Siebener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 60 Montag, den 6. August Jahrgang 1954 Spruch für die Heimat. Von Paul Appel. 's ist klebe Kraft, in der Heimat (ein: alles was sie mir gibt, wird Jnnenschein, muß gar nichts sagen. Wenn mir die Farben mein Herz hintragen, wenn über Morgengrün, Mittaggrün, Abendgrün zart und schwelgend die Wolken hinziehn, wenn ich vom Ackerrain seh in den Aetherduft hinein, ist mir ja alles in Huld gegeben. Braucht's nur mein täglich starkes Streben, glücklich zu sein, rührig und hold zu sein, und ich erkenne, zur Lust vieler Tage: Leben, du bist so schön, wie ich dich wage. Ein Wanderer Hilst bei der Ernte. Bon (Börge Speervogel. In diesem Sommer kam ich durch die Heide. Ich fuhr in einem Torfkahn die Wümme hinauf und ich verlernte fast alle Worte, denn mein Sinn stand darauf, die Sterne in ihren Bildern und ihren Lauf zu erforschen, und ich hatte gesehen, daß es mit meiner Wissenschaft von Kräutern und Pflanzen nicht weit her war. Also zog ich mit zwei kleinen Büchern gesegnet durch die Heidewälder, aber eines Tages sahte es mich und ich mußte wieder hinaus zum Meer. Ich kam durch das Alte Land und das Land Kehdingen und das Land Hadeln: die Kirschen- zeit ging vorüber und ich sah die Heuwagen einfahren, das Korn blühte, der Wind trieb Wolken von Blutenstaub über die Felder, ich aber setzte vom Lande Wursten über nach Butjadingen. Es litt mich nirgends, ich fand keine Stätte und wollte wohl auch nicht verbleiben. Das Korn begann zu reifen und die Aepfel röteten sich und ich oerlor mich in den Hochmooren und war allein wie nie und halle alle Worte vergessen. Dann kam die große Hitze und trieb mich wieder ans Meer, ich zog durch Jeverland und wehte nachts in schwarzen Booten mit braunen Segeln die Fehne entlang. An der Küste des Harlinger Landes ging ich ins Sandwatt hinaus, starrte in die Priele und fühlte weder Gluck Es wurde eine gewaltige Hitze in diesem 2ahre, die Sonne kam glühend herauf und ging schwelend hinab, die ganzen Tage lang waren die weißen Lichtgeschosse in schweren Garben herabgesturzt, und kein Wind wollte in der Glut aufkommen, auch nachts nicht. Das Land begann zu durften und die Kühe schrien wie alles Leid der Welt Als ich eines Nachmittags aus einem kleinen Hos an der Geestgrenze um Wasser anfragte, ergab es sich, daß ich bei einer Arbeit mit anfaßte, und ich sah, daß Hände fehlten. Die Bäuerin ah blaß uick> elend aus und ich blieb. Nicht, daß ein Wort darüber gefallen wäre, ich hatte leben Augenblick weiterziehen können, vielleicht fühlte ich nur, daß es mir nötig war und-gut tun würde, einmal wieder von Nutzen zu fern. Sie hatten nur ein Mädchen auf dem Hofe und s'°. brauchten Hande. Die Bäuerin hatte ein winziges Kind mit einem rötlichen Gesicht, wie es kleine Kinder haben, und sie sah so elend aus. Der Bauer ich sah ihn am zweiten Tage in seiner Arbeit stehen bleiben und m den Himmel starren und vor sich hinmurmeln, dann schüttelte er den Kopf und riß verflucht hart an der Trense, daß das Pferd nach rückwärts fuhr und sich stieß und lange nicht zur Ruhe kommen mochte Wir brachten das letzte Heu herein, und ich schaffte den Kartoffeln Luft denn sie llanden voller Unkraut, und der (Barten schrie nach Wasser. Sann fah "h, daß über der Scheune das Dach undicht war, und daß die Stalle m mancher Hinsicht auszubessern waren. Der Bauer hatte keine Schuld daran, er konnte es ohne Hilfe nicht frhaffen. ... . , Di» (Mhe lieft nicht nach. Wir waren abends todmüde, aber wir hörten i^Schlaf von fernher die Tiere freien daß die Hunde aub fuhren und jammerten. Wir arbeiteten über unsere Kraft, aber wir konnten nichts ausrichten gegen versiegende Graben und Dürre in den ^'Senbs ging ich manchmal über bie Kämpe zum Langplatengrunb so hieß eine Wiese mit einem kleinen Teich, aus bem ein Bach stoß Es gab ba Bäume, bie waren niebrig unb von ben Weststurmen Prüfern aber man konnte glauben, es fei dort kühler als °nderswm Der Bach war kaum noch fo zu nennen, einige Stellen spiegelten em ^en bes glühenden Himmels, sonst feuchter Sand und wucherndes Kraut, aber kein Rinnsal. Da legte ich mich dann ins Gras, Minze duftete und Thymian, an den feuchteren Stellen standen Wollgräser und Binsen, weiterhin Windhalm, Schwingel und Wuhlekraut, dann Heideblüten und Ried- und Haargras den kleinen Hügel hinauf. Ueber dem Meere hatten sich Abend für Abend leuchtende Wolken- türme gezeigt, schwer geballt aus dem leichtesten Stoffe; sie versetzten sich langsam nach Osten und verrauchten silbern an den bestrahlten Rändern. Morgens waren sie stets verschwunden, abends türmten sie sich neu. Ich lag im Gras und sah die Wolken an. In meiner Müdigkeit mußte ich an das Mädchen aus dem Hofe denken. Sverre, kennst du den Namen Sverre? Es ist ein komischer Name, ein ungewohnter und seltsamer dazu, aber bas Mäbchen hieß so: Sverre. Ich weiß nicht, wo sie her war, vielleicht war es auch nicht ihr richtiger Name. Möglich, baß du sie nicht leiden möchtest mit ihren roten Haaren, denn lange rote Haare, die hatte sie, und ganz weiße Haut und dichte, dunkle Augenbrauen. Die Augen darunter habe ich niemals ansehen können, so waren sie beschaffen. Ich konnte sie nicht ansehen, ich brachte es nicht fertig, so traurig waren sie und wild zugleich, traurig und stolz und überhaupt