H- ° Eichener ZamilieMät Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Hummer \ Freitag, den 5. Januar Jahrgang 1933 1/ Dreikönige. Von Hans Leifhelm. Drei Könige ziehen landein, landaus,' Und kehren wieder im jährlichen Kreis, Drei wandernde Könige ohne Haus, Sie suchen den Stern, den niemand weiß. Wo irgend verloren ein Licht erglüht. Dort sind sie nächtlicherweile zu Gast, Sie singen ein fremdes vergessenes Lied, Daß dich ein süßes Heimweh erfaßt. Sie ziehen drei schützende Ringe ums Haus, Äaran die Welle der Zett zerbricht, Sie spenden die dreifache Gabe aus Von Weihrauch, von Myrrhe, von goldenem Licht. Sie scheiden, sie wandern für und für — Horch, Herz, in die einsame Nacht hinein, Es gehn viele Füße, laß offen die Tür, Es werden vielleicht die drei Könige sein. Oie Liebesgabe. Eine Geschichte von Paul E r n st. Bei einer der großen Schlachten, welche im Weltkrieg sich wochenlang hinzogen, lag ein junger Leutnant mit seiner Truppe in einem Schützengraben. Die Leute hatten sich den Aufenthalt so behaglich wie möglich gemacht,' sie hatten sich einen Raum von der Größe einer kleinen Stube im Boden ausgegraben; aus dem nahen Dorf, das längst von den unglücklichen Einwohnern verlassen war, hatten sie Stroh und sogar einige Matratzen geholt; ein Mann besaß eine Ziehharmonika und spielte oft, indessen die andern, behaglich rauchend, ihm zuhörten, und der Posten mit dem Glas vorsichtig hinter der Deckung vorlugend den Feind beobachtete. In der Luft das Zischen, Sausen, Heulen und Krachen der Granaten und Schrapnells war ihnen längst gewohnt geworden. Durch eine vorsichtig herankriechende Ordonnanz wurde ein dickes Paket mit Liebesgaben gebracht. Die Leute öffneten es jubelnd: da war ein Kistchen Zigarren, Strümpfe, eine wollene Jacke, eine Schachtel mit Knöpfen, Zwirn und Nadeln, ein Paket gemahlener Kaffee und noch mehr dergleichen, das wohl von liebevoll besorgten und freundlich gesinnten Personen gesammelt und eingepackt wurde. „ . . Der Leutnant saß etwas abseits von den Leuten aus einer Matratze. Er freute sich über die Fröhlichkeit der Leute, über den heiteren und selbstverständlichen Willen, die Mühsale und Schädigungen des Aufenthaltes nicht Herr über den frischen Mut werden zu laßen; er fühlte auch, daß er zusammengehörte mit seinen Untergebenen, daß kein Mißtrauen und keine Feindseligkeit bei ihnen gegen ihn war, sondern Zuneigung und kameradschaftliches Gefühl; dennoch spürte er sich ausgeschlossen von der allgemeinen Heiterkeit. Die Achtung vor dem Vorgesetzten lag über den Leuten, nnd ein lachendes Gesicht änderte sich plötzlich dienstlich, wenn die Augen' zufällig nach seiner Richtung fielen Es war das ja nötig wegen der Manneszucht, und es bedeutete nichts Uebles; aber der junge Mann hatte doch plötzlich das Gefühl einer grenzenlosen Vereinsamung. Die Mannschaft batte leise miteinander gesprochen, dann trat der Unteroffizier auf ibn zu, brachte ihm die gestrickte Jacke und sagte, sie hätten bemerkt, daß der Herr Leutnant nnr seidenes Unterzeug habe, das bei der nunmehr einsetzcndcn Kälte nicht genüge; sie selber seien mit dem Nötigen versehen und bäten ihn, daß er die warme Jacke nehmen möge. Einen Augenblick dachte der Offizier, daß er die Gabe abwciscn müsse, dann überkam ibn die Freude über die vielevolle Gnsinnuna. er nabm das Dargebotene und dankte allen. Wie eine beiße Glückswelle strömte ihm die Freude über die liebevolle Gesinnung, er nahm das Dargebotene werde schon nervös", dachte er. Wie er nun die Jacke auseinandcrleate, um sie zu betrachten, füllte er Papier; er schlug sie um und fand inwendig, mit Garn festgeheftet, einen Brief. In dem mit zierlicher Fraucnhand geschriebenen Brief stand folgendes zu lesen: „Dieser Jacke, die ich gestrickt habe unter den herzlichsten Wünschen für den Mann, der sie einmal tragen soll, füge ich einen Bries bei. 