GiehenerZamilieilblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1954 Freitag, den r. vezemder Nummer 95 HANS DOMINIK • EIN STERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AM ELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) „Nun, bisweilen verirrt sich auch eins zu uns, Mr. Garrison. Auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es Ihnen doch hoffentlich nicht an. Wir freuen uns, nach langer Einsamkeit einen Gast bei uns zu haben." Noch bevor Garrison etwas erwidern konnte, klang von draußen her Motorgeräusch. Der englische Pilot startete bereits, und wohl oder übel mußte Garrison die Einladung Dr. Willes annehmen.--- Wie im Fluge verstrichen die nächsten Tage. Mit Interesse verfolgte Garrison Willes Experimente und gab gelentlich Ratschläge, die von Sachkenntnis zeugten. Stundenlang diskutierte er mit Schmidt über wissenschaftliche Zukunstsmöglichkeiten und brachte den biederen Doktor durch die Voraussetzungslosigkeit seiner Annahmen zu Heller Verzweiflung. Aber auch mit den übrigen Mitgliedern der Station hatte er sich angefreundet. Mit Hagemann beriet er sehr gründlich und tiefsinnig die Herstellung gewisser mixed drinks. In der Funkerbude war er ein häufiger Gast und bediente im Verkehr mit Pasadena selber die Morsetaste und auch mit dem jüngsten Mitglied der kleinen Gemeinschaft, mit Rudi Wille, hatte er schnell Freundschaft geschlossen und kümmerte sich um alles, was der tat und trieb. „Ein verrückter Kerl ist der Pankee doch", sagte Dr. Wille zu Schmidt. „Heute morgen traf ich ihn weiß Gott über Rudis Klamottenkiste." Selbst der ernste Schmidt konnte seine Heiterkeit nicht verbergen, als dies Wort fiel. Die „Klamottenkiste", wie Dr. Wille sagte, die Mineraliensammlung, wie Rudi das Ding hochtrabend nannte, gab dem Vater ständigen Anlaß zu sarkastischen Bemerkungen, während der Sohn sie mit dem Eifer des Sammlers hegte und pflegte. Ein paar besonders schön schimmernde Quarz- und Granitstückchen, die Rudi an schneefreien Stellen in der Umgebung der Station fand, hatten den ersten Anstoß dazu gegeben, und dann war der Junge von der Sammelwut gepackt worden. Bald reichte ein Pappkarton nicht mehr aus, erst ein Kasten und schließlich eine große Kiste,, in der ,@t8‘ einmal hundert Büchsen Condensed Milk nach der Station gebracht hatte, wurde nötig, um die Sammlung aufzunehmen Bei den Mitgliedern der Station fand Rudi wenig Verständnis für seinen Sammelsport. Um so erfreuter war er, als Mr. Garrison sofort Interesse dafür zeigte. Da hatte Rudi endlich einen Menschen gefunden, der auf seine Pläne einging und das Schöne dabei war, daß Mr. Garrison offensichtlich über mineralogische Kenntnisse verfügte und auch wußte, wie man eine solche Sammlung wissenschaftlich anlegen und ordnen mußte. . _ „Den Fundort und das Datum des Fundes, Mister Wille. Das t|t sehr wichtig", sagte Garrison, während er ein Stück schweren schimmernden Erzes in der Hand wog. „Das müssen Sie bei jedem Fund auf einer Etikette notieren und dann auf das Stück kleben, dieser Brocken hier Zum Beispiel ... man müßte wissen, wo und wann Sie den gefunden haben?" . ... Rudi dachte einen Augenblick nach. „Das kann ich Ihnen ziemlich genau sagen, Mr. Garrison. Das Stück habe ich erst vor drei Tagen mitgebracht. Ich fand es ziemlich genau fünf Kilometer südlich von unserer Station." .,, , ... Mr. Garrison schien sich von dem Erzbrocken nicht trennen zu können. Noch immer hielt er ihn in der Hand. . „Ein merkwürdiges Mineral, Mister Wille. Mehr von der Sorte haben Sie nicht entdeckt?" . Q f rr Rudi schüttelte den Kopf. „Nein, Mr. Garriftn, es war reiner Zufall M ich dies Stück fand. Es lag unter dem Schnee und ich stieß mit lern Fuß dagegen. Möglich, daß sich mehr davon finden laßt, wenn ein ordentlicher Sturm dort mal den Schnee wegfegt. — — .. . . Zwei Tage nach diesem Gespräch lieh sich Garrison einen tüchtigen Pelz von Dr^ Wille um in Gesellschaft Rudis einen größeren Spaziergang 3u unternehmen Der Amerikaner schlug die Richtung nach Süden ein" und^ schritt"o kräftig aus, daß Rudi fast Mühe hatte, ihm zri folgen. Endlos dehnte sich die weite, weiße Ebene vor ihnen nur h n u wieder von dunklen Stellen unterbrochen, wo dr, scharfe Nordwind o letzten Tage den Schnee fortgeblasen hatte. ( . h m.c.r a<5 Bei der schneefreien Stelle blieb Garrison stehen, und mehr einmal hatte er Glück bei seinem Suchen. Als sie sich nach fast drei Stunden Marsch zur Rückkehr entschlossen, trug er ein halbes Dutzend Brocken jenes so merkwürdig schweren und schimmernden Erzes im Gesamtgewicht von etwa einem Kilogramm bei sich. In der Station mußte man sich ohne die beiden an den Mittagsttsch setzen. Dafür nahm ein anderer Gast an der Mahlzeit teil, Georg Berkoff, der kurz nach dem Aufbruch von Garrison und Rudi mit ,St9‘ angekommen war, um gewisse, schon seit längerer Zeit bestellte Apparate abzuliefern. Dr. Wille war