SieMerMinilienbliitter Unterhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1954 Montag, -en 4. Juni Nummer 42 Junges paar geht in den Abend ... Von Herbert Lestibouöois. Sie sind sehr zögernd in die Nacht gegangen. Und ihre Herzen neigten sich befangen einander zu... Indes die Abendlüste zärtlich sangen: Nur du! Nur du! Sie hatten sich so über alles gerne! Und ihre Augen suchten in der Ferne ein Wort dafür. Doch statt des Wortes fanden sie die Sterne... Er gab sie ihr. Verschenkte sie, als warn die Sternmillionen, die unerreichbar ihnen beiden wohnen, sein Amtsbereich. Und lächelnd sah er sich dort oben thronen, dem Herrgott gleich. Dann hat die Dunkelheit sie sacht umfangen. — Und wollt des Mädchens Herz auch leise bangen..4 Schweig still! Schweig still! Es ist ein Sternbild in dir aufgegangen, das leuchten will! Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. I. Jeder, der gelegentlich die Nase aus dem Pferch und Pfuhl des kllltags steckt, kennt Katarina Gugcrnell- Wer ihren Namen in (inet Zeitung oder auf einem Plakat liest, liest ihn mit einem zärtlichen Lächeln und spürt dabei eine Beschwingtheit in den Gliedern, trotz schauerlicher Wirrnis und Not der Zeit eine rasche Kreude im Herzen: eine Huldgestalt, ein Freuden- und Lustquell, iute ihn das hartnäckige Leben auch heute noch schafft und un- »blässig schaffen wird. Wie dem auch sei: Wer einmal sie selbst od^r nur ihr Bild ge- vhen hatte, war davon überzeugt, daß sie in reinster Harmonie iahinlebe, selbst begnadet nicht bloß mit höchster Anmut und herrlichen Gaben, nein, darüber hinaus frei sei von Alltag, irdischer Peinlichkeit, von Schnupfen, Zahnreitzen, Leibweh, Menschensehn- vcht und -quäl... Nun, so war es bestimmt nicht. Auch die Katarina Gugernell war zu allen Zeiten ein Mensch und stand der irdischen Comoedia li umana, um ein gern benutztes Wort unseres künftigen Freundes Diez Hasselbrink zu gebrauchen, wie wir alle, beträchtlich nahe. Sie war im Herbst und Winter 1928/29, als die Welt wieder einmal an einen Aufstieg zu besseren Zeiten glaubte, bis in den Närz hinein unermüdlich fleißig gewesen, eigentlich immer auf ter Walze: hatte an vielen Abenden daheim und im Ausland getanzt, zuletzt an drei Abenden in Berlin, zum Schluß an einem lilligen Abend in einem riesigen Rathaus- oder Stadthaussaal, ter Jubel war rasend gewesen — aus, fertig bis zum nächsten gerbst und Winter! Und so war bas, besonders in den letzten Jahren, nach so einem eufregenden Abend häufig verlaufen: Sie hatte sich langsam um- pezogen; sie saß lächelnd zwischen Freunden und Bewunderern >nd ließ sich anfeiern: sie sprach und lachte warm und bequem, war crn einfacher Mensch, bloß ein Mensch, müde von der Arbeit, Spannung, Hingabe, vom Beifall und Erfolg gesättigt — und plötzlich, gerade dieses letztemal, da alles für längere Zeit wieder einmal aus war und da niemand da war, dem sie sich zärtlich hätte zaneigen können oder der sich zärtlich und stürmisch ihr zugeneigt lütte, so daß sie von innen heraus flammte in seliger Stille und innerst wachsender Kraft, — plötzlich begann der dunkle Tropfen llnlust und Einsamkeit in ihr zu schleichen. Es war wieder einmal vorbei. Sie war die lauten, strahlenden Abende gewöhnt. Was behielt man davon? Ihre Hände waren leer. Es folgten stille Wochen. Sie hatte, rote oft unmittelbar nach b.'n Aufregungen und Anstrengungen des Winters, wenig Verlangen nach fremden Menschen. Sie las viel nach ihren strengen tz-orgenübungen, machte schwierige Handarbeiten und Schneiderten, kümmerte sich, heiter krakeelend, um die Wirtschaft, räumte olle Sckübe und Schränke auf, ja stand eifrig mit Erika Klawinke, i! rer Wirtschafterin, am Herd und kochte und buk. Dann lachte sie gemächlich und wünschte plötzlich, daß dennoch etwas los wäre oder geschähe: Wind oder rasender Sturm — endlich und wahrhaftig ein ganz starkes, tiefes und dauerhaftes Aufatmeu. Denn am Abend — nicht bloß am Abend — schlich immer wieder der dunkle Tropfen Einsamkeit durch ihr Frauenblut und durch ihr Herz. In dieser Zeit, eines Nachmittags, lernte sie den ungewöhnlich stattlichen und hervorragenden Professor Louis Hasselbrink durch feinen immer gutgelaunten Neffen Dagobert bei einer zufälligen Begegnung kennen. Das war noch nicht lange her. Rund vierzehn Tage. II. Der Tulpenweg in der Nähe des Charlottenburger Knies auf der Tiergartenseite lag in tiefem Sonntagsfrieden. Tau blitzte: Vögel zwitscherten und schmetterten in die Stille, die unerschütterlich war. Die wenigen Häuser waren fest verwahrt: Rolläden und Jalousien waren herabgelassen: verzwickte Scherengitter sicherten Türen, Balkone und Fenster: hünenhafte Wächter durchschritten, bis an die Zähne bewaffnet, mit scharfen Hunden die