'ich weiß nicht, in ivelche Hände beides fällt; aber tch möchte dem Unbekannten einen Gruß senden. Ich habe keinen anderen Menschen, dem ich einen Gruß senden kann, dem ich Herzliches wünschen darf. Meine Eltern sind tot, Geschwister habe tch nie besessen, meine Eltern waren einsame Leute ohne Verwandtschaft, bet fremden Leuten bin ich erzogen. Jetzt bin ich bet meiner Freundin zu Besuch. Wenn ich sie verlasse, dann kehre ich wieder in meine einsame Wohnung zurück. Der Mann meiner Freundin steht im Feld. Sie wartet herzklopfend auf jede Post, studiert weinend die Verlustlisten. Ich sehne mich so danach, herzklopfend auf die Post zu warten, tch sehne mich nach Tränen der Besorgnis um einen Menschen, den ich lieben kann." Unter diesem Vries standen zwei Buchstaben: R. Z. Der junge Offizier riß zwei Blätter von seinem Block und schrieb: „R. Z.! Ihren Brief hat ein Mann erhalten, der einsam ist wie Sie. Ich habe meine Eltern nicht gekannt, habe meine ersten Jahre bei meinem Oheim gelebt und wurde dann in das Kadettenkorps gebracht. Wenn meine Kameraden in den Ferien in die Heimat reisten, mußte ich bleiben; ich hatte ketne Heimat. Ich bin ärmer als Sie, ich habe noch nicht einmal einen Freund. Ich sende diesen Brief auf Geratewohl, wie Sie den Ihren Ihrer Gabe beigefügt hatten." Diesen Worten fügte er seinen vollen Namen mit Anschrift bei. Dann erkundigte er sich bet den Leuten nach dem Herkunftsort des Pakets. Es war aus Berlin gekommen. Er schrieb auf den Briefumschlag die beiden Buchstaben R. Z. und richtete -ihn postlagernd Berlin, Hauptpostamt. „Weshalb hatte sie nicht ihren Namen unterschrieben?" dachte er in der Nacht. „Was habe ich für einen Unsinn begangen, einen solchen Brief abzusendcn!" dachte er weiter. Er lachte für sich und dachte: „Er wird einige Wochen auf der Post in Berlin liegen, dann wird man ihn mit andern alten Briefen verbrennen — oder wird man ihn öffnen, um den Absender zu erfahren?" Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, daß man den Brief vielleicht ° ^Aber der Brief wurde weder verbrannt, noch eröffnet, sondern er wurde von einem wunderhübschen jungen Mädchen abgeholt. Das kam so. „ , , Am anderen Tage hatte der Leutnant beschlossen, noch etwas Besonderes zu tun, und hatte an eine große Berliner Zeitung eine Anzeige geschickt: „R. Z-, Antwort xom Empfänger der Jacke liegt postlaaernd Hauptpostamt." Nach etwa einer Woche erhielt er folgenden Brief: , _ . „Geehrter Herr Leutnant, wir sind fünf Schwestern zu Sause; das ist etwas viel, nicht wahr? Ich bin die mittlere und bin erst achtzehn Jahre alt. Ueber Ihren Brief staben wir den ganzen Tag geweint. Weil ich allein den Mut gehabt hatte, ihn abzubolen. so darf ich ihn anch allein beantworten, aber die andern lassen Sie wenigstens grüßen." Dann folgte der volle Name des Mädchens. Der junge Offizier sah wobl, daß sein Brief durch irgendeine Verwicklung in ganz andere Hände geraten war, als er ihn bestimmt hatte; aber er freute sich doch über den zierlich goldgeränderten Bogen. die mädchenhaften Schriftzüge, und in den langen Stunden der Muße, ivelche er jetzt hatte, versuchte er sich ein jugendliches Gesicht vorzustellen, das der Briefschreiberin angehören mochte. Er antwortete auch, einen längeren Brief, wie der erste gewesen war, bekam wmder Antwort zurück; und es folgte dann ein heiterer; neckischer Briefwechsel; es war, als hätten sich beide Teile das Wort gegeben, nichts von dem Ernsten und Schweren des Krieges sich merken zu lasten: der Vater und zwei Brüder des jungen Mädchens waren gleichfalls Offiziere und standnde, die künstlerischen Schmuck erhielten. Interessante, kunst- und kulturgeschichtliche wertvolle Bilder, für die es besondere Stammbuchmaler gab, finden sich vielfach im 17. und 18. Jahrhundert. Das herrlichste Kunstwerk ist jedoch Lukas Cranachs Stammbuch, dessen Aquarelle den ganzen Umfang seiner reichen Begabung atmen. Auch im Auslande gewann die Sitte Anhänger,' ihre Hauptpflege aber fand sie in Deutschland, rote Martin Zeller bezeugt: „Die Ausländer achten sich der Stammbücher nicht viel, aber die Deutschen haben vielfältig im Brauch, solche auf ihren Reisen mit sich herumzuführen." m t ,, „ Als ein fester, nicht selten reich gezierter Band mit prachtvoll bemaltem Titelblatt bot sich das Stammbuch dar. Ein Spruch zu Anfang wies auf Sinn und Zweck des Ganzen hin, wodurch tm humoristischen Ton an ungeschminkte Wahrheit, freundliche Weisheit, und wohl auch geziemenden Anstand bei den Eintragungen gebeten wurde. Lange ist Latein die Sprache, die