SiehenerZaMenblütter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang Montag, Sen 5. März Nummer l8 Das Paradies. Von Ruth Schaumann. Ich bin dir lieb, ich bin dir wert. Der schönste Engel trägt ein Schwert, Es funkelt vor des Gartens Tor. Sind wir darin, sind wir davor? Sind wir darin, wie kann dann sein Die Träne an den Wimpern mein? Stehn wir davor, was gäbe kund Das Lächeln über deinem Mund? Es blüht ein Srern, es blitzt das Schwert — Du bist mir lieb, du bist mir wert. Sind wir davor, sind wir darin? Ich weiß nur eines: daß ich bin. O gib vom seidnen Pfühle ... Eine Liebesgeschichte von Paul Ernst. Bei der Regierung zu H. wurde ein Assessor von Weither beschäftigt, ein sehr tüchtiger und begabter Mann, von dem icder annahm, daß er eine große Laufbahn vor sich habe, wenn es ihm wenigstens glücken sollte, eine wohlhabende Frau zu gewinnen, denn er war vermögenslos. Aber man durfte wohl annehmen» daß es ihm glücken würde, denn er sah stattlich aus, war gesund, hatte ein liebenswürdiges Wesen, und es hätte nicht der geringste Grund vorgelegen, weshalb ein Mädchen, das er begehrte, ihn nicht lieben sollte. , . . „ Der Präsident der Negierung hatte mehrere Söhne und eine einzige Tochter namens Anna, welche nun eben im Heiratsalter "°Anna galt in ihrer Gesellschaft als ein ausnehmend schönes und begabtes Mädchen. Die jungen Herren von der Regierung pflegten ja einen durchaus auf das Wirkliche gerichteten Sinn zu haben, aber beim Gericht findet sich immer der eine oder andere schwärmerische Referendar, der ja dann meistens Rechtsanwalt wird: aus diesem Kreise, welcher sich sehr schnell ändert, empfing Anna besonders, viele Huldigungen,- freilich waren dre Huldigungen eben immer junge Männer ohne Gewicht. Bei den ernsthaften Bewerbern stand im Wege, daß die Vermogensverhaltnisse der Eltern als nicht günstig galten, denn durch die Erziehung und Ausstattung der drei Brüder war das kleine Vermögen aufgebracht, welches Annas Mutter von ihren Elter ne r e r bi h a tt e. 5>err von Weither saß bei einer Gesellschaft neben Anna. Herren im Frack mit Orden, in weißer Hemdbrust, mit funkelnden Brillen, in bunten Uniformen, Damen in ausgeschnittenen Kleidern, mit blitzenden Edelsteinen, Geräusch und.Gesurr der Stimmen über den Tisch Klappen von Fachern, nickende Blumen in Gesäßen Körbchen mit Obst und Süßigkeiten, Weingläser verschiedener Art neben den Tellern, das Kommen und Bedlenen der Leute, das in ganz anderem Schrittmaß geschah — bas seltsam aufregende Ganze des Festmahles wirkte auch auf die beiden, daß plötzlich eine Gemeinschaft zwischen ihnen war, eine Vertrautheit und Heimlichkeit, ein Gefühl des Zusammengehörens in einer fremden Menge, wo denn Türen der Seele sich offnen und Worte gesagt werden, die den Menschen sonst nie über die Lippen kommen würden aus Scheu und Befangenheit. hpT11 Was war es denn, das sie sich sagten? Als sie am andern Morgen sich jedes die Worte bedachten, die sie ja genau auswendig gemerkt hatten, da war ihnen, als seien das ganz gleichgültige Gesellschaftsgesprache gewesen, die sie: gewhrt- Es mutzten tn jenen Augenblicken doch diese nun gleichgult gen Geivrache einen geheimen Sinn gehabt haben, der uumfttelba: das Gefühl anregte, die Gespräche mußten nicht das Wichtige gewesen jem. Sie hatten aber vom Theater geredet, von einer Sängerin, welche Lieder aesunaen, von einem Buch, welches gerade von allen Leuten gelesen wurde,- es war dasselbe gewesen, das sie in früheren Gesellschaften schon gesagt und in spateren noch sagen wurden und das alle Damen und Herren ^"8 Alters in ihrem Kreise auch sagten, wenn sie sich in einer Gesellschaft trafen. Die Präsidentin sprach mit ihrem Manne ub" Anna. Sie bat ihn, Herrn von Weither etwas an sich heranzuziehen. Der l. ra- sident sah sie mit einem müden Gesichtsausdruck an und nickte mechanisch mit dem Kopf. Die Frau erschrak, umarmte ihn und fragte besorgt: „Ist dir etwas. Lieber?" Er schüttelte den Kopf, küßte sie auf die Stirn und ging. Herr von Weither wurde von der Präsidentin auffallend bevorzugt. Er war eine Waise, seine Eltern waren früh gestorben, er war in bedrängten Verhältnissen ausgewachsen,- es fehlte ihm an der Leichtigkeit, welche notwendig ist, und er hatte außer den gesellschaftlichen Beziehungen, welche sich aus seiner Stellung ergaben, keinerlei Verkehr in Familien. So war ihm die Freundlichkeit der Präsidentin sehr nützlich. Er wußte ja wohl, daß der Präsident und seine Gattin seine Neigung zu Anna gemerkt hatten, er bekam auch Anspielungen von Amtsgenossen zu hören, daß er seine Laufbahn sehr geschickt einleite,- zuweilen dachte er auch an ein späteres Leben mit dem lieblichen und klugen Mädchen, und eine tiefe Sehnsucht nach Glück überkam ihn. Es geschah ihm sonst nie, daß er Dichtung las: nun nahm er sich Goethes Gedichte aus dem Schrank, blätterte und las und dachte an Anna. Anna hatte eine Freundschaft, wie so die Mädchenfreundschaften sind, mit der einzigen Tochter eines sehr reichen Fabrikanten, welche den Namen Marie führte. Marie war vielleicht nicht häßlich, aber unschön: sie war klein gewachsen, hatte ein gewöhnliches Gesicht, ausdruckslose