über das lange Ausbleiben seines Sohnes etwas beunruhigt, Schmidt zerstreute seine Bedenken mit dem Hinweis, daß Garrison schon mehr als eine Expedition in polare Gebiete mitgemacht hätte. Fast zwangsläufig kamen sie danach, trotzdem Lorenzen und Hagemann mit am Tische sahen, aus das Thema zu sprechen, das sie schon seit Tagen bewegte, aus die Frage: Was will der Amerikaner eigentlich in unserer Station? Dr Wille rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ich verstehe nicht, was dieser Mr. Garrison neuerdings mit meinem Jungen zu kramen hat? Der lange Ausflug heute wieder ... ich kann doch nicht im Ernst annehmen, daß die stümperhafte Mineraliensammlung Rudis ihn wirklich interessiert .. " „Verzeihen, Herr Doktor, wenn ich mich in Ihr Gespräch mische", unterbrach ihn Lorenzen, „der Amerikaner funkt auf unserer Station ost mit Pasadena ..." „Haben Sie Depeschen gesehen?" warf Schmidt ein. „Gesehen nicht, aber gehört. Ich kann einen Funkspruch aus dem Klappern der Morsetasten ziemlich sicher mit hören ..." „Und was haben Sie da gehört?" fragte Berkoff interessiert. „Er funkt natürlich in englischer Sprache, Herr Berkoff. Aber ich konnte heraushören, daß von Erz, von Gold und Silber etwas vorkam. Dann einmal ,high weight', heißt meines Wissens hohes Gewicht. Das war mir nicht ganz verständlich. Man sagt englisch doch besser heavy weight . . ." „Er meinte spezifisches Gewicht", raunte Schmidt Dr. Wille zu. Berkoff preßte die Serviette in seiner Rechten zusammen, daß seine Knöchel weiß wurden. „Haben Sie noch mehr gehört, Lorenzen?" „Nicht mehr viel, Herr Berkoff. Von einem Stück Erz war noch die Rede, das er gefunden hätte, und er hoffte noch mehr zu entdecken. Der Amerikaner scheint mir so eine Art Prospektor zu sein, der auf irgendwelche Erzfunde aus ist." Schmidt und Wille sahen sich eine kurze Weile verdutzt an, dann mußten beide lachen. „Total verrückt!" platzte Wille heraus, „in der gottverlassenen Gegend hier nach Erzen zu suchen, wo wir auf einer blanken Granitscholle sitzen. Das kriegt auch nur ein Panker fertig. Meinen Sie nicht auch, Herr Berkoff?" fragte er immer noch lachend den Ingenieur. „Reichlich überspannt, in der Tat", erwiderte der, aber er lachte nicht, als er die Antwort gab „Kompletter Irrsinn ist es", sagte Dr. Schmidt in einem Ton, als ob er das letzte Urteil in dieser Sache zu fällen habe. Aber wenn man den Mann über Sonnenelektronen sprechen gehört hat, kann man auch das von ihm erwarten." Dr. Schmidt hatte gut reden. Er wußte ja nichts von einer Analyse, die vor vier Wochen in Pasadena an einem Stückchen Erz gemacht worden war und unter anderem einen Gehalt von 10 Prozent Platin und zehn Prozent Gold ergeben hatte Und er konnte auch nichts davon wissen, daß man in Pasadena die deutsche antarktische Station für den Fundort dieses Brockens hielt. Der einzige am Tisch, der Zusammenhänge ahnte, wenn er sie auch noch nicht klar zu erkennen vermochte, war Berkoff. Kaum war die Mittagsmahlzeit vorüber, als er in die Funkerbude eilte und in dem Geheimkode der Eggerth-Werke einen langen Funkspruch nach Bitterfeld morste. Eine kurze Antwort hielt er in den Händen, als Rudi mit dem Amerikaner nach sechsstündiger Abwesenheit in die Station zurückkam. Aus der Chiffre übersetzt, lautete sie: „Die Spur verwischen!" Professor Eggerth war mit seinem Sohn zusammen im Privatlaboratorium, als man ihm den Funkspruch Berkoffs brachte. „Es wird Zeit, Hein. Wir dürfen nicht länger zögern." dem Körper las Zahlen Sßmeihunq, Herr Professor, das scheint mir eine rein wissenschaftliche Angelegenheit zu sein, die Sie besser im Kultusministerium vor- tragen. Ich verstehe nicht recht, was mein Ressort damit zu tun hat. „Sie werden es sofort sehen, Herr Minister. Wollen Sie d,e Gute haben, dies hier zu öffnen." Während Professor Eggerth es sagte, schob er dem Finanzminister ein kleines Paket über den Tisch zu. Der griff danach, wollte es anheben und erstaunte über das hohe Gewicht, befremdet fragte er: „Was foll das? Was ist das, Herr Professor? Professor Eggerth reichte ihm lächelnd eine Schere. „Keine Höllenmaschine, Herr Minister. Sie können es getrost öffnen." Unter leichtem Kopfschütteln zerschnitt der Minister die Schnur und schlug das Papier auseinander. Ein gelb schimmernder Metallwursel lag vor ihm. , . , „Was ist das, Herr Professor?" {ragte er noch einmal. „Es ist Gold, Herr Minister. Gediegenes Gold aus _ jenes Boliden, von dem ich eben sprach, und ich glaube, für Gold ist doch das Finanzministerium an erster Stelle zuständig." Wie gebannt blickte der Finanzminister auf den schimmernden Würfel, „Gold, gediegenes Gold?I" Er griff mit beiden Händen danach, hob das Stuck mit Muhe ein wenig empor, ließ es dann wieder auf die Tischplatte sinken. „Schwer, Herr Professor, sehr schwer ... an die 40 Pfund schätze ich. „Richtig geschätzt, Herr Minister, es ist genau ein Kubikdezimeter