SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1934 Zreitag, -en 8. Juni Nummer 43 Abendlied. Don Matthias Claudius. Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar,- Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? — Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel,- Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich fein! Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und wenn du uns genommen, Latz uns in Himmel kommen, Du unser Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder,- Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen, Und latz uns ruhig schlafen Und unfern kranken Nachbar auch! Fünf Minuten — ein Leben! Erzählung von Mars Stahl. Die alte Dame hatte den ganzen Morgen über auf dem Bücherregal nach einem Buch gesucht. Dann war es ihr ganz plötzlich eingefallen, datz sie es verliehen hatte. Sie setzte sich verdrietzlich auf den Sesiel am Fenster und überlegte, wem sie es wohl gegeben haben könnte. Dabei hielt sie immer noch ein kleines Päckchen Hefte mit schwarzen Wachstuchdeckeln in der Hand, die sie beim Suchen gefunden hatte. Sie waren mit einem roten Vaumwollband sauber zusammengebunden und auf dem weißen Etikett des obenliegenöen Heftes stand: Deutsche Aufsätze von Annemarie Schmidtlein. Sie setzte die schwarzgerandete Brille auf die Nase und las ihren Mädchennamen mit einer kleinen Rührung. Die Schrift war komisch steif, die Tinte, verblaßt und unter dem Nachnamen befand sich statt des vorgeschriebenen Striches ein leichtfertiger Schnörkel. Sie besann sich ganz genau, daß ihr dies eine Rüge von Fräulein Hein, der Deutschlehrerin, eingetragen hatte. Sie schlug den Deckel auf und las die Neberschrift: „Vesuv und Aetna". Mit einem Laut des Erstaunens ließ sie das Heft sinken. Vor ihrem Auge tauchte die Bucht von Neapel auf, der Vulkan stieß eine seine, dünne Rauchsäule in die perlmutterfarbene Luft und das Schiff, auf dem sie sich befand, steuerte gerade auf den bläulichen, geheimnisvollen Berg zu. Sie roch den Geruch des Wassers, sah das Gewimmel der Fischerboote, das Gewirr der farbigen Segel. Sie atmete tief auf: Wunderbar, daß es ihr vergönnt gewesen war, diese paradiesische Landschaft zu sehen und neben sich den Menschen zu fühlen, der ihr der liebste auf der Welt war. Die ganze Reise war wie ein Traum gewesen, ein unendlich glücklicher, farbenreicher Traum. Venedig, Florenz, Rom — wie überwältigend schön war das alles! Die alte Dame lächelte und senkte den Blick auf die steilen, korrekten Schriftzüge der Zwölfjährigen: „Der Vesuv ist eine vulkanische Erhebung des Subap- penin, er ist dreizehnhundert Meter hoch. Der Aetna sogar dret- tausenddreihunöert." — An diese geographischen Ziffern knüpften sich Betrachtungen über die Gefahren, denen die Dörfer am Fuße der Vulkane ausgesetzt sind. Die Verlockung, die darin besteht, seine Weinstöcke auf der zerbröckelten, fruchtbaren Lava anzubauen, war geschildert, und getreulich standen alle Ausbrüche aufgezühlt, die sich in historischer Zeit begeben hatten. Hinter der Verschüttung Pompejis war in Klammern bemerkt: Jüngerer Plinius und Bulver. Die alte Dame las interessiert über die steifen Buchstaben hin, die in trockenen Worten und leicht dozierend die Vorzüge und Nachteile einer Ansiedlung in der Nähe von feuerspeienden Bergen abwogen. Aber die Zwölfjährige war zu keinem Schluß gelangt. Sie schloß mit der altklugen Betrachtung: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten." „Kleine Moralistin!", murmelte die alte Dame vor sich hin und schüttelte lächelnd den grauen Kopf. Was wußten diese kindlich, spröden Zeilen von der Begeisterung der vierundzwanzigjährigen Frau, die auf einem Märchenschisf einem geheimnisvollen blauen Berg entgegenfuhr. Sie schaute über die Brille fort auf die Straße, in die Kronen der Lindenbäume hinein, die von Sonnenstrahlen ganz golden überspült waren. Dann seufzte sie, als ob sie aus weiter Ferne wiederkäme, und las den nächsten Titel: „Gedanken über Goethes Erlkönig". Hier war mit einem Schlag der trockene, lehrhafte Ton verschwunden. Ganz erstaunt gingen die Augen der alten Dame über die Reihen. Die Worte galoppierten fast über die Linien, sie wußte es noch ganz genau, es war ein Klassenaufsatz gewesen und sie hatte sich richtig in das Thema hineingekniet. Sie war für zwei Stunden vollkommen aus dem staubigen Grau der Schulstunde verschwunden, auf einem Pferd durch einen nächtigen Wald gerast, von nebelhaften Spukgestalten verfolgt und die Angstschreie des sterbenden Kindes hatten sie zu immer schnellerem Tempo angespornt. Sie erinnerte sich, wie sie aus der Versunkenheit aufgetaucht war: Mit verwirrtem Haar, heißem Gesicht und tintenbeklecksten Händen Der Aufsatz hatte von Jnterpunkttons- fehlern gewimmelt, Kommas und Punkte waren in der Aufregung des Schreibens vergessen worden. Aber trotzdem hatte es eine Eins dafür gegeben, und der Aufsatz war der beste