Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger ttuininer 69 Freitag, den 7. September Jahrgang 1954 Schiller? vervinvei uiiu ine icgieiE, rmc bei Gemünden am Main erreicht. Das erzählte ich der kleinen Kommilitonin und fühlte, wie sie alles von den Gebirgsstrck — aber keineswegs Jicifccrinncrung. Von Walter Bloe m. In den ersten zwölf Jahren nach dem Kriege besaß ich die Burg Rieneck an der Sinn, jenem Nebenflüßchen des Mains, das vorher schon an Bad Brückenau vorbeigerieselt ist. Wenn man von Berlin her mit dem Thüringer Schnellzuge gen Westen sähet, muß man, um „D schöner Tag, wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit, Zu frohem Zug die Fahnen sich entfalten. Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch ... Herbstbild. Don Friedrich Hebbel. Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft geht still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd fern und nah' Die schönsten Früchte ab von jedem Bauin. D stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält; Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt. ihr-" tE Volk ”°r bet Wdjtei sicher 1 wpiet, “bbridjt. wie ein. „lieber ,nil il)ren 1C ®e[lalt ' uberU J fori _ ‘‘"be, mit nflttatene ennen |ie Irntint «t :r°,ofcnen Wen im ibctnegun. tomnieu . inud giert ■Mnglino. n sich bn den ültro. 1 Stieger, , Gdjroer. Ü sich j«l >e grauen djelnb (id| n anbettr )t ihn bas unt (eine» (chmingen, ischwindtz- ober nur berung ja' mit ihren »allen rw en an bei s | ' SuOr ins Sinntal "zu gelangen, zunächst in Fulda aus einen Personenzug '(Sita umsteigen, der in Schlüchtern endigt, einem malerischen Stadtchen, das, Ik 'ft I wie die Rieneck (■■•-c* mici »innr 'Hpirh«nrnffdioH mar. frier findet ine[en aus ein umher el, um P n bet hei .efes „lof1 , von zm Loben, er, rta|le nm! »an Pelir«i bie Ez« Bries w )t geöffni g naio? rollen bw1! rb Tleern1 bein ülui nit geb*' e, jebe (ub -bischen ft Taft b« । „Lied ij mgebeuW iren W eine isi mit einer ®erbum« t unb In*: rljergcb* 5 Bild ugclomi irübet. ® lorgen* e 51a#’ he tnubi: yl: ff Ä lebhaft mitempfand. klebrigen» ließ ich nicht unerwähnt, daß die Armee dann tatfächlich, ...... '■ aßen des Spessart her, das stille Sinntal durchflutete — „LV. in „Auslösung", sondern in musterhafter Mannes, zücht Ich habe vier Wochen lang auf der Burg eine fast täglich wechselnde Einquartierung gehabt. Ihre Haltung war untadelig. Nicht ein Knopf, nicht ein Streichholz ist abhanden gekommen. Allabendlich tanzteir im einstigen Rittersaal Qssizier und Mann mit meinen Damen und den jungen Mädels aus dem Dorfe drunten, die tagsüber unseren Hausgehilfinnen beigestanden hatten. Es war ein schwermütig-lieblicher Ausklang einer fast dreißigjährigen Soldaten-Lausbahn. Dann erzählte meine unbekannte Begleiterin —: Vater und ein Bruder im Felde gefallen, Vermögen weg. Mutter hat die fchmale Hauptmanns-Witwenrente, man wird sich durchbeißen. Früher und heiterer als ich geträumt hatte, war ich mit meinem Keinen Wanderkameraden im Städtchen angekomemn. Ich klingelte an dem einfachen Gaflhause, das uns aufnehmen sollte. Nach etlichem Harren meldete sich eine schläfrige, aber vertrauenerweckende freundliche Frauenstimme. Jawohl, Quartier könnten wir natürlich bekommen. Die Pforte öffnete sich, eine rundliche Wirtin in Schlashaube, Nachtjacke, Wolltuch, Unterrock, ließ uns ein. Wir feien ausgehungert, ob's noch was zu essen gebe? Gewiß, auch das. Bald saßen wir In behaglich durchwärmter Gaststube und taten uns gütlich. Ich hatte Muße, meine kleine Eroberung genauer zu betrachten. Alle Wetter — die Kommilitonin war bezaubernd. Ich begab mich zum Solbatenrate des Kriegspresseamts, sortierte meine Entlassimgspapiere, bekam sie von einem „Kameraden" mit rotem Knopslochbändchen zugeschoben, ein ähnlicher Bursche schrieb mir meinen Fahrschein aus: dritte Klasse. „Ich bin Stabsoffizier. Mir steht zweite zu. „Sie haben wall die Revvlutschon verschlasen, wat? Schargen liebt» teene mehr." _, . , , „ Ich schob den Schein zurück: „Danke. Ich werde mir selber einen kaufen." „Da sind Sc in Irrtum, Mann. Et is Bahnsperre for Zivil. Nur Militär mit Fahrtausweis vom Soldatenrat kommt durch." Achselzuckend habe ich den Schein genommen und bin heimgesahren In Schlüchtern nachts kein Anschluß. Ich war damals noch nicht ortskundig und beschloß also, im Wartesaal zu biwakieren. Das war schwierig. Er war mit halb und ganz betrunkenen Feldgrauen und heruntergekommenen, gröhlenden Frauenzimmern gestopft. Als ich eintrat — Stille. Daß ich Qssizier sei, war unverkennbar, auch trug ich das Hohenzollernbändchen im Knopsloch Da es niemanden einfiel, auch mir ein Plätzchen einzuräumen, rollte ich meinen braunen Kriegswoistoch auseinander, legte ihn in die Galle mitten zwischen den vollgefetzten Tischen, aus die mit Zigarrenstummeln bedeckte, vvllgespuckte Diele, schob mein Kösserchen als Kopspolster unter — und war nach zwei Minuten behaglich eingeschlasen. Als ich auswachte, war das Zimmer leer durch die Fenster glühte sroslklar der Dezembermorgen, bald kam der Zug, und anderthalb Stunden später stieg ich