrch Paradiese in einem andächtigen Herzen entzündete. Der Vater, durch den kalten Luftzug gestört, wachte auf, sah stch um, streß den Tisch beiseite, sprang aus dem Bett, riß den schon halb hinausgeveugten Sohn weg, schloß das Fenster. Christoph, der von den harten Sternen selige Märtyrcrwunden fühlte, ließ alles willig mit sich geschehen. Eine schwere Müdigkeit war über ihn gekommen. Der Vater legte ihn grob und doch behutsam rns Bett, er warf ihn erzürnt und doch liebevoll an die Wand, daß die Karte leicht knisterte, band ihn mit einem langen dünnen Riemen locker, aber doch sicher an sich. Nur drei Hand breit spannte die lederne Schnur zwischen Vater und Sohn. Als sich der Alte gegen Morgen auf die linke Seite drehte, zog er den Knaben gleich einer Last auf den Rücken, die er keuchend und stöhnend unb schlafend in den Tag trug. Das war die Nacht im Ctzausieehaus. Bei der Abfahrt stand Wamba, der Wirt und Leichenverkäufer, mitten auf der Straße. So wie einer dasteht, der unter allen Umständen zu seinem Geld kommt und dazu noch die Miene eines gemütvollen Menschen- freundes macht. „Prächtige Pferde", sagte er. Und da Vater und Sohn nicht gesprächig und etwas übernächtig waren, plapperte er mit dem Gespann weiter: „Prächtige Pferde seid ihr, mit leuchtendem Fell und gut gekämmten Schwänzen. Prächtige Ueberland- pferbe. Hafengäule kämen hier nicht herauf und nicht so stämmig hinunter. Die Jungfrau mit euch! Die Jungfrau mit euch!" Germanische Götter. Von Wilhelm Schäfer. Er. Im Anfang war Er, der himmlische Gott,' die Erde grünte in Seiner Sonne. Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Cenebten, die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden Halme, in den Untiefen schwellender Kelche oie Seligkeit Seiner lustwandelnden Liebe genoß. Wenn Sein Himmel die Erbe umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den Himmel burchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem anhielt, erschauernd in Fülle: daun war Seine Stunde. Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn lietz Er den Morge» erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Bogen zu bauen. Wonnig und warm lietz Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht,' Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner Gestirne! Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er lietz die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er lietz ihre Brüste schwellen in himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht. Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne. Die Götter. Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken,' Wolken stiegen vom Abgrund, das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle Sonne versank. Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr: Umir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die Reifriesen, herrschten über dem Abgrund. Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer; sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer. Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard unb lietz wachsen das erste Grün. Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastchen und weckten Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen Sinne, Urfeuer den flackernden Geist. Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neues Gesetzes und fingen bas goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele. Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen aus Imirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die zweite, des Werdenden Mahnung: die dritte der Zukunft drohende Schuld. Sie schnitten die Runen, warfen die Lose unb sagten im Werden, Sein und Vergehen bas Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die Wurzeln zu gießen am Welteschcnbaum, daran das Sein der Götter nur ein Ast war im ewigen Leben der Welt. Der Kamps mit den Baue«. Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu erlisten für ihre Burg, die sie bauten in Asgard. Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengcwalten, die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an. Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alten und neuen Gewalten; Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Äsen die Urdunkelsöhne: die Erde barst und der Äbgrund erbebte, als Vanen und Äsen um die Herrschaft rangen der neugewor- dencn Welt. Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden Unrast die Welt überlassend. Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten; abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und bas Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war. Freya unb Fro, Sie lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Äsen vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagunq der Nornen. Wodan. Die Äsen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den Äsen zurück. Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums. Täglich ging er hinunter zum Wafler, die Weisheit Mimirs zu wecken, und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da im Rat der asischen Götter, der ihr Not- sorger und Wahrsager war. ---Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen schultern saßen die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis der Welt. Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war: wo öic Rader der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen rm Sturm und die Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel. Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Bgdrastl, dem von drei Aesten schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil war die Sorge. Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf aufSchleif- ner, dem achtfüßigen Schimmel,' dann war der Allvater wieder der Niesenbezwinger, dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu schauen. Darum liebte Wodan die kampskühnen Krieger mehr als die langlebigen Greise,' die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen. Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch den Hain der goldenen Blätter,' da hielt all- abends Wodan das Mahl, die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf. Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der Hahnruf ries die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte. Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne. Frigga. Die aber seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard. Sie saß am Wocken und spann dem Dasein bas wärmende Kleid; sie trug die Schlüffel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt. Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken den Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich der Götter die segnende Hausmutter hätten. Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis. In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit der Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut. Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem Dunkel der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf Nächte durchstürmten. Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des Todes: aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder zu warten im Schoß der ewigen Zeugung. Galsworthy. Erinnerungen an de« Dichter der „Forsyte-Saga". Von Dr. Victor Polzer. Er sah wirklich so aus, wie sein Bild ihn zeigt — ernst-heiter in einem, jugendlich inmitten des schneeweißen, etwas starr vom Kopf abstehenden Haares und unendlich geschlossen in seiner Rundung, in seiner diplomatenhaften Unnahbarkeit. Ein prachtvoller Kopf, eine prachtvolle Erscheinung, wie geschaffen für den Frack am Vortragstisch, hinter dem er stand, halb wie ein Offizier in Zivil, halb wie ein tadelloser Hausherr, der Gäste empfängt. Ein Dichter mit Charakter in jedem Wortsinn und vielleicht der gewissenhafteste Poet der Jetztzeit. Seine Biographie berichtet auch von seiner Lebens- und Schaffensweise. Tag für Tag, von Früh bis Mittag, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit, saß John Galsworthy bei der Arbeit. Und wenn er auf Reisen war, arbeitete er in der Bahn. Am liebsten freilich schuf er in Heller Sonne; auf seinem englischen Landsitz Bury, der etwa zwei Stunden südlich von London in herrlicher Abgeschiedenheit inmitten von Hügeln, Wiesen und Weideland liegt, war sein Lieblingsplatz ein Nasenfleck vor dem Haus, umstanden von uralten Bäumen. Dort konnte man ihn im Gartenstuhl sitzen sehen, einen breitkrempigen Strohhut auf dem Kopf, den Schreibeblock auf den Knien; die Rechte führte die Füllfeder. Während er so in größter Konzentration arbeitete, herrschte weit und breit die Stille eines Dornröschenschlosses. Auch im Sause dämpften schwere Teppiche auf Flur und Treppen jeden Schritt. Des Dichters Gattin, Muse im großen wie im kleinsten, schuf ihm diese tiefe Ruhe. Den Achtundzwanzigjährigen hat sie seinerzeit dazu vermocht, aus seinen literarischen Versuchen Ernst zu machen, und was sie dem Dichter war, kann nichts besser ausdrücken als die Widmung der „Modernen Komödie": „Ich weiß nicht, was ich überhaupt ohne sie hätte schreiben können." Aber sie war es auch, die des Dichters Manuskripte, welche er Blatt für Blatt in seinen großen Buchstaben gemalt hatte, in Maschinenschrift übertrug. Er selbst haßte bas Instrument der Schreibmaschine und diktierte jenen Teil seiner umfangreichen Korrespondenz, den er nicht selbst handschriftlich erledigte, seiner Gattin in die Feder. Wer heute das British Museum besucht, sieht hinter Glas und Nahmen, wie ein Nationalheiligtum bewahrt, des Dichters mächtige Handschrift der „Forsyte Saga" — ein kleiner Berg. , . . Zurückhaltend wie stets, gab Galsworthy über fetit Schaffen nur selten Aufschluß. Nur einmal erzählte er, daß ost des Nacgts, wenn er aufwnchte, die Fäden seiner Handlungen sich plötzlich weiterspannen, und ein andermal gestand er ein köstliches Kuriosum: Am Morgen, während des Rasierens, pflegte er mit der Arbeit einzusetzen, und^Handlung und Charaktere wurden, wie er sagte, bei diesem Geschäft „vorwärtsgestoßen". Am Nachmittag zwischen Tee und Dinner war die Arbeit des Vormittags überprüft und gefeilt, der Abend gehörte der Muße. John Galsworthy war ein feinhöriger Musikfreund, und in seinem Londoner Stadthaus „Grove Lodge" wie in seinem Landhaus in Bury wurde fast jeden Abend musiziert. Seine Frau spielte Klavier, sein Neffe, der Maler R. H. Sauter, der mit seiner jungen Gattin stets den Aufenthalt des kinderlosen Paares in Bury teilte, blies Flöte. Im „Nachsommer" heißt es: „Nach den Zigarren, die ein Mann raucht, und nach den Komponisten, die er liebt, soll man seine Seele beurteilen." Nun, Galsworthy rauchte sehr gute Zigarren, und liebte klassische Musik; Bach und Gluck zählten zu seinen wie des alten Jolyon Lieblingen. — An manchen Vury-Abenöen saß der Dichter während des Musizierens im Lehnstuhl vor dem offenen Kamin, in dem auch des Sommers ein Feuer brennen mußte, und las. Er verfolgte aufmerksam die bedeutsamen Erscheinungen der zeitgenössischen Belletristik und widmete sich mit brennendem Interesse allen wichtigen Veröffentlichungen über aktuelle soziale Fragen. Häufig wurde nach dem Dinner auch getanzt. Und es kam vor, daß Mrs. Galsworthy ihren Platz am Klavier mit ihrem Neffen