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Weit von euch treibt mich der Wind, Auf dem Strome will ich fahren, Von dem Glanze selig blind! Tausend Stimmen lockend schlagen. Hoch Aurora flammend weht, Fahre zu! ich mag nicht fragen, Wo die Fahrt zu Ende geht. Gchnepfenftrich im Wawfrühling. Erzählung von Egon von Kap Herr. Der wilde West hatte das Eis des Waldsees-gebrochen und zusammengetrieben am Schilfnfer. Doch knickte das gelbe Dioljr, kleine durchlöcherte Schollen klimperten gegeneinander, losten sich aus, sanken unter. Im Schilf aber plätscherten Hechte — breite, grünschwarze Rücken tauchten auf, Flossenschwänze fchlugen, Wasser rauschte. „ < c Eines Tages jedoch war alles still, und der See lag da, alv wär's im trägen Mittag heißen Sommertages — spiegelblank und ruhig. Nur ein paar Enten schwammen weit draußen auf dem glatten Spiegel, nordische Wanderer, die hier rasteten. Sonnenschein lag freundlich über See und Wald, und am lichtblauen Himmel zogen kleine, rundliche Schüfchenwolken. Als der Jäger in den Wald zieht, kann,er sich freuen: ^n den kleinen Schonungen sonnen sich Rehe, Hasen hoppeln hintereinander her, vor ihren Bauen wischen die niedlichen, nichtsnutzigen kleinen Kaninchen hin und her, Spechte trommeln, als wär's schon nach Ostern, und hier und da pfeift eme Drossel, zwitschert ein Meisenpaar. In der klaren, lonnigen Luft kreisen Bussarde und lassen ihren miauenden Pfiff hören, schwingen sich mit wuchtigen Flügelschlägen auf, schwenken ttti Bogen, überschlagen sich abwärts im Spiel, ein paar Häher affen den Buhard- pfiff nach und kreischen empört, als der Jäger vorttberpirscht, eine Elster schlickert aufgeregt, und der starke Rehbock, der gerade aus der Dickung wollte, um allmählich den Wintersaaten der Bauern zuzuziehen, prallt erschreckt zurück und verschwindet schimpfend tm Wie Hundebellen fast klingt sein ärgerliches Schrecken, tief und rauh. Der Jäger kennt den alten Burschen seit Jahren schon: Es ist der mit dem ungeraden Wtergehörn, der im Sommer täglich in Müllers Roggen steht und abends auf Dorffchulzenv Wiese _ so spät aber, daß der besten Schützen Kunst versagt,- wenn dichte Nebel brauen und der Wald schwarz ist, wenn die Sterne funkeln und kein „Zusammensehen" mehr ist zwischen Jägerauge, Korn, Visier und Bock. Heute ließ er sich einmal überraschen, der Schlaue, als ob er wüßte, daß sein graues Winterkleid, sein bastbezogenes Gehörn ihn schützen vor Nachstellungen gerechter ^ager. Gut hatte er auf, der Bursche — fast vereckt war das Bastgehorn schon, und wenn es auch „prahlte", wie der Jäger sagt, vertuet es doch, daß der Bock durch den Winter kam und ein kapitales Gehörn zur Jagdzeit haben würde. Das Rehwild kam überhaupt gut durch den Winter. , Neber all das freut sich der Heger, und- das Pfeifchen schmeckt ihm doppelt gut, wenn er daran denkt, wie sich der schwache Wild- bestand gemehrt hat unter Hege und Schutz. Er sitzt auf den alten Baumstumpf nieder und sinnt vor sich hin, träumerisch alter Zeiten gedenkend. Spielend umkreisen ihn tanzende Frühlingsmücken, harmlose, stachellose Tierchen. , Als aber der Jäger mit Schauen, Sinnen und Rauchen endlich fertig geworden ist, steht das Licht schon tief hinter den alten Heideföhren. Da pfeift der Mann seinem Hunde, schultert den Drilling und geht eilig weiter. Er kommt durch den Buchenhorsi, an Fichtenstangen vorüber, er überquert einen großen Hau, sieht gerade noch, wie ein paar Stück Rotwild im jungen Kiefernholz verschivinöen, bewundert im Vorüberschreiten die weißen Anemonensterne im Laubyolz und die kleinen blauen Leberblümchen am Liang, schmunzelt vergnügt, als er den Schrei ziehender Kraniche über sich hört, und sieht einer Waldmaus zu, die emsig im Dürrlaube raschelt und nach irgend etwas sucht. Dann kommt er auf die große Wiese, ärgert sich ein wenig über die großen Haufen, die der Moll, der sammetpelzige Wühler, ausgeworfen hat, und denkt, es werde wohl ein übles Ernten mit der Mähmaschine heuer werden, wenn die Heuzeit da und der Wald grün und voller Leben. Der Jäger geht über die große Blänke, folgt dem kleinen Trittwege, den schon in uralter Zett die Jäger gezogen und die Holzhauer, und der zum Dorfe hinter der großen Heide führt und weiter zum Landstädtchen mit dem ' alten grauen Rathause aus Fachwerk und dem kleinen, schiefen Türmchen mit den alten Bimmelglocken, die schon zur Feuersnot läuteten, als noch der Waldsteiner Stralsund belagerte und Tor- stensons tapfere Schweden plündernd durch Ländchen Pommern zogen. So mancher Fuß modert im Grabe oder ist gar schon verfallen zu Knöchlein und Staub, der hier geschritten in alter und neuer Zeit, der mitgeholfen, den Pfad immer tiefer und tiefer in den Torfboden der Wiese, in den Sand der Heide zu drücken: so manches Herz schlägt nicht mehr in Freud' und Leid, das hier höher geschlagen, als die