SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195^ Montag, -en 8. Oktober Nummer 78 ßbasSHälsßand / ROMAN VON FRANK F. BRAUN (Fortsetzung.) „Wir kommen nicht darum herum", sagte sie, „es ist geradezu absuro, das zu denken, aber die Perlen muh jemand gestohlen haben, der an diesem Abend unser Gast war!" Frau Olga entstieg der Wanne und warf den Mantel um. Nach kurzer Zeit erschien sie in der Tür. Der Konsul begrüßte sie mit dem Zuruf: „Hast du einen Verdacht?" Er sah auf der Bettkante, hielt die Hände um den Kopf gestützt und wirkte klein und unscheinbar. Gar nicht mehr der große Konsul Finkendey war er, der bekannte Handelsherr; er schien auf seltsame Art zusammengeschrumpft. Frau Olga legte ihm die Hand auf die Schulter. „Lorenz", hob sie an, „geht dir das nahe? Ist es der Verlust als solcher? Doch wohl kaum. Ich will keine Perlen wieder, wenn diese sich nicht finden lassen. Ueber- haupt: Perlen bedeuten Tränen." Er hielt ihre Hand fest. „Es ist nicht das, Olga, ich kaufe dir sofort andere Perlen, wenn du es willst. Aber begreifst du denn noch nicht? Du hast es selber ausgesprochen! Ist dir der Sinn nicht auiqegangen. Einer unserer Gäste! Soll ich sie — Reußner, Strombeck,Brendel, Zurrhelm, Luzius, dann die Damen — nacheinander vor dem Kadi aufmar- fchieren lassen, die Schwurhand erheben: ich stahl nicht die Perlen ..." „Das geht natürlich nicht", sagte Frau Olga. Sie sann nach. Der Konsul stieß hervor: „Wenn man die Polizei überhaupt nicht benachrichtigte?" Die Gattin nickte. „Du hast recht; Luzius ist Assessor bei der Staatsanwaltschaft, es genügt sicher, wenn wir Luzius einweihen und ihn bitten, sozusagen unter der Hand die Nachforschungen anzustellen. Uns ist nicht gedient, wenn Staub aufgewirbelt wird, Lorenz." „Natürlich nicht. Schon Strombecks wegen möchte ich alle polizeilichen Maßnahmen vermieden wissen. Was soll der Holländer denken, mit wem ich ihn hier zusammengebracht habe!" Der Konsul sprang auf, lief durch das Zimmer und geriet in einen neuerlichen Zornansall. „Es ist doch unglaublich! Wer kann diese Schuftigkeit begangen haben? Man sagt, die Motive verraten den Täter. Was für Gründe, kann man annehmen, veranlassen eine Person, unfern Perlenschmuck zu entwenden?" „Die Not", sagte Frau Olga sinnend, „oder die Gelegenheit." Und sie hob mit einem Ruck den Kopf. „Laß uns auch Ewald Brendel einweihen, Lorenz, zwei Augenpaare fehen mehr als nur eines; und dann — die beiden überwachen sich." Konsul Finkendey sah feine Frau an. „Olga", forderte er gedämpft, „was steckt hinter diesem Vorschlag?" Sie legte den Arm um seine Schulter. „Bitte, denke nicht, daß dies ein Verdacht ist oder nur die Andeutung eines solchen. Es schoß mir nur so durch den Kops: Luzius spielt, hörte ich." Der Konsul nahm den Blick nicht zurück. „Brendel hat eine Geliebte", sagte er, „eine Soubrette, wie ich hörte; die Dame wird auch seine Kasse belasten", und er sprach nut gesenktem Kops: „Wenn man so anfangen will, ist es das Ende allen Vertrauens. Zurrhelm ist in chronischer Geldverlegenheit, unser Hauslehrer ist auch nicht reich von Haus aus —" Sie schloß mit der slachen Hand seinen Mund. „Laß das, Lorenz, es ist entsetzlich, das auszumalen. Leute, die um uns waren, die nur schätzen — ich wollte, ein Wunder geschehe!" „Das wünschte ich auch", meinte der Konsul nickend: „ich zahle dem Dieb den vollen Preis, legte er die Perlen in den Kasten zuruck und verschwände." „Aber du würdest wissen wollen, wer er ist? „Natürlich", antwortete der Konsul. „Reinliche Trennung und Scheidung. Ich muß wissen, wem ich die Hand gebe." Dann nahm °r das Telephon ab und rief im Hotel Europa an und erfuhr, Herr Ägessor Luzius fei noch nicht im Zimmer. Er wartete nicht sondern lieh sich an- Ichließend mit seinem Neffen Brendel verbinden. Der wurde ja Ijoffent- lich im Haufe fein. Ja, Brendel meldete sich. Der Konsu sprach nur em paar Worte und er hatte Brendels Interesse. „Ist es nicht am besten, wir kommen zu dir, Onkel Lorenz?" „Wer, wir, lieber Junge?" „Ach so Assessor Luzius sitzt hier bei mir. , .. „Ja", sagte der Konsul, „das wäre recht freundlich, wenn ihr beide kommen würdet." ~ , n „So erwarte uns in zehn Minuten, Onkel Lorenz. Der Konsul hängte ab. „Dein Vorschlag, Olga, muß '" der Lust gelegen haben. Brendel und Luzius wären sowieso gemeinsam hergekommem Sie sitzen noch zusammen." Und er sah seine Gattin an. „Willst du nicht i^troos anziehen, Olga, wenn die jungen Manner kommen? Frau Olga lachte auf. „Lorenz", sagte sie, „du redest manchmal ganz reizende Sachen und beliebst an Selbverständlichkeiten im Frageton zu erinnern." Der Konsul nickte; er hatte zu dieser Stunde kein Gesühl für dieses kleine Wortgefecht. Brendel und Luzius betraten das Haus durch den Vorgarten. Im Zimmer zu ebener Erde brannte Licht. Konsul Finkendey empfing die beiden Freunde und führte sie sofort in den ersten Stock in bas Schlafzimmer. Frau Olga blieb zunächst unsichtbar, aber Assessor Luzius bat den Konsul, die Gattin zu rufen. Mit Frau Olga zugleich tauchte Doktor Bellmann auf; er hatte bas Hin unb Her im Hause gehört unb war, ba er lesenb noch aufgewesen, gekommen, sich zur Verfügung zu stellen. Der Konsul klärte ihn unb bie beiben Juristen mit einigen Worten auf. Er wußte ja selber nicht viel. Seine Gattin beschrieb noch einmal ben Vorgang, wie sie sich umgetleibet hatte, borthin waren von ihr die Perlen gelegt worben, ganz ohne jeben Zweifel! Dann war sie sofort zur Gesellschaft zurückgekehrt. Luzius sah sich im Zimmer um. Er trat vor ben hohen