Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1934 Montag, den r.Mai Uummer 55 Idyll. Von Paul Appel. Sitzen sinnend vor der weißen Wand, die Vier, Duft um sich, gekoste Luft und Wind. Eine trägt ihr weißes Kleid, die zweite auch, Eine trägt zum Weiß die kleine Borte, Und die Vierte, Gast der Drei, Trägt zum Weiß den schönen Latz, Dichtes Gelb, Gelb von Orangenfeldern. Und sie sitzen, zärtlich fortgesunken, Stirnen wendend, Lippen öffnend. Vis der Himmel vor den weißen Mädchen Noch sein letztes Wolkenziehen abnimmt. Jetzt tst's blau und weiß und rieselhell, allüber. Groß einfältig, mild und mädchenrosig. Schöne Arme schließen sich im Nacken, Schultern, weichqestaffelt, schmiegen zueinander, Schenkel heben sich und ruhen neu, Werden Kissen für die jungen Hände. Und du siehst die Eine mit dem blonden Haar, Und die Zweite, ihre Schwester, gleich und schön, Und die dritte, tue ist braun uno alemvoll, Und die Vierte, sie ist schwarz und still. Und die Atemvolle mit dem klaren Hals Geht jetzt vor zum Beet Vergißmeinnicht, Bricht und wirft der Blonden Büschel hin, Bricht und schwingt's der schwarzen Stillen zu, Und ohn Anlaß, plötzlich, treiben sie das Spiel, die Vier, Werfen, was zum Schoß fällt, weiter zu, Ueben in der jungen Heiterkeit den Takt, Werden rasch und werden langsam, Werfen lächelnd ihre Kettenblumen. Ach, du Frieden in der zarten Welt! Ach, die Wimpern jetzt! die leichten Augen! Ach. das «usie früh» Blut, das Hoeft! Und das Blut der kleinen Frauen tut es weiter: Eine von den Hellen hat's gemerkt, Wie die blauen Dolden reicher schimmern Bei dem gelben Latz der Freundin, Und ein Äugenwink den Andern: Gleich da liegt Vergißmeinnicht gehäufelt Vor der dunkelhellen Stickerei, Und die Mädchen drangen um den Gast, Schimmern, staunen, streicheln und ergurcken, Freuen sich der leeren Hände und des Glucks. d“r Ga^ nimmt seEae Wüte an. Schließt die Hände um die Büschel, lacht und schimmert, Uno dann teilt er freundlich sein Geschenk zuruck, Und die Mädchen sitzen wieder sinnend, Fede mit dem blauen Gruß im Schoße. Fasan mit rotflammender Brust. Von Waldemar Augustiny. Johanna nahm Korb und Gemüsemesser und trat aus dem Dunkel der Tenne, aber in der Tür blieb sie stehen,. so traf sie^ber Glanz dieses Morgens. Sie sah durch die Schatten ihrer Wimpern einen Fasan von den Wipfeln der Allee her über den Hofplatz kreuzen und fern ins Blau abstreichen. g. < h . Eorb und Messer ließ sie fallen und sah dem Vogel nach uno fühlte seine Lust, im grenzenlosen Licht zu rudern, und ichaute, bis er, ein grauer Strich, in der zitternden Luft sergcng. So mar Johanna: eine Pächtersfrau, die ihre Arbeit tat, ja= wohl, darin konnte maü ihr nichts nachsagen. Aber sie konnte auch so dasieben und gedankenlos, rote Hinrich, ihr Mann, sagte, gegen den Himmel oder in den Kelch einer Blume starren und die Hande übe?ö?r Brust falten Eine Pächtersfrau, die wußte, daß d,e Dinge um sie her nicht nur nützlich oder unnützltch, sondern auch ©et“&n war lange verschwunden, aber immer noch stand Johanna und war erfüllt von der Wohligkeit des jungen Sonnen- taqes. Und jetzt, Johanna hatte ihn nicht kommen sehen, war der ftaian wieder da, er stieg und ließ sich sauen und war wie ein Rurfcke der von seinem Mädel kommt und den die Lust zwickt, n, i 's s.Nächterüaus hielt er zu, war vielleicht schon über dem Garten, da zerriß ein Knall wie Peitschenschlag den Morgen, Johanna griff nach ihrem Herzen, wie ein Stein fiel der Fasan, Federn stoben durch die Luft. Johanna stand auf den Tod er« ^^Zwischen den Beerenbüschen flatterte es dunkel, Johanna lief herzu, da trippelte der Fasan über den Steg, den einen Flügel spreizte er seitwärts und fegte mit ihm den Sand. Jetzt hielt er und legte den Kopf schief aus seine rotflammende Brust. „Schönes Tier", sagte Johanna, „gutes Tier", kam näher urck>, o Wunder, der Fasan rührte sich nicht, er biß nicht und schlug nicht mit dem gesunden Flügel, er ließ sich aufheben und Johanna ging mit ihm ins Haus. Wohin? dackte sie, in den Hühnerstall? In einen leeren Schweinekofen? Da sah sie durch die offene Tür, rote Hinrich über die Gartenhecke setzte, und hinter der Hecke erschien, rote ein verspäteter Mond, rot und fett, das Gesicht des Gutsherrn. Schnell klappte Johanna die Häckselkiste auf und tat den Fasan hinein. Dann trat sie auf den Hofplatz. Hinrich ging auf Johanna zu und faßte sie um die Hüfte. Er hatte blitzende Augen, nicht nur von der Jagd und weil bet der Jagd ein guter Groschen für ihn abfiel, er sah Johanna gern an, er liebte die Sanftheit in ihrem Blick und ihre klare Stirn. Keine Frau im Umkreis, wußte Hinrich, hatte hinter ihrer Stirn solche Gedanken und Träume rote Johanna, Hinrich war sehr stolz aus seine Frau. Trotzdem war er bei der Arbeit hinter ihr her, er schalt sie, wenn er sie müßig stehen sah, er predigte immerzu, daß Müßiggang auf die Laudstratze und ins Feld führte, nicht aber zu eigenem Hof und zu