GiegenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage znm Giehener Anzeiger Jahrgang (954 Montag, ben 5. Februar ttunimer |0 Trost her Nacht. Von I. O. Vrtngez»«. Am Himmel steigt die Nacht herauf, nun wachen alle Sterne auf, weil dunkel rtngv die Erde ruht, der liebe Mott sein Licht auftut. Er gibt dem Monde goldnen Schein, läßt alle Engel Wachter sein, das, jedes Licht am weiten Zelt ein Tröster sei der fernen Welt. Wer in der Nacht und einsam ist, das, er dev Himmels nicht vergisst, wer milde gebt an dürrem Stab, dass er am Lichte Freude bab'. Das, er sich weiß in Gottes Hand, wohin sein Weg sich auch gewandt, der, ob er gleich Im Dunkel Irrt, doch immer nur zur Heimat führt. Freund puNies. Von Konrad © e st c. Beste erhielt, wie bereits gemeldet, mit Friedrich Griese zusammen den Hamburger Lessing Preis. Mein Freund August Pullte« au« Hunzen ist Gelegenheitsarbeiter,' zuletzt ist er tu der Forst beschäftigt gewesen Ich lernte tlm im Herbst, als er arbeitslos >var, bet», Ptlzesammelu kennen and war sofort bezaubert von seiner kindlichen Harmlosigkeit. Gutmütig und ganz tm Widerspruch mit alle« Gepflogenheiten der richtigen Ptlzsanimler zeigte er mir sofort seine besten Eham uignonstellen „nd gab mir noch ab von seinem Ueberflnst. Er ist allerdings schon viermal vorbestraft, aber daö scheint mir nicht unbedingt gegen ihn zu zeugen. Er kommt von weither, ich glaube ans Schlesien, hier Im Weserlande ist er mal znfällig ans der Wanderschaft hängen geblieben, hat bei Hartwteg« eingeheiratet und ist nun mit seinen fünfundzwanzig Jahren schon Pater von >ioel Kindern. Anfang März überbrachte mir August eine Einladung zum schlachte fest bei seiner Schwiegermutter. Frau Harlivieg ist die Witwe eine« Waldarbeiter« und die Mutter von nenn Kindern, l»rci Sühnen und sechs Töchtern. W« auf zwei Pfädchen, welche i»el Bauern in Diensten stehen, lint die glückliche Mutter alle ihre rinder bet sich; als Ersatz für die au sirr Hause weilenden Töchter l>nt sie von jeder derselben einen außerehelichen Knaben in II)re »rofnnlitterllche Obhut nehmen dilrfen. Etwa« ungewöhnliche Wer ivandtschaftSbeztehnngen ergeben sich daran«, das, jene Knaben in i1 er jüngsten Tochter ihrer Großmutter eine Taute besitzen, die nm ilnige« jünger ist al« Ihre fliessen. Wenn inan hinzu nimmt, das, »er älteste Sohn der Fran Hartwieg verheiraiet und Baier von jivct Kindern ist nnd daß Ich au jenem festlichen Abend auch die Ülrmtt de« zweiten Sohne« In Begleiinug ihre« Töchterchen« au Uas, so wird mau verstehen, das, Irh gar nicht erst den Bersuch machte, In diese« Gewimmel kleiner nnd großer Menschen irgend eine Ordnung zu bringen. Die Verwirrung wuchs noch, al« bald und, meinem Einlressen auch der Stiefsohn der Fran Hartwieg erschien, der die andere Halste de« von ihr bewohnten Siedlung« lause« Innehai. Er ist her Baier von sechs Kindern, deren drei er ü'ilgebracht hatte. Ich begnügte mich, zn meiner dürftigsten Orlen liernnn die .stahl der Anwesenden festzitsteNen nnd gelangte ein shNesst ich de« HauSschlachter« zn der stattlichen Ziffer von dreißig Eine Runde der Gäste war bereif« abgesiitlert, al« Ich kam. Der Sifd) war mittlerweile neu gedeckt worden mit solchen Bergen tun Mettgnt, mit Schüsseln voll Steak nnd frischer Wurst, die noch dampfend an« dem Kessel geholt war Eine große Flasche Korn- öranniweln stand aus dem Tisch, aber ich sal, mII klangen mir eh, tlnziges Gla« daneben, da« auf seinem dicken Rande die Spuren zahlloser fettiger Münder trug. Mit einem leisen Schauder malt, 1(0 mir den Umtrunk au«, dem ich hier nicht mürbe entgehen llhtnen... Da dte Kinder spielend in den Ecken diese« Zimmer» nnd Im Nebenranrn lierurnkrochen nnd ein lell der Franen noch mit den letzten Arbeiten der Wurstbereitung nnd de« Aufräumens in der Küche beschäftigt waren, saß Ich mir mit einer kleineren Ansiefe bit« Gäste kreise« zu Tische. Außer Frau Harlivieg waren e« nur Männer, mit denen ich nun zn vespern begann. Sie alle waren anfänglich recht zurildhaltenb. vielleichl infolge meiner Anwesen beit bann aber machten Flasche und Gla« die iltmibe. Da» ging in der Weise vor sich, daß ein jeder nach dem Trinken da« Gla« neu fühle und e« seinem Nachbarn weiter reichte. Dreimal umkreiste so dte Flasche den Tisch, dreimal batte ich schaudernd meine Lippen an diesen Kelchesrand setzen mlissen - da la«, znm Schluß diese« feierlichen schweigsamen Trankopser«, Frau Hart wieg« Sltessvbn den Mund auf. Er war ein kleiner Mann mit einen, großen Buckel, aus seinem bartlosen Gesicht schillerte die ganze Bersclilagenlieit de« Verwachsenen. „Nun iß dich man nod> mal ordenillcb satt, Angnst!" wandte er sich an Pnllle«, „da« »st doch deine Henkersmahlzeit heute, morgen kommt der Gendarm wieder...