Nummer 86 Montag, den 5. November lhrgang 195^ OMA O N F um Mita N RANK F. BRAUN Main ' Vladj- r „Sie ms bii ;büd)eto s unter jeroefen. tonnten lelchähd werben, bild m enen bei l'intin ! auj. gani ■M sinjf, «n et d„ ? den, wuni Park ■aiferin Mal,), wähl ■ 3ebet Keinen eibenen ) lange hr, als indchm herzi ____ _____ keine Sorge machen; sie sei bet ihr im Hause bestens aufgehoben. Nur halte sie es für ihre Pflicht, uns zu sagen, baß ihr Einfluß auf Mita nicht so bedeutend sei, das Mädchen zurückschicken zu können. Für morgen — das ist also heute — seien einige Filmaufnahmen vor- aefehen und vorher sei Mita nicht zu bewegen zurückzukehren. Sie, Ihr Fräulein Schwester, sei an sich erfreut, unserer Mita Gastfreundschaft gewähren zu können, und sie bitte uns, ihr Gewissen zu entlasten, um unser briefliches Einverständnis, daß Mita in ihrem Hause bleiben könne." Der Konsul machte wieder eine Pause. Als Luzius nichts sagte, fuhr er fort: „So der Brief Ihrer Schwester. Ich komme nun zu Ihnen, Luzius. Sie haben das ganze Komplott ein- gesädelt. Jawohl! Wenn Sie den Empsehlungsbries nicht versaßt hätten, wäre Mita nicht gefahren. Sie tragen ein gut Teil Schuld. Aber hier soll nicht von Schuld die Rede sein. Ich habe nur eine Bitte an Sie. Sehen Sie, Luzius, ich bin ein alter Mann. Ich muß Ihnen sagen, zu meiner Zeit, als ich noch jung war, hätte sich der Bater ausgemacht, die ungeratene Tochter zurückzuholen. Genau so war meine erste Idee. Aber meine Frau hat mich ausgelacht, und wenn ich jetzt richtig überlege: sie hat recht. Es ist ein bißchen komisch, wenn ich nach Berlin hinter Mita Herreise und sie mit väterlichem Bannfluch zurückhole. Die Zeit ist anders geworden. Wir Alten sind stehen geblieben. Wir können den Black bottom nicht tanzen und werden über den Walzer nicht mehr hinauskommen; wir hörten lieber Nikisch als Jack Hilton; und wenn uns die Tochter davonläuft, ja, da müßen wir wohl ein bißchen beschämt uns erinnern, daß wir unmodern geworden sind. Der Vogel ward flügge, wir durften ihn nicht halten; wir verstehen das nicht; aber da muß etwas stärker in ihm gewesen sein, er flog uns davon." (Fortsetzung.) Er nahm einen Hundertmarkschein aus der Brieftasche. „Wenn Sie tfe Note präparieren lassen würden..." „Recht gern. Es handelt sich also um einen kecken Dieb, der 100 Mark nimmt, nicht wahrt" Klarfeld interessierte sich jedoch nicht für die Ant- ort; er fuhr sogleich in seiner Rede fort, ohne Luzius' Entgegnung izuwarten. „Bleiben Sie fünf Minuten hier, ich gehe rasch in unser Moratorium und erledige das selbst. Wie gesagt, fünf Minuten. Dort „Herr Konsul, nicht bitter werden. Es ..." „Ich weiß, ich weiß. Mita kommt wieder. Sie bleibt unser Kind. Das ist nichts Schlechtes, was sie davontrieb. Nur — daß es nötig war, Luzius, daß wir den Punkt, da sie das Kindsein abstreifte, verpaßten, das tut mir um Mita Leid Und meine Frau hat Recht. Ich will ihr nicht nachfahren." Wieder trat eine Pause ein. Luzius wagte nicht, etwas zu sagen. Und der Konsul begann wieder: „Autorität kann komisch werden. Aber es muß sich wohl jemand um das Kind kümmern. Sie stehen zwischen uns, Luzius; Sie sind nicht 18 Jahre und nicht über die 50. Bei Ihrer Schwester ist die Mita, Sie haben sie hingeschickt. Holen Sie sie zurück!" , Sie beschämen mich tief, Herr Konsul. Ich reife selbstverständlick mit Freuden. Was ich ausrichte, weiß ich freilich nicht. Mita hat sich ein Ziel in den Kopf gesetzt." „Setzen Sie ihr ein anderes." „Vermag ich das, und welches könnte es sein?" „Das weiß ich nicht" .. „. . ... „Ich wüßte eines, Herr Konsul, aber es tft ganz unmöglich, darüber am "Telephon sich zu äußern." „Kennt diese Jugend, zu der Sie doch noch gehören, solche Hemmun- gen'ber Form wahrhaftig?" „Wann soll ich fahren, Herr Konsul? Schnellstens. Wenn zureden hilft: mit dem Abendzug; daß Sie noch heute in Berlin sind und uns telephonieren können. Mita legte dem Brief Ihrer Schwester einen Zettel bei. „Viele Küsse, liebe Eltern, seid ohne Sorge; ich bleibe die alte " Aber genügt uns das! Die Mita ist em Rabenkmd! Luzius richtete sich auf. „Herr Konsul", sprach er, „wenn ich noch heute abend fahren soll, bleibt mir nicht die Zeit, Ihnen einen Besuch zu machen." „Was wollen Sie noch bei mir? „Sie etwas fragen." .. ... „Ach, ich kombiniere: das, was sich telephonisch ganz unmöglich Spötteln Sie, Herr Konsul. Ich sehe Ihr lächelndes Gesicht. Es gibt mir" den Mut zu der Frage. Ich nehme die Hacken zusammen, Herr Konsul, und bitte Sie, mir zu sagen, ob meine Werbung um Mita Ihnen nicht unangenehm wäre." s - ~. Mein lieber Luzius", sagte der Konsul, „ich danke Ihnen, daß Sie erst" mich fragen. Was ich von Ihnen halte, wissen Sie. Die Mita ist noch viel zu jung; aber wenn Sie sich gedulden wollen, wenn Sie eines lages mit Mitas Ja zu mir kommen — Sie sollen mir willkom- mCn,Dante. Herr Konsul, danke. Mit dieser freudigen Zuversicht fahre ich allo noch heute nach Berlin." „Aber vergessen Sie nicht, Luzius, Sie haben eine Mission. Sie sollen icRencr^amilienblätter Unterhaltungsbeilage jum Gießener Anzeiger -gt das Mittagsblatt!" Luzius lehnte sich zurück. Wir sind dir auf den Fersen, Bruder, dachte jetzt geht es dir wirklich an den Kragen, wer du auch sein magst. Nur ein kleiner