eigenen Feldern. Es dämmerte ihm zuweilen, daß er so bei seiner Frau austrieb, was er an ihr liebte, dann packte ihn die Wut, er hätte sich selbst schlagen können. Ach, Hinrich war eben ein armer Teufel, ein Pächter, der die Groschen mühsam zusammenkratzte, der scharf rechnen mußte, Tag um Tag, um endlich mal zu etwas Eigenem zu kommen. „Hast du den Fasan gesehen?" fragte Hinrich. Er hielt seine Frau in der Hüfte nnd bog ihr mit der andern Hand das Gesicht ^^Nein," sagte Johanna schnell und blickte fort. Sie" fühlte sich nicht wohl bei dieser Lüge, sie fühlte, es stieg ihr heiß ins Gesicht. Sie hatte sich an Ausflüchte gewöhnt in ihrer jungen Ehe, aber sie war nicht geschickt int Lügen. Hinrich aber sah ihre Verlegeitheit, er bekam etnett dunklen Blick, er fühlte, Johanna verbarg ihm etwas. „Wo ist der Fasan, sagte er mit schmalen Lippen, „du mußt ihn gesehen haben. „Such ihn doch, wenn du glaubst, daß er hier ist," sagte Johanna und machte sich los. r c _ Da suchte Hinrich Garten und Haus ab, auch 8er Herr erschien, mit dicken Segeltuchbeinen kam er angewackelt. Sie schauten über die Stallwände, rückten Säcke. An die Häckselkiste dachten sie nicht. Ohne Gruß stiefelten die Männer endlich davon. Johanna aber machte sich an die Arbeit, plünderte die Erbsen- biische und legte die Schoten für den Händler in Körbe. Einmal ging sie ins Haus und schob einen Stock unter den Deckel der Häckselkiste und streute Futterkörner hinein. Dann ging sie wieder hinaus nnd schaute nicht um sich. Der Tag hatte keinen Glanz mehr für Johanna. Spät, als die Schatten der Allee bis ans Haus langten, kam Hinrich zurück. Er pfiff sich eins, denn es war ein guter Jagdtag aewesen, sieben, acht Hühner hingen ihm am Gurt, und einen Taler hatte er vom Herrn dazubekommen. Er ging in die Küche, Johanna war nicht da, aber es roch gut und würzig nach frischer Gemüsesuppe. Er ging auf die Tenne und wartete, Johanna würde nun mit Geschrei aus etner Ecke hervorspringen. War es nicht gut, daß seine Frau über Scheuern und Flicken, über Gartenarbeit und Füttern der Tiere den Mann nicht vergaß? Daß sie Blumen zog, und daß es in bett Fenstern, aus den Tischen rot und gelb und weiß blühte? Es war wohl schön so. Heute aber blieb es still. Hinrich schlenderte die Tenne heraus, herunter, das Pfeifen verging ihm, es lag etwas in der Luft. Die Katze strich mit scheuem Blick vorbei. Htnrich stand still und merkte erst nach einiger Seit, daß seine Augen auf das Beil stierten, das kalt neben dem HoUblock blinkte. Aber da war Johanna. Sie stand in der Dielentnr, Gott sei Dank, daß Johanna wieder da war. Sie sah blaß au», ihr Atem ging heftig. „Bist du gelaufen, Johanna? Ja sie war gelaufen, sagte Johanna, weit war sie gelaufen. Dann'schwieg sie und hakte Hinrich unter und zog ihn an einen Schweinekofen. Hineich blickte hinein. Durch das blinde Fenster siel etwas Sonne. Auf dem Boden lag ein graues Bütidel und in der Mitte flammte es wie Rubin. Das war der Fasan, der Fasan von heute morgen! Hinrich lachte häßlich auf, aber Johanna verschloß ihm mit der Hand den Mund. „Nicht böse sein", sagte sie hastig, „ich hatte ihn versteckt, sei gut..." Nein, Hinrich wollte nicht böse sein, er biß sich aus die Lippen, er würgte seinen Zorn herunter, Johanna rührte ihn, so blaß, wie sie dastand. Es kam auf den Fasan nicht an, nur wenn der Herr erfuhr... Ja, du lieber Gott, es war Unterschlagung, nichts anderes. „Der Fasan muß fort, sogleich, mutz geschlachtet..." „Nicht schlachten!" stietz Johanna heraus, und dann erzählte sie hastig: sie war beim Herrn gewesen. Jetzt eben kam sie vom Gutshof gelaufen. Erst hatte sie lange in der Küche warten müssen, und dann war der Herr gekommen. Ein wenig zum Fürchten sah er aus mit dem weißen Mundtuch um das bärtige Gesicht. „Der Fasan," fragte er mehrere Male, „welcher Fasan denn? Ach so, den ich über Ihrem Garten abgeschossen habe? Ist wieder da? Großartig, dann guten Appetit. Behalten Sie ihn, junge Frau, machen Sie einen guten Braten für Ihren Hinrich. Wird sich freuen, der Hinrich," sagte er und faßte Johanna unterm Kinn. „Nun ist der Fasan unser," sagte Johanna zum Schluß. „Er hat ihn mir geschenkt. Er gehört mir." Herrlich. Hinrich war ein Stein vom Herzen gefallen. Es war also gut gegangen, und Johanna sollte nur die Lehre daraus ziehen, aber das wollte er ihr später bei Gelegenheit sagen. „Nun aber los, schnell. Gerupft und gebraten und dann..." Hinrich schnalzte mit der Zunge und zog seine Frau an sich. Johanna aber machte sich los. „Nicht schlachten," sagte sie. Sie beugte sich über die Stallwand und hob das Tier, das sich kaum regte, auf. Sie hielt den Fasan wie ein Kind in den Armen und richtete große Augen auf Hinrich. „Mach keinen Blödsinn," sagte Hinrich, er ging an den Block und holte das Beil. „Komm, gib das Tier her." „Ich gebe das Tier nicht her, es ist meins." Hinrich wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Meinte