Gold im Gewicht von 19,3 Kilogramm." . Der Minister warf ein paar Zahlen auf em Blatt Papier und „Allerdings, Herr Minister. Deshalb bat ich Sie, nachher mit mir zilsammen nach Bitterfeld zu fahren." Professor Eggerth berichtete weiter. Er entfaltete dabei den großen Plan, um seine Darlegungen durch Zahlen und Analysen zu unterstützen. Eifrig half ihm der Minister, den großen Karton zu entfalten und auszubreiten. So sehr stand er im Bann von Professor Eggerths Darlegungen, daß er alle Ministerwürde darüber fallen ließ, lieber die Zeichnung gebeugt, folgte er dem Finger des Professors, der hier und dort aus besonders gehaltreiche Stellen des Kratergrundes hinwies. „Durch die Analyse an Proben von 200 verschiedenen Stellen des Kratergrundes können wir uns ein ziemlich genaues Bild von der chemischen Zusammensetzung des Boliden machen", fuhr der Professor in feinen Ausführungen fort. „Den Hauptteil des gewaltigen Meteoriten bildet zweifellos reines Nickeleisen. Es ist aber von starken gold- und platinhaltigen Adern durchsetzt, in denen der Gehalt an diesen Edelmetallen stellenweise über 10 v. H. ansteigt." Und bann zog Professor Eggerth eine Berechnung hervor und verlas Zahlen über die ungefähre Gesamtmasse des Boliden und den inut- Das war alles, was er sagte, nachdem er d e Depesche gelesen hatte. Während Hein die Antwort des Professors verschlüsselte und zur Funk- station brachte, stand der alte Eggerth sinnend vor einem> Plan der ,n einer Ausdehnung von drei Meter im Quadrat die eme Wand des Laboratoriums bedeckte. Er stellte den Bolidenkrater dar. An 200 Stel en waren kleine Kreise eingezeichnet, und neben >edem Kreis ftanb eine Reihe von Zahlen. Es waren die Analysen der Erzproben, welche ,St 10 aus der Antarktis bei seinem letzten Flug nach der Antarktis aus dem Kratergrund mitgebracht hatte. Prüfend glitten feine Blicke noch einmal darüberhin. Dann zog er die Reißnägel, mit denen der Plan an der Wand befestigt mar, heraus, faltete ihn zusammen und machte schließlich eine kleine Rolle daraus. Dann hatte er em längeres telephonisches Gespräch mit Berlin. _ Eine halbe Stunde spater hielt sein Kraftwagen vor dem Laboratorium. Eine Rolle in der Hand, nahm Professor Eggerth m ihm Platz. Zwei mäßig große Pakete legte Hein noch in den Wagen. Noch em kurzes Grüßen und Winken, der Wagen rollte aus dem Werk und schlug die Richtung nach Berlin ein. — m t „ „Ich habe mich für Sie frei gemacht, mein verehrter Herr ^rofefior, weil Sie mir die Angelegenheit am Fernsprecher als äußerst wichtig und dringend bezeichneten", emrofing ihn Minister Schroter m Berlin im Finanzministerium. „Nehmen Sie bitte Platz." Erstaunt blickte der Minister auf, als der andere von der Antarktis und von dem Sturz eines riefenhaften Boliden erzählte, unterbrach ihn machte eine kurze Rechnung. 54 000 Mark, Herr Professor. Das ist das Stückchen unter Brudern wert. Dafür nimmt es Ihnen die Reichsbank sofort ab. Haben Sie noch mehr davon?" „ , , ,Hier bei mir nicht, aber in meinem Laboratorium in Bitterfeld. Ich möchte Sie bitten, mich dorthin zu begleiten, wenn roir hier fertig sind." , , . „Aber das andere Paket? Sie haben ja noch ems da, unterbrach ihn der Minister. , , „ ..Bitte sehr, Herr Minister." Der Profeflor schob ihm das andere Paket auch hin. „Es stammt aus der gleichen Quelle, aber es ist kein @Ot,%onbern?" rief Exzellenz Schröter, während er die Schnur zerschnitt. Ein silbergrau blinkender Würfel kam zum Vorschein. Ist es Silber, Herr Prosesior?" „Gediegenes Platin. Ebenfalls ein Kubikzentimeter im Gewicht von 21,5 Kilogramm." cax„. , , Nur mit Mühe vermochte der Minister diesen zweiten Wurfe! ein wenig anzuheben Dann lehnte er sich in seinen Gefiel zurück. „Bitte, Herr Professor, sprechen Sie weiter. Ich bin bereit. Ihnen zuzuhören, und wenn es Abend darüber werden sollte." Professor Eggerth sprach, und nur selten unterbrach ihn während der nächsten Viertelstunde der Minister mit einer kurzen Zwischenfrage oder Bemerkung. Er berichtete von seinen Flügen zu dem Bolidenkrater, von den ersten Erzsunden und den Ergebnissen ihrer Verarbeitung. „Aus den ersten fünf Tonnen habe ich 400 Kilogramm reines Gold gezogen .. / „400 Kilogramm, Herr Professor ... das ist mehr als eine Million Reichsmark Gold ... das haben Sie in Ihrem Laboratorium?" fammen. .... „ , „Oh, Mr. Berkoff, Sie sagen Meteoritenerz. Das ist interessant. Wie meinen Sie das?" Während er die Worte langsam herauskaute, arbeitete sein Gehirn fieberhaft. ... Die Hauptsache in Sicherheit gebracht ... die Deutschen waren natürlich mit ihrem Stratosphärenschiff dort gewesen .. hatten von dem Erz eingeladen, was sich finden ließ ... ein Stückchen davon war im Laderaum liegengeblieben ... Mr. Haynes hatte es an sich genommen, ganz zwanglos erklärte sich jetzt dieser seltsame Fund, aber im gleichen Augenblick fühlte Garrison auch alle Hoffnungen schwinden, mit