alles, was du dir unter Augen vorstellen kannst. Furchtbar stark, bas ist vielleicht bas Wort bafür. Sie biente auf bem Hofe, bas ist alles, was ich über sie erfahren habe. Als Sommermäbchen, wie man bort- zulanbe bafür jagt. Ich lag in ber Wiese, bis es bunkel würbe. Ich wollte schließlich fort- gehen, ba sah ich biefes Mäbchen Sverre an einen Baum gelehnt ba- stehen. Weiß Gott, wie lange sie ba schon ftanb. Unb im gleichen Augenblick sah ich, baß bie immer noch sirahlenbe Wolke über bem Meere größer geworden und näher gekommen war. Das Mädchen sagte etwas, eine Stimme hatte sie wie Sand, eine sandige Stimme, wie Verdurstende sie haben mögen, so rauh unb zersprungen. Sie setzte sich unb wir hörten die Grillen und Heuschrecken singen und schrillen, immerzu, immerzu. Wir haben es nicht gemerkt Ich mußte an allerlei denken. Plötzlich hörte das Singen und Schrillen und Rascheln im Grase auf, und schon ging es los. Ein Wind packte die Bäume, zerwühlte und bog sie gefährlich. Es knirschte unb ächzte, unb ber Winb holte Atem unb tarn durch bie Dämmerung bahergezogen unb fang. Es war ein Gewitter, wie es nach solchen Tagen wie bleien immer kommt, vollüftig unb roilb. Es mürbe schnell bunkel, bas Wetterleuchten über ber See mürbe heftiger unb tarn naher, ber erste Donner tarn mit bem ersten Trapsen. Ich blieb liegen und lieh den Regen auf mich fjerunterpraffeln, es krachte und blitzte, donnerte und raste. In dem rauschenden, brausenden Aufruhr, als ein weißer Blitz bie Wiese erhellte, sah ich bas Mäbchen Sverre im zuckenben Licht mit roilben Armen unb Haaren über bie Wiese laufen unb wie gefällt hinstürzen. Ich machte bie Augen scharf unb sah sie weiterrennen unb fah: sie tanzte. Ich hörte sie fingen, ach, bas war keine gewöhnliche Art von Gesang, sie schrie unb jubelte unb jauchzte unb stöhnte; es war bas gleiche Lieb, bas die Erde in dieser Stunde fang Immer wenn ein Blitz kam, stürzte sie nieder. So tanzte sie. Solange das Gewitter währte, tanzte sie und fang. Sie wurde mit dem Wetter müde, und als es abklang, lag sie erschöpft an der Erde. Schließlich, vielleicht hatte sie sich meiner erinnert, kam sie ganz langsam, hilflos unb schwach zu mir her unb legte sich nieber. Sie war sehr schön, mußt bu wissen, ihr nasses Kleib klebte am Körper, sie war fo arm unb verlassen unb klein. Wenn ein Wetterleuchten über bie Bäume kam, zuckte sie. Unb ich hatte Angst, verstehst bu bas? Du darfst nicht lagen, ihre Augen wären doch nicht zu fehen gewesen, nein, das waren sie nicht, aber trotzdem, sie lag da unb atmete. Die Bäume tropften, ber Bach rauschte, bas Sommermäbchen Sverre zitterte unb lag neben mir Es waren lange Stunben. bie wir ba reglos unb stumm verbrachten. Gegen Morgen würbe es kühl, wir froren. Heute glaube ich, sie hat bie ganze Nacht gemeint. Als bie Sonne kam, ftanb Sverre auf unb ging fort. Als ich auf ben Hof kam, war sie verfchwunben. Sie hatte wohl irgenb etwas in ihrem Blut, bas sie krank machte ober rief, unb bem ist sie gefolgt. Die Bäuerin hatte glänzenbe Augen unb sie rief mit heller Stimme über ben Hof. Der Bauer ftanb unter ber Türe unb pfiff fröhlich vor sich hin. Es bauerte nun nicht mehr lange unb wir begannen eines Abenbs die Senfenfchneiden zu hämmern, und bann ftnnben wir in ber Frühe bcs nächsten Tages vor bem großen Roggenfchlag unb wir mähten zu zweit fünf Tage daran. Dann kamen die zwei Kleefchläge, das (Brummet war gut aufgekommen, die Obstbäume brachen fast unter dem Segen und der Hafer wurde schon bleich. Die Bäuerin nahm das Kind mit auf den Acker, und wenn sie die Garben £anb. lachte sie, unb wenn sie bie Hocken stellte, lachte sie, unb wenn wir bie Magen heimfuhren, lachte sie auch. Dann bekamen wir Hilfe, ein neues Sommermäbchen zog auf den Hof und ein paar Tage später ein Knecht. Wir mähten, der Knecht und ich, und die Frauen gingen hinter uns her unb banben bie (Barben. Wir gingen gegen bie großen golbenen Flächen an, bie im Winbe wogten, wir umkreisten sie mit bem Sirren ber Senfe vor uns her, bis bes Korn nur noch wie ein Jnselgestade in den Stoppeln stand und wir endlich auch die Insel eroberten. Die Tage waren sonnig nut kühlenden Windstößen von den seuchteren Wiesen her, oder trübe, still und grau, wenn der Wind so schwach von Nordwesten her kam, und endlich hatten wir die letzten Schwaden geschlagen, und manches Feld war schon unter dem Psluge des Bauern zur neuen Saat bereitst Als der letzte Wagen hereinkam, geschmückt mit dem Kranz aus Lehren, Mohn und Rade, sah ich nach rückwärts, wo die kahlen Schlage sich gegen den Horizont dehnten. Ich sah voran und zur Seite die Weiden mit dem Vieh und die Werft mit Haus und Stall und Scheune unter dem großen ruhigen Dach und die Bäume darumher. und ich sah, daß alles gut bestellt war. Wir luden ab und bansten ein; wir gingen m die Stube, wo der Ernteschmaus bereitstand, der Bauer sprach den Segen, und wir schwiegen mit srohem Herzen. Nachher ging ,ch über die geputzte Diele und wußte doch schon, daß meine Zeit hier vorüber war, und daß ich nun wieder fort mußte. Ich suchte mir eine Pap^ schachtel und Bindfäden, packte meine Sachen ein und mutzte Mich zwischendurch ein wenig auf die Bettkante setzen. Dann ging ich zu dem Bauern und der Bäuerin und dem Knecht und dem Sommermad- chen Wir standen unter der Grootdöör, wir wußten