Johanna, daß man einen Fasan zum Spatz fütterte und nachher ausstopfte? „Gib das Tier jetzt her," sagte er gutmütig, er wollte keinen Streit, aber er konnte doch diese Verrücktheit nicht dulden. Johanna hielt das Tier fest umschlungen. Da kam die Wut doch über Hinrich. Wollte Johanna ihn zum Narren halten? Wollte Johanna die Weltordnung umstürzen? Sollte man plötzlich alle Tiere nur päppeln und nachher noch begraben? Hinrich sah nicht mehr recht, vor seinen Augen tanzten rote Flammen, er faßte das Veil — Da schrie Johanna auf. „Er stirbt," schrie Johanna. Sie setzte das Tier zur Erde und fiel Hinrich um den Hals, Hinrich fühlte, wie ihr Leib geschüttelt wurde. Sie bückte sich, auch Hinrich bückte sich tief herunter, das Beil ließ er vorsichtig fallen. Sie sahen, ein Zittern lief durch den Leib des Tieres. Selbst die schönen, langen Schwanzfedern bebten. Die Füße streckten sich und zogen sich zusammen, der Schnabel öffnete sich zur stummen Klage, der Kopf schlug ein-, zweimal auf den Boden und bettete sich dann tief in das flammende Federkissen der Brust. Der Fasan starb. Johanna und Hinrich gaben sich die Hand. Hinrich war es, der das Tier aufnahm. Johanna holte einen Spaten. Zwischen Sonnenblumen, Mohn und Stocknelken machten sie eine Grube. An diesem Abend saßen sie noch lange auf oer Bank. Sie sahen die Blumen immer heftiger aus dem Dunkel leuchten. Sie hörten den Ruf der Tauben aus dem Wald und das süße Gequirl der Drosseln, hörten die Mäusebussarde schreien und sahen unhörbar den Vogelräuber, die Katze, schleichen. Sie hielten sich an der Hand. Hinrich verstand immer noch nicht ganz, aber er fühlte doch, er mutzte sehr behutsam, sehr leise mit seiner Frau umgehen. Das faustische Wesen des germanischen Menschen. Von Profeffor Dr. Hermann Güntert. Wohl kaum ist die Geistesart eines Volkes gründlicher und unheilvoller mitzverstanden worden als die des deutschen, das immer wieder im Laufe seiner Geschichte gezwungen wurde, sich gegen eine irrige Weltmeinung zu behaupten. Diese Verkennung hat jedoch nicht nur jenseits der deutschen Grenzen großen Schaden gestiftet, sie hat auch im Innern zu einer falschen Ein-, schätzung unserer kulturellen Leistungen geführt. Der Heidelberger Indogermanist Professor Güntert, hat es in seinem bei Carl Winter, Heidelberg, erschienenen Buch „Der Ursprung der Germanen" — dem der folgende Auszug entnommen ist — unternommen, Weg und Wesensart unserer germanischen Vorfahren zusammen- fafsend darzustellen, um das Verständnis für die Wurzeln des deutschen Volkstums hüben und drüben zu wecken und zu fördern. Die Germanen haben die Unendlichkeitssehnsucht, den schaffenden Willen und die Organisationskraft der Jndogermanen bewahrt, aber dem wirkt der bäuerliche Trieb nach Freiheit und Unabhängigkeit entgegen. Es kommt zu keinem vollen Sieg einer einseitigen Elternanlage, sondern beide Richtungen, die jenseitiggeistige und die erdgebundene, praktische und beharrende halten sich das Gleichgewicht und erzwingen in jedem Sonderfall immer neuen Ausgleich. So entstand die germanische faustische Seele. Gegenüber den anderen indogermanischen Völkern erscheinen sie feelisch zerrissen, von Gegensätzen gespannt und daher nicht abgeklärt, widerspruchsvoll und rätselhaft. Das ewige Spannungsverhältnis zwischen tätigem Wirklichkeitssinn und träumerischer Jenseitssehnsucht macht den persönlichkeitsstolzen Germanen unsicher und schwächt sein Selbstvertrauen,' aber er läßt sich doch nie'oon den vorwiegend düsteren und ernsten Empfindungen ganz unterjochen, sondern kämpft dagegen in wildem Trotz, wie ein Krieger, der trotz überwältigender Uebermacht um seiner Ehre willen kämpft, solange es möglich ist. Mit tiefem Ernst strebt er viel mehr nach gedanklicher Deutung als nach sinnlichem, genießerischem Hinnehmen der Welt, über deren Wesen ihn ewige Zweifel plagen, und haßt jede Form, jede Regel und jeden Zwang,' gesellschaftliche Bindungen, soziale Regelungen lehnt sein trotziges Freiheitsgefühl ab. Unbekannt sind ihm die Künste der Verstellung,' in schlichtem Wahrheitsgefühl traut er auch dem andern und wird dabei dauernd übertölpelt. Alles Rauschartige, Fanatische, die flammende Begeisterung, die leidenschaftliche Geste bleibt ihm wesensfremd. Seine Freiheit soll aus Notwendigkeit und in selbstgewählter Bindung hervorgehcn,' der Freie, der auch stets das Bewußtsein ursprünglicher Selbständigkeit behält, hat sich freiwillig gebunden, aber diese Verpflichtung hält er, gerade weil selbst gewählt, bis zum äußersten- so entwickelt sich der Treuebegriff, wie ihn kein anderes Volk kennt. Trotz innigster Ueber- zeugung von überirdischen Mächten sind für den Germanen selbst seine Götter vergänglich, ein geradezu erschütterndes Zeichen seiner düsteren Weltanschauung! Jede Form, Abgewogenheit, Regelmäßigkeit, Ausgeglichenheit ist dem Germanen am tiefsten verhaßt, aber keineswegs aus Formlosigkeit und Chaosfreude als Grundsatz, wie