Amsel sang und die frohe Singdrossel, als der Spielhahn kollerte und fauchte, die Enten reihten und dte Schnepfe zog. Die Schnepfe — der geheimnisvolle Vogel mit dem „langen Gesicht", die „Waldhexe", um die sich so manche Frühlingssage spinnt, manch schönes Märlein... Sie waren einst zu vielen, sehr vielen hier int deutschen Lande, die Vögel mit den langen Stechschnäbeln, mit denen sie die Würmer aus alten Kuhfladen holen, aus sumpfigem Boden. Bis südländische Buben Netze zu Tausenden stellten, sie wegfingen zur Zugzeit, die müden Wanderer. Die „Waldhexe" geht dahin, wohin schon so vieles gegangen — so Schönes, Sie geht dahin, wohin Märchen und Sagen gingen, Singen und Klingen und der gute Geist der Menschheit, dahin, wo das Schöne und Edle hingeht, um wiederzukehren, wenn in den Tagen die Götterdämmerung, die neue Gutendämmerung an- ^Mählich sinkt die Sonne — goldroter Schein zittert auf den Spitzen der Fichten und Föhren, brennt in den Wipfeln borstiger Erlen und läßt die weiße Rinde schlanker Birken glühen. Brauner Schein ist im Filigran der schwankenden Zweige — ein erster Frühlingshauch. Am Westhimmel ziehen langsam violette Wolken, gelb gerandet und geheimnisvoll leuchtend: die Lämmerwölkchen färben sich rosig, neben dem feurigen Vlutschein im Abend, unter den das Licht des Tages sank, flimmert rot der Schnepfenstern. Enten streichen zischenden Fluges herüber, quakend jagen sich eifersüchtige Erpel, die Singdrossel flötet von der höchsten Spitze der Fichte, irgendwo meckert eine Bekassine. Schwankender, eilender Schatten im rötlichen Licht — unter der bläulichen Wolke, dann int Gewirr der Birken und Erlen — ein heiserdumpfer Laut — ein feines Pfeifen und Bisten... Auf fahren Jäger und Hund. Waap, waap, waap, waap — pstsitt, psi- sitt! Die „Waldhexe" grvhnt. Schräge, nach abwärts gebogene Sichelschwingen, langer Stechschnabel — deutlich zeigt sich die Schnepfe im Abendglanz, zieht dahin durch die Fichten —grohnt, Pfe@ine Drossel schocke rt ängstlich im Busch, in der Ferne kläfft ein ftitnö, rollt ein Wagen. Da tönt es aus der Dämmerung wieder leise — Schnepfengrohnen. Und lauter und lauter, näher und näher kommt das Rnfen, ein Schatten gleitet durchs Gezweig, ent zweiter - psisisitt, psisisitt! Im Bogen nach oben, stechend nach unten. Zornig kämpfen die Schnepfenhahne um irgendein Weibchen, das tief unten im Laube harrt. — Als der Jäger heimgeht, fällt ihm erst em, — daß er doch eigentlich eine Schnepfe schießen wollte. O süßeö Nichtstun. Von,T h e o d o r Strom. O süßes Nichtstun, an der Liebsten Seite Zu ruhen auf des Bergs besonnter Kuppe: Bald abwärts zu des Städtchens Häusergruppe Den Blick zu senden, bald in ferne Weite! O süßes Nichtstun, lieblich so gebannt Zu atmen in den neubefreiten Düften: Sich locken lassen von den Frühlingslüften, Hinabzuziehn in das beglänzte Land: Rückkehren dann aus aller Wunder-Ferne In deiner Augen heimatliche Sterne. Oer „Lügen-Münchhausen^. Don Börries, Freiherrn von Münchhausen. Der Balladenöichter Börries von Münchhausen, dessen 60. Geburtstag in diesen Tagen gefeiert wurde, ist zwar kein unmittelbarer Nachkomme der berühmtesten Persönlichkeit seiner weitverzweigten Familie, des Freiherrn Hieronymus von Münchhausen auf Bodenwerder, wie oft behauptet worden ist, aber er widmet ihm ein eingehendes Kapitel in der prächtigen Historie seines Geschlechts, die er unter dem Titel „Geschichten aus der Geschichte" bei Philipp Reclam jun. in Leipzig erscheinen läßt. Nachdem er von dem abenteuerreichen mit kühnen Taten erfüllten, tragisch ausklingenden Leben des Rittmeisters in russischen Diensten berichtet hat, rückt er seine so viel verkannte Erzählungskunst in das rechte Licht. Ueber Münchhausen als Erzähler haben wir drei Quellen, nämlich die Erinnerungen meines Urgroßvaters, der von 1772 ab das unweit von Bodenwerder gelegene Amt Springe am Deister als Oberhauptmann verwaltete und also noch durch lange Jahre sein Nachbar und Zeitgenosse war. Dann die Aufzeichnungen meines Großvaters in der Fortsetzung zu Treuers Geschichte unseres Geschlechts, und endlich eine kurze Lebensbeschreibung, die aus der Zeit seines Todes zu stammen scheint und in Podilau aufbewahrt wird. Diese berichtet: „Fast nur im vertrautesten Kreise von Freunden und Bekannten war er zum Erzählen zu bringen, gewöhnlich nnr nach dem Abendessen, nachdem sein ungeheurer Meerschaumkopf mit kurzem Rohr in Rauch gesetzt war und ein dampfendes Glas Punsch neben ihm stand. Fing das Gespräch an, lebhafter zu werden, so wirbelten auch die Wolken seiner Pfeife immer dicker empor: seine Arme wurden immer unruhiger, das kleine Stutzperückchen fing an durch die Hände auf dem Kopfe herumzutanzen, das Gesicht ward lebhafter und röter, und der sonst sehr wahrhafte Mann wußte dann bei einer lebhaften Einbildungskraft alles völlig bildlich vorzumalen." Mein Urgroßvater