GiehMkZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 193^ Nummer 77 Zreitag, den 5. Oktober OMAN u N ON FRANK F. BRA nicht gegen Vaters Willen. Natürlich muß ich jetzt den Brief an Vera Luzius habe! es ja nicht keinen Fall, kennst den Geliebte!" rasch etwas geschehen, wo Weißt du, was ich mir romontiii etzti, ti« chtig t*j ch her» leifeli. ragen te taatijm :ng|am ? röd)hii|l idung 1« lt!)üS M gedacht habe, ich will den Ewald fragen. Brendel hat immer viel Geld, und er mag mich gern leiden. Außerdem ist er mein Vetter." Wingart Reußner fuhr herum. „Auf keinen Fall!", rief er. „Verstehst du denn nicht? Wenn er dir Geld gibt, genau wie seiner Geliebten — für diese Leute ist das eine Bindung!" „Unsinn! Du bist wirklich verrückt. Er ist mein Vetter." „Mita", er trat näher, ganz erfahrene Männlichkeit, denn er war ja fast sechs Monate älter, „du kennst das Leben nicht. Brendel ist gefährlich! Ich wiederhole: er soll eine Geliebte haben, eine vom Theater!" „Wie heißt sie?", forderte Mita, an dem Kern der Rede letztlich uninteressiert. „Das weiß ich nicht. Aber soviel ist ganz gewiß, Brendel kannst du nicht um Geld bitten. Das dulde ich einfach nicht!" Mita fuhr herum. „Das duldest du nicht?! Erlaube! Sind wir verlobt? Hast du Rechte?" Wingart erschrak War er über das Ziel geschossen? Er lenkte ein. „Vielleicht werden wir eines Tages verlobt sein, Mita? Oder glaubst du das nicht?" Und er nahm ihre Hand, die auf dem Tisch gestützt lag und streichelte sie. Mita ihrerseits war kaum ernstlich gereizt; sie empfand, daß Win- garts Fragen rhetorisch gemeint waren und keine direkte Antwort verlangten. Sie sagte sofort versöhnlich: „Wir streiten um des Kaisers Bart, Wingart. Ich muß Geld haben und sogleich. Das ist alles. Du begreifst, daß ich nicht noch einmal Luzius angehen kann, er würde erraten, für welchen Zweck ich es haben will. Es bleibt nur Brendel. Oder fall ich versuchen, den Doktor Bellmann anzuborgen? Ich fürchte, der hat selber nichts." Sie sah vor sich hin und fuhr fort, noch ehe Wingart den neuerlichen Protest hätte loslassen können, „Brendel mag mich, glaube ich, ganz gern; nicht nur verwandtschaftlich. Neulich bin ich mit ihm auf der Treppe zusammengestoßen, da hat er mich gehalten, daß ich nicht fallen sollte. Es war nichts dagegen zu sagen, weißt du, nur, es geschah eine Idee zu lange, zu herzhaft zugepackt auch; eine Frau spürt so etwas." Sie hätte das nicht in ihrer Offenheit sagen sollen, die junge Mita, dies Geständnis brachte Wingart in hellen Zorn. „Und du hast diesen Vetter nicht zurückgestoßen!?" empörte er sich. „Wie konnte ich! Wir wären ja beide gefallen. Außerdem gehört Brendel zur Familie." Wingart rang sich zur Fassung durch. „Du begreifst wohl, daß du Brendel nicht um Geld angehen kannst, nicht wahr? Es ist völlig ausgeschlossen. Du wärest ja, also — direkt verworfen, Mita!" Sie stampfte mit dem Fuß aus. „So rede doch nicht immerfort dasselbe! Woher soll ich denn Geld nehmen? Hilf du mir doch! Verschaffe du es mir!" Sie trat an ihn heran. „Hast du gar keine Beziehungen? Deine Mutter, Wingart. gibt sie es dir nicht vielleicht?" Wingart senkte den Kopf: er war ein wenig größer als das Mädchen; so sah er gerade in Mitas Augen. Die waren groß und sehr blau und leuchteten verwirrend. Und Wingart Reußner, Oberprimaner des Heinrich-Hertz-Realgymnasiums, fühlte bebend, wie ihn kurz und erschauernd, aber dabei heiß etwas anwehte. Es griff seiner Jugend ans Herz. Er war heiser; er räusperte sich; dann sagte er den Satz, lapidar und knapp, wie eine römische Inschrift: „Ich schaffe das Geld." Und Mita Finkendey, Tochter des Konsuls und Reeders Finkendey, griff seine Hand auf und schüttelte sie herzhaft, genau wie sie es vor nicht langer Zeit mit dem andern Mann, der schon Assessor war, gemacht hatte. Ich schaffe das Geld. Sie fragte nicht nach dem Wie; nur die Tatsache war wichtig; und auf Wingart war Verlaß, das wußte fie. — Ihr kleines Spielchen war zu Ende gespielt; mit gut gemischten Karten und geschickt gebrachten Trümpfen hatten sie gewonnen. Sie konnte nicht vermuten, daß sie ein großes gesäbrliches Spiel entfacht hatte, das noch an diesem Abend seinen dunklen Schatten über die Gesellschaft im Hause Finkendey werfen sollte. Michi '.6'8 ter llt eine» ” unoor: 16 Sjeni :«e|fes < eine li Site* r pnB rftmeiW W* beriili* Jett ein" Sonne W unb * 'smaljrti ■ innjatt» F beim« f n Sorbe. E •ries ml E ■ bie Den L geschenkt", wies Mita ab, „er soll es mir Mita! Brendel kannst du nicht um das Geld Mann nicht. Du sagst: mein Vetter. Pah. Freund mit einer gewissen Nachdenklichkeit. einfeiW ein, * en Slceii1’ nd es ff r fr«»!1 „Ich will leihen." „Auf gar angehen. Du Er hat eine Mita betrachtete ihren .Nun, und?" Serljirti f gie man, j li", man >1 1 unmig, war in ber U I gaben. m mürbe, «arider | m Gtooli Streit it n, baj i; te gotie um Siegt ungen it i „Patfenbe E °bie ou £ -n Fort, fi 1 Bram» 1 >eillefthti D gibt es ’taatber j 5)as dKalsßand / C (Fortsetzung.» Luzius umschlich den kleinen Damensalon; er hörte noch, und Schaden- Jieube ließ sein Gesicht ausglänzen, wie Frau Konsul Finkendey vor- plug, ihren Neffen Ewald Brendel an das Klavier zu bitten — jener fiele doch zu schön — und dann stieß er endlich auf Fräulein Mita finkendey, die lange Gesuchte. „Hallo I" „Hallo!" „Sie verstecken sich ja!" „Vielleicht sollten Sie mich suchen?" „Und wenn man Sie gesunden