Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195^ Montag, den 8. Januar Nummer 2 An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang. Von Eduard Mörike. O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! Welch' neue Welt bewegest du in mir? Was tst's, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe? Einem Kristall gleicht meine Seele nun, Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen; Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn. Dem Eindruck neuer Wunderkräfte offen. Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Seele ruft. Bet Hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken, Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh' ich hinab in lichte Feenreiche? Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hcrgeladen, Die glänzend sich in diesem Busen baden, Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartentetche? Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend ßuftgefüuge; Wer hat das friedensselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht? Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt, Fühl' ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so wett der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir! Doch sage, Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht? Jst's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im fienen trage? — Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Sttllestehn: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehnl Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn,- Die Purpurlippe, die geschlossen lag, Haucht, halb geöffnet, süße Atemzügen Auf einmal blitzt das Äug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flügel Winter in einem Städtchen. Von Norbert Jacques. Wir standen zum erstenmal auf, und die fremde Stadt war lautlos in weißen Schnee gedeckt. Die Luft stand wie still über dem Städtchen und schloß seine hängenden Gassen, seine kahlen Mulden und Hügelkanten eng und dicht unter dem schweren, nre- beren Himmel ein. Die ersten Schlitten klingelten in den Gassen, als ob°sie in einer großen Stube läuteten. Am ersten Abend rodelten wir schon zwischen den Mädchen und Burschen die lange Kirchgasse hinab. Vom Kavuzinerkloster aus kroch sie in vielen Windungen in die Stadt. Wo wir oben ansetzten, stand der heilige Bischof Gebhard und hatte einen üpvigen Halspelz aus Schnee. Er deckte weich seine steinernen Schultern ein und reichte noch ein Stück über den Arm. Dort rodelten wir los und hopp! mitten ins Herz des Städtchens ^'"Älle diese Oertchen am Gebirge sind des Nachts mit Fluten von elektrischem Licht ausgestattet, das von fernen Gebirgsfallen hergetragen ivird. Kommt man von draußen aus der Finsternis, so siebt man in die Stadt hinein, wie in einen festlichen erstrahlenden Saal. Auch die Ktrchgasse schwamm voll Licht, in dem der Schnee in Pünktchen flimmerte. Flog vor dem bremsenden Schub ein Svringbrnnnen von Schnee auf, so sprang auf mnmal ein Feuerbrunnen um einen ... So waren wir vom ersten Abenv an wie daheim in diesem fremden Winterstädtchen, und da» ' doch das wonnesame Ziel des Wanderers, dap er von Fremde zu Fremde geht und überall ein wenig Heimatgefuhl erobert uno zurückläßt. Am Morgen durchzogen wtr gleich Straße um Straße. Der Schnee überdeckte die Stadt wie ein kühles, weißes Zeltdach. Wtr gingen durch die gleichgültigen neuen Straßen und durch die alten Straßen und durch die alten Gassen, kletterten die Hügel- stcigen zum alten Schloß hinan und streiften zu den Klostergebäuden ins Tal hinaus. Sie lagen dort verborgen wie tausend Meilen von Stadt und Mensch entfernt. Den Rodelschlitten zogen wir immer hinter uns her, und wo eine Gasse bergab ging, da sausten wir los. Am schönsten war es da oben tm Schloßstetg. Das Schloß liegt um die Kante eines Kegels gebaut und drückt einen stillen kleinen Stadtkreis in die Arme seiner angenagten Festungsmauern. Das bescheidene, dicke Kirchlein des Heiligen Martin und ein Torbogen, der ein Haus durchbricht, und einst das Burgtor tn sich schloß. Durch ihn glitten wir hinaus und den Hohlweg hinab und die wett über die Mauer geneigten mächtigen Bäume warfen uns den Schnee wie Blumen ins Gesicht. Eine heimtückische Biegung an einer Laterne mußte mit Kunst eingelettet und genommen werden. Das sah zunächst immer so aus, als wollte man den Laternenpsahl anrennen. Aber dann hui! die Schwenkung. Und gleich darauf der Graben, der die Gasse durchschneidet, und der einen wie ein Sprungbrett davon wirft, bis mir ruhig und flach tief tn die ebene Gasse htneinfliegen. Mitten in eine Bauernhochzeit hinein, die mit vielen Schlitten und Geklingel, mit gewaltigen breitbcsteißten Pferden vor einer Wirtschaft hält. Im ersten Schlitten sitzt die Braut, und alles ist schwarz gekleidet, nur sie hat einen kleinen weißen Schleier, und ihre Backen leuchten wie Aepfel. Die