Gefahrzone, um die Naubritterzunft der Stadt, soweit sie nicht in Tegel un- andern Orten gefestigter Zurückgezogenheit sich bei Radio und Sport von ihren aufregenden Geschäften erholte, nach Gebühr zu empfangen. Am friedlichsten schlief das stattliche rosa Haus Louis Haffel- brinks, des weltberühmten Professors. Es war mehr breit als hoch, hatte weiße Simse und Risalite, drei hohe Fenster in der Mitte unter einem spitzen Giebelfeld und, nach dem großen Garten hin, im stumpfen Winkel einen kleinen, gleichfalls himbeerfarbenen Flügel. Flinke Drosseln huschten flötend über die blinkenden Kieswege, und ein weitzer, zerzauster Kater strich gähnend über den feucht funkelnden Rasen. „Tolles Stück!" brummte der Herr Profeffor, halbwach, in seinem riesigen Bett und zog die Steppdecke ans Kinn. Er hatte seinen Neffen Dagobert und Diez, die zusammen in der Meraner Straße hausten, gestern abend seinen Wagen gegeben. Sie waren' nach dem Sechstagerennen, dem großen, einenden Kulturereignis aller Berliner Kreise, irgendwo da draußen gefahren. Um drei spätestens hatte der Wagen wieder hier sein sollen. Er war eben erst gekommen, zehn vor sechs. Der Profeffor hatte es mit seinem Vesitzerohr im Schlaf gehört und war erwacht. Er würde die beiden Jungen bei den Ohren nehmen... Natürlich hatte es seinen guten Schlaf gestört. Aber da mußte er, unleugbar in allem Grimm, aus einem nicht ganz durchsichtigen traumhaften Grund lachen und im nächsten Augenblick, ziemlich wachen und willkürlichen Geistes, an die „Dame Gugernell" denken, wie der Esel Dagobert sie zu nennen beliebte. „Sie lacht wie eine Frau!" Dummes Zeug! Auch Frau Gugernell war mit einigen Bekannten da draußen gewesen? Es war anzunehmen, daß die Dame nicht so lange bei dem Unsinn ausgehalten hatte. Er erinnerte sich im Halbdämmerzustand zwischen Traum und Wachheit, daß Dagobert davon geschwatzt hätte. „Die beherzte Dame will es sich einmal ansehen", hatte Dagobert gestern abend erzählt und ihm zugleich Grüße bestellt. Sie hatten einander wieder irgendwo getroffen: Dagobert, als Maler der zweibeinigen Welt, und sein Vetter Diez, als scharfer Beobachter des Lebens, wimmelten überall herum. „... Uebrigens, ja", hatte er noch gefaselt, „die gnädige Frau möchte riesig gern mal deine Bilder und berühmten historischen Zimmer besehn: du hast es ihr neulich in meiner Gegenwart versprochen. Hübscher Zug von ihr, finde ich, gradeheraus und ehrlich! Sie lacht wie eine Frau und ist darunter ein Mensch — ich kann's nicht anders sagen — warm bezaubernd. Ich versprach ihr, dir ihren sympathischen Wunsch mitzuteilen..." So hatte, erinnerte er sich in seinem hellsichtigen Dämmerzustand, Dagobert gestern abend geschwatzt. Sein Onkel Louis hatte nicht viel darauf geantwortet. Das war nicht so wichtig. Hm... Zehn Minuten vor sechs? Tolles Stück! Er würde sich die beiden mal gehörig vorknöpfen. Konnte überhaupt nichts schaden... Er atmete kräftig, lang und tief. Aber er konnte nicht recht wieder einschlafen. Verdammte Störung!... Eine große, schlanke Frau, wie er sie in der Erinnerung hatte, keine dürre Hopfenstange: mit auffallenden perlgrauen Augen unter breiten Lidern nnd dunkleren, hohen Brauen — rote — rote die verschwiegen lächelnde Dame von Urbino drüben im Tiepolo-Zimmer!... Er sah sie ziemlich deutlich, hatte sie keineswegs vergessen: Mittelblondes Haar, mit viel Gold drin, wie guter, alter Sherry. Er bewegte durstig die Lippen: Eine seltne, üppige Farbe... len kann. * murmelt der „Ja, selbstverständlich", pflichtet ihm der Vater bereitwilligst zu. „Wobei ich ganz von der grundlegenden Richtigstellung in den .Abhandlungen der Hessischen Gesellschaft der Wissenschaften schweige", fügt der andere, sich wieder zu Dagmar wendend, abschließend hinzu, „ja, und als nun das Dornröschen fünfzehn Jahre alt war, stieg es den alten Turm hinauf und ..." „Aber die alte Frau da oben", sagt Dagmar erfreut, daß man sic wieder beachtet, „die war doch nicht roeife; die war doch eine böse Fee, nicht wahr?" Mit Bedauern sieht Dagmar, daß man diese Frage ingrimmig übergeht. Jahrzehnten darüber im klaren, daß..." „Nun, eben weil die Gebrüder Grimm Vater begütigend. „... daß hier ein Mißverständnis vorliegen muß —1", fährt sein Gegenüber lebhaft fort, „ich verweise da nur auf den trefflichen Aufsatz in der Festschrift zum siebzigsten Geburtstag von Alfred Mercantilius, aus dem eigentlich längst zur Genüge hervorgeht, daß die Spindeln zerbrochen wurden..." Oer Gast erzählt ein Märchen. Von Harry Schreck. Plötzlich schiebt Dagmar eine Frage in die stockende Unterhaltung. , . _ , , Aber nein, Dagmar", sagt der Vater ermahnend, „sieh mal, der Onkel ist doch schließlich nicht deshalb hierher gekommen, «m dir Märchen zu erzählen!" „Ein Märchen?", meint hingegen der Herr, der ein Onkel sein soll, „also ein Märchen willst du hören, Dagmar? Nun, warunt auch nicht! Märchen hört man immer gern, nicht wahr?