graue Augen, und vielleicht verlieh nur ein Schein einer großen und harmlosen Güte, der über ihr ganzes Wesen strahlte, ihr eine gewisse Anziehung. Marie mit ihren Eltern war durch ihre Freundin in die Gesellschaft der Beamten und Offiziere gekommen, wo sie denn als der Goldfisch galt. Anna hatte auf Bällen gewiß nie Mangel an Tänzern, vielleicht mußte Marie eher einmal einen Tanz aussetzen: aber die beiden Mädchen fühlten doch genau, daß Marie umschwärmt wurde und Anna fast einsam blieb. Sie sprachen einmal darüber, und Marie meinte, daß Anna für die jungen Herren zu klug und gebildet sei,- sie dachte an Herrn von Weither, zu dem sie eine siille, ja uneingestandene Liebe fühlte, und sie war stolz darauf, daß der stattliche Mann die Freundin auszeichnete, der als der begabteste in dem ganzen Kreis anerkannt war: sie konnte es nicht sagen, aber sie fühlte, daß Herr von Weither ihrer Freundin alle anderen Verehrer ersetzen konnte, die möglich gewesen wären. Herr von Weither war auch mit Mariens Eltern bekannt geworden, er hatte Besuch gemacht und war eingeladen. Marie freute sich, daß er Gast im Hause ihrer Eltern wurde und machte sich nicht klar, ob er besondere Gründe haben mochte: sie fühlte eine leichte Verstimmung ihrer Freundin: aber kaum hatte sie die gefühlt, als Anna auch durch vermehrte Herzlichkeit den Eindruck verwischte, den sie wohl bemerkt hatte. Wie ost wissen wir nicht, welche Gründe uns bewegen, was wir eigentlich erstreben: die beiden jungen Mädchen spürten wohl, daß zwischen ihnen eine Entfremdung kam, aber sie machten sich deren Gründe nicht klar, mochten sie sich vielleicht nicht klar machen: und so blieb denn ihr Verhältnis das alte, mit Küssen, Tändeln, Schwatzen und Kichern und allen jenen oft scheinbar kindlichen Aeußerungen der weiblichen Jugend, die noch immer einen tief verborgenen Sinn h"*An einem Abend ging Marie allein nach Hause, nachdem sie sich von der Freundin verabschiedet hatte. Es lag Schnee auf den Straßen, die Tritte der Menschen knirschten, und sie fühlte einen unerklärlichen Jubel int Herzen. Ihr Elternhaus war durch ein Vorgärtchen von der Straße geschieden. Sie sah das Zimmer des Vaters erleuchtet, das Zimmer der Mutter, das Wohnzimmer: und plötzlich wußte sie: „Er ist da." Sie erglühte vor Beschämung und zögerte, den Drücker in die Hand zu nehmen: aber dann schüttelte sie den Kopf, griff fest zu, öffnete; die Glocke schellte, das Mädchen kam, nahm ihr die Sachen ab; am Kleiderhaken hing sein Hut und Mantel, das Mädchen erzählte: „Der Herr Assessor ist da"; sie sprach: „So? Ich gehe auf mein Zimmer." Sie saß aus ihrem Zimmer im Dunkeln auf einem Stuhl vor ihrem Schreibtisch, ihr Herz pochte. Die Mutter trat ein. Mit freundlicher Stimme fragte sie, weshalb sie im Dunkeln sitze; sie antwortete nicht. Die Mutier trat zu ihr, Marie barg ihren Kopf an der Brust der Mutter und weinte, die Mutter streichelte ihr das Haar und sagte: „Wir wollen dir ja nichts in den Weg legen. Er soll uns recht fein als Sohn, er ist ein tüchtiger Mann und wird dich lieb haben." Tränen tropften auf den Kopf Mariens. Marie dachte an die Freundin. Hätte sie das fassen können, was sie fühlte, dann hätte sie sich gesagt, daß sie schuldig sei gegen Anna. Aber dergleichen blieb tief im Untergrund ihrer Seele, und durch eine eigentümliche Verknüpfung der Gedanken war das erste, das sie ihrer Mutter sagte: „Wird er sich mit mir auch so gut unterhalten können wie mit Anna?" Die Mutter lächelte; sie wußte Ja nichts von der Gedankenverknüpfung, und hielt den Ausspruch für eine Aeußerung von Mariens Kindlichkeit. Sie sagte: „Nun mutzt du mit in die Wohnstube kommen." Marie sah nichts, als sie in die Wohnstube trat; sie fühlte nur, wie ihre Hand hochgehoben, zart gedrückt wurde; der kurze Schnurrbart stachelte den Handrücken. Dann lag sie in den Armen des Vaters und an seiner nassen Backe. Sie dachte sich: „Weshalb weine ich denn nicht? Die Eltern weinen. Aber vielleicht ist es gut, wenn ich nicht weine, ich sehe dann häßlich aus." Marie schlief spät ein und wachte am andern Morgen früh aus. Sie dachte, daß sie ihre Freundin besuchen mutzte, um ihr die Verlobung mitzuteilen; aber da fühlte sie einen so heftigen Kopfschmerz, dah sie bat, ob sie im Veit liegen bleiben dürfe. Die Mutter sorgte zärtlich für sie, sie streichelte der Mutter die Hand, und indem sie sich von der Freundin abgewendet fühlte, spürte sie eine besondere und neue Liebe zu der Mutter. Sie schrieb einige Zeilen auf einen Briefbogen, erzählte Verlobung und Krankheit und sagte der Freundin Grütze. Als Anna den Brief gelesen hatte, preßte sie ihre Lippen zusammen und reichte ihn schweigend ihrer Mutter. Deren Hand zitterte, als sie las, sie sagte: „Das ist ja eine erfreuliche Verlobung. Ich habe zu Herrn von Weither immer eine besondere Zuneigung gehabt, und die gute Marie wird einen trefflichen Gatten bekommen." r , Anna sagte mit Anstrengung: „Die Gute hat heftig Kopfschmerzen; man kann sich wohl denken, die Aufregung war gewiß groß. Es wäre wohl richtig, wenn ich sie besuchte. Vielleicht kann ich ihr irgendwie nützlich sein." Die Hochzeit wurde bald