vorherrscht, dann wird es durch Französisch abgelöst,- erst im 18. Jahrhundert beginnt das Deutsche sich den hervorragenden Platz zu erobern. Den Adligen und Professoren ist noch tm 17. Jahrhundert vielfach der vordere Teil des Buches vorbehalten, während sich alle Kameraden und sonstigen Personen bürgerlichen Standes nut den letzten Blättern begnügen müssen. So spiegelt das Stammbuch die strenge Rangordnung und Trennung der Klassen im Barock wieder. Mancher eifrige Sammler hatte eine ganze Anzahl Bücher, in die er je nach Stand und Würdigkeit nur Adel, nur Professoren, nur Studenten sich eintragen ließ. Auf Reisen biente cm Stammbuch zur Legitimation, zur Empfehlung, überhaupt zu besserem Fortkommen. Mancher frönte nur der lieben Eitelkeit, wenn er sich an hohe Herren und Berühmtheiten mit der Bitte um Ein- zeichnung wandte. Schließlich wurde cs sogar zum Betteln mißbraucht, indem fahrende Scholaren beim Ueberreichcn ihres Stammbuches zugleich um einen Zehrpfenntg baten. Auch einen „Grund zum Trinken" bot es: man leerte nämlich beim Kommers auf das Wohl jedes im Stammbuch verzeichneten sein Glas. Doch solcher Mißbrauch konnte den guten Kern der Sitte nicht zerstören, die ein „nachdenksames Erleben und Durchleben von Freunöschafts- und Liebesbeziehungen „beförderte, Famtltenbande lebendig erhielt und uns Nachlebenden ein farbiges Abbild vergangener Stimmungen aufbewahrt hat. . Das Jahrhundert der Reformation offenbart sich nut seinem herrlichen Biedersinn, seiner grobtantschen Derbheit und pedantischen Gelehrsamkeit. Wir tun einen Blick in die wilde aben- teu-'rreiche Zeit des Dreißiaiährigen Krteaxs, da der Stud"nt sich rasch als Soldat fühlt und Bürger wie Bauern schindet. Kriegerische Klänge erschallen, rote z. B.: Munter, frisch zu Felde ziehen, Pulver, Blitz und Bley anssprühen, Tra ra ra bum dibi bum. Weidlich fluchen, balgen, raufen, Und Tabak in Saufen saufen Ist Soldaten Proprium. Die Wüstheit dieses traurigen Zustandes wird abgelöst von den harmloseren Tollheiten des Burschenlebens, die ein und em= halbes Jahrhundert lang in allen Tonarten in den Stammbüchern gepriesen und verherrlicht werden. Das Trifolium von Wein, Weib und Gelang triumphiert über alle anderen Genüsse der Welt, aber Tabak, Kaftee, Jcmd und Spiel werden darum n'ckit vernachlässigt. Das Lob der Schönen, der Preis des Kusses, die Vorzüge des Bieres, sie nehmen sich nicht minder ehrlich aus in den steifen Alerandrtnern der schlesischen Schule als in der leichteren Rhythmik und graziöseren Anmut des anakreonttschen V--r- ses. Lustige Bilder des Studentcnlebens werden entworfen. Weniger erlebt nehmen sich zumeist die Weisbeitlebren und Tugend- preisungen aus. es sei denn, daß ein würdiger Professor mit aller Gravität und Sittenstrenge Cicero zitiert oder ein eigenes Sprüchlein zulammenretmt. , t Fe näber die Zeit der Klassiker heranrü-it, einen desto bedeutsameren und ernsteren Inhalt empfangen die Stammbücher. Hier Zwei Damen wurden ihm gemeldet: seine junge Briefschreiberin kam in Begleitung einer älteren Dame. Beide waren verlegen, der junge Offizier, der noch geschwächt von Blutverlust, .. Schmerzen und Anstrengungen im Bett lag, hatte einen Augen- % blick ein Gefühl frohen Glückes, wie er das blühende, Weitere ► Gesicht- des jungen Mädchens sah, dann überkam auch ihn die /"Scheu -und. das Bewußtsein der eigentümlichen Lage. Aber rote •- dllS iüngc: Mädchen das bei ihm spürte, da verwandelte sich ihre fnqenteü; über das leicht gerötete Gesichtchen zuckte es lustig, (aitew Augen sprühten neckisch, und es war, als ob sie plötz- acken wollte. Da begann die ältere Dame zu erzählen. "’JÜäSi'e'JBar es, die den ersten Brief geschrieben hatte. Die Muk- "'ter ihrer Begleiterin ivar die Freundin, bei welcher sie in Berlin zu Besuch war. Sie sah mit etwas schwermütigem Lächeln den jungen Mann an und sagte: „Das dachten Sie wohl nicht, als Sie den Bries lasen, daß ihn ein altes Mädchen von fünfzig Jahren geschrieben hatte?" Der Leutnant fühlte, wie er verlegen wurde, und versuchte Beteüerungen: die Dame schnitt seine Rede mit einer Handbewegung ab und fuhr fort: „Ich muß mir immer ins Gedächtnis zurückrufen, wie ich als Zwanziglährlge über