Rosse stampfen tn den Schnee und ihre gewaltigen Köpfe werfen die schweren Kltngelhalfter auf. Die kalte Luft wirbelt vom Getön. Wie ein Lied fliegt es durch die Gassen. Die Frauen haben die spitzen Chtnesenhüte der Gegend auf und ihre Reifröcke bauschen sich in hundert Fältchen. Die Männer in ruppigen Zyltuderhüten scherzen, und die Frauen nehmen die Scherze mit breit lachenden Gesichtern an. Tagsüber steigen wir bald immer zum Rodeln zur Fluh hinauf. Man ging anderthalb Stunden bergan zwischen Tannenwäldern, die schwarz gedrängt die weißen Blumenscharen des Schnees trugen. Dann und wann hörten sie vor einem freien ^ang auf, der von Schiern kreuz und quer durchzeichnet war. Wir sahen unten das Winterstädtchen über seine Hügel und tn seine Tälchen geschmiegt. Es lag da dunkel verworren und weiß eingedeckt wie ein geometrisches Exempel: wohlig verwirrt und zusammengehalten, wo es aus alter Zeit erhalten geblieben und in freudlose Gradliniqkeit aufgelöst, wo die neuen Stadtteile ansetzten. Der See schnitt auf einmal grad ab, wie eine graue Mauer. Man sah nichts von ihm. Man wußte nur: dort liegt er, dieses endlose Graue ist der See. Im weißen Plan vor der Stadt vereinsamten sich die Klöster. Selbst die Türmlein ihrer Kapellen lugten kaum über die Mauer hinaus. Wenn wtr bann den Berg überquert und lange nichts mehr vom Städtchen gesehen hatten, und unter uns auf einem Felsen die kleine uralte Kapelle scharf wie eine Burg ins graue Tal vorsprang, ... setzten wir an. Die Tanneumassive, die im Berg hingen, die Schneehalden von Schiern durchzeichnet, die plötzlichen Biegungen flogen! die weiße Straße raste unter uns bergan ... zurück ... die Luft rauschte, der Schnee sprang und zirpte und umwirbelte uns ... der dunkle See ... bas aufgehäufte Winterstädtchen drunten ... Es war, als wollten wir ihm in die Arme fliegen. Alles eine wunderbar aufgestaute Masse Landschaft, die wie ein Strom sich uns ins Herz schlang ... Drunten mußten wir den Schlitten ein Stück ziehen, wenn wir heim wollten. Wir kamen daun zum Friedhof hinauf. Er lag wie auf einer Altane über dem Städtchen ... ein weißer Schneegarten mit den traurigen Blumen der alten überdachten Holzkreuze. Dort saben wtr täglich eine alte, verhutzelte und einqe- lullte Frau. Und eines Tages, als wir, von der Fluh heim- kebrend. am Frieöbof verweilten, kam sie den schmalen ausgekehrten Weg zwischen den Gräbern heran und sagte: Grüß Gott! Dabei lachte sie mit einem hohen Glucksen und klapperte lustig mit einem Augendeckel. Ihr Mund schloff sich nicht mehr, und wenn einmal keine Worte kamen, so stieß sie ihre hohen Lachgluckser dazwischen, um von der kostbaren Zeit nur nichts lautlos verstreichen zu lassen. t Sie ging mit uns bis zum Heiligen Gebhard, wo die Kirch gasse anfing zu fallen Vom vielen Schlitteln war die Gasse ganz alatt geworden und die Leute strauchelten schimpfend an wreu Rändern binab. Wir wollten uns aufsetzen und sagten: Auf Wie- berieben! Aber die Alte kräbte: So nehmt mich doch mit! Wir lachten. Nun ja. meckerte sie, so eine Gaffe ist nichts für eine Alte ... gluckerte und klapperte mit dem linken Auge. rinder und Haare. Aber auf einmal bäumte sich das Leid aus aus dieser rumpelnden alten Fröhlichkeit. Sie hatte von ihrem Mann erzählt, einem alten Küfer, und einem „saumäßig" lustigen Kerl, der sich zu ihr ins Haus eingeheiratet hatte. Er war vor zehn Jahren gestorben, das war eine natürliche Begebenheit gewesen. Aber dann fragte einer von uns, ob sie denn keine Kinder hätte... Da fiel der linke Augendeckel reglos nieder. Das andere Auge blinzelte rasch, der Mund rieb die weichen alten Lippen übereinander. Tränen sprangen in die Augen, die krummen Finger drückten in der Erregung zitternd die Brotkrümchen auf, die verstreut auf dem Tisch lagen, und pickten sie schnell mit ihren Spitzen an die Lippen, die hin und her gingen und die Krümchen vergeblich zu erhaschen suchten. Die Hände wischten vorbei. Die Krümchen sielen immer wieder auf den Tisch, dazwischen Tränen ... und einige Male wischten die aufgeregten Finger ein Tränchen auf und drückten es an den Mund Aber der alte Mund merkte nicht, was Brot und was Träne war. „Einen Sohn!" sagte sie nach langer Zeit. Und die Lippen zermürbten die Worte, als sie hinzufügte: „Er war dreißig Jahre alt, als er starb." Es war für uns ausgemacht, daß sie an dessen Grab täglich ging, und daß das unglückliche Ereignis sie erst vor kurzem getroffen haben mochte. Vielleicht war er im Krieg gefallen. Wir schauten zu den Fenstern hinaus und suchten nach Trostworten. Sie sagte plötzlich nach einem langen Schweigen, in dem sie viele Krümchen und viele Tränen auspickte: „Den hielt einmal im Winter, als der Schnee lag, wie hent, das Städtchen nimmer. Da ist er in die Fremde gezogen und ist gleich nach Afrika gekommen, wo immer Sommer ist. Und da haben die Sauhunde ihn in die