Fremde verständnislos zu urteilen pflegen, sondern aus tiefster Einsicht in das wahre Wesen des Lebens. Was anderen, einseitiger veranlagten Völkern bei den Germanen als unbeherrscht, „barbarisch", unbegreiflich, widerspruchsvoll erscheint, ist in Wahrheit äußerst gesteigerte Lebensspannung, die ganz von dem gewaltigen Kräftekampf erfüllt ist, den man Leben nennt. Der Germane ist nie befriedigt, nie berauscht er sich an seinem eigenen Volkstum,' bei seinem ewigen Streben und Sehnen achtet er leicht das Eigene gering und bestaunt das Fremde, das er in seiner Sehnsucht nach der Ferne überschätzt und seinen Wunschträumen gemäß ganz gegen die tatsächliche Wirklichkeit umdeutet und idealisiert. Diese die Wirklichkeit maßlos verklärende Wunsch- Sehnsucht insbesondere nach dem Süden ist geradezu zum Fluch der Germanen geworden,' sie hat der Heimat zahllose Stämme und viel Volkskraft entführt, aber kein Germanenreich hatte unter der Sonne des Südens dauernden Bestand! Ob Goten, Langobarden, Vandalen oder Normannen: sie wurden von den südlichen Sonnenflammen vernichtet, wie der Falter, der ins Licht fliegt. Der Heimat verloren, dienten diese Stämme nur zur Vlutauf- frischnng freipder Völker. Freilich wurde anderseits dadurch fast ganz Europa von germanischem Blut durchsetzt, was man viel zu wenig zu beachten pflegt. Germanen haben in Norditalien Reiche gegründet, die Lombardei erzählt heute noch im Namen von den Langobarden,' in Süditalien und Sizilien herrschten die Normannen: Frankreich, la France, ist von dem Frankcnstamm begründet: die Normandie, d. h. Nordsrankreich, ist eine nordische Wikingerkolonie gewesen: in Südfrankreich, der Bourgogne, siedelten die Burgunder, in Westfrankreich und Spanien die Goten. England ist von Westgermanen den Kelten abgerungen, und die Normannenherrschaft brachte im Grunde nur neues Germanenblut hinzu. Nordgermanen haben das russische Reich begründet, und germanische Leibwachen waren die letzte Zuflucht der west- und oströmischen Kaiser. Germanen haben das stolze Römerreich zerbrochen, Germanen haben Mauren im Westen und Türken im Osten von Europa ferngehalten! Welch ein Wahnsinn, ein solch tätiges kraftvolles, unvergleichliches Volk einseitig ästhetisch mit dem Maßstab der sogenannten „klassischen" Kultur und ihres Schönheits- und Vildnngsideals messen und aburteilen zu wollen, wie es bis in die Gegenwart, dazu von eigenen Volksgenossen, geschieht!... Und doch gründet sich das ungerechte, weitverbreitete Urteil über den „germanischen Barbaren" fast einzig aus diese völlige Verkennung seines Verhältnisses zur Kunst! Statt die Tiefen der germanischen Seele zu verstehen, legte man für ein noch heute weitverbreitetes Werturteil über Germanen den Maßstah einer südländischen Bevölkerung an, die selbst, wie auch die Römer, kein anderes Volk als sich ebenbürtig anerkannt hat! Für den Athener war ja jedes nichtgriechisches Volk ohne weiteres „Barbar", der römische Bürger erkannte kein anderes Volk dem seinen auch nur als gleichberechtigt an! Warum lernt man nicht von Griechen und Römern, wenn man sie trotz ihrer südländischen Heimat unbedingt als Vorbild hinstelleu muß, und aus dem von ihnen geprägten Varbarenbegriff auch Vaterlandsliebe und Vaterlanbsstolz? Warum lernt man nicht von ihnen, wie man von fremder Kultur nur das Brauchbare und Wescnsgemäße annimmt und es der eigenen Volksart anpaßt? Der Franzose, der nicht einmal leine alte indogermanische Sprache mehr besitzt und sic mit dem Latein seiner römischen Herren tauschen mußte, liebt glühend sein Vaterland und seine Kultur: mit welch höherem Recht kann der Germane auf sein Volkstum stolz sein, das sich in Heldentaten und weltweiten Kriegsfahrten ohnegleichen bewährt hat seit ältesten Zeiten bis zu den Wundern an Tapferkeit im letzten Weltkrieg? Wann wird man endlich erkennen, daß die Sehnsucht nach dem Süden für den Germanen schädlich und ein törichtes Wunschbild ist? Wann endlich wird man das fremde, untaugliche Wertmaß endgültig aus der Hand legen und den Germanen aus sich heraus zu verstehen imstande sein? Wann endlich wird man Ehrfurcht haben vor den einzigartigen Lcistun.gen des eigenen Volkes? Noch einmal: die Sehnsucht nach dem Süden, die Ueberschätzung der Antike ist der Fluch des Germanentums bis zum heutigen Tag! Denn sie hat den Blick getrübt für dle gewaltigen Leistungen des Germanentums. Sie neigt dazu, das Germanische mit dem ungerechten und unberechtigten Matzstab der Antike zu meßen, das heißt der Kultur, die gerade Germanen überwunden haben. Sie ist wiederholt das Hindernis gewesen, dah die Germanen sich frei von innen heraus, ungestört, eigengesetzlich und ihrer Volksart entsprechend, voll entwickeln konnten. Sie entfremdet dem eigenen Volkstum und macht ihm gegenüber voreingenommen und ungerecht. Diese Ueberschätzung der Antike ist dazu selbst so unantik wie nur denkbar, denn die Grundeinstellung des griechischen und römischen