tauschte, und dann führte sie der Dichter in vollendetem Walzerschritt. Er war ein vorzüglicher Tänzer und — mit Wehmut sei es gesagt — es hatte etwas von hellenischer Lebensheitcrkeit an sich, die beiden schönen, hochgewach- senen Menschen mit weißen Köpfen im Tanz ihrer Jugend zu sehen. Seinen gestählten Körper verdankte Galsworthy eifrigem, seit frühester Jugend geübten Sport. Die Jagd hatte er in den letzten Jahren aufgegeben, vielleicht trug seine fanatische Tierliebe dazu bei. Aber noch der Fünfundsechzigjährige unternahm auf dem Lande täglich seinen ausgedehnten Morgenritt. Er ritt ausgezeichnet, seine hochgerichtete Gestalt und das edle Tier, förmlich eines geworden, wirkten wie der Bronzeguß einer Reiterstatue. — Nach dem Lunch ward einem leichteren Sport, dem etwas altmodischen Croquet, gehuldigt. Nicht zu verwechseln mit Criguet: einmal in der Woche hat die Dorfbewohnerschaft Burys (der Ort umfaßt bloß einige Häuser) ein Criquetmatch. Und zu jedem Match trat John Galsworthy an und spielte mit seinen Landsleuten. Winter und Frühjahr verbrachten der Dichter und seine Gattin stets auf Reisen. Längere Jahre Hindurch suchten sie den Süden auf, bereisten Portugal, Südfrankreich, Marokko und Aegypten. In Deutschland liebte Galsworthy den Rhein und den Taunus, und eine seiner Erzählungen aus der „Forsyte-Börse" hat er an den Rhein, den Roman „Jenseits" zum Teil nach Wiesbaden verlegt. Salzburg und Tirol hatten es ihm angetan und die Dolomiten machte er mehr als einmal zum Schauplatz seiner Handlungen. In Cortina d’Ampezzo schrieb er sein Drama „Urwald". In den letzten Jahren unternahm das Paar Reifen nach Amerika, die mehrmals mit einem Aufenthalt in majestätischer Naturabgeschiedenheit in Arizona schloffen. Nur ein blindes Ungefähr, die Sepsis nach einer Angina, vermochte die Gesundheit dieses Menschen zu untergraben und ihn I nach längerem Siechtum (1933) dem Tod zu überantworten. Noch war es ihm gegönnt, die letzte Feile an den Schlußband seiner jüngsten Trilogie zu legen und so sein Leben und sein Schaffen, die stets geschlossen waren, mit einem vollendeten Ganzen zu krönen. Der Nobel-Preis war die größte Ehrung seiner Kunst vor aller Welt. Mit seinen letzten Werken hat Galsworthy eigentlich verwirklicht, was er sich ehedem, in seinen Anfängen, vorgefetzt hatte. 1904 hat er in seinen romanhaft-kritischen Frühwerk, den „Pharisäern", alle Themen angeschlagen, die ihm als Romanschriftsteller und Kritiker einer Betrachtung wert schienen. Themen Englands wie aller Welt: Gesellschaft: Adel, Bürgertum, Proletariat; Ehe, Liebe, Künstlerwelt; Geistlichkeit und Schulwesen, Beamtentum und Politik. Und heute nach seinem Tode gewahrt man die Erfüllung dieses Programms: Das Thema Hochadel ist zum Roman „Der Patrizier" geworden, das Kapital Landadel zum „Herrenhaus", die „Forsyte-Saga" spielt Bürgertum und Künstlerwelt gegeneinander aus, „Die Weltbrüd e r" sind der Roman ums Proletariat, „Die dunkle Blume" der große Liebes-, „Der Heilige" der Glaubensroman. Und die neue Trilogie „Ein Mädchen w a rte t", „Vlü h en d e Wi ldnis", „Ueber den Strom", behandelt in großangelegtem Nahmen bas Thema Veamtenstaat und Politik, Pflichterfüllung und Konvention. John Galsworthy — man könnte ihn geradezu einen ständischen Dichter nennen. Denn Stand und Klasse sind gewiffer- maßen die obersten Begriffe, denen sich seine Einzelprobleme, Charaktere und Handlungen unterordnen. Stets gab er Querschnitte, in denen er bei seinem Hang zur Systematik es an nichts fehlen ließ: alle Lebensalter kommen bei ihm vor, vom kleinen John bis zum alten Jolyon, alle Stände und Berufsarten vom Kanarienvogelfutterverkäufer bis zum Minister des Innern, alle Milieus von den Slums bis zum Herrenhaus. Er