Zufall kann dich retten, der nämlich, daß du Hand- guhe anhast und dich, ohne es zu ahnen, mit dem einzigen Mittel putzest, das dir bleibt. Und Assessor Luzius dachte befriedigt: er wird fine Handschuhe anhaben; es ist warm, er mag schön heiße Hände iben und sich prächtig tätowieren. Es dauerte nicht fünf, sondern kaum drei Minuten, da war Klarfeld d)on zurück. Den Schein brachte er zwischen zwei Blättern Löschpapier. Sie sehen", zeigte er auf, „diese Löschblätter sind rein-weiß geblieben", ib er wies sie vor. „Hier ist eine Pinzette. Nehmen Sie die Note itroft an sich, die verdirbt Ihnen nicht die Brieftasche. Nur geben Sie i nicht irrtümlich aus. Es gäbe eine heillose Verwirrung." Luzius nahm die Banknote und steckte sie in ein Einzelfach seiner : kcheintasche. „Ich danke Ihnen vielmals", sagte er, „wenn mein Plan ilingt, haben Sie nicht nur mir einen Dienst erwiesen." Klarfeld lachte. „Werde zu rühmen wissen, nicht wahr? Nun, ich tffe, Ihr Vorhaben gelingt, und der Dieb färbt sich peinlich die Finger. Ifoer sehen Sie sich vor, daß nicht ein Unschuldiger die Note aufnimmt i ier vielleicht zufällig berührt." „Das ist ganz ausgeschlossen", sagte Luzius. „Meine Falle ist so d c:stellt, daß nur der Dieb feine Finger an dieser Note blau färben kann. „Hier habe ich Ihnen für den Fall eines Mißgeschicks noch eine kleine Masche der Essenz mitgebracht, die die Farbe wieder löst. Es ist eine I Heize, seien Sie immerhin vorsichtig damit." .... Sie gaben sich die Hände. Klarfeld klingelte und ließ einen langen bann kommen. „Lassen Sie sich zum Ausgang führen , meinte er, „diese Gänge find ein Labyrinth." ~ . Hinter dem Führer schritt Luzius zum Ausgang. Als er ins Freie tat, fand er, es röche nach Wald. Er bestieg wieder die Straßenbahn mb fuhr zur Innenstadt zurück. , . Norm Hauptpostamt stieg er aus und betrat die große Halle. Viel- schi war er jetzt unvorsichtig, aber er wollte kerne Zeit mehr verlieren. Er suchte sich eine abseits gelegene Schreibstelle und zog eines der vor- : ßischriebenen Kuverts Auerbach hauptpostlagernd heraus. Dann kniffte | i eine Zeitung, nahm den präparierten Hundertmarkschein und tat ihn, ohne ihn direkt zu berühren, in den Umschlag, den er schloß und fran= fierte. Bei Postlagersendungen warf er ihn in den Kasten und ver leß »sch das Gebäude In der Halle hatte er fernen Bekannten bemerkt, er . traf auch auf dem Weg niemanden. - Als er im Hotel vor feinem Schreibtisch stand, fiel ihm W°rt ber ■Settel in die Augen. Herrn Konsul Fmkendey annllevu eilt! (Er nahm j-gleich den Hörer ab und ließ sich verbinden. Er hatte Gluck, der Konsul ”^3™,^begann Herr Lorenz Fmkendey das Gespräch, „uh wollte Sie flirn sprechen, lieber Luzius, aber da Sie nun anrufen, laßt ftiftbas ■roobl »ich telephonisch abmachen. Wir haben heute morgen einen Brief von 5)rem Fräulein Schwester bekommen. Einen sehr netten Bries, muß ich -gen. Ihr Fräulein Schwester schreibt, daß Mita bei 'hr angekommen !« mit einem einführenden Schreiben v^n Ihnen und ß s ■■ 's das Mädchen aufgenommen habe. Erst u°ch und nach habe sie , iitas Reden entnommen, daß das Kind sozusagen chll . Luzius hustete. „Mit meinem Brief, Herr Äonful bas mar so. - „Eine Zwischenfrage Sie haben den Brief geschrieben. äSBäkä« mfte fie schon und verpflichtete michi zusch 9^^ Drahtes; und „So. so", machte der Konsul am «n -„nächst wieder binn noch einmal: „so, so." Hierauf hüstelte ■ jo(Iten un5 3il dem Brief. Ihr Fräulein Schwester schreibt weiter, w i 5)as ddCalsßand / C I. jtmeilt« ute M auf bei Wilhelm unft bei > ülugiil j DeiO läfet ß ° >rcn. Anch« | : Kittel! iefmufl« || 5 Bank || eeinflt# | ibierte« t, rootes iphie bei al? y , die ii< 1 tjter Mi l Kiene!« huiiü!* ■ die ®«|. irung!«i itne M en 8«« l ud)t* aben. am W| )0 Dalcri. | >n tonnt'l ilte *1 [er, b#| iinotwUj sar15tu" 3m M tsrat, «j enlein« an *1 reunbl^ iei. »«6 ist '« 61 e 0eb# FÜÜunü " *5 L srw!' hgn das Mädchen Ins Elternhaus zurückbringen. Ihre Werbung hak ja noch mCl„®eroi&, Herr Konsul, es wird alles in Ihrem Sinne geregelt", sagte Luzius, „was ich vermag, werde ich tun." Zu des Konsuls Nachsatz, seine Bewerbung habe viel Zeit, äußerte er nichts. Aber er war sehr anderer Ansicht Seine Werbung hatte gar keine Zeit! Wieviel Manner liefen in Berlin herum, die Mita kennenlernen konnte. Welche Konkurrenz erstand ihm in den Leuten vom Film! Eile tat Not. Er wartete noch, und richtig fiel dem Konsul rechtzeitig ein: „Wie steht es eigentlich mit Ihren Nachforschungen, die Sache verlauft doch ho fentlich nicht ganz im Sande? Sie wissen, ich wünsche keine Einmischung der Polizei, ich möchte den Skandal in meinem Hause vermieden wissen. Jan Strombecks Piratenstreich liegt mir schwer genug auf Gemüt und Magen. — Da fällt mir ein: wir müssen uns um Zurrhelm kümmern. Ich will ihn gleich nachher anrufen. Es muh etwas für den Mann getan werden, vielleicht kann man ein klein wemg wleder- gutmachen. Denn schließlich habe ich den Strombeck doch hier eingefuhrt und mit Barbara Zurrhelm zufammengebracht. Ewald soll sich untzehen. Dem Mann muß geholfen werden und gründlich. Ja. Wovon sprach ich? Ach so. Der Perlendiebstahl. Haben Sie gar nichts erreicht?" .Einiges, Herr Konsul, noch nicht alles. Die gestohlenen oder richtiger