denen er hierhergekommen war. „Das ist schnell gesagt", erwiderte Berkoff auf feine letzte Frage. Vor einem halben Jahr ist hundert Kilometer südlich von der Station ein größerer Meteorit niedergegangen. Durch eine Reihe von Beobachtungen war der Funker Lorenzen in der Sage, den Fallort recht genau festzustellen... Bei unferm nächsten Besuch hier machten wir mit unferm Flugschiff einen Abstecher zu der Stelle hin. Es muh ein ganz tüchtiger Brocken gewesen sein, der da vom Himmel fiel, alles in allem konnten wir an die fünf Tonnen Erz an Bord nehmen, bei dem hohen Gehalt an Edelmetall war es ein recht annehmbares Geschäft für uns. Schade, daß nicht mehr von dem Zeug vorhanden war." Fortsetzung folgt.» mählichen Gehakt an Gold und Platin. Der Minister sprang auf und ^'^Hatten"Sie"ein°pHerr Professor, mir schwindelt bei Ihren Zahlen. Trifft auch nur ein Bruchteil Ihrer Annahmen zu, so steht Deutschland vor einem Ereignis, das fein Wirtschaftsleben auf Menschenalter hinaus beeinflussen muh. Natürlich kann ich selbst in einer Angelegenheit von derartiger Tragweite keine Entscheidung treffen. Das wirb spater Gadje des gesamten Kabinetts sein. Jetzt werde ich mit Ihnen whren. ich möchte selbst die Schätze sehen, die Sie in Ihrem Laboratorium haben. Er griff zum Telephon, führte noch ein kurzes Gespräch und ging bann mit Professor Eggerth zusammen zu besten Wagen. Wahrend das Gcsährt über die Landstraße dahinrollte, nahm bte Unterrebunoj ber beiden Herren ihren Fortgang. Professor Eggerth setzte dem Minister auseinander, wie er sich die weitere Aktion ^chte. Kuhn und gewaltig erschien diesem der Plan, allzu kühn bisweilen, doch als der Wagen nach zweistündiger Fahrt in das Bitterfelder Werk einfuhr, war der Minister bereits für die neuen Ideen gewonnen.-- Georg Berkoff nutzte die Zeit, während Garrifon mit Rudi noch unterwegs war, aus, um sich erst einmal gründlich informieren und danach einen Plan zu machen. Ein vorsichtiges Gespräch mit Wille und Schmidt gab ihm die Gewißheit, daß die beiden Gelehrten von dem Boliden überhaupt nichts gesehen hatten und nicht tm entfernteften daran dachten, die Sturmkatastrophe, von der die Station betroffen worden war, mit einem solchen Ereignis in Verbindung zu bringen. Auch Hagemann in seiner Küche hatte nichts davon gemerkt. Bedenklicher stand die Sache mit Lorenzen. Der hatte, zusammen mit Rudi, den Meteoriten fallen sehen, aber er verschwor sich Stein und Bein daß der Absturz in einer Entfernung von höchstens hundert Kilometern erfolgt fei. Für diese vorgefaßte Meinung brachte er eine Reihe von scheinwissenschaftlichen Gründen vor, die sich ganz plausibel anhörten. Berkoff hielt es für angebracht, ihn noch darin zu bestärken. Wenn ber verteufelte Amerikaner schon burchaus suchen wollte, so sollte er wenigstens an ber falschen Stelle suchen. Nach ber Unterhaltung mit Lorenzen machte Berkoff sich über Rubis Mineraliensammlung her und räumte die große Kiste aus. Schauderhafter Klamottenkram", kam es von seinen Lippen, wahrend er Stein um Stein herausnahm. Aber dann stutzte er. Seine Hande hatten ein Stückchen blinkendes Erz von ungewöhnlicher Schwere gegriffen. Em Zweifel war für ihn kaum möglich, er hielt ein Stückchen jenes wunder- baren Sternenstoffes zwischen seinen Fingern. Schon in großer Hohe mochte es infolge ber starken Erhitzung von dem Boliden abgefprengt worden sein, hatte danach seine eigene Bahn beschrieben und mar in der Nähe ber Station niebergefallen. Durch einen Zufall ... einen unglücklichen Zufall ... nannte Berkoff es bei sich, hatte Rubi bas Stück gefunben. Daß auch der Amerikaner es kannte, stand außer Frage. Mit der Tatsache mußte Berkoff rechnen. Er packte die Sammlung wieder ein und zog sich in Dr. Willes Arbeitszimmer zurück, um In Ruhe über die nächsten Schritte nachzudenken. Als Rudi und Mr. Garrison zurückkehrten, hatte er seinen Plan gefaßt. Nur durch einen riesigen Bluff konnte er den neugierigen Amerikaner unschädlich machen. Während sich Garrison und Rudi, nach dem langen Marsch ausgehungert, über ihre Mahlzeit hermachten, setzte er sich zu ihnen und fing ein Gespräch über mineralogische Dinge an. Bei Rudi fand er damit ohne weiteres Anklang. Der sprang sofort auf, brachte die Steine, die er gesammelt hatte, herbei und breitete sie auf dem Tisch aus. Ausnahmslos waren es Brocken irdischen Gesteins von zum Teil ausfallen- den Formen und Farben. Berkoff betrachtete sie mit scheinbarem Interesse, obwohl seine Gedanken ganz wo anders waren. Mr. Garrifon widmete seine ganze Aufmerksamkeit der Mahlzeit. „Sie scheinen weniger glücklich als Freund Rudi gewesen zu fein? fragte ihn Berkoff unvermittelt. Bevor der Amerikaner antworten konnte, platzte Rudi los. „Doch, Herr Berkoff, Mr. Garrifon hat ein paar hübsche Stückchen Erz gesunden von ber Art, wie ich auch eins in meiner Sammlung habe." Die Bemerkung Rubis war bem Amerikaner sichtlich unangenehm. Noch suchte er nach Antworten, um den Einbruck von Rubis Bemerkung zu verwischen, als Berkofs ganz unbefangen sagte: , Ach so, Rudi, bu meinst Meteoritenerz. Da mag wohl hier und bort noch ein Stückchen zu finben fein, obwohl wir die Hauptsache schon vor vier Monaten in Sicherheit gebracht haben." Einen Augenblick vergaß es ber Amerikaner, ben Munb zu schließen, in den er gerade einen Bissen geschoben hatte. Dann raffte er sich zu- uf lind I Non. I «Ichlond f. hinaus e’i non L : Sach, | ?n' ich I haben.