der Klasse gewesen. Fräulein Hein hatte ihn vor der versammelten Schule vorgelesen und gesagt: „Das hat Annemarie vorzüglich gemacht, geradezu, als ob sie es selbst erlebt hätte". Und Annemarie, vor Stolz brennend und mit niedergeschlagenen Augen, hatte stehend dieses Lob entgegengenommen. Die alte Dame empfand heute noch einen leisen Stolz, als sie die Zensur, die sauber mit roter Tinte am Ende des Aufsatzes stand, betrachtete. Aber plötzlich schrak sie zusammen. So etwas Aehnliches hatte sie ja auch tatsächlich erlebt: Ein röchelndes Kind, gespenstisch vorbeifliegende Bäume, Schnauben von aufs äußerste angetriebenen Pferden ... und Angst bis ins Mark. Ja, so war es gewesen, als sie mit ihrem Töchterchen Anna mitten in der schauerlichen Herbstnacht zum Arzt gefahren war. Sie war ganz allein, ihr Mann nicht zuhause, der Kutscher betrunken. Zuerst hatte sie eine Anwandlung von Ohnmacht gehabt, als Anna blutend ins Zimmer getragen wurde. Das Hausmädchen hatte sich benommen wie eine Wahnsinnige und geschrien, das Kind sei tot. Aber dann hatte die Mutter gesehen, daß es lebte und sie wußte heute noch nicht, auf welche Weise sie die Pferde aus dem Stall gezogen und vor den Wagen gespannt batte. Das Mädchen, das vollkommen kopflos war, hatte jammernd Tücher und Decken herbeigebracht und sie selbst das von dem Stier böse zugerichtete Kind hineingewickelt und neben sich in die Wagenpolster gebettet. Jeder Stoß des Wagen hatte ihr so wehgetan, als wäre sie selbst voller Wunden. Hundert Gebete hatte sie zum Himmel geschickt darum, datz der Doktor doch zuhause sein möge, o hätte sie den Pferden Flügel geben können! Nochmals durchlebte die alte Dame die Angst und Qual, das Vorbeihuschen der nebelverhangenen Tannen, das Wimmern des aus der Betäubung erwachten Kindes. Und bann hatte man die Lichter des Dorfes gesehen, der gute, alte Arzt war ihr auf der Bagdad, eine aufblühende Kunststadt. Von Dr. Schmidt-Dumont, Bagdad. Kaum eine Stadt des Vorderen Orients weist in den letzten fünf Jahren im Hinblick auf den Fremdenverkehr eine so große Entwicklung auf wie Bagdad, die Hauptstadt des Zweistrom- landcs. Gewiß berührten auch vor fünf Jahren schon eine große Reihe von Fluglinien die aufstrebende Handelsstadt am Tigris. Aber damals waren diese Flugverbindungen eben noch Angebot, dem die Nachfrage fehlte. Heute nimmt fast die gesamte Post des irakischen Geschäftsverkehrs mit dem Auslande den schnellen Weg mit dem Flugzeug, und fast täglich verlassen ein englisches, ein französisches oder ein holländisches Flugzeug den Bagdader Flughafen. Nur die Flugverbindung mit Persien fehlt, die einst von der Junkerslinie mit so großem Erfolge gestellt wurde. Diese Entwicklung der Verkehrsmöglichkeiten mit dem Auslande ist die Folge des Aufblühens der Stadt Bagdad selbst, die sich nach allen Seiten hin ausdehnte. Ueberall sind neue Vororte entstanden, die — mit Waffer braucht ja nicht gespart zu werden — sich nach einem Jahre schon mit einem grünen Kranz von Gärten schmückten. Schwelle seiner kleinen Villa entgegengeeilt und nach einer Stunde war das Blut zum Stehen gebracht, die gequetschten Glrederchen bandagiert und eingerenkt, und Anna atmete ruhig unter der Wirkung des schmerzstillenden Morphiums. .. , O Gott! Die alte Dame seufzte zum zweiten Male an diesem Tage tief auf und kehrte aus ihrer Verzauberung wieder. Dieses- mal lächelte sie nicht wie über die kindlichen Betrachtungen, die sich an das Wesen feuerspeiender Berge knüpfte. Sie grübelte vielmehr darüber nach, ob da nicht ein geheimer Zusammenhang bestände zwischen der Entrückung der Zwolsiahrigen, die sich so vollkommen in die Rolle des verzweifelten Vater» hineingclebt hatte und zwischen der Mutter, die vor Schmerz erstarrt zwanzig Jahre später ihr zu Tode verwundetes Kind durch den schaurigen „Sehr merkwürdig", sagte die alte Dame vor sich hin und schüttelte abermals den Kopf. t J Sie zögerte einen Moment, ehe ste die nächste Seite umschlug. Und zugleich wurden ihre Augen starr. „Was der Mond in der Neujahrsnacht sah" stand da als Ueberschrift über dem nächsten Aufsatz. has geht nicht mit rechten Dingen zu", murmelte ste vor sich hin und erhob sich schwerfällig. Sie zog mit zitternden Händen ein kleines Spitzentaschentuch aus ihrem Pompadour und putzte sorgfältig die Brillengläser, als ob sie schuld seien an der Behexung, die aus diesen simplen, kindlichen Aufsatzhemen stieg. Dann setzte sie sich wieder hin und nahm das Heft abermals in ihre feinen, weißen Greisenhände. Viererlei sah der Mond in der Neujahrsnacht: Einen Menschen im Gefängnis, ein weinendes Kind im grünen Zigeunerwagen, eine lustige, weintrinkende Gesellschaft mit bunten Kappen und einen Mann auf dem Sterbebett. Dieses Bett stand auf einmal vor ihr, herausgeruckt aus der Reihe der anderen Bilder, es schwoll an, wurde groß wie em Monument, und die Gestalt ihres Mannes zeichnete sich deutlich unter dem