einsam den Burgberg hinan. Das war meine Heimkehr nach vier Kriegsjahren. Wie fang doch Wlv u.e juuU, einst Sitz einer Reichsgrasschaft wär. Hier findet man Anschluß an eine Nebenbahn, welche die zwei großen Schnellzugsstrecken Frankfurt-Berlin und Frankfurt — Würzburg — München verbindet und die letztere, eine Station hinter dem Dörfchen Rieneck, Die Wirtin sah uns wohlwollend zu. Als die Zigaretten verglommen waren bat ich, uns nun unsere Zimmer anzuweisen. Sie flieg schmunzelnd die Treppe hinan und öffnete--ein Zimmer mit zwei frisch- bezogenen und einladend aufgeklappten Betten. „Schön, Frau Wirtin", sagte ich, „dies Zimmer kriegt die junge Dame. Und wo soll ich untergebracht werden?" Die Wirtin lachte verständnisinnig „Vor mir brauche Se sich nit xu scheniere", sagte sie mütterlich. „Ich bin über dreißig Jahr' in dem G'schaft un' kenn' mich aus mit die «äff." Wenn ich euch zwei Zimmer gab’, ihr schlupfet hernach ja doch zusamm', un ich kann morje jrut) statt einem Zimmer zwei zurechtmache. Also schlafet gut, versteht r? Ich wagte meine Begleiterin gar nicht anzusehen, um sie nicht noch befangener zu machen Aber es hat schwere Mühe gekostet, der brauen Dame klarzumachen, daß wir wirklich nicht „zusammen gehörten", und ein zweites Zimmer für mich ausgeliefert zu bekommen. Wie jagt Liliencrvn — in feinem entzückenden Gedicht „Das Gewitter"? Es war erst kurz nach dem Kriege, die Eifenbahnanfchlusfe klappten noch nicht so recht. Als ich nachts um halb elf an einem frostigen Spat- herbstabend mit anderthalbstündiger Berspätung dem Bummelzüge von Fulda her in Schlüchtern entstieg, war dem Zuge, der mich nach Rieneck weiterbefördern sollte, die Geduld ausgegangen. Er war weg. Ich erkundigte mich am Schalter nach der nächsten Verbindung und erfuhr, daß ich erst früh um halb acht weilerfahren tonnte^ Dos war eine wenig erfreuliche Ausficht, und ich schimpfte nicht schlecht. Ljft jetzt bemerkte ich, daß neben mir ein sehr srisches, reizendes Madel stand, das offenbar in der gleichen Verlegenheit war. Als ich mich ausgewütet hatte, und mich anschickte, mich in mein Schicksal zu fügen, fragte sie schüchtern, ob ich ortskundig sei und ihr sagen könne, wo es vielleicht ein Nachtquartier gäbe. „Tja mein liebes Fräulein, das ist nicht jo ganz einfach. Wir be- finden uns hier im Bahnhofsgebäude, auf dreimertel Bergeshohe das Städtchen Schliichtren liegt hundertsünszig Meter tiefer Im Grund und ist, wie Sie sehen, schon schlafen gegangen. Ich für mein Teil w» trotz- dem versuchen, hinunterzumarschieren und vor dem einzigen Gasthose, den es drunten gibt, o lange Krach machen, bis man mich ausnimmt. Sie fragte bescheiden, ob sie sich anschließen dürfe Das bejahte ich mit Behagen, wenn ich schon diesen nächtlichen Abstieg und sruhmorgens den Wiederaufstieg unternehmen muhte, dann kam mir diese allerliebste Kameradin wie vom Himmel gefallen. Es war stockdunkel, ich bot chr den Arm, wir zogen los. Zum Glück bin ich Nachsicht g -ine Katze, im Krieg ist mir'» oft zugut gekommen, warum nicht in einer Friedens nacht wie dieser? v ,, , __,. Ich stellte die üblichen Fragen und wußte bald, wen ich» vor mir hatte. Neunzehn Jahre alt, Studentin der modernen Philologie, hofft einmal Studienrätin zu werden, kehrt soeben aus den Sommerferien zu ihrer Alma mater Würzburg zurück. ,., h nI„ Um uns ist nun rabenschwarze Nacht, ich gewahre nichtsmehr als das feste Händchen, das warm und vertrauensvoll in meinem Arme liegt, und die frische, klingende Stimme, das gelegentliche kinderhelle f fffiir stapfen munter bergab, ich erfene jetzt genau das fahle Band der Landesstraße, die in weit geschwungenen Schlangenwindungen zu Tal sinkt, die weihgestrichenen Prellsteine, es ist eine völlig gesicherte Wanderung. - aber die war weniger behaglich^ Ich tat, von « « W' » wundung her noch an zwei Stöcken humpelnd, Dienst b-'m Kriegs vrelleamt in Berlin als die Revolution ausbrach. Ich sah nur den Schwindel noch ein 'paar Tage an, i»on (Stet gerüttelt bo^ D°n Wißbegier des Historikers gebannt. Da rief mich ein Telegramm meiner Frau heim die Armee fei laut Waffenstillstandsbcdmgungen im An- maV angeblich in Auflösung, ich werde daheim dringend benötigt, um meine Lieben und mein Eigentum zu schützen. „Etwas schwül, ich mutz es sagen, Wurde mir dabei zumute, Doch ich zwang mein stürmisch Pulsen, Dachte an die Ordensritter, Jene Schirmer und Beschützer." Aber bitte, nicht im Buche weiter nachlesen, denn vom folgenden Verse an stimmt's nicht mehr — Diensteid! SInberen Morgens um sechs hat's derb an meine Stubentür gepocht, die Wirtin war schon auf, und bald sahen die Studiosa und ich höcch. vergnügt bei einem prachtvoll ländlichen Frühstück. Beim Abschied sagte die Wirtin: „Das muh ich euch aber doch sog', das is 's erst Mal in dreißig Jahr', das mir so epp's oorkomme is. Ich hab' die ganze Nacht wach- galeg' un' obacht gebb', ob ihr net doch noch zusammenruckt. Aber mx ist passiert." Mit einiger Entrüstung: „Dees Hann ich eich zwaa nitt zugetraut, wie ihr heut nacht mitsamme daher seid komm' ..." Ihr seht, lieber Leser und liebe Leserin, diese Geschichte hat keine Pointe. Ihr habt es doch hoffentlich auch nicht anders erwartet? An pcreqrina. Von Eduard Mörike. Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden, Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht; Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht, Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden. Ach, Peregrinen hab' ich so gesunden! Schön war ihr Wahnsinn, ihrer Wange Glut, Noch scherzend in der Frühlingsstürme Wut Und wilde Kränze in das Haar gewunden. War's möglich, solche Schönheit zu verlassen? — So kehrt nur reizender das alte Glück! O komm, in diese Arinc dich zu fassen! Doch weh! o weh! was soll mir dieser Blick? Sie küßt mich zwischen Lieben noch und Hassen, Sie kehrt sich ab und kehrt mir nie zurück. Mörikes peregrina. Zum 130. Geburtslage des Dichters am 8. September. Von Ernst v. Niebelschütz. Wie eine Botin aus einer fernen, fernen Welt steht sie in Mörikes Leben, Peregrina, die Pilgerin. In Wirklichkeit hatte sie freilich einen viel weniger romantischen Namen: Meyer hieß sie, Anna Maria Meyer. Ueber ihren äußeren Lebensgang wissen wir nicht Diel, aber doch genug, um verstehen zu können, warum die schwäbische Tugendhaftigkeit sich in diese seltsame Liebesleidenschaft des angehenden Herrn Pfarrers zu einer Landstreicherin fo gar nicht zu schicken vermochte und alles daransetzte, ein Verhältnis zu lösen, von dem sie ahnte, daß dunkle Mächte ihre Hand im Spiele hatten. Es war ein nicht wieder gutzumachender Irrtum der Vorsehung, als Anna Maria Meyer in einem Dorfe bei Schaffhausen im Jahre 1802 in ein Jahrhundert hineingeboren wurde, das für romantische Extravaganzen kein Verständnis mehr besaß. In srüheren Zeiten wäre vielleicht etwas aus ihr geworden, jetzt mußte ihr alles zum Verhängnis werden: die uneheliche Geburt, der eingeborene Wandertrieb, eine übereizte, zum Spiritismus neigende Religiosität, eine heftige, alles auf die Spitze treibende Gemütsart — lauter Eigenschaften, die sich nur in außergewöhnlichen Verhältnissen zum Guten auswirken können, in einem bürgerlichen Zeitalter aber unter dem Sammelbegriff des „Normalen" nicht unterzubringen find. Aus der Kinderbewahranstalt entlassen, treibt sie sich unstet aus den Straßen umher; kurze Dienststellungen unterbrechen dieses Bagabundenleben, dis sie mit 16 Jahren „wegen physischer und moralischer Verdorbenheit" in ein Arbeitshaus ausgenommen wird. Ihr ungeregeltes Gemütsleben findet neue Nahrung in dem okkultistischen Kreise der berüchtigten Frau v. Krüdener, in dem sie als Medium zu allerhand dunklen Experimenten mißbraucht wird. Nicht lange, und die Sekte wird von der Polizei ausgelöst. Wieder greift Peregrina zum Wanderstabe. Halbverhungert wird sie in der Nähe von Ludwigsburg von einem Freunde Eduard Mörikes auf- gelesen und in dessen Hause als Dienstmädchen beschäftigt. Sie ist jetzt 21 Jahre alt und von jener dämonischen, durch harte Schicksale gereiften Schönheit, die wohl nicht dem Durchschnittsgeschmack zusagt, aber das Ungewöhnliche unwiderstehlich in ihren Bann zieht. Hier in Ludwigsburg lernt der 19jährige Mörike seine Peregrina kennen, der fromme Zögling des Tübinger Predigerseminars die „physisch und moralisch Verkommene", der künftige Pastor das zigeunernde Mädchen ohne Eltern und Heimat Und nun geschieht das nach dem bürgerlichen Sittenbegriff Unmögliche, das nach den unerforschbaren Gesetzen der Liebe immer Wiederkehrende: zwei Lebensschicksale gehen für kurze Zeit in eines zusammen. Für kurze Zeit! Denn die „Welt" und ihre Konventionen waren stärker als dieser Liebeszauber, die Stimme der Vernunft lauter als die des Herzens. Zeit feines Lebens mehr geneigt, sich von den Ver- hältnissen treiben zu lassen, als sie mit fester Hand zu meistern, schnell erschöpft in dem aufreibenden Kampfe mit wohlmeinenden Freunden und Verwandten, hat Mörike auch gegen Peregrina die Tugend der Entsagung geübt und sich in das Unvermeidliche einer raschen Trennung ergeben. Aber wie tief dieses Jugenderlebnis und wie schmerz- lich-füh der Abschied gewesen sein muh, das bezeugen die herrlichen Peregrina-Strophen im „Maler Nölten": Und mit weinendem Blick, doch grausam, hieß ich das schlanke, zauberhafte Mädchen ferne gehen von mir. Ach, ihre hohe Stirn war gesenkt, denn sie liebte mich; Aber sie zog mit Schweigen fort in die graue Welt hinaus. Wir haben nicht das Recht, über die Einzelheiten einer Dichter- liebe mehr erfahren zu wollen, als uns der Dichter selber zu enthüllen für gut hält. Aber fragen dürfen wir, welche geheimnisvoll verborgene Mach! es gewesen fein mag, die in fo ungleichen Menschen eine so flammende Leidenschaft aufkeimen ließ. Das Rätsel löst sich, wenn mir tiefer in Mörikes Leben hineinblicken und versuchen, die letzten Antriebe dieser seltsam zwiespältigen Natur zu ergründen. Frühzeitig und wider fein besseres Wissen in das theologische Studium hinemgedrangt und später im geistlichen Amt niemals Befriedigung findend, ist Monk alles andere als ein guter Pfarrer nach dein Herzen feiner Tübinger Lehrer gewesen. Es war geradezu die Tragik