-Es käme jetzt bloß darauf an, welches Märchen eSJein soll. Denn schau einmal an, Dagmar; es gibt doch so viel Märchen, und da... „Kennst du das vom Dornröschen?" erkundigt sich Dagmar ^^Dornröschen —", lächelt ihr Gegenüber nachsichtlich, »das ist doch eins der bekanntesten Märchen. Wer kennt denn das nicht! Das wird dir doch dein Vater schon vorgelesen haben, wie? Denn das ist doch gewöhnlich das erste, was man einem Madel in deinem Alter vorliest. Jedoch auch davon abgesehen... „Ach so, du kennst es wohl noch nicht?" äußert Dagmar argwöhnisch. „Wie kommst du nur aus solche Gedanken, mein Kind? erwidert der Befragte ein wenig gekränkt, „ich dachte bloß, daß du lieber ein Märchen Horen wurdest, das nicht so landläufig wäre — das vom Dornröschen mußt du doch bald aufwendig wissen. Man kann doch nicht immer wieder dasselbe erzählen... „Aber ja, da hat der Onkel gewiß recht", versichert der Vater zustimmend, „weißt du nicht mehr, daß ich dir das erst gestern Dagmar findet indes, daß man es gar nicht oft genug erzäh- „Es war einmal ein König und eine Königin!", erinnerte Dag- „Jch glaube, du quälst den Onkel wirklich", sagt der Vater kopfschüttelnd, „es wäre sicher das Beste, wenn du letzt Ruhe gabst und spielen gingest!" Also, der König und die Königin —" beginnt der andere trotzdem, „die hatten sich beide schon lange eine Tochter gewünscht; und als das Kind geboren war, beschlossen sic, etn großes Fest zu veranstalten. Und dazu wollten sie auch die weisen Frauen ein- laden, welche dazumal in ihrem Reiche lebten... „Weise Frauen?" verwundert sich Dagmar, „aber ... es waren doch Feen!" „Wenn ich dir erkläre, daß es weise Frauen waren, dann waren es eben weise Frauen!" versetzt der Herr, der sichtlich keine Unterbrechungen schätzt, stirnrunzelnd, „wer hier von Feen spricht, verwechselt die volkstümliche Urfassung mit spateren Einschiebseln! Nun, und als man sie sodann einlud..." „Wenn es aber doch richtige Feen waren!" sagt Dagmar vorwurfsvoll. „Ich glaube kaum, daß man diese Ansicht aufrecht erhalten kann!" bemerkt der Getadelte nicht ohne Nachdruck, „und außerdem gelangen wir ja nie weiter, wenn ich immer wieder von vorn beginnen muß. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würbe ich schön aufpassen und nicht immer mit den Feen kommen... „Natürlich", läßt der Vater ein wenig unsicher einflietzem wenn der Onkel dir so etwas Hübsches erzählt, kann man rhn doch nicht unterbrechen!" Dagmar nickt ihm schuldbewußt, jedoch durchaus nicht überzeugt, zu. # i Das Märchen ist unterdes bei dem Fluch der Dreizehnten angelangt. „Nicht doch, Dagmar", winkt der Vater den neuen Einwurf seiner Tochter ab, „die Spindeln im Königreich wurden eben zerbrochen und nicht verbrannt!" „Verbrannt —?", erkundigt sich der Erzähler befremdet, „von einem Verbrennen kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es zwar die entsprechende Anspielung bei den Gebrüdern Grimm. Nichtsdestotrotz aber ist man schon seit Er lächelte und zog ärgerlich die Steppdecke fester unters Kinn. Er wünschte weiterzuschlascn — zum H"^er!Eralmetelangiain, „„h ft»«• „her cr iah für eine Sekunde noch den iinniicy geschwungenen Mund unter der bezauberndsten Himmelfahrtsnase und ihre Hände — er hatte eine Schwäche für hublche Frauenhände — lang, wie Männerhünde, aber sehr weiblich, absolut j weiblich. Wunderbar zärtliche Hände! . . Er legte den Kops heftig höher, suchte eine kühlere und festere Stelle auf dem Kissen. Er bewegte die Lippen, als schmecke er wieder Sherry. Diese Lümmel — er wurde sie bei den Ohren nehmen! Und dann versank er wieder in dm- weiche schwarze -och ^^Unl^das^Jahr 29 gab es noch ein paar wohlhabende Leute in Groß-Berlin. Aber das rosa Haus war ein Zufall. Louis Hassclbrink war ein großer Chemiker, ein Mann von internationalem Ruf, der einen ungeheuer wichtigen Stoff aus einem Gas 'gewonnen hatte; er hatte gut zwanzig ^ahre daran gearbeitet, natürlich auch an andern schätzeiEwerten, strengen Dingen, und hatte für seine Zauberei vor sechs Jahren den großen Berzeliuspreis von hundertfünfzig Mille bekommen. Sem »Institut I für angewandte chemische Forsckmng" war ein StaatsinsUtut, lag draußen in Tegel, sah wie eine Fabrik aus, aber die Zusthusse des bekümmerten Staats reichten grade zur Bezahlung des Direktors, der Scheuerfrauen und ihrer Wischlappen. Das Institut erhielt sich in der Hauptsache aus dem schwiegerväterlich Pirreschen Vermögen des Professors. Kommerzienrat Pirre, Begründer der großen Merkurbank, em ehrenfester und ehrgeiziger Mann, 5er mit Neunzig mitten in einer