war wurzelecht bis ins Tiefste und in dieser Wahrhaftigkeit eine der reinsten menschlichen Persönlichkeiten. Mit ihm verlor seine Heimat, verlor die Welt einen Dichter, der diesen Ehrennamen zu Recht führen durfte. Galsworthy ist tot, aber sein Werk wird lebe». Oer SternenSaum. Roman von Friedrich Schnack. lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Sonntags, in der freien Zeit, zeichnete er mit Bleistift und Lineal Möbelformen auf ein weißes Blatt. Er hatte eine Möbelliste erwischt, darin waren genau die Maße angegeben. In die vertiefte er sich. Die Abendschule vervollkommnete ihn in der Fähigkeit, schnurgerade Linien zu ziehn, Winkel abzumessen und Kurven zu krümmen. Bald gelang es ihm, einen Tisch zu entwerfen, der glich scharfgenau seinem Heimattisch, von dem er nie erfahren hatte, wohin er gebracht worden war. Zu ihm fügten sich, wie gute Geschwister, drei Stühle, deren Gestalt durch haardünne Linien bestimmt wurde. Drei Stühle waren es: für Pater, Mutter, Kind. Wenn er, so still in sich gekehrt, die Striche zog und immer wieder neue Stühle aus Nichts herstellte, sah er seinen Vater auf dem einen Stuhl sitzen, wie in alter Zeit, sah er seine Mutter daneben, nur etwas weniger klar als den Vater, und sah er auch sich selber, als einen kleinen Jungen mit der Harmonika und seinem locker am Fuß hängenden neuen Holzschuh... Schüttelte man erst die Stühle kinderleicht aus der Hand, zeichnete man erst den Tisch auswendig, fast wie im Schlaf, dann konnte man sich auch an eine größere Aufgabe wagen, an den Grund- und Aufriß eines Schrankes. Er zeichnete den Grundstock des Bauwerks von Holz und Leim, die vier Füße. Auf ihnen ruhte der Schrank. Vier Füße hatte er, wie ein mächtiges, starkes Tier. So dunkel drohend hatte er abends in der Stube an der Wand geschattet, wenn das Licht nicht mehr brannte und die Sterne durch die Scheiben blitzten. Das war der braune, alte Schrank, den Vater auf Abzahlung angeschafft hatte. Der kleine Juppi hatte immer befürchtet, der große Schrank werde einmal umfallen, auf ihn, und ihn erschlagen, wie draußen im Wald eine hohe Tanne beim Niederstürzen einen Mann zerschmettert hatte. Der große Jup hegte nicht mehr eine so ferntörichte Furcht. Er wußte, seitdem er einen Schrank zeichnete, der Kasten konnte nicht umkippen: er stand auf seinen vier Klotzfüßen und war vorne und hinten gleich schwer. Ließ man ihn an der Wand stehn, wo sein Platz war, dann stand er sicher, und man konnte seine Tür auf- und zumachen, so oft es einem Vergnügen bereitete. Links an den Haken hingen die Kleiber des Vaters, rechts die Knabenjoppen und Hosen. Unten lag der Sonntagshut. Juppi hätte ihn beinah auf bas Fußbrett gezeichnet. Aber der wirkliche Hut war verdorben, und Hüte waren nicht die Angelegenheit eines Möbelschreiners So begnügte er sich mit dem leeren, luftigen Linienschrank. So iveit hatte er es gebracht. Es gab noch viele Arten von Möbeln, die zu zeichnen waren: Schreibtische, für die Wohnungen feiner Leute, Gläserschränke für die Gasthäuser, auch Warenschränke für die Kaufleute — einer späteren Uebung behielt Juppi diese Pläne vor. Zunächst dachte er daran, bei koinmender freier Zeit, ble Risse schöner Truhen, Nachtküsten und ähnlicher Kleinstücke der Kunst in sein Heft einzu- fügen. Freilich hätte er auch einmal einen Katafalk entwerfen müssen, wie er zu Ostern in der Kirche aufgebaut war, aber er wiichte solche Düsteren Vorstellungen aus seinem Sinn: an Toten- schrcine und Särge mochte er nicht gemahnt werden. Noch nistete in einer Falte seines Innern das Schreckbild jenes Abends, an dem der Meister in seinem Rausch über dem Sarg gelegen hatte. Montags hieß es wieder: tüchtig anpacken. Der Pfarrer vom Ort hatte ein Büchergestell