sah während der jährlichen großen Sau- jagden in den Bergwäldern des Deisters sehr viele Mitglieder des landsässigen Adels von Hannover als Gäste bei sich in Springe. Er erzählte, daß schon jahrelang vor dem Erscheinen des Buches, wenn bei Tisch die Jäger in der Aufzählung ihrer Heldentaten den Mund sehr voll nahmen, von anderen als Dämpfer eingeworfen worden sei: „Da hat der Münchhausen von Bodenwerder aber noch ganz andere Dinge erlebt!" Hier tritt uns zum erstenmal bas Sprichwörtliche an Münchhausens Ruhm entgegen, das also schon bestand, lange ehe die Druckerschwärze ihm weiteste Verbreitung gab. Auch das Berliner Vademekum von 1781, in dem, soweit wir bisher wissen, zum erstenmal Geschichten aus seinem Munde veröffentlicht sind, beginnt mit der Erwähnung dieser Sprichwörtlichkeit: „Es lebt ein sehr witziger Kopf, Herr von M—h—s—n, im H—schen, der eine eigene Art sinnreicher Geschichten aufgebracht hat, die nach seinem Namen benannt sind, obgleich nicht alle einzelnen von ihm sein mögen. Es sind Erzählungen voll der unglaublichsten Uebertreibungen, dabei aber so komisch und launig, daß man ohne sich um ihre Möglichkeit zu bekümmern, von ganzem Herzen lachen muß — in ihrer Art wahre Hogarthsche Karikaturen. Unsere Leser, denen aber vielleicht schon manche davon durch mündliche Ueberlieferung bekannt sind (1781 und in Berlin», sollen hier einige der vorzüglichsten davon finden." Und schon im Vademekum von 1783 hat der Herausgeber auch diese knappe Einführung nicht mehr nötig und kann den Lesern als selbstverständlich „noch zwei M.-Lügen" erzählen und gewiß sein, daß jeder den Namen richtig ergänzt. Wie Münchhausen als Antwort auf die Aufschneidereien anderer den Augenblick zu fassen verstand, davon erzählte mein Urgroßvater Börries, der Oberhauptmann, noch folgendes eigene Erlebnis: Bei einem Festessen in Hannover hatten mehrere Fühn-. riche in ihrer angewärmten Stimmung sehr über ihr Glück bei den Damen geprahlt. Münchhausen, bis dahin wenig bemerkt, hatte ganz trocken eingeworfen: „Dergleichen ist kaum des Erzählens wert im Vergleich zu einer Hofschlittenfahrt, der ich, auf Einladung Ihrer Majestät der Kaiserin in Petersburg beizuwohnen die Ehre hatte." Dann beschrieb er so lebhaft, daß die Hörer alles mit den Augen zu sehen wähnten, den riesigen Hofschlitten mit Audienzzimmer und Ballsaal und (mit deutlichen Anklängen an die Prahlereien der Fähnriche) wie auf dessen Plattform die Junker in Handschlitten die Hofdamen im frisch gefallenen Schnee herumgezogen hätten. Diese Verdoppelung des Einsatzes, die Münchhausen in knappen Worten über den Tisch warf, rief ein schallendes Gelächter hervor, der Gutsherr von Bodenwerder aß ruhig weiter, aber die Prahlereien am Tisch wurden merklich vorsichtiger. Mein Großvater erzählt, daß Hieronymus -mit seiner Gabe „so wenig irgend zudringlich als je durch Wiederholungen langweilend" gewesen sei. Seine Gabe kam nur bei Gelegenbeitcn, die der Augenblick bot, oder, wenn er von seiner Gesellschaft, besonders bei und nach der Tafel, in richtiger Weise hineingeführt ward, zum Vorschein, aber sie verließ ihn auch, trotz aller Niedergeschlagenheit der letzten Jahre, bis auf sein Sterbebett nicht. Als wenige Tage vor seinem Ende die Haushälterin Frau Nolte, die Frau seines letzten treuen Jägers, beim Zudecken gesehen hatte, daß an seinem Fuße zwei Zehen fühlten — sie waren ihm in Rußland erfroren und abgenommen —, rief sie ganz erschreckt: „Ach, Herr Baron, was ist denn das?" lind der Greis mit den brennenden Augen unter den schlohweißen Brauen richtete sich mühsam auf: „Tie hat mir einmal ein Eisbär auf der Jagd abgebissen..." Später mag die lustige Quelle spärlicher geflossen sein, und der Siebenundsiebziger wird dem Schicksal seiner Jahre so wenig entgangen sein wie irgendein anderer. Der Vater jenes Dr. Ellissen, der 1849 die erste ausführlichere Nachricht über Hieronymus in der Einleitung zur sechsten deutschen Originalausgabe (Göttingen, Dietrich) brachte, sah und sprach in seiner Jugend den alten Münchhausen in dessen Garten zu Bodenwerder. Er nennt ihn einen abgestumpften, mißtrauisch und wortkarg gewordenen Greis, vernahm von dem dortigen Pastor Claudius, der bei dem Gutsherrn sehr in Gunst stand, die volle Bestätigung alles dessen, was von seinem „Capitaltalente", wie er es hätte früher leuchten lassen, nur immer in der Welt verlautete. Münchhausen habe seine Geschichten wahrhaft freiherrlich, mit soldatischem Nachdruck und Feuer, aber mit der leichten Laune des Weltmannes zum besten gegeben, als Sachen, die sich von selbst verstehen. Wie stand der „Lügen-Münchhausen" nun der Veröffentlichung seiner Erzählungen gegenüber? Er war ein Edelmann der alten Schule, die Veröffentlichung eines vornehmen Namens erschien ihm unvornehm, er glaubte diesen dadurch in den Schmutz der Literatur gezogen. Wäre die