* Dir ganze Runde lachte, und Augnst Pnllle» schloß sich nicht an« von dieser Fröhlichkeit, die seine drohende Verhaftung au»- gelöst hatte. Die leuchtenden blauen Augen unter dem lief in die Siirn hängenden wirren BIvnbschvps standen ein wenig schräg zueinander und gaben dem Gesetzesverächter einen unbekümmert lustigen Ausdruck. „Wem, kb dich alten krummen Ziegenbock mit deiner Krieg», kaffe mau ein paar Wochen nicht zn sehen brauche, will Ich gern In» Kittchen gehen. Da kann man noch dazu so wnnderschön ruhig schlafen." Im Vorgeschmack dieser süßen Ruhe feiner Zelle ver schloß er verzückt die Angen: „O ja" wiederbolie er andächtig, da ist dich eine Ruhe, ganz wundervoll ist dich da» immer da." „Jawohl..." bestätigte feine Schwiegermutter, „unser Augnst ist ein ganzer Genießer... Dem ist hier bei nn» manchmal zu viel Krach, der bnt seine Nerven." Mit einem gewissen Stolz blickte sie aus den felnnervlgeu Genießer. Ich mußte laut lachen, al« ich da» spitzbübische Gesicht Ihre« Schwiegersohn« sah, wa« Fran Hartwieg offenbar al» einen An «druck zustimmender Bewunderung aussaßle' „Was sagen Sie dazu, Herr Dollar", wandte sie sich au mich, „im Sommer hatte dich unser Augnst glücklich mal Arbeit, und die hat er dich natürlicherweise wieder verloren, well er bist) eine» Tage« einfach nicht wieder hingegangeu Ist. Un« hat er natürlich vor gemacht, er ginge bin nach der Arbeit. Jeden Morgen bat müffen Frieda ihm seine Glücke schneiden und dann Ist er mit den anderen lvögezogen, aber bi« In die Fabrik ist er nie gekommen. Geld hat er nntürlkh nie mitnebracht, aber da hal er sich immer anSgeredet. Schließlich sagt dich unsere Frieda, die ist nfim- (kb helle: .Mutter, guck dich mal Augusten seine Stiesel an und seine Hände! Der aTBCttCf Io gar Nicht, mH saue Hände und saue Stiefel kommt kein Mensch von der Arbeit!' U„fre Frieda die kann keiner für dumm verkaufen, Herr Doktor.. Gnck mal rein, Frieda!" rief sie durch die vsseusiehende Tür zur Kilche. lind Frieda steckte ihr lachende« Gesicht dnrcli die Tür, sie lauschte eine Melle frühlkh der nun folgenden Erzählung von Ihre» Manne» Heldentaten: „Na sa, eine» Tage« sind mir nun nitfern Augusten denn mal beimlkb nachgegangen und dicht vor der Fabrik biegt dkl, der Mensch In den Wald ab. Wir warten noch ein bißchen und gehen dann auch in« Holz nnd wa« sagt dkl, der Mensch dazu: da liegt dich denn unser Angnst Im Gebüsch und bat sich eine Hütte an« Zweigen gemacht und da liegt er dich drin, hat dte Pfeife Im Munde und die Beine übergeschlagen und guckt dich Immer In die Blätter Angnst', sage Ich, .wg« ingchst dn denn hier?'" „,O Mutier, sagt dich der Mensch da, .hier liege Id) bloß. Ich liege hier den ganzen Tag, liier Ist e« dich so wunderschön, viel schöner al« in der Fabrik! Hier mtlßlest dn auch mal so liegen, Mutier! Hier kann man |o gar nicht ans schlechte Gedanken kommen, wenn dich die Vögel so schön fingen nnd die grünen Blätter miteinander spielen, dann muß man In wieder ein guter Meuscl) werden...', seggie deck da dä Mlnsche.. " „Da hat er e« aber doch mH seiner Schwiegermutter zu hm gekriegt ..." sagte ich lachend, „vier Wochen kein Geld nnd) Hause zn bringen ..." „Ach uw' Mer kann denn Ionen Menschen auch böse sein ... Ans da» bißchen Papiergeld kam e« fa schließlich nicht an, Augusten den haben wir können nnd) noch uiit dnrchsüttern... Wir haben ia von allem, was der Mensch braucht, um satt zu werden. Wir haben fönen schönen großen Garten, den müssen sie sich auch mal ansehen ... Und dann haben wir noch sechs Morgen Ackerland in Pacht, und eine Kuh und vier Ziegen haben wir, und Milch und Butter haben wir genug — ja, wir haben vor allem..." „Aber bei so einem Schlachtfest" wendete ich besorgt ettt, „da wird doch gewiß ein viertel Schwein aufgegessen ...?" „Ach — heute wird nun mal im großen Kessel gekocht! Und dann haben wir ja auch noch sechs Schweine sitzen ... Und wenn es schließlich im Sommer mal ein bißchen knapp wird, beißen wir eben mal kürzer an — nun langen sie man ordentlich zu, Herr Doktor!" Draußen schlug der Hofhund an. Als das Gebell nicht verstummen wollte, erhob sich der bucklige Stiefsohn und ging hinaus — lief nicht das Schillern einer schadenfrohen Ahnung über seine Züge ...? Wahrhaftig, er brachte eine Ueberraschung mit: der Landjäger Nagelschmidt erschien mit ihm im Zimmer. Ich sah es kaum, daß einige Gäste aufsprangen, ich hatte nur Augen für meinen Freund August Pullies. Er war ganz ruhig geblieben und lächelte herzlich seinem Greifer entgegen, es schien, als ob ein Vorgenuß der ersehnten Stille seine Züge noch fröhlicher machte... Der Landjäger winkte huldvoll nach allen Seiten: „Bleiben Sie sitzen, Herrschaften!" rief er, „ich will nicht stören, ich bin nicht dienstlich hier, ich komme nur gerade vorbei und wollte meinen Freund Pullies nochmal daran erinnern, das morgen früh die Reise losgeht." Alle lachten laut auf, nur August schmunzelte, er schmunzelte auf eine schlechthin reizende Art ... Mir kam plötzlich der Gedanke, daß er seinen letzten Holzfrevel vielleicht nur begangen habe, um wieder einmal einzulaufen in den Hafen seiner einsamen Beschaulichkeit. „Kriege ich denn wieder dieselbe Zelle ...?" wandte er sich an den Landjäger, der sich niedergelassen hatte, freilich