gesagt getauschten Perlen sind sozusagen beschlagnahmt. Der Hehler, bei dem ich sie ausfindig machte, hält sie für uns in sicherer Verwahrung. Dem Dieb bin ich aus der Spur." »Wer ist es?" , t . , „Daß weiß ich nicht, Herr Konsul, aber ich hoffe, es noch heute zu erfahren. Ich habe dem Manne eine Falle gestellt, in die er aller Wahrscheinlichkeit nach tappen muß. Es entscheidet sich alles heute. ' Sie sind ja ein gefährlicher Kriminalist", sagte der Konsul anerkennend, „die Perlen sind sicher und den Burschen, der sie stahl, haben Sie am Band, alle Wetter, Luzius, da muß ja wohl ich mal stramm stehen? „Herr Konsul, wenn mir der Versuch, den Burschen zu sangen, heute mißglückt, geht er uns auf und davon. Wir wissen dann zwar wahrscheinlich, wer er ist, aber wir haben ihn nicht." .jedoch die vier Perlen bleiben uns?" „Die sind uns sicher, Herr Konsul, an die kann der Dieb nicht mehr heran." „Nun, Luzius", sagte der Konsul, „wenn Sie bann nicht den Ehrgeiz des Staatsanwalts haben, lassen Sie den Mann laufen, wenn wir chn kennen. Ein Prozeß wirbelt ja doch den Staub auf, den zu vermeiden, es uns zu tun war." „Gewiß", räumte Luzius ein, „darüber ließe sich reden. Aber ich muß wissen, wer uns solange hinter das Licht geführt hat!" Sie trennten sich. Der Konsul nahm sehr verstärkt die beste Meinung von Assessor Luzius mit sich. Luzius ging es, was den Konsul betraf, nicht viel anders. Er begann eine eilige Tätigkeit, packte einen Reifekoffer, suchte mit Sorgfalt die passenden Krawatten zusammen, rasierte sich noch einmal scharf und schmerzlich und sah dann sein Werk an. War alles besorgt? Dem Gericht telephonieren? Er hatte noch drei Tage freie Zeit. In drei Tagen würde er bestimmt aus Berlin zurück fein. Mit Fräulein Finkendey; Braut oder nicht! Zwischendurch sah er auf die Uhr. Wie war es mit dem Postlager- brief, konnte der schon abgeholt sein? Wenn man nur den leisesten Anhalt hätte, wen ober wessen Finger man zu beachten hatte! Er überlegte. Ich muß boch Brenbel einweihen. Wahrscheinlich auch ben Konsul. Drei Menschen sehen mehr als einer. Und der Konsul und Brendel kommen für die Tat doch wohl nicht in Betracht? Er belächelte die stumme Frage. Der Entschluß war da: zuerst Brendel aufsuchen; und Luzius machte sich sofort auf den Weg. Jetzt, da Zeit wieder kostbar war, nahm er ein Taxi und war nach wenigen Minuten im Haufe des Justizrats. Der alte Herr war vom Bahnhof längst zurück, aber er war noch bei der Abfahrt feines Sohnes. „Er läßt Sie grüßen, Luzius", sagte er, „ich soll alle guten Freunde grüßen, aber Ihren Namen erwähnte der Junge ausdrücklich." Luzius sprach die konventionellen Worte und versuchte rasch wieder loszukommen, denn er hatte Brendels Zeichensprache bemerkt. Draußen — in den Garten mußten sie gehen, um allein zu fein — sprang ihn Brendel mit allen Zeichen der Aufregung an. „Eine Neuigkeit von schwerwiegender Bedeutung. Wissen Sie, wer ben Bries gestern an bie Frau Johanna Auerbach eingesteckt hat?" „Sie sagten es, beschworen es fast: ber Iustizrat selbst." „Nein", sagte Brenbel, „ich habe ihn gefragt. Er besann sich erst gar nicht, bann fiel ihm ein, daß er gestern noch einmal umgekehrt war, weil er etwas vergessen hatte, die Geldtasche ober einen Ausweis, unb wissen Sie, wen er auf dem Wege zum Bahnhof getroffen, und wer sich erboten hatte, die Post mitzunehmen, da er sowieso zum Bahnhof müsse!?" „Einer? Sagen Sie: wer also!?" „Der Hauslehrer bei Finkenbeys, Doktor Bellmann." Sie sahen sich an. Sie hatten beide das Gefühl, daß in dieser Sekunde die Entscheidung schon gefallen war. „Haben wir gerade den Mann übersehen?" Luzius sann nach. „Aber ich erinnere mich, als Bellmann die Schuhe der Frau Konsul hereinholte, neulich an jenem Abend, als ich am Boden hockte vor der Puberspur, ich erinnere mich genau, baß ich auf feine Schuhe sah. Sie waren breit, Brenbel." „Wißen Sie noch, wie lange ber Bellmann unterwegs blieb, als er die Schuhe, die vor der Tür standen, hereinholen sollte? Erinnern Sie sich, er hatte sie — übersehen und im Erdgeschoß danach gesucht!" „Das ist wahr", sagte Luzius, „daran hat keiner gedacht. Bellmann kann in der Zeit gut lein Schuhzeug gewechselt haben. Er war ja gewarnt. Er hatte alles mit angehört." Er nahm eine Rose in die Hand, die da über ben Weg hing, er hielt sie auf ber flachen Hanb, wie bie Lösung bes Geheimnisses. Er sagte: „Bellmann hat auch bie Figur wie Zurrhelm. Man kann sie in ber Dunkelheit ganz gut verwechseln." Unb er ließ die Rose zurückschnellen. „Er war zu vorsichtig, ber Doktor Bellmann; er wollte ganz sicher gehen. Das warb sein Verberben. Nicht einmal einen Schristzug seiner Hanb, ber ihn verraten konnte, sollten mit besitzen, wenn wir schon den Berlebach ausfindig machten. Er unterzog sich der Mühe, da ihm der Zufall Ihren Bries an Frau Auerbach in bie Finger spielte, da ihm bie Chiffre passenb lag, bie Abresse durchzupausen. Die Stadt'konnte er weglassen. Er brauchte keinen Buchstaben hinzu, zufügen." Brendel nickte. „Vielleicht wollte er auch seine Spur verwischen, roenn eine bestand. Er mußte annehmen, falls diese Briefe nicht an bie richtig« Adresse gerieten — also in Ihre Finger —, daß Sie zögern wurden, gegen mich vorzugehen, daß er Zeit gewann. Meine Festnahme