gefeiert. „Ich werde an der Hochzeit teilnehmen müssen, es wird ohnehin genug gesprochen werden", sagte Anna zu ihrer Mutter. Die Mutter ergriff ihre Hand, die Tränen standen ihr in den Augen, und sie wollte der Tochter ein tröstendes Wort sagen. Aber Anna wendete sich ab und sagte: „Es ist nicht so, wie du wohl denkst. Ich dachte ja wohl, was ich fühlte, das wäre — nun, das wäre etwas anderes. Du mutzt nicht lachen; ich habe „Romeo und Julia" noch einmal gelesen. Ich bin keine Julia. Ein Mädchen aus guter Familie ist wohl nie eine Julia. — Du mutzt nicht denken, daß ich das bitter sage. Ich bin nur verwundert." Die Mutter machte eine Bemerkung über Herrn von Werther. „Ach", erwiderte Anna, „gute Mutter, auch er ist ja ganz anders, als du denkst. Er ist ein braver Mensch, er ist vielleicht nicht sehr entschlossen, denn sonst hätte er nicht so viel bei uns verkehrt; baß er mich nicht heiraten konnte, das wußte er ja, wie ich es wußte; aber es war ja bei ihm wohl noch so etwas da, das man gewöhnlich Liebe nennt." Sie dachte — sie dachte das nicht wörtlich so, aber sie dachte es fühlend: „Wenn er ein Romeo gewesen wäre, vielleicht wäre ich dann eine Julia." Herr von Weither'ging unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Gedankenlos griff er zu dem Band Goethescher Gedichte und schlug ihn auf. Da fiel sein Auge auf die wunderschönen Verse: „O gib vom seidnen Pfühle Träumend ein halb Gehör." Sein Auge füllte sich mit Tränen, und eine Träne tropfte auf das Buch. Fndtjof Tlansen, her Held. Von Knud Rasmussen. Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem bei Brockhaus in Leipzig erschienenen „Heldenbuch der Arktis" von Knud Rasmussen, dem kürzlich verstorbenen bedeutenden dänischen Polarforscher. Wer versucht, sich ein Bild davon zu machen, wer und was Nansen wirklich war, der faßt kaum, wie soviel Reichtum in einem Menschen vereinigt sein konnte. In Nansen ergänzten sich die beiden großen Kräfte des Lebens: Wille und Gefühl, Verstand und Instinkt in wunderbarem Gleichgewicht. Ich habe kaum je einen Mann kennengelernt, den die Natur mit solchen Vorzügen des Körpers ausgestattet hatte. Er schien immer einen Kops größer zu sein als alle andern. Seine Schönheit lag weniger in den Gesichtszügen als im ganzen Auftreten. Eine große, durch körperliche Uebung geschmeidige Gestalt, ein willensstarker Mund, helle Augen, blondes Haar — das war Nansen, von Ansehen und in seinen kühnen Plänen ein Wiking. Hätte man uns erzählt, er sei irgendein der nordischen Saga entstiegener König, wir hätten es geglaubt. Er war hart, wie einer es sein mutz, um über andere zu gebieten, und zugleich weich genug, um mit andern fühlen zu können. Seinen starken Willen beflügelte jene Kraft der Anschauung und Vorstellung, ohne die niemand ein großer Mann wird. Nansens Name gehört zu meinen frühesten Kindheitserinne- rungen. „Fridtjof Nansen hat Grönland auf Skiern überquert" — so ging es an der grönländischen Westküste von Mund zu Mund, von Gehöft zu Gehöft. Damals war ich neun Jahre alt und wohnte bei Jakobshavn. Wir Grönländerjungens verstanden sehr wohl, was das für eine Großtat war. Wir kannten das Inlandeis, hatten es von den Felsgipfeln aus gesehen, die wir so gerne bestiegen. Endlose Massen von Eis und Schnee bis an den äußersten Gesichtskreis, giftgrüne grundlose Spalten, die an unserm heimatlichen Eisfjord den weißen Gletscherrücken zerriffen. Wie konnte Nansen diese Wanderung wagen und vollenden? Der fremde Mann wurde unser Vorbild und Held. Das erste war, daß wir alle Skier haben mutzten. Niemand in Jakobshavn hatte bis dahin Skier besessen. Die unfern waren nicht so ganz nach allen Regeln der Kunst gemacht. Da waren welche aus gemeinem Kiefernholz, andere aus kurzen Fahdauben, aber das war ja gleichgültig, wenn es nur Skier waren. Wir trieben von morgens bis abends das neue seltsame Spiel. Wer am besten fahren konnte, durfte sich Fridtjof Nansen nennen. Das weckte den Ehrgeiz. Wer sich den Ehrennamen verdient hatte, trug den Kopf noch einmal so hoch wie vorher. Nansens erste Tat war also die Grönlandfahrt im Winter 1888 bis 1889. Bis dahin wußte man nichts über das Binnenland. Einige Forscher, darunter auch Nordenskiöld, vermuteten hinter den Gletschern eisfreie Landstriche mit milderem Klima. Alle früheren Expeditionen waren von der bewohnten Westküste ausgegangen. Nansen dagegen wollte es vom rauhen und öden Osten her versuchen. Er meinte: „Die gepriesene Rückzugslinie ist eine plumpe Falle. Wer ans Ziel kommen will, mutz die Schisse hinter sich verbrennen und die Brücken abbrechen. Dann verliert er keine Zeit mit Umsehen. Ich will mich durch den Treibeisgürtel an die Ostküste durchkämpfen und von dort aus zur Westküste den Lockungen der Zivilisation entgegenwandern." Dieser Grundgedanke erschien vielen Kritikern dummdreist, sie meinten, er verrate völlige Unkenntnis der Verhältnisse, aber Nansen blieb fest, ging seinen Weg und kam zum Ziel. Fridtjof Nansen war am 18. Oktober 1861 geboren. Obwohl tcin norwegischer Abstammung, hatte er viele Verwandte in Dänemark, sein Ahnherr war der berühmte Kopenhagener Bürgermeister Hans