hat?" Mita wechselte die Beleuchtung, sie stand dort gerade beim Schalter. ,Zch bin überhaupt mit Ihnen böse." Er rang komisch verzweifelt die Hände. „Aber Fräulein Mita, es ist | f unsinnig, mit mir böse zu sein. Ich meine, der Grund ist so un- \ Innig! Sie glauben, wenn ich Sie zu meiner Schwester Vera nach $edin schicke mit einem netten Brief, sind Sie ein gemachter Filmstar." „Das denke ich durchaus nicht, Herr Assessor; aber daß Sie mir jede ! Unterstützung verweigern, finde ich häßlich." „Hm ...", knurrte Luzius, er sah sie an. Mita war hübsch und ! fing. Er hatte nie ein Bild von ihr gesehen, aber er war bereit, jt glauben, daß sie ein Filmgesicht habe. „Hm ... Sie würden natiir- ü Ich mit der Einwilligung Ihrer Eltern reisen?" „Natürlich", echote Mita prompt. Und sie trat näher, griff zutraulich bis Assessors herabhängende Hand und drückte sie. „Schreiben Sie 1 mir den Brief. Bitte, tun Sie es gleich jetzt." Sie zog den Mann neben V sih in das kleine Zimmer, in dem ein Schreibtischchen stand. War es f ist Arbeitszimmer? Luzius sah sich nicht um. Er saß plötzlich an dem i| Ifch; Mita klappte das Tintenfaß auf und legte einen weißen Bogen 1 precht. „Bitte nun schreiben Sie: Liebe Vera,— oder liebe Schwester i - ich schicke Dir hier eine junge Dame Assessor Luzius schrieb. Es war nicht genau das, was fie ihm i! diktiert hatte, aber Mita war am Ende sehr zufrieden. „Erwarten Sie nun nicht zuviel", warnte er. „Man wird ein paar ii Ausnahmen von Ihnen machen, und dann bekommen Sie gelegentlich ii k-scheid. Wahrscheinlich wird meine Schwester, — wenn sie selber ! grabe filmt — Sie auch in der Komparserie kurz beschäftigen können." faltete den Brief und schrieb die Adresse. „Da. Und viel Glück." „Danke", sagte Mita. Sie sah den Assessor groß an, so „groß daß tijius zur Seite blicken mußte. „Sie haben schöne Augen , sagte er | utb schloß sachlich: „das ist wichtig — für den Film." „Ja", sagte Mita noch einmal, und da der Assessor ausstand trat \\ fii zu ihm und forderte ein Uebriges, daß er über den Brief und den || Pxm strengstes Stillschweigen bewahren müsse. | „Weshalb denn?" .. , , . „Ich muß auf gut Wetter warten", erklärte Mita, „sonst oekomme I ib die Erlaubnis von Vater nie!" . Assessor Luzius war beruhigt und versprach auch sein Stillschweigen Mich. Er gelobte es mit Handschlag, den Mita forderte. Mehr ipurde i° nun wohl nicht von ihm verlangt? Nein, Mita war zufrieden. Sie Miückte dem Assessor zum letztenmal die Hand, kräftig, kameradschaftlich : iiti> vertraut. Er lächelte ihr nach, als sie davonttef m einem wenig V Itmenhaften Tempo, das den Rock flattern machte. Er hatte nicht st leiseste Ahnung, daß er ihr in eine Falle gegangen «ar denn » hatte für diese Viertelstunde mit der heben Mita den vorsichtigen j| Hl effor beiseite gelassen. ni. Mita lief hinaus in den ersten Stock tn ifjr 3tmmer wo Wingart MÜ-ußner wartete. Sie warf die Tür hinter sich zu, stieß einen g. !! bernpften Jubelruf aus und umtanzte den Primaner, ihren Brief in ! i<- Lust schwenkend. „Ich habe ihn, ich habe ihn! Wingart Reusiner — war dies alles ein Plan? — nickte ohne ■hberlidje Erregung. „Ich sagte es dir", stellte er fest, „der Luzms Ist es. Man muß ihn nur richtig anpacken. Es ist genau wie mit dein B enbel, der mir morgens deine Post, ehe Vater kommt, aus den Miefen herauRcht - wenn du die Güte haft, m.r zuweilen zu I '(treiben “ ' „Diese letzten Worte im Tone sanften Vorwurfs Zwangen Msta zur j tgegnung „Wir sehen uns doch fast leben Tag, -Bingert, was I Er strich durch^die Luft mit der flachen Hand. „Genug. Wann willst 01 reifen?" , ., „Sie sah ihn an. „Ich weiß es nicht. Ich muß sehen woher ich 8'to bekomme. Vater wird es mir nie geben, und Mutter wag du, Olga?" (Fortsetzung folgt.) Ewald Brendel saß am Klavier; genau gesagt, war es ein Flügel. Es war nicht einmal so, daß Frau Konsul Finkendey bie schone Tante, ihn lange hätte bitten müssen. Er spielte gern und willig. Wahrscheinlich nicht ganz frei von einer liebenswürdigen Eitelkeit, wußte er gut, daß sein Spiel in diesem Kreis gefallen würde, und daß es mchü so war, wie wenn der eingeladene Künstler nach dem Essen für tue Bewirtung eine Gegengabe bieten muß, indem er zur Unterhaltung auf seine Mge?stand'in der Mitte des Musiksalons Sessel und Sofa, Hocker und Stühle waren zwanglos um kleine Tischchen, che Notenblätter trugen, an den Wänden entlang geordnet. Nur die Klavierlampe brannte. Es war sehr still in dem Gemach; denn Brendel war wirklich ein Könner. Ms er ein Präludium griff, verstummte das letzte Wispern. Aber gerade da war es, daß Frau Finkendey einen leichten Schrei ausstieh, und daß jener Ton in die Luft sprang, wie wenn Seide zerreißt oder Papier. Justizrat Reußner, nächst am Lichtscha ter, knipste die Deckenbeleuchtung an. Da sah man im klaren Ampellicht die Bescherung. Es war nicht Papier, sondern wirklich Seide zerrissen worden, nämlich der Frau Konsul Kleid. Wie es geschehen war, blieb immer unklar. Jedenfalls hatte der Konsul seiner Gattm em reichlich großes Dreieck in die Hüfte gerissen, aus dem nun das lichte Unter« ^’gra^DIga war zunächst entrüstet. „Dein Ring wahrscheinlich", schalt sie- „wenn dir das nun nicht glücklicherweise bei mir passiert wäre... , und sie brach ab. Der Konsul lachte als einziger laut. „Olgachen , sagte er der Ewald wartet. Zieh' dich um. Mach' keine Reden, sei heb. Er geleitete seine