nicht, was wir einander sagen sollten und sahen unter den Bäumen her auf d,e Sttaße und das Land dahinter; am Horizont stand der silbrige Dunst vom Meer. Als ich ging, brachten sie mich bis an die Straße. Ich sah mich noch einmal um und sah das Sommermädchen winken. Dann gewann ich einen Richtweg zum Deich. Abends kam ich durch ein Dorf. Auf der Straße hörte ich die Kinder singen. Ueberall sangen die Kinder, in allen Dörfern, durch die ich in den nächsten Tagen kam. Ich hätte gern eines von ihnen gefragt, ob es hier umher ein Mädchen des Namens Sverre gibt, aber die Kinder fangen so schön. Liebhaberei der Dichter. Von Hanns Arens. Wir haben kein Interesse am privaten Leben des Dichters aus Neugierde, sondern aus einem viel tieferen Gefühl; wir möchten dem Dichter nahe fein; wir. haben den Wunsch, ihn in seiner privaten Lebensweise zu beobachten, wobei uns selbstverständlich sein familiäres Leben gar nichts angeht. Nein, den Dichter in feinen vier Wänden zu belauschen, ist nicht unsere Absicht. Was wir möchten, ist, ihm bei der Nebenarbeit zuzusehen, bei einer ernsten „Liebhaberei", die abseits seiner dichterischen Arbeit geht, um aus ihr den Menschen besser zu verstehen, zu beurteilen — den Willensweg des einzelnen Dichters zu erkennen. Hier nun wollen wir einen flüchtigen Blick in den Alltag des Dichters werfen. Wir wollen sehen, warum er neben seiner Dichtung ganz bewußt eine „Liebhaberei", eine „Nebenarbeit" wählte. Wir werden bald erkennen, daß diese Beschäftigung mit anderen Dingen beim Dichter aus ganz organischen Gesetzen entspringt. Und wir wollen dabei den Dichter selber erzählen lassen. Hans Friedrich Blunck. Wer des niederdeutschen Hans Friedrich Bluncks „Märchen von der Niederelbe" gelesen hat, wird, wenn er seine kleine, hier folgende Plauderei liest, plötzlich wissen, warum er gerade zum Märchen und in diesem Falle, dem niederdeutschen, hinneigt. Diese Liebe für Blume, Tier und Erde — sie ist es, die den Dichter immer wieder ins Märchentraumland treibt. Wir werden ja hören: „Meine Liebhaberei? Liebhaberei? Nein und Nein, es ist keine Liebhaberei, sondern eine verwünscht ernste Sache, wenn man aus der Stadt hinauszieht und zwischen den Wäldern sich einniftet. Es soll da draußen nämlich kein Platz für Träume und Beschaulichkeiten werden. Man folgt einem Kindheitswunsch, vielleicht auch einer alten Erbaufgabe und beide sind nicht auf die Betrachtung der Grasspitzen, sondern auf em Fordern an den Boden, auf Frucht eingestellt. So habe ich langsam in zehn Jahren Dauer eine Weide zu einem Obstgarten von hundert jungen Bäumen umgewandelt, und das kleine Haus in Rosen duftet im Herbst vom Boden bis zum Keller nach Aepfeln und Birnen und Pfirsichen — ja auch nach Pfirsichen, denn die neuen prachtvoll rotbackigen frühreifen Sorten werden den Pfirsich bald zu einer Landesfrucht wie Kirsche und Pflaume machen. Und nun es soweit ist, nun man den Garten vollgepflanzt hat, meinen viele Freunde — tappt man mit Zipfelmütze und Obstschere die Wege entlang und vertriebe sich den Tag damit, die geilen Triebe zu beschneiden? Beileibe nicht! Aber eine Umstellung vollzieht sich doch: Der Raum des Gartens wird einem ein wenig eng. Die Frau hat für den Geflügelhof, für Blumen (und Blumenkohl) mehr Platz nötig. Man selbst ist eines Tages überrascht, daß man eine neue, erprobte Sorte nicht recht unterbringen kann, man wirst sich nachts hin und.her vor Zorn, daß man nicht zu Beginn den Garten größer anlegt, man zermartert sich das Hirn, ob man's wagen darf, noch ein wenig Land anzukaufen. — Und dann kommt der schwere Entscheid: Nein! Würde man sich aus- breiten, erforderte es zugleich volle Verantwortung, volle Tagesarbeit für den neuen Acker. — Land kaufen und brach liegen lassen, ist ein beispielloses Unrecht. Und der Acker ist eben doch nicht der Hauptberuf. Sie mie’s jetzt liegt, fülle ich jene Stunden, die andere beim Fußball ober an der Börse verstehn, mit Gartenbau aus. — Nach bleibt das Häuschen der Rahmen für Gespräche mit Freunden, ist es die Umwelt der jämmerlichen Arbeit des Dichters, bedeutet es Fürsorge für geistige Frische, Trieb zu naher Verbundenheit mit den Dämmerungsgezeiten. Drang nach Ausgaben im kleinen, die man im großen ungelöst rund um sich sieht. Aber es ist kein Hauptberuf! Also doch Liebhaberei? Nun' die Rosen finb’s, und die Betrachtung der Sonne ift’s und die Frucht für den Gaumen, die nirgends, und sei es die köstlichste, fremdländische Birne, so schmeckt, wie die eben gebrochene reife Frucht des eigenen Gartens. Also meinetwegen, Liebhaberei! — Indes, so etwas Äehnliches sollte nach meinem Plane jedem fruchtbringenden Menschen zustehen und zugute kommen. Und weil man eifert und andere nachzulocken sucht, ist es am Ende doch keine — entscheiden Sie, lieber Freund, was ich treibe!" — Karl Heinrich Waggerl. Man muß Blunck ein wenig kennen, um zu wissen, daß es ihm sehr ernst mit seiner „Gartenarbeit" ist; ebenso muß man den Dichter kennen und beobachtet haben, der uns nun einen Blick in feinen Zllltag gewährt: Karl Heinrich Waggerl, ein junger, sehr vielversprechender Erzähler, auf dessen letzten Roman „Das Jahr des Herrn , vom Insel- Verlag verlegt, auch an dieser ©teile jnod) einmal nachdrücklich hinge- wiesen wird. Hier nun ein flüchtiges Spiegelbild. „Mein allererstes