Gießener Kmnlienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1934 Sreitag, den 6. Juli Nummer St Oie Sommernacht. Von F r t e d'r t ch G o t t l i e b K l o p st o ck. Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab In die Wälder sich ergießt, und Gerüche Mit den Düften von der Linde In den Kühlungen wehn, So umschatten mich Gedanken an das Grab Der Geliebten, und ich seh in dem Walde Nur es dämmern, und es weht mir Von der Blüte nicht her. Ich genoß einst, o ihr Toten, es mit euchl Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung, Wie verschönt warst von dem Monde Du, o schöne Naturl Unter Tiroler Bauern. Von Karl Heinrich Waggerl. Zu meiner Zeit lernte man in der Schule auf eine seltsame Weise Geographie. Heute noch klingt bisweilen in unruhigen Nachtschlaf die Alptraumfrage hinein: „Wie heißen die Grenzen zwischen den Zentralalpen und nördlichen Kalkalpen?" Im Traum beginnt es sogleich abzuschnurren: Klostertal, Arlberg, Stanzer Tal, Inn, Salzach, Wagrainer Höhe, da bricht es ab. Und heute steht ein hochgewachsener blonder, sonnverbrannter junger Mann vor seinem Besucher und erzählt von den letzten vierzehn Jahren, die er seit seinem späten Kriegsende in Wagrain in Pongau, seinem ständigen Aufenthaltsort, verlebt hat, ganz anderen Dingen hingegeben als der Scheidung zwischen Urgestein und Kalk — ein junger Salzburger Dichter und Erzähler, der in den drei Jahren seines Auftretens die nähere und die weitere deutsche Heimat aufhorchen machte: Karl Heinrich Waggerl. Meine väterliche Familie stammt aus Schwaben und gehörte dem Bergmannsstande an. Als im achtzehnten Jahrhundert die protestantischen Bergleute aus dem Salzburgischen auswandern mußten, zog man katholische aus Schwaben herein und so kamen meine Vorväter ins Gasteiner Tal und gruben nach Gold. Die Ahnen mütterlicherseits waren „Zehentner", also eine Art erzbischöflicher Steuereinnehmer. Mein Vater war Zimmermann beim Bergbau in Badgastein, kam aber schon in die Zeit des starken Rückgangs der Grabungen und mußte zu mancherlei Nebenberufen greifen, zeitweilig betätigte er sich als Bergführer, wie auch ein Onkel von mir Pächter und Wetterbeobachter auf dem Sonnblick war. In diese recht kärglichen Verhältnisse wurde ich 1897 in Badgastein hineingeboren, mußte schon in der Volksschule mitverdienen, wo es ging, und der aufblühende Kurort gab immer wieder Gelegenheiten dazu. Mein Stolz war erfüllt, als ich zwischen meinem achten und zehnten Lebensjahr die Schacht- und Förderkorbfahrten meiner Vorfahren ins Moderne übersetzen konnte: als Liftboy. Mein Schullehrer aber baute mehr auf meine sogenannten geistigen Fähigkeiten und befand sie genügend, um meine Entsendung ins Lehrerseminar nach Salzburg zu rechtfertigen, als ich vierzehn war. Drei Jahre hielt ich's aus, dann meldete ich mich mit siebzehn noch vor Vollendung des Studiums freiwillig zum Kriegsdienst. Das Liftboyleben mußte mir schlecht angeschlagen haben: ich war damals noch so klein und unansehnlich, daß man auf meine Offizierswerdung wenig Gewicht legte und mich nach kurzer Ausbildung ins Feld schickte. Eru als ich acht Monate bei den Sieben Gemeinden gestanden war, hatte ich mir zugleich den Leutnantsrang verdient. Die letzten Kriegstage brachten mich wie so viele in italienische Kriegsgefangenschaft: in Monte Cassino und dann in Amalfi sah ich zwei Jahre in herrlichster Umgebung, aber (bis auf meinen alten Freund Matthias Claudius) vereinsamt und krank. Das Emporschießen zu meiner jetzigen Höhe war meiner Lunge zuviel geworden und als ich 1921 m die Heimat zurückwanderte, nach rasch abgelegtem Examen glücklich Lehrer in Wagrain wurde, mußte ich in Jahresfrist den für mich zu schweren Berus aufgeben und es begannen nun schwere Jahre des riechens, der Entbehrung, des Hungers. Aber trotzdem gab mir die ländliche Abgeschlossenheit, die idealen Gesundheitsverhältnisse des windgeschützt in einer weiten Talmulde gelegenen Wagratn, Skifahrten im Winter und Wanderungen im Sommer die Gesundheit wieder, schriftstellerische Arbeit half mir mein Brot verdienen und so lebe ich mit meiner Frau, meiner treuesten Helferin, in unserem kleinen, ganz außerhalb des Ortes gelegenen Häuschen, einstweilen noch zur Miete, bis ich mir selbst kraft meines väterlichen Zimmermannstalentes mein eigenes Heim bauen kann, pflege meinen Garten, ziehe meine eigenen Kartoffeln und habe, wen ich nicht gerade einen 3tomjm schreiben muß, meine mindestens vierzehn Liebhabereien, vom Häuslichen bis zum Zeichnen, Modellieren und Schnitzen, Anfertigen von Scherenschnitten oder Metallarbeiten. Wagrain, an der einst verkehrsreichen Straße von Salzburg über den Radstädter Tauern nach dem Süden gelegen, ist mit der Bahnentwicklung stark zurückgegangen und zählt heute etwa dreihundert Einwohner. Ich lebe mit und unter den Bauern, sie haben mich, wie mir scheint, ganz gern, ich kenne ihre Sorgen und Nöte, sie wiederum betrachten mein „Kalendergeschichten-Schreiben" mit einiger Scheu, lesen aber auch bisweilen meine Bücher, sind gar nicht ungehalten, wenn der eine oder andere sich darin wiederzufinden glaubt, und eine Bauersfrau dankte mir mit tiefer Rührung für eine meiner Erzählungen, weil ich ganz unabsichtlich das nicht schwer zu erfindende Motiv darin verwendet hatte, daß eine Bäuerin im Gebetbuch eine Locke ihres verstorbenen Kindes mit sich trug, es war auch ihre Gepflogenheit (eit Jahren. Allerdings mit meiner ersten Veröffentlichung ging es mir schlechter. Und dabei war ich so unschuldig. Ich fing eigentlich ziemlich spät mit dem