Gattin in das Nebenzimmer und kam zuruck. Er schmunzelte. War nicht er der Held dieser Szene! Der Riß und das neue Kleid welches fällig war, bedeuteten Belanglosigkeiten; aber daß er in der Dunkelheit seine Gattin wie ein Don Juan hatte heimlich umarmen wollen, das war doch eine entzückende Nuance, nicht wahr? Die jungen Männer lächelten zurück. Sie fanden nun wieder tue Freude des alten Herrn über feinen Streich reizend. Jan Strombeck begann eine feiner Geschichten. „Ich kannte einmal eine Singhalesm — , und endete damit, daß das Aufspringen einer einzigen Spange genügt hatte —, aber da sprach jemand etwas dazwischen, und dann kam auch schon Frau Olga zurück. Sie war jetzt ganz in Schwarz. Sie hatte auch den Schmuck gewechselt. Statt der Perlen trug sie jetzt einen Brillantanhänger um den Hals. Luzius sah es; er bewunderte die stilvolle Art dieser Frau. Manches würde sicherlich auf die Tochter Mita übergegangen fein. Und er suchte mit den Blicken Mita, aber er fand sie nicht, denn Frau Olga hatte wieder Platz genommen, und der Justizrat drehte gerade das Deckenlicht ab. Waren alle im Musiksalon, Gastgeber und Gaste? Es war nicht genau festzustellen, denn nun reichte das Licht wieder nur für Brendels Notenblatt. Luzius, noch mit der Zigarre in der Hand — die kann der frömmste Mann rauchen, Luzius, die bekomme ich direkt aus Habana —, Luzius hatte das Gefühl, mit feinem Tabakrauch zu stören. Er trat leise auf und schlich sich in das an den Musiksalon anschließende 8immer. Hier brannte kein Licht; dies Gemach war nicht mehr für die äste bestimmt. Das nächste Zimmer war das Schlafzimmer des Ehepaares Finkendey. Luzius wollte in den Musiksalon zurückgehen, aber die Tür stand offen, er hörte die Musik, und er war hier allein. Er fetzte sich in einen Sessel, der ihn fast verdeckte. Auf dem Tisch in der Nähe fand er eine Schale, die nahm er als Aschenbecher. So saß er allein. Vor dem Fenster, das unverhängt war, standen Bäume im Mondlicht. Die Blätter schienen mit Silber bestrichen. Luzius saß ganz still. Brendel spielte hervorragend. Die Zigarre war wunderbar. Er gab sich doppeltem Genuß hin und lauschte auf die Musik. Erst als Brendel geendet hatte, und der Beifall verrauscht war, hörte er Brendel sagen: „Aber ich bitte Sie, meine Herrschaften, Sie beschämen mich ja; ich bin ein Dilettant", schlich sich Luzius in den Salon zurück und fügte sich dem Reigen wieder ein. An einem kleinen Tisch saß Brendel bald darauf und stärkte sich mit einem kühlen Getränk. Reginald Zurrhelm — wann war er überhaupt zurückgekommen? — setzte sich zu ihm. Luzius machte den dritten. „Nun", fragte Brendel, „wie war es denn, Reggy? Lag eine günstige Nachricht bei dir im Haufe?" Reginald Zurrhelm schüttelte den Kops. „Nein", sagte er kleinlaut, „wie immer eine Absage. Ich bin nicht unter den Preisträgern." „Also bann das nächste Mal", tröstete der gutmütige Brendel. „Wir sind ja noch jung." Zurrhelrn schüttelte nervös den Kopf. „Wir sind eben nicht mehr jung", jagte er, „wir bilden uns das nur ein, weil wir unsere Jugend verpaßt haben. Inzwischen ist die junge Generation längst da, und wir sind bestenfalls Mittelalter." Brendel wollte lachen, aber dies blaffe ekstatische Gesicht des Sprechers verbat sich das. Er betrachtete ihn. „Was ist mit dir? Du hast dies Nein schon einige Male im Leben erfahren, nicht wahr?" Reginald Zurrhelm antwortete nicht gleich; er nagte die Unterlippe. „Ich will gehen", sagte er plötzlich. „Was soll ich hier? Ich fühle mich nicht wohl. Barbara ...", und er brach ab. Aber er ging noch nicht. Er schlug ein Bein über das andere, traf bei der Bewegung unsanft Luzius mit der Schuhspitze und vergaß es, sich zu entschuldigen. Luzius spürte den Schmerz unerwartet stark. „Ah, — was für efiig spitze Schuhe tragen Sie denn, Zurrhelm?" sagte er, und rieb die getroffene Stelle an der Wade. Zurrhelm erschrak, als habe ihn jemand gellend angerufen. „Bitte?"; bann oerftanb er unb entschulbigte sich. Aber es war wirklich, als habe ihn jetzt jemanb angerufen. Er erhob sich unb gab ben beiben Freunden die Hand. „Ich gehe", sagte er nochmals, „ich fühle mich nicht gut." Luzius unb Brendel schauten ihm nach. „Ob er gemerkt hat, daß der Holländer hinter seiner Frau her ist?", meinte Brendel. Luzius zuckte die Achseln. „Vielleicht wäre selbst das in seiner Lage von Vor» teil. Er würde sich aufraffen unb nicht auf ben Sternfall für bas j brave Kind warten. Denn er liebt seine Frau." Brendel antwortete nicht mehr, es kam gerade der Doktor Bellmann heran. „Dars ich mich zu Ihnen setzen?" „Furchtbar gern, Doktor sagte Brendel freundlich. Doktor Bellmann brachte eine Spatausgabe der Zeitungen mit Funkmeldungen. „Der Zeppelin ist angekommen. Haben die Herren es schon gehört?" Er gab bas Blatt an Brenbel; der überflog bie Schlagzeilen, bas Resultat genügte ihm. Luzius las sorgfältiger. „Vierunbsechzig Stunben", sagte er, „eine Leistung. Das , Blaue Banb bes Ozeans und bas ber Lüfte haben mir nun. Doktor Bellmann nahm die Zeitung auf, bie Luzius hinlegte "D'erunbfunfzig , Stunben, Herr Assessor, wenn ich nicht irre." Er überflog bie Seite, j fand bie Stelle und wies mit bem Finger barauf. Luzius sah ihn an. „Sie lesen ja ohne Brille", sagte er, benn der Hauslehrer hatte du Gläser zurückgeschoben. „ . Doktor Bellmann lächelte gezwungen. „Ich bin wettsichttg, erklärte er, „lesen kann ich gut ohne Gläser." Luzius