darstellerisches Erlebnis hatte ich als Zeichner, ich erinnere mich dieses Vorganges mit ungemeiner Deutlichkeit, obwohl ich damals erst zwei Jahre alt war. Ich machte also im Kalender einen Strich, wie ich vorher schon so viele gemacht hatte. Dann aber fugte ich am einen Ende eine Menge kleinerer Striche hinzu, und plötzlich wurde ich gewahr, daß ich ein Ding getroffen hatte, einen Pinsel, ich erkannte ihn auf dem Papier. Ich lief mit dieser Schöpfungsurkunde im ganzen Haufe umher, freilich ohne das geringste Verständnis für meine Leistung zu finden — eine Enttäuschung, die sich heilsamerweise noch oft in meinem Leben wiederholen follte. Ich kann gar nicht deutlich machen, wie tief mich dieser Vorgang damals berührte, es war mir zum ersten Male klar geworden, daß man ein Ding von seiner Erscheinungsform löfen, es darstellen könne. Später kam ich dahinter, daß es viele verschiedene Möglichkeiten der Darstellung gebe, und das hat mich sehr verwirrt und gehemmt. Es gibt wohl kein Ausdrucksmittel, kein Handwerk, an dem ich mich nicht zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Form versucht hätte. Ich glich gewissermaßen einer schadhaften Brunnensaule, die ihr Wasser aus vielen Ritzen verschwendet, statt in einem kräftigen Strahl aus dem Rohr. Erst im Kriege, in der Gefangenschaft begann ich mich und wurde der Mensch, der ich bin, nicht besser, aber mit der Gnade eines Zieles begabt. Auch jetzt noch find mir die Dinge auf rätselhafte und verlockende Weife gefügig. Ich muß mich schämen, bei soviel guten Gaben eigentlich wenig wirklich gelernt zu haben. Ich kann ebensowohl einen Schlüssel machen wie eine Dreschmaschine reparieren, ich beschaffe mir einen Treibhammer und schlage eine Schale aus Kupfer, ohne Umstände, ich weih einfach, wie man sie macht. Mitunter scheitert ja wohl ein Versuch an der Unzulänglichkeit des Werkzeuges, wie etwa beim Buchbinden, beim Schnitzen, bei den Scherenschnitten oder beim Photographieren. Aber nur selten mißlingt etwas grundsätzlich außer in der einen Kunst, die ich fliehe und der ich doch widerstandslos verfallen bin, die mich meiner Leichtigkeit und meines Leichtsinns beraubt, zu Tränen erschöpft und immer wieder an den Anfang zurückwirst..." Ernst Penzoldt. Von Waggerl sührt uns unser Weg zu Ernst Penzoldt: Wüßten die Bücherfreunde von (einem herrlichen Roman „Der arme Chatterton , sic würden glücklich fein über diese „Entdeckung". Seine neuere „Powenz- banöe" wird hoffentlich dem leisen „Chatterton" gute Dienste leisten. Mit seiner „Portugalesischen Schlacht" hat sich Penzoldt auch die Bühne erobert. .... „Meine literarischen Neigungen sind sozusagen eine Knegsbeschadi- gung, und sie begannen in einer dem Kriegshandwerk und der Bildhauerei, die mein eigentlicher Beruf war, ganz entgegengesetzten Weise. Ich schrieb zuerst Gedichte und Idyllen, die zum Umblasen waren, und erst allmählich wurde die altgewohnte Bilderschrift der Studienjahre auch für meine Geschichten lebendig. Im Grunde waren die mancherlei Weisen, in denen ich arbeitete, die Scherenschnitte, Federzeichnungen, Radierungen, die Reliefs, Figuren und Bildnisse nichts anderes als ein Schreiben in Hieroglyphen in ihrer sinnfälligsten Form. Es scheint mir heute nicht mehr so wunderbar und fremd, daß ich nun mit Schrist- charakteren einen Menschen zeichne ober modelliere; die Freude am Sehen und das Idol, das immer neu sich wandelnde Bild und Gleichnis des geliebten Menschen, sind geblieben. Sichtbarer freilich mag die von Dürer „innerlich voll Figur fein" genannte Gnade, in Ton und Erz mitzuteilen, fein. Ewiger auch scheinen diese Künste als Wort und Musik, denn sie sind auch da gleich deutlich und bedeutsam, wo der Mensch nicht ist, vergraben in der Erde, ober fast unereidjbar dem Blick im obersten Spitzbogen eines Kirchensensters und sie sind seltsam genug auch dort für die Nähe gemacht. Aber dennoch, wenn es auch sterblicher ist, liebe ich mehr das vom Atem lebende Wort. Darum aber werde ich nie aufhören zwischen den Manuskripten zu zeichnen, immer wieder zu versuchen, ein herrliches Angesicht zu bilden und immer wieder zu spüren, wie nahe sich Wort und Stein oder Erz sein können in der sonnenden Hand. Das unbeschreibliche, nur selbst zu erlebende Gefühl dieser Einheit, der Augenblick, wo Gedicht und Akt, Figur und Schauspiel einander berühren, ist Lohn genug für die taufend Nöte solcher Zwiespältigkeit." Felix Timmermans. Wir müssen einen kleinen Sprung machen; denn nun wenden wir uns einem ganz anderen Dichter zu: Felix Timmermans. Wer unter uns kennt seinen herrlichen „Pallieter" nicht? Ich hasse, es werden nicht viele sein! Timmermans entstammt einer alten flämischen Handelsfamilie und ist am 5. Juli 1886 als dreizehntes von 14 Kindern in Lier geboren. Seit Urväterzeiten treibt die Familie Timmermans den Spitzenhandel; und auch unser Dichter war Handelsmann, landauf, landab. Daneben spielte er Theater und vertrieb sich die Zeit mit dem Erzählen von Geistergeschichten. „Meine größte Liebhaberei ist Malen, wenn man das eine Liebhaberei nennen will, denn ich bin eigentlich ursprünglich Maler gewesen. Bevor ich schreiben konnte, bevor ich einen Buchstaben gelernt hatte, malte und zeichnete ich schon. Ich habe stets gedacht, einmal Maler zu werden. Aber nachdem ich lesen und schreiben konnte, konnte