Ankleibefpiegel, blieb aber in genügendem Abstand vor dem Glas stehen. „Sie haben sich gepudert, gnädige Frau, bei dem Kleiderwechsel? Erinnern Sie sich an den Vorgang?" Frau Konsul Finkendey sah Luzius an. „Gewiß, rote kommen Sie darauf?" „Sie haben in der Hast eine ziemliche Menge Puder dort auf den Teppich geschüttet. Bitte, treten Sie nicht zu nahe, es ist wichtig, daß die Fußabdrücke dort vorm Spiegel erhalten bleiben." „Wahrhaftig", sagte Brendel, „ein Schuh hat sich abgedrückt; nicht sehr deutlich, aber man erkennt, der Schritt kam von der Tür und ging in die Richtung zum Fenster, also vielleicht auf den Schmuckkasten zu." Luzius nickte. „Es ist ein spitzer Schuh", sagte er und kniete am Boden. „Würden Sie die Schuhe, die Sie vorhin trugen, zum Vergleich herholen, gnädige Frau, wir werden dann sogleich wissen, ob es Ihre eigene Fußspur ist." Ich habe die Schuhe schon herausgestellt", sprach Frau Olga. „Warten Sie ..." „Darf ich? Gnädige Frau bemühen sich bitte nicht." Doktor Bellmann war bereit und ging hinaus, die Schuhe hereinzuholen. „Ihre Fußspur, Herr Konsul", stellte Luzius mit einem Blick fest, „haben wir hier nicht, das ist gewiß; wenn auch die Schuhe der gnädigen Frau breiter oder länger find, dürften wir hier die Spur des Diebes haben. Jedenfalls einer Person, die dieses Zimmer betrat, nachdem Sie, gnädige Frau, den Perlenschmuck abgelegt halten." „Daß Sie die unauffällige Fährte sogleich fanden, Herr Assessor .. Luzius war kaum geschmeichelt. „Es ist sozusagen etwas aus meinem Beruf", meinte er, „ich bin mit dem Kriminalkommissar ständig der erste am Tatort eines Verbrechens." „Glauben Sie, daß sich an Hand dieser Spur der Dieb ermitteln läßt?" „Das ist nicht ausgeschlossen. Wir haben jedenfalls einen Anhalt. Der Dieb kam durch jene Tür herein; er war offenbar ortskundig, denn er schritt sofort auf den Schmuckkasten zu." „Das können Sie nicht behaupten, Luzius", sagte Brendel. „Wie lange die Person an der Tür gestanden hat, vielleicht das Licht einer Taschenlampe im Zimmer herumwandern ließ und sich orientierte — darüber jagt die Puderspur nichts aus." Luzius, noch am Boden, sah zu Brendel auf. „Das mag auch fein", räumte er ein. Er richtete sich auf. „Wo bleibt der Herr Doktor Bellmann mit den Schuhen?" Frau Olga ging zur Tür und öffnete sie, aber sie brauchte nicht zu rufen oder Umschau zu halten; gerade kam der Gesuchte. Er war außer Atem; die Schuhe jedoch hielt er in der Hand. „Wo bleiben Sie denn so lange, die Schuhe standen doch hier vor der Tür!" „Das übersah ich, gnädige Frau; ich bin in den Keller gegangen, habe in der Putzkammer gesucht unter den vielen Schuhen, die bas Mädchen dort zusammengetragen hatte." „Sie sind ein Held, Doktor, Sie geben dem Dieb ja Vorsprung." Doktor Bellmann gab die Schuhe an den Assessor. „O nein", entschuldigte er sich verlegen, „bas buch gewiß nicht." Luzius nahm bie Schuhe, kniete sich vor her Puberspur hin unb prüfte unb verglich. Dann kam er roieber hoch. „Es ist ganz sicher nicht Ihre Spur, gnäbige Frau. Brendel, Herr Konsul, sehen Sie sich das an. Aber warten Sie, daß nicht ein Zufall die Fährte verwisch, " Er breitete einen Schreibebogen, den er aus der Brusttasche nahm, auf dem Teppich aus und zeichnete die Fährte ab; sehr genau und auf jede Einzelheit Mit Mii K «tubt achten-. Diese Zeichnung war vielleicht einmal der letzte Beweis! Dann schauten sich Frau Olga, Brendel und der Konsul die Fährte an. Alle hockten sie an der Erde; es sah recht merkwürdig aus. Doktor Bellmann tippte achtsam den Finger in die weiße Spur und führte das Quäntchen Staub, das er mitbekam, an die Nase. „Wahrhaftig, Puder , sagte er. Der Konsul und Luzius blickten sich an. Dieser Hauslehrer war im praktischen Leben ein kleiner Schasskopf; er hörte an dem Sinn der Untersuchung hier glatt vorbei. Luzius suchte die Wände ab, den Türgriff unterzog er einer genauen Betrachtung und den Schmuckkasten-, aber es war vergebens. Alle diese Dinge waren inzwischen von vielen Händen berührt worden, eine etwaige Spur, wenn sie bestanden haben mochte, war längst verwischt. „Und was geschieht nun?" drängte der Konsul. . Luzius sah ihn groß an. „Es wird etwas geschehen. Aber nicht in ble',e,ÄannUmän aus der Spur etwas feststellen?", fragte Doktor Bellmann, „wissen Sie schon etwas, Herr Assessor? , Luzius neigte den Kopf. „Ich weih schon viel zu viel, sagte er nachdenklich. , „Aber dann sind Sie ja wahrhaftig em Detektiv! Luzius fügte gegen den Boden: „Das ist ein bewunderter, aber manchural trauriger Beruf, lieber Herr." Dann gab er allen die Hand und brach auf. Brendel begleitete ihn. Doktor Bellmann wünschte eine angenehme Ruhe und zog sich zurück. Der Konsul begann seine Weste wieder aufzutnöpsen. „Spitze Schuhe", knurrte er, „eine schone Spur. Alle Damen, die meisten jungen Leute dazu tragen heute mehr oder weniger spitze Schuhe. Auf dies Mehr oder Weniger von Zentimetern eine Theorie aufzubauen ist kühn. Ich würde lieber feststellen, wer den Mufikmlon verlassen hat, während Brendel spielte." „Nur der Assessor selber", sagte Frau Olga. Sie sah ihren Mann an, und ihr Blick war eindringlich. „Das war es, was ich Vir vorhin ver- Konsul legte mit zitternden Fingern die Uhr aus den Nachttisch. „Olga...", stotterte er mehr, als daß er es sprach. ‘trau Olga warf ihre Kleider ab und schlüpfte in em anderes Gewand. Sie löschte auf ihrer Selle das Licht. „Ich mag nicht mehr, äußerte sie klagend wie ein Kind, „diese gräßliche Geschichte habe ich nicht verdient." Und sie versteckte den Kopf in die