seines Lebens, in einem Berufe wirken zu müssen, zu dem er sich nicht berufen fühlte. In eine? ihm wesensfremde Welt hineingewarfen, sucht er bei Göttern, (Elfen und Feen feine wahre Heimat, findet er vermöge der „edlen Kraft der Rückerinnerung" in Orplid, dem sagenhaften Eiland fern van der Prass des Alltags, das Königreich seiner Seele. Dort ist er zu Hause, nicht in dem klaren, kalten Tageslicht des wissenschaftlichen Jahrhunderts, bas« die Götter verlassen haben, und in dem sich der Dichter, der Götterfreund, wie ein Fremdling ausnimmt. Von hier aus wird es verständlich, daß Mörike in Peregrina, der Landstreicherin von Ludwigsburg, so etwas wie eine Abgesandte seiner eigenen Urheimat sah. Was die nüchternen Kinder der Welt an diesem Mädchen aus der Fremde „hysterisch" und „ekstatisch" schalten, für ihn, den Sänger aus Orplid, war es die Bürgschaft einer edleren Herkunft. War ihr beider Schicksal, mißverstanden zu werden, heimatlos zu fein, nicht das gleiche? Ist nicht auch der wahre Poet der ewige „Wanderer zwischen zwei Welten", und geschieht es nicht zuweilen im Leben, daß durch das Dazwischentreten eines Menschen der Vorhang, der uns von der „anderen" Welt trennt, plötzlich fällt und das Geheimnis offenbar wird? Ganz fo schildert Mörike im „Maler Nölten" feine Begegnung mit der Zigeunerin Elisabeth, hinter der sich natürlich keine andere als Peregrina verbirgt: „Es war, als erleuchtete ein zauberhaftes Licht die hintersten Schatten feiner inneren Welt, als bräche der unterirdische Strom seines Daseins plötzlich laut rauschend zu feinen Füßen hervor aus der Tiefe, als wäre das Siegel vom Evangelium feines Schicksals gesprungen." Dieses Springen des Spiegels hat für Mörike die Peregrina-Begeg- nung zum Peregrina-Erlebnis gemacht. Gewiß sah er mehr in ihr, als sie war; cs ist das göttliche Vorrecht der Liebenden. Sicher hätte das Verhältnis bei längerer Dauer Irrungen und Wirrungen über ibn gebracht, und so war es wohl gut, daß dieser schöne, aber beunruhigende Traum so rasch verflog. Durch Peregrina ist Mörike der Blick in die dunklen und geheimnisvollen Hintergründe des Daseins geöffnet worden. Sein Dank war üderfchwenglich: er hat der unbetonntee Vagantln im Liede das ewige Leben geschenkt. Oie Ahnen Friedrichs des Großen. Von Professor Dr. Erich Brandenburg. Eine aufschlußreiche Untersuchung des bekannten Leipziger Historikers Brandenburg über die Ahnen Friedrichs des Großen ist in den von der Zentralstelle für Deutsch» Personen- und Familiengeschichte herausgegebenen „Ahnentafeln berühmter Deutscher" erschienen. Professor Brandenburg schreibt darin u. a.: „Die Zeit, wo man Ahnentaseln fabrizierte, um sich die Gunst hoch' gestellter Persönlichkeiten zu erwerben, ist längst vorüber. Wenn wir heule die Vorfahren eines Menschen festzustellen suchen, so geschieh! es aus der Erkenntnis heraus, daß zum Verständnis einer Persönlichkeit die Erforschung des Milieus, in dem er lebte, niemals den Schlüssel bieten kann. Denn das, was dem Menschen seine Eigentümlichkeit verleiht und ihn zu Leistungen befähigt, die den Durchschnitt überragen ist ja gerade jenes schwer faßbare Etwas, das ihn von feinen Zeitgenossen unterscheidet und über das Milieu emporhebt. Niemand wird so tollkühn sein, zu glauben, daß er dies Geheimnis der Persönlichkeit durch die Erforschung der Blutzusammensetzung DÖllig entschleiern könne. Es wird stets nur dem verstehenden und künstlenstz nachschaffenden Geiste soweit faßbar fein, wie es überhaupt möglich Üi: Aber vielleicht läßt sich doch der verstandesmäßig unfaßbare Rest des persönlichen Daseins um ein paar Grade weiter verkleinern, wenn man die genealogischen Faktoren berücksichtigt. Denn alle Eigenschaften, oie ein Mensch besitzt und die er nicht etwa durch Erziehung und Erfahrung ich»« j*9n. N* li ®enn,’, i° sK .'S Wir wenden uns nun der wichtigsten Frage zu, dem Anteil der verschiedenen Nationalitäten an dem Blute Friedrichs des Großen Etwas über die Hälfte der Ahnen Friedrichs des Großen, immer bis zur 13. Generation gerechnet, war deutschen Blutes, etwa ein Viertel Franzosen, etwas über ein Achtel Slawen, während der Rest sich auf Skandinavier, Angelsachsen, Kelten, Bretonen, Italiener und Spanier verteilt. Die Größe des französischen Blutanteils erklärt sich daraus, daß Eleonore D e s m i e r ausschließlich französische Ahnen hatte; außerdem ist ein weiterer starker Zustrom französischen Blutes auf Louise von Coligny, die Großmutter der Gemahlin des Großen Kurfürsten, zurückzuführen. Der slawische Einschlag geht, abgesehen von Verheiratungen mit den Häusern Mecklenburg und Pommern, auf die Vermählung des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg mit der Piastin Sophie von Schlesien-Ltegnitz zurück; dessen Mutter, Magdalene von Sachsen, hatte ebenfalls eine überwiegend slawische Ahnentafel, da ihre Mutter, Barbara von Polen, aus dem littauischen Hause der Jagel- ionen und ihre väterliche Großmutter, Sidonie von Böhmen, aus dem Hause Podjebrad stammte. Das normannische, keltische und angelsächsische Blut stammt meist aus dem Hause der