* | ’b>8 | ;H0 das r lng der I Minister I gewaltig I Sagen l" oar der ! idi nach r stn und I ille und | nn dem K srnteften i «troffen 8 bringen. 8 dämmen g fein uni H hunderi | er eine L plausibel fi leftärten, i| |o foOte er Rudie rchauder. I er Stein itten ein sen. Ein | wunden ■ jer tzch. I gefprengt । war in ■ e Berfoff \.[ neritaner [. ' rechnen Arbeit!- | enten. | een ?to i| gen te rieh MI hnen uni I fanb et II je Steift I JU5. Stus- I auffall® | -m Int«-1 ®arri|on zu fetod antwort® i hat ei« auch ei* angenehm-1 $ ®ew«' | hier u«11 fache l-h" iMgft er flch!" flant ®11 Die güldne Sonne. Von Paul Gerhardt. Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unfern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, fchaue den Himmel mit meinem Gesicht. Abend und Morgen flnb Seine Sorgen; Segnen und Mehren, Unglück Verwehren sind Seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist Er zugegen; wenn wir ausstehen, so läßt Er ausgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein. Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; Seine Gedanken, Sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund. Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende; nach Meeres Brausen und Windes Sausen leuchtet der Sonne gewünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille hab ich zu warten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht. Das Märchen in der Hütte. Eine Geschichte von Selma Lagerlös. Es war an einem dunklen Winterabend in der kleinen Hütte Skro- lycka. Kattrinna, die Bäuerin, sah da und pann, und die Katz« lag aus ihrem Schoß und spann auch, so gut sie konnte. Der Mann Jan 2üiber|hm sah am Herde und wärmte sich nut dem Rucken gegen das Feuer." E; war den ganzen Tag in Erik Fallas Wald gewesen und hatte Holz gehackt, da konnte niemand von ihm verlangen, daßer setzt, wo er daheim war, noch eine andere Arbeit E-Hmen sollte. Ruht einmal Kattrinna hatte etwas dagegen emzuwenden, dah itz ■ “) anderes tat, als mit ihrem kleinen Mädchen spielte und plauderte, bah diesen Winter in sein fünftes Jahr ging. ... . . Kattrinna laü in ihren eigenen Gedanken da und horte Nicht Nie daraus, was de? Mann und das Kind miteinanderfchwatztem Aber auf eines hielt sie strenge. Sie konnte es nicht lewen «3an der Kleinen sagte, daß sie so schon und besonders i - . .-L gerne. Denn wenn Klara Gulla Won als »Xhm? baft nie unö schaffen wurde und die Menschen !>e zu ers 9 erzählen, und «T'ÄÄS-tiM rnu haben Ziegel geschlagen und Kalk haben sie g lIW röen. «usgerichtet, und mit sedem Tag ist der xi > > .. t re*t jst wenn B Sie haben schon gewußt, daß es unterem Denn sie Fe den Turm bauen, aber danach haben si . Wmrnel hinauf, hatten sich's einmal vorgenommen sie wollen v,s zum y,mm «m zu sehen, roie’s dort ausschaut. ... gott gesagt, .setzt . .Hört einmal, ihr guten Leute', hat!aJ« ",b'hin W ÜQ9’ ich's euch aber zum letztenmal, wenn h „;chs Helsen, ich «geht und mtt der Bauerei aushort, dannkann q m Jol^es muh ein Unglück über euch kommen lassen. Uno oas w Unglück sein, das ihr nie fosroerbet, und niemand kann euch bagegert helfen.' Aber die Menschen, die haben sich gedacht, ach was, unser Herrgott wird schon langmütig sein, wie gewöhnlich. Und fle haben weiter an ihrem Turm gebaut, und jeden Tag sind sie ein Stückel höher gekommen. Da ist aber unser Herrgott hergegangen und hat ihre Sprache ganz durcheinandergebracht. Siehst, bis zu dem Tag haben sie so gesprochen, daß eins bas anbere verstanden hat, aber jetzt roar’s damit aus. Wenn die Maurermeister jetzt sagen wollten: .Gib mir Lehm!' Dann haben sie anstatt dessen gesagt: .Fitzliputzli Fitzliputzli,. Und wenn die Lehrlinge haben fragen wollen, was sie denn meinen, da haben sie gesagt: .Erbe, derbe, mirbe, marbe.' Na, da kann man sich nicht wundern, daß sie sich nicht verstanden haben. Die Meister, die haben geglaubt, die Lehrlinge wollen sie zum Narren halten. Aber wenn sie sagen wollten: sprecht doch ordentlich, dann haben sie gesagt: ,UUen butten borst Na, uni) wenn die Lehrlinge fragen wollten, warum sie ein so böfes Gesicht machen, da haben sie nichts anderes herausgebracht als: .Abrakadabra?' Und da sind sie alle miteinander zornig geworden und sind sich in die Haare gefahren und haben zu raufen angefangen. Na, unb von bem Tag an roar’s aus mit der Freundschaft zwischen den Menschen, und niemand hat mehr