würde für ihn das Zeichen zur sofortigen Flucht sein." „So kann es sein", sagte Luzius, „es kann aber auch ganz anders sein. Ich bin vorsichtig geworden. Ich gehe nur vor, wenn ich den klaren untrüglichen Beweis in Händen halte." „Das wäre ja wohl nur eine photographische Aufnahme der Tat! „Noch ein Mittel habe ich, Brendel. Hören Sie zu. Ich habe in einem dieser Briefumschläge vorbereitetes Geld weggeschickt. Wer den Bries öffnet — und nur der Dieb kommt dafür in Frage — färbt sich bie Hände mit einer Aetzfarbe, die er so leicht nicht entfernen kann. Ich fahre jetzt zu Finkendeys. Es ist gut möglich, daß wir in zehn Minuten ben Täter kennen. Uebrigens habe ich es eilig damit, ich will mit dem Abend, zug noch nach Berlin." Brendel schaute dem Freund nach, ber im Sturmschritt baoonhef Die Geschichte ist aus, buchte er, Bellmann ber Heimliche ist ber Sieb. Wir werden ihn mit blauen Fingern überraschen, jetzt oder später. Er hatte keine Ahnung, in welch schreckliche Verwirrung der Gefühle fein Freund Luzius noch geraten sollte, und daß man den Hauslehrer nicht mit gefärbten Fingern finden würde. Er gab sich, beruhigt schon übet die sichere Aufklärung des Perlendiebstahls angenehmeren Gedanken hin. Der Luzius fährt nach Berlin. Sieh an. In Berlin ist die liebe Kusin« Mita. Nachtigall, ich hör dich trampeln ... Elftes Kapitel. Der Herr Konsul würde erst in einer Viertelstunde zurück (ein; aber die gnädige Frau lasse bitten. Assessor Luzius wartete. Er hatte im Augenblick bie Meinung, bas Mäbchen zu fragen, ob Doktor Bellmann im Hause sei, aber er unterließ es bann boch. Frau Olga Finkenbey ließ ihm zubem nicht lange Zeit, barüber nachzubenken. Sie kam ihm herzlich mit ausgestreckter Hand entgegen. „Mein Mann hat mir gesagt, baß Sie sich opfern wollen unb nach Berlin fahren werden. Das ist nett, Herr Assessor. In Ihnen wird Mito nicht den Abgesandten des Familienrates sehen, unb Ihrem Zuspruch wird sie eher zugänglich sein. Sie lud zum Sitzen ein. „Ich bin nicht einmal so sehr der Meinung", fuhr sie rasch fort, als wollte sie diese vermutlich nur kurze Zeit des Alleinseins mit Luzius benutzen, dem Assessor ihre Ansicht klarzumachen, „daß Sie Mita um jeden Preis mit zurückbringen müssen. Im Gegenteil. Ihr Besuch mag unserer Tochter eine gewisse Sicherheit geben. Sie soll empfinden, daß sie dort nicht allein ist; daß ihre Eltern zwar überrascht sind unb kaum entzückt von ihrer Eigenmächtigkeit, aber baß man sie roeber enterbt noH verstoßen hat." Luzius starrte bie Frau an. „Jawohl", stotterte er, „natürlich; ganz Ihrer Meinung, gnäbige Frau." Sie wunderte sich. Was war mit diesem sonst so sicheren Mann? Sie sah ihn an, aber er wandte den Blick weg wie ertappt. Als sie ihn zögernd beobachtete, fand sie, daß seine Augen zurückkehrten und die Blicke an ihr hängen blieben. Aber nicht ins Gesicht schaute er ihr Ge sah starr auf ihre Hände, die sie leicht ineinandergelegt vor sich im Schoß hielt. Frau Olga folgte dem Blick. Sie errötete ein bißchen; sie fah, ihr« Fingerspitzen ber rechten Hand waren noch immer blau. Ging diese« Farbstoff denn überhaupt nicht ab! Sie tat eine Handbewegung, bie dies« beschmutzten Finger verbeckte unb versteckte. Luzius nahm seinen $lil sofort zurück. „Sie haben Farbe berührt, gnäbige Frau", warf er leiblich gefaßt hn Plaudertone hin. „Wird im Haufe gestrichen? Ein schönes leuchtendes Blau." Da sah sie ihre Fingerspitzen boch nochmals an. „Es geht einfach nicht roieber ab", geftanb sie mit gesenktem Kopf. „Wissen Sie, woher bie Farbe flammt?" wagte er sich vor. „Wenn es eine Delfarbe ist. hilft Terpentin." „Ich habe keine Gelegenheit, mit Delfarben in Berührung ja kommen", versicherte Frau Olga, „aber es ist ja möglich, baß Terpentin bie Flecke entfernt." Sie rettete sich. „Es sieht häßlich aus, ich habe schon so viel baran herumgebürstet ... Entschulbigen Sie mich einen Augenblick. Da kommt auch gerabe mein Mann Ich will biefem Farbstoff I noch einmal mit Terpentin zu Leibe, auf Ihren Rat." Er sah ihr nach, ftanb an ben kleinen Messingtisch gefettet unb schaut« abwesend noch auf bie Tür, als Frau Olga längst verschwunben war Ueberhärte er bes Konsuls Schritte? Erst als ber neben ihm ftanb, ih« bie Hanb auf bie Schulter legte, schrak er auf. „Herr Konsul! Gut, baß Sie kommen. Ich muß Ihnen etwas sagen. Er nahm ben Konsul beim Arm unb zog ihn an bas Fenster, weit weg von der Tür, hinter welcher Frau Olga davongegangen war. Er sah den Konsul nicht an, während er sprach; cs schien, als rede er leise, febofl eindringlich zu jemanden, der unten im Garten stände unb zu ihm auf' blicke. Das ist geschehen. Das habe ich herausbekommen. So ist mein Plan. — „Gut, nicht wahr? Er mußte gelingen. Unb nun denken Si« sich, ich trete vor Ihre Frau Gemahlin, und sehe —"; er brach ab; bet Konsul hatte verstanden. Er drehte sich um, tat einen Schritt ber TÜ« entgegen, hinter ber irgenbroo Frau Olga zu finben sein würbe, unb hieU sich wieder an. „Das ist doch Wahnsinn", sagte er, „bas ist boch - unb ber Atem reichte nicht für ben zweiten Satz. (Fortsetzung folgt.) Krühwinier. Don Helmut Bartuschek. Von allen Tennen lärmt der Schall Der Flegel plump ins offene Land. Dumpf murrt der Weite Widerhall ... Roßatem dampft aus jedem