Weitz des Lakens ab. . Die alte Dame versuchte die kindlich sentimentalen Worte zu lesen, die den Tod ihres Mannes beschrieben, aber es war ihr nicht möglich. Ein ganzer Schwarm von Gefühlen durchströmte sie, als sei sie Zuschauer bei einem erschütternden Drama. Dreißig Jahre lang hatte sie nun schon jedes Neujahr als den Todestag ihres Mannes mit stiller Trauer begangen und jedesmal war sie neu vom Kummer gepackt worden darüber, datz er ihr so früh entrissen worden war. Im Laufe der Jahre war der Schmerz etwas weniger hart geworden und endlich hatte sie sich darein gefügt wie in etwas Unvermeidliches. m Und nun ganz plötzlich riß sie diese kindliche Beschreibung aus ihrer Ruhe. Sie kniete am Bett, wie damals, den Kopf auf ferne Hand gebeugt, die kälter und kälter wurde. . ± m Auf einmal bemerkte die alte Dame, daß sie wernte. Ganz unversehens waren ihr die Tränen in die Augen geschossen und fielen in großen Tropfen aus die erloschene Tinte des vergilbten Heftes und bildeten dort einen kleinen See, der das Papier runzlig werden ließ. Sie suchte blind von Tränen nach dem Löschblatt, das an einem Faden ordentlich in der Mitte des Heftes baumelte, und drückte es auf die nasse Stelle. Es war ein rosafarbenes Löschpapier und die kritzelnde Hand der Schülerin Annemarie Schmidtlein hatte allerlei Weisheitssprüche darauf gemalt, die mit einem Kranz von Blümchen umgeben waren. „Und hundert Jahre sind ihm wie ein Tag!" stand da aus einem Gedicht zitiert. Die alte Dame legte die Hefte wieder sorgfältig aufeinander, umband sie mit dem roten Baumwollfaden und stand auf, um sie wieder in das Bücherregal zu legen. Einen Augenblick, wie sie so durchs Zimmer ging, sah sie sich erstaunt um, als ob sie das vertraute Zimmer nicht mehr kenne. Sie hatte in dieser kurzen Zeit so vieles durchlebt, ein ganzes Menschenleben mit Freude, Angst und Trauer. Auf dem Brillenglas bemerkte sie noch einen Tropfen von ihren Tränen. Sie putzte ihn nachdenklich mit dem Taschentuch fort. Jetzt erst dachte sie wieder an das Buch, das sie gesucht hatte. „Und ich muh es doch verliehen haben", sagte sie vor sich hin. Aber die Verdrießlichkeit, die ste vor einer halben Stunde bei diesem Gedanken umfangen hatte, war wie fortgewischt. Daß auch das Stratzenbtld minder farbig, ruhiger und weniger orientalisch geworden ist, sei nur am Rande vermerkt. Immer seltener sieht man die fröhlichen bunten Farben der Jsare, der Brokattücher, mit denen sich Bagdads Bewohnerinnen beim abendlichen Gang durch die Straßen zu schmucken pflegten. Nereinzelt nur erscheint der Beduine oder Kurde noch cm reic n- farbigen Sechenmäntel. Auch er gibt mehr und mehr dem Braun, dem Grau oder dem Schwarz den Vorzug. Dag die Irakische Beamtenschaft, die Händler und Kaufleute sich europäisch kleiden, liegt schon länger zurück. Aber neu ist, daß die Sldara, die irakische Kopfbedeckung, nicht mehr rote früher den Fes ersetzt, sondern wie ein Hut in geschlossenen Raumen abgenommen wird. Der Verkehr auf der großen Straße — die ein)t von den xtung- türken durchbrochen, in die winkligen Gasten des alten Bagdad Licht und Luft und Sauberkeit gebracht hat — ist inzwischen so dicht geworden, daß einschneidende Verkehrsmaßnahmen für lerne ungestörte Abwicklung Sorge tragen mutzen. Eine zweite solche Verkehrsstraße, die die ganze Stadt durchzieht, ist im Entstehen. Daneben ist auch der Bau einer großen Brücke über den Ttgrt» geplant, die den unzulänglichen Fährverkehr und die einzige heute für Lastkraftwagen benutzbare Schiffsbrücke ersetzen soll. Aber damit, und mit "einem Ausbau des Eisenbahnnetzes einer Beschleunigung des Zugverkehrs und manchen anderen Dingen bat cs gewiß noch gute Weile. , , . Erstaunlich sind die Fortschritte vor allem auf einem anderen Gebiete der Fremdenverkehrswerbung, einem Gebiete, au, dem roie im Flugverkehr zahlreiche Nationen sich die i.iand zum Wettbewerbe reichen: die Fortschritte der archäologmhen Grabungen, die ihren Niederschlag im Bagdader Museum finden, das in den letzten Jahren unter deutscher Leitung stand. ®eroif; können die Nuinenstätten des Zroetstromlande» sich an eindrucksvollem Umfang und gewaltiger Größe nicht mA den Zeugen der Vorzeit mesten, wie sie uns das Niltal bietet, oder wie sie die neuesten Grabungen in Persien zutage gefordert haben. Aber das sind Aeußerlichkeiten, die nur den oberflächlichen Betrachter über die Tatsache Hinwegtäuschen können, daß alle öteie Tempel und Denkmäler nur der Ausfluß einer einzigen, roieder- bolten und stets wieder abgewandelten Kultur sind, die tm Niltal gewiß mehrere Jahrtausende und in Persien kaum ebensomele Jahrhunderte umspannt. Ob altes Reich, ob neues Reich, ob Perser, Griechen oder Römer — stets wurde tm Niltal ägyptisch gedacht und gefühlt und ägyptische Kunst geübt,- und nicht viel anders ist es auch in Persien. Ganz anders der Reichtum der Völker, der Kulturen, der Sprachen, der Bauten, der Erzeugnisse