ohne den freundlich nähergerückten Schüsseln und der Branntweinflasche schon irgendeine Beachtung zu schenken. „Ach ja ..." meinte der Landjäger, nicht ohne aufrichtiges Bedauern, „er möchte gern wieder sein Einzelzimmer haben ... Aber damit ist es dieses Mal nichts, wir haben das ganze Haus übervoll. Dieses Mal haben Sie Gesellschaft, Sie liegen zu viert im Zimmer. Na — vielleicht das nächste Mal!" Er mochte Augusts jähes Erbleichen wohl bemerkt haben. Augusts verstörtes Schweigen warf einen schmerzlichen Schatten auf den weiteren Verlauf dieses festlichen Abends, dessen Beginn vom Glanz seiner frohen Erwartungen so heiter überhaucht war... Zwei Wochen später traf ich Frau Pullies auf der Straße. Sie zeigte mir eine prächtige Postkarte mit dem Heidelberger Schloß, auf dessen Illuminierung durch ein Transparent sie mich voller Stolz aufmerksam machte. August hatte sie geschickt: er hatte das einsame Wanderleben dem drohenden Massenquartier im Amtsgerichtsgefängnis vorgezogen, sein Weg strebte weiter nach Süden, dem zeitigeren Frühling entgegen, den er am Bodensee zu erleben hoffte ... Ich sah die Frau betroffen an, aber auch jetzt verleugnete sie ihr lachendes Einverständnis mit Augusts genießerischen Anwandlungen nicht: „Ach — Sie meinen wohl, der kommt nicht wieder...? Der ist schon öfter weggemacht und doch immer wiedergekommen, einmal sogar schon vom Gardasee. Da haben sie ihn bis zur Grenze ans den Schub gebracht. Der kommt wieder! Dazu hat er Horst und Karlheinz viel zu gerne, ohne seine Jungens hält der es doch nicht lange aus. Ich denke, wenn dann hier oben bei uns erst richtig Frühling ist, kommt er wieder. Und dann sind ja auch die Winterstammgäste aus dem Gefängnis wieder ausquartiert, und August allein in seine alte Zelle ziehen und sich von der Reise schön ausruhen. Nein, da bin ich nicht bange — was Pullies ist, der kömmt spätestens zu Pfingsten wieder!" Eine Besteigung des Adamspik auf Ceylon. Von Universitäts-Garteninspektor i. R. Friedrich Nehnelt. Es war am 18. Januar 1914, als der langgezogene Pfiff der Lokomotive früh um 5 Uhr die Bewohner des stillen Bergstädtchens Banbarawela im Süden von Ceylon gelegen, daran erinnerte, daß bei Morgengrauen der Zug nach Colombo abgeht. Diese Gelegenheit benützte ich zur Weiterreise zum Adamspik. Außer mir waren noch zwei Engländer in dem gleichen Abteil, die es sich gleich nach der Abfahrt in ihrer Weise bequem machten, indem sie auf die Polster ausgestreckt, in landesüblicher Weise, aus der Schwüle des Wagens ihre Beine zum Fenster durch das niedrige Fenster in die frische Morgenluft hinausstreckten. Auf diese Weise blieb ich der alleinige Nutznießer der Fenster an der Talseite, und da die Bahnlinie in beträchtlicher Höhe am Hang des Gebirges entlang führt, stand mir ein besonderer Genuß bevor. Zunächst war freilich die ganze, meist mit Tee bepflanzte Gegend in wallenden Nebel gehüllt und die blauen Berge am Horizont mit Wolken verhängt. Als aber über ihnen, einen strahlend schönen Sonntag versprechend, die Sonne aufging, Nebel und Wolken, Berg und Tal in rosigen Schein tauchend, war der Zug bereits etliche hundert Meter höher, so daß das ganze wellige Hügelland der Graslandschaft Uva wie auf einer Reliefkarte aus- gebrcitet zu Füßen lag. Eine der langgestreckten Hügelketten reihte sich hinter die andere, immer weiter cmporsteigend, bis zu dem abschließendem Gebirgszug der Ferne, wo Himmel und La'/) zu- sammenzuflieben schienen. Am Grunde der tief eingeschnittenen Täler aber, öle sich zwischen den kahlen Höhenrücken hinziehen, gewahrte man deutlich oder in der Ferne auch nur als schmale, dunkle Linie angedcutet, grüne Wälder, aus deren Wipfeln ver- einzelte, von blühenden Schlinggewächsen übersponnene Kronen, Riesensträutzen von Blumen gleichend, hervorragten. Die den heftigen Winden ausgesetzten Höhenrücken sind, wie erwähnt, ohne jeden Baum- und Strauchwuchs. Erst nachdem der Zug eine Seehöhe von 1600 Meter erreicht hat, tauchen verkrüppelte Rhododendron auf, deren lederartig dicke Blätter den Winden Widerstand zu bieten vermögen. Mit zunehmender Höhe werden sie zahlreicher, zugleich auch in ihrer Wuchsform stattlicher und schließen sich schließlich, dem Wasserreichtum des schwarzen Bodens entsprechend, zu geschlossenen Beständen zusammen. Bei etwa 1800 Meter verändert sich die Landschaft. Gewaltige Felsmassen türmen sich übereinander, zwischen denen tosende Vergbäche schäumend in die Tiefe stürzen, darüber das dunkle Grün des noch unberührten Urwaldes, an das der Mensch die Hand noch nicht legte, weil der steinige Boden die Arbeit nicht lohnt. Im Januar ist es noch früh im Jahr. Um diese Zeit herrscht daheim noch tiefer Winter. Auch auf Ceylon steigt der Frühling erst im Februar oder gar erst Anfang März in den Gebirgswald hinauf. Dann ist dieser ein Farbenwunder und in der Massenwirkung nur mit der Herbstfärbung des deutschen Waldes vergleichbar. Neben leuchtendem Scharlach sind violette, hellrote, weiße, hell- und dunkelbraune