Fremdenlegion genommen. Und er dachte immer an seine Mutter. Da kam er ins Bett und starb am heißen Fieber und liegt, da unten im Wüstensand." ... Grinsten nicht die alten hohen Dächer zu den Fenstern herein? Der Wächterturn» über ihnen schloß die Augen, wie damals, als der Bursche zum verschneiten Städtchen hinaus in die selig nngewisie Fremde zog. ... Sie sind verdorben, gestorben ... Und noch einmal fällt es aus dem zahnlosen, unruhigen Mund: „Jetzt zu Mariä Lichtmeß werden es fünfundzwanzig Jahre!" Da standen mir die Haare zu Berg ... Ein Viertelsahrhundert verwahrt sich das Leid so nah unterm Schnee. Kalt wie ein Klumpen Eis liegt es in dem verschneiten Städtchen, und wenn rundum die Sonne allen Frost aufleckt, der Klumpen Eis bleibt hart und kalt ... Wir gingen. Die Alte schnalzte wieder ihr Lachen. Die krummen Finger umschloffen unsere wollenen, städtisch gesprenkelten Handschuhe mit einem lebenslustigen Druck. Am nächsten Tage finden wir sie wieder droben am Grabe stehen, das kein Grab war, sondern nur ein Symbol der Unerreichbarkeit der heißen Wüste Afrikas Aber eines Tages strich der Südwind vom Flußtal her über die Stadt und Berghänge. Der Schnee schmolz. Am letzten Tag, an dem wir rodelten, trieb die Luft uns schon allentbalben aus den schwarzen Tannenwäldern in schweren warmen Stößen zu. Sie schien voll heimlichen Dranges fruchtbar geworden zu sein. Die Dächer wurden wieder rot. Der See deckte sich auf aus der grauen, wüstenhaften Dunkelheit. Die Luft spannte sich hoch und dünn. Die Berge drängten in brauner, glanzender Kraft auf, und tm Tal erschienen die Alpen tn kahler Größe, weit und wild, mit zerhackten Rücken den Himmel erobernd Drunten in der Stadt wurde eine neue Kugel und ein neues Kreuz aus die Kirche gesetzt. Die Kugel strotzte dickleibig von Gold, und die Turmarbeiter schwebten wie schwarze und große, an die Kugel gefeffelte Vögel auf den Gerüsten umher. Zwischen Himmel und Erde ... Der Südwind umstrich sie mit schmerzvoller Klarheit. Auch der Friedhof war braun und feucht geworden, wie ein zur Saat bestellter Acker. Winterliches Brückenbild. Von Fritz Gräntz. Goldqer Brückenhahn erglänzt, Weiß von Möwenflug umkränzt. Blitzend in des Winters Sold Kreist das Silber um das Gold, Grüben Freie den Gefangenen, Huldigt Heute dem Vergangenen, Schwirrt das Leben um den Tod. Unten treiben, Boot an Boot, Runde Schollen, weiß umzogen, Klingend durch den Brückenbogen. Morgenwilder Dreigesang, Möwenruf und Eisesklang Und ein Geisterhahnenschrei, Hallt am Brückenfirst vorbei. Sonnigster der Wintertage Ueberflutet Schrei und Sage. Das Epos des Autos. Von Eugen Diesel. Die Entwicklung vollzieht sich in unseren Tagen in stürmischem Tempo. Das zeigt besonders deutlich der Siegeszug des Autos: Vor 30 Jahren noch ein angestauntes Wunder, heute eine Selbstverständlichkeit des Alltags. Dieses „Epos des Autos" läßt Eugen Dresel in einem prächtigen Film in dem soeben beim Bibliographischen Institut in Leipzig erscheinenden Vilder- Werk „Wir und das Auto, Denkmal einer Maschine" an uns vorbeirollen. Wir geben aus der geistvollen Einleitung einige Abschnitte wieder. Wann ich zum ersten Male ein Auto gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Aber vor dem Jahre 1889 muß wohl jeder Großstädter schon einmal einem Auto begegnet sein. Das Jahr 1807 hatte tn deutschen Automobilkreisen eine lebhafte Garung ge- i bracht Der Mitteleuropäische Motorwagenverein war gegründet worden, Daimler baute ein sechspferdiges Phaeton mit Vierzylindermotor für „Schnellfahrt", das die RekordEwindigkeU von etwa 42 Kilometern in der Stunde erreichte. Robert Bosch machte die ersten Versuche mit seinen Zündapparaten für Automotoren. Auf der Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung m München im Jahre 1898, die auf dem Gelände stattfand, aus dem jetzt das Deutsche Museum steht, waren auch einige Automobile ausgestellt. Ich erinnere mich, daß ich diese Automobile als Erscheinungen wieder erkannte, die ich schon auf der Straße gesehen hatte. Ich freute mich über die Steuerhebel oder Räder an senkrechter Steuerstange. Neben ihnen auf parallel zur Steuerung hinabsührenden besonderen Stangen bedrückte mich ein wichtiges Gewirr von Hebelchen aus gezähnelten Segmenten. Noch bedeutsamer tat sich die große Gummihupe hervor; mit ihrem stattlich gewundenen blitzenden Horn. Außer den auf der Ausstellung puffenden Motoren machte nichts auf mich einen so zauberhaften Eindruck wie diese rot und grün gepolsterten, in allen Gestängen hübsch vernickelten, reizenden Wagen mit gerippter Kühlschlange hinten und vorn, stehendem oder liegendem Motor hinten oder vorn, mit kleineren Vorder- als Hinterrädern, die mit schwachen Pneumatiks oder auch Vollgummiräbern versehen waren. Ueberall unter den Sitzen und Bodenbrettern steckten Gehcimniffe, die ich verehrte obschon ich von der Unvollkommenheit