Nansen. Schon als junger Mensch war Fridtjof ein hervorragender Sportsmann, übte sich vor allem im Skilaufen. Während seines naturwissenschaftlichen Studiums bewies er schon eine bedeutende Begabung und die Fähigkeit, neue Wege einzuschlagen. Mit 27 Jahren las er die Beschreibung von I. A. D. Jensens und Nordenskjölds Wanderungen über das Inlandeis. Damals faßte er den Plan, Grönland zu überqueren. Der unbekannte junge Mann hatte es nicht leicht, in Norwegen bas nötige Geld aufzutreiben, aber der dänische Staatsrat Augustin Gamel stellte ihm durch Vermittlung der Dänischen Geographischen Gesellschaft den erforderlichen Zuschuß zur Verfügung. Die Art der Vorbereitung ist für Nansens Sorgfalt bezeichnend. Er reiste vor Antritt der eigentlichen Expedition mit einem Robbenfänger zur Ostküste von Grönland und machte sich mit den Eisverhültnissen vertraut. Nur fünf Männer solltew ihn begleiten. Die Ausrüstung mußte so leicht wie möglich sein, denn er wollte keine Zugtiere mitnehmen. Die fünf Schlitten waren nach besonderen Angaben nur mit Bindungen, ohne einen einzigen Nagel gebaut. Die Schlafsäcke waren aus Renntierfellen, die Kleidung, auch die Unterkleider, nur aus reiner Wolle, damit sie nicht von der Körperausdttnstung feucht wurde. Die Fußbekleidung bestand aus Lappenschuhen. Pemmikan, Fleischschokolade, fette Erbsensuppe und Tee bildeten den Lebensmittelvorrat. Der Spirituskocher war eigens für Nansen erdacht. Außer den Skiern waren auch kanadische Schneeschuhe beschafft worden. Die Mitglieder des Trupps waren außer Nansen selbst der Kapitän Sverdrup, Leutnant Olav D i e t r i ch s o n, der Norweger Christian T r a n a und die beiden Lappen Ragna und Salto. Im Juni 1888 brachte der Robbcnfänger „Jason" Nansen und die Seinen an die Ostküste. Das Eis machte die Landung unmöglich. Die Expedition bahnte sich in den Booten mühselig, aber mit großem Geschick den Weg zum Kap Bille. Am 22. August begann die Jnlandwanderung. Nach zwei Tagen war die Höhe von 2600 Meter erreicht. Auf dem weichen Eis des Küstenstrichs waren die kanadischen Schneeschuhe am besten geeignet, später setzte Nansen auf dem festeren Inlandeis die Wanderung mit Skiern fort. Am 17. September war der höchste Rücken erreicht, die Eisfläche fiel nach Westen ab. Drei Tage später wurden die Gipfel der Westküste bei Godthaab sichtbar. Nansen kam nach vierzigtägiger Wanderung am Ameralikfjord an, aber von dort bis zu den ersten menschlichen Wohnungen bei Godthaab waren noch 100 Kilometer. Nansen und Sverdrup bauten ein Bootsgerippe aus Bambus, Skistöcken und Weidenzweigen und bespannten es mit Zeltleinwand. Die Ruder bestanden aus Bambusstäben, die Ruderblätter aus Gabelzweigen, die mit Segeltuch bespannt wurden. In diesem kümmerlichen Boot ruderten die beiden nach Godthaab und fchickten von dort eine Hilfstruppe zum Rand des Inlandeises, wo die vier Kameraden zurückgeblieben waren. Das Hauptergebnis der Expedition war der Nachweis, baß Grönland im Innern von einer ununterbrochenen Eisdecke überzogen ist. Die Gletscherkunde fußt bis heute auf den Beobachtungen, die Nansen auf dieser Fahrt gemacht hat. Die wetterkund- lichen Feststellungen waren nicht minder wichtig. Nansen hat in den Höhenlagen der grönländischen Eis- und Schneewüste Reihenmessungen der Lufttemperatur vorgenommen und dadurch einen Kältepol nachgewiesen, der vielleicht das Wetter weit über Grönlands Grenzen hinaus beeinflußt. Die Wärmestrahlung in der dünnen, trockenen Luft über dem eigentlichen Jnlandseis war erstaunlich stark. Zwischen dem 11. und 15. September sank die Temperatur nachts bis auf minus 20 Grad Celsius, die Unterschiede zwischen Tag- und Nachttemperatur waren so bedeutend, wie sie sonst nur in Wüstengegenden, etwa in der Sahara, vorkommen. Nach erfolgreicher Durchführung dieser Reise erschienen zwei Bücher, die uns beweisen, daß der Künstler und Schriftsteller Nansen dem Forscher und Sportsmann ebenbürtig ist. „Zu Ski durch Grönland" und „Eskimoleben" sind volkstümlich-wissenschaftliche Werke höchsten Ranges. Geburt, Taufe, Hochzeit, Jubiläum, Weihfeste wesentliche Anlässe zur Gestaltung der handgearbeiteten Sachwerte. Das tiefere Wesen der deutschen Volkskunst kann nur aus der Kenntnis dieser Stationen des Jahresringes und der Lebenseigenheiten, den frohen und ernsten Bräuchen des bäuerlichen Menschen verstanden werden. Für Konrad Hahm, der die Grundlagen und das Wesen der Volkskunst am klarsten, sinnfältigsten und überzeugendsten formuliert hat, ist „ihre geistige Voraussetzung die ewige Gleichheit des Lebens, die unerschütterliche Wiederkehr der Jahreszeiten, die den Lebensablauf und die Jahresarbeit der Menschen geleiten und lenken". Wie schon gesagt wurde, bestimmen Brauch und Glauben Formen und Inhalte der Volkskunst, die durch die Stammes- und Landschaftseigenheiten zu einem mannigfaltigen Werkgut von unerschöpflichem Phantasicrcichtum und elementarer Ausdruckskraft wird, so daß von diesen Dialekten der Volkskunst in der Denkschrift zur deutschen Volkskunstausstellung, Dresden 1929, als von einer Muttersprache der Hand gesprochen werden kann. Dabei muß stets bedacht werden, daß es den