schwierigen Schachpartie gestorben war, hatte oad großartige I Institut in Tegel schaffen helfen und auch seine Zukunft gesichert, dem von Anfang an der junge Doktor, bald Professor Hasselbrink vorstand; und der hatte sich eines Tags in Fräulein Adele Pirre, I die herbe, kluge, etwas hagere Enkelin des Hauses, die gerade zu jener Zeit in einer kurzen Blüte eigenartiger Anmut stand, verliebt. Er war schon damals eine stattliche Erscheinung gewesen, die nicht gerade wie die Verleiblichung eines Forschers wirkte, sondern mehr wie die eines energischen Mannes der Praxis, eines überragenden, gebieterischen Werkleiters, bloß sein lockrer Humor, nicht ohne Derbheit, und eine bewegliche Warze auf der Backe deuteten mehr auf Vetrachtsamkeit und eine besondere Menschlichkeit hm. Jedenfalls hatte er, der seit jeher in weiblich-zärtlicher Hinsicht seltsam schwerfällig, scheu und gewisicnhaft war, wie es bei so stattlichen, schweren und von leidenschaftlicher Arbeit belasteten Männern nicht selten ist, endlich Ordnung und Ruhe in fein Privatleben bringen wollen — kurzum, er hatte Adele geheiratet. Alles in allem mehr ein Mißgriff, ein Mißgeschick eines zu stark von andern Dingen in Anspruch genommenen Mannes als ein köstliches Glück! durch über zwanzig Jahre — in denen er übrigens nie völlig das Gefühl losgeworden war, sich in die ganze üppige Pirre-Welt bloß verirrt zu haben. Doch, wie dem auch sei, er war nun seit Jahr und Tag Witwer. > Eines Tages, nach kurzem Kranksein, war Adele, kinderlos, emes plötzlichen leichten Todes verblichen. Und da war etwas für seine energische, auf Leistung und klare, feste Lebensführung gestellte Art Merkwürdiges geschehen. Um die gleiche Zeit, als Adele dahingegangen war, oder doch bald danach, war eine seltsame Unruhe in sein Leben geraten, als sei er plötzlich von einem verständigen und harten Joch, besten Druck er in langer Gewohnheit kaum noch gespürt hatte oder nicht hatte spüren wollen, befreit worden. Er begann sich mit einemmal darauf zu besinnen, daß er bislang eigentlich verdammt wenig vom Leben gehabt habe. Immer bloß Arbeit, Arbeit... Sic war unzweifelhaft das Beste int Leben. Ob aber auch das einzig Richtige und Lcbenswertc? Immer bloß Arbeit, Fürs-Ganze-Schuften, Wissenssättigung, Ehrgeizbefriedi- gnug, Schaffcnswille — und Bildersammeln! Nun ja, das war auch nicht das Paradies für einen in Saft, Kraft und Lebensflllle stehenden Mann... Opa Pirre hatte, wie das damals üblich war, Renaiffance gesammelt, furchtbar teure Sachen, ganze Zimmer von Fürsten und Päpsten, vermutlich ohne eine Spur von Gefühl, aber mit untrüglich erzogner Nase für Echtheit und Wert. Alles sollte, wenn mit der Pirrc-Herrlichkeit und dem Tegeler Betriebs- sonds nichts schiefging, beisammenbleiben und später dem Staat oder der Stadt als „Sammlung Pirre" zugesührt werden. Adele hatte mit kühler Miene weitergesammelt, und Louis hatte schließlich mitgetan und sich für ihm näher liegende Niederländer und Schotten mit seiner heiter eindringlichen Art erwärmt — eine Ablenkung und vielleicht das Hübscheste in ihrer Ehe — und nun galt er selber als großer Sammler und Kenner. Louis Hastclbrink sah seit einiger Zeit grimmig scharf, unzufrieden und ungeduldig über die eigne Nase. Ein ganz neuer aufgeschlostener oder reizbarer Zustand, in dem er des Abends, wenn er nicht mehr in seinem großen Privatlabor am Tulpcnweg hantierte oder an seinem Schreibtisch nebenan arbeitete, umherwandelte. Ja — es war nicht selten ein fast hastiges und mächtiges Torschlußverlangen nach dem ungenützten privaten und persönlichen Leben in ihm — nach dem köstlichen Abenteuer „Leben", von dem in seiner Ehe nicht grade viel gewesen war. Es hatte ihm immer etwas gefehlt. Ein Gedanke, der auch schon früher rebellisch in ihm aufgestiegen war und der sich jetzt immer häufiger und aufsässiger in ihm regte; und wenn er sein schönes, großes Haus betrat, hatte er nicht selten ein Gefühl von Unlust, schwerer Versäumnis und schlechtem Gewißen. Eine Art Lebenskrise also. Ein Lebenszustand, der auf etwas zn warten schien (Fortsetzung folgt.) L b f< 5 h n 6 e o e a e ! s 0 ( r r i i i I i i i 1 ! i i । 