Schreiben und Dichten an. Ein phantasievolles Kind war ich vielleicht, zumindest nach meinen Streichen zu schließen. Im kleinen David meines „Jahr des Herrn" ist einiges von dieser Zeit festgehalten. Literarische Jugendsünden gab's wohl auch, aber wirkliches inneres Gestalten begann erst in der Kriegsgefangenschaft, aus Einsamkeit und Heimweh heraus. Aber auch da wurde nichts Rechtes ausgezeichnet. Und erst in den beruflosen Krankheitsjahren der Nachkriegszeit setzte ein völlig absichls- und zweckloses Schreiben ein, ohne Ehrgeiz und Erwerbsabsicht. Freunde brachten meine ersten Skizzen ober Erzählungen in der „Deutschen Rundschau" und der Münchener „Jugend" unter und die „Rundschau" verhalf mir denn auch 1927 zu meinem ersten Druck, der Erzählung „Die Entfesselten", die mir — in ganz mysteriöser Weise — die unverschuldete Peinlichkeit brachte, deren ich oben gedacht habe. Das kam so: Zu meinem todkranken Vater war ich nach Badgastein gereist und dort stieg mir, ganz unbewußt, die Vision jener Erzählung auf: Vierzehn Holzknechte, die aus tiefstem Frieden in grauenhaften Streit geraten, ausbrechen wie Amokläufer und förmlich das Dorf vernichten. Die Erzählung wurde, wie gesagt, in der Deutschen Rundschau gedruckt — noch während meines Aufenthaltes in Gastein. Ich komme von dort nach Hause zurück — wenige Tage nachher trägt sich im Dorfe eine schreckliche Geschichte zu: vierzehn Holzknechte geraten in Streit, brechen aus und so weiter — kurz, meine Geschichte in der Wirklichkeit! Sogar bas Haus, bas ich beschrieben hatte, stimmte in Aeußerlichkeiten überein. Aber jetzt kommt bas Peinliche: ein Salzburger Blatt hatte meine Erzählung zum Nachbruck angenommen unb sie erschien jetzt — nach ben realen „Vorfallenheilen". Natürlich glaubte alles, ohne jenen ersten Druck zu kennen, ich hätte bie Wirklichkeit kopiert, unb ba sie für ben Ort nicht sehr auszeichnenb war, richtete sich aller Groll gegen mich unb ich mußte gerabeju für einige Zeit mein liebes Wagrain meiben. Wie es bann weiterging mit ber Schriftstelleret? Nun, biese wenigen gedruckten Skizzen kamen durch Freunde dem Professor K i p p e n b e r g vom Insel-Verlag zu Gesicht. Eines schönen Tages erscheint bet mir der Postbote and zählt mir Krankem, Ziellosem, Verzweifelten ohne eine Zeile bisheriger Gegenleistungen den Wert von fünfhundert Mark auf ben Tisch. „Vom Insel-Verlag" sagt er unb verschwinbet. In bie,en Zeiten war in bewußter Anlehnung an Knut Hamsun unb seinen „Hunger" mein Erstlingswerk „Brot" entstauben. Als literarische Stubte zunächst unb als Hebertragung bes norbischen Schicksals in mein so ähnliches süblicheres. Natürlich war an ben Druck niemals gebucht, niemals zu benten — ich warnte den Verlag, er druckte das Buch und es war mein erster Erfolg, hält heute beim siebzehnten Taufend. Ich habe darin versucht, das männliche Prinzip zum Ausdruck zu bringen, ben Mann, ber immer roieber von vorn anfangen muß, alte Schulb löscht unb sich burchrtngt, bis bie Erbe ihm „Brot" gibt. Es ist bies Simon, ber Etnöber, ber schließlich ben Steg baoonträgt über ben spekulativen Dorfmüller, ber mit feinen Beglückungsplänen (er hat eine Heilquelle entbedt) unterliegt. Natürlich will ich damit nicht sagen, daß es heute ohne Maschinen geht. Aber die Maschine ist für den Menschen ba, nicht ber Mensch für bie Maschine. Habe ich in „Brot" zu lernen begonnen, wie man ben Faben einer Komposition sesthält, so habe ich in meinem nächsten Werk „Schweres Blut" diese mühsam genug gehandhabte Technik wieder verlassen zugunsten einer eher losen Aneinanderreihung von — sagen wir Legenden. Ich meine damit Erzählungen, wie ich sie von meiner Mutter hörte oder rote sie heute noch im Volk in meiner Umgebung umgehen „Das Mädchen, das sein Herz vergraben hat", heißt zum Beispiel die eine, „Jager Gundermann und Jungser Tausendschön" eine andere. Man konnte sie auch Märchen nennen, doch nicht m der Art der Bruder Grimm, sondern sie besitzen stets einen realen Untergrund, am richtigsten hießen sie vielleicht drum auch - reale Märchen. Aber mein letzter Roman „Das Jahr des Herrn", worin ich das religiöse Prinzip darstellte und zugleich meinen kleinen Helden „David" entwickle, ist mein erstes wirklich bewußt erarbeitetes Buch. Ob es mein nächstes ebenso sein wird? Ich mochte es „Fruchtbarkeit" nennen und darin (wenn man will, als Gegenstück zu "Brot") das weibliche Prinzip verkörpern: von der Erde bis zur Frau. Aber damit hat es noch ein paar gute Jahre Zeit. Schreiben ist schwer, ist eine Oual, die Monate der ersten Niederschrift, des völligen Versinkens der übrigen Welt hinter einer fast monomanen Idee, sind ein Martyrium und Papier eine ganz scheußliche Erfindung. Bauern sind und werden wohl für lange ober für immer meine Helden bleiben. Nicht weil ich den literarifchen Ehrgeiz habe, em „Bauerndichter" zu fein, und als solcher etikettiert zu werden, sondern einzig und allein, weil ich unter Bauern lebe, sie am besten kenne und sie mir so die beste Möglichkeit geben, die menschlichen Beziehungen darzustellen. Und daraus scheint es mir anzukommenl Ich bin nichts und mein Talent mag nichts sein. Aber ich besitze es nun einmal und habe somit auch die Verantwortung dafür: die Pflicht, es auszuwerten. ^Anfangs waren seine Einnahmen sehr kärglich, allmählich jedoch- kamen Schüler und Schülerinnen aus den vornehmsten Hausern aber die Lebensfreude Friedemanns war gebrochen. Er muh die tiefere Tragik seines Lebens gespürt haben, die nicht nur in seinem „hartnäckigen und finsteren Charakter" begründet ist, sondern letzten Endes in einer künstlerischen und musikgeschichtlichen Zwitterstellung; dann glaubte er, und vielleicht nicht mit Unrecht, eine „merkwürdige Blut- Mischung" zu haben; oft war es ihm, als werde „ein Sigeuner der Puhta in ihm wach". Seit 1780 kränkelnd, starb er am 1. 