des Kunstwollens und Gewerbefleißes im Zweistromland. Nach den ersten Ergebnissen der deutschen Vorkriegsgrabungen in Babylon und Astur waren es vor allem die Funde der englisch- amerikanischen Grabungen in Nr, die die gelehrte Welt und die historisch interessierte Laienschaft auf die Möglichkeit Hinwlesen, die der Boden des Zweistromlandes barg. Die Goldfunde uni) der Silberschmuck, die Edelsteingehänge und die kunstvoll geschmiedeten Waffen von Ur bilden zwar heute noch wie vor fünf Jahren den Mittelpunkt der Sammlungen des Altertumer- museums in Bagdad und ziehen immer wieder Scharen von Fremden in ihren Bann, auch wenn ihnen der Durchflug nur wenige Stunden Zeit zur Besichtigung der Stadt läßt. Aber wie anders nehmen sich diese Funde heute aus, wo weitere Grabungen sie in den Mittelpunkt einer ganzen Entwicklnngsreihe gestellt baßen, — wo sie nicht mehr Einzelstücke darstcllen, die man fassungslos bestaunt, sondern als Gipfelleistungen einer Kultur verstehen kann! Hinzu kommt, daß die Funde nach den neuesten Methoden der technischen Chemie präpariert worden sind, so daß aus einem Gewirr grauer Schlacker fein ziselierte Silberarbetten herausgeschält werden konnten, die in liebevoller Aufmachung weit mehr an das Kunstempfinden des Beschauers rübren als ehedem an seine Neugierde. Wie ist vor allem der Nahmen gewachlen, der beute die Kulturen des Zweistromlandes umschließt! Schon die ältesten Funde zeigten eine technische Entwicklung z. B. der Färbeknnst in der Töpferei, die der in anderen Ländern der späteren Steinzeit ent- svricht, hier aber viele Tausende vor Christi Geburt znrückretebt. Viel später ist die Erfindung der Schrift, die den wahrscheinlich vom iranischen Hochland in die fruchtbare Ebene einst berab- wandernden Sumerern zu danken ist, und deren erste Anfänge wir auf Tontafeln aus den deutschen Ausgrabungen in Nruk-Warka als eine Bilderschrift ermittelt haben. Auf die Sumerer folgten die semitischen Akkaden, und in immer wieder neuen Völkerwellen: die Kassiten aus dem persischen Hochlande, die Babylonier, die Subaräer und Assyrer, schließlich Griechen, Römer, Parther, Sastaniden, Araber und Türken. Das einigende ; Band bildet hier nicht wie in Aegypten Kunst und Lebensform, \ sondern die Schriftz die nicht nur im Zweistromland geübt wurde, : sondern einst dem diplomatischen Verkehr im ganzen Vorderen ; Orient diente, die im oberen Niltal und auf der Hochfläche Australiens wiederkehrt und vermutlich ihre Ausstrahlungen auch durch Persien bis nach Indien sandte. Die Keilschrift wurde durch die Buchstabenschrift abgelöst, die ebenfalls eine Erfindung von Böl- i fern ist, die denen des Zweistromlandes nahestehen und lange j Jahrhunderte hindurch als persische Staatsbeamte in die Frsih- ! geschichte Vorderasiens und damit auch in die Vorgeschichte Grie- ! chenlands führend eingriffen. Alles dieses lehren uns die Ergebnisse der neuesten Grabungen von fünf Nationen, wie sie in einziger Vollständigkeit im Museum von Bagdad vereinigt sind. Aber die R^nme dieses Museums reichen schon jetzt, wenige Jahre nach der Gründung dieser Pfleg- tätte für Kunst und Wissenschaft durch Gertrude Bell, nicht mehr aus, um alles zu fasten und gebührend zur Schau zu stellen, Erfahrung lehrt, daß es Anfang gemacht wurde. Erfahrung auch bei den liegt freilich schon einige Es hat den Anschein, als ob sich diese Vulkanen bestätigen sollte. Der Anfang Zeit zurück. Nachdem man schon vorher hatte, wie viel Energie ununterbrochen was die jüngsten Grabungen, besonders die deutschen, zutage gefordert haben. Unter den Plänen, die die junge irakische Regierung auf ihr Programm gesetzt hat, befinden sich daher auch in kluger Erkenntnis der Werbemöglichkeiten, die sie eröffnen, solche für einen würdigen Neubau des Museums. Mit Freude darf vermerkt werden, daß, wie die Leitung des heutigen Institutes in deutschen Händen liegt, so auch die Planung des neuen Gebäudes einen deutschen Künstler anvertraut ist. Sind diese Pläne erst einmal Wirklichkeit geworden, dann wird Bagdad, als Mittelpunkt des Verkehrs zwischen Ost und West, auch als Pflegestätte der Wiffenschaft, der Kunst der Vorzeit und der ältesten Menschheitsgeschichte seine Anziehungskraft für den Fremdenverkehr vergrößern. Zweck von Untersuchungen fast 300 Meter tief in den dampfenden und qualmenden Krater des Vulkans Stromboli hinabgestiegen. Sie trugen Anzüge aus einem eigens für diesen Zweck hergestellten Asbestgewebe, ebenso Schuhe und Handschuhe aus sehr dickem Asbeststoff. Ueber diese Kleidung kam noch ein weiterer Schutz gegen die Hitze und gegen die gefährlichen, im Innern des Kraters massenhaft emporgeschleuderten Gesteinsbrocken. Dieser zweite Schutz bestand aus einem großen, den ganzen Körper bedeckenden Zylinder aus Stahlblech, auf dem ein kegelförmiger Helm, gleichfalls aus Stahl, aufgesetzt war. Kleine Oeffnungen in der Stahlpanzerung ermöglichten einen