Stuarts durch Elisabeth Stuart, die Gemahlin des Winterkönigs Friedrich von der Pfalz, von der Friedrichs Mutter abftammte. Italienisches Blut ist in die deutschen Fürstenhäuser im 15. Jahrhundert hauptsächlich, eingeströmt durch die Heiraten von fünf Töchtern des Herzogs Barnabo Visconti von Mailand und drei bayerischen, einem österreichischen und einem württembergischen Fürsten, sowie durch die Heirat von Cäcilie Carrara von Padua mit dem Kurfürsten Wenzel von Sachsen-Wittenberg. Auch Friedrich der Große stammt von allen diesen italienischen Frauen ab. Es läßt sich ohne genauere statistische Untersuchungen nicht feststellen, ob der fremdländische Blutanteil bei Friedrich dem Großen erheblich stärker war als bei den meisten der gleichzeitig lebenden deutschen Fürsten. Daß sie alle einen sehr starken französischen, slawischen, italienischen und, soweit die katholischen Fürstenhäuser in Betracht kommen, auch spanischen Einschlag hatten, ist ja allgemein bekannt. Ich habe schätzungsweise festgestellt, daß Friedrichs große Gegnerin Maria Theresia in der 13. Ahnengeneration einen fast ebenso starken romanischen Blutanteil hatte wie dieser selbst. Aber ein großer Unterschied ist dabei zu beobachten, den ich für besonders wichtig halte. Bei Maria Theresia strömt das romanische Blut durch viele kleine Kanäle ein; bei Friedrich findet in der 5. Generation ein konzentrierter Einstrom rein französischen Blutes durch Eleonore Desmier statt; ich möchte eine solche Erscheinung als „B l u t e i n b r u ch bezeichnen. Ich halte es für wahrscheinlich, daß ein so starker Zufluß fremden Blutes in einer nahen Generation stärker wirkt als ein allmähliches, sozusagen tropfenweises Hineinsickern in vielen Adern und langen Zeiträumen. Denn daß König Friedrichs Persönlichkeit einen starken Einschlag fran- zösi cher Art ausweist, einen stärkeren als etwa diejenige Maria Theresias, dürfte nicht zu bestreiten sein. Ich meine damit nicht in erster Linie seine Vorliebe für französische Sprache und Literatur die ja zweifellos zum großen Teil durch Zeitstimmung und Mode bedingt ist, sondern bestimmte Züge seines Wesens selbst. Seme Neigung zu Spott, Sarkasmus und Ironie, zu geistreichen Antithesen ru mehr logisch durchsichtiger als tiefer Beweisführung, die stark skeptische Geisteshaltung überhaupt, aber auch sein ausgeprägter Smn für ästhetische Gebens- gestaltunq und seine bewundernswerte geistige Beweglichkeit unterscheiden ihn stark von den meisten seiner deutschen Zeitgenossen und rucken ihn näher heran an die romanische Welt. Auch der mangelnde Fomi, n- sinn, die Unberührtheit von allem, was an deutsche „Gemutlichke.i enn nett, könnte mit in dieser Blutzusammensetzung begründet sein. Ja selbst in der Körperbefchasfenheit und Physiognomie kann man den starken französischen Einschlag durchfühlen. Die Ahnen Friedrichs des Großen gehören bis zur 13. Generation beinahe ausschließlich dem höheren und niederen Adel an Von den kleineren franaöfifcben Familien, die unter den Ahnen Eleonore Desmier und der Luise von Coligny Vorkommen, stammen einige aus dem oberen SBüraertum Unter den deutschen Ahnen findet sich keine bürgerliche Familie Der größte Teil der deutschen Ahnen gehört zu den allen freien Geschlechtern bie im früheren Mittelalter ben «e«enftan{ > Mbeten. ß» findet sich aber unter ihnen auch eine Anzahl D01?. 5“™!°ie dem Stande der Ministerialen entstammen also ursprunglich unsreien U fprungs sind. Zu ihnen gehören mit Sicherheii die H°" " Bolande Falkenstein, Hunolstein, Dolchen, ©tert, gronberg am launus, Dalberg, Gymnich, Beyer von Boppard Reifenberg Schonforst Bechtolsheim, Reuß, Erbach, die Rheingrafen. Wahrscheinlich auchRo^machern,^^, tingen, Büren, Hollenfels. Bei den kleinen französischen 5°mtl en mage ich im einzelnen nicht zu entscheiden ob ste dem hohen oder dem "-v, ren Adel zuzuzählen sind. Es kann daher aud) ferne menstellung über die Standeszugehorigkeit der Ahnen versucht schon Arm Tür^ warten." „Wenn du stehst, daß der Sattelgaul ruppig wird und ich den heb', spring' abI" „Willst' Ihn umschmeißen?" Das Volk wacht auf. Roman von Walter von Molo. lFortsetzung.» „Mich freut das Leben nicht mehr", sagt ein Postillion zum andern, er läßt den Arm aus die Tischplatte sinken. „Ich vertrag' das fremde Gequatsche nicht mehr! Mein Jung' heult jeden Tag, wenn er von der Schule kommt! Wie soll ihn auch sein Gott verstehn, wenn er jetzt polnisch zu ihm beten muß." „Eklich waren schon unsere Junkers", spricht der Bereiter, trüb verwundert schüttelt er den Kopf. „Sie sollen jetzt aber im Preußischen gar nicht mehr prügeln?" Der Postillion nickt. „Viel zu verdonnert, viel zu verdonnert waren unserem König seine Generalei" sagt er. „Ich weiß nicht, warum uns der König eigentlich abgetreten hat? Das war doch nicht recht von ihm" Unsicher, vorwurfsvoll blickt der Aeltere in die Augen des jungen Kameraden. „Ihr wart aber alle für die Universal- monarchiel" — „Weil uns die Franzosen den Himmel auf Erden versprochen haben! Wir haben doch geglaubt, jetzt tarn’ wirklich die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Hat