Kissen. , Na na, Olgachen", meinte der Konsul; er streckte feine Hand aus, diesen geliebten Kopf zu streicheln, fand sich noch halb angekleidet und beeilte sich, in das Bett zu kommen. Das letzte Licht im Schlafgemach der Fmkendeys erlosch, als Brendel und Luzius sich gerade am Marktplatz-befanden und einander zum Abschied die Hand reichten. „Was wollen Sie tun?" — „Ich weiß es wahrhaftig nicht, Brendel. Fragen Sie mich nicht. Morgen wird sich das alles kühler und klarer überdenken lassen." „Das hoffe ich mit -öhnen, 9Uttiu3iuTn>intte einer Autodroschke. „Nach Hause", sagte er und stieg ein Der Fahrer sah sich lächelnd um. „Wo ist Ihr Zuhause, Herr? Luzius griff sich an den Kopf. „Hotel Europas, gab er an. Der Wagen fuhr rasch davon, denn die Straße war um diese Zelt wenig belebt. Der Mann in den Polstern fühlte sem Herz tm Hirn hämmern. Wie immer er dieses alles überdachte, er gelangte stets zu demselben Ende. Einen Schmuck stahl jemand, der in Slot war; jemand, dem das Wasser bis zum Halse stand. Diesen Schmuck der Frau Finkender) hatte einer gestohlen, der spitze Schuhe getragen hatte. Sonst weiht du nichts, Luzius? Und da war dem Mann, den ein Auto durch die nachtftillen Straßen trug, als spüre er wieder den kurzen spitzen Schmerz eines Trittes an feiner Wade. Sie tragen verflixt spitze Schuhe, lieber Zurrhelm... Er stützte den Kopf in die Hände; die Hände auf die Knie. Ins Hotel jetzt; mich umziehen. Man kann nicht im Abendanzug zu jemandem hingehen und jagen: Sie sind der Dieb! ■ Und er spürte ein wehes Gefühl in der Nahe des Herzens und dachte: doch, doch; es ist schon so, zu gerade diesem Dieb konnte ich auch im Abendanzug gehen. Denn Tragik, nicht wahr, erfordert doch jtets den Die Straße rollte auf. Ein Platz war da mit Rasen und dunklen gereckten Bäumen darüber. Hell flammte das Transparent: Hotel Europa. Assessor Luzius stieg aus. Drittes Kapitel. Der phantastisch gekleidete junge Mann riß die Tür zurück und Assessor Luzius betrat das Hotel. Er nahm seinen Schlüssel in Empfang und fuhr im Fahrstuhl in den ersten Stock. Zimmer 112. Nummer 114, die nächste Tür war geschlossen. Strombeck war also wohl schon zur Ruhe gegangen. Luzius war nicht müde. Diese Geschichte erregte ihn und hatte ihn noch viel länger wach gehalten. Er versuchte, sich das gestohlene Schmuckstück oorzustellen. Ja, er erinnerte sich, ein Kollier mit selten schonen großen Perlen in der Mitte hatte Frau Konsul Finkendey getragen. Nicht hastig, aber auch nicht Zeit habet vertrödelnd, kleidete er sich um. War es richtig, noch in dieser selben Nacht zu Reginald Zurrhelm zu sahren und eine Aussprache herbeizuführen? Ja, es würde richtig sein! Wenn sein Verdacht — ach, diese traurige Gewißheit! —, daß Reginald Zurrhelm in einer unbegreiflichen Verwirrung den Schmuck an sich genommen hatte, sich bestätigte, dann mußte sofort etwas geschehen. Was, wußte Luzius nicht. Er konnte es sich auch nicht vorstellen. Sollte Zurrhelm dem Konsul den Schmuck wieder hinbringen? Unmögliche Situation! Er sah Reginald Zurrhelms blasies Gesicht vor sich; dessen zer- flatternbe Bewegungen waren ihm sofort am Abend aufgefallen. Er hatte alles auf diese Enttäuschung, auf die schmerzliche Absage aus Breslau zurückgeführt. Nun meinte er klarer zu sehen. Reginald Zurrhelm hatte mit ihm am Tisch gesessen und trug das Perlenkollier bereits auf der Brust! Zurrhelm war gar nicht nach Hause gegangen. Er hatte nur einen Vorwand gesucht, sich entfernen zu können. — Man hatte den Garten noch nach Fußspuren abjuchen sollen. Es war dunkel; morgen wird noch Zeit dazu sein. Zurrhelm mag, während wir Brendels Spiel zuhörten, durch eine andere Tür — Küche oder Hofseite — wieder in das Haus gekommen fein. Er ging in das Schlafzimmer, er kannte sich aus in dem Haufe, und nahm den Schmuck. Dann verließ er das Zimmer roie er gekommen war, oder er wartete eine Weile im Flur, ehe er zu uns ftief) Luzius hielt die Gedanken an. Muß es so fein?, dachte er. Die Spur im Schlafzimmer, Zurrhelms spitze Schuhe — genügt bas mtrtlia)? Uno er grübelte. Da war doch niemand weiter, dem man diese Tat hatte zutrauen können... Die Reußners, das galt als ausgeschlossen. Frau Barbara und Jan Strombeck, — da spielten ganz andere Interessen Doktor Bellmann trug breite Schuhe, er hatte das unaussallig festgestellt, als jener mit den Schuhen der Frau Konsul vor ihm gestanden hatte. Die Tochter Mita — zweifellos würde man da auf spitze Schuhe stoßen, aber der Verdacht war lächerlich. Der Primaner, wie hieß er?, Win- qart Auch der kam nicht in Betracht. Es war schon so, und seine Mutmaßungen bestanden zu Recht; alle äußeren Umstände wiesen darauf hin, in Reginald Zurrhelm den Dieb zu suchen. Zurrhelm brauchte Geld. Er fühlte, daß Barbara sich ihm entfremdete. Es war dumm und plump, diese Perlen zu nehmen, aber Zurrhelm hatte die Nerven verloren. Die Stunde verführte ihn und die Gelegenheit. Luzius" Gedanken rissen ab. Nebenan in Strombetts Zimmer schlug gedämpft, aber hörbar das Telephon an. Luzius hätten nicht zu sagen gewußt, wie ihm die Idee kam; es war nicht einfach Neugier; Jan Strombecks Telephongefprache hatten ihn bisher nicht interessiert; aber in dieser Minute, aufgereizt, hellhörig und witternd, schien ihm das ein Signal, das er beachten sollte. Er riß seinen Koffer auf und nahm den Hörverstärker heraus, legte auch bereits den Revolver, den er nachher zu sich stecken wollte, auf den Tisch. Dann hielt er rasch den Hörverstärker an die Wand, hinter welcher Strombeck sprach, und lauschte. Er hatte Glück, nicht nur Herrn Strombett verstand er, sondern — wundervoll exakt gearbeiteter Apparat — auch die andere Stimme im Telephon. Wenn er es nicht bereits geahnt hätte, wäre ihm schon nach wenigen Sätzen klar geworden, daß zu dem Mann dort nebenan Frau Barbara Zurrhelm sprach. Reginald ist noch einmal fortgegangen. Und willst du nicht auch Weggehen? Er kann jeden Augenblick zurück fein. Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Er war fo erregt. Mir ward Angst. Jan, ich glaube, er hat etwas gemerkt! Dann komme sofort zu mir! Nimm die kleine Lilly und komm im Auto her! Du weißt, ich bin jede Stunde bereit. Morgen sind wir auf hoher See und sicher vor den törichten Launen deines Mannes. Barbara? Hallo, Barbara?... „ „Es besteht keine Verbindung mehr, mein Herr, hangen Sie an. Luzius fetzte den Hörverstärker ab; hier hatte das Fräulein vom Amt das letzte Wort gesprochen. Aber er würde eine neue Anknüpfung willen. Er packte den Apparat wieder ein und verschloß sorgfältig den Koffer. Als er den Hut schon in der Hand hatte, fiel ihm der Revolver ein. Er griff ihn auf und tat die Patronen heraus. Platzpatronen würden genügen, wenn er nachts irgendwo angegriffen werden sollte. Ader ich will ja gar nicht in das Verbrecheroiertel, dachte er selber verwundert und fügte doch die unschädlichen Patronen in die Waffe und steckte sie zu sich. Dann endlich ging er. Der Portier war erstaunt, äußerte aber nur ein Selbstverständliches: „Der Herr gehen noch einmal aus? , und erwartete keineswegs eine Antwort, sondern empfing dankend den Schlüssel. Luzius trat auf die Straße. Eilig ging er den Weg, den er kannte; die zweite Querstraße würde die Platanenallee fern, in der Regmald Zurrhelm wohnte. Würde er noch zurechtkommen, den Freund vor der Tür abpaffen zu können? Wo mochte Zurrhelm Herkommen? Hatte er die Perlen verkauft ober wenigstens fortgebracht? Möglich; es konnte von feiner Seite aus nur klug fein, sich ihrer noch in derselben Nacht zu entledigen. m n Dies war die Platanenallee; er langte vor dem Hause Nummer 9 an. — Und dann geschah alles wie in einem Film. Luzius trat in den Schatten eines Baumes, und am Ende der Straße kam eine Gestalt heran, die Luzius bald schon als den gesuchten Freund erkannte. Er drückte sich unwillkürlich in den dunkelsten Schatten. Rasch überlegte er ein letztes Mal. Trat er dem Freund entgegen, stellte ihn hier auf der Straße mit hartem Zuruf und sagte ihm die Tat auf den Kopf zu? Unmöglich! Fragte er ihn, bot er ihm Hilfe und Unterstützung an? ... Luzius, unklar, was die nächste Minute bringen würde, nur wünschend, daß es die Entscheidung sein möge, lugte hinter seiner Platane hervor. Er brauchte nicht sehr vorsichtig zu sein. Die Straße war nur mäßig erhellt, da sie als Wohnstraße keinen nennenswerten Verkehr hatte. Reginald Zurrhelm kam langsam heran. Sein Gang hatte etwas Schweres, Schwerfälliges; feinen Handstock trug er vor sich her; er kam heran wie ein Träumender. Dann, nach wenigen Metern geriet (ein Gesicht in das spärliche Laternenlicht und war erhellt. Da sah Luzius: Zurrhelm wandelte mit weit offenen Augen, und aus diesen großen Augen rannen Tränen, die jener nicht abwischte. Luzius erschrak. Das Schauspiel war so unerwartet und — beklemmend, dieser große Mann kommt auf der nachtftillen Straße heran und weint und achtet es nicht, weil der Schmerz viel tiefer sitzt — daß Liizius einfach die Minute, den seltsamen Bekannten passieren lieh unö erst aus seiner Erstarrung erwachte und freikam, als die fjaustur krachend, ein Schuß, ins Schloß schlug. Ihm nach! Aber da drehte sich ein Schlüssel knirschend herum, und Schritte entfernten sich gegen das Innere des Hausflurs hin. Luzius begriff das Untragbare der Situation, jetzt an das Tor zu laufen, zu klopfen, Zurrhelm zurückzurufen und Den Vorwurf zu erheben ober bie Anklage. Worte würben biefen Mann m gerabe biefer Minute nicht erreichen. > (gortfegung folgt.) Wer äntoine B t Mei .- bod Wl hinten, himh« pt Liel tato ran! htidjtn Luis q iujöfi! *m Soi]n e i tjrai Bat nun! hier Suiten «tuatit ü Mi Mui «i, Min Wjtei Sie * Mlltio liriobe srüeib sb in ’M tu ®b gel Net Mbl 'Me •'M» :>s 11: Jho ■M Dem unbekannien Gott. Don Friedrich Nietzsche. Noch einmal, eh' ich weiterziehe und meine Blicke vorwärts sende, heb' ich vereinsamt meine Hände zu dir empor, zu dem ich fliehe, dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, daß allezeit mich deine Stimme wieder riefe. Darauf erglüht tiefeingeschrieben das Wort: dem unbekannten Gotte. Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte auch bis zur Stunde bin geblieben: Sein bin ich — und ich fühl' die Schlingen, die mich im Kampf darniederziehn und, mag ich fliehn, mich doch zu seinem Dienste zwingen. Ich will dich kennen, Unbekannter, du tief in meine Seele Greifender, mein Leben wie ein Sturm Durchschweisender, du Unfaßbarer, mir Verwandter! Ich will dich kennen, selbst dir dienen. Oer Maler der galanten Feste. Zur 250. Wiederkehr von Wakkeaus Geburtskag. Von Ernst v. Niebelschütz. So herrsche denn Eros, der alles begonnen! Goethe. vor kurzem war Lands- Traditionen Paris auf- Sohn eines Dachdeckers getauft wurde. Die Stadt war erst an Frankreich gefallen. Watteau hatte also olämisches Blut in seinen Adern, er mann des Rubens, Erbe der erlauchtesten malerischen Wer in der Kunstgeschichte ohne Etikettierungen nicht auskommt, gerät Antoine Watteau gegenüber, in dessen „fetes galantes" schon der große Friedrich den Inbegriff französischer Anmut verehrte, in Verlegenheit. Wo