dieser Maschinen, von Zünddesekten, versagenden Vergasern, Reifenpannen und Unglücken schon viel häufiger gehört hatte, als mir Autos begegnet waren. Damals sang man in München ein Schnaderhüpfel: „Und an Automobil, ist a Wagen, der net will." Wenn ich von nun an Rad fuhr, dachte ich mich in den Besitz eines Autos und in seine Handhabung hinein. Bedienungshebel befanden sich irgendwo am Gepäckträger, der Laterncn- schraube, dem drehbaren Glockendeckel. Die paar Autos, die in München herumfuhren, wurden stets als Bekannte und Freunde ^Aber immer hatten wir noch keinen eigenen Wagen! Immer noch hatte ich selbst in keinem Auto gesessen! Ein Traum wollte und wollte nicht in Erfüllung gehen. Einige Male ergab sich eine Möglichkeit. Aber die Eltern halfen nicht nach. Man hatte zu viel von Autounglücken gehört. Schließlich erhielt ich unter unver- i hohlenem Mißbehagen meiner Eltern die Erlaubnis, mit dem Onkel eines Schulkameraden zu fahren. Das war im ;,ahre 1904 in einem zwölfpserdigen Deauville-Wagen mit Batteriezündung. Unbeschreiblich war das Gefühl des Stolzes, als ich vorn zum Chauffeur hinaufstieg. Die Fahrt gestaltete sich ln einem Höhepunkt meines jungen Lebens. Aber dieses Wägelchen war ja auch schon etwas mit seinen vier Zylindern, seinem recht ruhigen Gang, Also koS! Sie seht« sich hinten auf, wir glitten ab, die Leute jauchzten auf, die Alte gluckerte in hellsten Tönen ... Aber wer waren bald unten. ... 3* hab einen eigenen Wein im Keller! Wir mußten mit zu ihrem Häuschen. Küserswitwe Merkle stand auf einem Holzbrett. Die Muhme wackelte mit uns in ein holz- actäseltcs Stübchen. Das ist nun mein Kammer!, jagte sie selig. Und sie drehte sich unter hundert Ausrufen und Aufgluckiern mit ihrem verdorrten, verbogenen Leib und mit plätscherndem Geplanter um nns"'hernm, schob uns Stühle unter, schob uns von ihnen aufs Sofa. Es quietschte auf, wie ein Starenslug. Auf mal stand Brot da und bald auch ein Steinkrug, aus dem Wein hart duftete, wie eine Hecke im März. Wir saßen und tranken Der Wein gärte noch ein wenig war blaßrot. Die Alte plauderte dazu und wenn wir etwas sagten über ihr Brot, oder ihren Wein, oder das Stübchen oder so, dann wackelte sie mit freundlicher Glückseligkeit wie ein angestoßenes Stehaufmännchen. Mit ihren krummen Fingern nahm sie den Krug und goß ein tn die dicken Gläser. Dabei schaute sie uns an, und immer ging ihr Mund, und man verstand auch noch, wenn selbst keine Worte aus den alten Lippen fielen. Es war ein seliges, sinnloses Sich-Ausplaudern-können. So saßen wir da, tranken den erdigen Wein und sahen zu den Fenstern hinaus in das weißeingekleidete Gärtlein der Witwe Merkle und auf die mit Schnee behangenen Dächer und Häuser, die hinter dem Gewirr kahler Birnbäume behäbig niedergeduckt zu träumen schienen. Sie hatten alle Sonderlingsgestalten. Ueber ihnen schob sich der dicke Martinsturm in die graue Luft Wir sagten der Muhme, wie das Städtchen unterm Schnee für uns versunken sei und schlummere, wenn wir vom Bergwald heruntergerodelt kämen . und sie lachte mit lauten Kehltönen, mit gell aussteigenden und plötzlich stehenbleibenden Juchzern: Ja ... ja! und klapperte mit dem linken Augendeckel dazu wie mit Kastagnetten. Sie wuchs, während wir ihren saueren Wein tranken, mit ihren 78 Jahren, ihrer glucksenden Fröhlichkeit und ihrem klappenden Augendeckel, mit ihren gebogenen Fingern und ihrem ausgelassenen wackelnden Leib ins Städtchen hinein, wie eines der Häuser, wie die Gaffe unterm Schnee. Es war dieselbe schlafende Unbekümmertheit, die vor der Welt versunkene Sorglosigkeit, das unbewußte, absonderliche Lachen in der Tiefe des alten verschrumpsten Herzens unter dem deckenden Schnee der weißen seinem Kühler vorn an der Motorhaube, seiner niedlichen roten Karosserie mit wohlgepslegtem wetnrotem Leder. Die Beine des Chauffeurs waren unter einer schwarzen Lederdecke verborgen, um die Steuerung hindurchzulassen. Geheimnisvoll folgte der Wagen dem unsichtbaren Spiel der Chausfeurfüße auf Kuppelung und Bremse. Auf jede Kurve stürzten wir in einem Höllentempo los, und es war unbegreiflich, daß man lebend durchkam, daß ein Fahrzeug so wunderbar beherrscht werden konnte. Noch mehr nahm mich von nun an der Zauber des Autos gefangen. Hatte ja doch die erste Erfüllung der Sehnsucht ganz entsprochen, ja sie weitaus übertroffen! Und immer noch besaßen wir keinen eigenen Wagen! Das Jahr 1905 endlich brachte die Entscheidung. Mein Vater behauptete, sein Gewissen beschwichtigend, er müsse einen Wagen haben, um das Automobilwesen zu studieren; denn er wolle einen Dieselmotor für Automobile bauen. Wenn ich aber nicht irre, so trug an der Anschaffung des Wagens die große Reisesreude meines Vaters und der Zauber des Autos, dem auch er inzwischen verfallen war, die entscheidende Schuld. Nun also waren wir Automobilisten! Jedes Jahr reisten wir im