3uh bes Jahres 1784 unb würbe brei Tage nachher auf dem Luisenstabt,sehen Friedhof „für arm" begraben. Wenige Jahre barauf starb seine Frau CbCffienn ’griebemann, biefes zerfahrene Genie, im Schatten feines Vaters blieb, so liegt bas nicht an seinem Schaffen, sondern an den gigantischen Massen des einmaligen Johann Sebastian. Wir gedenken seiner nicht, weil er begabter war als seine drei Bruder, sondern weil er als der tiefer Veranlagte mit feinem Dämon heißer hat ringen müssen. jedoch gänzlich verzeichnete Romanfigur durch den Vielschreiber Albert Emil Brachvogel, dessen Roman „Friedemann Bach reißenden Absatz fand zu der Zeit, als Gottfried Kellers verzweifelter Verleger den arökten Teil der (Erftauflage bes „Grünen Heinrich" wegen „gänzlicher größten Teil ber (Erftauflage bes „Grünen Heinrich wegen „ganztuyer n«„™ 8,1.0— B-ch Im 3abre N64 seinen Abschied unb lebte seitbem ohne feste Stellung ab» wechselnd in Leipzig, Braunschweig unb Göttingen. Im Mai 1774 tauchte er in Berlin auf, wo er ein Orgelkonzert gab. Die Berlinischen Nachrichten brachten solgenbe Kritik: „Vergangenen Sonntag hat sich Herr Wilhelm Friebemann Bach, einer ber größten Orgelspieler Deutschlands, vormittags in der St. Nicolai- unb nachmittags in ber St. Marienkirche öffentlich unb mit auszeichnenbem Beifall ber Kenner unb bes Publikums hören lassen. Alles, was bie Empfindung berauscht Neuheit der (Bebauten, frappante Ausweichungen, biffonierenbe Satze die endlich in einer Graunischen Harmonie starben — Force, Delikatesse, kurz dieses alles vereinigte sich unter Öen Fingern dieses Meisters: Deuben und Schmerzen in bie Seelen seiner feinem Versammlung uberzutragen. War es möglich gewesen, ben roürbigen Sohn eines Sebastians zu ver- ©er „Hallesche Bach '. Von Hans Sturm. Die Vorfahren ber Musikerfamilie Bach stammen aus ben fruchtbaren Donautälern um Preßburg. Diese bliihenbe Stabt war bie Residenz bes mächtigen Erzbischofs von Gran, war Freistabt unb Krönungsstadt der böhmischen Könige, als der Ahnherr Vitus Bach sie verließ, donau- aufwärts wanderte und sich — es war um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts — nach vielen mühseligen Wanderfahrten in Wechmar bet Gotha niederließ, ein Weißbäcker feines Zeichens. Von ihm heißt es in einem alten, handschriftlich erhaltenen Stammbaum: „Er hat sein meistes Vergnügen an einem .Cythringen', also an einer Zither oder Laute gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen und unter wahrendem Mahlen darauf gespielt. Es muß doch hübsch zusammengeklun- gen haben! Wiewohl er doch dabei den Takt sich hat imprimieren lernen. Und dieses ist gleichsam der Anfang zur Musik bei feinen Nachkommen oetüclcn “ Die nächsten Nachkommen des Vitus Bach sind tüchtige Handwerker, nebenher aber auch musikalisch begabt und tätig. Merkwürdig ist es, daß drei Generationen später ein Hoforgelspieler in der Familie auftaucht, der gleichzeitig ein begehrter Hofbildnismaler war. Die vielen musikalischen Begabungen dieser Familie hat man schon früher zu erklären versucht mit der Tatsache, bah viele Bachs Töchter von Gerne,ndeorgel- spielern ober Stabtpseifern heirateten. Daß bie tonkünstlerische Veranlagung wirklich bas Merkmal ber Familie war, sollte bie vierte Generation beweisen, beren bebeutenbfter Vertreter ber Hof- unb Städtische Musikus Johann Ambrosius Bach gewesen ist unb ber „Eisenacher" Bach genannt würbe zum Unterschiebe von bem „Arnstabter Bach, feinem ihm außerorbentlich ähnlichen Zwillingsbruber Johann C h r i st o p h. Von biesen beiben berichtet ber Stammbaum: „Diese Zwillinge stnb vielleicht von biefer Art die einzigen, die man weiß. Sie liebten sich aufs äußerste. Sie sahen einander so ähnlich, daß sogar ihre Frauen sie nicht unterscheiden konnten. Sie waren ein Wunder für große (gelehrte) Herren unb für jebermann, ber sie sah. Sprache, Gesinnung, alles war einerlei. Auch in ber Musik waren sie nicht zu unter- scheiben, sie spielten einerlei, sie buchten ihren Vortrag einerlei, war einer krank, so war es auch ber anbere. Kurz, sie starben halb hintereinanber. Des „Eisenachers" Johann Ambrosius Sohn ist ber geniale Johann Sebastian Bach, einer ber größten Tonmeister aller Zeiten, von bem ein Beethoven sagte, er „müsse eigentlich ,Steer' heißen". Der Stammbaum erwähnt sechs Söhne Johann Sebastians, von benen vier weit über bas Durchschnittsmaß sich als Virtuosen unb Komponisten betätigt haben: Karl Philipp (Emanuel, ber „Berliner" ober „Hamburger", I o h a n n E h r i st o p h F r i e d r i ch, ber „Bückeburger , Johann Christian, ber „Mailänber", ober „ßonboner unb schließlich der älteste und begabteste, Wilhelm Friedemann, der „Hallesche Bach". Im stillen Weimar wurde er am 22. November 1710 geboren unb als Erstling von Mutter unb Vater verhätschelt. Er kam bereits als Drei» unbzwonzigjähriger als wohlbestallter Organist nach Dresben an die altehrwürdige Sophienkirche. Hier amtierte er dreizehn Jahre und schrieb seine ersten Kirchenmusiken; 1747 ging er in gleicher Eigenschaft nach Halle, wo er einen eigenen Hausstand begründete und bis zum Jahre 1764 blieb. In dieser Zeit entstanden einige seiner nicht gerade zahlreichen Kompositionen, zum Beispiel die Phantasien für Orgel und Klavier, eine große Symphonie für Orchester, mehrere Konzerte