Veröffentlichung ohne unseren Namen erfolgt, so hätte er sich vielleicht an dem Büchlein erfreuen können, denn man muß immer wieder betonen, daß er sich nicht etwa der Schnurren schämte, seine Vaterschaft bestritt oder sich im Freundeskreise der Neckerei als „Narrierer" entziehen wollte! — Glaubt's nur, ihr gravitätischen Herrn: Gescheite Leute nar- rieren gern", ist mit Recht der Wahrspruch der deutschen Ausgaben. Er glaubte nur, was auch heute noch eine große Zahl seiner Standesgenossen im tiefsten Herzensgründe glaubt. Daß Hieronymus in Pyrmont G. A. Bürger kennengelernt und ihm dort seine Wundergeschichten erzählt habe, ist nicht nur, wie Ellissen meint, eine unverbürgte Sage, sondern nach dem Obigen eine sicher unwahre Geschichte. Wer die ständische Schichtung des 18. Jahrhunderts kennt, mußte es schon ohnedem für sehr unwahrscheinlich halten, daß der Baron einem Bade- bekannten gegenüber so aus sich herausgegangen sein sollte. Münchhausen hat, außer dem kleinen allernächsten Kreise seiner Umgebung (Pfarrer, Haushälterin, Jäger), nur den Herren seiner Gesellschaft erzählt. 1794 — drei Jahre vor Hieronymus Münchhausen — starb verarmt und schwindsüchtig Bürger, im gleichen Jahre erlag bei seinem verunglückten irischen Kohlenbergwerk der landflüchtige Dieb Raspe dem Fleckfieber. Sie haben alle kein glückliches Ende gehabt, der erste Herausgeber und der Nebersetzer so wenig wie der große „Wundermann von Bodenwerder", der als letzter 1797 auf der alten Weserinsel starb. Seinen müden Leib legten sie in die Gruft der Klosterkirche des braunschweigischen Dorfes Kemnade. Oer Fall Pirelli. Kriminalgeschichte von Lindy. Jim verlangte von der Garderobenfrau eine Bürste, befreite seinen Hut von einem Stäuhchen, warf der Frau einen Vierteldollar hin und verließ das Kino, nicht ohne, vorher noch dem Mädchen an der Kasse freundlichst zugelächelt zu haben. Das schnippische Naserümpfen, das er dafür erntete, brachte ihn durchaus nicht aus seiner guten Laune, und indem er die Hauptmelodie aus „Fallen Angels“ vor sich hinpfiff, ging er nach Hause. In der Portierloge warteten zwei unauffällig gekleidete Gen- tlcmen auf ihn, denen er die Kriminalbeamten ansah, noch bevor sie den Mund aufgemacht hatten. „Der Inspektor wünscht Sie zu sehen, Mr. Durant," meinte der Größere der beiden, „wir wollen mal gleich hinsahren!" Jimmy hatte nichts dagegen einzuwenden, aus der richtigen Einsicht heraus, daß das doch wenig Erfolg gehabt Hütte, und betrat zehn Minuten später die Office des allgewaltigen Inspektors Wells, immer noch die Schlagermelodie auf den Lippen. Bei näherer nnd öfterer Bekanntschaft verloren diese Polizisten doch bedeutend an Nimbus, mußte Jim denken, als er den Inspektor am Schreibtisch sitzen sah. Er ähnelte mit seiner dicken Zigarre doch eher einem behäbigen Rentner oder vielleicht auch einem putzigen Seelöwen oder... „Na, mein Lieber", unterbrach Wells die unehrerbietige Ge- öankenreihe, „wie gehen denn die Geschäfte!" Wahrlich eine indiskrete Frage... „Die Zeiten sind schlecht, Inspektor, man schlägt sich so durch, schlecht und recht... Der Beamte lachte. „Mehr schlecht als recht, vermute ich, aber um zur Sache zu kommen: wissen Sie schon, daß Ihr Freund Tomeo Pirelli vor einer Stunde in seinem Hotelzimmer erschossen wurde?" ♦ Jim verfärbte sich leicht. „Tomeo ... ist ... tot? Um Gottes willen — soll ich damit etwas zu tun haben?" Der Inspektor gab darauf keine Antwort und zog an seiner Brasil, die offenbar nicht brennen wollte. „Das Stubenmädchen war zwei Minuten nach dem Schuß zur Stelle und beobachtete einen Mann, der aus dem Hotel kam, einen weißen Sportwagen bestieg und in rasendem Tempo davonfuhr...." Jim fuhr hoch. „Einen weißen Sportwagen ... einen Studebaker vielleicht?" Wells nickte. „Der Mann trug einen hellen Staubmantel, Kappe und Brille und war nicht zu erkennen. Aber was wissen Sie von einem Studebaker?" Durant spielte verlegen mit seinem Hut. „Ich dachte ... ich i erinnerte mich... Pat Sullivan hat einen weißen Studebaker... „Kluges Kind," lobte Wells, „das blieb uns auf die Dauer auch nicht verborgen. Der Wagen war schnell gefunden, wozu haben wir schließlich unsere Streifen mit Radio ausgerüstet. Er stand an einer Straßenecke in Bronx, und Pat Sullivan verhafteten wir einen Häuserblock weiter in „Harpers Inn“. Jim Durant atmete auf. „Da haben Sie aber etn schnelles Stück Arbeit geliefert, Inspektor, alle Achtung! Aber was soll ich bei der ganzen Angelegenheit?" I „Warten Sie doch ab," fauchte Wells gereizt, „dachten Sie vielleicht, ich wollte Ihnen die Nachricht von Pirellis Tod schonend beibringen, damit Sie keinen Herzschlag kriegen, wenn Sre fte in der Zeitung lesen? Sie sind immerhin die besten Freunde gewesen und können uns vielleicht etwas über das Verhältnis sagen, in welchem er zu Pat Sullivan stand. Schade ist's zwar nicht um