in Auftrag gegeben, er wollte es bald haben. Ein Büchergestell für den Pfarrer mußte besonders fein ausfallen. Juppi sah das ein: beim Abhobeln der Seitenbretter gab er sich auch die größte Mühe, sie recht glatt zu schleifen. Das Tannenholz wurde so blank und eben rote ein Spiegel. Was war es auch für ein dichtes, lufttrockenes Ho/z. Gelblichweiß, sandfarben, von geschmeidig aufrechtem Wuchs. Der Baum roar auf einem guten Boden gedieh», das sah man an den gleichmäßigen Sätzen seiner Jahresringe. Eine feste Tanne. Kräftig und streng gebaut war auch das Büchergestell und wurde schwarz gebeizt, denn es sollte zu den andern schwarzen kräftigen Möbeln in der Studierstube des Pfarrers passen. Als die Beize trocken war, mußte Juppi das Gestell abliefern. Er hatte es vorsichtig auf einen Handkarren gebunden und durch Lappen geschützt, damit es keinen Schaden leibe, anders als der Schrank, den damals bei der Versteigerung die zwei Vauern- iveiber auf ihrem Handkarren fortgefahren hatten, mit lautem Gerumpel und Getöse. Der Pfarrer stand in seiner Studierstube, wo die Vücherhaufen aufgeschtchtct waren, so krcuzdurchcinander wie die Granitblöcke und Tafeln im Bayerischen Wald — ganze Gebirgslandschaften, Taler und Hügel, zogen sich auf dem Fußboden hin. Zwischen den Stößen und Haufen waren freie Stellen, dahin man vorsichtig Bein für Vein setzte und so durch das Zimmer stieg. Mit des Pfarrers Htlfe räumte Juppi eine Büchermauer von der Wand ab, wo das Gestell Platz finden sollte. Sie fügten die Bretter zu- sammen, zogen sie wieder heraus, nahmen Maß und wurden nicht fertig. „Hast du abends etwas Zeit?" fragte der Pfarrer, „kannst du zu mir kommen und mir ein wenig helfen?" Wieviel schöne Abende kamen nun für Juppi. Abende, die ihn alle Tagesmühe vergessen ließen, die groben Reden, Aufschneidereien und Peinigungen des Obergesellen: Abende, an denen er Reran iw örtlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl keine Maulschellen von der Meisterin bekam, wenn er noch etwas Brot aus der Küche herausklauben wollte, weil er nicht satt geworden war, der Pfarrer hatte immer ein paar Aepfel für ihn,' Abende in einem friedlichen Zimmer, darin nichts fehlte, weder Schreibtisch und Stühle, noch eine Uhr: Abende bei einem freundlichen BUcherleser und Abende, die ihm den Alpdruck vom Herzen nahmen, das düstere Sarggesicht. Ueber zwei Sonntage hin half er dem Pfarrer seine Bücher ordnen. Alte und neue Bücher waren es, die alten hatte der Pfarrer am liebsten, was für Juppi nicht recht einleuchtend war: dicke, braune Schwarten, in Leder gebunden und vergilbt. Bücher in lateinischer Schrift und andere wieder in anderer fremder Schrift, auch Bibeln, Kirchenväter, Predigtsammlungen, Geschichten von der Schöpfung und dem Sternenhimmel, auch Legenden über fromme Männer in Jerusalem und der Wüste. Der Pfarrer erzählte ihm von den heiligen Männern und den heiligen Frauen. Juppi stellte wißbegierige Jungensfragen und fand sie bet dem Geistlichen alle beantwortet. Wenn sie beide, insbesondere am Sonntag, einige Stunden der Arbeit hinter sich hatten, strich der Pfarrer seinem Helfer ein dickes Brot und setzte ihm ein paar Aepfel aus seinem Garten vor. Bei solchem Zusammensein weihte Juppi den Pfarrer in seine Möbelzeichnerei ein. Dem Geistlichen gefiel vor allem eine Schranktür aus einer der ersten Heftseiten. Sie war auffallend gehalten und paßte wohl nur in bessere Zimmer, und wenn er das Geld gehabt hätte, wäre ihm ganz gewiß nichts daran gelegen gewesen, sie in Arbeit zu geben. In den vier Ecken hatte sie große Rosetten, djck wie Polster, die säuberlich ausgeführt waren und rundum Strahlen aussanöten, flammende Muster: es konnten aber ebenso gut Teller von Sonnenblumen sein. Der