eigenen Wagen durch ein anderes Land. Ich sog begierig die Landstraße, die vorbeirauschenden Bäume, die herrlich wechselnde Landschaft, das Fahrgefühl und die Seele des tickenden Motors, das Geheimnis der Garagen, die Weisheit der Chauffeure in mich ein. Ich lernte die Kraft der Maschine im Vergleich zum Gewicht des Wagens und zur Landstraße gefühlsmäßig abschätzen, lebte und webte mit der Umdrehungszahl, dem Schalthebel, dem Getriebe, so daß ich, als ich mich das erstemal selbst ans Steuer setzte, sofort richtig fahren konnte. Vor allem lernte ich rasch sehen, ohne oberflächlich zu sehen. Die Größenverhältnisse der Welt verschoben sich in mir, sie kamen in Beziehung zur Kraft der Maschine, zur Stellung der Gashebel, zum persönlichen Macht- bewußtsein. Dadurch aber verlor die Welt keineswegs an Reiz: im Gegenteil! Wer der Blasiertheit und dem Machtdünkel zu widerstehen weiß, der wird nichts von allem, was die Erde und die Landschaft je dem Menschen bedeutete, preisgeben oder verlieren; er wird vieles hinzugewtnnen. Jene herrliche Epoche des Autos war gleichsam seine klassische Zeit. Die grundlegenden Formen waren gefunden, ein hohes Maß von Zuverlässigkeit erreicht; aber noch waren das Abenteuer und ein ganz naiver Autostolz lebendig. Zwar war damals der Reiz und die Seltsamkeit der allerersten Autozeit abgeblaßt. Ein anderer Erlebniszustand hatte sich eingestellt. Die Wagen waren schon zu zahlreich und zu gut und sie wurden von Tag zu Tag besser. Man durste sich nicht mehr als Pionier und als Besitzer eines Autogeheimnisies fühlen. Immerhin war auch diese Zeit noch in Farben und Reize getaucht, die sich einer, der in die heutige Autowelt hineingeboren wird, kaum vorstellen kann. Die Maschinen tickten und klopften ein wenig anders als heute, die saugten schlürfender am Vergaser, und das Schalten an der Kulisse war eine andere Kunst als die mit der synchronen Kugelschaltung von heute. Die Motoren setzten nach einigen tausend Kilometern Oelkohle auf den Kolben an und besaßen nicht die allumarmende und doch sanfte Kraftreserve, nicht das schnelle An- zugsvcrmögen der Maschine. Das Ankurbeln, das Reifenmon- tieren, waren unentbehrliche Künste, der Gummi fühlte sich anders an und roch anders. Benzinduft von einem viel leichtgradigcn Benzin lag über dem Wagen, auch tropfte wohl Oel von ihm herab und auf den großen Pässen kochte der Kühler. Aber man kam mit diesen Maschinen auch vorwärts, dabei mußte man viel mehr aufpassen, mehr mit dem Geist arbeiten und sich in die Seele der Maschine versenken als heute. Die Landstraßen boten noch Widerstände. Berge und Pässe waren Probleme, die bezwungen sein wollten, an die man mit Erwartung, Freude und neugierigem Zweifel heranging. Seit dem Triumph des amerikanischen Wagens sind die weiblichen Ansprüche zu stark in das Auto hineinkonstruiert worden Diese neuen Maschinen folgen ja dem Fußspitz- chen jeder Dame so ruhig und folgsam wie das frömmste Pferd. Und das alles auf asphaltierten, mathematisch korrekten Straßen, wo die Kette der Tankstellen und Kundendienste nicht abbricht. Immer mehr wuchs das Auto in das Schicksal des Menschen hinein. Man gewöhnte sich an das Auto rote an ein Stück des allgemein menschlichen Inventars, das eben zu unserer Kultur gehört, wie seit Jahrtausenden die Pferde oder Wagen oder Häuser zu unserer Kultur gehören. Man vernahm nicht nur von Autoreifen und Ferieneindrttcken, von Sporterlebnisien vieler Freunde, sondern auch von Fällen, in denen ein entscheidendes Ereignis, ein Schicksal, die Arbeitsrichtung, der Beruf durch das Auto hervorgerufen oder bestimmt worden war. Eines Tages teilte man uns telephonisch mit, daß ein Bekannter im Automobil verunglückt sei. Wir eilten mit unserem Wagen an die S^lle. Zwischen den Trümmern des Benzwagens erblickte man sein Blut und seinen Hut. In Schottland sahen wir einen Wagen, der von der Fjordstraße abgestürzt und in den Baumkronen unbeschädigt hängen geblieben war. Man hatte selbst gefährliche Situatwiron erlebt und war gut davon gekommen. Aber auch große geschichtliche, ja sogar nationale Ereignisse, deren Zeuge man wurde, begannen untrennbar mit dem Auto zusammenzuhangen. Bei Kriegsausbruch sah ich den Kaiser in seinem Mercedes das Schloß Bellevue in Berlin verlassen. Der große Ernst seines Ausdrucks verband sich in mir mit dem dahinstürmenden Wagen zu einem eigentümlichen Eindruck der Geschichte. Das Auto ist heute soziologisch etwas anderes geworden. Das Kulturempfinden unserer Zeit hat sich verschoben, viele Reize sind dahingeqangen, neue Reize der Verfeinerung in Leistung, Fah^ kunst, Zielsetzung haben sich eingestellt. Vor allem aber hat sich das Auto in unglaublichster Weise in das gesamte Bild der Nationen, der Städte, ja der Landschaften hinetngedrängt. Wir stehen vor Erscheinungen, welche die frühere Autowelt nicht kannte: Vor ungeheuren Parkplätzen, märchenhaften