Frauen von fünfzig Jahren dachte: wir fühlen ja nicht, daß wir alt sind. Als mein Paket abgegangen war, wurde nur erst bewußt, daß ich ganz falsch geschrieben hatte — und ich schämte mich; über meinen Brief überhaupt, und bann, day ich ihn so geschrieben hatte." Wieder wollte der Leutnant sprechen, aber ein gütiger Blick der Dame ließ ihn wieder schweigen. Sie fuhr fort. „Wir saßen an einem Abend um den runden Tisch zusammen, meine Freundin, die Kinder und ich, jedes mit seiner Arbeit. Hier Mathilde — sie deutete auf das errötende junge Mädchen — „hatte neues Strickgarn geholt und betrachtete zerstreut das Zeitungsblatt, das als Hülle gedient hatte. Plötzlich rief sie aus: Das sind ja deine Anfangsbuchstaben! und wies mir Ihre Anzeige. Ich las und muß mich wohl verraten haben, denn alle riefen mir zu. Nun wäre ich doch in ein falsches Licht gekommen, wenn ich länger geschwiegen hätte, deshalb erzählte ich von meinem Brief, und die guten Kinder verstanden auch alles, wie es gemeint war: Mathilde drückte mir die Hand und küßte mich, um mir über die Verlegenheit ^J^wollte den Brief nicht von der Post holen: meine Freundin lächelte, und ich dachte mir: sie denkt, daß ich doch recht altjüngferlich bin. Nun, das ist ja wahr: ich bin doch auch eine alte Jungfer: ich weiß ja, daß die den Leuten immer etwas komisch vorkommen: daran muß man sich eben gewöhnen und darf es die andern Menschen nicht entgelten lassen: ich denke, wenn man sich Mühe gibt, dann kann man doch den Menschen etwas nützen, nicht wahr?" Sie wendete sich zu Mathilden, die in ihren Schoß blickte und eine Träne im Auge glänzen hatte. Dann fuhr die Dame fort: „Hier, unsere Mathilde stand auf und sagte: „Ich will den Brief holen: wer weiß, ob nicht ein armer Mensch im Schützengraben draußen liegt, der sich nach einem Liebeszeichen aus der Heimat sehnt." „Meine Freundin nickte lächelnd: mir selber wurde ganz schwer ums Herz, wie ich da sah, was das Weib sein kann: Frau und Mädchen, und ich dachte — tritt, ich will nicht bitter werden, ich habe es mir geschworen, daß ich keine häßlichen Gedanken haben will. Matbtlde ging tapfer zur Post, bezwang sich und verlangte den Brief. Sie hat Ihnen die Wahrheit geschrieben, wir haben alle geweint über ihn, und ich habe gedacht: rote unrecht handle ich doch, wenn ich mit meinem Geschick hadere, in meinem wohlbe- hüteten Leben. Dann antworteten Sie wieder, Mathilde schrieb zurück: alle Ihre Briefe kennen wir, alle Antworten Mathildens kennen wir auch ...!" ~ .... Hier erhob sich Mathilde und sagte zu 6er Dame: „Wir muffen gehen, wir sind schon zu lange geblieben." Sie vermied den Blick des junaen Mannes. Sv nahmen die beiden denn Abichted. Die Verwundung heilte alücklich: der junge Offizier bekam noch öfters Betuch von den Beiden, von Mathildens Mutter, von den anderen Schwestern,- als er das Zimmer verlassen durfte, suchte er die Freunde in ihrer Wobnung auf; und ehe er wieder ins Feld zurückgtng, fand die Verlobung zwischen ihm und Mathilden statt. wirkt in gleicher Weise, wie in der Literatur, die Begeisterung für den groben Friedrich erhebend, die in den Herzen der Frau ihr Echo findet. Da heißt es etwa: „Wenn alles zergehet. Wenn alles zerfällt, So bleibet noch Friedrich Der Große, der Held. Vive le grand Frederic." Neben Hagedorn, Uz und Wieland treten Klopstock und Lessing als Spender von Stammbuchversen hervor; seit 1790 etwa beginnt die Flut der Schiller-Zitate, zunächst aus dem „Don Carlos". Goethe, der an Stammbuchversen stets eine gewisse Freude hatte, schreibt der Mutter am 80. September 1765, als er nach Leipzig zieht, einen pietistisch frommen Spruch ins Album. Später finden wir die Großen des Weimarer Kreises mit Eintragungen in so manchen Stammbüchern vereint: Goethe zeichnet sich mit immer neuen Strophen ein, die einen ganz sinnig anmutenden Bezirk seiner Gedichte bilden. Sv schrieb der Großpapa „seinen lieben Wölfchen" 1826 ins Stammbuch: „Eile Freunden dies zu reichen Bitte sie um eilig Zeichen Eilig Zeichen, daß sie lieben! Lieben, das ist schnell geschrieben, Feder aber darf nicht weilen Liebe will vorüberctlen." Und noch wenige Tage vor seinem Tode, am 7. März 1832, dichtet er die Stammbuchverse: „Fromme Wünsche, Freundeswort, Waltet in dem Büchlein fort." Die Stammbücher aus der Zeit des Befreiungskrieges zeigen die gewaltige Umwandlung, die im Geiste des deutschen Volkes und vor allem der Jugend sich vollzogen hatte. Statt kecken Getändels, liederlichen Humors und frivoler Galanterie herrschen nun die großen patriotischen Ideale der Freiheitskämpfer und der Burschenschaft, Schulmensprüche werden zu ernsten Gelübden umgeformt; Gott, Vaterland, Freiheit, Ehre sind die Devisen. Doch die Sitte des Stammbuches geht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unaufhaltsam ihrem Verfall entgegen. Statt des festen Buches erscheinen lose Blätter, die in einem Futteral aufbewahrt werden. Wie in der Werther-Zeit die Silhouette, wird nun die Photographie und das Photographic-Album ein gefährlicher Rivale. Der Brauch, den einst Fürsten und Ritter begründeten, Gelehrte und Künstler ausbildeten, Studenten und junge Damen fortsetzten, lebt fast nur noch bei den Kindern fort. Aber er verdiente es wohl, eine fröhliche Urständ zu erleben! Gesang der Geister über den Wassern. Von I. W. von Goethe. Des Menschen Seele Gleicht dem Waffer; Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es. Ewig wechselnd. Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Und leicht empfangen, Wallt er verschleiernd, Leisrauschend, Zur Tiefe nieder. Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig Stufenweise Zum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wiesental hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne. Wind ist die Welle Lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grunde aus Schäumende Wogen. Seele des Menschen, Wie gleichst dn dem Wasier! Schicksal des Menschen Wie gleichst du dem Wind! Oer G^ernenboum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Schräg über das magere Gräserfell weideten die Ziegen. Weitz und schwarz zeichneten sich ihre gehörnten Gestalten vom Firmament ab. Ihre geduldigen Bewegungen schienen sie auswärts in die Bläue zu führen, der Meise nach und Juppis eigenen Bildern und Gesichten ... ' Er nahm feine Mundharmonika aus der Tasche und begann zaghaft zu zirpen. Sein kleines Sptelwerk klang ihm orgelhaft, die hochtönenden Zungen erhoben ihre Stimmen. So zwitscherten Wolkenvögel oder Engel. Juppi schloß die Augen und gab sich dem Versuch hin. Seine Weise schwebte im Nadelhaus der Fichte und senkte sich wieder herab, als läute sie von Ast zu Ast, von Sprosse zu Sprosse der Vogelleiter. Der Schatten des Baumes schrieb seinen Nachmittagsbogen über den Hang, die Ziegen standen, Grasbüschel schmausend, vor dem luftblauen Tor. Auf den granitenen Felsenstühlen rastete die Einsamkeit und hielt Zwiesprache mit den weiten Wäldern. Tief im Tal, wo die Landstraßen hinzogen, nach Klingenbrunn, Spiegleau und Ningolay zu den Bächen, Wiesen und Ringelnattern, knatterten laute Motorräder durch die Dörfer und Waldfetzen, und die Näder der Bauernfuhrwerke rollten bergein. Hinunterlauschend in die Gründe und hinaufblickend zu den Ziegen, zwischen Tiefe und Höhe seine zage Melodie stümpernd, fühlte sich Juppi kummerlos. Ach, wenn doch immer ein solcher Sonntag wäre! Baumsreunde. Das war für lange Juppis letzter schöner Sonntag. Dem blauen Mai folgte ein grauer Juni: m Regen ertrank der große Wald zwischen den Ländern. Aus Böhmen fegten naffe Winde herüber, und von Oesterreich schnoben die langen Schläuche der Wolken mißmutig und finster. Die über den Fichtenmeeren felsenalt horstenden Bergkuppen hatten sich in dicke Nebel vermummt und ließen keinen hellen Sonnengedanken über den Klüften aufkeimen. Voll Wasser sogen sich die Hochmoore. Ueber alle Wände und Stufen stürzten die losgelaffenen Geröllbäche. Regenfäden, Regenschleier troffen von der Mittagsfichte auf dem Oedhang. Durchpeitscht und durchschwemmt war ihr grüner Harz- und Vogelturm. Sie hatte Nebelfahnen gehißt. Wolkenrauch wohnte in ihren Aststuben, wilde Güsse hatten ihre Frühlingslichter angespten. Juppi mußte ihr fern bleiben. Kam er Sonntags vom Kirchgang, war er durchweicht. Es regnete. „ Uebelgelaunt sah der Einödbauer hinaus auf seinen Hof, der langsam bergab zu schwimmen drohte. In braunen Strömen floß die