für Klavier unb einige Sonaten. Schon bie Zeitgenossen lobten bie wirkliche (Eigenart dieser Musikdichtungen", die geschickte Gegenüberstellung unb Verarbeitung ber einzelnen Themen unb vor allem bie roarminnige Ausdrucksweife. In helle Begeisterung gerieten bie Zuhörer, wenn Friebemann selbst auf ber Orgelbank saß. Im Mai bes Jahres 1747 nahm ihn sein Baker mit nach Potsbam, wo ber große Thomaskankor bie Silber- mannschen Flügel prüfte unb über ein von Friebrich bem Großen an- gebeutetes Thema improvisierte; am anberen Tage spielte Johann Sebastian in ber Poisbamer Heiligengeist-Kirche unb forberte Friebemann auf, auch ein wenig zu improvisieren; ber aber meinte, bas sei so, als wenn ein Sohn gegen seinen Vater ben Stock hebe. Seltsam ist es, baß Wilhelm Friedemann Bach nicht mit seinen auch heute noch von Kennern geschätzten Werken auf die Nachwelt gekommen ist, sondern lediglich als sentimental und sensationell aufgedonnerte, Badereisen in aller Zeil. Don Dr. Valerian Tornius. Der arbeitende Men ch hat das unabweisbare Bedürfnis, zum mindesten einmal im Jahr ich aus dem Umkreis feiner Tätigkeit loszulosen, frei von allen Berufspflichten in der Natur sich zu erholen und dabei Kräfte für neues Schaf en zu sammeln. Das Reisen ist aber nicht nur eine Auffrischung des Körpers, sondern auch ein hygienisches Mittel der Seele Man wird finden, daß die Menschen, wenn sie aus ihren Ferien wiederkehren, viel lebendiger, gehaltvoller und gesprächiger sind als vorher. Die Nerven haben sich erholt und die große Mannigfaltigkeit der Eindrücke wirkt anregend auf Gemüt und Geist. Wir befinden uns beim Reifen gewissermaßen in der Sage eines Sammlers, der alles, was er mit Augen und Ohren vernimmt, in seinem Hirn aufspeichert, um bann baheim aus ber Schatzkammer ber gesammelten Einbrucke zu schöpfen unb bie Erinnerungen fruchtbar für Beruf unb Leben zu verwerten. Denn bas ist ber tiefe Sinn jeber Reise, baß sie unsere Bilbung vertiefe Niemanb hat bas besser erkannt unb banach gehanbelt als Goethe. Mehr als Bücher unb Wissenschaften hat ihn, biesen aufnahmefähigsten Menschen, bie Kenntnis frcmber Gegenben unb ihrer Bewohner gebilbet. . Das Reisen ist eigentlich erst in ber zweiten Halste bes 18. Jahr- hunberts Mobe geworben. Doch nur ablige unb wohlhabenbe Bürger konnten sich ber Kostspieligkeit wegen biesen Luxus erlauben. Söhne aus begüterten Häusern machten, bevor sie ihre Rolle in ber Welt zu spielen begannen, immer erst eine Reise, bie meist bie Bebeutung einer Bilbungsreise hatte, weswegen auch ber in Sprachen, Sitten, Wissen- schäften unb Kunst wohlbewanberte Hofmeister nie als Begleiter bes jungen Herren fehlen burfte. Denn für einen angehenben Oranbfeigneur galt ber Grunbfatz: die Grammatik ist die Welt. Man denke nur wie Goethes Vater sich sorgfältig für feine Jtalienreise vorbereitet, wie er alles was er beobachtet unb hört, peinlich aufzeichnet unb wie dieses Tagebuch ihm ein unentbehrliches Nachschlagewerk bis in sein hohes Alter wird Nun verweilte man damals auch viel länger an den verschiedenen Orten, knüpste Bekanntschaften mit bedeutenden Persönlichkeiten an, erfreute sich an ihrer belehrenden Unterhaltung und gewann fo eine Menge Anregungen und Kenntnisse. Jeden, der nur irgendwie Sinn für das (Erlebte hätte, drängte es natürlich an seinem neugewonnenen geistigen Besitztum gute Freunde daheim Anteil nehmen zu lassen. Und so führt jeder fein „Reisejournal", aus dem er selbst unb anbere später Nutzen ziehen sollen Ehe biefe Dergnügungs- unb Bilbungsreisen eine Modeeinrichtung wurden qnb es schon Reisen zum Kurgebrauch. Das Mittelalter kannte bereits Mineralbäder, die gegen Krankheiten und Seuchen Anwendung fanden. Manche von ihnen, wie Aachen und Wiesbaden, reichen in ihrer Entstehung sogar bis in die Römerzeit zurück Man unterscheidet im Mittelalter streng zwischen Heilbrunnen, die von Kranken aufgesucht wurden und sogenannten Jungbrunnen, die die Eigenschaften besaßen, Häßliche schön und Alte jung zu machen. Die Jungbrunnen, von denen die Sagen und Dichtungen der Ritterromantik soviel zu erzählen wissen, spielen damals ungefähr die gleiche Rolle, wie das alchimistische Schönheitselirier in der galanten Zeit. Im späteren Mittel- alter fiel die strenge Scheidung zwischen Jung- und Heilbrunnen fort; das Mineralbad umfaßte beides, lieber das Leben unb Treiben In ben alten Bcibern besitzen wir einige brastische und ergötzliche Berichte, die uns zeigen, daß man es mit der Moral hier nicht sehr genau nahm. Beide Geschlechter badeten gemeinsam, allerdings durch Scheidewände n die Erwetterunqsplane für die 'ckiekiamezeii- mit denen Tills Leben und Verdienst wachsen Der Balkon war dunkel; in der Bibliothek dahinter war Lnhi. Auch bei Gärtner Glänzel an der Hinterpforte de? tiefen Gartens schimmerte ein lockendes Blinkfeuer zwischen schaukelnden Büschen und Zweigen. Glänzel kroch mit den Hühnern in die Posen. Arme Frau... Ein dunkler Deibel I Wenn Lina nicht überall wie'n Echnapprude aufpahte? Heye! — Klüter schloß seine moralischen Betrachtungen und seinen Rundgang und verschwand, unter triefendem Schirm, wieder in seinem herrschaftlichen Souterrain. Er wollte jetzt im Trocknen eine Zigarre rauchen ein paar Flaschen Böhmisches trinken und die unheimlich spannenden Scha- kale der Großstadt zu Ende lesen, ein Labsal für fein schreckhaftes Herz. SmesfCroarngan3e dunkeh und der Regen rauschte stark. Da pochte eine mittelgroße Gestalt, die den Kragen des Gummimantels hochgeklappt und den nassen Hut in die Stirn gezogen hatte, an ein Fenster des ^"Frar?Mänzel, die an etwas Hübschem stichelte, horchte mit brombeer» blanken Augen und ging ans Fenster. Wer denn noch? frag e sie. Der Fremde gab bloß murmelnde Antwort als halte er -'n Selbst gespräch, und schlüpfte, finster dankend, durch die Tur, die Ziska Glanze! geöffnet hatte. Die Gestalt verschwand rasch tm Garten, und Zfska Glänzel starrte ihr mit weißem Gesicht nach. Es war vorhin schon einer hier durchgekommen, mit einer zarten und schassen Stimme, mit bren- nenden Augen im fahlen Gesicht, höflich und frech dicht vor ihren Augen sie kannte ihn von ein paarmal Sehen und von dem engen Gefühl Ein" mer"kwürhig^später^ Verkehr durch das stille Gärtnerhaus! Ihr Alter schnarchte in der Kammer. Auch Finke oben hatte sich aufs Ohr gelegt; scharfe, lange Tour heute Ach, die Alten! Die Jungen waren ihr lieber. Drüben im Haus war Besuch wie Imke erzählt batte Sa tarina. Gute Zeit zum Einschleichen ... Sie reckte Im Garten knirschte der Kies kaum vernehmlich in dem starken er ungern, ’2ll]0 eine ziüienrung r jjeriei tag nuu; ajcmycv. pladderte es: eine rauschende Begleitmusik zu ihrem Pfeifen.-- Eben war Klüter noch einmal unter dem strömenden Wolkenhimmel ums Haus geschlichen. Der Wächter begann erst nach halb elf seine Runden. Klüter sicherte das Haus, zog die Zugbrücken hoch, richtete die Pechpfannen und Flammenwerfer gegen die Raubgude der Stadt. Jrn übrigen hatte er bloß noch „Bereitschaftsdienst", bis die Gnädige ab« führe Sie schien noch nicht dran zu denken? Klüter schnalzte wie ein Paukentremolo endete.-- Auch in Tills Himmelsbude im Seitenflügel war es hell. Sie war vorhin im Regenmantel durch den Garten gehuscht und hatte auf dem Balkon Stimmen gehört, Licht gesehen. Besuch —? Besuch... Sie hatte das Kinn gehoben und die Mundwinkel gesenkt. So war sie rasch durch die kleine Kellerpforte ins Haus geschlüpft, hinter der eine eiferne Wendeltreppe nach ihrer Mansarde führte. Jetzt stand sie unter der großen Pendellampe, über aufgespannte Blätter gebeugt. Das weiche blonde Haar fiel ihr in die Stirn; sie warf es zurück. Hantierte kräftig mit Kohle und Wischer; dicke Motten stießen gegen den gelben Pappschirm und sielen herab Sie versuchte und entwarf etwas, das eine scharfe Wendung in ihr Leben bringen konnte. Uebrigens eine Idee des einfallreichen Rikodem Glod... Er hatte ihr mit feiner raschen, nervösen Phantasie gut bezahlte Möglichkeiten vorgezaubert, so daß sie seit etlichen Abenden Hals über Kops hierherstürzte, denn die Erweiterunaspläne für die Reklamezeitschrift der „Vegumag", mit denen Tills Leben und Verdienst wachsen sollten waren wieder ins Stocken geraten, trotz Brosses Wohlwollen. Ein fabelhaft wendiger Mensch, dieser Glod! Mischung von Genie- knaben und herrisch-zartem Liebling, in mancher Hinsicht zu sehr ... Danke, mein Herr, für geneigtes Interesse! So mitteilsam und rührselig ist On'kos Wahlnichte schon lange nicht mehr! — Von Katarina sprach ungern. Also eine Ablenkung? Derlei lag ihr noch weniger. Draußen idderte es: eine rauschende Begleitmusik zu ihrem Pfeifen.-- Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H„ Berlin. (Fortsetzung.! Die hohe Frau blickte fragend auf. Da machte er eine weite, befreiende, fast gewaltsame Armbewegung. Jeder Entschluß liegt beim Mann. Dieses festlich reife, in der bunten, zarten Maskenhülle schmale, wunderbare Wesen! Einmal mußte die Frage klipp und klar gestellt werden; darum herumgedreht war genug. Eine sehr einfache Frage... Sie waren keine Kinder oder sentimentale Schwärmer; waren reife, unabhängige Menschen. Sie: eine lebenskundige, temperamentvolle Frau, die — hm — mancherlei erlebt hatte... Ach, was — eine unzerstörbar neue Frau, wie ihre täglich sich erneuernde Haut!" „Wir sollten eine weite Reise machen, Katarinal" sagte er kurz. Sie legte die Zigarette weg und richtete die Augen langsam aus ihn. Er sah förmlich verschönt aus in seiner Erregung, trotz seiner in Weiß noch wuchtigeren Erscheinung. Sie hatte ihn längst ernsthaft gern mit ihrer entzündlichen, starken Phantasie, die mühelos und heftig im Augenblick lebte; liebte den großen, starken, besonderen Mann da drüben auch mit den Sinnen, feine zart und zärtlich und stürmisch bergende Verwöhnung ... Dann stand sie lautlos auf, als fei nichts Bemerkenswertes gesprochen worden. Eine Hoffnung stürzte über ihn hin, wie ein Schwindel. Sie ging schon, mit engen, kleinen Schritten in der zarten, festen Umhüllung, hinein. Sie trat an den großen Apparat und suchte. „Bitte, Platz zu nehmen, mein Herr! Machen mir eine kleine weite Reise, Freund Lu! Das ist Rom... Hörnermusik — nein: zu lärmend." Danach bekam sie Holland: frische, herbe Seeluft. Sie nickte, nahm, schlicht ergriffen, die Hände im Schoß, Platz und schaute ihn undurchdringlich an. Er blies starke Wolken in die Luft und lauschte mit schlecht gesammelter Seele einer leidenschaftlichen, süßen Frauenstimme, die in einem getrennt, in denen kleine Fenster angebracht waren, durch die man sich sehen, sprechen und berühren konnte. Auf den umlaufenden Galerien wandelten ungeniert Mannsleute und schauten den badenden Nymphen S. In dem Bad selbst speiste man an einem Tische, der auf dem Wasser wamm. Zuweilen vereinigte sich mit diesem leiblichen Genuß noch ein Ohrenschmaus, bargeboten durch eine konzertierende Damenkapelle. Stundenlang blieb man oft in dem warmen Wasser. Kein Wunder, daß durch den anhaltenden thermischen und chemischen Reiz eine Hautentzündung entstand, die man Badeausschlag nannte. Man sah darin einen Genesungsvorgang und setzte alles daran, durch