schüttelte ben Kopf. „Merkwürbig, ich habe bas immer genau । umgekehrt gehört. Weitsichtige tragen nur beim Lesen Brillen sonst nicht ; Lassen Sie. mich Ihre Gläser sehen, bars ich bie Brille einmal aussetzen? Sie wissen wahrscheinlich nicht, bah Sie kurzsichtig, nicht weitsichtig sind. Er streckte bie Hand aus, bie Brille bes Herrn Bellmann zu empfangen, aber er bekam sie nicht. Der Hauslehrer ftanb horchenb auf. „Entschuldigen Sie mich bitte", bat er, „der Herr Konsul ruft mich.' Luzius unb Brendel lauschten. „Ich höre nichts', sagte Luzius. „6m komischer Angsthase", äußerte Brendel, „wenn mein Onkel ruft, lauft bet Mann beinahe im Trabi" Luzius beharrte: ,Lch habe ben Konsul gar nicht rufen hören." Brenbel sah ihn an. „Sie sinb ,a auch bestimmt nicht gerufen worden", fügte er trocken. „Äder was ich Ahnen fügen roollte, in der Karlstrahe 63 ...", unb er hatte eine Jbee, wie Luzius zu einer Wohnung kommen könnte. . Der Abend endete denn auch recht vergnügt. Brendel spielte noch zu einigen Tänzchen auf, unb gegen Mitternacht ging man auseinander. Jetzt erst vermißte man Reginald Zurrhelm. Brendel und Luzius begleiteten Frau Barbara gemeinsam nach Hause. Es war kein weiter Weg. Frau Barbara war heiter und unbeschwert. Doch, Reginald habe sich regelrecht verabschiedet, aber er habe ihr versichert, es sei nur Abgespanntheit; so fei sie ohne Sorge. Beide Ritter küßten ihr vor der lür dien Hand. Barbara Zurrhelm war eine entzückende Frau. Luzius und Brendel gingen noch ein Stück die Straße zu Ende. „Warum Jan Strombeck sie wohl nicht nach Haufe begleitet hat?" „Entweder hat er mehr Takt, als wir bei ihm annehmen, oder er und Barbara Zurrhelrn sind sich längst einig und brauchen diesen fpaten. I Heimweg nicht mehr." . „Das wäre ein Jammer um den armen Reggy , sagte Brendel. Luzius. zuckte bie Schultern. „Da", sagte er unb hielt Brendel beim Arm fest,, „da hören Sie!" In einer Loggia sang ein guter Tenor — Radio oder Grammophon. — als sei er für diese Pointe bestellt, das Lied des Herzogs von: Mantua. ... auf flächt'gern Sande habt ihr gebaut ... „Kommen Sie noch mit zu mir auf einen allerletzten Kognak-Soda? „Danke, ja", sagte Luzius. — Sie schritten burch die mondhelle Straße;: das Geräusch ihrer Tritte wanderte im Takt hinter und vor ihnen her.. Zweites Kapitel. Im Schlafzimmer brannte Licht. Konsul Finkendey warf die Jacke ob- und knöpfte feine Weste auf, da erreichte ihn das Plätschern aus dem I anschließenden Badezimmer. „Olga?", meinte er fragend. Frau Olga Finkendey in der Badewanne unterband alle Plantsch- geräusche. „Lorenz", sagte sie, „du stellst manchmal Fragen! Als«> wer, ich bitte dich, könnte sonst jetzt hier in der Badewanne sitzen!? Aber dann unterbrach sie sich; es gab ja Wichtigeres zu sagen, als diese! Plänkelei. War es angebracht, dies Geständnis im Wasser zu machen! Sie legte den Gummischwamm aus der Hand. Die Tropfen rannen wi« Perlen an ihrem Arm herunter. Perlen, — ja bie Perlen waren weg!! Sollte sie es sagen, jetzt? Würde er sich erregen? Sie sah an sich herab,, fand sich in diesem fremden, wenn auch keineswegs ungewohnten Element; ihr Körper nahm unter Wasser seltsame Formen an unb leuchte!!! so sehr weih, baß es fast geheimnisvoll schien; und ba, als sei sie nm Wasser fern von bem etwaigen Zorn bes Gatten unb sicher, sagte st! kurz unb knapp: „Mein Perlenhalsband ist verschwunden, Lorenz." Der Konsul vernahm den Satz unb verstand ihn gut, aber er sagte,, was jeder in dieser Situation und Minute gesagt haben würde. „Wie: bitte?" „ , et*. „Mein Perlenkollier ist aus dem Schlafzimmer verschwunden. habe es selbst abgelegt, als ich mich umzog. Ich fand, die Perlen pahtm nicht recht zu dem schwarzen Kleid. Ich erinnere mich genau: ich leg« die Perlen in ben offenen Schmuckkasten auf ben Nachttisch. Vorhin, als ich meinen anderen Schmuck dazutun wollte, stellte ich fest, daß dar Kollier weg war. Futsch." Sie sagte das Futsch mit spitzem Munde; es klang fast wie ein Pfiff. . Konsul Finkendey knöpfte seine Weste wieder zu. Er wanderte auf om Bettumrandung einmal rings um das Lager. Dann sagte er: „Das verstehe ich nicht!" .... Frau Olga stimmte aus der Badewanne sofort zu: ,,3cf) auch wW- Don den Dienstboten hat niemand mehr das Zimmer betreten. Ich h? zur Gewißheit auch noch nachgeftagt. Sie waren alle unten beschaing^ Man hätte auch gehört, wenn jemand die Treppe heraufgekommem Der Konsul trat an die Tür. „Komm heraus aus dem Wasser", fot" berte er nervös. m „Geh weg aus der Tür", stellte Frau Olga eine entrüstete Eeger. bebingung. Der Konsul zog sich zurück. „Also", meinte er. „was glau Okioberlied. Don Theodor Storm. Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holdenl Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergoldenl Und geht es draußen noch so toll, Unchristlich oder christlich. Ist doch die Welt, die schöne Welt, So gänzlich unverwüsllichl Und wimmert auch einmal das Herz, — Stoß an und laß es klingenl Wir wissen's doch, ein rechtes Herz Ist gar nicht umzubringen. Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holdenl Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergoldenl Wohl ist es Herbst; doch warte nur. Doch warte nur ein Weilchen I Der Frühling kommt, der Himmel lacht, Es steht die Welt in Veilchen. Die blauen Tage brechen an. Und ehe sie verfließen. Wir wollen sie, mein wackrer Freund, Genießen, ja genießen! An die See. Aus meinen Kindheitserinnerungen. Von Wilhelm v. Scholz. Wilhelm v. Scholz gibt demnächst unter dem Titel „Berlin und Bodensee" bei Paul List in Leipzig den ersten Teil seiner Selbstbiographie heraus. Das mit Zeitbildern geschmückte Werk behandelt die Jugend des Dichters in dem kaiserlichen Berlin, in dem sein Vater der erste Staatssekretär des Reichsschatzamtes und der letzte Finanzminister Bismarcks war, ehe er auf seinen Ruhesitz Seeheim am Bodensee übersiedelte. Wir entnehmen dem Buche folgenden Abschnitt: In diesem Jahre ging die Sommerreise nach Heringsdorf — zum ersten Eintauchen in die See. Die noch nicht für lange aufnehmenden, noch hilflosen Augen eines einjährigen Kindes hatten zwar schon Nordsee und Ostsee — weit außerhalb des Umkreises der kleinen greifenden Händchen — sehen dürfen. Aber die Eindrücke so früher Zeit haften nicht, vergehen in die sich erst bildende Seele, wie später morgens die Träume in den Erwachenden, bildlos. Die Freude auf die Reise an die See war die Freude auf etwas Neues. Ich glaube, daß jeder Junge einmal Seemann werden will. Für mich war es lange Jahre meiner Kindheit der heißeste Wunsch — ein phantastischer, romantischer, ganz unwirklicher Wunsch; so stark vielleicht nur, weil er letztes, fast am Ursprung lagerndes Menschheitsurtum in_ sich trägt; vielleicht, weil er die größte, sich über alle Meere und Küsten dehnende Freiheit vortäuscht und Abenteuer über Abenteuer verheißt. In den Werdewünschen des Knaben spiegelt sich alles frühe Sein des Mannes als des Kämpfers gegen eine erst feindliche Umwelt. So will der Junge Seefahrer werden: das ist das erste Erobern des Meeres, das in ihm anpocht; Kutscher, Reiter, Jäger: die Bezwingung des Tiers; Heerführer, Soldat: die Niederwerfung der anderen, der benachbarten Menschen. Jeder Berufswille geht auf eine Macht aus; und seine Steigerung aus dem Machtwillen des allgemeinen ursprünglichen Mannestums ist die Ueberbetonung zuletzt des eigenen Einzel-Jchs im persönlichen Ehrgeiz und in der überheblichen Einbildung. Seemann! Es ist auch das Fahren, die Schönheit des großen Segelschiffes, wenn es sicher und stetig durch die Wellen gleitet, und die Beglückung, am Steuer stehend durch Drehen einer Griffstange, eines Rades die Kräfte alle, die in diese Segel drücken, in der Hand zu haben, anstrengungslos von ihnen gefahren zu werden. Fast: verwirklichter Zauber — der meine Kindheit hindurch mein Traum, Wunsch, phantastischer Gedanke war, und später ernüchtert in meiner sehnsüchtigen Vorstellung sich in Maschinen verwandelte, die auch alles leisten konnten wie der Zauber. Die Eindrücke von Heringsdorf — zusammen mit der Lektüre von „Robert der Schiffsjunge" und „Robinson Erusoe", die ich nicht mehr der Zeit nach bestimmen kann — haben jedenfalls meine Seemannslust und den Wunsch, zur Marine zu gehen, kräftig genährt. Was war schon der Strand für eine Wunderwelt! Das Kinderauge sieht wie in einer Großaufnahme nur das Kleine und ist allenfalls dort, wo das Kleine fehlt, bereit, sich auf das Große einzustellen. Am Strand war es der gelbgoldene Spielsaick> — der trockene, rieselnde und der nafle, feste, in dem man nahe dem Wasser Tritte em- graben, mit dem Stock Striche und Risse hart hineinzeichnen konnte, dre dann die nächste Welle weich überspülte, verlchwemmte und wegnahm. Die Festungen und Burgen, Wälle und Knale, die sich mit ihm bauen ließen, drängten all die leere, schöne, unendliche Wecke der See hinweg zumal außer den Segelbooten der Fischer und den Nahdampfern sich nur selten und fern ein Großschifs zeigte. Nur noch dre Wellen, wo sie Zur schäumenden Brandung umbrechen, heranspulen und wieder zurZu strömen, wo sie an ruhigen Tagen sich fast als friedliche Spielgefährten des Kindes gebärden, gehörten dazu — bei besonders unbewegter See mft den bunten behängten Wunderglocken der Quallen und den kleinen Stichlingen, die zu fangen und in einem Glasgefäß zu halten, heißer und vergeblicher Kinderwunsch war. An kleinste Bröckchen im Sand gefundenen Bernsteins erinnere ich mich und an die vielen Tausende von erhaltenen und zerscherbten Schalen von Muscheln und Wasierschnecken, die den Strand der See als schmaler, beim Begehen knirschender Gürtel umgeben. Das wehende Strand- und Dünengras, mit dem sich nichts anfangen ließ, lag im Rücken, das Spielgebiet immer hart am Wasser Das Kind ist unablässig erfüllt von Tätigkeitsdrang — selbst in dem Vielerlei, was es träumt, in sich vorstellt und dichtet. Es will bauen, fischen, Krieg fiihren. Auch das ruhige Sehen ist ihm Tätigkeit. Es will nicht jpazierengehen, es sinnt und träumt nicht in die Landschaft. Es will etwas zu tun haben. Sa suchte ich im Sande Muscheln und Bernstein, ging in meinem Wolljägeranzug — von dem vielleicht gerühmt worden war, daß er vor jeder Erkältung schütze, auch wenn man darin ganz naß würde — bis an die Brust ins Wasser, um mit meinem Hute Fischchen zu fangen, oder baute Burgen. Ich glaube, daß ich diese Spiele, bei denen ich mir unter lockerer Aussicht selbst Überlassen war, sogar noch dem Eselreiten auf den Langenberg vorzog. Ob auch dem Segeln? Kaum! Da standen auch die unfehlbaren Eltern und anderen Erwachsenen wie man selbst unter dem Oberbefehl des sachkundigen Schiffers, wobei man eine neue Art von Autorität, die verantwortungsvolle, berufliche, kennen lernte: Befehlsgewalt des Kapitäns! Die Kurgäste von Heringsdorf