Ueberblick tiber die Umgebung. Zwei kreisrunde Löcher in ihr gestatteten es, die Arme herauszustrecken. In diesen Schilderhäusern aus Stahl waren noch Flaschen mit Sauerstoff untergebracht, die mit einer Armungseinrich- tnng verbunden waren. Sie ermöglichten es, inmitten der giftigen Dämpfe zu atmen und zu arbeiten. Diese Einrichtung hat sich bewährt. Die beiden Ingenieure konnten damit auf Gesteinen und Asche, die Temperaturen von • 100 Grad Celsius hatten, drei Stunden lang umhergehen und inmitten der Schwaden ihre Untersuchungen anstellen. Die Temperatur von 100 Grad ist aber für einen Vulkan noch als verhältnismäßig niedrig zu bezeichnen. Wohl in den meisten Fällen wird es nötig sein, noch bei beträchtlich größerer Hitze und sogar inmitten von Feuersgluten zu arbeiten. Auch hierfür hat die Technik jetzt brauchbare Einrichtungen geschaffen. Im vulkanreichen Japan, wo vielleicht noch manches Vulkan-Kraftwerk entstehen dürfte, ist man nunmehr einen Schritt weiter gegangen. Der Anzug und die Panzerung, die beim Stromboli zur Verwendung kamen, lasten sich mit dem gewöhnlichen Taucheranzug vergleichen. In Japan benutzt man eine Art von Taucherkammer. Die „Vulkankammer", wie man sie entsprechend nennen müßte, ähnelt der Kabine eines Fahrstuhls. Ihre Wandungen bestehen aus mehreren Schichten von Stahlplatten. Die Zwischenräume zwischen diesen Panzerungen sind ziemlich breit und mit Asbest ausgefüllt. Auf diese Weise wird ein wirksamer Schutz gegen die Hitze erzielt. Die Kammer vermag mehrere Personen anjzuneh- men, die durch Quarzfenster die Umgebung beobachten können. Da Quarz erst bei einer Temperatur von 1700 Grad schmilzt, kann die Glut im Innern des Vulkans auch diesen Fenstern nichts anhaben. Durch sie hindurch lassen sich sogar Filme der vulkanischen Vorgänge drehen. Ein für lange Zett ausreichender Vorrat von Sauerstoff wird mitgeführt. Gegen Hitze gepanzerte Kabel führen nach oben und enthalten eine Fernsprechleitung. Die Kammer hängt an starken Asbestseilcn und wird mit Hilfe eines am Kraterrand aufgestellten weit ausladenden Krans in den Hexenkessel hinabgelassen. Die Behauptung dürfte bald gerechtfertigt sein, daß die Technik nunmehr auch die Vulkane besiegt hat. Menschen steigen in die Vulkane. Von Dr. Hellmut Thomasius. Was wir von den Schätzen der Erde ausbeuten, stellt nur einen sehr geringen Teil von dem dar, was wirklich vorhanden ist. Diese Beschränkung ist unfreiwillig. Wir würden mancher Energiequelle gern mehr entnehmen, von manchem Stofs gern mehr besitzen, aber der Erfüllung dieser Wünsche stellen sich Schranken entgegen, die bisher unüberwindlich waren und von denen wir nicht wissen, ob und wie weit sie sich in Zukunft öffnen werden. Sehr verschiedener Art sind diese Schranken. In weite Teile der Erde vermochten wir noch nicht vorzudringen. Vieles, was uns wertvoll sein könnte, liegt in vorerst noch unzugänglichen Tiefen, ist von Gesteinen oder von Meeren bedeckt. Ein ganzer Wall natürlicher Abwehr gegen das Vordringen des Menschen türmt sich aber da auf, ivo wir mit Sicherheit wissen, daß viel und Wertvolles zu holen wäre, an den Vulkanen. Fast unmöglich ist es, alles aufzuzählen, was sie uns liefern könnten, wenn es gelingen würde, ihnen beizukommen. Aus ihren Kratern könnten wir Feuer und Wärme, Dampf, Gase der mannigfachsten Art, also Energien der verschiedensten Form entnehmen. Zahlreiche kostbare Stoffe wie Schwefel, Borsäure, einen Reichtum von Mineralien würden wir finden. Außerdem führen die Krater wahrscheinlich bis hinab in Schichten, wo schwere Metalle in Mengen vorkommen. Der Gedanke aber, daß wir jemals bis dorthin vor- Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. ^Fortsetzung.» Es schlug halb acht. Die Tür tat sich auf, und Klüter, Hauswart und Diener, in gestreifter Jacke, wehte, wie ein rundlicher Geist, herein. n r _ .. „Morgen, Klüter! Verdammter Lärm heute früh... Ihr Spitz Fiffi war auch dabei. Verrückte alte Schachtel! Sollte mal Junge f Ticncn!" Klüter brachte Licht, Luft und Heiterkeit ins Zimmer. „Hihi!" Der Profeflor sah ihn an. .. Klüter verschwand, wie eine Motte, nach der man greifen will, und rauschte gleich darauf mit den Wasserhähnen in der Badestube. Louis erhob sich, fühlte sich frisch, wie ein Jüngling. Er striemte sich mit lauem und eiskaltem Wasser. Alt? summte es ihm dabei aus irgendeinem Unterbewußtsein durch den Sinn. Wie vor zwanzig, dreißig Jahren — genau so alt! Es war unheimlich, wie wenig man sich veränderte: Der Mann, der den Geburtsschein erfunden hatte, war ein lebensferner Esel, ein Schuft. Ein blutjunger Fünfziger, blühend, wie ein frischer Vierziger.. Ob vter- unddreißia oder vierundsünfzig — es war immer ein Anfang! Beim Rasieren fielen ihm die Neffen wieder ein. Die würden natürlich ihre Pauke kriegen... Sie waren sonst immer manierlich gewesen, soweit er es hatte feststellen können. Er hatte sie stets streng und vernünftig