unausgesetztes Training ihn so schnell wie möglich herbeizuführen. Während im Mittelalter die Kuren noch möglichst in der Nähe des Wohnortes oorgenommen wurden, scheute man im 16. und 17. Jahrhundert auch den Besuch entlegener Bäder nicht. Namentlich Frauen reiften gern. Es heißt darum nicht mit Unrecht in einem Sprüchlein, das unter einem alten Kupferstich prangt: „Der Mann schafft Tag und Nacht, badet in feinem Schweiß, Alles die Frau verzehrt in ihrem Bad mit Fleiß." Der steigende Besuch der Bäder veranlaßte die Vervollkommnung der hygienischen Einrichtungen. Größere Badeorte hielten sich einen ständigen Arzt, in kleineren waren Bader und Schröpser gewöhnlich die Ratgeber der Badegäste. Ganz wohlhabende Patienten brachten sogar ihren eigenen Arzt mit. Es geschah auch schon damals, daß der Rus der Bäder wechselte. Wurde irgendwo ein Wunderbrunnen entdeckt, von dem es hieß. Blinde, Taube, Lahme, Gichtbrüchige seien von ihm geheilt worden, so ergoß sich der ganze Strom der Genesung Suchenden nach dem betressenden Ort. Im Jahre 1556 wurde beispielsweise Pyrmont als besonders wunderkräftig gepriesen und es sollen im Lause von vier Wochen sich dort 10 000 Menschen zur Kur eingesunden haben, die überall In den umliegenden Dörfern Wohnung nahmen. Hornhausen, Bielefeld, Rastenberg im Thüringischen, Weihenzell bei Ansbach genossen alle eine Zeitlang den Rus eines Wunderbrunnens. Im 18. Jahrhundert machte sich insofern eine Aenderung bemerkbar, als die Trinkkuren jetzt zu überwiegen begannen. Darum wurden Orte wie Karlsbad, Marienbad, Pyrmont, Lauchstädt beliebt. Jetzt trat aber auch der Zeitpunkt ein, wo man die Bäder nicht bloß um ihrer heilkräftigen Wirkung willen aufsuchte, sondern um sich überhaupt zu erholen und zu zerstreuen. Einzelne Bader, wie z. B. Lauchstädt, wurden Treffpunkte der Gesellschaft. In den Kurpromenaden wandelte, an strenge Etikettevorschriften gebunden, die vornehme Welt, und abends zerstreute man sich bei Lchornbre, Musik, Tanz ober Theater. Kurzum bas Treiben war in seinem Maßstabe natürlich viel anders wie heute, nur daß die Stände sich strenger voneinander absonderten. So muhte das Bürgertum von den Belustigungen des Adels, falls es nicht zur Oeifteselite gehörte, sich fernhalten. Folgende ergötzliche Anekdote illustriert diese ständische Abgeschlossenheit Ein kurländischer Gras besuchte mit einem bürgerlichen Begleiter in Lauchstädt einen Ball. Der Begleiter forderte eine Dame zu einer Ecossaise auf. Während des Tanzes fragte sie ihn nach feinem Namen. Mickwitz", erwiderte er. — „Baron Mickwitz wohl?" fragte fie. „’Rein, bloß Mickwitz", lautete die Antwort. — „Also kein Baron? Oh, verzeihen Sie mir. Meine Mutter hat mir nur zu tanzen gestattet, wenn mein Tänzer wenigstens ein Baron ist." Mickwitz trat ab und erzählte den Vorfall seinem Landsmann. Dieser nahm sofort, um dem Freunde Genugtuung zu verschaffen, die Baronesse aufs Korn und engagierte fie zum nächsten Menuett. Sie waren kaum zum Tanz angetreten, als ber Graf seine hübsche Partnerin nach ihrem Namen fragte. „Baronesse N N." „Komtesse wollten Sie wohl sagen?" „’Rein, Baronesse.' „O Der« zeihen Sie, mein Vater erlaubt mir nur mit Gräfinnen zu tanzen. Sagte es unb ließ bie Dame stehen. Als internationaler Kurort zur klassischen Zeit galt Karlsbab, wie Überhaupt die böhmischen Bäder schon damals eine starke Anziehungskraft ausübten. Karlsbad war der Treffpunkt ber großen Welt Dorthin tarnen aber nicht nur regierende Fürsten und Aristokraten mit klingenden Namen, sondern auch Prominente der Wissenschaft und Kunst. Da entfaltete sich am Brunnen und in den Kursälen ein glanzendes Leben. Auch für Goethe war Karlsbad ein beliebter Kuraufenthalt. Dreizehnmai weilte er hier zur Kur und jedesmal kehrte er erfrischt nach Weimar zurück. Oft bewegte er sich hier unter den schönen Damen und sah sich gern von ihnen umschwärmt. Solcher diskrete Flirt, der dann meist mit der Eintragung einiger sinniger Verse in das Stammbuch der reizenden Verehrerin endete, besagte dem für Herzenswirrungen stets empfänglichen Dichter. „Eine kleine Liebschaft ist das einzige, was uns einen Badeaufenthalt erträglich machen kann", sagte: er; „fonft stirbt man vor Langweile. Auch war ich fast jedesmal fo glücklich — irgendeine kl^ne Wahlverwandtschaft zu finden, die mir während der wenigen Wochen eine Unterhaltung gab." Abe>- alle jene Bäder, zu denen man früher wallfahrte, waren doch nur einer kleinen Schicht ber Menschheit zugänglich. Solange man noch in eigenem Wagen ober in ber Postkutsche reifen wußte^ konnten sich eine solche Badereise doch nur Begüterte leisten. Erst Eisenbahn und Dampfschiff haben das Reisen volkstümlich gemacht. Die Lust, fremde Orte kennenzulernen, der uralte Wandertrieb, in die Ferne hiuaus- zuschweilen, bemächtigte sich der Seele eines leben Deutschen ohne Unterschied seiner Stellung im Leben. Hunderttausende suchen in lebem Jahr dieses Sehnen zu stillen und sei es auch nur m 5orm_ einer bescheidenen Badereise, lediglich von dem Wunsch nach Abwechslung und Erholung geleitet Zwar ist das Posthorn verstummt und damit auch viel romantische Poesie gestorben. Aber das Dampfroß hat dafür einen neuen Zauber des Reifens erschlossen. Die Entfernungen haben sich ver- kürzt und mancher, der früher mit der Post nur eine Tagereise we fuhr, kann heute in der gleichen Zeit Lander durcheilen. Die Möglichkeit einer breiteren Kenntnis ber Welt ist jedem geboten. Schildhorn? Ach, es oergeffen. Ich vielmals — —" Irrsinnig! Er daraus durch die landet ... Sei kein Esel! hatte sich