Volkes war ausgeprägtes Nationalgefühl und eine oft unberechtigte Geringschätzung anderer Kulturen und Völker, ähnlich dem französischen Chauvinismus. Der Athener und Römer würde des nordischen „Barbaren" spotten, der seine eigene Kultur und Geschichte gering schätzt und Grieche werden will, was er seiner Stammesart nach niemals werden kann. Gewiß haben die antiken Völker die größten Werte geschaffen und die germanische Kultur dauernd beeinflußt,- aber diese Werte sind zeitgebunden, und man soll von den Griechen und Römern gerade lernen, wie man fremde Anregungen artgemäß umbildet, nicht aber in ihnen ewige, bleibende, stets gültige, also auch für die Gegenwart verbindliche Vorbilder und Maßstäbe sehen und sie nachäffen,- denn das ist lebenswidrige Unnatur, das ist knechtische Barbarei! Es gibt noch andere Gesichtspunkte zu gerechter Würdigung eines Volkes als den ästhetischen, und auch auf dem Gebiet der Kunst haben Germanen Werke geschaffen, die den antiken mindestens gleichstehen, ja sie haben eine Kunst gepflegt, in der die antiken Völker es nie über die bescheidensten Anfänge gebracht haben: die Musik! Mensch- Mottke. Von Moellervanden Bruck. Es kann hier nicht vom Taktischen, sondern nur vom lichcn gesprochen werden. Doch müßte es seltsam sein, wenn nicht das, was Moltke als Feldherr bedeutet hat, nur ein anderer Ausdruck dessen sein sollte, was er als Mensch war — und umgekehrt. Das Genie ist immer Genie in allem, was es tut, und vor allem darin, daß es alles ganz tut. Undenkbar ist es, daß diese Ganzheit eines genialen Mannes nicht auch in seinem schlichten Sein liegen, in jeder einfachen Aeutzerung durchbrechen sollte. Hinzukommt, daß auch Strategie, wie alles Menschliche, im letzten Grunde kein Verwickeltes, sondern ein sehr Einfaches ist. Napoleon war ein rein elementarisches Genie gewesen, der mit seinem Daimonion siegte, Moltke dagegen war das vollendete kritische Genie. Er war es nicht im Sinne des „gelehrten Offiziers , den man ihm mgnchmal anhängen möchte. Er war es im Gegenteil als ein freier, selbstherrlicher Mensch, der nur das eine nie unterließ, daß er alles, was er tat, aus Gründen tat. Weit ab von sich wies er deshalb alles Schachspielertum. Daß Kricgführen „keine Wiffenschaft, sondern eine Kunst" sei, erklärte er ausdrücklich. „Nur der Laie," meinte er, „glaubt in dem Verlaufe eine» Feldzuges die vorausgeregelte Durchführung eines in allen Einzelheiten festgestellten und bis an das Ende eingehaltenen ursprünglichen Planes zu erblicken." Doch wahrgcmacht wollte er allezeit sein anderes Wort haben: Die Strategie ist die Anwendung des gesunden Menschenverstandes auf die Kriegführung. Mit Moltke griff jene große Bewegung der Geister, die überall und auf allen Gebieten mit dem Akademischen brach, und die Dinge entschlossen wieder aus die Natur stellte, die uns ,n der Aesthetik Lessing, in der Philosophie Kant brachte, und die mit der gewaltigen Real- und Nationalpolitik Bismarcks die verlogene Kabinettspolitik der Zeit des Absolutismus au§ den Antichambren fegte — mit Moltke griff sie auch auf die Taktik und Strategie über. Im Sinne dieser Entwicklung war dann auch Moltke ein echter Denker. Denken heißt schließlich: die schwierigsten Verwicklungen mit Bewußtsein auf ihre einfachen Grundformen zurückzuführen. Genau das ist es, was Moltke meisterhaft verstanden und wonach er ebenso meisterhaft gehandelt hat. Wenn man seine mächtigen Taten, die drei großen Umfaßungs- schlachtcn Königgrätz, Gravelotte nnd Sedan überdenkt, so ist man zunächst erstaunt über die unerhörte Kühnheit, mit der er vor- ging und mit dem Zusammenwirken gewagtester Annahmen rechnete. Aber ebenso erstaunt ist man dann, zu erkennen, daß alles, womit er rechnete, und was er tat, doch nur genau das Notwendige war und in dem ganzen vielvcrästelten Gesamtplan nur ein paar allereinfachste, aber dafür allerdings auch um so ehernere Grundvoraussetzungen ausrollten. Womit Moltke wirkte, das war im Grunde nur das kantische Spiel von Freiheit und Notwendigkeit. lind er erhebt das Denken und die Menschheit zugleich, wenn Moltke grundsätzlich einen Gegner annimmt, der auf einer besonderen des Sandelns steht: Man hat im Kriege vielfach nur mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen, und das Wahrscheinlichste ist meist, daß der Gegner die richtigste Maßregel ergreift. Nur eine so ungemein geistige Durchbildung, die sich bei allem zeigte, was Moltke zu überdenken hatte, machte es ihm dann auch möglich, all die neuen Errungenschaften wie Eisenbahn und Telegraph einzubeziehen und anzuwenden. Das praktische Ergebnis solchen Denkens erlebte die Welt bann beim Aufmarsch der preußischen Armee im österreichischen und im französischen Feldzug. Und nicht zum mindesten auf Moltke ist seit der Zeit der Ruf zurückzuftthren, den das Preußentum ,n der Welt hat: daß es jede neue Strecke Entwickelung in der schnellsten und sachlichsten Weise zurückzulegen