angefaßt: Sie sollten sich beileibe nicht als faule, fröhliche Erben, die auf Extrawürste Anspruch hätten, fühlen: in dem Punkt hatte er ungemütlich eigenwillige Ansichten. „Nichts ist mehr gewiß: Heute rot — morgen pleite!" hatte er ihnen gesagt. „Bloß das Tegeler Institut mutz Meißen! Dafür werd' ich sorgen!" Im übrigen war er, als allenthalben geschätzter Nothelser der bekümmerten Wisienschaft, fast ein armer 50^? TX XX Er schabte vorsichtig gegen den Strich, um die heitre Warze aus der linken Backe herum, und schloh empfindsam ein Auge. „Springt selber mit euren kräftigen Beinen!" Auch er hatte Aufstieg und Erfolg sich selbst zu danken: alles andere machte blotz schlapp und faul. , Mit dem langen, komischen Dagobert, dem sonderbaren Malgenie, lag es freilich ein bißchen anders: Es gab da eine Art mäzenatischer Verpflichtung. Möglicherweise steckte doch etwas hinter seiner merkwürdigen Pinselei? Louis hatte den komischen Kerl besonders gern: Bein von seinem Bein, ihm auch äußerlich ähnlich, Sohn seines einzigen, verstorbenen Bruders. Diez, ebenfalls netter Junge, Dr. phil., Leiter des Archivs der „Vegumag", wo es für einen volkswirtschaftlich geschulten Mann Damit war der Bann gebrochen. Inzwischen hat man auch in Amerika ein Vulkan-Kraftwerk erxichtet und fast überall, wo es überhaupt Vulkane gibt, werden Pläne erwogen, ob man dem Beispiel in der Toskana nicht folgen solle. Sicherlich würden schon mehr derartige Kraftwerke in Tätigkeit stehen, wenn die Natur nicht ihrer Ausführung ein weiteres Hindernis entgegengesetzt hätte. — Mit dem einfachen Darauflosbohren kommt man nämlich nicht zum Ziel. Wie bei jedem anderen technischen Unternehmen müssen auch beim Vulkan-Kraftwerk gewisse Vorarbeiten vorangehen. Es ist notwendig, die Gesteine, in denen man arbeiten will, genau zu untersuchen, den Verlauf von Spalten zu verfolgen, Temperatur- und Druckmessungen vorzunehmen und sich genau über alle Verhältnisse zu unterrichten, unter denen man arbeiten wird. Erst dann können die aiifzu- wendenden Kräfte berechnet und die Bohr-, sowie sonstigen Maschinen zweckmäßig eingerichtet werden. Das ist nicht anders als bei einem Tunnelbau. Der Unterschied liegt nur darin, daß man bei einem Tunnel mit immerhin noch beherrschbaren Temperaturen zu tun hat, wahrend beim Vulkan Gluten von ungeheurer Größe in Betracht kommen Sie hindern die Forschungen nnd Vorarbeiten, auf denen sich alles weitere aufbaut. Die Technik läßt sich dadurch nicht abschrecken Sw ist eben dabei, eigene Verfahren zu entwickeln, die auvichlleßlich diesen Untersuchungen und Vorarbeiten dienen fMIen. Eine Zeit lang hat man Temperatur-Fernmelder und sonstige Instrumente an Asbestseilen in die Krater hinabgelassen, letzt steigt der Mensch hinunter und arbeitet im Feuerschlund. . Daß er dies kann, verdankt er der Technik, die es ihm in ähnlicher Weise ermöglichte, bis hierher vorzudringen, wie sie den Taucher in den Stand setzte, in früher unzugängliche Meerestiefen zn gelangen. Vor kurzem sind dank einer technisch sehr vollkommenen Ausrüstung die Ingenieure K i r n e r und M uster zum mit Bedauern sestgestellt , ungenutzt aus den Kratern entströmt, unternahm vor etwa dreißig Jahren Prinz Conti das kühne Wagnis, in einem vulkanischen Tal der Landschaft Toskana das erste dnrch Vulkandampf gespeiste Kraftwerk zu errichten. Es war ein schweres Stück Arbeit, die Bohrungen gegen den Druck des hochgespannten Dampfes durchzuführen, diesen Dampf abzufangen und ihn nützlicher Verwendung zuzuleiten. Aber das Wagnis gelang. Das Kraftwerk arbeitet ungestört und versorgt eine ganze Anzahl von Städten und technischen Betrieben mit Strom. Außerdem ist an ihm eine chemische Industrie entstanden. Sie verarbeitet die zahlreichen wertvollen Stoffe, die die Dämpfe aus unergründlichen Tiefen mit heraufbringen nnd unter denen sich Salze der verschiedensten Art nnd die Edelgase Argon und Helium befinden. bringen könnten, erscheint selbst vom Standpunkt unserer heutigen hoch entwickelten Technik aus geradezu unfaßbar. — Viel hat uns diese Technik gegeben, viele Reichtümer der Natur hat sie uns erschlossen, die Vulkane hat sie links liegen gelassen. Sie wagte sich nicht an sie heran. Das bedeutete aber noch keinen ewigen Verzicht. Noch mancherlei gab es, das einst für immer verschlossen schien, und die Technik hat dennoch einen Weg gefunden. Eine alte ~ " ' ' ' ' ' * " weiter geht, sobald nur erst einmal ein allerlei Wichtiges und Nüchternes zu tun gab, km Nebenamt Mitarbeiter der „Leuchtkugeln" und künftiger Autor großer satiriicher Werke, ein unheimlich scharfer Menschenkenner nach seiner eignen Meinung, war Vetterssohn. Er schabte weiter. Er war neugierig, ob sie heute pünktlich rote jeden Sonntag um die Mittagsstunde, anlanzen würden, mit Grotemeyer, seiner Wahlnichte. Wie kam er, als kinderloser Papa, zu dieser Rasselbande? Leichter war es, einen Sack Heuhüpfer zu hüten