wir ihn zu fixieren suchen, entzieht er sich oder zwingt uns doch, einem Satz, den man über ihn ausspricht, sogleich ein „aber" hinzuzufügen. Er lebt in einer Uebergangszeit, steht zwischen zwei Zuständen, zeitlich und räumlich, der Geburt und dem Stil nach. Mit seinen traumhaft schönen Bildern, die fast alle der sinnlichen Seite des Lebens, der Liebe und der Galanterie gewidmet sind, hat er das französische Rokoko vorweggenommen, und doch fällt der weitaus größere Teil seines kurzen Lebens in das Zeitalter des Sonnenkönigs, formengeschichtlich ge- prochen des Barock, oder, wie die Franzosen den Stil nennen: des .ouis quatorze. Wir huldigen in Watteau den besten Eigenschaften des ranzösischen Geistes, auch wenn wir wissen, daß er gar nicht Franzose, andern aus Valenciennes gebürtig ist, wo er am 10. Oktober 1684 als Flanderns. Und wenn wir den Achtzehnjährigen 1702 in . tauchen sehen, so wissen wir heute, was das in der künstlerischen Situation der Jahrhundertwende zu bedeuten hatte. Ein hervorragender Mensch erscheint nicht irgendwo und irgendwann ohne eine innere Sendung. Watteaus Aufgabe war, als der letzte und größte der zum Pariser gewordenen Vlamen den alten Streit zwischen der französischen Regelkunst und dem germanischen Naturgefühl, den Streit zwischen Linie und Farbe, zwischen Rhetorik und Wirklichkeit, man kann auch sagen: zwischen Poussin und Rubens zugunsten des niederländischen Kolorismus zu schlichten. Die Entwicklung drängte in den letzten Lebensjahren des vergotteten Selbstherrschers zu einer solchen Entscheidung. Man war des steifen Zeremoniells am Hofe zu Versailles längst überdrüssig geworden. Die Periode der Allongeperücke, der geschnittenen Taxushecken, der marmor- oerkleideten Prunkgemächer und der heroischen Stoffe auf der Bühne und in der bildenden Kunst neigte sich ihrem Ende zu. Man verlangte nach mehr Freiheit von der Etikette am Hofe, nach größerer Farbigkeit und gebrochenen Tönen, nach anmutigen Gegenständen und einer ausgelockerten Komposition im Bilde. Als 1715 der alte Despot nach einer unwahrscheinlich langen Regierung endlich starb, war der Sieg der Da- einsfreude entschieden. Die einstimmige Aufnahme Watte aus, als „maitre des fetes galantes" in die Pariser Akademie war das äußere Zeichen dieses Triumphes. Die ihm noch zugemessene knappe Lebenssrist bis 1721) gehört der Zeit der Regentschaft (Regence) des Herzogs Pht- ipp von Orleans an. Den eigentlichen „Louis quinze", der unserem deut- chen Rokoko entspricht und als dessen Begründer Watteau gefeiert wird, ’)at er also nicht mehr erlebt. Sein Genius, der etwas Einmaliges war, !«ht sich weder in das abklingende Zeitalter der Lebrun und L a r - Jilliere, noch in das neue der Boucher, Fragonard und Chardin einordnen. Zwischen hohler Grandezza und ausschweifender Frivolität hält er die harmonische Mitte. Schon die Titel seiner meist kleinen Gemälde - viele sind erst spater spekulativer Absicht erfunden und klingen liederlicher als ihr^ Inhalt ft - lassen die veränderte Zeitstimmung erkennen Seheri wir von den ruhen Bildern aus dem Soldaten- und Bauernleben °b, die deutlich pnug die vlämische Herkunft verraten, und halten uns an dieWerke einer Hauptschaffensperiode von etwa 1710 bis 1721, so weistn alle Mdbezeichnunaen auf die mehr oder weniger harmlo)en Freuden der vornehmen Gesellschaft hin: der verwirrende Vorschlag, die unruhig Liebende, die Abendtoilette, der Nebesunterricht, der Fehltritt, das Liebessest, die Musikstunde, ländliche Vergnügungen, und wie sie sonst noch heißen mögen. Zahlreich sind die Darstellungen aus der französischen und italienischen Komödie und die Bilder mit musikalischen Themen, deren innere Klangfülle es verständlich macht, daß man Watteau den „Mozart der Malerei" genannt hat. Die Farbe ist hier in einem höheren als dem stofsgebundenen Sinne musikalisch; sie bevorzugt die gedämpften Töne: ein Resedagrün, ein silbriges Blau, ferner Rosa und Taubengrau, und verbindet sie mit Darstellungen, die gegenständlich viel weniger „interessant" sind, als die Bildtitel erwarten lassen. Junge Paare in Parklandschaften sind auf grünen Matten gelagert oder vertreiben sich die Zeit mit Gitarrespiel und Blindekuh. Diese seidigen Damen und ihre Kavaliere sind da, zu lieben und geliebt zu werden. Dem feurigen Begehren antwortet ein nüancenreiches Spiel von Versagen und Gewähren, aber nie mischt sich in diese Grammatik der Liebeskunst der dem späteren Rokoko geläufige Ton der Frivolität. Watteaus Malerei ist dem Kultus des Weibes gewidmet, er opfert feinem Idol in so zarter und verehrender Weise, daß sich selbst ein Bild wie die berühmte „Einschiffung nach C y t h e r a", der Aufbruch der Liebespaare zur seligen Insel, mehr in einem holden Märchenlands als in der Wirklichkeit abspielt. Dieses Gemälde des Louvre — das Exemplar des Berliner Schlosses ist eine zweite, in den Figuren veränderte Fassung — darf als die Krone von Watteaus mittlerer Zeit gelten, besonders in der wunderbaren Kunst der Verschmelzung des Figürlichen mit einer traumhaften, nur in der Sehnsucht existierenden Landschaft, in deren Schoß sich die Einschiffung der Liebenden wie ein Wunder vollzieht. lieber diesem Stimmungsmäßigen sollte man aber den Fortschritt in der Bildkomposition nicht übersehen: wie es Watteau erst hier gelungen ist, vom Einzelmotiv loszuksmmen, wie er Figur mit Figur verknüpft und die Gruppen einer Art Figurengirlande einreiht, innerhalb deren kein Glied ohne Stärkung des unerhört durchdachten Gesamtaufbaus wegzudenken