pflegt l^ese Modernität war auch Moltkes Modernität. Er wurde durch sie der erste Stratege schlechtweg, derjenige, dessen Beispiel Qeltyi wird, so lange die moderne Kultur unter den modernen Zivilisationsformen steht, die zu seiner Zeit zum ersten Male fertig ausgebildet waren und die er zum ersten Male kriegstechnisch voll benutzt hat. , Wir sind das persönlichste Volk der Welt. Der Zusammenschluß all unseres Persönlichseins wird dereinst die Gewaltigkeit der Zukunftskultur ausmachen, die als Ziel und Möglichkeit vor uns liegt. Aber um dahin zu gelangen, dazu tut uns nichts mehr not als das eine: unterwegs zusammengefaßt zu werden von einer ordnenden Macht. Ohne sie würde im seelischen Leben alle Freiheit ewig nur Willkür werden, während sie Selbstbeherrschung sein soll. Wir erkennen, daß es denn doch wohl im Erziehungsplane desselben Volkes, das Kant hervorbrachte, liegen muß: die Maße in der rohen Form des Soldaten ständig zu Kantnaturen zu erziehen. Kant kann nicht jeder von uns werden. Kantisch denken lernen können noch nicht einmal alle Denker. Aber kantisch handeln, das kann jeder von uns, der das rechte Gefühl unseres Volkes hat. Und vielleicht ist es der höchste erzieherische Wert Moltkes, noch über sein Grab hinaus, daß er jenes Hanüeln- können in seiner beinahe überpersönlichen, ganz und gar durchgeistigten Feldherrngestalt wie ein lebendes Symbol für alle Zukunft vor uns hingestellt hat — für das Militärische hinaus. Krieg ist noch immer der Ausdruck für den Kampf ums Dasein gewesen. Wäre das kriegerische Element nicht in der Menschheit gewesen, so hätte es überhaupt keine Geschichte der Menschheit gegeben. Nur das kann unsere Entwicklung sein, daß wir unsere Kriege mit Menschlichkeit führen, und vor allem, daß wir sie nur aus sittlichen Gründen führen. Was hat die Menschheit bis heute anderes getan als gekämpftl Wovon handelt alle Kunst, alle Dichtung? Was ist unsere ganze Kultur anderes als ein Ausdruck unserer Siege und um diese Siege will man die Menschheit der Zukunft betrügen? Sehr bald vielleicht werden es die Kämpfe von ganzen Raßen und Erdteilen sein. Auch in ihnen wird sich wieder nur entscheiden, wer der wertvollste Mensch ist. Aus der Vergangenheit wissen wir, daß es wieder nur der geistigste Mensch sein kann, daß auch im Kampf der Geist entscheidet, und daß jede Weltherrschaft und Weltkultur der Zukunft nur die Verwirklichung der Weltanschauung der Zukunft sein wird. (Aus dem „Ewigen Reich" Band 2, herausgegeben von Hans S ch w a r z bei Wilh. Gottl. Korn in Breslau.) Mit dem Krieg begann auch für Gust die große Zeck. Nur noch dem Schein nach regierte seit dem August 1914 der Bürgermeister die Stadt. Tatsächlich lag alle Macht in den Händen des zum Stadtsprecher aufgestiegenen Pantoffelmachersohnes. Bei Erklärung des Allgemeinen Kriegszustandes gründete Gust unverzüglich eine Bürgerwehr. Sobald dann Mobilmachung befohlen war, wurden das Weidetor und das Wiesentor der Stadt mit Stricken gesperrt. Tag und Nacht mußten zehn Angehörige der Bürgerwehr die beiden Tore bewachen. Gust stellte durch häufige Inspektion fest, ob sie ihre Schuldigkeit taten. Sogar des Nachts tauchte er einige Male unvermutet aus dem Dunkel auf. Jedes eintreffende auswärtige Gefährt wurde vor den Toren der Stadt angehalten, nach dem Woher und dem Wohin, dem Zweck der Fahrt gefragt, auf Waffen und Munition untersucht. Auch verdächtige Fußgänger mußten sich ein umständliches Verhör gefallen lassen. Als einwandfreister, am schnellsten für ausreichend erklärter Nachweis der Unverdächtigkeit galt: daß der Angehaltene Plattdeutsch konnte. Erst wenn mindestens drei Stadtwächter zustimmend mit dem Kopf genickt hatten, dursten die Stricke entfernt und das Tor zur Durchfahrt freigegeben werden. Am zweiten Kriegstag schüttelten vor dem Weidetor alle fünf Bürqerwehrangehörige so einmütig den Kopf, daß dem zum Stehenbleiben gezwungenen Auto die Weiterfahrt verweigert "'"Man schickte zu Gust, er sollte entscheiden, ob die Stricke fortgenommen werden durften, oder ob man endlich auch — wie viele andere Städte — einen „Spion" gefangen hatte. Der Besitzer des Autos, ein Badenser, der in einem der mecklenburgischen Ostseebäder zur Kur gewesen war und wegen Unzuverlässigkeit der Eisenbahn schnellstens mit einem frisch gekauften Wagen heimkehrcn wollte, gab bereitwillig auf alle Fragen Gusts Antwort. Aber er hatte keine ausreichenden Papiere Bet sich, konnte nicht Plattdeutsch und sprach obendrein das Hochdeutsch mit unverkennbar ausländischer Betonung. Von früh bis spät kam Gust nicht einen Augenblick zur Ruhe. Seinen Mittagsschlaf, seinen Nachmittagsspaziergang mußte er dem Wohl des Vaterlandes opfern. Zum Abendskat sand sich nur noch des Sonntags Zeit. Während der Woche hatte er innner- sort Besprechungen, Verhandlungen, Beratungen, Sitzungen. Keine Kommission zur Durchführung der öffentlichen Angelegenheiten I wurde gewählt, welcher Gust