I sagte er sich zerstreut und behaglich. Denn im Grunde seiner Seele spürte er eine neidvolle Sympathie für diese unbekümmerten jungen Kerle. Er war genau so alt: knapp sechsund- zwanzigl Und in Till war er verliebt... „Den blauen Anzug, Klüter!" sprach er, voll bester Laune, in den Spiegel. Der Teufel hole die strenge Würde und Haltung! Er mußte dabei unwillkürlich mit leichtem Graus an die berühmten feierlichen Renaissancezimmer drüben neben den Bilderzimmern denken, in denen er angeblich hauste und arbeitete — Opa Pirre hatte dieses Märchen für seine Person geduldet —, wie andere Leute in ihrer Wohnküche... Fiel ihm nicht im Traum ein! Die „Dame Gugernell" wünschte das alles zu sehen? Eine entzückende Frau... Er war dieser Dame nebst Dagobert in der Tat vor vierzehn Tagen in der Nähe des Zoo begegnet. Dagobert kannte alle möglichen Leute aus dem Grüngelbblauklub, trieb sich überall umher, um Porträtaufträge zu fischen und „die Augen zu sättigen", wie er sagte. „Wir wollten eben ein Schlückchen Kaffee trinken... Es wäre reizend, Onkel Louis--" Er war mit ihnen ins Hotelcafv gegangen, um nicht unhöflich zu sein. Ein Eindruck, wie er ihn in der Tat lange nicht so bestimmt und überzeugend erlebt hatte... Er war überrascht davon und förmlich stolz darauf gewesen, angeregt und belebt, wie seit Jahren nicht. Er hatte kolossal wichtig getan, der berühmte Mann und große Sammler, als sie von seinen und ihres verstorbenen Mannes Vitus Vanderltps Bildern gesprochen hatten... Er zog die fleischige Backe überm Jochbein straff und sah starr darauf. Sie hieß eigentlich Vanöerlip, wie er sich jetzt genau erinnerte, Witwe eines in die Wüste geschickten jüngeren Banderlip aus der bekannten Frankfurter Familie, eines waghalsigen Sammlers und geschäftlichen Draufgängers,' er konnte ihm gleich sein. Katarina Gugernell war vermutlich ihr Mädchenname? Jeder bessere Mensch kannte ihn,' aber er selbst hatte sie nie tanzen sehen. Es ^roar ein bißchen beunruhigend und störend, an diese Tätigkeit zu denken .. Er hielt den Mund schief offen. Ein Star lachte dicht vorm Fenster. Er rieb sich ab, errötete vom scharfen Frottieren und vom Essig, schleuderte das Tuch in eine Ecke. „Klüter, rufen Sie gleich mal in der Meraner Straße an! Ich wünsche die Herren heute pünktlich zu sehen. Dann Kaffee! Haferbrei und das übrige wollen wir von heute ab wieder streichen. Viel Obst! Sehr viel Obst, Klüter!" Er wurde zu stark,' gewiß muskulös stark — aber doch zu stark... Ob die Dame Gugernell dem Hanswurst Dagobert wirklich Grüße aufgetragen hatte? Schon möglich! Aber nicht gerade für sechs Uhr morgens... Klüter räusperte sich. Er meldete, daß die Herren noch schliefen. Frau Schmadebach, die Portierfrau, die gerade beim Auswaschen war, würde es ausrichten. „Was ausrichten? Na, schön!" knurrte der Professor, ärgerlich über die Störung. III. Louis Haffelbrink saß auf einer der weißen Bänke des Grasplatzes in der Sonne und las bei einer Zigarre seine Zeitung. Die Sonne war mächtig stark. Er raschelte mit den trockenen Blättern und blickte starr in das flimmernde Licht über dem papageienbunten Tulpenbect. Jetzt huschte ein leichter Schritt über den Kies. Das war natürlich: Till Grotemeyer, Tochter seines besten Freundes, die ihm vor Jahr und Tag als Waise und junge Dame in die Wahlonkelarme gelaufen war. Das war jetzt das richtige: die kleine Till, das blanke, frische Weib, ein furchtbar gescheites Mädchen, das eigenwillig mit Menschen und Dingen umging. „Morgen, Onko!" Till lachte mit rotem Mund. „Ich hörte schon von Lina Klüter von dem Ueberfall. Gib es ihnen, Onko!" Till nahm auf der heißen Bank Platz, schnurrte, wie eine Katze, und hakte sich zärtlich ein. „Stör' ich? Ich wollte eigentlich in meiner Himmelsbude noch ein bißchen arbeiten. Eine vollendete Lebenslage hier!" Sie liebten einander: Onko hatte ihr oben im Seitentrakt des Rosahanscs für die Sonntage und andre freie Zeit eine Art Studio eingerichtet: sonst wohnte sie für ihr eigenes Geld am Sa- vignyplatz in einem Zimmcrchen bei Frau Rektor Prings. Sie wünschte, selbständig und. für alle Fälle, auf sich selbst gestellt zu sein. „Dachte ich eben auch, Till. Solltest ganz herziehen!" „Würde mich verweichlichen. Du würdest mich unvernünftig verwöhnen Du bist auch noch zu jung, Onko: ein eleganter, gepflegter Herr in der allerbesten Blüte. Das ist es!" Sie kuschelte sich an ibn „Katze!" Er sah auf das. schmale Gesicht mit den spaßig schrägen Braue» hinunter. Die Oberlippe war in der Mitte durch die Nasenrinne tief eingebuchtet, ein bißchen herb und kindlich. Stachlig, das ganze Persönchen, wie ein Kaktus, der plötzlich an einer unerwarteten Stelle blühte! sagten die beiden Jungen. Das andere schnurrte die hübsche, schlaue Bestie so hin, weil sie wußte, daß er sie von jeher bewunderte. • Er hatte sie ein paar Jahre aus den Augen verloren gehabt. „Onko?" hatte sie eines Tages schüchtern bei