ist. Diese Kunst der Gruppenkomposition hat dann noch einmal in einem Spätbilde, dem berühmten Firmenschild für Kunst Händler Gersaint, einen der herrlichsten und unwiederholbaren Triumphe der französischen Malerei ermöglicht. Das Bild, eine der vielen Watteau-Erwerbungen Friedrichs des Großen, hängt heute im Vorraum der Goldenen Galerie des Schlosses in Charlottenburg. Wer aber war der Schöpfer dieser malerischen Köstlichkeiten? Doch wohl ein verzogener Liebling der Götter, eines jener seltenen Kinder des i Glücks, denen des Lebens goldener Baum die Früchte reif in den Schoß j fallen läßt? Weit gefehlt. Ein armer Schwindsüchtiger, häßlich von Ange- i sicht, menschenscheu, ein Enterbter, der von den Märchenprinzen und Prinzessinnen, die fein Pinsel gemalt hat, wahrscheinlich nie eines Blickes gewürdigt worden ist. Watteaus Malerei, so sehr sie Ausdruck eines Zeitalters ist, wenn auch freilich mehr eines erdichteten als eines wirklich so gewesenen: im tiefsten Grunde ist sie doch die Bestätigung eines Nietzsche-Wortes, wonach sich alle wahre Kunst als ein gegen das Elend des Lebens ausgerichteter Wall zu erkennen gibt. Oer Eroberer JRomö und der Seeräuberkönig. Ein originelles Schwindlerpaar des 18. Jahrhunderts. Von Hans Haucke. Copyright by I. L. A., Wien. Die Bewohner von Amsterdam konnten im Jahre 1715 ost einen Mann von ungewöhnlicher Erscheinung durch die Straßen ihrer Stadt i wandeln sehen. Schon seine Kleidung verriet, daß er sich in schwerer finanzieller Bedrängnis befand. Er trug die zerrissene und abgenützte Uniform eines österreichischen Generals, deren Tressen und Knöpfe längst erblindet waren. Seine Perücke war unfriesiert und ohne Puder, seine Stiefel waren nur notdürftig geflickt und ließen an vielen Stellen den nackten Fuß sehen. Gleichwohl war die majestätisch daherschreitende Persönlichkeit auf allen ihren Bettel- und Bittgängen ständig von einem untertänig ihr nachgehenden Diener begleitet, der sich in noch defekterem Bekleidungszustand befand. Man kannte den Mann, der unermüdlich an allen Stellen erschien, wo Bedürftigen Unterstützung gewährt wurde: beim französischen protestantischen Konsistorium, bei den Haushofmeistern der ausländischen Gesandten, bei den großen Handelshäusern. Man wußte von dem unruhigen und abenteuerlichen Lebenslauf dieses Philipp Marquis von Langallerie, der sich als Gewaltmensch und Querulant in allen Armeen Europas unmöglich gemacht hatte, und der nun hier, in Amsterdam, getrennt von Frau und Kindern, ein jämmerliches Bettlerdasein führte. Plötzlich, im Mai des Jahres 1716, nahm man mit Erstaunen wahr, daß sich in den Verhältnissen des Marquis von Langallerie eine auffallende Veränderung vollzogen hatte. An Stelle des zerlumpten Dieners waren mit einem Male vier glänzend livrierte Lakaien getreten. Nicht genug damit, nahm der Marquis noch einen Kammerdiener und einen Haushofmeister auf, bezog ein prächtiges Quartier und zeigte sich in einer eleganten Equipage in den Straßen Amsterdams. In seiner Gesellschaft sah man ständig einen anderen Herrn, von dem man nicht mehr wußte, als daß er sich den Namen eines Grafen von Leitungen ; beilegte. Allerhand wurde über den Ursprung dieses plötzlichen Reichtums i gemunkelt. Was dagegen vor aller Augen offen dalag, war erstaunlich und aufsehenerregend genug. Langallerie, bis vor kurzem noch eine ständige Er- : scheinung bei allen stadtbekannten Wohltätern, kaufte zur namenlosen Verwunderung aller, die ihn kannten, mit barem Geld eine Fregatte, sodann eine zweite, die er zur Hülste bar bezahlte, nahm zu ungewöhnlich hohem Lohn Matrosen auf, stellte einen ehemaligen Offizier als I feinen Adjutanten in feine Dienste und bald daraus einen gewissen l Linvier, der in Amsterdam ein Büro errichtete und förmlich als Gesandter Langalleries auftrat. In dieser feiner Funktion erschien Linvier bei dem dänischen Gesandten in Amsterdam, von Stöcken, und erklärte ihm, er beabsichtige im Namen feines Herrn mit dem König von Däne- Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'iche Universitäts-Duch-und Steindruckerei. R. Lange. Dieben. mark einen Vertrag zu schließen, nach dem es Langallerie gestattet wer- den solle, auf dänischem Boden ein Lager für 20 000 Mann zu errichten. Der dänische Gesandte verhielt sich diesem Vorschlag gegenüber nicht gerade ablehnend, erklärte jedoch, man müsse sich erst einmal über die wirklichen Absichten des Proponenten klar werden. Diese wirklichen Absichten waren nun allerdings von einer phantastischen Abenteuerlichkeit. Was die Herren Langallerie und Leimngen planten, war nichts Geringeres, als dem Papst den Krieg zu erklären, die Stadt Rom zu erobern und sie dem Sultan zu Fußen zu legen, Zu diesem Behufs wollten sie in Dänemark ein Söldnerheer zusammenziehen und mit den gekauften Schissen ihre Truppen in einem Hafen des Kirchenstaates überraschend landen. Ein förmlicher Staatsvertrag zwischen dem türkischen Gesandten und den beiden Abenteuerern bilbete die Grundlage dieses Unternehmens, datiert: „Haag, den 15. des Monates Zilhezzi des Jahres 1128", dessen grotesker Inhalt hier im Auszug wiederaeqeben werden soll, um die Kühnheit der beiden Schwindler und die Leichtgläubigkeit ihrer Umgebung sinnfällig zu illustrieren. Der Vertrag fand sich nach dem in Wien erfolgten Tode Langalleries unter feinen nachgelassenen Papieren. Zunächst einmal werden in diesem tollen Dokument die Vertragspartner mit ihren vollen Namen genannt: von der einen Seite „Osman Aga, Aga der Spahis und des Meeres im Namen des allergrößten