hatten damals keine Pachten ober kleinen Sportboote zur Verfügung, sondern charterten für kürzere oder längere Segelausflüge oder auch nur für Stunden große Fischernachen, in denen meistens der Fischer mit noch einem Gehilfen die Fremden führte. Einmal stampfte unser Fahrzeug, als wir hart gegen den Wind fuhren, mächtig schlagend und klatschend von jedem schaumigen Wellenberg ins nächste wogende Tal hinab; ein anderesmal legte das Boot sich bei ruhiger, viel glatterer See am Wind hingleitend ganz schief — wir mußten alle auf der hohen Bord feite fitzen, von der man immer auf die niedere und ins Wasser zu fallen fürchtete. Ich habe mir damals alles eingeprägt: das Schwert vor allem, das noch seitlich angelegt wurde, das Bugspriet und den Klüverbaum, das Großsegel, die Resfbändel und was es sonst Wissenswertes gab. Denn das Seemannswesen fing doch in meiner Einbildung langsam an, mein Gebiet zu werden. Ein buchenumstandener und umschilfter sonniger Teich, zu dem ein oder zweimal nachmittägliche Kafieeausslüge gemacht wurden, ganz nahe bei Heringsdorf, ist wie ein Bild zu Lenaus Schilfliedern in meiner Erinnerung. Es gab dort ein an einem niedrigen Brettstege angekettetes Boot, von dessen Bordrand man in die nur leicht überspiegelte flargrüne Tiefe hinabsehen konnte, in die Grundgewächse mit ihren langen ziehenden Fäden, die über Steine ober abgebrochene Schilfrohrstümpfe sich hinstrählten. Seerosen, Frösche und Wasserspinnen werden dort gewesen fein; und sicher die schnellenden und dann, von ihren eigenen rasenden Flügelchen umschwirrt, reglos an derselben Stelle stehenden grünblaublitzenden Stäbchen der Libellen. Mit ein paar Schaukelbewegungen des Boots ober einem geworfenen Stein konnte man bas ganze stille Wasserreich in Bewegung bringen, große, immer größere Kreise auf bem Spiegel entstehen lasten und zusehen, wie die Wellchen fern vergliiten und noch lange in dem unergründlichen Wasserurwald zwischen dem Schilf ober ben Binsen nachwogten Es war September geworben. Ein Tages- ober Halbtagesausflug auf bem guten alten Schraubendampfer „Sequenz" nach Misdroy war vorangegangen; ein Vortakt. Wenige Tage später fuhren wir dann bei ziemlich welliger See auf einem der Ruderboote, die den Ankunfts- und Abfahrtsverkehr der Reifenden besorgten, an den in freiem Wasser haltenden Dampfer „Kronprinz Friedrich Wilhelm" heran. Das Heran- bringen und Holen der Fahrgäste war für die Schiffer wohl ein leidlicher Verdienst, für ängstliche Reisende, namentlich Damen, aber nicht immer leicht. An windigen Tagen war man besonders froh, wenn man erst den llebergang vom schneller schaukelnden Boot auf das mit dem Schiff anders und ruhiger schwankende Fallreep und das Hinaufsteigen auf der Außenbordtreppe hinter sich hatte. Nach einer schönen frischen Fahrt war das Ausbooten in Saßnitz nicht weniger harmlos aufregend, als das Einsteigen gewesen war. In Rügen fiel mir gleich auf und erschütterte mein Wissen um die Welt, in dem längst der Sandstrand fast zum Begriff des Meeres, mindestens der Ostsee, gehörte, daß hier der Strand ein steiniges Kieselgeröll war. Saßnitz verblich rasch gegen das, was ich nun zu sehen bekam: die Kreidefelsen von Stubbenkammer! Das leuchtende Weiß gegen das Blau der See, des Himmels und der Ferne — das ist mir doch damals schon als etwas Neues, Herrliches aufgegangen; die leise beginnenden Herbst- farben der Wälder dazu. Vielleicht fing hier die eigentliche landschaftliche Ergriffenheit an, sich in mir vorzubereiten. Freilich gestehe ich, daß mir der abendliche Lichtzauber, den man für die Reisegäste in den geisterhaft weißen Felsen veranstaltete, noch bleibenderen Eindruck gemacht hat. Das war noch eine gute alte Zeit: große brennende Reisigbündel, die man in einer Rinne der Felsen hinunterstieben ließ, wobei sie vom Zugwind des Falls feurig aufglühten und vom Streifen am Stein Funkengarben um sich schleuderten, während die Kreideriffe rötlich angestrahlt waren. Ob wir in Stubbenkammer selbst übernachtet haben ober nach dem Abbrennen wieder ins „Hotel zum Fahrenberge" in Saßnitz zurückgekehrt sind, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls find wir einige Tage auf Rügen geblieben. Denn bestimmt habe ich noch den Herthasee gesehen und nicht ohne Schauder von den grausamen Gebräuchen der Nerttzusseiern bei den stützen Vorbewohnern der Insel gehört. Für das Kind, welches, umhegt und behütet, das Wesen der Erwachsenen sich natürlich nach den Eltern bildet, die es lieben und von ihm geliebt werden, ist es ein grund- haftes Erschrecken, wenn Erzählungen von Menschenopfern, welcher Art sie fein mögen, plötzlich an die Abgründe unserer gemeinsamen Natur Verantwortlich: Dr. Hans Thyrioi. - Druck und Verlag: Brühl sche Univerf itälS-Buch. und Steindruckerei. 2L Lange. Sieben. Zwei Minuten später stand Mtchelsen vor f)unbertmart Gefesselt — neben sich zwei Hünen mit gezogenen langen chinesischen Schwertern. Sie sagen?" fragte der Chinesenführer. Käv'n" sagte Michelfen besonnen, „machen Sie meinetwegen keme Dummheiten. Ich habe am Skagerrak dem Tod ins Gesicht geguckt. Dieser hier ist auch nicht schlechter. Ein deutscher Seemann steht für sein Schiff..." Ftundertmark schüttelte den Kopf. , „Für eine Sache sterben, Michelsen, für fein ßanb v^bluten, gut. Aber für ein paar idiotische Banditen — das dulde ich nicht. Ich führe das Schiff!" wandte er sich an den Chinesen. Allrightl“ nickte der. „Aber wenn Sie machen Dummheiten, wir werden hinrichten. Meine Boys haben Appetit auf Blut wir haben lange keinen hübschen Kamps gehabt!" Bewacht stand Hundertmark nachher auf der Brücke. Hinter »hm drohten Messer und Gewehre und neben ihm stand reglos der chlnesische cviaer der ihn anwies, vor jeder an der Kimmung auftauchenden Rauch- fahne einen Kreis zu beschreiben. Elf Tage dauerte die Fahrt. 