1 i spruchen. * Nun, mittlerweile kommt endlich der Königssohn vor Me Dornenhecke. „Und da", nickt Dagmar in dem unverkennbaren Bemühen, den Fluß des Erzählens zu fördern, „nahm er seinen Degen und schlug sich durch die Dornen!" „Hm", unterbricht sich der Berichtende überrascht, „da möchte ich doch bei Gott wissen, woher du diese bezeichnende Abweichung kennst. Sowohl die hellenischen wie die indischen Zauberschlafmythen halten ganz entschieden daran fest, daß die Hindernisse dem Helden zumeist freiwillig nachgeben..." „Ich glaube", bekennt der Vater arglos, „das habe ich wohl erfunden." „Obwohl ich mich nämlich keineswegs dafür verbürgen möchte, ohne zuvor im einschlägigen Schrifttum nachgesehn zu haben", erläutert der Besucher nachsinnend, „so scheint es mir doch fast, als ob die Erwähnung des Degens deutlich auf bestimmte Einflüsse aus dem Litauischen hinwiese. Allerdings..." „Ja, und dann", drängt Dagmar weiter, „gab er Dornröschen einen Kutz." „Warte einmal einen Augenblick, mein Kind!", schiebt sie der Onkel, der inzwischen einen Taschenblock hervorgezogen hat, beiseite, „man mühte freilich dabei auch den Abwandlungen nach- gchen, die der Stoff im Böhmischen und Serbischen gefunden hat. Ganz zu schweigen von Frankreich und Südpersien..." „Aber das mit dem Degen", entschuldigt sich der Vater treuherzig, „das habe ich wirklich bloß deshalb so erzählt, weil es mir gerade so einfiel!" Er verstummt, da die Notizblätter seinen Gatz vollauf bean- „Und dann, mein Kind", bemerkt der Besucher, als er nach geraumer Zeit wieder hvchblickt, „erwachten Dornröschen, der König, die Königin und der gesamte Hofstaat. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit aller Pracht gefeiert, und sie alle lebten von da an fröhlich und vergnügt bis an ihr..." Er hält wie von ungefähr an und sieht sich fragend nach Dagmar um. „Ich glaube", äußert der Vater verlegen, „ich glaube, Dagmar ist unterdes in den Garten gegangen,' oder vielleicht steckt sie auch im Kinderzimmerl" „Im Kinderzimmer — ?" forscht der andere kopfschüttelnd, „sonderbar, wo sie doch selbst verlangt hat, baß ich ihr das Märchen vom Dornröschen erzähle! Und wo sie doch nun zweifellos noch gar nicht den Schluß gehört hat...!" „Ich erzähle ihr ihn bann heut abend", versichert der Vater tröstend, „sie wird mich wohl sicher danach fragen — denn sie liebt ja das Märchen so!" Trotzdem scheint es, daß jener Ausweg seinem Gast nur halb zusagt. „Ja, gewiß", sagt er endlich nach einigem Zögern, „aber wäre es nicht bester, wenn wir dabei bis auf weiteres daran festhielten, daß sich die Dornen von selbst vor dem Königssohn öffneten? Zumal da immerhin zu erwägen wäre, daß betreffs der litauischen Fassung mancherlei dagegen spräche, daß..." * „Auf jeden Fall indes", bemerkt der Besucher, als er sich eine Stunde danach verabschiedet, „wird man mir zugestehen müssen, baß gerade die einzelnen Feinheiten, deren Bedeutung von oberflächlicheren Beurteiler» nur allzu leicht unterschätzt zu werden pflegen, erst dann ihren vollen künstlerischen Reiz bewähren, wenn man sich ihrer bewußt und somit des märchenhaften Zaubers gewahr wird, der unsere platte Alltagswelt so wunderbar verwandelt!" Oie Romantik der Postkutsche und ihre Wirklichkeit. Kulturgeschichtliches für reiselustige Gemüter i« nuferer Zeit. Von Dr. Georg Böse. In dem alten Reisehandbuch „Martini Zeilleri Fidus Achates ober Getreuer Reis-Gefert" vom Ende des 17. Jahrhunderts ist zu lesen: „Zuvörderst soll ein jeder, ehe er abreist, sich mit Gott versöhnen und den himmlischen Zehrpfennig zu sich nehmen, auch danach all' seine irdischen Schulden bezahlen. Und so ei, seines eigenen Rechts ist und solches zu thun Macht hat, sein Testament zuvor aufrichten, dieweil man oft wohl ausreist, aber nicht immer heimkommt." Die Sicherheit in deutschen Landen war also, wenn wir dem Verfaster dieses alten „Baedekers" trauen dürfen, nicht allzu hoch zu veranschlagen, und wir dürfen es unseren Vorfahren nicht verübeln, wenn sie nur in dringenden Geschäften reisten und sich, sobald es um Vergnügen und Erholung ging, lieber zu einem geruhsamen Spaziergang vor den Toren im Schatten der schützenden Stadtmauern aüfhiellen. Wir brauchen gar nicht erst die Gefahren der Landstraße aus dieser Zeit heraufzubeschwören und unsere Vorstellung mit den dunklen Gestalten von Strauchrittern und Wegelagerercrn zu beleben, sondern es genügt, ein Bild der Mühseligkeiten und Beschwerden des Reisens in den vergangenen Jahrhunderten zu entwerfen, nm unseren Sinn gerechter und milder zu stimmen. Wir, die wir in frohem Wandern die Umgebung unserer Heimatstadt durchstreifen oder uns erwartungsvoll zur Sommerreise rüsten, werden sogar mit Bewunderung gewahr, wie stark der Wander- und Reisctrieb im Deutschen immer gewesen ist und daß es ihn trotz aller Schwierigkeiten in die Ferne zog. Ein alter Spottreim gibt dieser unbezwinglichen Sehnsucht in derber Weise Ausdruck: „Wer allzeit bei dem Ofen sitzt, Grillen und die Hölzlein spitzt, Und fremde Lande nicht beschaut, Der ist ein Aff' in seiner Haut." Im Mittelalter waren Reisen zum Vergnügen und zur Erholung allerdings sehr selten, denn für den gewöhnlichen Sterblichen waren sie weder vergnüglich und erholsam, noch erschwinglich. Nur hohe Herren und Fürsten mit stattlichem Gefolge suchten wohl