nicht als Mitglied angehorte. In ; den meisten war er Vorsitzender. Bei allem aber, was Gust sagte und tat, plante und ausfuhrte, 1 vorschlug und durchsetzte, stand auf dem Wegweiser seines Lebens das Wort: Gerechtigkeit! Seine Herkunft und sein Aufstieg rvirk- i ten zusammen, um ihn mit einem allumsaßenden Gefühl auszu- Oie Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) firtfen. Denn, waS immer für den einzelnen oder für die Gesamtheit der Stadt geschah, es wurde, seit er in öffentlichen Diensten stand, von derselben Herzensforderung bestimmt: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit gegen die ilnterdrückten, die Armen, die Bedrohten. Aber Gerechtigkeit auch gegen die Angesehenen, die Vornehmen, die Wohlhabenden. So duldete Gust bei den Dingen, die seiner Aufsicht und Verwaltung unterstanden, keinerlei Uebergriffe, nicht von oben nach unten, aber auch nicht von unten nach oben. Seine Vergangenheit stand ihm zu nah, als daß sein Innerstes nicht den Bewohnern der Hinterstratzen hätte gehören müssen. Aber er hatte sein Mannestüm auf der Hohen Straße ausgelebt, zählte zu den Angesehensten, zu den Reichsten der Stadt. Wie also hätte der Siebte des Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen sich mit irgendwelchem städtischen Tun gegen seinesgleichen kehren sollen? Schwankte Gust dennoch einmal, wohin der Weg genommen werden mußte, so sah er auf das große Ziel, um dessentwillen alles geschah: Deutschlands Sieg! Deutschland! — damit stand Gust auf. Deutschland! — damit legte Gust sich schlafen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat brachte Gust seinem Rikelchen Siege nach Hause. Im Westen, im Osten, im Süden, sogar im Norden auf dem Meer hatte — immer wieder — Deutschland gesiegt. Während des Laufes der Kriegsjahre wurden die Stunden der Freudenbrandung über Deutschlands Siege in Gusts Herzen zwar seltener. Freudestill aber war es beim Blick auf Deutschlands Bewährung der feindlichen Welt gegenüber nicht einen Tag; so wenig die See, die auch nicht ununterbrochen hoch in Wogen geht, jemals aufhört, über den Strand zu wellen. Kam Gust mit einem neuen Sieg zu Rikelchen, so freute auch sie sich. Freilich immer häufiger, immer sichtlicher galt ihre Freude nicht eigentlich dem Sieg, sondern der Freude Gusts. Aber je öfter Rikelcheu sich auf seinen Wunsch hin freuen, mitfreuen mußte, desto stiller, desto gedämpfter kamen die Freudensworte aus ihrem Mund. Eines Tages stellte Gust seine Frau deswegen zur Rede. Warum sie sich nicht mit ihm über Deutschlands Siege freue? bedrängte der von Jahr zu Jahr Lautergewordene die nun ganz der Stille verfallene Lebensgefährtin. Doch, sie freue sich, gab Rikelchen leise zur Antwort. Nicht so wie er! Vielleicht nicht ganz so laut. Aber sie sei ja eine Frau. Und Frauenfreude sehe immer anders aus als Männerfreude. Laut — weniger laut, da liege der Unterschied ihres Freuens über Deutschlands Siege nicht. Sondern hier: sie freue sich nicht so sehr, nicht so tief, nicht so im Inwendigsten wie er. Das wöge wohl stimmen. Warum? wollte Gust wissen. Warum nur? Ob der Grund wirklich schwer zu erkennen sei? fragte Nikel- chen zurück. Er habe ihn nicht finden können, obwohl er Tag und Nacht darüber nachgedacht hätse. Sie müsse ihn, so schwer es ihr auch werde, wirklich mit Worten sagen, den Hinderungsgrund für ihre reine Freude? Natürlich! Obgleich er ganz nahe liege? Nicht länger sperren! Da er den Grund, weswegen sie sich nicht von ganzem Herzen und von ganzer Seele mit ihm über Deutschlands Siege freue, trotz allen Nachdenkens nicht finden könne, so müsse sie ihn allerdings endlich aussprechen! „Einfach: Jupp ist im Feld!" gestand Rikelchen ihrem Mann als Freudenhemmung zu. Jupp werde draußen nichts gescheh«, versicherte Gust volltönenden Mundes mit vorgeworfener Brust. „Macht unser Jupp sich draußen etwa nicht hervorragend?" „Das schon. Gust, aber--" „Kein Aber! Zum E. K. II bat er vor acht Tagen nun auch noch das E. K. I erhalten. Als Vizefeldwebel! Wahrscheinlich erlangt Jnvp im Felde die Charge, zu der er es im Frieden — der Teufel mag wissen warum — bei seinen Reserveübungen nicht gebracht hat: Offizier des deutschen Heeres!" „Nein, nein!" schrie Rikelchen auf. „Warum in aller Welt nicht?" „Weil dann die Gefahr für ihn noch größer ist als bisher." „Unsinn." „Kannst du nicht verhindern, daß Jnvp Offizier wird? Du bringst ja. feit du auf dem Ratbaus die Stadt regierst, so vieles zustande. Warnm nicht auch das?" Gust alitt über die Torheit Rikelchens mit den allgemeinen Worten weg. „Mein Junge, mein einziges Kind!" „Halt deinen Mund! Oder ich verlasse das Zimmer. Lästerungen Deutschlands werde ich künftig nicht ein einziges Mal mehr von dir anbören! Hast du verstanden?" „Aber btt hast doch vor wenigen Augenblicken noch gesagt, Gust: Ich mite auf mich selber blicken!" Da fief'-n. wie Hammerfchläae. jene Worte, mit denen während der Krieasjabre die imme*- häufiger, immer