daran gedacht, weiter an dem Turm zu bauen, sondern ein jedes ist für sich gegangen." Als Jan in feiner Erzählung fo weit gekommen war, schielte er zu Kattrina hinüber. Der Spinnrocken stand stille, und es sah beinahe aus, als seien Frau und Katze eingefchlummert. Da nahm Jan seine Erzählung wieder auf. Er senkte die Stimme nur ein wenig. „Aber unter all den anderen dort in Babylon, die an dem Turm gebaut batten, war auch ein König und eine Königin, und die hatten eine kleine Prinzessin. Und auf einmal fängt auch dieses kleine Möbel an, so närrisch zu sprechen, baß ihre Eltern und alle anberen Leute nicht ein einziges Wort verstanden haben Da wollt' der König und die Königin sie nicht mehr auf ihrem Schloß behalten, sie haben sie fortgejagt, unb sie mußt' ganz mutterseelenallein in die große, weite Welt hinaus. Da war sie natürlich ganz verzagt. Sie hat ja nicht gewußt, wem sie da unterwegs begegnen kann. Für einen Bären ober einen Wolf war es ja ein Kinberspiel, so eine kleine Prinzessin auszufressen, wenn sie ihm in ben Weg lief. Aber so zart unb fein sie auch war, fo hat ihr doch niemand was zu Leid getan. Nein, im Gegenteil, alle, denen sie begegnet ist, sind freundlich auf sie zugegangen und haben ihr die Hand gegeben und gefragt, wo sie denn hin will. Aber was sie zur Antwort gegeben hat, davon haben sie kein Wort verstanden, na, und da haben sie sich nicht weiter um sie gekümmert. So lieb und fein wie sie war, braucht' sie nur in die Schlösser und Burgen hinaufzukommen, da haben sie die Türen sperrangelweit auf- gerissen und sie hineingehen lassen. Aber wenn sie den Mund aufgemacht und man ihre närrische Sprache gehört hat, da hat sie gleich wieder sortmüssen. Na, und endlich, da war sie schon durch alle Königreiche gewandert, bie’s gibt, ba kommt sie eines Abends spät in einen grohmächtigen Wald, und als sie durch den Wald gegangen ist, da sieht sie eine kleine Hütte, die war so niedrig, daß sie grab noch burch bie Tür burchkonnt', unb ba geht sie hinein und sagt .Grüß Gott'. Da drinnen sitzt die Bäuerin und spinnt, und der Bauer sitzt am Herd und wärmt sich. Und wie sie sehen, daß ein Fremdes zur Tür hereinkommt, so sagen sie auch: .Grüß Gott'. Da hat die kleine Prinzessin eine schreckliche Freude gehabt, denn da in der Hütte haben sie akkurat so gesprochen, daß sie sie verstehen könnt'. Aber sie war sehr vorsichtig, sie hat ihnen nicht gleich alles erklären wollen. .Wie heißt benh diese Hütte?' hat sie gefragt, um sie auf die Probe zu stellen. „ .Die heißt Skrolycka', haben sie gleich geantwortet, und da hat sie schon gemerkt, daß sie sie verstanden haben. Und da war sie ganz wild vor lauter Freude, aber sie hat gemeint, es ist doch besser, wenn sie sie noch einmal auf die Probe stellt. .Wie heißt denn die Sprache, die ihr hier im Haus sprecht?' hat sie gesagt. .Das ist die werrnländische Sprache', haben die Leute in der Hütte 8G^Unb ba ist die kleine Prinzessin zu ihnen hingegangen und hat sie gebeten, dah sie bei ihnen bleiben darf, denn hier wär' der einzige Ort auf der Welt, wo sie verstehen konnten, was sie geredet hat. Aber wie sie zum Feuer hingekommen ist, da haben die Leute ja gesehen, daß sie eine kleine Prinzessin von Babylonien ift Und da haben sie ihr gesagt, daß sie fehlgegangen sein muß. Und sie haben ihr gesagt, es könnt' ihr unmöglich bei ihnen gefallen. Die wermländifche Sprache, die wär' ja überall, in jedem Haus, in der ganzen Gegend hier herum bekannt haben sie gesagt, sie könnt' überall hingehen, wo es ihr beliebt. Aber die kleine Prinzessin, die hat auf diesem Ohr nicht gehört. .Nein, hat sie gefagt, .ich merk' schon, daß ich recht gegangen bin. Und hier will ich bleiben. Denn hier hat man eine Freude und einen Nutzen von mir. .Die kleine Klara Gutta war ganz still auf Jans Schoß gesessen und hatte gelauscht, unb ihre Augen waren vor Staunen immer runber unb runber geworben. Aber als jetzt Jan zu erzählen aushorte, saß sie zuerst ganz stumm ba, bann brehte unb roenbete sie bas Köpfchen unb guckte sich alles in ber Stube an, so, als hätte sie es noch nie gesehen. ,3a jetzt tann’s ja noch so bleiben, roie’s ist, eine Zeitlang", sagte fle endlich. „Aber bis ich einmal groß bin, bann geh' ich schon roteber borthin zurück, wo ich her bin." Jan machte ein langes Gesicht. Und bas schlimmste war, daß Kattrinna jetzt wach war unb ben Schluß bes Gesprächs gehört hatte. „Ja, siehst bu, bas hast bu baoon, baß bu bem Möbel immer etnreben willst, daß sie gar jo was Feines unb Besonderes ift!" Jagte sie. Oie Spinnerin. Don Johann Heinrich Voß. Ich saß und spann vor meiner Tür, da kam ein junger Mann gegangen; sein blaues Auge lachte mir, und roter glühten meine Wangen. Ich sah vom Rocken auf und spann und saß verschämt und spann und spann. Gar freundlich bot er guten Tag und trat mit holder Scheu mir näher. Mir ward so angst, der Faden brach; das Herz im Busen schlug