unb aller« grobmächtigsten Kaisers der Türken, der da gekrönt ist von der Sonne und vom Mond"; aus der anderen der „überaus mächtige uni) durchlauchtigste Landgraf von Leimngen, Fürst des Römischen Reiches, souveräner Fürst von Chabanois, Großadmiral der Theokratie etz. etz., und der mächtige und hochedle Herr Marquis von Langallerie, Grohmarschall und Oberbefehlshaber der gleichen Theokratie, Herr der alten Baronie Pojetou an der Caronne, Präsident und erster Edelmann der Provinz von Taitonge, Generalgouverneur in der Provinz Bretagne, Statthalter des Königs von Frankreich in der Provinz Perigord, General-Feldmar- fchalleutnant des Römischen Kaisers in Italien und Grotz-Feidmarfchall des Königs von Polen". Der Glanz dieser endlosen Reihe völlig sinnloser Titel und Würden scheint dem Bevollmächtigten des Sultans so imponiert zu haben, daß er kein Bedenken trug, mit den Schwindlern folgende Vertragspunkte festzulegen: Die Beiden verpflichten sich, den Papst zu bekriegen, alle Mittel anzuwenden, um möglichst schnell Rom erobern und es dem Sultan zu übergeben, sowie unverzüglich in Konstantinopel einzutrefsen, um dort Kriegsrat zu halten. Demgegenüber verpflichtet sich der Sultan bei Mahomed, dem Propheten zu folgenden Leistungen: Beide Herren sollen in Konstantinopel in der ehrenvollsten Weise empfangen werden, standesgemäße Wohnungen sowie besonders festgelegte Gehälter für sich und ihr Gefolge auf die Dauer von sechs Jahren erhalten und alle Privilegien souveräner Fürsten genießen. Nach der Einnahme von Rom und der Uebergabe an den Sultan erhalten die beiden Herren besonders bezeichnete Provinzen und Inseln am Mittelländischen Meere als souveräne erbliche Königreiche. Nachdem die Schwindlerkompanie dergestalt ihre Angelegenheit mit dem Sultan ins Reine gebracht hatte, ging sie daran, auch ihr Privatleben auf türkische Art einzurichten. Langallerie und Leinigen schlossen am 15. März einen Vertrag mit Marie Anna von Delft und Anna Maria von Seeland, zwei Damen, die sie ausersehen hatten, neben ihren legitimen Frauen ihren Ausenthalt in der Türkei zu verschonen, einen Vertrag, der uns» gleichfalls erhalten geblieben ist. In diesem nicht weniger hochtrabend abgesaßten Schriftstück erklären die beiden Chefs der „Theokratie des göttlichen Wortes, geeinigt durch unauflösliche Bande der Freundschaft und Verwandtschaft", daß sie genötigt feien, sich in entfernte Gegenden zu begeben und dort ihrem Range angemeffene Hausstände zu gründen, denen sie die beiden Mädchen einoerleiben wollten. „ So schien denn alles für die Eroberung Roms und die Gründung zweier neuer Königreiche bestens vorbereitet. Wohl hatten die Verhandlungen mit dem König von Dänemark wegen Ueberlaffung eines Waffenplatzes zur Sammlung der Kampftruppen noch zu keinem Ergebnis geführt; aber immerhin konnten sie auch nicht als abgebrochen angesehen werden. Das großzügige Unternehmen wäre im besten Zuge gewesen, wenn die Schwindelgesellfchaft sich nicht plötzlich bemüht hätte, noch ein zweites Eisen ins Feuer zu tun, um im Falle des Mißlingens der römischen Unternehmung sogleich mit einer anderen großen Sache die Welt hineinlegen zu können. Um für alle Zwischenfälle gerüstet zu fein, erließ Leimngen, während alles noch im Fluh war, ein „Patent", das einen neuen erstaunlichen Plan vor den Augen Europas entrollte. In der ehrfurchtgebietenden Sprache königlicher Kundmachungen, die ihm bereits zur Gewohnheit geworden war, und die sich bei feinen bisherigen Schwindeleien bestens bewährt hatte, verkündete er der aufhorchenden Menschheit, daß er, „Landgraf Leimngen, Fürst des Römischen Reiches, souveräner Fürst von Chabanois, Herzog von Langelpont, Madagaskar, Ophir und Feros, Marquis von Lusignan, Doleron, Graf von Cachotte und Daniel Dapre- mont, vormals Eskaderchef der Flotten von Frankreich hernach Generalkapitän der Meere von AmeBka und Afrika, jetzt durch die göttliche Vorsehung Großadmiral und Generalissimus der Flotten der Theokratie des fleifchgewordenen Wortes" habe sich in Gemeinschaft mit einigen großen europäischen Reedereibesitzern der Inseln Langelpont, Madagaskar und Ophir bemächtigt und habe zur Ausbeutung ihrer ungeheuren Reichtümer eine Handelsgesellschaft gegründet, als deren oberster Protektor er, der Herzog dieser Gebiete, fungiere. Für diese Gesellschaft erwarte er Einzahlungen, die er aus den Erträgnissen seiner herzoglichen Domänen mit 10 v. H. verzinsen werde. Die Insel Madagaskar gab es in der Tat, Langelpont aber bestand nur in der Pbantasie des erfindungsreichen Hochstaplers, der sich überdies von der Nennung des biblischen Goldlandes Ophir in seinem prachtvollen Titel eine besondere Wirkung auf naive, aber kapitalkräftige Gemüter erwartete. Seine Erwartung wurde nicht betrogen. Wie der sächsische Gesandte im Haag, Gersdors, an seine Regierung berichtete, fand sich tatsächlich eine große Anzahl „ahnungsloser oder phantastischer Leute" die ßeiningen für die mysteriöse Handelsgesellschaft größere Summen zur Verfügung stellten. Mittlerweile hatte aber doch das Treiben der beiden Abenteurer die sich immer anmaßender gebärdeten, in Amsterdam vielfachen Anstoß erregt. Ihr geheimnisvolles Getue, ebenso wie ihre verdächtigen finanziellen Manipulationen bestimmten endlich den Magistrat, eingehendere Erhebungen über sie anzustellen, die nicht gerade glänzende Resultate ergaben. Dazu tarn noch, daß sie auf nicht ganz klargestellte Weise m eine Wechselfälscheraffäre verwickelt wurden, und daß sie bei einer Untersuchung dieser dunklen Angelegenheit