ihn, ich bin sogar überzeugt, daß dies für ihn die einzige Art war, dem elektrischen Stuhl zu entgehen, aber wir müssen den Fall natürlich ganz klären. Also heraus mit der Sprache! Jim machte einen schwachen Versuch, eine engere Freundschaft mit dem erschossenen Gangster abzuleugnen, aber es half ihm roC1,1,8Bii haben uns in den letzten Tagen kaum gesehen, Inspektor, eine kleine Verstimmung, wissen Sie... Er ging seiner Wege, ich die meinigen. Und wenn Sie denken, daß ich bei der Sache meine Hand dringehabt habe, dann irren Sie sich. Ich weiß von nichts. Und die letzten zwei Stunden habe ich in einem Kino zugebracht ... hier habe ich sogar noch meine Eintrittskarte! Er hatte sich in eine regelrechte Aufregung hineingeredet und der Inspektor redete ihm nun zu. ~ „Seien Sie doch vernünftig, Mann, es verdächtigt Sie ja hier keiner. Alle Indizien sprechen dafür, daß Sullivan der Täter ist, wir haben in seinem Wagen auch den hellen Staubmantel nebst Brille und Kappe gefunden, es ist alles ziemlich klar ... nur finde ich kein Motiv zu dem Mord — das ist es, was mir Ge- I banken macht! Und da sollen Sie uns nun helfen, Durant, verstehen Sie?" Er spielte mit der Kinokarte, die ihm Jim hinübergereicht $Ot*Regent Cinema,“ las er halblaut, „ist das nicht auch in 93 lOttl' ?" Durant nickte. „Müssen sich mal den Film ansehen, Inspektor, .Gefallene Engel', eine tolle Sache. Besonders die eine Szene wo..." Wells unterbrach ihn. „Williams", sagte er zu dem Polizisten, der in der Ecke stand, bringen Sie mir mal den .Herald' von heute mittag!' Der Mann /,Sie glauben mir wohl nicht ganz, Inspektor", lächelte« Jim, „weil Sie in der Zeitung nachsehen wollen..." | Wells grinste. „Mann ... für so dumm halte ich Sie schon nicht, daß Sie mich derartig ungeschickt anlügen, mir fiel etwas ganz anderes ein, erzählen Sie nur weiter. Was ift das alsp für eine ^Durant erging sich des längeren über einen Abschnitt des Films, der ihm anscheinend sehr imponiert hatte, wahrend der Inspektor in der Zeitung blätterte, die von dem Polizisten gebracht worden war. „Diese Szene ist wirklich großartig Inspektor, wenngleich ich sagen muß, daß ich von meinem moralischen Standpunkt aus... Wells lachte plötzlich schallend auf und hieb den Herald auf &CtI Mensch "..^Jimmy ... seit wann haben Sie einen moralischen Standpunkt?" Er stand auf und legte dem Verblüfften die Hand auf die Schulter. „Und wenn. Sie sich neuerdings einen angeschafft haben sollten ... warum hat er Sie dann nicht von letzten Verbrechen abgehalten? Ich verhafte Sie unter dem Verdacht des Mordes an Tomeo Pirelli!" $ Jim war totenbleich geworden. Sir ..ich schwöre ..." stotterte er mühsam. Wells lackte sarkastisch. „Sie würden noch ganz andere Sachen beschwören, mein Lieber. Aber warten Sie nur, ich komme Ihnen schon bei. Ich zweifle keinen Moment daran, daß Sie im Kino ,v""'n. ich bin überzeugt davon, daß Sie auch dafür gesorgt haben, do -ich das Personal an Sie erinnert, man kann das leicht nnt einem Trinkgeld oder einem Witz erreichen — aber ich weiß auch, daß Sie die Vorstellung heimlich verlassen haben, um Pirelli zu Durant war ganz ruhig geworden. „Und wie soll ich in dieser Zeit nach dem Hotel gekommen sein ... kann ich Stegen? Wells lächelte. „Fliegen nicht, aber ganz aut Auto fahren und Sullivans Wagen ist recht schnell, wie ich festgestellt habe! „Und Sie meinen, Inspektor, daß mir Pat seinen ausfallenden Wagen borgt, um damit zu einem Mord zu fahren? a Der Beamte tippte mit seinem dicken Zeigefinger auf Jims ^^Das ist es ja eben, mein Junge! Noch viel weniger wird er sich' selbst hineinsetzen, um einen Mord zu begehen, da nimmt man ein Taxi. Gerade das ließ mich an seiner Schuld zweifeln. Wells blieb vor dem Polizisten stehen. ."Williams, Sie haben aebört um was es sich hier handelt. Es steht für mich bombenfest, daß sich Durant während der Vorstellung entfernt hat. Bestimmt nicht auf einem legale Wege. Sie fahren f/'i°/i^u deni R6rrent Cinema* und stellen fest, wo er unbemerkt HUmus und wieder hineinkonnte. Sobald Sie etwas finden, rufen S,e an! Der Polizist salutierte und verschwand. Eine brütende Stille lag über dem Raum, kaum unterbrochen durch die Atemzüge der beiden Männer. Durant hielt das nicht mehr aus. „Inspektor ... das wäre doch ein unglaublicher Zufall, wenn Sullivans Wagen so ganz in der Nähe gestanden hätte — finden Sie nicht auch?" . Wells nickte. „Sullivan hat ausgesagt, daß er durch cm Telephongespräch in Harpers Kneipe gelockt worden ist und dort umsonst gewartet hat — hoffentlich sind Sie so schlau gewesen, Jimmy, ihn von einem Automaten aus anzurufen, wäre doch peinlich für Sie, wenn sich das Telcphonfräulein an die Verbindung erinnerte, rote?" Durant konnte nichts antworten, dieser Mann war ja fürchterlich. Ein Grauen schlich ihm zum Herzen empor... Nur nicht dieses stumme Dasitzen! Das Telephon