Töne vorherrschend. In einem solchen Zauberwald, dessen Herrlichkeit nur 10 bis 14 Tage dauert, ’ gibt es auch blühende Bäume, vor allem herrlich blühende, in die ! höchsten Wipfel steigende Lianen,' aber dieser bunte Farbenglanz, ■ den noch kein Maler gemalt hat, stammt nicht von Blüten, es sind - vielmehr die ersten Sprossen des neu erivachten Lebens mit ihren ' zarten, noch unentwickelten Blättern. Diese Zeit war noch nicht 1 gekommen, doch an Blumen fehlte es nicht. j Als der keuchende Zug jenseits der Wasserscheide mit verdoppelter Schnelligkeit abwärts zu eilen begann, veränderte das Bild i sich sehr bald. An den tiefen Einschnitten der Bahn erschienen im grünen Gewirr der Glcichenien und NephrolepiSfarne verwilderte Agaven, und wo der Blick sich weitete, sah man nur noch die regelmäßigen Reihen der niedrigen Teebüsche. Auch ihr frisches Grün wirkt wohltuend, vermag aber nicht die Ocde zu bannen, die man empfindet, wenn während der stundenlangen Fahrt in den endlosen Teeplantagen höchstens hier und da kleine Gruppen grauer Tcepflückerinnen auftauchen, deren Arbeit auch in den Plantagen der Engländer nicht ruht. Time is Money. Es war 2 Uhr nachmittags, als das heutige Ziel, die Ausgangsstation zum Adamspik, Hatton, erreicht war. Man hätte in der Voraussicht auf die Strapaze» der folgenden Nacht nach dem Mittagsmahl einige Stunden ruhen sollen, aber die großen gelben Erdorchideen, die der Engländer Affodillorehis nennt, verlockten zu einem weiteren Ausfluge. Auf Ceylon wandert man auf dem Bahnkörper. Niemand verwehrt es, es ist der bequemste Weg, auf dem man sich nicht verirren kann. Kommt ein Zug von vorn oder hinten, so tritt man bescheiden zur Seite und läßt ihn vorüberbrausen. Man muß nur achtgeben, daß eine derartige Begegnung nicht aus einer Brücke vor sich geht. Von Hatton zum Fuße des Adamspik ist noch ein Weg von rund 40 Kilometer. Derartige Entfernungen legen zu Fuß nur die Pilgerer und Kulis zurück. Sonst fährt man. Das gebt des Nachts vor sich. In meinem Falle ging der zu diesem Zweck gemietete Wagen um 8.30 Uhr ab. Auf dem leichten Gefährt nehmen , Platz vorn der Kutscher und der Führer, hinten der Boy mit \ seinem Herrn, außerdem durch Aufspringen beim Abwärtsfahren i noch der sonst vorauseilendc Kuli. Die Fahrt gebt in schnellem Tempo im Dunkel der Nacht berg- ! auf, bergab. Ertönt die am Wagen angebrachte große Glocke, so : bedeutet das für die entgegenkommende Wagenkolonne von Büffel- gespannen, daß einem Weißen Platz zum Vorbeifahren gegeben werden mutz. Bei solchen Anlässen tritt der vorauseilende Kuli in Tätigkeit, der mit grotzem Stimmenauswand für das Ansehen des Europäers Sorge trägt. Diese mit Teekisten aus den zahlreichen Teesabriken und Pflanzungen beladene Fuhrwerke wählen für den Transport zur Bahn die kühleren Nachtstunden, aus Rücksicht auf die während des Tages durch Ungeziefer gepeinigten Zugtiere. Die Mitternachtsstunde war längst vorüber, als int ungewissen Schein des zunehmenden Mondes, besten Sichel in den Tropen mit den Hörnern nach oben wie ein Kahn am Nachthimmel zu schweben scheint, das mächtige Massiv des gewaltigen Bergriesen in überwältigender Grütze vor uns lag. Die Pferde wurden untergebracht, die mitgebrachte Laterne des Führers entzündet, das not- ivendiqste Gepäck verteilt, der Anstieg begann. Es war kurz nach 12.30 Uhr. Hier sind einige Angaben nötig. Der Adamspik mit seinen 2205 Metern ist nicht der höchste Berg Ceylons, aber der eigenartigste. Man erkennt seine zum Himmel turmartig aufragende Gestalt bereits, wenn bei der Annäherung die ersten Umriste des Landes aus den Fluten des Indischen Ozeans auftauchen. Der Anstieg auf der hier beschriebenen Seite les gibt noch einen anderen) liegt bet 1000 Meter. Es bleiben also noch 1260 Meter zu ersteigen. Man rechnet in unserem Alpengcbiet durchschnittlich 300 Meter in der Stunde. Die Rechnung stimmt auch für den Adamspik, doch mutz die hohe Wärme bis zu einer gewissen Höhenlage mit in Betracht gezogen werden. Um die Bedeutung des Berges recht zu würdigen, den der Adamspik in der ganzen buddhistischen Welt bis nach China und Japan genietzt, mutz man wissen, daß jeder Bekenner dieser Religion verpflichtet ist, soweit seine wirtschaftlichen und physischen Kräfte es erlauben, einmal im Leben eines der drei Heiligtümer Ceylons zu besuchen. Don ihnen ist 6er Adamspik bas größte. Ebenso gilt der Berg den Hindus und Mohammedanern als heilig. So waren denn auch unzählige Pilgerzüge entweder voraus oder unter uns im Anmarsch. Ihr eigentümlich eintöniger Gesang, der wie der Verzwetflungsschrei einer großen Menschenmenge sich anhört und im Dunkel der Nacht doppelt unheimlich wirkt, erhöht das Fremdartige der Lage. E.ine Unterhaltung durch Fragen über dies und jenes Unerklärliche vermochte nicht in Gang zu kommen, weil jeder auf den steilen Weg und die hohen, ausgetretenen Stufen zu achten hatte,- so kämpfte man sich schweigend weiter, an manchen Stellen an Ketten tastend, an anderen nach den