ernüchtert wieder hingesetzt und war bald Straßen gelaufen und schließlich im Tiergarten ge- rung zwingende Dame, das Tillchen, wie — wie-- Da knisterte es zum drittenmal auf dem Weg. Er fuhr mit einem Fluch herum. Noch einer verhext und verrückt? Er hielt den Atem an. „Wer da?!" rief er rauh. Der Wächter? Klüter? Finke? Eine schmale Männergestalt, ebenfalls im Regenmantel, zeichnete sich breit von einem Busch ab. Er wurde ruhig und heiter, und eine spitze Flamme schnitt durch sein Herz. Was wollte dieser mißtönende Herr und Dschingis-Khan hier? Till oder — Katarina? Da glitt wieder der glühende Bolzen durch feinen Leib. Er wünschte es ein bißchen zu wissen! Till? Oho! Oder —? Ebenfalls rasende Pein und Abwehr um die andre?! Verdammter Spitz! Versluchte Töle! Fiffi kläffte mit wachsender Inbrunst im nahen Kellergeschoß. „Guten Abend, Herr Doktor Hasselbrinc! Freue mich sehr, Sie zu sehen! Kein angenehmes Wetter!" sagte eine, zarte und scharfe Knabenstimme, eine eigenwillige und belustigte Stimme. Das Gespenst grüßte anmutig und kam, ohne Eile, von seinem feuchten Platz herüber ... Herr Klüter las mit gesträubten Körperhaaren die Schlußseite des 91. Bandes der weltberühmten Edgar-Trickknatsch-Serie: „Schakale der Großstadt". Fisfis Gekläff störte ihn bloß von weitem in seiner Versunkenheit. „Ruhig!" gebot Klüter männlich-tief, in der Leidenschaft des Lesens, und trank den bittern Rest der dritten Bierflasche aus. Er hatte schweigend dageseffen, dann am offenen, frischen Fenster gestanden — neben einem Telephon: „Hier Diez Hasselbrink. Bitte, die gnädige — Frau Klawinke? Bitte um Entschuldigung wegen der vorgerückten Stunde! Ich — ich habe Karten für die Reuyorker Jazzkapelle, die erst um zehn auftritt. Würde mich freuen ... Bitte —? ...... ~ richtig! Am Abend vielleicht Tulpenweg? Ich hatte werde dort anrufen, wenn noch Zeit dazu ist. Bitte ________ _____ Er umfingerte den schwarzen Druckknopf. Er lächelte töricht. Eine Macht und Magie hatte ihn ergriffen, eine Welle hcraus- geschleudert — einerlei, was. Er ging über Till hinweg, über Tills Leiche da oben ... Er sehnte sich mit einemmal nach Till, nach ihrem hellen Gesicht, ihren kühlen, hübschen Händen, nach einem kühlen, nassen Laken, einer kalten Wasserspritze. Keine in abwehrende Urnklamme- Regen. Hier schien für jedes erfahrene Ohr eine verschwiegene Männer- "^Klüters^Fiffi^klaffte^ beunruhigt, fern in der Unterwelt Oben, in der kurzen Seitenfront, leuchtete Tills offenes Fenster. Die Bibliothek hm- term Balkon über der Terrasse verriet sich mit mattem Schimmern. Hallo —!" rief eine gedämpfte Stimme unten, offenbar zu dem Fenster des Hellen Till-Gemachs hinauf. Es klang seltsam anmaßend, ungeduldig und herausfordernd durch Regen und Finsternis. Der Mann verschwand hinter einem dicken Stamm. . Der späteren Erscheinung stockte der Fuß. Sie fuhr, rote gestochen, herum. Nichts zu sehen... Keine Antwort... Ein Irrtum; Spuk der eigenen Ohren und Augen. Ein langer Wind brauste durch die triefenden Auch da oben hatte man nichts gehört. Till zeichnete witzige Entwürfe zu abenteuerlichen und intimen Dekorationen für Großgefchafte unb Warenhäuser. Ideen haben! Die Welt will mit Lachen überrumpelt werden! Das wußte jeder Marktschreier. , Sie pfiff wieder und wünschte, unverzüglich em besierer Mensch zu werden, mit Marmorwanne und kleinem Zweisitzer... Sie lachte. Alles bloß Zeichen dafür, daß man ins Leben strebte. Blaß nicht wieder untern Schlitten kommen —! . „ Herrgott, wenn sie jetzt ein paar von Onkos chinesischen ober indischen Staatslappen aus der päpstlichen Mottenkiste für eine intime Szene „Morgeninterieur mit Frau Miefke und Piefke" als Modell zur Hand hätte? Aber sie würde vermutlich unwillkommen fein im ersten Stock. — Die kleine Kellertür unter dem Seitentrakt unten konnte durch einen Knops von hier oben geöffnet werden. Dieser versteckten Tür näherte sich entschlossen die breitere Gestalt in hochgeschlossenem Mantel. Eine Steinplatte knirschte. Er würde die junge Dame da oben ein bißchen aufscheuchen ober bloß stören. Tat nichts. „Wie geht's? Kam vorbei unb sah bas Licht leuchten in ber Finsternis! Bitte, sich nicht stören zu lassen! Ich rauche eine Zigarette. Ein einsamer Abenb ... Immerhin: Man ist zu zweit! Unb vorher, mit einem kellerbunklen Entschluß, in einer muntern Saune, würbe er ben ersten Stock betreten, an ein paar Türen klopfen: „Ich störe boch nicht? Wollte eigentlich höher hinauf; wollte aber nicht versäumen, guten Abenb zu wünschen ... Wie reizenb, wie entzückend, daß ich auch Sie begrüßen darf, gnädige Frau —I" Quatsch! Verfluchter Unsinn! eiferte der finstre Gast und umfaßte suchend den geheimen Klingelknopf unter der Leiste, ben bloß Eingeweihte kannten. Ihm war bampfenb heiß unter bem hochgeknopften Mantel. Sein Hutrand troff. Ihm wurde noch wärmer unter dem Gummistoff; er öffnete den Riegel am Hals. Er hatte in ben „Leuchtkugeln" das Jubiläum eines alteren Bekannten mitgefeiert. Sie hatten nach einer sprühenden Rede von Dr. Diez Hasselbrink ein Glas Wein auf des Jubilars Wohl getrunken, ein paar Glas prächtigen Pfälzers; es waren auch Damen dabei gewesen, darunter die Verlobte eines der Herren, Schauspielerin. Nicht so groß unb apart, aber einer anberen Dame unbestreitbar ähnlich: um Mund und Nase und durch die Augenfarbe, die Arme, die Hände, den Hals, den Ansatz der Brust. Er hatte es erst nicht beachtet, aber mit einemmal war ein Blitz ober Schlag in ihn gefallen, in seinen Magen, in die Beine — ganz verrückt. Er hatte bei einem gleichgültigen Wort, bei