Stall. Süß duftet noch ein Wiefenfchwall Aus Traumkleefommern durch die Wand... Froh seiht den hellen Kirchweihrahm Die Magd nun durch das Tuchgezott. Bald zieht der Christmarktabraham Ins Dorf mit feinem Tandelkram. Schon trabt sein Rößlern, meilenlahm. Landauf, landab, int müden Trott. Ich stapf' dahin im weiten Feld. Di« Glocke wiegt mein Herz in Ruh, Die einsam schwingt am Rand der Well ... Aus untern Tiefen steigt und fällt Die Erdbrust, die Schneeatem schwellt ... Wie bebt der Acker unterm Schuh! Des Abendrotes blutiger Schein Glüht Hinterm Tannicht feuerwild ... Die Nacht bricht stumm und kalt herein. Aus dunkeln Höh'n hebt's an zu fchnei'n ... Ich stapf' im bitteren Wind allein, Der aus den Finsternissen schwillt ... Krauenliebe. Von Hermann Hesse. Es ist schon seit Stunden dunkel, drüben über dem See liegen die Hügeldörfer mit roten Fenstern, eines vom andern und jedes von mir durch Regen, Wolken, Sturm und Finsternis getrennt. Sie glänzen herüber und verschwinden, je nachdem der Sturm die niedrig hängenden Wolken treibt. Von diesen Dörfern ist mir jedes bekannt und lieb, jedes ein Freund und eine Erinnerung. Dort ein Sonntag mit Freunden vertrunken! Dort ein Regennachmittag im Gespräch mit Wirtin und Wirtskindern hinter beschlagenen Fenstern verdämmert! Dort ein Abend, feucht und blau, am Rand der Weinberge, mit ausblickenden Sternen, herüberwehender Dorfmusik und leisem Rauch aus abendblassen Kaminen, der hinter den schwarzen Kronen von Pappeln und Obstbäumen aufstieg! Der Ofen, längst erloschen, wärmt noch gelinde, im Bratloch schläft "die Katze, erwacht zuweilen für Minuten und fängt zu schnurren an. An den Wänden stehen mit tausend breiten und schmalen Rücken meine Bücher. Und so oft ich ans Fenster gehe und an den feuchten Scheiben wische, liegen jenseits überm See die Dörfer mit leis glühenden Fenstern an den Hügeln, jedes eine Erinnerung. Und auf der Welt kein Laut, als der Pendelschlag der Kuckucksuhr, das feine Tropfen am Fenster, und hie und da das zarte, schläfernde Schnurren der Katze. Ich spiele, wie nmn es an diesen langen Abenden gerne tut, mit Erinnerungen, alten Briefen und Tagebüchern und Gedichten, die ich als Knabe und als Jüngling schrieb. — Wie anders man damals war! Ich lese: es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläsers, den ein Traum erregt, wie das Aufwallen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden." Und: „Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge in die Nacht gewendet, die helle, vergeistigte Stirn von einer losen Locke märchenblonden Haares überhangen. Wenn du das Auge senktest und schweigend meine Hand mit deiner weißen Linken suchtest. Wie schon du warst!" . Das schrieb ich, als ich wenig über zwanztg Jahre alt war; tch schrieb es an Spätherbstabenden und hatte das Gefühl, ich nehme mit diesen Worten Abschied von meiner Jugend. Es ging mir schlecht^ ich erlebte nichts als Enttäuschungen, und nachts sah ich m meiner Mansarde wach und schrieb traurige Gedichte, ohne zu wissen, daß tch gerade in dieser Schwermut mit eine 8er süßesten Iugendwonnen durchgenoß. Nun klingt mir alles, was ich damals schrieb, so wunderlich, ein wenig lächerlich vielleicht, und doch so süß und wohllaut, wie nichts seither mehr in mir klang. — „Wie schön du warst! Da stehen meine Bücher, mehr als tausend, alle in Hungerjahren langsam zusammengespart, ein schöner Schatz mit vielen Perlen drin. Sie stehen auf guten, festen Brettern und liegen nimmer wie früher am Boden und aus dem Bett und Sofa herum. An den Wanden hangen ein paar gute Bilder, und der große Ofen brennt so lang wstl, ich brmtche die Scheite nimmer zu zählen und zu sparen. Sogar em Fäßchen We n liegt im Keller mit einem fteundlichen Hahnen im Spundloch, und in der alten Zinnschachtel liegt beständig Tabak genug. Es geht.mir also gut, sehr gut; selbst meine Katze wird seit, sie bekommt Milch, jo viel **e Aber seit die Wälder rot sind und der See im Herbststurm blitzt und laubgrün und meerblau wird, feit die Ofenbehaglichkeit anfing und tch mein Segel vom Strand geholt und unter Dach gebracht habe, befällt mich öfters ein Zorn über dies bequeme Hinleben. Wenn ich abends beim Dunkelwerden zum Strand hinuntergehe, rauschen an der Schiftlände die Pappeln stark und zart, der feuchte Wind umarmt mich 8nell, springt aus den See und fährt stöhnend über das bewegte asser hin. Dann tut mir die Seele im Leibe weh, daß ich fein Einsamer und Wanderer mehr bin, und ich gäbe mein bißchen Haus und Glück gern für einen alten Hut und Ranzen, um noch einmal die Welt zu grüßen und mein Heimweh über Wasser und Land zu tragen. Und gestern, ich war allein noch wach im Haus, schlug mir der Wind so dringlich ans Fenster und über dem Kapellenturm flogen die Wolken so eilig und begierig durch die Nacht, daß ich nicht länger sitzen bleiben konnte. So nahm ich leise Mantel, Hut und Stock und ging hinaus. Da schrie der Sturm in der Höhe, unten schlug im Dunkeln der unruhige See, im ganzen Dorfe war kein Fenster mehr hell, und nur am Ufer schritt unwillig der Grenzwächter auf und ab, tief in den dicken Mantel gehüllt, und mit ausgestelltem Kragen. Und als ich auf die erste Höhe kam, da lag weithin schwarzes Land und Wasser, See, dahinter der