glatt abgegriffenen Bäumen greifend; die Stunden verrannen. Wenn ich fragte, wie weit es noch zum Gipfel märe, kam stets als Antwort des vorausgehcnden Führers zurück: Noch eine gute Meile. Es war gegen 4 Uhr morgens, als ich die am Arm getragene Decke an einer Halt bietenden Stelle neben dem ausgetretenen Pfad aus- brcitete und mich darauf niederließ. Die Unvorsichtigkeit des anstrengenden Marsches am Nachmittag, nach einer schlecht verbrachten Nacht in Vandarawela rächte sich. Die Beine versagten den Dienst. Meine Leute umstanden mich schweigend. Nach einer Weile huschte etwas lautlos vorüber. Es waren Menschen. Der Boy sprach sie an. Auf meine Frage bekam ich eine gut gemeinte Grobheit zu hören: Ein Inder, so erzählte er, sei mit der 12jährigen Tochter von Indien zu Fuß herübergekommen und im Begriff, auf dem Adamspik für die verstorbene Mutter des Mädchens zu beten. Ich sei ein großer, kräftiger Mann und ein Weißer und der Meinung, das nicht fertigzubringen, wozu ein 12jähriges Kind imstande sei. Das genügte. Ich war wieder auf den Beinen, die Begleitung mit mir. Ich habe nach einigen Minuten noch einmal gefragt, obschon ich die Antwort vorher kannte. Es war immer noch die bekannte Meile, aber wir standen fünf Minuten später am Ziel. Liier oben, auf kleinstem Raum dicht zusammengedrängt, stand eine dunkle Menschenmaucr. Dazu wehte ein eisig kalter Wind durch die von Schweiß feuchte Tropenkleidung. Was blieb übrig, als noch länger als eine Stunde auf den oberen Stufen auf und ab zu steigen, denn der wärmende Mantel war nicht mitgenommen worden. Endlich rötete sich im Osten der Himmel, doch das Leuchtfeuer vom Hafen von Colombo blitzte noch immer auf, die Sterne verblaßten, es wurde Tag. Als der einzige Weiße genoß ich ein besonderes Vorrecht. Der oben stationierte Buddhapriester holte mich aus der Menge, öffnete mit seinen unglaublich einfachen Wohnranm, wo ich mich der Schuhe eutledigen mußte. Dann winkte er mir, ihm über etne Anzahl Stufen zu folgen, welche auf den oberen Teil des schwarzen Gneisfelsens führten. Unter einem baldachmartcgen Aufbau hob er einen bunten Teppich empor und der große Fußeindruck, den Allvater Adam nach dem Glauben der Buddhisten, Hindus und der Mohammedaner während feines tausendjährigen Harrens auf dem Felsen hinterlassen hat, bevor er in das Jensects ausgenommen werben konnte, lag vor mir. Man war von dem Anblick geblendet, die Umriffe der Fußspur glitzerten und leuchteten in allen Farben von großen Edelsteinen in Rot, Blau, Gelb und Weiß. Ich stand eine Weile Betroffen, dann wnrde der Teppich wieder aufgelegt. Der Priester wandte sich nunmehr der wartenden Menge zu, die am Rande des Felsblocks, ans dem der Priester kniete, vorüberzog und durch Handauflegen und Gebeten gesegnet wurde. Hier ist nachzutragen, daß die Religionen des Ostens dw Stätte des verlorenen Paradieses und Erschaffung des Menschen- geschlechts auf die Insel Ceylon verlegen, ein Glaube, der tn der Schönheit des Landes eine Stütze findet. Ich mar herabgestiegen. Dann kam ein unvergeßlicher Augenblick. Die Sonne war aufgegangen, die Menschen wurden aus einmal still. Man hörte nur das Wehen des Morgenwindes um den Berggipfel. Im gleichen Atemzuge erschien am "östlichen Himmel ickars umrisien der tiefschwarze Schatten des Berges. v>ch hatte bequem Zeit, den umständlichen Stativ-Apparcck aufzubauen und zwei Aufnahmen von der Erscheinung zu machen. Wahrend der Schattenriß kürzer und kürzer ward nnd schließ ich in der bodenlosen Tiefe verschwand, zogen wie duftige Watteflocken durchsichtige Wolkenfetzen um den Gipfel, um int Sonnenschein tnt Nichts zu ^"W'erst fand man Zeit zum Betrachten der näheren Um- aebnna Der den Felsen des Heiligtums umgebende Hof ist ein ßrÄteck ?on eirügen 100 Meter und gegen die nach allen Setten aälmende Tiefe durch eine solide Mauer gesichert, ilnter den beiden Glockensttthlen (untere ^^10,^’FtnJ etne &uM6tftti*e Einrichtung» waren die Opfergaben, bestehend aus Blumen, dar unter Blütenstände der Betelpalme, Fruchten aller Artz Reis in größeren Mengen und, was sonst die Menschen hoch schatzem niedergelegt. Auch wir brachten unser Opfer dar, indem die mlt- aebrachten Kerzen entzündet wurden. Hierbei passierte etn Unfall Kaum flackerten die Flämmchen un Winde, so hatte ancb schon eine der zahlreichen Papiergirlanden Feuer gefangen, das sich m Nu weiter fortpflanzte und die gesamte Dekoration troffen — Er schrieb mir noch kurz vor Aiicbrucy oes jtrregee, meine festeren Briese kamen unbestellt zurück, er durfte im Weltkriege an der Westfront gefallen fein. Pflanzen gab es fiter nicht, ■"'ä'»“« ssw«®yiae”«,«»«.