Pfarrer zeigte dem Fachmann nun auch seine Möbel und meinte, er müsse manches an ihnen ausbessern lassen, leimen und lackieren. Es waren gute Stücke, die Juppi gefielen. Dann ließ ihn der Pfarrer Bilder sehn. Die besaß er in ganz großen Büchern, die nicht nebeneinander gestellt werden konnten, weil sie zu hoch und zu schwer waren. Ins unterste Fach wurden sie gelegt. Es waren dies Darstellungen von Marien aus allen Ländern, die Geburt und das Leiden Christi von deutschen und fremden Malern. Manche schwarz gezeichnet, andere bunt getuscht in wunderbaren Farben. Aber am meisten Eindruck machte auf Juppi, was man alles aus Holz fertigen konnte, aus Balken und Blöcken. Es gab also nicht nur Möbel und Häuser von Holz. Es gab da Gestalten, so groß wie die steinernen in der Kirche, Männer, Frauen, Heilige und Zkpostel, aus Lindenholz, aus Eiche, aus Weimutskiefer: der heilige Sebastian an seinem Baum, durchspießt am ganzen Leib von spitzgeschnitzten Pfeilen, eine Kreuzabnahme, eine Mutter Maria, deren Kleid in hundert feinen Falten niedersiel, Adam und Eva, wie sie einen hölzernen Apfel aßen und von einer hölzernen Schlange angezüngelt wurden. Solche Werke gab es, und sie verwunderten ihn sehr. In den Abbildungen noch konnte mau genau an der Maserung erkennen, aus welchem Holz die Leiber gemeißelt waren. Diese vielen Einfälle und Ausführungen! Da hatte ein längst verblichener Künstler aus einem belaubten Baum mit zierlich geschnitzten Blättern, vielleicht war es eine Buche, ein Kreuz ausgeformt. Der Baumstamm war der Längs- balkeu, der im Grund wurzelte, zwischen Steinen, und zwei mächtige Acste bildeten die Querbalken, daran der Heiland geheftet roar. Die Vildnerei hieß „Der Baum des Lebens". Juppi beschaute den Druck und machte sich seine Gedanken dazu. Gutes Holz, dachte er. Freudevoll strebte es auf, als spürte es nicht, daß ein Sterbender an ihm hing. Es roar Lebensholz, kein Totenholz, rote das Holz der Särge. Klar sahn einen die Augen an, sie schauten bis auf den Grund des Herzens. Witndersam, roie es dem Künstler gelungen roar, solche Augen zu bilden, erhaben über allem Erdenschmerz, über die Gräber und die Toten. Und doch sank die Gestalt schon matt in den Baum hinein, gleich wie in einen Schrein, der sich schließen wollte, in einen Sarg mit einem Deckel von Laub. «o unbestimmt sann und fühlte, in einer frohen Seelcnregung, der kleine Tischlerlehrling. Der Pfarrer aber erklärte ihm die Einzelheiten und die allgemeine Bedeutung dieses Werkes: Der Baum habe keine Früchte, nur eine einzige Frucht, den Menschensohn. Juppi erinnerte sich da an den Tag, wo ihm die Spielzeug- Gret von ihrem Vater, von seinen Baumgeschichten und den Sternen erzählt hatte: wie der einmal im Spessart mit ausgebreiteten Armen eine tausendjährige Eiche umspannte, wie er in einer hohlen Linde einen toten Gärtner als wie in einem Raum- Sarg fand, und er gedachte auch, in der Art eines kaum faßbaren Andenkens an einen bestimmten Harzacruch im Wald, jener nr- alten Fichte aus der Erzählung des Sägemttllers Tttt, die mit ihren vielen Jahresringen ein Kupfcrkrenz umwachsen hatte. „Ein frommes und schönes Gleichnis", sagte der Pfarrer. Sinnend sah er hinaus in seinen Garten, wo die Bäume ihre Wipfel zusammendrängten, und er sprach, roie zu dieser Versammlung: „Das ist der Baum der Räume, der Bgum an der langen Straße des Lebens, llnter ihm findet Schutz und Trost der miihe- beladene Mensch ..." Er legte das Buch in das Fach. Die Gebirgslandschaft der Bücher auf dem Fußboden roar abgetragen. Die Werke, nach Inhalt und Größe geordnet, zierten mtt ihren schwarzen und bunten Rücken die Wände der Studierstube hochhinauf. lFortsetzung folgt.) 'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.