Garagen, Automobilstraßen, Weltstadtverkehr mit Hunderttausenden von Wagen und Millionen von Pferdekräften. Oer Sternenbaum. Roman von Friedrich Schnack. lFortsetzung.) iNachdruck verboten.) Erfreut beugte sich Gret über ihre Wäschehaufen, und die Lehrersfrau begab sich eilends in die Küche. Juppi blickte ihr ehrfurchtsvoll nach. Er sah einen weißen Küchenschrank schimmern, Tassen blinken, Töpse, Teller im weißen Tellerrahmen; er gewahrte drei schneeweiße Stühle, die standen um einen schneeweißeq Tisch. Die Augen sprangen ihm beinah aus dem Kopf. Solche Möbel gab es? Möbel wie aus einem Märchen. Die waren wohl für die Sonntage bestimmt. Die Frau brachte ihm aus einem Teller eine Scheibe Brot, dick bestrichen mit Butter und leuchtend überzogen von einem gelben Aufstrich. „Ei, ein Honigbrot!" lobte die Hemden-Gret. „Bedank dich nur auch schön." Verlegen nahm er das Brot. „Vergelt's Gott." Das schmeckte. Ein großartiger Genuß, das Honigbrot. Als er es verzehrt hatte, leckte er die Fingerspitzen ab. Die Traglast war mittlerweile wieder geschnürt, und so konnten sie nun weiterziehen Die Gret hatte das Geld in ihren Geldbeutel getan. Mit vielen Worten verabschiedeten sie sich, und Juppi hielt seine Mütze in der Hand. Sie gingen noch in manche Häuser, ehe sie wieder zum Ort hinausstrebten. Siebenelle«. Sie zogen aus der langen Waldstraße voran. Die Fichten hatten ihre dunklen, undurchdringlichen Hallen ausgebaut, die Sonne hatte nicht Kraft, den Forst zu durchleuchten. Schweigend wuchs das Holz. , „Sieben Schneiderellen haben die Straße ausgemessen", sagte die Gret, um anzudeuten, wie lang der Weg nach Sicbenellen sei zur Frau Försterin, der sie fünf Meter Batist und einige Kleinigkeiten zu bringen hatte. Aber für Juppi war die Straße nicht zu lang; jede war ihm recht, die nicht nach dem Einsamerhof führte. Was lag ihm an müden Beinen. Ucberdies war er nicht ein bißchen müd. Hier war es schön und still, düsterten auch die Felsen zwischen den Stämmen. Wild übereinandergeworfen belagerten die Blöcke Hang um Hang. Gleich Herden von Granit wucherten sie da, behängt mit langen Moos- und Grasbärten. Wurzelhörner krümmten sich aus ihren Flechtenleibern. Und sie lauschten in ihre uralte Waldstille, als warteten sie lautlos aus ihren steinernen Hirten. Doch den hielt das zuchtlose Heidelbeerkraut in den Schluchten gefangen und überwuchert. Andere Felsen wiederum, steilwandige Quadern, waren knapp an die Straße hingetürmt; sie waren groß rote Häuser, und ihre granitenen Türen waren für alle Zeiten verschlossen. Auf ihren Moos- und Pflanzendächern buckelten die Eichhörnchen, mit ihren fuchsroten Fahnen spielend. Wer schlief in diesen Steinburgen? Juppi bevölkerte sie mit toten Holzfällern, Jägern und Fuhrleuten. Sie kamen nach Rinqolay. Die Häuser standen regellos in der engen Landschaft, vor der die Wälder um ein paar Acker- und Wiesenlänqen zurückwichen. Gret blieb stehn, um das kleine Dorf zu Überblicken. „Kein Mensch zu Haus", sagte sie und ging weiter. Juppi spähte nach den Schwellen. Wo blitzte es silbern von Ringelnattern? Nichts zu sehn. Keine einzige Natter schlief vor den Türen der Bauernhäuser. „Die Ringelnattern sind bereits tn ihre Winterquartiere gekrochen", erklärte die Gret „Um diese Zeit ist es abends und nachts im Wald schon recht kühl." Oh sie schliefen vielleicht in den steinernen Hausern rechts und links von der Straße da hinten. Juppi war gar nicht enttäuscht. In seinem Ringolay, das er sich im Innern gegründet hatte, blitzten die Ringelnattern aus den Schwellen. Um Mittag, als die Sonne senkrecht über der Straße stand und mit einem leichten, grauen Dunstschleier ihr Antlitz sich bedeckte, machten Gret und Juppi Rast. Gret setzte den Korb ab und beklopfte ihn. „ r „Oben muß es abnehmen, unten muß es zunehmen", sagte sie und meinte den Ballen auf dem Korb und das Geld in ihrer ^Fuhrwerke, mit Stämmen schwer beladen, krachten vorbei. „Verkauf uns ein Hochzeitshemd, Gret!" riefen die Fuhrleute ntU^t Schelme!" erwiderte sie. „Ihr seid ja längst verheiratet. Kinderwäsche könnt ihr haben." Sie lachten und schüttelten die Köpfe. Ihre Peitschen knallten, die Achten stöhnten. Die Wäschekaufleute aßen. Sie hockten an einem Tisch, der war von Stein. Ihre Stühle waren Fichtenwurzeln. die klobig aus dem Boden auollen Es gab Brot und Ziegenkäse. Den Nachtisch beschloß ein Apfel. Dazu speisten sie die Waldlust und den Geruch der Räume. Er schmeckte ihnen sehr gut. So alt werden müßte man, wie die Baume im Bayerischen ^era» Iwortlich: l)r. HansThyriot. — Druck undst)erlag:Drühl'jcheUniversitätS»'Luch« und Steindruckeret, R. Lange, Gießen. sich innerlich. „ „Alle Leute hat mein Vater mit Baumen verglichen", berichtete die Gret. „Siehst du, sagte er zu mir, der Gemeindevorstand ist eine alte knorrige Kiefer. Eigensinnig und rückständig. Der ist nicht über sich