«n ,->» rend der Nacht vorüber gekommen waren. Sie liegt vielleicht SX' ÄKÄWSlSffÄ LS'LL'S'-K°S" föff» 5FU --- Opfer mit und wickelt ihr Garn fmeift englischen Ursprungs» Ner ab. Auf der anderen Seite, wo der Abstieg in die heißen Wälder der Provinz Samaragamuwa führt, ist eine ähnliche Opferstätte, an der an Stelle der Nähfäden Bambusstöcke uiedergelegt werden müssen. Die überaus reiche Flora des Adamspik ist einzig in ihrer Art. Zahlreich sind die Pflanzen, welche nur hier und sonst nirgends auf der Erde wild vorkommen. Der Blütenreichtum an den wenigen Stellen der steilen Wände, wo Ansammlungen von Verwitterungsprodukten und Humus möglich sind, ist unvergleichlich schon. Nur sehr wenig davon ist in europäischen Gewächshäusern eingeführt worden. Das dürfte auch noch längere Zeit so hleiben. Der Berg ist nur während einer kurzen Zeit des Jahres besteig- bar. Wenn die Regenzeit naht, verläßt auch der Priester feinen Posten und zieht zu Tal. Himmlische Mächte in Gestalt fortwährender Gewitter mit niederstürzenden Regenmassen, Blitz und Donner überiiehmen dann die Wache über das Heiligtum auf dem sturmumtosten Gipfel. Was ich oben während des Abstiegs an reifen Samen sammeln konnte, habe ich an verschiedene Stellen nach Deutschland geschickt. Wie vieles andere sind auch die daraus hervorgegangenen Pflanzen das Opfer des Weltkrieges geworden. Wohl jedem Futzwanderer wird es schon vorgekommen fein, daß die Angaben über Entfernungen nach diesem oder jenem Ort von verschiedenen Menschen, die man fragte, sehr verschieden au§= gefallen sind. So konnten sich vielleicht auch die irreführenden Angaben meines Führers, der selbst nach Stunden immer noch von einer Meile (englisch zu 1,8 Kilometers sprach, erklären lassen. Der Mann war aber nach eigenen Angaben wiederholt in seiner Eigenschaft als Führer oben gewesen und sprach bewußt die Unwahrheit, um den ermüdeten Europäer mutlos zu machen und auf halbem Wege zur Umkehr zu veranlassen. Je eher dies geschieht, um so früher haben er, der Kuli samt Kutscher mit seinen Pferden ihr im voraus erhaltenes Geld verdient. Ich habe mir sagen lassen, daß der Schwindel oft gelingen soll. So finden wir hier, wie überall in der Welt, und selbst an geheiligter Stätte, neben tiefer, ungeheuchelter Religiosität die krasse Selbstsucht. Das vermag jedoch den Eindruck nicht abzuschwächen, daß die allgütige Natur dem Menschen sich hier in einer Große und Schönheit zn offenbaren vermag, die unvergeßlich sein innerstes Wesen erfaßt. Oer Siernenboum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Er verstand und verstand nicht. Als er sich all das angehört hatte, erschien ihm die Sprache hierzuland noch verwickelter. Ein Glück, daß er wenigstens den Meister genau verstand. Das war fiter ja wie in Böhmen, wo die Menschen wie die Zigeuner redeten. ~ In der Werkstatt roch es nach Leim, Staub und Holz. Die Gerüche der Bretter hatte er gern. Sie dufteten nach Harz, nach Wald und nach der Sägemühle des alten Tiit. Es machte ihm Spaß, seine Nase zu schulen, aus den Gerüchen gleich einem schwebenden Geist den Baum herauszuziehn, dessen Holzduft die Werkstatt durchzog, als verzweigte er sich noch im Tod in den Raum. Da wuchs manchmal vor Juppis innerem Waldsinn eine schlanke Kiefer, dünn und hoch, von Krähen und Winden umflogen. Dann wieder verflüchtigte sich der Dunst, als wäre der Baum noch einmal gestorben und endgültig vergangen. Die nächste Woche aber begann mit dem Lebenshauch einer Fichte, von der nur noch die Bretter erhalten waren. Der Lehrling Otto schreinerte einen Kasten daraus. Ihr Holz roch wie das Holz jener Sagenfichte, die so himmelhoch stand und eines Tages so ttef hinabstürzen mußte zur Sägemühle, wo der kupferne Christus in ihrem Stamm aufschrie. Ein Duft von verschollener Weihnacht geisterte Juppi an und weckte ihm Seelengeheimnisse, freuöen= reiche Bilder, darin Lichter und Sterne schimmerten. Aber rasch entwich die verschwiegene Berückung, es war Sommer: der Erinnerungsschnee, die Christabende der Einbildung hatten keinen Bestand in der warmen Luft: die Hämmer schallten, die Stemmeisen fugten und das Handwerksburschenlatein Mürks prahlte auf. 'Vielerlei Arbeit kam. Juppi mußte lernen, wie man ruhig und glatt ein Brett durchsägte, eine Leiste durchschuttt. Es war gar nicht so leicht, einen Drahtstift einzuschlagen: man mußte ihn ein wenig schies ansetzen zwischen den Fingern, dann Schlag um Schlag, gleichmäßig, fühlend. Oft waren 6ie_ Nagel eigensinnig,- sie ließen sich eher krumm klopfen, als daß ite ins Brett hinein- rutfefiten. Und wie weh tat es, wenn der ungeschickte Hammer den Daumen traf anstatt den Nagelkopf. Auch mit der Zange um- ftugefin, mußte verstanden sein — und 10 verlangte jedes Werkzeug feine besondere Behandlung. Greis Werkzeugkasten verstaubte oben in der Bodenkammer. Nie war er dazu benützt worden, eine Tiroler Bauernstube zu tischlern. Ein anderer Hammer führte nun d<^ Machtwort, wenn er aufklang auf Nagelköpfen und Kanten. Mit der Kindersage war flink und bequem zu arbeiten gewesen, die hatte sich als zugig gezeigt. Aber die Erwachsenensäge! sie erforderte Kraft und Vorsicht. Fest die Griffleiste gepackt. Zug und Druck. Manchmal war das Stahlblatt widerspenstig: es blieb mitten im schnitt hangen und wollte weder vor- noch rückwärts. Das war ja fast !O ermüdend wie das Futterschneiden mit Flunk. Nun