ich es doch nicht unterlassen, Erzählungen und Gedichte niederzuschreiben. Das Malen blieb meine große Freude; aber man weiß nicht, warum und wieso: mit meiner Schriftstelleret hatte ich mehr Erfolg, obwohl ich das Palen nie gelassen habe. Aber auch heute noch, zwischen zwei Seiten Erzählung, greife ich nach dem Pinsel. Erst, wenn meine Zeichnungen iinb Gemälde fertig sind, sehe ich ihre Unzulänglichkeit ein. Solange ich tkiran arbeite und die Farben wachsen lasfe und wachsen sehe, finde ich fL- ausgezeichnet. Auf alle Fälle machen sie mich glücklich; ich freue mich, nenn ich malen kann. Und dieses Glück kann ich weder durch schrift- sbllerische noch durch irgendeine andere Arbeit erreichen. Ich habe früher euch Glasmalerei gelernt. Ich bossiere auch; da ich aber schwer Lehm Mammen und frisch halten kann, wird nie viel daraus. Meine Gemälde stellen gewöhnlich Bauern und kleine Leute dar, keine Salon- Menschen. Mein Malen ist Erzählen. Ich schwärme für Pieter Brueghel Md Fra Angelico, bewundere die Bilderbogen, Holzschnitte, Kirchen- !öfter, Hinterglasmalereien, Teller-, Bier- und Milchkrugmalerei, alte ushängeschilder und Zeichnungen von Kindern unter zehn Jahren." * Wir sahen: die Liebhabereien unserer Dichter sind durchaus keine Spielereien. Jeder gibt sich mit Ernst und voller Liebe seiner Neben- dibeit hin. Sie alle brauchen dieses für die Welt unsichtbare Werk aus innerer Nötigung und Neigung. Sie finden darin Ruhe und Entfpan- n.mg von ernster dichterischer Arbeit. Freude an der „Liebhaberei" ist wohl zutiefst, die sie treibt, sich einem andern Element willig hinzu- n igen. Es sind ihre Feierstunden, Ruhepunkte nach getaner Arbeit am kört. Ihnen zusehen zu dürfen, ist für den Freund ihrer Dichtung stilles Mck. Denn nirgends anders als beim Dichter spürt man so sehr die jjreube über ein Gelingen in einer solchen Nebenbeschäftigung. Und was i| es denn, was uns immer wieder zu den „schönen Künsten" hinzieht? Jie Freude am Miterlebendürfen. Wir, die wir teilhaben, können weiter nchts tun, als ihnen zu danken für Stunden aus ihrem Alltag, Stunden allerdings, die für uns festlich waren. ©er deutsche Wald. Von Dr. Jürgen Schäfer. Eine Landschaft in ihrem uralten Verweben von Höhen und Tiefen, »n Wäldern, Weiden und Seen, ist der Urgrund, aus dem ein jedes iolt wächst. In feinem geschichtlichen Antlitz trägt es die Grundzüge dieser Urheimat und wenn es neue Lebenskraft schöpfen will, dann kehrt e« zu ihr zurück und erneuert sich aus dieser natürlichen Quelle seines Werdens. Wohl wandelt sich diese Landschaft, wenn die Schicksalswege I |nes großen Bolkes durch sie hindurch führen, aber sie tauscht den Sruber der Unberührtheit gegen eine von Menschenhand gestaltete reiche annigfaltigteit ein, die ihre Schönheit nicht mindert, sondern erhöht; ihre Grundelemente bleiben indes unverändert und aus ihnen erneuert |iy immer wieder ihr Antlitz in taufend Jahreszeiten. So ist die Kraft iks deutschen Waldes durch die Menschengeschichte, von der er Kunde gibt, nicht gebrochen und als ein Volk von taufend und aber tausend wumen herrscht er über Deutschland, im Tageslicht mit Myriaden von |tÖttern und Nadeln in festlichem Grün aufleuchtend, um in der feier- lihen Stille der Nacht auf den Höhen bis in die Sternbilder zu greifen. Man hat uns ein „Waldvolk" genannt, das in einem „Waldland" tot, und in allen Sagen und Geschichten des Volkes ist der Wald lebendig. Der Baum in feinem ruhigen unbeirrbaren Wachstum weit über ein Menschenalter hinaus war unseren Vorfahren sichtbarer Ausdruck dr Schöpferkraft ihrer Götter; Eiche, Linde und Esche waren heilige Säume. Der Altar des Allvaters Wuotan wurde unter einer mächtigen Girije errichtet, und Yggdrasil, der Weltbaum der nordischen Mythe, der hmmel und Erde niiteinanber verband, war eine gewaltige Esche. Nur birt, wo Flüsse ihre Wege gegraben und wo Niederungen und Sumpf« k ib sich ausbreiteten, war bas bichte Netz ber Wälder zerrissen, die !mm den Platz für Ansiedlungen freigaben. Noch durchzogen ihn keine ürenzen, wenn auch der Markwald als Gesamtbesitz den fein Bereich ^herrschenden Stämmen Sicherheit, Kraft und Würde verlieh. So frei nie für den Vogel war der Wald auch für den Jäger. In den ersten Ü: künden über Waldbesitz, wie jene des Frankenkönigs Theodorich II. »im Jahre 608, der dem Kloster Moormünster im Elsaß besondere Rechte über den das Kloster umgebenden Wald einräumte, ist noch fein Jagdverbot ausgesprochen. Auch das Brennen von Kohle im Wald war jedermann freigestellt, der keinen Brandschaden anstiftete. Die Bann- forfte, die in vielen alten deutschen Rechtsbüchern, auch im Sachsenspiegel, schrieben werden, sind die ersten Hegewälder. Der König wollte Schutzherr des Wildes sein und grenzte Wälder ein, „da den wilden Thieren trieb gewirkt ist, bey königs bann (on ben bern, wölfsen unb süchssen) . T» gab es im alten Sachsenwalb brei solcher Bannforste, bie Halbe zu ine, ber Harz unb bie Magethaibe ober Preitinische Haibe. Im übrt= Jen aber galt nach bem Grunbsatz, baß nur Arbeit Besitz schaffe, Walb mb Wilb aber ohne Zutun bes Menschen wachsen, der Wald als All- jiineinbefit), und er wurde durch Gesetze vor allem gegen Brände gestützt. Dennoch erforderte die Erweiterung des Lebensraumes des Volle; die Ausrodung immer neuer Waldgebiete, wobei zumeist