sich was! Das hat doch niemand von uns wissen können," schreit gequält der Bursche auf, „daß es so kommt?" Die Stimme sinkt. „So hat sich's keiner vorgestellt." „Wenn ihr euch gewehrt hättet, wär's nicht so geworden." Gefoltert springt der Bereiter vom Schemel in die Höhe. „Hatten, hätten!!... Meinst du", fragt er kleinlaut, „es bleibt so?" Nachdenklich krümelt der Postillion die Brotreste auf dem Tisch zu- „JawohU" „Das ist aber erst einer?" „Man muh anfangen! KommI" Der Bereiter schlägt auf die klinke. Sie treten in den Hof, tief verneigen sie sich vor dem polnischen Grafen neben der scheckig gestrichenen herzoglch warschauischen Kutsche. Durch Erntefelder, unter weitem Himmel schreiten zwei Männer. „Der Minister Stein muß doch ein sehr gefährlicher Mann gewesen sein", spricht versonnen, kopfschüttelnd der Provisor. „Napoleon hat chm ja wie einer Großmacht den Krieg erklärt?" „Wer ein Volk erheben will, muß allen unterdrückten Teilen desselben Freiheit, Selbständigkeit und Eigentum geben." Der Provisor steht, er starrt den alten Pfarrer an. Der geht geruh- fam, den Kops gesenkt, längs der hängenden Aehren weiter. „Warum meinen Sie, hat der Napoleon eigentlich des Steins Entlassung verlangt?" , a, ... „Ich habe den erbuntertänigen Arbeiter befreit, nur die freie Arbeit ernährt und erhält ein Volk." Es ist, als spräche die Luft. „Der Bauer muß Herr sein auf freiem EigentumI Nur der freie Mann verteidigt gut und treu feinen Herd!" „Ihr meint, der Napoleon hat gefürchtet, daß ihm der Stein das Landvolk aufwiegelt?" ......... m Auch der Bürger muß von jeder Vormundschaft befreit fein! Nur freie Arbeit in Werkstatt und Gemeinde schafft Größe und Stolz." Der alte Geistliche wendet den Kops. „So sprach Stein!" sagt er schlicht, er nickt. „Steins Gesetze werden Napoleon werfen." Unruhig, scheu mißt der Provi or ferne, hügelansteigende Büsche. „Wo ist Stein?" flüstert der Provisor. Der alte Mann steht, ehrerbietig kreist sein Arm durch die Luft „Ueberall," spricht der Greis, „überall, überall, wo Gott ist. Ich fühle ihn! Er wächst!" Leise rauschen auf die Getreidehalme. In einem Lufthauch, der von ferneher kommt, heben sie die erntereifen Köpfe. „Nehmen Sie, Herr Kamerad," fragt ein Oberst in einer Reitbahn -U Stuttgart, ,^hren Ausspruch zurück, daß der ehemalige preußische Offizier, der jetzt unser Kamerad ist, ein Glücksritter sei?" Verneinend, trotzig schüttelt der württembergische Offizier den Stopf. Hch verlange für die Beleidigung meines Unglückes, hier mein Brot suchen zu müssen, Genugtuung! Die ruhmvolle preußische Armee ist m mir beschimpft! Ich erbitte das Kommando!" Sie legen aus, die Duellanten bringen aufeinander ein, ein Hieb trifft den Preußen, zwei Hiebe sitzen in feinem Kopf, die Nase ist durchschnitten, in aurquirlenber Raserei ber Wut, blutüberströmt bringt ber Preuße auf seinen Gegner ein. Wie toll, mit roirbelnben Hieben jagt er ben Württemberger bie Reitbahn hinunter, vergebens springen bie Sefunbonten bazwischen, zerhackt, blutüberströmt, ohnmächtig stürzt ber Württemberger zu Boben. Der Preuße taumelt, auch er fällt. ' Lachen Sie nicht!" brüllt ein württemberglscher Leutnant einen französischen Hauptmann an, ber zusieht, „Ihr seid schulb, daß wir uns zerfleischen!" „Monsieur?" „Ich stehe totaliter zu Ihrer Verfügung! Ruhe'" befiehlt ber Oberst; er erinnert: „Unsere Majestät ist Kaiser Napoleons Berbünbeter!" Die Duellanten kommen zu sich; sie sehen sich an, sie strecken sich Langsam bie Hünbe hin. Tieses Schweigen ist in ber Reitbahn. # Wirr steht eine Frau. In ihren Ohren schrillt ber Aufschrei ihres Mannes: ,Lch konnte bie Steuern nicht zahlen! Meine Kriegsobllgatio- sammen. „Vielleicht bie Oesterreicher? ..." Wegwerfend schnippt ber Bursche mit ben Fingern. „Die denken nur an sich; wir müssen uns selber helfen!" Schwer greift sich der Postillion am wackeligen Tischbein hoch. „Wir müssen jetzt einspannen", sagt er seufzend. „Der Herr Gras wird sch"" nen sind wertlos, nur Betrüger können noch leben Irrblickig wendet ich die Frau zu den Polizisten. „Mein Mann wollte nicht betrugen , tammelt sie, sie schreit auf: nebenan klirrte das Fenster, dumps hallt der chwere Aufprall eines Körpers aus dem engen Hofe empor. Aufschreiend kurzen die Kinder ins Zimmer, sie umfangen, außer sich klagend unv weinend die taumelnde Mutter. Die Polizisten fliehen., „Und wer ist schuld daran, daß wir solches erleben? „Die Franzosen!" „, . _., „ ... , „Und unsere Schurken und Feiglinge, die sich den Schuften fugen! Ein Hundegeschäft, das wir treiben! Betrügst du nicht auch? „Vasteht sich: soll ich und die Meinen verhungern?" „Wir müssen die Hunde erschlagen!" „Alle! Alle! Bei uns und bei den andern!" Sie nicken, sie gehen stolpernd, wie gelähmt, ihre Augen brennen QU^J3or dem Geburtstagstisch ihres Kindes sitzt eine Mutter. „Ach, Kind", spricht die Mutter. „Du bist ungerecht! Es ist ganz undamenhast, wie du dich gebärdest?" Traurig lächelt das Mädchen mit dem seinen harmonischen Profil; klar und scharf sind die jungen Züge, wie nach schwerer Krankheit. „Ich