war Juppi schon vierzehn Tage tn der Lehre. Eines Abends nach Feierabend, als er sieb allein noch in $er . .itatt Befand unö aufräumte, kam der Meister, von einem Ge-chafts- gang heimkehrend, herein. Juppi beachtete ihn zuerst nicyt, er legte die Werkzeuge an ihre Plätze, stapelte säuberlich die Bretter und Arbeitsstücke, überwischte die Hobelbänke mit einem Lappen und schaffte die Hobelspäne hinaus. Auf dem großen Werktisch stand ein frischgeschreinerter Sarg, Otto hatte ihn heute schwarz gestrichen. Der Meister torkelte, wie Juppi plötzlich gewahrte. Verworren schwadronierte er darauf los und schien seinen Lehrbuben überhaupt nicht zu sehn. Mein Gott, der Meister war ja betrunken. Aengstlich zog sich Juppi in eine Ecke hinter dem Ofen zurück. Der Mann stand bei dem Sarg und klopfte vorsichtig mit dem Knöchel dagegen, als wollte er einen Verstorbenen aufwecken. „Herein!" murmelte er, heimlich lachend. „Herein in die gute Stube. Frau Meisterin, hier ist Platz.. ." Er klopfte wieder, vor- und zurückwackelnd. „Jemand drin?" fragte er, in den Sarg flüsternd. „Arm oder reich, bleibt sich alles gleich. Bitte Platz nehmen. Nur nicht drängeln." Stille. Der Meister rülpste laut. „Heda, he! Wie liegt sichs. Alte? Liegst du gut? Dicke Luft, wie?" Juppi spähte am Ofen vorbei auf den Meister. Was er nur anstellte und für Reden führte. Er klopfte wieder. „Steckst du endlich drin in der Klappe, Alte? Feines Bett, he? Wie liegt sichs?" Er legte sein Ohr auf den Deckel und lauschte. Keinen Blick verwandte Juppi von ihm. Wunderlich aufgeräumt sah der Meister aus, er zog ein Fuchsgesicht und horchte augenzwinkernd, als ob er etwas Schalkhaftes wüßte. „Gut Nacht!" flüsterte er. Holzstaub die Werksein rotes Der Meister spuckte aus und mußte kräftig niesen, mochte ihn in der Nase kitzeln. „Hatzi ... Hatzi.. Zwei-, dreimal nieste er laut, und es schallte durch statt hinaus in den Flur. Dann schneuzte er sich in Taschentuch mit aller Kraft. Mit einem Zuck war er still und horchte erschrocken. R. "Lei e, leise " ermahnte er sich. „Sei leise, Wirtheim, daß sie nicht aufwacht, daß sie nicht rauskommt mit ihrem Schlotter- gebein, die dürre Hexe..." Und doch stachelte es ihn, wieder an die Sargwand zu häm- mern. Gespenstisch klang sein Knochenbämmerchen. Aus dem Holz ballte spukhaftes Echo, auch aus dem Tisch, vom Boden herauf, überallher schien es nun geheimnisvoll zu schollen, je stärker und schneller der Meister pochte, als antworte ihm eine vergrabene Hano. Auf der Gaffe flimmerte der Abend, fahle Schatten wischten an der Wand des gegenüberstehenden Hauses, ganz still wurde es. „Schöner Reisekoster, was? Gute Reise, Alte. Fahr zur Hölle!" Er grunzte und stand auf seinem krummen Bein. In den Ecken der Werkstatt knisterte das Holz, die Späne regten sich, vielleicht eine Maus, die zu rascheln begann. Auf dem Sarg lag ein toter Glanz, als spiegelten sich in seinem Lack die Augen Verstorbener. Die Nase des Meisters schnüffelte an der Fuge zwischen Sarg und Deckel. Wie ein Schwein rüffelte und grunzte er. _ "Ah, ah .. " klang es von seinen Lippen. „Du riechst, du riechst schon. Pfui Kuckuck! Hast immer schlecht gerochen, hä, hä... Es steht faul um dich. Alte. Bravo! Hast immer gestunken ... nach Chinapomade auf deinem Haarschopf. Dürres Gelump, Reibeisen..." „Poch! Poch! Poch!" Juvvi erschauerte, ibm wurde änastlich zumute. „Poch du nur!" Hämisch lochte der Meister ^naer trommelte. Der Tischler wiegte sieb auf seinem Hinkebein, schaukelte guter Laune bin und her, sein Kopf wackelte vor'^ir "6irt 9nte' 58ciforat Der Wirtheim hat Ruh War der Meister verrückt geworden? Juvpi reckte den Hals vor lauter Anast Das Nerz klovste ibm rasend „Ich trink mein Gläschen. Prost. Aas! Jetzt hältst du endlich deine Golche wie? Hast lana aeschimvft, Satan " Sckelmisch sebte er sein Klopsgespräch fort. .äUoch' Noch' Poch!« Schnell rübrte er den gekrttmmt-n Zeigefinger wie einen Trommesschleael. Er schlug einen Wirbel, einen Totenmarlch. Lustig summte er seine Bearäbnismustk. ahmte Trompeten und Poiannon nam fana: - der - Wüste — der - Saba — a — ra — Ging — der — Natban — mit — der — Sa — a — ra_" rubrte er die Beine am Ort. Sein Leichenzua batte sich gerade in Beweguna gesetzt, nach einem dumvsen Foustschlao auf 6° n,tfcrifc der Deckel zur Seite, und der Sarg l llYTTlC OUT. einen Schrei und warf sich mit aller Wucht über den Sara. Se,ne Hande versuchten den Deckel sestzubalten und ,bn wieder in die richtige Laae zu bringen. Seine Arme rumo^lten und volterten aus dem Sara herum steb'u verstandene"^ tDt bMbcn'" brüllte der Meister. „Nicht auf- Bon Entseben war sein Gesicht kreuz und quer verzerrt. Die Lust ,n der Werkstatt, durchzogen vom Dunst toten Holzes, war noch dumpfer und moderiger geworden und die Gaffe abendlicher. Gleich Nachtschatten hingen die Spinnweben in den Ecken, von Holzmehl beäschert. Stumpf drohten die Werkzeuge, Hämmer, Heile und Sägen. „Liegen bleiben, liegen bleiben!" heulte der Tischler. Aber der ungebärdige