die Bäume .tiiifad) abgebrannt wurden. Eine böhmische Verordnung schützte die ; Biibjeite des Erzgebirges gegen die Ausrodung aus einem sehr gewich- > tijen Grund: „Diese Waldungen sollen besonders geschont werdens hieß ts da, „weil sie wegen der Höhe und Menge von Bäumen dem Königlich Böhmen zur Zierde und Brustwehr dienen". Karl der Große setzte 5'öfter, Forestarii, und Waldhüter, Custodes nemorum, ein, bie auf ber» kaiserlichen Gütern wohnten. Durch bie unaufhaltsame weitere Aus- ttiung ber einst fast unbegrenzten Wölber erhielten bie einzelnen Lanb- stasten ihr besonberes Gepräge, unb die verbleibenden Wälder gelangten : «kwählich in den Besitz der Fürsten und Klöster, die den Reichtum dieses L sitztums erkannten, es hegten und auch neue Wälder antegten. Der Kulturwert des Waldes in seiner großen Mannigfaltigkeit war ntbedt worden. Die alten Städte waren noch ganz aus Holz gebaut, «d viele Hausgeräte, Webstühle, Wagen, Brücken, Waffen und Schiffe Bi ren ebenso aus Holz. Auch die Künstler bedienten sich des Holzes als lites kostbaren und schönen Materials, wovon die zahlreichen Holzschnitzereien aus dieser Zeit Zeugnis ablegen. „Holz war so unerschöpflich, daß man es brauchte wie Erde oder Wasser." Die Verarbeitung der Waldhölzer zu Kulturwerten verminderte schließlich den Walbbestand in Deutschland bis auf einen Bruchteil dessen, was er einst ausmachte. Dennoch steht heute Deutschland, bas auf einem Viertel feiner gesamten Bobenfläche Walb trägt, an britter Stelle in ber Reihe ber europäischen Länber, währenb Englanb nur noch über ein Zehntel Walb verfügt. „Walb ist Mittelalter, Walb ist ber Rest bes Naturzustanbes", auch wenn er sich, tausenbfach erneuerte unb verwanbelte unb wenn er auch von Menschen längst gepflegt, ausgerichtet unb in Grenzen gelegt würbe. Ueberbies kommt ihm eine unermeßliche klimatische Bebeutung zu; er, ist Winbschutz unb als Sammler bes Regens ein Mittler zwischen Himmel unb Erbe. Dem Wilb bietet er Obbach, Beeren, Pilze unb Heilkräuter wachsen in seinem Schatten, unb bem Wanberer ist er ein uner- fchöpslicher Lebensguell. In ber vom Menschen bewahrten Walblanbschast finb die Unterschiede des Baumbestandes besonders ausgeprägt. Immer noch ragen mächtige Eichen und Buchen auf wie vor Jahrtausenden, aber neben ihnen stehen Birken. Erlen, Fichten unb Kiefern; Laubwalb unb Nabel- roalb teilen sich in bie Herrschaft. Die Buchenwölber ber Offfeetüfte sind von besonderer Schönheit, die Kiefer steht in den sandigen Ebenen Norddeutschlands, in der brandenburgischen Mark und in der Heide, die Fichten sind im Thüringer Wald, im Harz, im Fichtelgebirge heimisch, die Weißtanne liebt bie Höhen des Schwarzwaldes, des Wasgenwaldes und des Bayerischen Waldes. Jeder dieser Bäume hat seinen Sänger. Hölderlin preist die Eichbäume: „Aber ihr, ihr Herrlichen, steht, wie ein Volk von Titanen, In der zahmeren Welt unb gehört nur euch unb bem Himmel, Der euch nährt’ unb erzog, und der Erde, die euch geboren. Keiner von euch ist noch in der Menschen Schule gegangen, Und ihr drängt euch, fröhlich unb frei, aus kräftiger Wurzel Untereinanber herauf unb ergreift, wie ber Abler bie Beute, Mit gewaltigem Arme ben Raum, unb gegen bie Wolken Ist auch heiter unb groß die sonnige Krone gerichtet. Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen." Von einer Buche erzählt Eduard M ö r i k e: „Rein und glatt, in gediegenem Wuchs erhebt sie sich einzeln, Keiner der Nachbarn rührt ihr an ben (eibenen Schmuck. Rings, soweit sein Gezweig ber stattliche Baum ausbreitet, Grünet ber Rasen, bas Aug still zu erquicken, umher; Gleich nach allen Seiten umzirkt er ben Stamm in ber Mitte; Kunstlos schuf die Natur selber dies liebliche Rund. Zartes Gebüsch umkränzei es erst; hochstämmige Bäume, Folgend in dichtem Gedräng, wehren dem himmlischen Blau. Neben der dunkleren Fülle des Eichbaumes wieget die Birke Ihr jungfräuliches Haupt schüchtern im goldenen Licht." Und alle Bäume bes Walbes finb so von Preisliedern der Dichter um- klungen. Eichendorff singt dem Wald das Abendlied: „Alles geht zu feiner Ruh’, Wald unb Welt versaufen, Schauernb hört der Wandrer zu, Sehnt sich recht nach Hause, Hier in Waldes grüner Klause, Herz, geh endlich auch zur Ruh’!" Die zauberhafte Schönheit des Waldes liegt nicht nur in der Eigenart des einzelnen Baumes; in Gruppen, in geschloffenem Bestand mit bem reichen Wechsel ber Farben unb Lichter, ist das Volk ber Bäume vielleicht von noch gewaltigerer lebenbiger Pracht. Zu allen Jahreszeiten hat ber Walb ein anberes Antlitz; im Frühling flammt er im ijeUen Grün ber jungen, sich entfaltenden Blätter auf, ber Sommer flutet mit feinen Lichtwolken über bas bichte Blätterdach, aus dem der Duft der harzenden Hölzer und blühenden und reifenden Früchte auf« steigt, dann färbt ber Herbst bie Blätter mit feiner reichen Palette, braungelb bie Buche, leuchtend hell bie Birke, dunkelbraun bie Eiche, und endlich nimmt der Winter den Wald in feinen weichen weißen Märchenmantel. Dort ruht der Wald vor neuer Auferstehung wie feit Jahrtausenden, um wieder weit die Bogen seines grünen Zeltes aufzuschlagen, durch die Eichendorffs schönstes Waldlied schallt: „O Täler weit, o Höhen, O schöner, grüner Wald, Du meiner Lust und Wehen Andächt'ger Ansenthaltl" Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. rn. b. H., Berlin. ((Fortsetzung.» „Ja, Wil!" Sie