einer Bewegung die andre Dame neben sich gesehen; das hatte ihn hingehauen, einen glühenden Bolzen durch seinen Leib gezogen. „Fiffi, du Satan! Was ist los?" . .. Das kleine Biest stürmte vom Sofa über einen Stuhl aufs Fensterbrett unb wollte schier burch bie Fensterscheibe brechen. , Das weckte Herrn Klüter aus seinem Fieber Er starrte reglos zum Fenster. Er erhob sich lautlos vom heißgesessenen Sosa. Legte vorsichtig bie Papierspitze mit bem kalten Stummel weg unb schlich noch vor- ichtiger dem Hunb nach. Er nahm bie röchelnde Fifft fest unter ben irm. „Ruhe —1" gebot er, drehte unwillkürlich das Licht aus und ging rasch an bie buntlen, vergitterten Fenster ber Küche nebenan. Dunkel auch da draußen; pechschwarze, schwankende Bäume. Ein glimmendes, verwischtes Licht von Glänzels Wochistube drüben. Aber da auf dem Weg vorm Haus, dämmerte em Schatten ... Was war das? Ein Mann? Wer —? Der Wächter? Finke? Klüters Herz schlug rascher. Er ging, aus lautlosen Filzschuhen, auf den Kellergang hinaus, der dicht neben der Wohnung lag, nahe an ber tlL‘'Nock/)eüi^Mann? Frembe Kerle?? Leute, bie sich im Regen ein- geschlichen hatten? Es war bestimmt nicht ber Wächter! Auch Finke und Glanzet waren es nicht! Klüters Beine wurden welch. Er lief noch rascher in seine Wohnung zurück. Er dachte an ttna. Er dachte ans Telephon, an den Alarmkontakt, und lief wieder tn den Kellergang und war von allem ein bißchen verrückt. Da waren sie noch beide, zwei Männer, wildfremde Kerle, dicht an der Pforte, standen Schulter an Schulter, als berieten sie sich; flüsterten. Er lief in die Stube zurück; er atmete tief, schwitzte. Sein Herz, seine Haut tat weh. Niemand sollte ihm nachsagen — Pmgel wußte ja immer alles besser ... Bibber? Klüters Beine zitterten. — — Louis spürte noch den festen und abwehrenden Druck ihrer warmen Sippen. Hörte den Ernst ihrer Stimme, der ihn betäubte, erschütterte und zornig machte. Sie war das Leben, das versäumte wunderbare Leben! Leben und Herrlichkeit! Es war ihm furchtbar ernst. Da begann das Höllenkonzert, die feenhafte Beleuchtung ... Katarina blickte erstaunt, aber gelassen, wie es ihre Art war, zu dem großen Mann auf, der zornig aussah. „Was ist da los?" fragte sie. „Ich weiß es nicht!" ~ , .. _ „ , Sie erhob sich rasch, mit sehr hohen Brauenbogen, von ihrem Sessel unleugbar belustigt und neugierig. . . Es war Lärm unb Gepolter vorm Haus und darin. Souis machte große Schritte zur Tür. Oben, im Gartenbau, hing Till zum Fenster heraus und staunte auf die zauberisch helle, bewegte Welt hinab, in der Pingels Heerscharen mit benagelten Absätzen klirrten, Klüter gestikulierte, Fiffi klaffte, Frau Glänzel, Finke, Lina Klüter in Margenrock unb Häubchen, jeher Zentimeter Mussolina, unb in der Mitte zwei schlichte Männer in Regen- Mänteln... Du liebe Zeit! „Mein Gott!" seufzte Klüter. „Wo kommen die Herren her? „Ich wollte zu Fräulein Grotemeyer in einer künstlerischen Angelegenheit", sprach ber nasse Herr von Glod mit zartem Lächeln unb zog zum Beweis ein paar aufgeweichte fremblänbische Zeitschriften unterm Arm hervor. „Ich ebenfalls — mehr privat!" schmetterte Diez. Till rounberte sich über ihre späten Gäste. „Zu mir? rief sie hinunter. „Was wollt ihr benn, mitten in der Nacht, mit der ganzen Schupowache?" „Guten Abend, Till", rief Dienz, ergötzt, empor. „Guten Abend, gnädiges Fräulein!." rief, heiter, Herr von Glod. Oberwachtmeister Pingel machte ein finsteres Gesicht, und die andern blickten auch nicht klüger. , Da schmetterte ein Rolladen hoch, und eine mächtige Gestalt tn festlichem Weiß erschien auf der Terrasfe: Onkel Louis persönlich „Tut mir furchtbar leid, Onkel Louis! Kam zufällig hintenrum durch den Garten .'. Ein schauerliches Mißverständnis ... Klüter braucht kalte Umschläge!" , „Tut auch mir außerordentlich leid, Herr Professor! sprach kachelnd der andre Herr, als sei er Arm in Arm mit seinem Freund Hasselbrink hierherspaziert. Diez hätte ihn mit einem sanften Tiefschlag erledigen mögen. Da stand auch Till unten unb besah sich nachbenklich die beiben Einbrecher in ber Nähe. Diez? Auch ungewöhnlich: Er kümmerte sich seit einiger Zeit nicht viel um sie. Das mußte geheimnisvoll mit einer anbern Dame Zusammenhängen! mutmaßte sie hellsichtig. Denn er sah verwegen aus, vom Regen aufgeweicht unb verwahrlost. Unb ber anbre späte Gast? Sie würbe rot um bie Augen, bloß von innen her spürbar. Niko- bem verfügte, wie sie immer argwöhnte, über eine etwas selbstherrliche Art, sein Interesse zu beweisen ... Onko war nicht erfreut unb hielt eine kleine Ansprache. „Danke, meine Herren!" schloß er kurz zu Herrn Pingel, Sommanbeur. „Tut mir leib, baß Sie bemüht würben! Klüter, Sie finb ein — Angsthase!" Der bienenbe Mulla flüsterte tonlos unb — bibberte. „Drehn Sie bas verbammte Licht aus. Klüter!" befahl ber Professor. „Ich wußte gar nicht, baß bu hier bist, Till!" So fchrosf hatte Onko noch niemals zu ihr gesprochen. Diez ließ bas kalt. „Ich konnte biefen Empfang nicht voraussehen, Onkel Louis. Herr Klüter, nehmen Sie abenbs Brompillen — alle zwei Stunben zwei bis brei! Auf ein anbermal! Guten Abenb, Onkel Louis! Verzeih mir gnäbig!" Der ftanb breit unb gebieterisch ba, Bewahrer unb Herr aller Frauenwunder. Aber baran mochte Diez jetzt nicht mehr benten; sonst begann roieber ber glühenbe Bolzen in ihm zu gleiten „Bitte um Verzeihung, gnäbiges Fräulein — Herr Professor!" Zwei anmutige Verbeugungen, bie wie prinzliche Belustigungen wirkten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Duch» und Eteindruckeret, 2L Lange, Gießen.