ein berühmtes Heilbad auf oder folgten der Einladung eines Freundes in ein wildreiches Jagdgebiet. Die wenigen Hauptstraßen waren aber keineswegs unbelebt. Sehen wir von den fahrenden Gesellen, von den Gauklern, Scholaren und Bettlern ab, die auf Schusters Rappen von Ort zu Ort zogen, so haben die reisenden Kaufleute und Sie Wallfahrer schon seit frühester Zeit einen beträchtlichen Durchgangsverkehr gebildet. Mit der größeren Ausbreitung der Pilgerfahrten trat das fromme Ziel allmählich in den Hnitergrund, und bald gab es manchen Wallfahrer, den nur noch Abenteurer- und Reiselust drängte, seine Heimat zu verlassen. Die ältesten Reiseführer sind zum Gebrauch für die Pilger geschrieben, denen genau die Wege angegeben und praktische Ratschläge erteilt wurden. Im 17. und mehr noch im 18. Jahrhundert würde das Reisen dann in den Kreisen des Adels und der reichen Patrizier als vornehmstes Mittel der Bildung geschätzt. Die „Kavaliertour" gehörte damals zur Erziehung der jungen Edelleute, wie einige Jahrhunderte später das Pensionatsjahr zur Ausbildung des „gutbürgerlichen" Mädchens. Von einer derartigen Reise durch Süödeutschland, die Schweiz und Italien hat uns der französische Essayist Montaigne ein anmutiges und farbiges Bild entworfen. Reisen und Bildung: dieser Zusammenklang liegt ganz im Sinne deutscher Ueberlieserung: unsere Dichter haben immer wieder den erzieherischen Wert des Besuches anderer Gaue des deutschen Vaterlandes oder fremder Länder gepriesen. Man suchte aber lange weit lieber die Werke der Kultur und die Stätten der großen geschichtlichen Vergangenheit auf als die Schönheit der Landschaft und die Stille der Natur. Zwar war das Naturgefühl in dem allgemeinen Aufbruch der Renaissance in einigen Geistern mächtig geweckt worden, aber es dauerte noch Jahrhunderte, ehe man z. B. die Alpen nicht mehr als „ein gräulich und langweilig Gebirg" bezeichnete und im Meer nicht nur den grimmigen Feind und Störenfried sah. Wenn Mozart auf der Reise nach Prag zu Ende des 18. Jahrhunderts beseligt in einem tannendunklen Wald ausruft: „Gott, welche Herrlichkeit, man ist wie in einer Kirche. Mir deucht, ich war niemals in einem Wald und besinne mich jetzt erst, was es doch heißt, ein ganzes Volk von Stämmen beieinander...", so tönt daraus der Jubel über die Entdeckung einer ganz neuen Welt, in der die Bäume zu rauschen, die Bäche zu murmeln beginnen und das Auge des Menschen entzückt beim Anblick gewaltiger Bergrücken, dämmernder Ebenen und strahlender Blüten verweilt. Diese tiefgehenden Wandlungen können wir nicht richtig einschätzen, wenn wir nicht zugleich die Entwicklung des Verkehrswesens in den letzten Jahrhunderten betrachten. Jeden Fortschritt und jede neue Veguemlichkeit nehmen wir heute mit einem Gleichmut hin, der uns den Blick für die Verhältnisse trübt, unter denen noch unsere Großeltern reisten. Zumeist ging man früher fürbaß oder trabte hoch zu Roß die Lande. Noch gegen Ende des Mittelalters wurden die Landreisen auch von den Frauen fast nur zu Pferd unternommen. Vom 16. Jahrhundert ab setzte sich allmählich der 'Rollwagen" als ständigeres Verkehrsmittel durch. Die Postkutsche wird das eigentliche Gefährt. Von der Romantik, mit der es eine spätere Zeit umgeben hat, war allerdings nicht allzu viel zu spüren. Die Zeitgenossen schildern die Postkutsche jedenfalls im Gegensatz zu Lenau meistens als den „schrecklichsten der Schrecken" und die Postillone weniger als empfindsame Nosselenkcr, die in lieblicher Maiennacht ihre Weisen erschallen lassen, sondern als ein Geschlecht derber, trinkqeldhungriqer und alkoholdurstiger Gesellen. Es gehörte damals viel Zeit und Geld zum Reisen, vor allem ein geduldiges Gemüt, das den verwahrlosten Zustand der Landstraßen willig ertrug. Von Berlin nach Stettin brauchte man im Jahre 1657 noch sechs Tage, von Heidelberg nach Nürnberg ebenso lange. Noch die Fürstlich Thurn und Taxissche Post, die Bahnbrecherin unseres deutschen Postwesens, brauchte für den Weg von Frankfurt a. M. nach Stuttgart volle 46 Stunden, von denen allein 15 auf den Besuch der Wirtshäuser entfielen. Daß der Postillon umwarf, gehörte nicht zu den Seltenheiten. Zuerst war der Postwagen, der Personen-, Brief- und Paket- befördcrung zugleich übernahm, nur eine Art Leiterwagen, besten Kasten zwar meist von einem Lederdach bedeckt war, der aber fest auf der Achse ruhte: die in Riemen schwingenden und gegen die Erschütterungen des Bodens besser geschützten Gefährte kamen erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf. Wie wenig die Reise selbst in diesen Wagen zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehörte, bezeugen die zahlreichen Beschwerden, die uns aus alten Briefen und Berichten heute noch