anonymen Volkskünstlern nicht um die Schaffung „schöner Gegenstände", sondern um die Schaffung von Gegenständen des täglichen Lebens- und Arbeitskreises, also um Gebrauchsgut, zu tun war. Was als Erlebnis der Natur in der Volkskunst sichtbar wird, lebt in ihr in ihren Elementen, nicht als „objektive Naturwahrheit". Die Perspektive ist kein Problem für Vauernkünstler. Wir finden im allgemeinen keine realistischen Naturdarstellungen, sondern Abstraktionen. Das bäuerliche Werkschaffen äußert sich vor allem in einer zweidimensionalen Flächenkunst unter Bevorzugung geometrischer Strenge und ornamentaler Behandlung der Gegenstände. Interessant ist hierbei das Zurückgehen auf ältestes Ornamentgut. Die Motive sind dem Zauberglauben, der volkstümlichen Magie, dem Mythos und den christlichen Glaubensübungen entnommen und erhalten somit, oft in abstrakter Lösung, gewandelt und verändert, sinnbildhafte Bedeutung. Lineare Schmuckformen sind besonders beliebt, und selbst naturalistische Motive werden gern und oft in ornamentalen Linien aufgelöst. Schon aus dieser Aufzählung einiger Grundelemente kann man den künstlerischen Reichtum der gestaltenden Kräfte des Volkstums ersehen. Dem Werkstoff nach umfaßt die Volkskunst alle schöpferischen Möglichkeiten des volkstümlichen Schaffens. Aus der Verarbet- | tung und Gestaltung des ältesten Werkstoffes der deutschen Volkskunst, des Holzes, besitzen wir eine ungeheure Fülle der schönsten Lösungen als Mobiliar, Geräte für Wohnung, Küche, Wirtschaft, Stall, Acker. Hiervon wie ebenfalls von den anderen Sondergruppen der nach Werkstoffen gegliederten Volkskunst (Metallbearbeitung, Gewebe und Kleidung, Töpferei, Glasmacherei) bergen staatliche und Privatsammlungen und Heimatmuseen eindrucksvolle aufschlußreiche Zeugniffe schöpferischer Kunstfertigkeit und volkstümlichen Formwillens, von denen wir den natur- und gemeinschaftsgebundenen Volkscharakter deutscher Stämme und Landschaften in seiner geistigen Eigenart und vielströmigen Lebenskraft ablesen können. ßin Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Der Doktor hatte sich stark in die Hitze geredet und zuletzt kollerte er so, daß er die Hände zu Hilfe nehmen mußte, seinem Kerzen Luft zu machen. Als darum das Fräulein zu seinem Zorn hellauf lachte, da sah er wohl, wie dieses Lachen ihr Gesicht verschönte,' aber es war ihm nun auch genug, von dieser hochmütigen I1 Dame komisch genommen zu werden. Fräulein Petersen, wenn Sie auch das noch komisch finden, dann kündige ich den Vertrag! grollte er. Und lassen mich in der Wildnis sitzen! lachte sie weiter. Gegebenenfalls, ja! bestätigte er und wußte nicht, was das heißen sollte, daß sie kopfschüttelnd zu der Aussichtsbank oberhalb des Weges ging, sich darauf fallen zu lassen, wie er es unten in der Stadt getan hatte. . . ™ ■ Was suchen Sie da? zürnte er hinauf; und sie sagte: Meinen Lumor habe ich wiedergefunden! Und als er das ganze zierliche Persönchen im Silberkleid anstarrte, das ihn so dreist zu verhöhnen schien, fuhr sie fort und lächelte fast verschmitzt zu ihm herüber: Komisch furchtbar! haben Sie zu mir gesagt, Herr Doktor Schmitz. Und ich war es auch. Denken Sie, ich habe doch nicht gewußt, daß es zwei Doktoren Herbert Schmitz gibt! Und haben mich für den angehenden Verlobten von Fräulein Jülli gehalten? begriff der Doktor und mutzte sich auf den Grasrand setzen, seine Ueberraschung auszulachen: Darum also! be- Artff PJ Ja, darum! sagte sie. Schließlich ist Jülli erst neunzehn Jahre alt, wie Sie wiflen. Und ich hatte doch nur von einem Doktor Herbert Schmitz aus Köln munkeln gehört. Wie der zur Tur hereinkam, mit dem schmutzigen Seidenpapier in der Hand, da patzte der Aufzug zu ihm, und ich gönnte ihm den Fall. Hatte er nur den Hals dazu gebrochen! wünschte ich. Dann wäre der Skandal beseitigt, bah er dieses Kind heiraten will, bloß weil er in Engelberg Verrücktheiten mit ihr getrieben hat. Und dann standen Sie auf einmal noch im Meldeamt da, und ich dachte — Das eifrige Fräulein schwieg mitten in ihrer Rede mit einem Blick auf den Doktor still, offenbar erschrocken über das, was sie ^Aber°der'Doktor berief sich auf den Vertrag: Sie müssen mir sagen, was Sie dachten: nach Paragraph zwei dürfen Sie keine Heimlichkeit und Hinterlist haben! Was ist deutsche Volkskunst? i Von Walther G. O s ch i l e w s k i. Die deutsche Volkskunst als eine der aufschlußreichsten Wertsammlungen volkskundlicher Sachgüter ist bis in die jüngste Zeit hinein von der Volkskunde wie von der Kunstwissenschaft in ihrer Bedeutung unterschätzt worden. Die volkskundliche Forschung, die sich die Bestimmung, Erklärung, Sammlung und Betreuung der Lcbenserscheinungen unseres Volkstums, wie sie in der Volksdichtung, im Volksglauben, in den Weistümern, in Brauch, Sprache, Mundart, Sage, Lied und Märchen sichtbar werben, zur Aufgabe machte, ist eine verhältnismäßig junge Wissenschaft, die erst in den letzten hundert Jahren sich Schritt für Schritt ihren Arbeitskreis eroberte und sich den lebensvollen Erscheinungen der naturgebundenen Volksseele und den anonymen Schöpferkräften bäuerlicher und kleinhandwerklicher Volksschichten