wohl die Aufdeckung ariderer dunkler Punkte in ihrem Vorleben befürchten mußten. Und so entschloßen sich Langallerie und Seiningen, das Weite zu suchen und ihre Geschäfte von Hamburg aus weiter zu treiben, die nunmehr wieder die Eroberung von Rom und den Krieg mit dem Papst betrafen. In einem Brief vom 26. Mai 1716 an den König von Dänemark machte Langallerie diesem den Vorschlag, ihm „die Umgebung von Glückstadt und Altona zu borgen, SU vermieten, zu verkaufen oder zu schenken", um dort das wiederholt erwähnte Heerlager für seine Söldnertruppen zu errichten. Er erhielt jedoch hierauf keine Antwort mehr. Auch in Wien, wo man inzwischen von den phantastischen Plänen der beiden Schwindler Nachricht erhalten hatte, war man stutzig geworden. Was hier interessierte, waren freilich nicht die Betrügereien, die sie an den wohlhabenden Amsterdamer Bürgern verübten, sondern der beab- sichtiqte Krieg gegen den Papst und die geplante Eroberung Roms. Das Haus Oesterreich sah sich angesichts so drohender Ereignisse veranlaßt, einzuschreiten und richtete Ende Mai 1716 ein kaiserliches Handschreiben aus Laxenburg an die kursächsische Regierung, in dem er sie ersuchte, man möge Langallerie, gegen den überdies noch ein Verfahren wegen Unterschlagung von Kriegskontributionen in Oesterreich anhängig war, wegen seiner „gott- und ehrvergessenen" Pläne gegen die Christenheit, im Falle seiner Durchreise durch kursächsisches Gebiet, samt seiner ganzen Begleitung verhaften und nach Wien transportieren. Gleichzeitig erging auch ein kaiserlicher Befehl an den österreichischen Gesandten in Hamburg, von Kurzrock, Langallerie nach Tunlichkeit schon in Hamburg fest- zunehmen, was denn auch unverzüglich geschah. Leimngen rechtzeMg gewarnt, hatte sich nach Ostfriesland geflüchtet, wurde aber dort gleichfalls feftgenommen. Mit einem riesigen militärischen Geleite wurden die Hochstapler nach Wien übergesührt und dort in den Kerker gesetzt. Bei der darauffolgenden hochnotpeinlichen Untersuchung gestand Langallerie feine „gott- und ehrvergessenen Pläne" unumwunden ein, während ßeiningen alles, was sich auf den Vertrag mit dem Sultan bezog, hartnäckig leugnete, bis eine Untersuchung der vorgefundenen Schriften ihn der Mitschuld zweifelsfrei überwies. Man brachte ihn in die Kasematten des Brünner Spielbergs, während ßangallerie in der Festung Raab eingekerkert wurde. , . „„ , ., . . Es scheint, daß der unermüdliche Proiektenmacher und Ränkeschmied hinsichtlich feiner Befreiung aus dem Kerker große Hoffnungen au einen eventuellen Sieg der Türken gegen das kaiserliche Heer gesetzt und gehofft hatte, in diesem Falle durch Vermittlung des Sultans feine Freiheit wieder erlangen zu können. Als jedoch die Nachricht nach Wien kam, daß Belgrad durch die Truppen des Prinzen Eugen eingenommen worden fei, brach er zusammen. Ein zeitgenössischer Brief meldet von ihm, daß er nach Empfang dieser Nachricht sich „ganz desperat ausgeführt und wenig oder gar nichts zu sich genommen, sondern bisweilen nur etwas Rosinen und Wasser zu genießen angefangen und damit bis zu feinem Ende fortgefahren habe, obwohl man versuchte, ihm mit Gewalt Speisen beizubringen. Er starb am 18. September 1717 im Kerker. _, . ... Widerstandsfähiger und energischer zeigte sich sein Schwmdelkumpan ßeinigen, der noch aus dem Gefängnis im Spielberg heraus fein Projekt mit Madagaskar weiter betrieb. Zur Führung feiner Angelegenheiten erteilte er einem angeblichen Neffen, der sich Graf von Coulange nannte, und von dem man wußte, daß er einige Zeit in Paris im Gefängnis gofeffen hatte, eine weitgehende Vollmacht. Coulange ließ bann auch sogleich feine üppige Phantasie spielen und brachte in die Öffentlichkeit, die auf Madagaskar ansässigen Seeräuber — etwa 100 000 an der Zahl — hätten ßeiningen zum König gewählt, unter der Bedingung, daß sie auf diese Weise, durch Errichtung eines geordneten Staates, von den ihnen in allen zivilisierten Staaten drohenden Galgen gerettet würden. Der gegenwärtig in den Kerkern des Spielberg residierende „König von Madagaskar" habe sich erbötig gemacht, unter den Mächten Europas einen Protektor für das Königreich zu gewinnen wogegen sich die See^ räuber verpllichteten, diesem alljährlich einen Tribut von 15000 Mark Gold zu bezahlen Freilich fei es zur Durchführung dieses Unternehmens notwendig, daß ßeiningen die Freiheit erhalte, da er vom Spielberg aus fein Königreich nicht regieren könne. Oesterreich, dem Coulange das Protektorat über den Seeräuberftaat und den Tribut zugedacht hatte, lehnte aus begreiflichen Gründen ab und gab den Gefangenen nicht frei. Nach Mißlingen dieser diplomatischen Mission begab sich Coulange nach Dresden, wo er dem Kaufmann Kutfchenreuther für die königlichen Bedurst niffe 25 000 Taler ablockte und ihm dafür die Stelle eines königlich madagaskarifchen Schatzmeisters verlieh. Einem zweiten Opfer, einstn gewissen ßobt, nahm er gleichfalls eine größere Summe ab unb ernannte ihn hierfür zum ersten „Prinzen königlichen Geblütes" unb zum ®e> fanbten am Berliner Hof. Auch Preußen ging nicht barauf ein, bas Protektorat über bas Phantasiekönigtum von Mabagaskar zu übernehmen. Im Gegenteil: man setzte Coulange, ber sich eine Reihe von Frechheiten hatte zuschulben kommen lassen, ins Gefängnis unb begann sich mit feinen Papieren zu befassen, wobei es sich freilich herausstellte, baß bei einer weiteren Behcmblung ber Angelegenheit biplomatische Konslikte entstehen konnten, weshalb man schließlich bie Sache nieberschlug unb Coulange frei lieh.