vorliegen. So schrieb der schwedische Kammerrat von Ehren zweig im Jahre 1805: „Lasten Sie sich das Vehikel zeigen, bas von Jena nach Halle fährt! Sic werden selbst finden, daß es keinen Stuhl, keinen Sitz, keine Bedeckung, kurz nicht die geringste Bequemlichkeit, Sicherheit, noch Schutz darbietet: man ist in Lebensgefahr auf demselben, besonders zur Nachtzeit, wo den Reisenden so leicht der Schlaf überfällt und er wegen Mangels an Lehnen, an Sitz und an Stuhl jeden Augenblick befürchten muß, vom Wagen herunter zu fallen und zwischen den Nädern auf eine schreckliche Weise verstümmelt zu werden." Lichtenberg fand das Aussehen der Taxisschen Postwagen i durchaus bezeichnend, denn sie hätten die rote Farbe als Zeichen bet Marter, ber die Insassen ausgesetzt seien, und rote der zum Lode durch den Strang verurteilte Armesünder eine Kapuze als Ueberzug, damit man die vor Qual gräßlich verzerrten Gesichter ber Mitfahreuden nicht zu sehen brauche. Auch Wilhelm von Kügelgen gedenkt der beiden Postkutschen, die zwischen Leipzig und Dresden verkehrten, nicht mit besonders freundlichen Worten: „Die eine stieß dermaßen, daß Leib und Seele Gefahr liefen, von einander getrennt zu werden, daher besonnene Leute die etwas gelindere zu wählen pflegten; doch war auch diese noch immer von der Art, daß man bisweilen vor Schmerz laut aufschrie, und wenn ber Schwager nicht an jeder Schenke angehalten hätte, so würde man es kaum ertragen haben." Dieses Zusammengerütteltwerden scheint aber auch lieblichere Folgen gehabt zu haben, wie ein altes Reisehandbuch verrät: „Auch dies dürfen wir billig unter die Wohltaten der fliegenden Postkutschen rechnen und zahlen, daß selbige Benutzung wie zu unterschiedlichen Malen vermeldet und beschehen, Gelegenheit zu erbaren Mariagen (Heiratens zu geben pflegte, deren einige gar fürtreffltch reussiret." Die Chausseegelder verteuerten die ohnehin schon recht kostspieligen Reisen beträchtlich und verlängerten ihre Dauer. Ebenso wie die Postillone waren auch die Postmeister eine Quelle steten Verdrusses. Im Jahre 1801 führte ein pfälzischer Staatsmann in einem Bericht bittere Klage über „die eingerissenen Prellereien und die Willkür der Posthalter". Die Reifeanstrengungen und Gefahren wurden jedenfalls noch Ende des 18. Jahrhunderts allgemein als so selbstverständlich empfunden, daß Kohler in seiner 1788 erschienenen „Anweisung zur Reiseklugheit" empfiehlt, einen tüchtigen Balsam für Wunden und Quetschungen mitzunehmen, und Johann Nepomuk Hecht zählt zu den Erfordernissen eines ordentlichen Reisenden vor allem „christliche Geduld und eine gute Leibeskonstitution". Diejenigen unter uns, die der Postkutschen- Romantik Lenaus wehmütig nachtrauern, mögen sich durch einen Blick auf diese Zeugnisse eines besseren belehren lassen und sich mit der Gegenwart versöhnen, die für die Wander- und Reisesehnsucht der breiteren Volksschichten ein zweckmäßigeres und billigeres Verkehrswesen bereithält als je zuvor. Das Gold der Ostsee. Zur Kulturgeschichte des Bernsteins. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Soeben ist auf Anregung des Oberpräsidenten von Ostpreußen etn Bernstein-Gesetz erlassen worden, das dieses edle Naturerzeugnis vor minderwertigeren Nachahmungen schützen und der schwer um ihren Bestand ringenden Bernsteinindustrie des Sam- landes zu neuer Blüte verhelfen soll. Während das „Gold der Ostsee" oder das „Gold des Nordens", wie es schon früh von den Fremden genannt wurde, bei den Völkern aller Zonen als kostbarster Schmuck gilt, ist es in der engeren Heimat fett einiger Zeit stiefmütterlich behandelt und durch wertlosere Ersatzstoffe verdrängt worden. Jahrtausende schon spielt der Bernstein, der nach Rechnung der Geologen als Harz tertiärzeitlicher Nadelhölzer, besonders des kiefernartigen Pinites succinifer, vor zwei bis drei Millionen Jahren vom Norden her angeschwemmt und aus dem Meerwasser abgelagert worden ist, in der Kulturgeschichte der Menschheit eine große Rolle und ist wegen seiner Entstehung und wegen mancher seiner Eigenschaften lange mit einem geheimnisvollen Schleier umgeben gewesen. Bereits in vorgeschichtlichen Zeiten ist das „Gold der Ostsee" hoch geschätzt worden, was aus Funden in ägyptischen und mhke- nischen Gräbern aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend hervorgeht. Die älteste Kunde vom Bernstein findet sich in Homers Odyssee im achtzehnten Gesänge, wo es von einem Halsband heißt: „Golden, besetzt mit Elektron, der strahlenden Sonne vergleichbar". Daß die Phönizier ihn selber von der preußischen Küste geholt haben, ist nur eine Sage; sie haben den begehrten Schmuck wohl zumeist durch Vermittlung der Ligurier am Golf von Venedig erhalten, die ihn aus dem hohen Norden