erhob sich rasch. Sie ließen Peter zahlen. Sie liefen unter den tropfenden Bäumen hin. Drüben im Saal waren die Konditoren beim Tanzen. Kat lief dicht neben Wil. „Sagen Sie, Wil: Kennen Sie Johnny Scribles?" fragte Kat nah an feiner Wange, als sie rasch vor Peter hergingen, wobei sich ihre Schultern unb Hänbe berührten. „Scribles? Warten Sie mal, kleine Kat!" sagte Wil leise. „Macht in Theatergeschäften, Konzerten, Tanz — wie Dem Namen nach, Kat. Was ist mit ihm?" „Ach, nicht sehr viel: Er hat an Spilte gefabelt!" sagte sie sroh- lockenb. „Will Sie festmachen, Kat?" Da hätte sie plötzlich schreien und sich Wil ohne verständigen Grund | leidenschaftlich und in einer schmerzhaft-heißen und selig-ungestümen « Wandlung an den Hals werfen mögen. Ich „Nein/ I vor ihm. verbotene Tage im fernen Da ging er. XXII. anders — gar nicht bloß heute auf, Wil? langer, Wil!" schöne, alte Kat! Nein: das, Kat?" .gemalen'. Fällt Ihnen »(; «11(1 •tjo l(b Hm «! i «tli Siir -litt Katarina war nicht am Telephon zu sprechen. Manfred Spilke wurde schwermütig, und die Mama war ungehalten: „Was tust du setzt immer?" — 'Ich übe." — Am Nachmittag lies sie. Es war etwas in ihr, das keine Berührung und Mitteilung wünschte. Es kam eine neue Karte von Julia aus Breslau: Sie würde bestimmt Osten uni« bald Heini. feiern unbo kribbelig." „Scribles geht um..." , Mergern Sie mich nicht auch, Wil! An Scrrbles ist bloß Geyck schuld Er hat im Hintergrund — na, egal! Seien Sie der alte, gemütliche Wil! Wollen wir Julia anrufen? Ein zu teurer Spaß. Da ist übrigens eine Karte von ihr. Sie wird vielleicht doch noch über Sonntag via Berlin nach Rostock zur Silberhochzeit von Vetter Felix Möncke fahren. Ihr Mönckes hängt fest zusammen: das ist hübsch, das ist das Beste im Leben! Familie... Ein Bollwerk vor der Welt. Ein warmes n:ti( bei' Zch geb J Bk e tat [i int an 6t f ■nb 8)1)1 bim 8-i b «in Btt »ri« i! Sehr galant!" „Nein. Nicht bloß heute, Kat. Na, addio!" Er gab ihr die Hand und hielt die schöne, warme Hand. Es gewitterte lächelnd zwischen ihnen, wie unlängst in Treptow. Und im nächsten Augenblick küßte er sie, weil sie lächelte oder über ihn lachte. Küßte sie fest und ziemlich lange auf den Mund. Ein freundschaftlicher Kuß, aber eigentlich zu ernst und ausgiebig. Sehr ernst. Unwahrsechinlich ernst. Es war auch in Rostock ein paarmal geschehen, mehr im Spaß, im Spiel, nicht so wütend. In Park- Avenue —? Nein. Da war der verfluchte Peter. „Verzeihen Sie, Kat! Das mußte mal wieder getan werden. Es gibt eine Geschichte von einem intelligenten Esel, der zwanzig oder dreißig Jabre auf eine Gelegenheit wartete, um seinem Peiniger einen fürchterlichen Hufschlag zu versetzen. Mein Fall liegt ein wenig anders. Das macht nichts." „Auch Sie. Wil —? Das ist schrecklich. Das ist ja Unsinn. Ich kenne —!" „Auch ich, Kat. Schon als täppischer Iungesel. Sehr lächerlich. Weiß der Himmel, woran es lag, Kat. Sind Sie sehr böse?" , „Nein, kleiner, langer Wil. Alte Spießgesellen durch Jutta. Ich werd es Julia schreiben." , „Schön. Also nicht ganz böse? Das ist Kat... Ich werde jetzt ein braver Esel sein und gehn, Katarina." Aber er stand noch da, ohne sich zu rühren: starr, hart, wieder fast wütend geballt. „Wiedersehn, kleiner Wil!" sagte sie leise. ■mii 1 tt •bei »itl $ Er stand auf. Blieb „Wiedersehn, kleiner, „Wiedersehn, liebe, alt... Wie machen Sie „Alles echt. Nichts Verfügung, kleine Till." „Danke dir, Dag!" _ , Dagobert war fertig mit Aufräumen, blank wie ein Smon leim Ecke Er wusch sich in einem ungeheuren Seifenschaumberg bie S)anor Da kam auch Bardy Pick vorüber. „Noch hier, Dagobert? Schrecks tÜff),*Sie müssen nach der Laube, Bardn? Till sagte es eben." , „Mutter hat ihren Drücker liegenlassen. Ich fahre mich hinunter. „Ich komme mit, Barby. Ich brauche ein paar Mollen frische tun- Darf ich mitkommen?" „Natürlich dürfen Sie, Dag!" sagte sie, und die braunen Augcr rourben hellbraun. Sehr nerftänbig blickende Augen. Es war schon herbstlich draußen: riesige Sonnenblumen bluijtcm und die warme Luft war leicht angedämmert ... Sie gingen den schmalen Weg zwischen Sträuchern und Beeten M sie konnten gerade nebeneinander aehen. Die Erde roch stark unb ™ Da lag ber vergeßene Schlüssel auf dem Veranbatisch; auch ein mit Pflaumen sollte babei gleich mitgenommen werben. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag; Vrühl'jche Univerjitäts-Vuch. und Steinbruckerei. R. Lange, Gieb-«- Also ich werbe gehen. Schade, Kat! Was ist los mit Ihnen? Sie ■ ■ " " " -> Mädel, Kat. Nicht grabe eine stürmische Glocke. „Karte von Onko!" sagte Till bieser roebelte bamit in ber Luft. Dag nahm mit spitzen Fingern bie Karte. „Kommt also bas Papachen? Nett von ihm! Dann werben wir hohe Feste uns ben Mund wischen. Meine Brust zum Ausweinen steht dir zm Mürbe es Ihnen fehlen, kleine Kat? Das wußte ich! Es wird be^1 SHU!"