mir höher; betroffen knüpft' ich wieder an und saß verschämt und spann und spann. Liebkosend drückt' er mir die Hand und schwur, daß keine Hand ihr gleiche, die schönste nicht im ganzen Land an Lieblichkeit, an Rund' und Weiche! Wie sehr dies Lob mein Herz gewann: Ich saß verschämt und spann und spann. Er lehnt an meinen Stuhl den Arm und rühmte sehr das feine Fädchen. Sein naher Mund, so rot und warm, wie zärtlich haucht' er: „Süßes Mädchen!' Wie blickte mich sein Auge an! Ich saß verschämt und spann und spann. Indes an meine Wange her sein schönes Angesicht sich bückte, begegnet ihm von ungefähr mein Haupt, das sanft im Spinnen nickte. Da küßte mich der schöne Mann: ich saß verschämt und spann und spann. Mit großem Ernst verwies ich's ihm, . doch ward er kühner stets und freier, / umarmte mich mit Ungestüm und küßte mich so rot wie Feuer. Oh, sagt mir, Schwestern! sagt mir an: War's möglich, daß ich weiterspann? Oas Land des Lächelns. Bon Frank Heller. Heute morgen werden die Passagiere der „Gripsholm" von einer Reveille geweckt, wie sie sie noch nie erlebt haben. Durch die Kajütenfenster dringt ein Lärm, der Tote auferwecken könnte, heisere Worte in einer unbekannten Sprache, heftiges Wassergeplätscher, flehentliche Bitten und Lachkaskaden. Was ist los? Wo sind wir? So allgemach klärt sich die Erinnerung. Wir sollen ja heute früh Dakar anlaufen, die Hauptstadt von Französisch-Senegal. Das ist soeben geschehen, und die Symphonie, die durch die Fenster hereindringt, ist Senegals Morgengruß. Als die Einwohner Dakars das fremde weiße Schiff in den Hafen gleiten sahen, stürzten sie, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, zu ihren Booten und steuerten auf den seltenen Gast los. Wer kein eigenes Boot hatte, lieh sich durch eine solche Bagatelle nicht abhalten, die Honneurs zu machen, und schwamm ihm entgegen. Als wir durch das Korridorfenster hinausblicken, ist das Wasser voll von schwarzen Köpfen, die auf den Wellen auf- und niedertanzen, einige glatt geschoren, andere von kurzem Kraushaar bedeckt, das wie feine Astrachanmützen aussieht. Schwarze Gesichter starren zu uns empor, von einem Lächeln gespalten, dessen Zahnreichtum mit der Zahnformel des Menschen, die wir in der Schule lernten, unvereinbar scheint. Schwarze Hände, deren Innenseite die hellrote Farbe eines leicht gebratenen Roastbeefs hat, strecken sich flehend zu uns empor. „Moussou, moussou!" Aus den langen, schmalen Booten ertönt derselbe herzbewegende Rus: „Mous- |ou, moussou!" Jemand wirst eine Handvoll Kleingeld ins Wasser, und mit einem Male ist der Hafenspiegel ein brodelndes Gewirr von tauchenden Körpern; muskulöse Arme teilen die Wellen, Fußsohlen von derselben Farbe wie der Bauch eines Krokodils kehren sich uns durch das blaugrüne Hafenwasser zu. Dann kommt ein Taucher nach dem andern wieder an die Oberfläche, eine Münze zwischen den gefletschten weihen Kannibalenzähnen, und von neuem widerhallt die Luft von flehentlichem Geschrei: „Moussou, moussou!" Sind in Afrika auch die Möwen schwarz? lieber den Hasen kreisen ganze Scharen rußschwarzer Vögel, deren Flug täuschend an den der Möoen erinnert. Aber als wir einen Matrosen nach ihrem Namen fragen, belehrt er uns, daß dies Aasvögel sind. Schwarze Aasvögel unter einem Himmel, an dem die Hitze wie Dampf wogt, eine flache, blendendweiße Strandlinie mit verkümmertem Wald, ein Hasenmolo, wo herkulische Soldaten in Khakiuniform Wache halten — ist dies Afrika? Die Antwort geben uns die rastlos tauchenden Köpfe unter uns: ja, das ist Afrika, aber nur eine Seite von Afrika. Afrika ist wild, heiß und erschreckend wie ein Fiebertraum, aber es ist auch ein breite, Lachen, es ist die einzige, übriggebliebene Kinderstube der Welt! Wir gehen ans Land. Dakars Front gegen das Meer zu ist sran- zösisch; gerade, gut angelegte Straßen, öffentliche Gebäude in einem für die Tropen klug modifizierten französischen Stil, ein Park und das Denkmal für die im Weltkrieg Gefallenen. Aber die Erde des Parks ist rot wie Glutasche oder geronnenes Blut, und feine Bäume sind nicht die Bäume des weißen Mannes. Wir steigen in ein Auto, um eine Rundfahrt zu unternehmen. Unser Chauffeur ist ein langschädliger Neger mit schmalen Augen, weit entfernt vom Gorillatypus. Er trägt eine gelbe Sportmütze, hat ein schmales Goldarmband um das Handgelenk, hennafarbene Nägel an den Spitzen seiner schwarzen Finger, einen grünen Glasring an einem derselben und einen abgebrochenen Zweig zwi chen den Zähnen, an dem er unablässig kaut. „Esmek?" fragen wir. Das bedeutet auf Arabisch „Wie heißt du?"; senegalesisch gehört nicht zu unferm philologischen Reisegepäck. Aber der Chauffeur versteht Arabisch. „Anatole France", antwortet er stolz. Die Neger in Senegal haben das Wahlrecht und einen eigenen schwarzen Abgeordneten in der Kammer in Paris, Monsieur Diagne. Sie fühlen sich ganz als Franzosen — „nous autres Franpais