bleich scheinende Himmel gespannt, an dem die schweren Wolken stürmten. Die langen Bergzüge bückten sich im Schlaf und streckten da und dort Traum- hörner gegen den Himmel. Das ging wie eine breite, heftige Woge über mein Herz, als bräche meine ganze Jünglingszeit mit aller Freiheit und Macht auf mich herein, höbe mich vom Boden und riffe mich in unerhörte Weiten mit. O, du Wald, du stiller schwarzer Wald, und du Seeweite und du schlafende Insel im Wasser! O, ihr fernen Berge! Unvermerkt fiel ich in meinen Wanderschritt, als ob es in alle Fernen ginge, und die von der Nacht verhüllte Gegend lag als ein Märchenland verschwiegen um mich her. Bis nach einer Stunde der erste Kreuzweg kam. An diesem stand ich lachend still und dachte an mein Haus, auch fiel mir ein, daß ich beim stürmischen Fortgehen die Lampe nicht gelöscht hatte. Die schien nun weiter, solange das Del es vermochte, über die gelben Seiten eines alten Büchleins, über Tisch und Wände und durch die Scheiben ins schlafende Dorf hinaus. Nun wußte ich wohl, daß ich morgen zurück sein müsse, und mein heißes Wandergefühl fiel langsam an, geringere Wellen zu schlagen. Aber die schöne Nacht war mein und ich wollte sie nicht von mir weisen, wie sie wartend vor mir lag. Und wie ich erwägend am Kreuzweg zögerte, begann ein starkes Heimweh mich zu ziehen. Hinter Wald und weiten Hügelwiesen wußte ich eine alte Stadt mit runden Türmen liegen, nach der es mich schon lang gelüftete. Ich hatte aber in all der Zeit nicht gewagt, einmal hinüber zu wandern, denn es lag dort ein Stück schöner Jugend von mir und lauerte auf meine Wiederkunft, um mich mit Heimweh zu überfallen. Jetzt in der Nacht schien mir die Stunde gut. Ich ging den schönen bergigen Weg durch Wald und Matten, tch saß eine Weile und rastete vor dem Tor der Stadt, hörte dem Brunnen zu, nahm einen kühlen Schluck von ihm und lief wieder weg und heim, noch ehe die Morgenhelle kam und die wohlbekannten Häuser aus der schönen schlummernden Dämmerung weckte. Da war mir fast, als hätte ich eine Tat getan. Auf dem Heimwege war mir sonderbar zu Mute, indem ich an vergangene Jahre dachte und an die alte Stadt mit den runden Türmen und an bas, was ich dort einst erlebt habe. Nichts zum Erzählen. Eine Liebesgeschichte, einfach und schön, aber nicht frei von Schuld, und ihr Schatten hat mir ganze Jahre verdeckt. Nun schritt ich träumend durch die schwarze Nachtwelt, meinem lieben Dorf entgegen, hoch am Hügel hin über dem finsteren See. Und allmählich liefen meine halbwachen Gedanken weiter und ich dachte an alle die Frauenbilder, vor denen ich in Jünglingsjahren gekniet war, bereit, ihnen mein Liebstes und Bestes zu schenken, nur um näher ans Innere des Lebens zu kommen, nur um eine Antwort zu finden auf die dunkel in mir fragenden Stimmen. Und wie haben alle diese Versuche, diese ersten Flüge ins Land der Liebe, geendet! Alle ohne die rechte Antwort, alle unfroh und unerlöst, und die meisten nicht ohne Reue und Schuldgefühl! Und von fast allen meinen Freunden wußte ich dasselbe und sah es an Fremden täglich. Es stirbt ja kaum einer daran. Wir werden älter, werden Männer, tun den Kranz aus den Haaren und finden unsere Ruhe. Aber wie ist es mit jenen Frauen, mit den Mädchen, um die wir einst so sehnsüchtige Irrgänge taten, die uns den ersten Morgenglanz der Liebe schenkten? Was fühlen sie, wenn wir von ihnen geben? Und was fühlen sie, wenn sie am Ende einer an hohen Träumen reichen Jugendzeit dem Letzten Ja sagen und die Hand geben? Wir Männer, wir treiben hundert Dinge, wir schaffen und forschen und arbeiten, wir haben Amt und Beruf und Schaffensfreuden — aber was haben sie, die Frauen, die nur in Liebe leben, nur auf Liebe.hoffen können? Wie feiten geschieht es, daß ihnen jener Letzte auch nur einen Teil von dem zu geben hat, was ihr die Ersten, die Jünglinge und schüchtern-kühnen Anbeter versprochen haben! Der Sturm lief lärmend auf mich an und warf mir Regen und harte welke Blätter ins Gesicht. Vorwärts kämpfend, gab ich den Klagen Abschied und lieh die ungelösten Rätsel hinter mir liegen. Ich dachte daran, was wir alle einst als Knaben, als kühne, freche Knaben vorn Leben als unser gutes Recht erhofften. Und wie verzweifelt wenig davon wahr geworden ist! Und doch ist das Leben gut, und ist schön, und rührt uns jeden Tag mit heiligen Kräften ans Herz. Vielleicht geht es auch den armen Frauen mit ber Liebe so. Man erzählte ihnen von Märchenwäldern und mondbeglänzten Gärten, und sie finden nachher ein rauhes Stück Land, wo statt Rosen geringe Kräuter wachsen. Don denen binden sie sich einen Strauß, stellen ihn ins Fenster, und wenn abends das Dunkel die Farben auslöscht und der singende Wind aus der Ferne herkommt, liebkosen sie ihren Strauß und lächeln, und es ist, als wären es Rosen und als wäre das Ackerland draußen ein Märchengarten. Genug, genug! Was brennt die Lampe noch? In meinen Iugend- gedichten kann ich morgen weiterlesen. Du im Du Gesang an die Heimat. Von Karl Burkert, GDS. Nun bin ich zu diesem Dasein erlesen, zum Lieben, zum Leide, zum Weinen, zur Lust: der Erbe von dem, was du immer gewesen, verschwiegt allen Dingen, die längst du gewußt. Ich schreite mit dir durch all dein Erleben, deinen Schnee, deinen Lenz, dein