hinausgemachsen. So war es. Man hat s ja erlebt. Ich halt's mit meinem Vater. Die Iran Lehrer, bei der wir waren, das ist eine feine Tanne, ohne Knorz. Die hat saubere Aeste nach allen Seiten, gleichmäßig gequirlt. Ein Prachtmensch im Wald. Wenn wir aber erst zur Frau Förster von Siebenellen kommen, da sollst du mal eine Fichte sehn!" | Während sie so plauderte, raffte sie ihren Kram zusammen, und | nI-8 sie ihren Korb wieder auf dem Rücken hatte, setzten sie ihre Wanderung fort. , , .t . ! Sie veranlaßte ihn, vom Einsamerhof zu erzählen und wie es . ihm dort ergangen war. Zuerst wollte er nicht, schließlich ruckte er doch mit seinen Sorgen heraus. Ohne ihn zu unterbrechen, hörte sie mit geschärftem.Gesicht zu. Er berichtete nicht viel, mancherlei für sich behaltend. Von Flunk erzählte er und vom Verlust seiner Harmonika. Urteilend wiegte sie den Kopf. Ein lautloser Sturm ging über den fernen Knecht nieder. Der fchüttelte ihn bis in die Knochen. „Der Flunk", sagte sie streng, „der ist ein ganz gewöhnliches Krummholz. Eine Latsche ist der. Schau ihn doch an, wie er schlurft. Finsteres Gestrüpp. Den wurmt's, baß du ein feiner Baum bist. Krummholz will nur Krummholz." Wie zornig sie war. „Mußt halt darüber wegkommen, Juppi." So gelangten sie nach Stebenellen. Die Frau Förster war in ihrem Garten vor dem Forsthaus und mit ihren Blumen beschäftigt. Weiße, blaue, blaßrote Blumen. „Ei! Astern", rief die Gret, als sie die Frau begrüßt und Juppi vorgeführt hatte. „Der Sommer ist nicht laug bei uns, so müssen wir uns an die H^bstblumen halten." „Ich habe lange nicht so schöne Astern gesehn", sagte die Hem- den-Gret. „Das ist also der kleine Hofschaffer, von dem Ihr mir erzählt habt", meinte die Försterin. Sie faßte ihn an der Schulter und bat die Ankömmlinge ins Haus. Schüchtern ging Juppi neben der großgewachsenen Frau. Sie war wirklich einer wohlgestalteten Fichte gleich. Noch nie war er einer so ansehnlichen Fran begegnet. Selbst die Gret mußte zurückstchn, die doch auch kräftig uud behend war. DaS Forstbaus, mit einem mächtigen Hirschgeweih über der Tür und aufstrebendem Spalierobst rechts und links, war am Hang hingebaut und schaute mit seinen beitern Fenstern hinunter in da? von einem Bach durchflossene Wiescntal und schaute darüber hinaus, wo sich das Land öffnete und Felder hergab für Getreide, Klee. Rüben und Erbsen. Hinter dem Haus wipfelte der Buchenwald, von milder Sonne angeiprüht. Die Gret lud im Gang ab und wischte vornehm die Hände an den Rockfa^se». ehe sie eintrat in die Stube. Jupvi wurde von der Hand der Försterin freundlich über die Schwelle gedrängt. Nun waren stc int Zimmer, die Frau rückte Stühle und bot sie zum Niedcrsitzen nn. Juppi zöqerk. Die Stühle waren braun von Aussebn und hatten gedrehte Reine. Ihre Sitze waren mit Leder bezogen und. weiß Gott, golden benagelt Auf solchen Stühlen nachten, das war Geburtstag. „Aber Frau Förster!" wehrte höflich die Gret. „Wir haben keine Kinder ..." sagte die Frau, räumte den Tisch ab, hieß die Gret, ihre mitgebrachtc Ware auspackcn, und ging hinauf, um den Anzug zu holen. Juppi blieb allein im Zimmer, wo die Uhr tickte. Schnell huschte er zum Schrank, berührte ihn behutsam mit fühlenden Fingern. Das Holz war kühl und glatt wie Glas. Die Gret brachte ihren Battist zum Vorschern, ein Paar Männerschuhe, die sie in Passau für den Förster hatte besohlen lassen, Schuhriemen und eine Rolle Zwirn. Die Försterin lud ihr den Anzug auf. Dann wurde der Battisthandel abgewickelt und auch das Geld für die Auslagen erstattet. Als man zum guten Beschluß noch einen Malzkaffee miteinander trank, erzählte die Gret von Geschäften und Kunden waldein und waldaus. Der Uhrenkuckuck rief eins, da brachen sie auf, die Wasche- TClfCTtbCtt» „Auf Wiedersehn in deinem neuen Anzug", sagte die Försterin äU (Seh«'Augen begegneten strahlend ihren mütterlich freundlichen Augen. t „Dankschön ..." flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie verließen den Astergarten und überschritten den Bachsteg. Juppi schaute zurück: die große Frau schloß die Gartentür. „Eine hochfeine Fichte, die Frau Försterin", sagte Gret vertraulich. „Kerzengrad, ungezwungen wie ein schöngezogencr „Und "gut ..." fügte Juppi hinzu, aus dem Baumgleichnis seiner Freundin fallend. m , Der Nachmittag verstrich mit neuen Gangen, Besuchen und Geschäften. Abends blieben sie in einem Dorfwirtshaus. Bei Sonnenaufgang reisten sie weiter durch Wald und Wald. So brachten sie eine Woche hin und auch die halbe uachste. Der Ballen auf dem Tragkorb nahm an Umfang ab. wie es Gret gewünscht hatte, das Gewicht und der Inhalt ihres Geldbeutels nahmen zu. Der Vorrat war fast abgesetzt, da schlugen sie einen aroßen Bogen durch das Wogenmeer der Fickten, Kiefern und . Buchen. Sie steuerten nach Hause. Da ward es Juppi schwer umS £cri. Juppi ohne Heimat. Nach diesem Herumzigeunern