Ackererde fort. Juppi mußte die Getreideputzmaschine reinigen. Aus ihrem Bauch fegte er Haufen von Staub und Spelzen, Abfall des letzten Sommers. Mit Oel und Lappen griff er den Rost an. Doch der hatte sich tief in den Stahl.eingefressen und wich nicht. Für Flunk gab es keinen Rost, der nicht wegznputzen war. Juppi rieb und ölte. Vergeblich. Der Knecht hatte eine wilde Regenstimmung und lieb sie an Juppi aus. Aber die verrosteten Eisenteile wurden dadurch nicht blank. Flunk fuhr in der Scheuer herum wie eine tolle Geiß. Noch schöner, wenn der Rost nicht wegzureiben wäre! Er solle es ihm nur einmal vormachen, meinte Juppi. Der Knecht, krumm vor Zorn, ging aus der Scheuer und riegelte die Tür ab. Es war gerade Essenszeit. Wer nicht arbeite, brauche auch nicht zu essen, schalt er und entfernte sich. Juppi wagte nicht, gegen die Tür zu pochen. Er legte den Kovf auf die Puhmaschine und vergoß ein paar karge Tränen in die Oel- fchmiere ans dem Triebrad. Auch sie bisfen die Rostflecke nicht aus 6en®tinnen in der Stube vermißte ihn niemand. Jedenfalls wurde nicht nach ihm gerufen. Wen batte er zum Freund? Den Hunger und die Einsamkeit. Ratlos, mit langen Blicken schaute er durch die Vacksteinlücke der Mauer. Hinter dem Regenvorhang nebelte der Wald. Verschwommen standen die Bäume, ein Chor dunkler Gestalten. Am Rand der Wiese ragten sie aus, die Wipfel hatten sich unter dem Winddruck geneigt, geaen Juppi. x ., Ach, ihr Bäume! Wär er doch ein Eichhörnchen unter ihren Aesten. Oder eine kleine Wildtaube im Schutz des Laubes und der Nadeln. Das Käuzchen beneidete er um feine Höhlung. Sie hatten es aut. Da fiel ihm ein: sie batten es vielleicht doch nicht gut Sie lebten wie er in Angst. Stößer, Sperber und Jäger gab es, die ihnen nachstellten. Sie hatten auch ihre Flunks ... Lieber wünschte er, ein Baum zu sein. Eine Lärche im tiefen Wald, eine Fichte an der Schneise. Zu beiden Seiten Baumsreunde, gute Nachbarn, Brüder und Schwestern des grünen Reiches. Wie ernst und schön stebn sie beieinander; sie unterhalten sich leis und laut, je nachdem. Sie sind alle fein angetan. Sie leiden auch feinen Mangel. Wenn sie Hunger haben, effen ihre Wurzeln. Haben sie Durst, trinken sie Waffer. Das ist ein Leben. Auf dem Berg ist genug Platz für sie, sie wachsen tief hinab und hoch hinauf — rote efi eben aebt. Ihre Kronen rühren an den Himmel. Sie streifen an die Wolken, sie betasten den Regenbogen. In klaren Nächten tragen sie das Licht der Sterne auf ihren Blättern. Gern wäre er einem Baum ähnlich gewesen. Ob ifin der Vater hier sieht, in der dunkeln Scheuer, bei der Putzmaschine? _ „ , _ , Ftm .frof raulchte der Nußbaum. Der Regen rieselte über sein Laubdach. Die Aeste streckten ihre Vlätterhände aus, als winkten ^ierjinttoortlid): l)r. Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Brühl'fcheUniverfitäts-Ducb- und Stetndruckerei, R. Lana«, Gießen. sie ihrem Freund Juppi hinter der Mauerluke. Geschwätzig plau- ^Die ^N?ßWurnhände schrieben allerlei Zeichen in die Luft. Das bien vielleicht: Lieber Juppi ...! Wie Vögel machten sie eine schnelle Bewegung. Das mochte bedeuten: Eines Tags fliegen wir fort aus dem Einsamerhof, und einmal fliegst auch du fort ... Dann neigten sie sich tief Da erinnerte er sich, wie er zu Haus, als sein Vater noch am Leben war, unter der schönen Buche vor der Tur gelegen hatte. Die Blätt-'r rauschten und flüsterten ... niemand als Juppi war du her Vater arbeitete im Wald ... man horte sein Beil fern- $CWuüüiC roif dj t e das Bild fort und machte sich wieder an seine Putzmaschine. Stach einer Weile wurde die Tür von außen aufgeriegelt. Schritte entfernten sich. Juppi öffnete und trat in den Rcgenhof. Die Stalltür schnappte ins Schloß. Flunk. Hungrig schnüffelte der Freigelassene in die Küche. Ein paar Taae darauf, als er abends im Stall sein Strohlager aufschut- telte befiel ihn lähmende Enttäuschung. Seine Mundharmonika, die er unter der Strohschütte verborgen hatte, war verschwunden. Aufgeregt durchsuchte er alle Ecken, wühlte das Stroh um und um, das Musikwerk blieb unauffindbar. Hatte er die Harmonika auf dem Wege zur Schule verloren? Im Acker, im Wald? Auf dem Speicher oder droben im Heu bei der