zuwandte. Lierder, Görres, den Brüdern Grimm, Möser, Arndt, Jahn ist als ersten Anregern der Erkundigungen deutschen Volkswesens wesentliche Vorarbeit zu danken, die dann durch den Altmeister der deutschen Volkskunde Wilhelm Heinrich Riehl zum ersten Male zu einem wissenschaftlich arbeitenden Forschungsgebiet ausgedehnt wurde. Im Raume dieser sich immer mehr erweiternden Forschungsarbeit, die uns heute eine weite Uebersicht über alle Lebens- und Glaubenswerte des geistigen und volkstümlichen Erbgutes unseres Volkes ermöglicht, wurde in den letzten Jahrzehnten auch die Volkskunde verpflichtet, sich der Darstellung und Erfassung der volkskundlichen Sach güte r in ihren typischen Erscheinungen anzunehmen. Hieran haben vor allem die Bemühungen Konrad H a h m s, des derzeitigen Leiters der Staatlichen Sammlung für deutsche Volkskunde, größten Anteil. Er ist der Unterschätzung und den vielen Mißdeutungen der deutschen Volkskunst mutig zu Leibe gerückt, und seinem Enthusiasmus, seinem ernsten und großen Sachwissen und ordnendem Geiste ver- I danken wir die Ersassung und Verlebendigung des werkmabigen Vermächtnisses der deutschen Volksstämme, dem sich auch die Kunstwissenschaft nicht mehr verschließen kann. Wenn hier von der Unterschätzung der Volkskunst durch die Volkskunde und die Kunstwissenschaft gesprochen wurde, so handelt es sich dabei, wenn man die Ursachen erforscht, nicht zum geringen Teil um eine Unterschätzung aus falscher Fragestellung heraus. Auf diese hinzuweisen, ist notwendig, wenn man die Schwierigkeiten der begrifflichen Erfassung der Volkskunst und ihrer Wesenheit bewältigen will. Fragt man sich also, weshalb die Volkskunst bis in die jüngste Zeit hinein noch nicht das Jntereße größerer Volksschichten erobern konnte, so liegt die Antwort in dem Mangel der bisher verwirrenden mißverständlichen Meinungen begründet. Wenn man z. B. mit den Vorstellungen eines künstlerischen Individualismus an die Erscheinungen der bäuerlichen Kunstubung herangeht, wird man nie ihr Wesen und ^'re originale Besonderheit begreifen und erspüren können. Die Volkskunst laßt sich nicht nach nur künstlerischen Qualitäten und ästhetischen Gesichts- pnnkten einordnen. Wer von den Werken „hoher Kunst beeindruckt, sich mit den Begriffen ästhetischer Logik um die Volkskunst bemüht wird und muß enttäuscht werden. Voraussetzung sur die innere Eroberung der ererbten und typischen Ausdrucksformen 6er deutschen Stämme und Landschasten ist die Erkenntnis, daß es sich hierbei um eine völlig anders geartete schöpferische Grundlage bandelt. Nur wenn man die natur- und traditionsgebundenen Gegebenheiten des deutschen Volkstums, wie sie in Boltsbrauch unö Volksglauben vorhanden sind, nahezukommen versucht, sind die Vorbedingungen für eine erschöpfende Beurteilung gegeben. -Die tandläufiae Auffassung, daß es sich bei der Volkskunst leoig- licki um gesunkenes städtisches Kulturgut handele, hat zu vielen Mißverständnissen, Mißdeutungen und falschen Einschätzungen An- laß gegeben Das künstlerische Eigenleben der bäuerlichen Erleb- Wwelt wt-d' bestimmt durch Brauch und Glauben einer boöen- ständiaeu Tradition. Die Gebundenheit an die eigene Scholle bestimmt ihren Rhythmus. Sippe, Stamm, Volk bilden die ltche7 Grundlagen d^r Volkskunst und sind ihr uatürlichcr Nahr- bvden: die soziologischen liegen in der geschlossenen Wirtschafts- sni-m des Loses des Dorses, und in einem gewissen Sinne trifft das in diesem Zusammenhang auch für die bau^werkliche Kunst sen Kleinstädten zu, rote Überhaupt die Volkskunst ucy Nicyr aus die primitive bäuerliche Kunstübung beschränkt, sondern auch das kleinstädtische Handwerk, soweit es im Dienste bestimmten Brauchtums steht, mit einbezieht. Was nun aus der uralten Einheit der Erb- und ^obensgemeln- krbasteu als volkstümliche Kunst hervorwachst, will den Bedingungen der Zweckmäßigkeit und den Bedürfnissen nach schmückender repftnthtnn eutsvrechen Dabei erfolgt die künstlerische Geitaltun! nicht im ME der Verzierung des betreffenden Gegenstandes sondern als „Versinnbildlichung gültiger und gläubig festgebalteuer Auffassungen". (Konrad Hahm.) Es kommt hierbei aucb viel weniger auf die individuelle Gestaltung an als „i s:p t v v i s cki e. Alle Sachgüter der Volkskunst 'stehen in unmittelbarer Beziehung zu der Gesinnung des Besitzers. Sie < nnT1 einer für unsere Begriffe ungewöhnlichen Einheitlich- kett die aus dem geschaffenen Charakter der ländlichen und Jnlml e und Formen deg Volkskunst; sie wird zur Materiali- saston der naiven Lebensanschauung der bauerglichen Volksschichten und ist nur denkbar ,n enger Verbindmig mit der Erlebnisfolge des alten Jahres- und Lebensablaufes. So sind z. B. - Nun ja, sagte sie, und er sah, wie ihr eine warme Röte tns Gesicht stieg, während ihre Augen sich auf die Hände in ihrem Schoß zurückzogen. Nun ja, sagte sie trotzig: Ich dachte, jetzt steigt dir der Kerl auch noch nach! Pfui Teufel! dachte ich, Herr Doktor Schmitz! Und sie hob die Augen wieder auf ihn, als müßte sie noch nachträglich zu dem harten Wort stehen. Da mußte sie nun freilich meinen, daß sie ihn doch gekränkt habe: denn, wie vorher sie auf