noirs" —, und anstatt Mohammed oder Lobengula haben sie sich wohlklingende Namen gewählt wie Clämenceau, Poincare und Aristide Briand. Ein schwarzer Polizist, dessen Gesicht eine einzige Narbe (nach irgendeinem Bajonettstich in Flandern oder der Champagne) ist, und dessen Brust Tapferkeitsmedaillen bedecken, winkt dem Chauffeur zu fahren, und während wir davonrollen, denken wir, wie gut doch die Franzosen die Psyche ihrer afrikanischen Untertanen verstanden haben, und wie leicht es ist, die Welt zu regieren, wenn man nur von den richtigen Gesichtspunkten ausgeht. Ein Bändchen im Knopfloch oder am Burnus, und der Stammeshäuptling ist nicht mehr ein blutdürstiger Gegner, sondern ein Ritter der Legion d'honneur, dem die Ehre seines Ordens am Herzen liegt. Die Legion darf nicht an jeden beliebigen verschwendet werden, man hat noch andere Symbole zu vergeben, in erster Linie den Ordre du Merite Agricole, den Orden für Verdienste um die Landwirtschaft. Der hat in Senegal viele Träger, und man behauptet, daß einige derselben sich seine Insignien auf den Bauch tätowieren ließen, wo sie von kräftiger, antidämonischer Wirkung sein sollen. Wir haben die Peripherie von Dakar erreicht, und auf einmal sind alle Spuren Europas wie weggefegt. Das blutrote Erdreich quillt überall hervor, wo es nicht vom Sand erstickt wird; ungeheuer breite Bäume, geformt wie Eichen, schießen zu zehn Meter Höhe empor, um bann unvermittelt in ein paar kurze Zweige auszulaufen, die verkrümmten Händen gleichen. „Boaboabäume", sagt der Chauffeur. Hie und da schüttelt der trockene Wind farbensunkelnde Blüten herab, aber als wir sie in die Hand nehmen, gleichen sie nicht lebenden Blüten, sondern künstlichen Papierdekorationen. Eine Schar Kühe wird von ihren Hirten vorbeigetrieben; die Tiere haben dünne, lanzenscharfe Hörner von genau derselben sichelförmigen Biegung wie der Neumond. Nein, dies ist nicht das Land des weißen Mannes. Wir kommen zu einem großen, von Stacheldraht eingehegten Feld, das von kleinen, konischen Zementtürmen übersät ist, die an elektrische Kraftstationen erinnern, aber als wir Anatole France nach ihrer Bestimmung fragen, sagt er mit einem Grinsen, das ganz und gar jener sanften Ironie entbehrt, die seinen Namensvetter auszeichnete: „Pestverseuchte wohnen hier — Order der Regierung —, niemand darf ihnen nahekommen!" Fast hätten wir es vergessen: ganz Afrika ist ja in zwei Teile zwischen Fliegen und Mücken geteilt, und beide verfrachten die Pest mit ver- schiedenerVirulenz. Das trockene Nordafrika ist die Domäne der Fliegen, das feuchte Zentralafrika die der Mücken, hier sind wir an der Grenze zwischen beiden Reichen. Aber was die Pestverseuchten hinter dem Stacheldrahtverhau auch verloren haben mögen, jedenfalls nicht die gute Laune. Als sie unser Auto erblicken, stürzen sie aus ihren Zementhlltten und führen einen Freudentanz auf. Aus dem Innern der Hütten hört man das Bcgrüßungsgeheul der Patienten, die zu schwach sind, um uns persönlich ihre Huldigung darzubringen. Die schwarzen Aasvögel, die Über der Einfriedung kreisen, flattern einen Augenblick wie erschreckt auf. Nein, dies ist nicht das Land des weißen Mannes. Unser Auto wendet sich wieder der Stadt zu. Wir kommen in die Eingeborenenviertel, dürftige, strohgedeckte Holzhütten, aber auch Miet- kasernen. Ein unbeschreibliches Gewühl, Kaufläden, Basare, Kinos, Erwachsene, Kinder, Hunde und Schweine, alles durcheinander; aber während der Hund in Europa als ein reinliches Tier betrachtet wird und das Schwein im entgegengesetzten Ruf steht, sind die Schweine in Afrika proper, während der Hund über alle Beschreibung unrein ist. Wo immer unser Auto hinkornmt, entsteht eine unbeschreibliche Verwirrung, es ist schwer zu verstehen, denn Dakar hat, wie ein Anschlag in unferm Taxi mitteilt, eine eigene städtische Mietautounternehmung, und der Anblick eines sich von selbst bewegenden Fuhrwerkes müßte folglich für seine Bewohner eine alte Sache sein. Aber wo wir passieren, läuft alles aus dem Hause, man tanzt, man schlägt sich auf die Schenkel, man weiß sich vor Freude nicht zu fassen. Mitten in einer Schar hüpfender Schokoladekinder hopft ein riesenhafter Neger und schlägt sich auf die Schenkel mit Händen, die mit Leichtigkeit imstande sein dürsten, einem Löwen den Kragen umzudrehen. Nur die Fliegen, die sich in dichten Legionen auf den ausgehängten Waren des Metzgers gelagert haben, weigern sich, an der spontanen Huldigung für die Fremdlinge aus dem Norden teilzunehmen. Diese Afrikaner mit den gewaltigen Gliedern, den blitzenden Zähnen und dem krausen Astrachanhaar haben das größte Problem gelöst: inmitten eines Kontinents von erstickendem Sand, triefenden Urwäldern, pestbringenden Fliegen und Mücken, Sklaventreibern und Eroberern sich an nichts und wieder nichts zu freuen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Sieindruckerei, 2L Lange, Gießen.