Futterschneidemaschine? Durch alle Winkel liefen seine Gedanken. Voll Sorgen streckte Cr®te) Nacht stand hinter dem Stallsenster. Gegen Abend hatte der Regen ausgesetzt, und die Wolken waren zerrissen. Sterne funkelten aus den Wolkenschlitzen. Wie sonderbar sah der Nußbaum aus. Sein dunkler Stamm ähnelte einem Mann, der eine ungeheuere, schwarze Last auf den Schultern trug. Oben am Stamm saß ein Gesicht. Der Dämmcrschein der Nacht narbte es mit Zügen und Linien. Der Baum glich einem Geist. Regungslos schaute Juppi hinaus, und das Baumgesicht blickte zu ihm her. Neber dem dunklen Vlätterhut blinkerten die Sterne. Jetzt schien es aus einmal, als neige sich das Nußbaum- gesicht aus der von Lichtern umbrandeten Dunkelheit: es hatte wahrhaftig einen Zwirbelschnurrbart, Mondlichtaugen und einen Schattenmund. Schon halb im Schlummer glaubte Juppi wahrzunehmen, wie der Mund sich bewegte. Ob er vielleicht ein gutes Wort zu sprechen sich mühte? Und selig angerührt suchte nun Juppis Herz nach ein paar festen, guten Worten. Vater unser ... sagte das Herz ... der du bist in dem Himmel. Schlafschwer sank sein Kopf zurück in das Krippenstroh und mitten hinein in ein Sternenreich über Seelenbäumen. Sie gossen ihren unendlichen Waldwtnd über ihn aus, ihren Frtedenshauch. Die Spielzeug-Gret. Ein paar Wochen darauf in den Schulferien, an einem Nachmittag, stellte sich unvermittelt auf dem Etnsamerhos die Spielzeug- Gret ein. Juppi wollte gerade das Vieruhrbrot für den Bauern und Flunk hinaus aufs Feld tragen. Da er in Eile um das Haus bog, sah er die Gret nicht sogleich. „Juppi!" rief sie mit ihrer Hellen, freundlichen Stimme. Angewurzelt blieb er stehn. Was für eine gute Stimme. Der Ruf durchdrang ihn wie ein Klangblitz. Das war ja die Gret, seine alte Freundin, die ihn beim Namen rief. Er riß sich herum und rannte voll Hast und Freude auf sie zu. Am liebsten wäre er ihr um den Hals geflogen, aber seine Hände waren nicht frei. Sie faßte ihn mütterlich an den Schultern, rüttelte ihn ein wenig, als wolle sie ihm sein Erstaunen abschütteln und küßte ihn auf die Backe. „Spielzeug-Gret!" stotterte er verlegen und merkte gar nicht, daß sie ihn so eigentümlich prüfend ansah. Gleich der Wärme eines Sonnenstrahls brannte ihr Kuß auf seiner Wange. Wie ihm vorkam, ivob um ihre Gestalt ein helles Licht, obschon der Tqg trüb und wenig freundlich war. Von ihr selbst ging das festliche Licht aus, das ibn anstrahlte im Herzen. In einem Augenblick war seine Stimme umgewandelt: er fühlte sich glücklich. „So lang hab ich dich nicht gesehn", meinte er. „Juppi, dir kann man ja, weiß Gott, das Vaterunser durch die Rippen blasen", murmelte sie betroffen. Oh, ihm fehle nichts, schnitt er auf. Jetzt erschien die Bäuerin unter der Haustür. „Geh, Kind, besorg dein Essen!" riet die Gret. „Ich bleib derweil bei der Bäuerin, bis du wieder da bist." Er eilte vergnügt sort. Unterwegs gab er der Spielzeug-Gret die allerschönsteii Koseworte. Gut, daß sie nichts davon erfuhr. Sie hätte ihn ansgelacht. Flank sah ihm seine Veränderung an. „Hast mobl ’n ganzen Schwartenmagen aufgefressen, weil du so sveckig ausschaust?" rauuzte er. Stolz schüttelte Juppi den Kopf. Was der von ihm dachte. Etwas Schönes sei ihm zugekommen, deutete er geheimnisvoll an nnd machte sich, so schnell es nur möglich war ans den Rückweg. Mißtrauisch glotzte ihm Flunk nach. Die Bäuerin eröffnete Juppi, daß er mit der Frau Gret gehn könne. Vor Verblüffung sagte er keine Silbe. Er traute seinen Ohren nicht. Weiche Freude! „Schnell, schnür dein Bündel!" wurde ihm befohlen. Als er mit seiner alten Freundin bergab ging und der Hof hinter ihnen zurückblieb, sagte die Gret: „Der Frau Einsamer hab ich ein .fremd geschenkt mit Hoblsaum nnd Spitzen, ein hochfeines Hemd, wie es nicht einmal die Frau Forstmeister von Siebenellen trägt..." _ ,, Juppi bewunderte bas wortgesponnene lchone Hemd, den Hohlsaum und die Spitzen, die sie da in ihrer Erzählung ausbreitete. „Damit sie dich mitläßt, hab ich’s ihr geschenkt ..." Oh, das hatte sie getan! ein teueres Hemd hatte sie seinetwegen weggegeben. „Die Bauern tun nichts umsonst", fuhr sie fort. „Ich hab dich ausgeltehn, auf acht Tage oder auf vierzehn. Es kommt nicht so