mußte Juppi miede/: den Berg hinauf zum Einsamerhof. Ihm war gar nicht wohl, als das Dach zwischen den Bäumen auftauchte und Flunk ihn mit schiefem Blick vor der Scheune erwartete. „Vom Urlaub zurück, Urlauber, he?" grunzte er mißlaunig. „Was hast mir miGebracht?" Juppi erschrak. Was batte er ihm mitgebracht? Er zog ein belegtes Brot aus der Tasche, das ihm die Gret beim Abschied zugesteckt hatte ... Man stand mitten in der Ernte. Die Nacht war kurz, die Tagesarbeit lang. Juppi wurde nicht geschont. Zog er zwar noch immer in der Erinnerung mit der Gret von Ort zu Ort, durch den großen Wald, übernachtete er zwar nock immer mit ihr in den Wirtshäusern und betastete heimlich die Möbel der guten Förstersfrau, deren Gestalt als ein klarer Baum in seinem Seelenwald prangte, so hatte er doch auch Freude an der Feldarbeit, überdies wollte er sich nützlich machen, damit ihm seine Gemelnde- kindschaft niemand vorwerfen könnte. (Fortsetzung folgti. Wald- phantasierte die Gret. „Dann könnte man lang Wäsche ^Ich"helf"dir beim Verkaufen. Wenn du mal alt bist, dann gehich mit dem K°rb von Ort zu Ort" bot sch Juppi an. Sie strich mit der Hand über sein blondes Haar. man läuft M die Beine ab", meinte sie. „Die Baume wissen, warum sie stehn bleiben ..." "Ich "hab's°von mkne^Vater, das Laufen", gestand sie. „Der batte das Leben auch in den Füßen. Durch ganz Deutzchland ist er gewandert, von Bayern bis ans Meer, und wenn die Straßen dor°t nickt zu Ende gewesen wären, hätte er sein Lebtag nicht kehrt gemacht. Als er schließlich daheim wieder ankam, war er noch nickt müd. Mit allen alten Bäumen unterwegs hat er Bekanntschaft geschlossen. Ich hab etwas geerbt davon. Bäume sind schön", sagte Juppi einfach. Das Bild seines Nußbaums im Einsamerhof kam ihm in den Sinn: die Aeste langten hoch in die Luft, und die Blätter wischten wie Vogelslügel unter ^^"Ein^ Notizbuch, erzählte die Hemden-Gret, habe ihr Vater hinterlassen: darin seien lauter Vaumgeschtchten gewesen. Einmal habe er draußen im fernen Spessart eine tausendjährige Elche sechsmal mit ausgebreiteten Armen umspannt und seine Brust gegen den Stamm gepreßt, an den hölzernen Turm. Da habe es ?nnen geläutet. Bald hernach wäre die Eiche eingestürzt wie ein Bauwerk ... Um einen großen Nußbaum bet Erfurt habe er Tränen vergossen. Im Krieg hätten sie den Baum umgehauen für Gewehrschäste ... In Nassau habe er einen toten Mann in einer hohlen Linde gefunden. Das sei ein Gärtner gewesen, der kurz vor seinem Ende in die Höhlung gekrochen und in ihr wie in einem aufrechten Sarg verschieden war ... „Das hat er ausgeschrieben. So war mein Vater. Er hat gesagt, die Menschen sind Baume. Mit dem Leib wurzeln sie unten, mit dem Geist oben. Manche stehn aufrecht da und stattlich, andere hängen schief und krumm. Denen fehlt's dann innen", und sie flocht ein: „Du mußt achtgeben, Juppi, daß du ein grader, guter Baum wirst." Juppi dachte an seine himmelhohe Mittagsfichte und reckte hatte nicht einmal sein Vater je gesessen, und er selbst erst recht nicht. Aber die Gret nahm ohne weiteres Platz. „Setz dich, Kleiner", forderte ihn die freundliche Wirtin auf. ^^JHr^Mann^käme heute nicht zu Mittag. Es sei genug da. Ob sie nicht mttessen möchten? Die Gret wollte keine Umstände machen. „Ihr werdet mir doch den Jungen nicht um einen warmen Teller bringen", entgegnete die Försterin. Und sie deckte den Tisch. Plötzlich schnurrte die Uhr an der Wand, und ein Kuckuck rief stürmisch zwölfmal ins Zimmer. Er wippte vor seinem Uhrcn- haus, machte bei jedem Ruf einen Knicks vor Juppi und verschwand hinter seiner kleinen Klapptür. Der Lauscher saß da auf seinem goldbenagelten Stuhl und rührte sich nicht. Was es alles gab. Der übertraf noch um etliches seinen Finken. Juppts Blicke weideten auf den Gegenständen. Die Möbel waren alle braun poliert und wie aus dem Laden so gut erhalten. Nicht ein einziger Kratzer verunstaltete die Tur des Geschtrr- schlankes, noch die Säulenbeine des Nahtlschchens am Fenster. So vornehm war alles und doch vertraut. Die Freude, hier zu sitzen, erquickte ihn und flößte einen wunderlich sanften Rausch m ®ie a^en^'zu brttt, die Försterin hatte ihm den Teller gefüllt. Das war ein Essen: Knödel und Pilze, auch etwas Fleisch. So ein Essen hatte damals nicht auf dem Tisch seines Vormunds gestanden, wenngleich es am Sonntag rvar, als er ihn aussuchte, eh er zum Einsamerhos hinauf mußte. Und süße Kirschen hatte es ganz und gar nicht gegeben, das wußte er genau. Eine Glasschale voll eingemachter Schwarzkirschen wurde ihm zugeschoben. Die waren entkernt. Volles Ktrschenfleisch. Er genoß ÖtC„Id)*1 meine"6/ sagte die Försterin, „Euer Juppi braucht eine bessere Hose und auch eine Joppe. Ihr sollt einen abgelegten Anzug haben, bringt ihn zum Schneider und laßt einen Jungen- anzug draus machen." , , n Wie? Einen neuen Anzug sollte er haben? Das war ja Weih-