heftiger werdenden Auseiua"d"'-tpkitngen der Ehegatien zu enden pflegten: „Du versteht m1* ufcht!" Und di" Antwort Rikelchens lautete — still, wehmütia. schmerzhaft — wie jedesmal, wenn wan bis zu diesem Punkt gelangt war: „bas wag wobl fein. Gust." Auch diesrmrl erwies sich die Hoffnung Rikelchens, daß ihre demütigen Worte an das Herz des geliebten Mannes rühren würden, als vergeblich. Gust verließ türeknallend die Wohnung und ging dahin, wo man sich mit ihm lärmend über Siege freute, wo mau das Wohl des Vaterlandes über das persönliche Schicksal stellte: ins Wirtshaus. Rikelchen sank auf einen Stuhl am Fenster nieder und meinte. Noch als sie kurz vor Mitternacht Gust schweren Schrittes die Ackerstraße entlang kommen hörte, saß die bangende Mutter, leise vor sich hinweinend, im Dunkeln auf dem Stuhl am Fenster. Wie ein ertapptes Schulmädchen sprang Rikelcheu hoch, lief in die Schlafstube, zog sich — ohne Licht zu machen — hastig und schlüpfte ins Bett. „Schläfst du?" fragte Gust, nachdem er auf den Fußspitzen die Schwelle überschritten hatte. Rikelchen gab keine Antwort. Ihr Atem ging langsam und leise, als ob sie schon stundenlang schlafend im Bett gelegen hätte. XI. Zu Beginn des dritten Kriegsjahres wurde der Vizefeldwebel Josef Micheelsen an der Westfront Leutnant. Gust fand die Nachricht eines Morgens auf seinem Büro im Nathans vor. Dorthin hatte er sich schon seit längerm, um Rikelchen vor Briefüberfällen von der Front her zu schützen, auch seine Privatpost bringen lassen. Einige Minuten später lief Gust vom Rathaus in die Ackerstraße. Jawohl: Gust lief. Ohne daß sein Atem ausging! Denn der Krieg hatte ihm durch das Umherhetzen von früh bis spät, durch die Schmälerung der Friedensnahrung fünfzig Pfund Fett fortgenommen. „Jupp ist Leutnant geworden!" schrie Gust schon auf der Treppe und schwenkte den Feldpostbrief wie eine Siegestrophäe. „Was ist mit Gust?" stürzte Rikelcheu dem «ach oben Stürmenden bis zu der Wohnzimmertür entgegen. „Nichts ist mit Jupp. Gut ist es mit Jupp. Offizier ist Jupp! Endlich Offizier!" „Dann seh ich ihn nicht wieder." Rikelchen sank — mit totenblassem Antlitz — auf den Stuhl neben der Tür. „Unsinn!" schalt Gust. „Inwiefern?" „Unsinn. Alles Unsinn, was du zusammenredest. Deine Nerven lassen dich im Stich. Du bist krank. Nicht körperlich, sondern seelisch. Kein Wunder bei deiner Sorge Tag und Nacht." Gust sab feine Fran an und erschrak. Nicht der winzigste Schimmer von Röte dnrchfchien die Haut ihres eingefallenen Gesichts, dessen Backen ehemals geleuchtet hatten, als könne jeden Augenblick das Blut herausfvringen. „Komm!" bat der Erschreckte. „Leg dich hin. Aufs Sofa dort. Komm! Ruh dich ans!" Rikelchen nickte, der Versuch aufzustehen mißlang freilich. Gust schob seinen Arm unter den ihren, hob sie von dem Stuhl neben der Tür in die Höhe und geleitete sie wie eine Kranke durch das Zimmer. „Warum habe ich nur den einen?" klagte Rikelcheu. „Ganz langsam gehn!" mahnte Gust. „Ich stütz dich. Siehst du wohl?" Hättest 6u zehn Zungen wie meine Mutter, wäre deine Sorae zehnmal so schwer." „Müßte ich dann einen hergeben, blieben mir zum Trost noch neun." „Da wären wir also, ^lieben noch neun? So sündhaft darf man nicht einmal denken. Wieviel weniaer reden! Hinleaen! Lanq- fnm... Wozu bin ich denn da. wenn nicht zum Helfen? Nun also! Schön, baß du die Beine nicht mehr auf der Erde hast?" „Wenn ich aber den einen bergeben muß..." „Die Füße ansstrecken... Noch weiter... So... Du brauchst nicht, wie ich, mit hochgezogenen Knien zu liegen. Für dich ist das Sofa lang genug." „Wenn ich aber den einen heraabeu muß, den einen, der mir auch bald noch halb gegen deinen Willen geschenkt ist..." „Liegt eigentlich dein Kopf hoch genug? Nein! Zu niedrig. Aber wie abhelfen? Ein Kissen, außer dem kleinen, das du unter dem Kops hast, ist nicht mehr da. In die Kammer lauf ich nicht. 5lch nehm die Tischdecke. Sie wird nachher beim Liegen von selber wieder glatt. Und wenn nicht, dann fährst du einmal mit dem Bügeleisen darüber, und schon ist der Schade gebessert." „Wenn Jupp fällt, wenn ich den einen, welchen ich habe, nicht wiedersehe. dann..." „Nun liegst du aber gut: ganz ansgeftreckt ... den Kopf so hoch, wie du es nun mal am liebsten magst... Jetzt könntest du zu schlafen anfanaen. Oder fall ich dich zndecken? Das ist bei dieser Augnsthitze doch wohl nicht nötig?" „Wenn ich Jupv nicht wiedersehe, dann will auch ich..." „Still fein... Die Angen zumgchen... Fester... Viel fester... Tiefer atmen... Noch tiefer... Schlafen... Still fein ... ganz still ... Nicht bloß mit dem Mund... Auch inwendig in dir... So ... fo .. " Und Rikelcheu wurde still. Schlief unter dem Streicheln Gusts am hellen Taae ein. Nach Stunden erst erwachte die Erfchöpfte. l^ortfetzung folgt.» Derav wörtlich: Dr. Hans THyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universiläls-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.