schrillte. Wells nahm den Hörer ab und lauschte angestrengt hinein. „Sehr gut, Williams", meinte er schließlich, „nehmen Sie eine Probe von der Stelle und kommen Sie schnellstens hierher!" Er hängte an. „ „ „Nun zu Ihnen, mein Sohn. Ich kann mir ja vorstellen, daß das alles ein bißchen peinlich ist für Sie, aber wir sind gleich am Ende." Er stand wieder vor dem Arrestanten und musterte ihn spöttisch.en @te ma( 6ic Schuhe aus, aber schnell!!" So überraschend kam der Befehl, daß Jim ganz mechanisch gehorchte. Wells nahm die Dinger und stellte sie auf den Tisch. „Tut mir leid, Jimmy, daß ich Ihnen keine Hausschuhe anbieten kann, aber es ist da einer in dem Regent Cinema durch das Toilettenfenster gekrochen und hat die ganze Wand zerkratzt . sollte mich wundern, wenn wir an den Tretern hier nicht einen Teil des Mörtels finden würden..." Das war zuviel für Jimmy Durant. Mit einem Stöhnen brach er zusammen und gestand. * „Chief..." meinte Williams, nachdem er die Schuhe sorgfältig eingepackt hatte, um sie dem Chemiker zu bringen, ,,... rote sind I Sie nur darauf gekommen, daß Durant das Kino auf enttge Zeit verlassen hatte?" Wells grinste und legte den Herald auf den Tisch. „Da lies mal, vielleicht lernst du roas. Hier steht: .Der American Women Association ist es endlich gelungen, das Verbot einer gewissen Szene in dem Film .Fallen Angels* durchzudrücken. Von heute ab läuft der Film ohne diesen Abschnitt.* Diese Pressenachricht fiel mir ein, als Durant von dem Film zu erzählen begann. Da er mir nun die Szene schilderte, die an jenem Tage gar nicht mehr lief, hatte er erstens den Film schon einmal vorher gesehen und sich zweitens während der Vorstellung entfernt, weil er sonst das Fehlen der Szene hätte bemerken muffeln, t saI gut, Williams, wenn man anderen Leuten seinen moralischen Standpunkt erklärt, besonders wenn man nicht danach gefragt wird. Merk dir das, mein Sohn!" Oie Schustert! gl. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.» «Nachdruck verboten.) „Hast du denn keine Angst, daß die Micheelsens zu schnell nach oben kommen?" .„ „Angst? Warum? Es kann gar nicht schnell genug mit dem Nachobenkommen gehen!" . ... , „Warum? Weil das Hinab in demselben Augenblick anfangt, wenn man oben ist." , m „Es liegt am Menschen, rote lange er sich oben halt. Wenn rott Micheelsens es erst einmal geschasst haben — ich werde es la nicht I soweit bringen, denn vieles, was in bet Jugend an mir versäumt wurde, läßt sich auch bei einem Leben von hundert Jahren nicht nachholen —, aber wenn Jupp Micheelsen es erst für uns alle, die wir Micheelsen heißen, geschafft hat, dann werden wir uns Auf°der"Wippe oder, wie ihr Mecklenburger sagt, auf der Wippwapp, kann man nicht oben bleiben. Mit dem Ob en sein be- I ginnt, auch wenn man sich noch so sehr dagegen wehrt, bas Wieder- nachunten. 6eI aIten Stelle? Es lohnt wirklich nicht, mit dir darüber zu reden. Ich und Jupp und Jupps Junge werden dir das Gegenteil mit der Tat beweisen. Und nun laß uns schlafen. Gute Nacht." Trotzdem" wurde die Altjungfernivohnung für ihn und Jupp, den schwarzhaarigen, der ungehindert gedieh, von Monat zu Monat enger.^ 6arü6er- Aber wenn sein Unmut ihm den Taa zu vergällen drohte, tröstete er sich mit dem Gedanken, daß die alte Senatorkalesche nicht ewig auf Erden rumrumpeln konnte. Für ein paar Jahre Wartezeit mußte er sich allerdings wolst noch einrichten. Denn nach dem Sprichwort hielten knarrende Wagen I neunten Jahre nach der Heimkehr Gusts starb in der Tat binnen wenigen Minuten die einundachtzigjährige Senatorswitwe. Der wohlhabend gewordene Holzpantoffelmacherssproyling aus den Baracken kaufte von den Senatorserben das ehemalige Pa- triziergrundstück an der Hohen Straße Nummer 78. Um einen Preis, der nur die Hälfte jener Summe ausmachte, welch« et feiner fast verdrängten Mitbewohnerin des Hauses als Letztes geboten hatte. Vergeblich geboten hatte! Denn die Scnatorswitwe sagte zum Aerger des Schuhmachermeisters und zum Kummer ihrer vier erwachsenen Kinder immer wieder bet den sich ständig steigernden Angeboten ihres kaufwütigen Mieters das gleiche. Dies nämlich: Solange sie lebe, sei ihr Haus nicht verkäuflich, und wenn er ihr hunderttausend Mark biete. Gust nahm, als er zu seinem Besitzer geworden war, den letzten Durchbau des früheren Senatorhauses vor. Aus den beiden winzigen Wohnungen im obern Stockwerk schuf er sich durch Wändefortnehmen endlich die langentbehrte standesgemäße Unterkunft. Im untern Stockwerk wurde die Werkstatt noch einmal nach hinten gerückt. Das Schreibzimmer, das in dem ehemaligen kleinen Küchenraum untergebracht roctr, hatte sich längst als Notbehelf erwiesen. Es genügte Gust in keiner Weise mehr. Dringend hatte er ein modernes Kontor nötig. Denn nur dort war ein würdiger Empfang der Reisenden und Lieferanten möglich. Außerdem waren die Hauptpfeiter des