herbstrotes Gold. Dir bin ich verbunden: deinem Wachsen und Weben, deinem Donner, der durch die Wälder hinrollt. O Heimat, die nie noch mir sich verwehrte mit Sonne, mit Wolke, mit Wasser und Wind — o Heimat, du freudige, feurige Erde: ich bin und ich bleibe dein glückliches Kind! hast mich getragen in deinem Grunde, schweigenden Schoß deiner Mütterlichkeit. __ hast mich geboren zur glücklichen Stunde aus Dunkel und Stille, hinein in die Zeit. Deter verschnaufte. Er zog seine Stiefel an und seine Windjacke aus und überlegte Allein mit der Kraft seiner Arme konnte er das riesige Kreu, nicht wieder aufrichten. Aber vielleicht konnte er es die Halde emporschleifen bis zur Gipfelebene! Diese Strecke maß ungefähr dreizehn Meter. Inzwischen war auch der letzte Rand der Sonne versunken. Ein nrünlidher Glast spiegelte sich wie verpusteter Schwefel in der damm- riqen Luft. Im Osten tropften und blinzelten hochviolette Sterne. JDer Wind blies auf einem heiseren, zischenden Ton und roch nach Flechten und Kräutern. Peter wußte noch immer nicht, wie er es anfangen sollte bas «obige Berqkreuz hinaufzuschleifen. Er erinnerte sich seiner Höchstleistungen m neraaraenen Jahre. Damals hatte er einen wildgewordenen Iungstier an den^Hörnern gepackt und nach hartem Kampf auf die Weide geworfen. Am letzten Jahrmarkt hatte er einen schweren Ringkämpfer durch einen Doppelnelson erledigt, indem er ihm hinterrücks mit den Armen unter den Achseln hindurchschlüpfte und die Hände auf dem Genick des Geg- ners verschloß, daß dieser abgeschnürt, wehrlos und mürbe wurde und schließlich auf die Schulterblätter gedreht werden konnte. Peter stieß einen langen Pfiff aus und tippte sich mit dem Finger gegen die Schlafe. Da kam ihm eine Idee! Wie wäre es, wenn er auch dieses «ertzkreuz mit einem Doppelnelson bezwang?! Wahrhaftig, hier war eine TOog id)’ kett! Er faßte den Dolch mit der Faust und schürfte aus beiden Seiten des Länaspfahles eine Rinne in das Geröll, so tief, daß seine Arme hineinpahten. An den Stellen, wo die Felsen nackt lagen, tonnte er den verwitterten, halbmorschen Gneis mit der Klinge herausstechen. Da n kniet er sich neben das Mittelstück des Kreuzes, wand seme Arme m der Art eines ungeschlossenen Doppelnelsons unter dem Querbalken hindurch in die ausgestochenen Mulden, bohrte sich mrt den F'ngern 'M Boden feit lud das Gewicht der Balken aus feine Arme, setzte diese als Hebel an und begann zu wuchten. Das Kreuz bewegte sich und wurde einen Viertelmeter entlang gedrückt. Peter schob die Arme voraus und druckte von neuem an. Wieder wanderte die Last eimge Handspannen weiter. Das ging ja schneller, als er vermutet hatte! Und um sich anzuei ern, kommandierte er laut: „Hoh—ruck! — Hoh—ruck! — Hoh—ruck! Mit Hoh" krochen seine Arme voran, mit „Ruck" riß er bas Sretyupd). t'uner Zeit hatte er die Last um mehrere Meter verschoben, schließlich muhte er eine Pause einlegen, denn er war außer Atem gekommen. Als er sich niederbeugte zur zweiten Runde, beschloß er, mit feinen Kräften zurückzuhalten. Er mäßigte das Tempo, regulierte de" Atem, und wechselte die Stellen, wo die Arme von den Holzkanten geschnitten wurden Trotzdem begann sein Körper zu schweißen und seme Halsader bestia zu klopfen. Nachdem er drei weitere Meter erkämpft hatte, hielt er die Melle Rast. Jetzt hatte er es zur Hälfte geschafft Er zerneb einen Latschenzweig mit den Fingern und legte sie auf die Nase, der kräftige Kiengeruch wirkte erfrischend. Die Pause währte nur kurz. Hartnäckig stellte er sich zur drillen I Runde In seinem Schädel drehte und taumelte es, und seine Arme brannten. Nach jedem Ruck wurde die Strecke, die nBrullkasten Spanne um Spanne mußte mühsam errungen werden. Sem Brustkasten flog von der Anstrengung. Sein Atem keuchte und pstst Er hielt d Augen geschlossen und biß die Zahne zusammen „Hoh—ruck! — Hoh I __Hoh—ruck!" Er kommandierte nur noch in Gedanken. Die Kruste I drohten ihn zu verlassen. Da hielt er inne. I Nur ganz langsam konnte er sich wieder aufrichten. Vor seinen Augen flackerte ^Sein Rücken war wie gelähmt Seine Beine Merten und aus seinen Armen war das Gefühl gewichen. Der Schweiß perlte m dicken Tropfen von feiner Stirn. Seine Hande waren zer chunden un klebten. Er leckte das Blut mit der Zunge ab, fetzte sich auf de" Balken und atmete schwer und tief, Minuten vergingen, ehe er einen klaren Ge danken fassen konnte. Er nahm sich vor zur letzten Runde erst dann anzutreten, wenn er sich wieder erholt hatte Md außer Schweiß war Schaffen mußte er es auf jeden Fall, vorher wurde er diesen Ort nicht I verlassen. I Peter stellte fest, daß der gesamte Sternenhimmel heraufgezogen war. I (Fg herrschte ein magisches Zwielicht, bei dem man zwar sehen, aber nkchts Genaues erkennen konnte. Die Umrisse der Latschen ver chwammen im Winde, wie Schatten großer Vögel auf einer Getreidefläche Das Bergkreuz, auf dem er faß, schien weder Anfang noch Ende zu habe und zwei verschiedene Wege zu zeigen: Der eme, den er selber gewandert war, führte zur Landesgrenze und wurde von einem andern, der: an der Grenze entlang lief, verriegelt. Peter war weder besonders gläubig noch abergläubisch, in diesem Augenblick aber sagte ihm em hellsichtiges Gefühl, daß bei dem Mädchen, das er besuchen