darauf an. So ein Hemd ist schon was wert. Da hatte sie recht. Nicht auszudenken war der Wert eines so feinen Hemdes. Ihm schien, er könne dafür Jahre lang bet der „Ich will es dir vergelten", versprach er. „Bet der Arbeit. "@t &u Lieber!" ries die Gret. „Die Hauptarbeit verrichten meine Füße. Denen kannst du nichts abnehmen." Beschwingt lies er neben seiner Freundin, die eine schnelle Gangart angeschlagen hatte. Er atmete auf. Wie leicht war ihm zumute. Nun ging er, abzwcigend von seinem Dchul- und Kirchweg, wieder den schmalen Pfad, der zu seinem kleinen Dorf führte. Die Bäume waren ihm gut bekannt. Sie standen in ihrer großen Laubstille und hörten ihm und der Gret zu. „Wir gehn miteinander auf die Reise", sagte sie, „morgen früh. Das Wetter wird halten." Sie schaute in den Himmel und witterte den Geschmack der Lnft. „Zunehmenden Mond haben wir ..." murmelte sie. „Gehn wir auch nach Rtngolan?" fragte er neugierig und sah im Geist, wie dort die Ringelnattern auf den Schwellen schliefen. „Dahin und dorthin", bestimmte die Gret. „Wir werden uns unterwegs auch nach einem guten Esten umschaun, du bist ja dürr zum Anbrennen. Hast Hunger leiden müssen, he? Er schwieg. „ , „Kannst dich bei der Gret satt essen/ Die kleinen, ärmlichen Dorfhäuschen tauchten auf. Rechter K»and sah er sein Vaterhaus, das Gemeindehaus. Er schaute mit einem heißen Blick hin und sah schnell wieder weg. Aus der Tur- schwelle hockten zwei kleine Mädchen. Neue Leute. Es war nicht Arn" nächsten Morgen in aller Früh schloß die Hernden-Gret ihre Haustür, schob den langen Schlüssel im Holzschuppen unter den Hackklotz, schwang ihre Korblast krachend auf den Nucken und wanderte mit Juppi die Landstraße in den morgenfeuchten Wald ^Die Welt öffnete ihre grünen Tore vor Juppi Hofschaffer. An den Gräsern hing der Tau, Butterblumen schlugen die goldenen Augen auf, Bäche murmelten im Grund. Wie hoch mochte die Mtttagsftchte am Oedhang stehn? So tief, wie jetzt Juppi unten im Tal war, reichten ihre Wurzeln nicht. Die Straße zog sich durch den Wald, eine lange, helle, schweigende Straße. Wo war sie wohl zu Ende? Er fragte die Gret. „Am Meer hören die Straßen auf, wie abgeschnitten", sagte sie. Was das Meer sei? fragte er unwissend. „Er weiß nicht mal, was das Meer ist", tadelte sie, „gut Nacht, Herr Lehrer! Das Meer ist das Meer", erklärte sie. „Lauter Wasser, wohin du siehst." Zögernd strömte ihm das Bild zu. Die Gret hatte die Hände in die Seiten gestemmt, damit sie leichter ihre Korblast trage. Juppi mußte sich tapfer ihr zur Sette halten, denn sie ging ihren guten Haustererschrttt, der geübt war, lange Wege zu messen. Gegen zehn Uhr erreichten sie die erste Ortschaft. Im Schulhaus, bei der Frau Lehrer, stellte die Gret den schweren Korb auf die Steinplatten des Flurs. „Steht was zu Diensten, Frau Lebrer? Schone llnterwasche, Hemden, Hosen, Leibchen, Strümpfe, Bänder ..." Es war eine Warenlitanei. _ , , , , , „ ,, ..Eigentlich brauche ich nichts. Kein Gelb. Doch laßt mal sebn." Eifrig packte Gret aus. Ihre Wäsche besiedelte im Nu auf dem Wachstuch den Fußboden und die Flurbank. Die Frau prüfte den Stoff der Hemden nach Faden und Webart. „Gutes Leinen. Gret?" „Bei meiner Seel", gestand die Gret. „Hält ewig/ „So unbescheiden bin ich nun nicht ..." scherzte die Käuferin. „Nabe ich Ihnen schon mal was Minderwertiges verkauft?" „Das sag ich nicht", erwiderte die Frau, drei Taghemden mit Weißstickerei wählend. „Das Waschpulver heutzutag verdirbt einem immer mal ein Stück", klaate sie. ~ . „Lauter Gelumv, das Zeug!" meinte die Händlerin. „Nicht anrttbren sollt man's." , Juppi hielt sich im Hintergrund unter einem mächtigen, der Wand entsprossenden Nirschaeweth. Es war erstaunlich. Ans seinen Norrckvießen hingen Männerhüte. „Was Jbr für einen netten Jungen mitgebracht habt!" sagte die Fraii. „firner Lehrling. Gret?" Die Nemden-Gret machte eine scherzhafte Handbeweauna. So aroß sei if>r Laden nicht, daß sie einen Lehrling nötig habe. Dann flüsterte sie ihrer Kundin einige Sätze zu. ,.E'N Waisenkind ..." ktang es. N>iii<>id8nnN rnbte der Blick der weißhaarigen Fran auf Jnvvi. ..Recht. Gret!" sagte sie. „Gebt mir noch ein Hemd und ein Jäckchen." (Fortsetzung folgt.)