Geschäfts nicht mehr die Arbeiten in der Werkstatt und die Verkäufe im Laden. Denn das hatte seinen großen Aufschwung erst durch die Handelsabschlüsse in der Schreibstube genommen. Ihr gebührte also die vorderste, die sichtbarste Stelle: der Raum an der Hohen Straße. Ob ein Paar Schuhe mehr oder weniger verkauft wurde, ob eine Reparatur drei oder fünf Stunden dauerte — dabei ging's nm elende Groschen, bestenfalls um einige lumpige Mark. Bei den Geschäften im Kontor aber handelte es sich um den Verdienst oder Verlust von Hunderten, von Tausenden! Vertauschen also die beiden Räume: Die Werkstatt nach hinten, in den ehemaligen Küchenraum mit Ausblick auf den Hof! Die Schreibstube nach vorn mit Aussicht auf die Hohe Straße! Selbstverständlich mutzte sie eine eichene Wanöbekleidung haben. Dann patzte die frühere Küchentür nicht mehr in den Raum. Wurde eine neue gemacht. Als der Tischlermeister, der mit der Anfertigung der Wandbekleidung und der neuen Tür beauftragt war, Gust fragte, ob er — wie von der früheren nach hinten gelegenen Schreibstube ber — auch von seinem Privatkontor aus ein Türguckloch in die Werkstatt haben wolle, da verlachte er ihn: Wozu? Die Zeit der Läppereien sei für den Siebten seines Vaters, der freilich als Pantoffelmacher in den Baracken gewohnt habe, endgültig vorbei. Des zum Erweis wurde der Straßengiebel des ehemaligen Senatorhauses leuchtend gelb mit Oelfarbe gestrichen und quer über seine ganze Breite auf weißen, braun geränderten Grund in halbmeterhohen schwarzen Buchstaben gemalt: August Micheelsen, Schuhmacherwerkstatt, Schuhwarenlager, Lederhandlung en gros et en detail. Es hatte sich nämlich im Laufe der Jahre ergeben, daß nicht nur alle Schuhmacher der Stadt, sondern auch die Schuster der Dörfer in meilenweitem Umkreis, ja Handwerksmeister der Nachbarstädte, ihr Leder von Gust, dem Sohn des Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen, bezogen. Der Lederhändler an der Hohen Straße borgte seinen Kunden auf das bereitwilligste. Er borgte mehr, er borgte länger als irgendwer. Eines Tages aber schickte Gust die Gesamtrechnung zuzüglich sämtlicher Verzugszinsen mit der Aufforderung um Bezahlung bis zum nächsten Monatsersten. Erfolgte diese nicht — und das ereignete sich in solchen Fällen fast immer —, dann vermochte kein Bitten und Drohen der Männer, kein Flehen und Weinen der Frauen längere Stundung bei ihm zu erwirken. Der Gerichtsvollzieher erschien, und Gust brachte mit seiner Hilfe mancherlei Hab und Gut um einen Spottpreis an sich. Mehr als ein Handwerksmeister, dessen Zahlungsverpflichtungen durch Zwangsverkäufe nicht zu decken waren, mutzte auf der Hohen Stratze Nummer 78 als Geselle unterkriechen und sich durch jahrelange Lohnabzüge für nichtbezahltes Leber drückende Schuldknechtschaft gefallen lassen. Verheiratete, von dem langjährigen Meisterthron herabgesunkene einheimische gesellen nahm Gust ohnehin lieber in Arbeit als vagabundierende Handwerksburschen aus fremder Herren Länder, die bei den widersinnigsten Anlässen, oft schon nach wenigen Wochen, von einem Sonntag auf den andern Sonntag kündigten. Ohne jedes Gefühl der Verantwortung. Ohne jedes Verständnis für die gemeinsamen Interessen. Schließlich arbeiteten vier ehemalige Meister, zwei Gesellen und ein Lehrling, der als Laufbursche nicht entbehrt werden konnte, in Gusts Werkstatt. Drei Verkäuferinnen waren in seinem Laden angestellt. Ein Schreiber vermochte die Führung seiner Bücher und die Erledigung seines ständig wachsenden Briefwechsels nur durch häufige freiwillige Ueberstunden zu bewältigen. Immer noch stand zuoberst in der Werkstatt der Schusterhüker Gusts: jenes dreibeinige blankgewetzte, armselige Sitzgestell, auf welchem er seine ersten Kunden erwartet hatte, oftmals über deren Ausbleiben so verzweifelt, daß er mehr als einmal seinen Knieriemen mit der Frage angesehen hatte: „Aufhängen?" Der Herr Lederhändler nahm zwar an manchem Tag nicht mehr auf seinem alten Arbeitssitz Platz. Dennoch wäre es selbst für die damaligen Meister in der Werkstatt — wieviel mehr für einen der Gesellen! — ein Verbrechen gewesen, das nur mit sofortiger Entlassung gesühnt werden konnte, falls sie auch nur eine Minute lang während seiner Abwescnbeit sich darauf niedergelassen hätten. .nocILtJrurt von sechs bis zwanzig, einundzwanzig Uhr die grüne L>chusterschürze. Auch dann, ivenn er während dieser Zeit keinen Pickdraht in die Hand nahm, keine Ahle durch das «eder bohrte, keinen Holzplück in die Sohle hämmerte, keine Sticfelichäste znschnitt. "VeranIW »rUtch,- Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl Immer noch ging Gut ohne Rock durch seinen Tag, des Sommers mit aufgekrempelten, des Winters mit herabgekrempelten Hemdsärmeln. Dafür lag eine sachliche Notwendigkeit längst nicht mehr vor. Aber man sollte da, wo sie der Entwicklung des Geschäfts