ihre Hände, starrte er zwischen seinen gespreizten Knien auf den Boden. Sie mußte wirklich erschrocken sein: denn er hörte ihre Stimme zittern, als sie mit dem ganzen Celloklang fragte: Habe ich Sie nun gekränkt, Kamerad? Bei dieser unerwarteten Anrede zuckte der Doktor auf, aber sein Bilck blieb am Boden haften, als ob er wirklich etwas suche. Und hob die Augen erst mit seiner Frage auf: Warum sind Sie bann doch mit mir gegangen? Und nun schoß ihr das Blut rauschend ins Gesicht, weil sie fühlen mußte, welchen Sinn die Frage auch haben könnte: aber sie sah die wasserhellen Augen so ehrlich auf sich gerichtet, daß sie jeden Argwohn zur Seite legen konnte. Darum röar es nicht leichter, was sie nun sagen mußte, aber weil sie Pfui Teufel gerufen hatte, war sie ihm das Geständnis schuldig, daß sie anders über ihn denken gelernt hatte: Ich hätte doch blind sein muffen, den Irrtum nicht einzusehen! sagte sie ernst. Zu diesem Geständnis konnte der Doktor nur befriedigt nicken: es war ihm genau so zumute wie am Mittag, als er ihre kölnische Stimme zum erstenmal neben seinem Ohr gehört hatte: oder es war noch schöner: so sah er sie an, den Mund leise geöffnet, als wären die Dankesworte ihm ausgeblteben. Den anderen Irrtum, sagte Fräulein Petersen nun wieder unbefangen, den haben wir eben zu Grabe gelacht! Das ist ja fast eine Geschichte! staunte der Doktor und stand nach seiner Gewohnheit auf, einen Kreislauf zu machen, ehe er sich wieder auf den Grasrand setzte. So also kann man in einen Verdacht kommen, schrieb er gleichsam die Schlußanwendung dazu. Und war mit seinem Latein doch noch nicht zu Ende: denn er sagte tiefsinnig: Ineidit in Seyllam, qui vult vitare Charybdim! und verdeutschte es lustig: Wer Köln vermeiden will, gerät nach Köln! Als sie danach eine Weile schweigend gesessen hatten, sie oben auf der Aussichtsbank, er unten auf dem Grasrand ihr gegenüber, weil jeder in seinen Gedanken andern Schutt aufzuräumen hatte, begann das Fräulein zuerst wieder zu reden: Wissen Sie auch, Kamerad, daß Sie mir mitten in der Aussicht sitzen? Verzeihung! sagte er und stand auf, in den Talgrund von Zürich hinabzustarren, der an dieser Stelle zu überblicken war. Jetzt stehen Sie davor! blieb sie hartnäckig und fragte, viel Unfreundlichkeit wettmachend: Wollen Sie nicht zu mir heraufkommen? Hier sieht man ebensogut! Zu Befehl, Kameradin! dankte er mit einer Verneigung und ging zu ihr hinauf, sich neben sie auf die Bank zu setzen. Gefällt's Ihnen nicht? fragte sie dann, als er schweigend blieb. Ich bin noch nicht fertig mit Denken, sagte er, aber gefallen tut es mir nicht, was wir da unten sehen! Und als sie fragte: Warum etwa nicht? sah er noch eine Weile hinab, ehe er ihr erklärte: Ich mag diesen Wohnkessel nicht! das ist keine Stabt mehr, das ist eine zu ihrem Schaden vollgebaute Landschaft. Eine Stadt mutz Platz haben, wie Köln, sich ausbreiten zu können: und diesen Platz hat Zürich nicht. Sehen Sie mitten die alte, die Zwinglistadt! Die lag richtig am See hinter dem Grendel zu beiden Seiten der Limmat unten im Loch, wo die Wege sich schnitten. Dafür reichte der Raum. Aber diese Kletterübungen der neuen Häuser auf jeden Hang und Hügel hinauf und fast über die Ränder hinüber: Sieht es nicht wie eine Krankheit aus, eine Wucherung, die sich in der Landschaft ausbreitet? In jedem Haus wohnen Menschen! sagte das Fräulein nachdenklich: die möchten alle statt in Straßen und Höfe auf den See und die Berge sehen! Er aber war eigensinnig: Ein Haus, das aus der Straße hinaus will, gehört nicht mehr in die Stabt: denn Stadt ist Straße und Straße ist Stadt! Es sollte allein auf dem Land stehen! Das tun die Häuser ja alle: nur daß ihnen das Land knapp geworden ist in der Enge. Es geht den Häusern, wie es uns Menschen geht: wir sind zuviel aus der Erde. Der Doktor merkte sofort, daß die Laus an ihrer Leber in der Melancholie mitsprach, mit der sie das sagte: Eben das ist es, lenkte er ein, die redlichen Zürcher selber, ehe ihre Häuser die Kletterübnngen anfingen, haben den Stadtteil da unten schon die Enge genannt. Und das Fräulein schrak leise zusammen über den Ernst des Doktors, als er sagte: Sie haben recht, vielleicht ist auch der uns anstarrende Reichtum dieser Stabt schon das Anzeichen kommender Not des Landes! wie unsere sterbenden Städte in Deutschland längst Sturmzeichen der Not sind, weil bas Land für die Menschen und ihre Häuser zu knapp geworden ist! Wabrend das Fräulein noch über das melancholische Wort nachdachte, stand der Doktor schon mit einem Seufzer auf. Wir sollten weitergehen! mahnte er, als müßte er den Anblick dieses Wohnkessels los werden, in das junge Grün der Buchen zu kommen. Und erst, als sie ein gutes Stück hinabgegangen waren und gleich wieder hinauf mußten, pflückte er einen Enzian ab, ihr den zu bringen. Jetzt sei er wohl an der Reihe, zu fragen, was sie mit dem Meldeamt gehabt habe und warum sie, wie man so sage, so nabe am Wasser gebaut gewesen sei, als sie herausgekommen wäre. Sie müsse bas ihrem Kameraden sagen laut Paragraph drei ihres Vertrags. Es war vielleicht nur ein falscher Schreck! sagte sie gleich, die sich offenbar