bin des Streites (o müde", schließt die Mutter „Die Franzosen sind schließlich auch Menschen?" „In unserer Abendschule, Mutter, sind fünf Jungs, deren Vater hingerichtet wurden! Die Kinder verkommen an Körper und Geist! Es sterben mehr als geboren werden! Willst du da' zusehen? Die das auf dem Gewissen haben, sind keine Menschen, Mutter!" Die Mutter schüttelt den Kopf. „Wie willst du das trennen, Kind? Sie müssen doch, Kind!" Es wird ihnen doch so von oben besohlen?" „Es gibt nur ein .Oben", Mutter! Dieses Oben befiehlt anderes! Die Bestien müssen vertilgt werden!" „Kind! Diese Worte! Wenn man dich hört? Es geht dir doch nicht schlecht? Vater hat ja sein Auskommen; warum erregst du dich so? Schließe endlich Frieden, mein Kind." „Erst muß Krieg sein! Wäre es anders, warum dann, Mutter, hätte der Mensch das Wort .Friede" erfunden?" „Unsere Soldaten haben im letzten Kriege auch geplündert; - man hört das überall, Kind." „Jetzt aber werden wir geplündert! Das ist das Entscheidende, Mutter!" „Mit dir läßt sich schwer streiten!" Glücklich, stolz lächelnd, sinnend legt das Mädchen die Handflächen auseinander; es sieht hell, freudig darüber weg zum Himmelfleck im Fenster. „Du bist so unweiblich geworden, mein Kind?" „Ich will eine gute Mutter werden, dereinst, Mutter!" „Aber?! Was heißt das wieder? Ich hätte mich geschämt, das als Mädchen zu denken, geschweige hätte ich es ausgesprochen! Du hast dich entsetzlich verändert." „Wir müssen aufrichtig sein, Mutter! Nur das Land, Mutter, kann Männer haben, das gute Mütter hat! Jetzt kenne ich das Leben!" „Bin ich dir ... keine gute Mutter .. gewesen?" Erschrocken tritt das Mädchen zur Mutter. Begütigend. Lächeln entlastet die angespannten Züge. Das Mädchen kniet vor der Mutter nieder, es nimmt deren Hand. Gläubig, dankbar. Sorgfältig, liebevoll küßt das Mädchen den altershagern, verwirrt hingegebenen Handrücken; nachdenklich dreht es ihn; mit Inbrunst küßt es jeden der Finger „Ja, Mutter, ja! Du bist eine gute Mutter! Ich weiß! Du wirst mir drum auch die Leinwand geben für meine Jungs! Gelt? Bis ich selbst einmal einen Jung habe," weint das Mädchen auf, „der ein Mann wird! Ein Mann, der uns frei macht!" Tränennaß umarmt die Mutter ihr weinendes Kind. Kopfschüttelnd bleiben Passanten Unter den Linden in Berlin stehen. An der Spitze einer Schar hutloser Knaben marschiert in der prallen, unerbittlichen Sonne, in kurzer, grauer Leinenhose ein mittelgroßer, inuskelbepackter Mann. Barhaupt, lust- und sonnenverbrannt ist der mächtige Schädel des Glatzköpfigen. „Das ist der Alte, der in der Hasenheide Holzbalken aufgerichtet hat und wie ein Affe mit den Jungens drüberspringt und auf den Gerüsten klettert. Er will uns so ertüchtigen!" Mißbilligend schüttelt der Sprechende den Kops mit dem hohen Zylinderhut. „Die Zeit ist völlig verrückt. Auf was werden die Leute nicht noch alles kommen?" „Immerhin, es ist jedenfalls besser, den Körper zu üben, als sich in den Destillen zu besaufen!" Verächtlich mißt der Herr mit dem Ordensbändchen im Knopfloch zwei betrunkene Schlossergesellen, die, ein ösfent- liches Mädchen zwischen sich, johlend auf dem Gehsteig dahergetorkelt kommen ..Aber, aber, aber ..." zusammenbruchfreudig zeigt der Mann: „Die Gesetze der Vorsehung sind dal Auch für die! Sie werden bald daran anrennen." Einige lächeln überlegen; ein junges Mädchen stellt sich auf die Zehenspitzen, es lugt wohlgesällig dem stramm marschierenden Zuge der Turner nach. Unter der Wölbung des Brandenburger Tores, das unter dem Räderrattern der zum Empfang vor der französischen Botschaft auffahrenden Karossen dröhnt, fragt der Turnvater den rechten Flügel- inann hinter sich: „Was für einen Gedanken hat man sich zu machen, darüber, daß da droben, aul unserem Triumphportal, die Siegesgöttin fehlt?" „Daß sie die Franzosen, wie vieles, Bruder Jahn, nach Paris gestohlen haben!" „Daß mir sie wieder von dort zurückholen müssen!" schreit Jahn. Er wirft die Fäuste an die Brust und springt hoch. ,L)auerlauf!" befiehlt er. Die junae Schar hinter ihm, die Fäuste vor den jungen Brüsten, die Köpfe eckig erhoben, als träte sie Wasser, verschwindet in hurtigem Lauf Die Passanten lachen Mißtrauisch, zornig sehen sie sich gleich daraus an. Unsicher: Ein Invalide sitzt im Straßenstaub; er leiert nut müder Hand seine Drehorgel, er singt traurig das Lied von der toten Königin: „Du hast das Unglück mit der Grazie Tritt / Auf jungen Schul- fern herrlich uns getragen / Und trotz der Wunde, die bein Herz durch» chnitt / Hast du der Hoffnung Fahne stets getragen..." Von allen Seiten fallen Gaben in die Kappe des Bettlers. „ „O Herrscherin, wie groß du warst, das ahneten wir nicht. „Hm, hm", spricht ergriffen ein Herr zum andern. „Euer Berlin hat sich aber beträchtlich verändert? Man sieht ja jetzt fast gar Ferne Uniformen mehr bei euch, die Galans scheinen auch ausgestorben, und die Schamlosigkeit der Weiber hat entschieden abgenommen? Es ist letzt alles so leer und tot, wie ausgestorben?" „Sehen Sie dorthin." .. ._ Menschen drängen sich vor einem Portal. „Unsere neue Universität ist