ihm angerufen, als sie gerade von der Münchener Akademie nach Berlin gekommen war, um sich an einem Modcnblättchen mühselig durchzuschlagen. Er war eben,, nach Adeles Tod, beim ungeduldigen Kofferpacken gewesen, um allerlei Druck, Einsamkeit und Oede loszuwcrden: „Wenn ich zurückkomme, Till, hörst du? Ich werde mich sehr freuen, Till! Brauchst du was?" — „Nein, Onko!" war es, fast kläglich, von drüben gekommen. — Aber Till hatte sich nicht gemeldet: denn es war ihr schlecht gegangen, noch schlechter als in München, einfach dreckig ... Bis sie eines Tages in der Nahe des Charlottenburger Knies auf den stattlichen Onko gestoßen war. Sie schien größer geworden zu sein, war auch schrecklich blaß. — „Till? Bist du das?" Er hatte sie gleich mit in ein Cafe genommen, wo sie unheimlich viel Kuchen vertilgt und schließlich gebeichtet hatte. Und von Stund an war Till ein seiner selbst bewußtes, völlig neutrales Weib geworden und hegte bloß noch das stärkste Zutrauen zum Onko: hatte ihr beinahe fettes Auskommen als Zeichnerin in der großen Reklameabteilung der „Vegumag" lVereinigte Gummi-A.-G.) gefunden, wo auch Diez Haffelbrink, mehr wissenschaftlich, wirkte, und war berstend voll von Ideen, Ehrgeiz und Betriebsamkeit. Sie kniff die hellen Augen mit dem bedrohlich schwarzen Seh- loch vor der Sonne zusammen. „Auch Diez war sehr komisch — wie?" „Furchtbar komisch!" Was hatte sie bloß immer gegen Diez? Viel zu schade für den Wichtigtuer! dachte Onko belustigt. „Wieso Diez? Er ist ganz ordentlich. Ich glaube: rauchbarer als der lange Dagobert — wozu nicht viel gehört!" t „ „Ein unerbittlicher, in Eis gekühlter Lebensdurchschauer, voll mitleidigen Hohns für uns Gefühlvollere und Begehrlichere — und vielleicht für sich selbst!" spottete sie, zog den Mantel aus und zündete sich eine Zigarette an. Aber Louis war plötzlich zerstreut. Nun würden auch die beiden Jungen gleich auftauchen ... Er lächelte plötzlich. „Was ist komisch, süßer Onko?" forschte Till. Er lachte in seiner raschen, lockeren Art. „Dieser verrückte Bengel Dagobert bestellte mir gestern abend Grüße von einer ihm bekannten Dame — von Frau Gugernell, der berühmten Tänzerin. Sprach ungeheuer anerkennend und seelenkundig von ihr..." „Furchtbar komisch!" beteuerte Till. „Natürlich wird Dagobert sie malen? Das ist die Art seines Flirts." Louis wurde breiter und schwerer in der Sonne. „Sie soll riesig bezaubernd sein, die Dame Gugernell. Findest du auch, Onko?" Louis saß unzugänglich auf der Bank, was Till nicht liebte. „Sie sind seit einiger Zeit erfüllt von ihr, Dagobert und der unbezwinglich sachliche Spötter Diez." „Was soll ich finden?" fragte Onko kurz, so daß Tills Oehrchen spitzer wurden und sie beinahe leise unter der eingebuchteten Oberlippe gepfiffen hätte. „Da kommen die Verbrecher!" Da kamen sie quer über den Nasen: frisch von der Morgendusche, leicht verlegen, aber gefaßt. Louis erhob sich und wurde eine gebieterische Erscheinung. „Ich möchte ein Wort mit euch reden!" sagte er und ging voran. Till schlenderte, schadenfroh singend, durch den leuchtenden Garten. Eine stumme Prozession ... Louis Haffelbrink machte einen Umweg: Sie sollten ein bißchen in der Vorhölle schmoren, ehe er ihnen mit zwei Worten die Leviten las. Sic durchschritten oben das berühmte Tizian-Zimmer, das in Kunstwerken und Zeitschriften als „Arbeitszimmer" abgebildet wurde: ein üppiger Raum mit Brokaten, schwerem Arbeitstisch nebst Seffelthron, den noch Raffael benutzt hatte, Riesenteppich, an den Samt- und Brokatwänden Porträte von Tizian, Madonna von Bottteelli, Herrenbild von Bronzino, als seien es Bilder der biederen alten Haffel- brinks ans Berlin C und SW, Plastisches, Intarsien und Truhen. Dagobert und Diez fühlten sich als arme Sünder, die einem feierlichen Scheiterhaufen zugeführt wurden. Danach das Tiepolo-Zimmer aus dem Palazzo Porto: dann das venezianische Spiegelzimmer, das Zimmer mit großartigen Brüsseler Wandteppichen. Dagobert schlich mit weichen Knien, Diez mit dumpf schmerzendem Halswirbel vor dieser verehrungSwttrdtgen Pracht. Nun kamen die Bilderzimmer, wo meist gebetet, gemartert oder heitre Nacktheit gezeigt wurde. Nebenan alte, prächtige Holländer. Danach die letzte internationale Großkonjunktur: Schotten und Engländer. Dagobert versuchte wieder, wie ein lebendiger Mensch zu atmen, aber er blieb noch gedampft. Diez, als Letzter des Zugs, machte ein Gesicht wie ein Marabu, der einige Pfund Staub geschluckt hat. Onkel Louis' Papa hatte eine kleine Wäschefabrik in der ■ Alexaudrinenstraße betrieben: Der gegensätzliche Gedanke richtete den jungen Spötter auf. Louis schritt groß und schwer voran, sah nicht rechts, nicht links. Auch er konnte diese kostbaren Dinge nicht an jedem Tag mit Hingabe betrachten. (Fortsetzung folgt.) Deran'wortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Derlogi Drühl'jche Univerjitäts.Duch» und Lteindruckerei, R. Lange, Gießen.