“‘geboHie will) unb hängte sich an feinen Arm, ganz nahe unb" schwer, mit einem stürmischen, Zitternden Druck — undspurte wieder bis ins eigene Blut eine heiße Erschütterung in fernem 2lrmi unb an seiner westenlosen schlanken Brust, wie damals im Rostocker ©arten. Wil Wen auch jetzt stumm zu lachen. Nein - er war unwahrscheinlich bleich. Ohne jeden Spott. Der Treptower Park dampfte im Regen, aber schon hinter dem Ringbahnhos ließ der Regen nach. Die Uhr zeigte halb acht. Peter machte neue9 Vorschläge, aber Katarina, die jetzt heiter war, dankte herzlich, sie müsse Briefe schreiben unb anberes mehr. Auch bte Mama —? Nein, bie Mama war nicht baheim. Peter bebauerte; Wil freute sich. Er gedachte, da sich der Meist er- komponist nicht mehr lohnen würde, sich mit den Herren der Union- Dreß zu treffen, bei ber er brübcn, nach ber schauerlich schweren ersten -Seit Anschluß unb Aufstieg gefunben hatte, famose Jungen in seinem Alter Vertreter für Kontinental-Europa, ebenfalls Deutsche unb immer stark besetzt. Heute würben sie zu treffen fein; es war ein großer Senator mit Frau unb Töchtern aus Oklahoma angekommen. „3* muß die Leute gleich mal anrufen. Kann ich es bei Ihnen tun, Äat, wenn wir Sie ausgeladen haben? Ich geh' gleich wieder weg. Fein gedreht und nicht sehr geschwindelt Peter machte einen Mund wie ein englischer Herzog. Er hielt in ber Knesebeckstrahe bie Melone in ber Hand. Er tat Katarina für eine Sekunde leid, aber es war heute genug geschehen; auch Wil sollte bald wieder verschwinden. Ist es wirklich so eilig mit deinem Telephonieren, alter Wil? Sie verabschiedeten sich: „Aus ein andermal, lieber Herr ging sofort ans Telephon. Die Herren seien um zehn im Hotel des Senators. Gut. „Es sollte Ihnen Spaß machen, mitzukommen, Kat. Gescheite Leute. Man könnte nach Scribles fragen; sie kennen leben Jungen brüben dis auf ben letzten Knopf." (Aeheye." „Kann fein. Freue mich immer, wenn ich einen Möncke sehe. Aber in ber Regel liegen zehn Jahre ba,zwischen. Ich bin ein schlechter Kerl." Sie saßen in Katarinas Ecke. Sie goß ihm Wermut ein, woraus er sich nichts machte. Ein guter Ausklang. Eine Uhr schlug. Wil sah hinüber. „Das hat gut geschmeckt, Kat. Ich meine nicht ben Wermut. Ich hatte bie ganze Zeit bas Gefühl, als säßen wir im alten Rostock ober in ber Park-Avenue. Unoeränbert. Auch Kat. — Na, nun muß ich gehn. Sie wollen nicht mit?" stehn. Sie stanb lächelnb vor ihm. zu Felix fahren, sich den Samstag für Berlin abknapsen „Weißt Du, wo mein Vetter Wil steckt?" - „Steckt hier, meine gute Julia! fagte Katarina unb freute sich auf Julia. Nun also — bas war vermutlich wieder das liebe Leben, auf das sie sich verlassen konnte. Sie lief durch die Zimmer. Ordnete an den Mumen, die Glanze! gebracht hatte, las in einem Buch und begriff kein Wort. Sie stand aui unb setzte sich, als warte sie auf etwas ober überlege etwas, an den «SK'Ä n-b-° »°i- - vorwurfsvoll. Es war in der letzten Zeit meist um diese Stunde geschehn, ganz früh ober, wie jetzt, um fünf. Sie sah das blanke Tier eine Weil« an und hob bann langsam ben Hörer ab. Sie fragte tief. „Wer ist bort?" „®il" "3dj habe einige Male angerufen. Ich habe ziemlich oft angerufen.' „Viel zu tun, Wll."„ Nein!" Ihr Herz schlug. Sie beugte sich im Sitzen langsam über ihren Schoß. „Unmöglich!" sagte sie kurz, mit trocknem Munb, unb litt unter einer süßen Betäubung, bie an ihr hochstieg. SiTwüb eben wieder Sie kommt morgen auf dem Weg zu Felix Möncke. Sie fragt, ob Sie noch hier feien, Wil. Wollen Sie sit 6e8Sent)örte seinen Atem. „Wann seh' ich Sie, Kat? Warum darf ich Sie„e?i>a,tf,tneinen besonderen Grund, Wil. Wenn Julia hier ist, wem Sie wollen." „Ich möchte Sie heute sehen, Kat. „Nein, heute geht es nicht, 2öd." Er hatte den Hörer hart in die Gabel gelegt. Da? ist noch sehr viel Zeit bis morgen abend! klagte Katarina unb leate die Handflächen auf den Knien leise zusammen und dachte. Ich bin keine Santta — wozu kein Mensch verpflichtet ist. Es wäre vielleicht 'Vsu"ö7.Ä!° ÄS1« „M- du f«Wl n.10.114 mit .« Rostock?" Kotarinos 2lugen leudjteten und lochten. „Nele, nein, du weißt doch: Das stört, Julia! Ihr seid Familie. „Unsinn, Gug! Als wenn du nicht dazu gehörtest! "Ich gehöre dazu, meine süße, geliebte Julia?" Katarina lächelte und saß sehr still. Rostock — das war das reim Glück unb bie holdeste Vergangenheit voll heißer Gewi er und tolle, Bootsfahrten. Aber Katarina war Ziemlich festentschlossen, nicht mit. nacß Rostock zu fahren — trotz Julia und Wil. Trotz — Wil... Am Montag kehrten Jutta und Wil zurück. Jutta btteb noch bii- zum Abend in Berlin. Sie waren den ganzen Tag (elbbritt Zusammen Wil war still unb nett; fast weich. Sie brachten zusammen Jutta zu, Birnbaum läßt Sie grüßen, Kat", sagte er, als ber Zug endlich, aus der Halle war. ''Ich verrichtete jeden Morgen meine Andacht unter unferm alten Baurn. Er stand, still erschüttert, auf dem alten Fleck. Ich tat bas- gleiche." „Wil —!" sagte sie leise und lächelte. .Werden wir uns wieder so lange nicht sehen. Roll’ Ich weiß es noch nicht. Ich hab' ein wenig Sorge vor einem neuen. — "Eselssußtritf, Wil, bildlich gesprochen", sagte sie ernst. „Auch Angst davor, Rat?" „.Sorge' — sagte ich, Wil." m ,Ich röerbe mit dem rachsüchtigen verblümten Esel sprechen. Ich daM Sie also anrufen, Rat? Liebe Rat... So ist es bestimmt nicht gut unb, richtig. Ich verstehe auch, zu schweigen." Sie schwieg schon jetzt und senkte den Kopf... Aber auch fie freu t, sich darauf. Ihr Herz schlug rasch, wie eine verborgene, verbotene, sind heute wie ein blasses, gefühlvolles Anspielung auf Peter!" . Sie sind wahnsinnig, Wil! Rauchen Sie noch eine Zigarette? Sie haben noch Zeit. Nein, ich möchte nicht mehr ausgehn. Ich bin etwas