3n Der Nackt sollte die „Ware" von drei Küstenbooten übernommen werden. Sie kreuzten mit halber Fahrt immer in gleicher Entfernung vom Land Der Gelbe lieh nun, da er Gewißheit hatte, von Hundertmark richtig geführt worden zu sein, dem Alten etwas Bewegungsfreiheit an Bord. Was konnte auch passieren? Die Weißen sahen gefangen m den Bunkern und überall standen die Boys mit geladenen Gewehren umher. Hundertmark grübelte. Er kam an der Kombüse vorbei, schnupperte und fragte den chinesischen Koch: „Was hast du da? Nur Reis? „Ja — Fleisch sein alle. Leute haben Hunger, aber nur Stets. Eine Idee! Hundertmark fragte schnell: ,Zch habe noch eine Dose Fleischextrakt. Willst du haben? „O, very fine — Reis besser schmecken, wenn nicht nur Wasser!" Drei Minuten später gab Hundertmark dem Koch eme Stembuchse. Er fürchtete, fein Plan könnte mihlingen — aber wie sollte der Mongole die lateinische Inschrift lesen? „Pharmazeutische Fabrik Dr. Desselm... Gut, bah der Hafenarzt ihm dieses Betäubungsmittel für die Schiffs- apotheke gegeben hatte — es sollte bei Gelbfieber die Kranken jur Siutje bringen. Wenn die Dosis ausreichte, muhten bie Banditen auch zur I Die Chinesenmannschast nahm im Verglühen der letzten Sonne stoisch die Reismahlzeit zu sich. Ein Gelber fragt nicht ob etwas gut schmeckt I er will den Magen füllen. Der Reis sah bräunlich aus, als fei Sofee ober I Fleischextrakt hineingemengt, also munbete er ihnen. Von der Brücke aus sah der Kapitän, wie einer und noch einer der Kerle einfach um« I klappte. Der frühere Heizer kroch mit schweren Gliedern die Treppe zu ihm herauf. „Was Sie haben gemacht mit meine Leute? lallte er rnude. Hundertmark wendete sich ruhig zu ihm um. Da verdrehte auch der Banditenführer die Augen und klappte zu Boden. Nur der Koch, der seinen eigenen Reis gemieden hatte, hantierte noch ahnungslos in der Küche. Hundertmark nahm den ersten besten Revolver und hielt ihn durch die Luke: „Los, hilf — oder ich leg dich um!" Winselnd kam das »eine gelbe Etwas aus dem Küchendunst. Sie stiegen ins Schiffsinnere, entfernten unter Schweihdächen die Eisen von den Bunkerturen. I Los — Jungs!" rief Hunderfmark. „Alle Mann an Bord! Aber so dunkel es im matten Licht der beiden Bordlaternen war, ihn I schüttelte doch das Grauen, als er seine Kerle sah. Diese elf Tage hatten sie zu Skeletten abmagern lassen. Sie hatten in Schanghai, solange der Kurs unbestimmt war, keinen Proviant eingenommen An den Resten I hatten sich die Selben gütlich getan — und elf Tage Reis mit Wasser und Wasser mit fReis, das kann der beste Fahrensmann nicht verknusen! I Hilft nicht!" sagte Hundertmark, indem er jedem die Hand druckte, als'sie an Bord standen. „In einer halben Stunde müßt ihr die gelben Hunde sicher verstaut haben. Aber so, daß sie nicht die Munition hoch- qehen lassen können. Jeden einzelnen fesseln, denn langer als drei Stunden reicht die Belaubung nicht. Und bann muß die Maschine die letzten I Knoten hergeben — in achtzehn Stunden ist der nächste Konsulatshasen I erreicht. Dort werden wir die gute Fracht in gute Hande abhefern. Ihr sollt euch nicht unnütz gequält haben.. " I Aber es dauerte keine achtzehn Stunden. Die Meldung der Hamburger Reederei war auch an den englischen Torpedojäger „Stel on weiter- qeqeben worden: Dampfer verschwunden — Piratengesahr! Das hatte genügt, um die nächsten Küstenstrecken nach allen Regeln der Kunst abzukämmen. Im aufstrahlenden Scheinwerfer wehte die schwarzweihrote Flagge durch die Nacht. Hundertmark ließ sofort Notsignal geben und dann dampfte es stampfend und dröhnend heran. Schnelle Verständigung I durch Megaphon — ohne Zeitverlust wurde der kleine Dampfer ms Schlepp genommen und los gings zur nächsten menschenwürdigen Statwn. (ge((jen!„ |Qgte Hundertmark, der neben dem englischen Kommandanten den Abmarsch der Gefangenen über die Kais ansah, „man muß ihre stoische Ruhe bewundern! Keiner zuckt auch nur mit einer I Miene " Bewundern?" der Engländer zuckte die Achseln. „Haben Sie schon mal" eine chinesische Hinrichtung erlebt?" Nein — na, dann können Sie sich wohl wundern. Was geschieht ihnen? Sie werden ein paar Jahr« I eingesperrt, roenn’s schlimm wird, Strafarbeit. Arbeit schadet denen nicht, und roenns viehische ist. Aber in China richtet man mit glühenden Eisen hin. Das kann hier ja nicht geschehen, und darum sind die Kerle beinahe zufrieden. Uebrigens, ich habe Ihnen zweitausend Dollar Belohnung Ächtest"" sagte Hundertmark. „Meiner Mannschaft. Und außerdem bekommt jeder Mann jetzt zwei Tage Landurlaub, umschichtig. Ich habe zwar den Kops auch nicht verloren — aber von meinen Serien war jeder ein Held, denn ich wäre wohl bei den elf Tagen im Bunker oer rückt geworden, und die haben gleich nachher wieder ihre Pflicht getan. führen. Ohne sich hineindenken zu können und die Vorstellung wie eine I lästige Fliege damit abwehrend, daß es sich sagt: das war tn alten, wre I lonae vergangenen Zeiten so und kann nie wieder