jetzt voller als die Assembleen. Tja, lieber Freund, unser Katzenjammer ist mächtig. Gott erhalt' ihn!" _ , Das ist ja sehr erfreulich zu hören. Aber wissen Sie, ohne den Stein kann ich mir doch nichts Endgültiges für euch erhoffen." „Abwarten, abwarten! Er lebt ja noch!" Bedeutungsvoll, mit den Augen winkend, zieht der Berliner seinen Freund zur Seite; er flüstert ihm ins Ohr. Herrisch schreitet em kleiner kräftiger Mann in schwarzer Kleidung mit gewaltiger Nase an ihnen DOt?,Sas ist der Professor Fichte! Der hat den allergrößten Zulauf." "Ja/er ist ein Bandmacherssohn!" Verwundert sieht der Herrn dem Manne nach, der von allen Seiten gegrüßt wird. Er verschwindet durch die Gasse, die sich ehrerbietig vor ihm öffnet, im Universitätsgebaude „Körnen Sie, hören wir zu! Seine Vorlesungen sind für jedermann "^Fichte legt im Vorzimmer den Hut ab. Er streicht sich das dunkle, ungleich verschnittene Haar aus der klobigen Stirn. Er preßt die Hande an die Schläfen. Er läßt die Hände sinken Erhobenen Hauptes schreitet Fichte in den Hörsaal. Alte und junge Menschen erheben sich; Fichte erblickt aus der vordersten Bankreihe ein Zeitungsblatt, Fichtes strenger Blick verfinstert sich, gewalttätig streckt Fichte die Hand. Eilig wird ihm die Zeitung gereicht. Er schleudert sie verächtlich zur Erde und tritt mit dem breiten Fuß daraus. „Zur Umerziehung des Menschengeschlechtes durch uns Deutsche, von der ich gestern sprach," beginnt Fichte, kopserhoben, mit starker Stimme, gehört in erster Linie, gehört als Fundament, die sofortige Beendigung des schmählichen Federkrieges, in dem wir uns unter dem Gespotte der anderen Nationen und unserer Feinde mit leerem Geschreie anklagen! Es ist Kurzsichtigkeit, parteiische, amnahliche Pöbelmeinung, zu glauben, daß ein großes gemeinschaftliches Menschenunglück, wie es unser gegenwärtiges Unglück ist, durch eine einzige Regierung ober durch roenige Männer entstehen konnte. Genug der Selbstanklagen! Endlich genug damit! Man meint nicht über ein heilsames Ereignis! Tief verdammenswert und sehr schuldig am Unglück sind die," spricht Fichte, strafend über die reglosen Köpft unter sich hinwegsehend, „die früher hündisch ergeben allem schweifwedelten, die jetzt, als ergebene Lakaien der über uns jetzt äußerlich herrschenden Gewalten, jetzt, da das Ungeheure geschehen ist, urplötzlich alles angeblich wissen, was wir vorher hätten tun und lassen sollen, was früher hätte geschehen sollen!" Befehlend hebt Fichte die Hand. „Einigkeit ist not; wir waren lange genug entzweit! Weg mit Journalkanaillen! Weg damit!" Zornig, gehorsam raschelt es allenthalben im Saal. Zerknittert, zerknüllt, verächtlich von den Füßen zu Boden getreten und gestoßen, liegt Berlins öffentliche Meinung auf dem Fußboden. „Deutsch fein," spricht Fichte dröhnend in den atembaren Saal, bei geballten Fäusten und oor- gcftellter Stirn, „heißt Charakter haben! Charakter wird nicht durch freche Gehirnapolheker und eitle, schmalbrüstige, selbstische charakterlose Moralhornisten erzeugt, der Charakter ruht und wächst allein in der Selbsttreue der menschlichen Seele! Diese Seele, als Gewissen in uns fühlbar, stellt an Sie die Frage: Wollen Sie zu Ihrer Besiegung auch noch die Ehre verlieren? .... Unsere Zeit gleicht einem Schatten," spricht Fichte, „der über seinem eigenen Leichnam steht, aus dem ihn eine Legion von Krankheiten trieb. Der Schatten unserer Vergangenheit jammert noch immer zu viel in Ihnen! Reißen Sie Ihre Blicke von der alten Hülle los! Suchen Sie nicht in die Behausung der Seuchen zurückzukehren; laßt fahren, laßt fahren dahin, ich kündige euch neue Zeit! Die Zeit des deutschen Geistes will sich erfüllen! Geist ist Tatsächlichkeit, spricht Fichte bei stammendem Blick. „Worum die Masse streitet, das ist leerer, aufgeblasener Schein! Nur der Geist kann uns erretten! Schassen Sie dem Geist freie Bahn! Wir müssen den Geist auf den Thron unseres Volkes setzen! Das ist unsere Ausgabe, das ist unsere Pflicht! Das allein kann unsere Rettung sein!" Fichte senkt den Kopf; er ringt die Finger auf dem Rücken ineinander. „ „Groß ist die Not", spricht Fichte. „Wir kämpfen ums Leben Nicht kleine Mittel geziemen uns; kein Mensch und kein Gott kann uns helfen; es geschehen keine Wunder! Die trüben Wasser sind im Begriff, uns ent)-1 , gültig hinabzuziehen. Kleinmut und Haltlosigkeit, Schmutz, Lug, Trug,. . Charakterlosigkeit, Egoismus, Apathie, Dummheit und Verzweiflung fu'ö Herrscher, das sind nicht die Mittel, um heraus und wieder hochzukom- men. Verschließet die Ohren nach außen, horchet endlich in euch! Huw«'- nität, Liberalität und Popularität. Was ist das? Sitzt der Lähmung; des fretnhen Phrasenschwulstes nicht auf! Besaßen wir Deutschen nichr seit je Menschenfreundlichkeit^ Leutseligkeit und Edelmut? Wir tragen diese Eigenschaften ererbt in uns, sie fließen in unserem Blut, sie steigen erhaben aus unserer großen Vergangenheit auf. Sie grüßen Sie unD' mahnen Sie mit ehernen Zungen: Besinnt euch, daß wir deutsch sind. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Lteindruckerei. R. Lange. ®ief>en-