Deckel widerstand den Bemühungen der betrunkenen Hände: wie ein schwarzer Hobel schlitterte der Sarg auf dem hellen Holz des Werktisches. Aufgedunsen glühte das Gesicht des Mannes, seine Adern an den Schläfen schwollen, das Haar verwirrte sich. „Daß du drin bleibst!" rief er. „Weg die Hand, zurück...!" Juppi zitterte, schreckensbleich. Die Furcht trieb ihn hinter dem Ofen hervor, er wollte zur Tür hinausstürmen da stockte er im Anlauf. Unter der Tür stand die Meisterin, die von dem Geschrei ihres Mannes herbeigerufen worden war. Schmal, spitz, wie ein Eulenkopf starrte ihr Gesicht auf den Betrunkenen, der sich mit dem Sarg herumschlug. „Bleib drin, Alte. Leg dich wieder um!" beschwor der närrische Mann. „Latz mich in Ruh. Du darfst nicht raus. Hin bist du, mausetot bist du, Sakra! Endlich ... bin ich dich los, Hauskreuz. Hinlegen, htnlegen: Deckel zu ...!" Er stöhnte und japste, angeloht vom Hahblick seines Weibes. Mit einem Schwung flatterte sie wütend auf ihn los, ihre Röcke flogen wie Äogelflügel, sie krallte ihn am Hals, rüttelte ihn und gellte ihm in die Ohren: „Vierlump!" Und sie umfaßte den Strauchelnden, zerrte ihn weg und schleifte ihn die Treppe hinauf. Der Sargdeckel war vom Tisch in die Hobelspäne gefallen, der Sarg hatte sein weißes Inneres aufgetan. Juppi bückte sich und legte den Deckel zurück. Oben in der Wohnung schallte die schrille Stimme der Frau. Juppi lauschte benommen. Rundum schwankten die Wände, er war schrecklich verwirrt. Lange Dämmerungsstreifen fielen durch die Scheiben herein, körperlose Hände, Schattenfinger tasteten über die Werkzeuge und langten nach den Hobeln Der Sarg stand schwarz. Ausgespielt war das Totenspiel des Meisters, doch glänzte bas Holz wie Gebein, gleich abgefetzter Haut raschelten die Hobelspäne. Der Staub, den Juppi mit seinem Besen aufwirbelte, wölkte aschengrau, knochenbleich. Das Lebensholz. Juppi tischlerte nun schon ein paar Wochen voll Eifer. Zu seinen ersten flotten Schrctnerhandgriffcn hatte er neue hinzugelernt. So mehrten sich seine Kenntniffe. Er wußte, wie man einen Drillbohrer gebraucht. Und er hatte Einblick in die Kunst der Leimbereitung. Auch war ihm die Dunkelheit der Grafenauer Sprache, die ihm anfangs so schwierig vorgekommen war, stellenweise aufgelichtet, wenn er auch noch über manches Wortgestrüpp purzelte. Reichlich vertraut war ihm die Zungenfertigkeit der Meisterin, ihre böse Weisheit wußte er bereits nach kurzer Zeit auswendig. Wiederholt hatten ihm die Kraftsprüche Mürks ihren Sinn geoffenbart: beide, Meisterin und Obergesellc. erläuterten gern mit Maulschellen oder beendeten durch sie ihre Reden. Darin waren sie nicht unterschieden, mochten sie auch sonst auf dem Kriegsfuß einander gegenüberstehn. Aber Ohrfeigen waren, wenn Juppi den Nachrichten Ottos glauben durfte, das tägliche Brot der Lehrlinge, und man brauchte nicht erst darum zu bitten, wie um das vom Bäcker, das nicht so leicht zu erlangen war. Zuweilen brummte ihm arg der Kopf von dieser billigen Nahrung. Dann hatte jeweils Mürk seinen schlechten Tag oder die Meisterin war in Siedehitze geraten wie ein Dampfkessel, und seitdem sie den wilden Auftritt mit ihrem Mann gehabt hatte, schäumte sie besonders leicht über Mit dem Meister hingegen ließ sich gut wirtschaften und umgehn. Niemals teilte er Ohrfeigen aus, er prügelte nicht: er hatte wohl einen Widerwillen gegen Prügel, mit denen seine Frau nicht an ihm sparte. Der Meister sagte: mach das und mach das! und er ordnete es an mit einer so guten Bestimmtheit und Zuversicht, daß man seinen Auftrag umgehend und gern ausführte und gut dazu. Er zeigte einem seine Hand: genau so mußte man seine eigene Hand halten, wenn man das Werkzeug packte —und er ließ einen gründlich die Kniffe und Fertigkeiten erkennen. So wird es gemacht, sagte er in aller Ruhe, und so geschah es. Da saß einem der richtige Schwuna im Arm, der Druck in der Hand: wie geschmiert folgte das Werkzeug dem Lebrstnas- willen, war es nun ein Schiffshobel, der die krummen Werkstücke abbobelte, ober war es eine Säge, die wie Butter glitt. So wie der Meister, verstand keiner zu hobeln, nicht einmal Mürk, der doch nach eigener Ansicht alles besser machte und eigentlich viel zu schade war für eine solche Bude, wo man verkam und verschlunzte. Wie ein Rasiermesser zischte der Meisterhobel über das Arbeitsstück. Papierdünn schwirrten die Späne wea, die reinste Birkenbaut Bon den Gesellen konnte man nichts lernen. Zinn war mundfaul, Mürk ungeduldig. Gleich batte man eine sitzen, wenn man nicht sofort begriff, was er erklärte. , -Streng deinen Kürbis an!" schrie er und langte einem so kräftig hinter die Obren, daß über das Wort „Kürbis" kein Zwei- fel blieb. Dann gab er einem den Rat, das Tischlerbanknverk aufzusteckcn und bester Feldkonditor zu werden, Ziegelbrenner Jedoch mit Lehm wollte Juppi nichts zu schaffen haben, er liebte oas Holz. Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerjitäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gietze