kommen, dämmern doch Ahnungen von Furchtbarkeit, die das Leben in seinem märchenhaften Zukunftsdunkel vielleicht verbirgt. „her Aber rasch ist solches Erschauern in der fortleuchtenden Sonne ober I In neuen Eindrücken oder im tiefen Schlafe der Kindheit vergessen... ZRofe Dschunken vor Schanghai. Von Walter Per sich. Kapitän Hundertmarks kleiner Dampfkahn war eigentlich Ur Ausreise bereit. Aber auch an diesem Morgen war die drahtlose Nachrich I aus Hamburg ausgeblieben. Irgend etwas mit ber 5U ubern^menben Labung mußte noch nicht stimmen. Der Alte gab ber Mannschaft An- I Weisung, Deck unb Reling gehörig zu putzen. . Mann Mickelsen", fragte er seinen Steuermann beim Stunbgang. I WoMr kommen benn bloß die verdammten roten Segel auf der Reede? Gestern sind diese Art von Dschunken doch noch nicht zu sehen gewesen? ^'ch Ireß' V Besen^wenn bas nicht Piratenschifse sind! Die Chin^ slsch'er haben boch gelbe unb braune Segel — btefes Rot will mir auch nickt nifaaen ... aber was geht uns bas an? Eigentlich ging es ja auch bie Deutschen nichts an, was sich in der I ©trommünbung Herumtrieb. Sollten bie Chinesen selb st ""Waffen unb I die internationale Wasserpolizei war ja auch noch da. Aber esfolleste I wohl doch was angehen. Denn die Geschichte begann am Nachmittag. I Mit dem auffrischenden Wind setzten sich zwei der großten Dschunken aus I ber Flotte in Bewegung, und als das erste Dammer dunstig an die Kais I fant, schusterten die breiten Chinesenfahrzeuge batfborbs unb steuerbords I an die frei im Strom ankernde „Elbe" heran. . . I Ehe die Deckswache viel fragen konnte, waren zwei von den Kerlen I mit den breiten Basthüten die Gangway rauf unb standen schon an Bord. In ihren Gürteln blitzten Messer unb Pistolenlaufe unb tn ben I gelben Fäusten trugen sie Säcke. Der bitte von ben Chinamen trat auf I Klausen, ben Maat, zu unb fragte englisch: „Your Captain?“ „ _ . Michelsen war aufmerksam geworben, kam von ber Brücke. Der Selbe grinste nur gegen seine bösen Worte. ™ Oh, Käp'n Hundertmark mich kennen gut. Wir sein alte ^Bekannte von Singapor — und werden machen ein großen Geschäft... Michelsen konnte die Kerle nicht loswerden. Ueberrascht durch die Behauptung des „Seeräubers", wie er ben Kerl im stillen nannte, weckte er ben Alten in seinem Nachmittagsschlas. Hunbertmark rieb sich die Augen. Der Chinese war ihm tatsächlich bekannt. Er hatte ihn einmal in Singapor als Heizer heuern müssen, weil sein weißer Mann an Schwarzfieber erkrankt war, unb war auch mit bem Gelben ganz gut bis nach Afrika rübergekommen. In seinem Deckstuhlhorte er an, was ber Kerl zu sagen hatte. Er wollte zwei Sack Elfenbein verkaufen in Jnbien geflaut, wie Hunbertmark sofort erkannte. „Verbammt!" brüllt er los, „soll ich vielleicht um eure Gaunerei mit den Behörben hier Scherereien kriegen...?" ,0h, wenn Mister nicht wollen bies günstige Angebot, wir gehen zu englischen Kapitän, ber immer kauft — aber ich kannte Mister... Runter!" schrie Hunbertmark — „weg von bem Schiff! Mit reglosen Gesichtern kletterten bie Chinesen bte Gangway runter. Warum bloß guckten sie vorher so seltsam in bie Runbe? Warum? Nun, bas würbe Hunbertmark unb seinen Leuten genau sieben Stunden später klar. Der Alte erwachte nämlich, alles war finster, vom Stampfen der Maschine. Hatte er Befehl zur Ausfahrt gegeben? Drei Minuten Besinnung — nein! Auf sprang er, rüttelte an ber Xur ber Kajüte Verschlossen. Hunbertmark tobte. Niemanb öffnete. Er schlug das kleine Fenster nach außen auf — ihm entgegen schob sich ein Gewehrlaus unb im Schwarz erkannte er bie Umrisse eines ber oerbammten Basthüte. „Still!" sagte ber Mann. „Gewehr geloben! Hundertmark mußte kuschen. Er sann nach. Mso doch Seeräuber. Sie hätten ihre Vermutungen doch besser gleich in die Niederlas ung gemeldet. Das mußte ihm passieren — er hatte immer den Kops geschüttelt, wenn er von Piratenüberfällen auf dem Stillen Ozean Meldung bekam. Ungenügende Wachsamkeit — jetzt war ihm das kaum tausend Meter von den Kais passiert! Die roten Dschunken mußten im Dunkel lautlos ran- gefahren fein. Wie Affen können die Kerle an den Wanten hoch und mit drei Fausthieben ist die beste Wache hingestreckt. Na, unb bie tn ber Hjke schlafenbe Mannschaft, halb tot vom Tagesklima, hat man im Augenblick entwaffnet unb wehrlos gemacht. Ueberhaupt — mehr als em halbes Dutzenb Schießeisen hatten sie auch gar nicht an Boro! tatsächlich hatten bie nächtlichen Vorgänge sich so ähnlich abgespielt, wie ber Kapitän vermutete. Klarheit über bie Absichten ber Banbiten erhielt er erst am Morgen auf freiem Meer. Unter bem Schutz einiger Gewehre betrat fein „Freunb" die Kabine. „Darf ich Sie zum Frühstück einlaben?" „Der Teufel soll bich holen!" fuhr Hundertmark auf. „Oh, Teufel ich nicht kennen!" meinte der einstige Heizer gemütlich. „Wir aber müssen sprechen über Kurs nach Jndochina... „I ch bin der Kapitän!" „ „Allright. Und Sie werden sühren Schiss nach Jndochina... „Was soll ich dort?" : v ™ „Wir haben an Bord genommen auf leeres Schiss zweitausend Maschinengewehre. Und Munition. Jndochina braucht sowas, zahlt gute Preise. Uedernahme erfolgt auf offener See. Ich bereit fein, zu geben Sie unb Ihre Mannschaft ein Halb von mein Gewinn. Wenn nicht gutmütig Sie sagen Ja, ich lasten solange einen Mann jebe Stunbe von Ihre Mannschaft köpfen, bis Sie haben sich besonnen! Hallo, Boys! rief er nach braußen. „Steuermann bringen?"