wollte und das er auf einer Kirchweih flüchtig kennengelernt hatte, Unheil und Unfrieden lauerten. Er wußte plötzlich, daß er die Grenze nicht überschreiten und die Re le abbrechen würde. Er fühlte sich wohltuend gestärkt und beruhigt, griff sogleich zum Endspurt unter deck Querbalken, setzte zum Hub an unO preßte, ruckte und wuchtete das Berak'-euz in schnellen Stoßen voran Er war selbst überrascht, wie leicht diese letzte Runde 'hm fiel, ter blieb frisch bis zum Schluß. Mit einem letzten gewaltigen Stoß trieb er oie Balken bis zur Mitte des ebenen Bergsattels. Dann richtete er sich entschlossen auf, klopfte den Sand von den ! Kleidern, zog feine Windjacke an, stülpte den Wetterhut aus, warf Ben ! Rucksack über und wanderte ohne Zögern den Weg, den er glömme war, wieder zurück. Eine Weile war noch sein harter Schritt zu Horen, und wie das Eisen an seinen Stieseln in der nächtlichen Stille lärmte, bann aber wurden alle Geräusche von der Weite verschlungen, unö am das geborgene Bergkreuz glimmten die Sterne. CRingfampf in den Bergen. Eine Erzählung von Gert Lynch. Peter Stürmer näherte sich der Landesgrenze. Er beabsichtigte, seine I Heimat zu verlassen und jenseits der Grenze, wo er von einem Mädchen I erwartet wurde, neu zu beginnen. Da er fast ohne Mittel war, unter- I nahm er die Reise zu Fuß. Peter dampfte, als er den Gipfel der Grenzkoppe erreicht hatte. Er löste den Tragriemen und ließ den schweren Rucksack zu Boden gleiten. I Dann wischte er sich mit dem Aermel der Windjacke über die Stirn und zog die Uhr Diesmal hatte er die Grenzkoppe in knapp vier Stunden bestiegen! Damit muhte er sich von den Heimatbergen verabschieden, aus lange Zeit, vielleicht für immer, wer konnte das wissen. Peter lehnte sich an den Stamm des Gipfelkreuzes, das die Knie- föhren um sieben Meter überragte und den höchsten Punkt der Grenzkoppe bezeichnete. Es ging bereits in den Abend hinein. Die Sonne hing schief im Westen und sprühte einen kreidigen Kupferschein über den Bergsattel. Das dunkle Holzkreuz, das wuchtig und herb gegen den Himmel stand, | färbte sich wie mit Blut berieselt. In den Latschen flirrte der Wind; er j duckte und wellte die Triebe und Zweige, daß sie kochten und brodelten. Peter versprach sich das Aeußerste an Ausblick, wenn er das hohe Bergkreuz erkletterte. Er zog die genagelten Stiefel aus, spuckte sich in die Hande, umschlang den Stamm mit Armen und Schenkeln und preßte sich ruckweise empor. Als er den Querbalken erreicht hatte, merkte er, daß das Kreuz heftig schwankte. Plötzlich verlagerte sich das Schwergewicht, der Stamm gab nach, pfiff schneidend durch die Luft und schmetterte mit dumpfem Donnerjchlag auf die Gneisfelsen am Rande des Steilhanges. Die Erschütterung war so stark, daß Peter eine Zeitlang liegen blieb, ehe er sich wiederfand, seine Knochengelenke ausprobierte und ans Aufstehen dachte. Das hätte bös enden können, sagte er sich, hockte sich auf den Kreuzbalken und massierte seine schmerzende Kniescheibe. „Hoppla!" Peter sprang schnellfüßig auf. Das massive Holzkreuz, das auf der fchiefen Ebene lag, war langsam ins Rutschen gekommen und drohte den Stellhang von nahezu anderthalbtausend Metern hinunterzustürzen. Peter flog das Entsetzen ins Haar. „Halt! Halt!" brüllte er auf und warf sich mit feiner ganzen Länge auf das gleitende Kreuz. Es gelang ihm, die Last der Balken zum Stillstand zu bringen. Er lockerte feine Arme und ließ in der Anspannung der Kräfte ein wenig nach. Sofort kamen die Holzbohlen von neuem ins Rutschen. Peter preßte seinen Körper dagegen und konnte wiederum bremsen. Lange würde er das nicht aushalten, das spürte er Er mußte sich schnell einen Plan ausdenken, nach dem er zu Werke ging, um das Bergkreuz vor dem Sturz in die Tiefe Iu retten. Peter fühlte den jähen Impuls in sich, das Kreuz einfach sausen zu lassen. Mochte es unten auf der Talsohle zersplittern, was brauchte es ihn zu kümmern? Es gab genügend Hölzer am Berg, um ein anderes Gipfelkreuz aufzuschlagen. Peter verwarf diesen Gedanken augenblicklich, sein ganzes Gefühl sträubte sich dagegen. Er durfte das Kreuz, das er umgeroorfen hatte, jetzt nicht im Stiche lassen, er mußte es bergen! Er schloß einen tiefen Atemzug lang die Augen, um seine Kaltblütigkeit zurückzuerobern. Dann suchte er festen Stand, stemmte die rechte Achsel gegen den Querbalken, der das eigentliche Kreuz bildete, griff mit der Linken nach feinem Leibriemen, riß ihn herunter, und legte ihn in Form einer Schlinge um das Mittelstück der Balken. Noch ein Griff, und er hielt fein Stilett in der Hand. Er nahm die Lederscheide zwischen die Zähne, zog die Klinge blank, stieß die Spitze in das gelochte Ende des Hüstriemens. und durchbohrte ihn in Drei- fingerbreite Dann köpfte er mit drei Schnitten eine Latsche und preßte die Riemenöffnung über den Knorzen des Wurzelstocks. Es war höchste Zeit; er bitte bereits das Zittern in seinen Knien. Als er feine Schulter von der Last befreite, zog sich der Riemen straff, und der Wurzelstock bog sich, aber er hielt. Damit war das Kreuz fürs erste gesichert. Nur zwei Meter trennten es van dem Abgrund. Verantwortlich: vr. HansThyriot.— Druck und Deriag: Brühl'jche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. B. Lange, Gießen.