schon im stillen auf die Frage gerüstet hatte. Meine Papiere sind angeblich nicht in Ordnung. Ich bin, heißt es, als Vergnügungsreisende hereingekommen und habe unerlaubt einen Dienst angenommen. Man hat mir„ die Ausweisung angedroht. Abscheulich ist es, als Verbrecherin gescholten vor einem Beamten zu stehen. Es sind eben auch hier Menschen zuviel! gebrauchte der Doktor ihre Worte: allmählich bleibt einem als Heimat der Ort übrig, wo man das Armenrecht hat und nicht hinausgeschmissen werden darf! Ueberflüssig ist man auch dort! Und er wollte wissen, welches ihre Heimatgemeinde sei? Eben das wisse sie nicht einmal, klagte bas Fräulein: Köln oder Aachen? Es sei ihr vorläufig gleich: denn sie dürfe ihre Stellung keinesfalls verlieren! Keinesfalls? fragte der Doktor. Keinesfalls! beharrte sie, und als er den ihm zu schwer scheinenden Ernst mit einem Scherz leichter machen wollte: ob ihr die Rüsche so gut stände, sah sie ihn mit einem Blick an, der keinen Scherz vertrug. Weil der Weg gerade eben ging und ein kleiner Fahrweg war, schritten die beiden trotzdem nebeneinander wie Kameraden dahin. Aber der Doktor hatte bereits seine Gedanken: Es sollte sich doch in Deutschland ein Posten finden, für den sie nach ihrer Bildung und ihren Fähigkeiten eher in Frage käme! tastete er sich vor, ihre Geneigtheit zu erfahren, einen solchen Posten anzunehmen. Es sollte sich, sagte sie einfach, aber er fand sich nicht. Sie würden also — wollte er weiter fragen: aber sie kommandierte: Halt! Kameraden sind wir nach Paragraph zwei für diese drei Stunden, die wir über den Albis gehen: aber diese Frage zielt darüber hinaus. Ich möchte meinem Kameraden keinesfalls eine Verpflichtung aufbrängen, die er mit nach Köln nehmen muß. Wenn er heute nacht tat Zug sitzt, soll ich für ihn vergessen sein! Glauben Sie wirklich? fragte der Doktor, indem er über ihr Halt hinaus sachgemäß weiterging, glauben Sie ernsthaft, daß Ihr Kamerad so vergeßlich ist? Wenn er im Zug sitzt, sind Sie immer noch die Tochter eines Mannes, mit dem er einmal befreundet war. Und eine Erinnerung wird ihm diese Kameradschaft wohl bleiben dürfen! Aber ich habe nun eine andre Frage, auf die Sie freilich die Auskunft verweigern können. Wenn wir Männer etwas tun, was nicht alltäglich ist, wirb leicht gefragt: Wo ist die Frau? Darf ich in Ihrem Fall fragen, ob ein Mann im Spiel ist, daß Sie lieber unter solchen Umständen in Zürich als unter anderen irgendwo sonst sind? Sind Sie Kriminalist? fragte das Fräulein und blieb stehen in der ersten Ueberraschung. Ich kündige hiermit unter sofortiger Wirkung unfern Vertrag, Herr Doktor Schmitz! Und lassen mich in der Wildnis sitzen? versuchte er feinen Scherz zu wiederholen. Sie aber sagte: Nein, ich möchte Herrn Doktor Schmitz Bitten, mich aus der Wildnis hinauszuführen. Nur sich in meine Dinge einmischen soll er nicht! Die angebliche Wildnis, in der sie mit ihrer gekündigten Kameradschaft standen, war der Albisrücken über Hinterberg. Es wäre für den Abenözng des Doktor Schmitz vernünftiger gewesen, wenn sie von hier ans den Rückzug angetreten hätten: aber der Nachmittag schien das ganze Tor der Himmelsbläue aufmachen zu wollen, und die Luft, die von den Bergen her unverbraucht wehte, schmeckte nach Reinheit. Es wäre schade! sagte der Doktor, als ob sie davon gesprochen hätten, und lud seine widerspenstige Partnerin mit einer Handbewegung ein, zwar nicht die Kameradschaft, aber den Weg fortzusetzen, der gleichsam emsig über den grünen Waldrücken des Albis hinauf und hinab auf die Berge zulief. Sie wollen sich also nicht helfen lassen, Fräulein Emilie Petersen? fragte der Doktor nach einer langen Schweige, in der er den tapferen Stolz in der verweigerten Antwort überlegt hatte: und als sie wieder ein schroffes Nein! sagte, fragte er warum? Nicht als abgelegter Kamerad, aber als eben der Mann, dem sie anscheinend schon die Ueberlegung einer solchen Hilfe übelgenommen habe, dürfe er noch, ehe sie über die Berge und Wolken, über den steinichten Weg und die Blumen Konversation machten, diese Frage stellen. Sie habe ihm gar nichts übelgenommen! sagte das Fräulein, den bei seiner Frage verzögerten Schritt wieder beschleunigend: sie habe die Tür zu Mißhelligkeiten zumachen wollen, die sie genügend erfahren habe. Die Hilfsbereitschaft in der Welt sei gewiß nicht kleiner geworden, eher größer: nur die Möglichkeiten der Hilfe wären eingefchrumpst. Jeder fchleppe seine eigenen Sorgen herum, und manchem, der noch dazu lächle, stünde das Wasser selber bis an die Kehle. Weil eigentlich keiner mehr dem andern helfen könne, liefe alles auf Schiebung hinaus. Lieber Herr oder liebe Frau, ich habe da einen Schützling, dem Sie unbedingt helfen müssen! wird in all den Variationen gesagt, die wir ans Not gelernt haben. Der aber, der einem dann Hilst, tut es einem andern zu Gefallen: ihn selber aber geht dieser Eine gar nichts an. Und so behängt einer den andern mit Verpflichtungen, die er selber auf diese Weise nicht leichstnnig losgeworden ist, sondern die er loswerden mußte. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch» und Steinbruckerei, R. Lange, Gieße».