Geichäfts nicht hinderlich waren, die guten alten Bräuche ehren! Immer noch verschmähte Gust des Alltags Schlips und Kragen. Nicht nur die geschniegelten Reisenden, sondern selbst seinen Oberstleutnant, seine drei Grafen und seinen Baron empfing er so. Es machte einen weit biederen Handwerkereindruck als jede „feine" Kluft. Auch feilschte es sich in Schusterschürze und sichtbaren Hemdsärmeln besser als mit Vorhemd und Manschetten. Sodann wurde niemand in der Stadt durch sonntägliche Wochenkleidung zum Nachdenken darüber verleitet, wieviel Geld er wohl schon auf Hypotheken fortgeliehen hätte. Denn obwohl es sich nicht verheimlichen ließ ,datz er zu den bessergestelltett Bürgern der Stadt gehörte, wie weit er schon nach vorn gerückt war, wußte keine Menschenseele. Nicht einmal Rikelchen! Immer noch glaubte Gust der alte zu sein, und trotzdem war — unbemerkt von allen, doch nicht von Rikelchen — nach und nach mit ihm eine Wesenswandlung vorgegangen. Weder in der Werkstatt noch in dem Laden, ja nicht einmal in seinem immerfort verbesserten, mit Stolz betrachteten Privatkontor schwächt sind, werden zwar die aufgesetzten Edelreiser annehmen hielt der Schuhmachermeister, Schuhwarcnverküufer und Lederhändler August Micheelsen es tagsüber länger als Minuten aus. Er redete sich ein — daß es so sein müsse. Oder stockte etwa nicht alles, sobald er unterließ, hüben und drüben, vorn und hinten nach dem Rechten zu sehen? Niemand war zu trauen! Keiner Verkäuferin — keinem Schreiber, keinem Gesellen — keinem Exmeister. Alles Faulenzer! Alles Lügner! Alles Betrüger! Jeder dachte nur ans Drücken, ans Rechen zu eignen Gunsten, ans heimliche Mitnehme. Jeder wollte nichts als persönlichen Vorteil. Keiner, auch ber Zuverlässigste nicht, der — wen er auf sich gestellt war, wenn er sich unbeobachtet wußte — die Interessen des Geschäfts vertrat. Von dem doch ihr Wohl und Wehe abhing. Denn wo befänden sie sich allesamt ohne das Gedeihen seines Geschäfts, insbesondere der Lederhandlung? Auf der Straße! Was blieb ihm also, nicht nur zu seinem Besten, sondern ebenso zum Besten seiner Leute, anderes übrig, als daß er ihnen — damit sie nicht einschliefen — fortwährend auf die Hacken trat? Zeitvergeudung? Aber nein! Erhöhte werthaftere Ausnutzung der Zeit, als wenn er auf seinem Schusterhüker obenan in der Werkstatt saß und tat, was andere ebensogut tun konnten, während er mit dem Aufsichtführen jene Arbeit vollbrachte, für die außer ihm niemand in Frage kam. In Wahrheit lief Gusts Geschäftigkeit von Jahr zu Jahr leerer. Sie lärmte nur mehr als früher. Wie Mühlsteine, die um so lauter klappern, je weniger Korn sie zwischen ihren steinernen Zähsten haben. Einmal rief Rikelchen den Ruhelosen an. Gust begriff nicht. „Stehe ich morgens später auf?" fragte er verwundert. „Nein", mußte seine Frau antworten. „Liege ich mittags zwei — drei Stunden im Bett, statt mich mit einem Nicker von zehn Minuten in der Sofaeckc zu begnügen?" „Nein." „Gehe ich eine Minute vor Geschäftsschluß nach oben?" „Nein, Gust." „Was willst du also eigentlich von mir?" „Versuch es doch mal wieder einen Tag lang in der Woche mit Arbeiten auf deinem lieben alten Schusterhüker." „Daß der Schreiber und die Verkäuferinnen denken: Heut hat der Alte Stattwache! und mich durch Faulheit oder sonst wodurch bestehlen!" „Du brauchst den Tag ja nicht festzulegen — kannst wechseln, brauchst ihn nicht anzukünüigen — kannst sie darüber im Zweifel lassen." „Nach einer Stunde merken die, was meine Glocke geschlagen hat." „Also zweimal in der Woche einen halben oder viermal einen Vierteltag." „Hast du nie das Wort gehört, Rikelchen: Des Herrn Fuß düngt besser als Mist? Mein Baron, der nicht einmal seinem Inspektor über den Weg traut, geht den ganzen Tag mit dem Stock in der Hand auf seinem Acker spazieren. Nichts tut er, wenn man die Sache mit den Augen ansieht. Und trotzdem schafft er, ivenn man es mit dem da, mit seinem Verstand, betrachtet, mehr als zwei von seinen zwanzig Spann Pferden. Mindestens drei Spann, und das sind — was du trotz deiner rheinischen Herkunft wohl schon weißt — zwölf Pferde, mindestens achtundvicrzig Pferdebeine müßte er mehr einstellen, wenn er nicht von früh bis spät als Faulenzer auf seinem Acker spazrerengingc." „Ich will dich ja gar nicht von dem Aufsichtführcn wegreden. Aber versuch doch mir zuliebe, täglich eine Stunde lang auf deinem alten Hüker zu sitzen und wieder Schuster zu sein." „Wenn ich dir einen Gefallen damit ue — meinetwegen!" willigte Gust ein. Drei Tage lang mühte er sich ehrlich, wenigstens eine Stunde an jeener Stelle, auf welcher er früher zwölf, vierzehn Stunden zwischen Schlafen und Wachen hämmernd verbracht hatte, auf seinem Schusterhüker zu arbeiten. Aber die innere Rastlosigkeit ließ es nicht zu. (Fortsetzung folgt.) fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Siehe».