mitbrachten. Es ist dagegen erwiesen, daß aus dem von den Phöniziern gegründeten Massilia, dem heutigen Marseille, um 600 v. Ehr. unter Pytheas der alten Handelsstraße durch die Täler der Rhone und des Rheins entlang eigens eine Expedition nach den Küsten der Nordsee entsandt worden war, wo der Bernstein damals ebenfalls gefunden wurde. Thales aus Milet wußte um die gleiche Zeit, daß dieser Stoff eine geheimnisvolle Anziehungskraft besaß, wenn er mit Wolle gerieben war. Eine solche Wirkung konnte nur von den Göttern stammen, und der Stein müsse eine Seele haben, meinten die alten Griechen und nannten ihn Sonnenstein oder Elektron. Die antike Sage hatte für seine Entstehung eine schöne Deutung; seine rundlichen oder plattenförmigen, klar durchsichtigen, durchscheinenden oder trüben Stücke und Körner bezeichnete man als die versteinerten Tränen der Heliaden, der in Pappeln verwandelten Töchter des Helios, die ihren Bruder Phaötou beweinten, eine Vorahnung der viele Jahrhunderte später gegebenen naturwissenschaftlichen Erklärung, die den Bernstein aus dem versteinerten Harz vorweltlicher Bäume herleitete. Die ostpreußischen Bernstein- gnellen find vermutlich erst im fünften vorchristlichen Jahrhundert durch die Etrusker bekannt geworden. Im ganzen klassischen Altertum, bet den Griechen ebenso wie bei den Römern, besonders zur Zeit des Augustus und des prachtliebenden Nero, war das „Gold bc“ Nordens" lockendes Ziel der Schmuckleidenschaft aller Reichen. Ein seltenes Aktenstück ist durch den römischen Geschichtsschreiber Eaisiodorus erhalten worden, aus dem zu entnehmen ist, daß die Aestier, Bewohner des ostpreußischen Samlandes, dem Ostgotenkönig Theobertch durch eine Gesandtschaft gelben Bern- stein schickten, worauf der Herrscher ihnen als Zeichen des freudigen Dankes und wohl auch als Beweis seiner Gelehrsamkeit mitteilte, was Taeitus in seiner „Germania" von dem schönfarbigen Material zu berichten wußte. Seit altersher ist der Bernstein nicht nur als Schmuck begehrt worden, sondern man hat ihm schon immer heilkräftige Wirkungen zugeschrieben. Es wird überliefert, daß man zur Blütezeit Athens vielfach mit der kostbaren Ware aus dem Norden massiert habe, um die Tätigkeit der Muskeln anzuregen. Auch der berühmte römische Arzt Galenus vertrat die Anschauung, daß Bluthusten und Ruhr mit Bernstein zu heilen wären. Nach dem damals in der Heilkunst geltenden Grundsatz, daß Gleiches vom Gleichen angezogen wird, war es nur natürlich, daß er außerdem als etn bewährtes Mittel gegen die Gelbsucht galt. Man meinte, daß die krankhaft gelbe Farbe Kes Körpers in das Goldgelb des fremden Steines übergehe und dem Menschen die ungesunden Säfte entziehe. Daß ein so seltsamer Stoff mit magischen Eigenschaften, u. a. von einer unerklärlichen Anziehungskraft, in dem dafür so empfänglichen Mittelalter in der volkstümlichen Heilkunde eine große Rolle spielte, erscheint nicht weiter verwunderlich. So röstete man Bernsteinkugeln mit geriebenem Roggenbrot zu gleichen Teilen und empfahl diese Mischung gegen allgemeines körperliches Unbehagen. Noch der medizinische Berater Melanchthons, Severin Göbel aus Königsberg, verschrieb dem „hochgelahrten Herrn Philippe" Küchlein aus „Bernsteinmehl". Welche grundlegende Bedeutung dem Bernstein in der Heilkunde der damaligen Zeit zu- geschrieben wurde, geht aus der Tatsache hervor, daß der bereits erwähnte Severin Göbel ein Werk von mehreren Bänden „History und eigentlicher Bericht von Herkommen, Ursprung und viel- felttgem Brauch des Börnsteins" schrieb, das in weiten Kreisen aufmerksame Leser fand. In einem alten medizinischen Traktat wurde Augenletdeuden empfohlen, ein Bernsteinöl einzunehmen, in dem vorher ein Habicht gekocht worden war. Hinter dieser Verordnung stand der Glauben, daß die oft gerühmte Sehschärfe des Raubvogels auf diese Weise auf den Augenkranken übergehen würde. Die tief eingewurzelte Ueberzeugung von der Heilkraft des Bernsteins ist übrigens noch keineswegs ausgestorben. Nicht nur bei fremden Völkern verbindet sich mit ihm der Glaube an schützenden Zauber und Abwehrkraft gegen Krankheit und Mißgunst der Menschen, sondern in seinem Ursprungslande selber legen die Bäuerinnen ihren zahnenden Kindern die uralte Bernsteinkette als vermeintlich bestes Mittel gegen die Beschwerden um den Hals. Aufschlußreich für die vielseitige medizinische Verwendung des Bernsteins ist ein Bild aus dem 16. Jahrhundert im Germanischen Museum zu Nürnberg, das den Heiland als Apotheker hinter einem Tisch darstellt. Neben vielen merkwürdigen Heilmitteln sehen wir eine Reihe kleiner Flaschen und Gefäße für Pillen und Pulver mit der Bezeichnung „Börnstein", „Börnsteinöl" und „Theriak". Daneben blieb die Wertschätzung des „Goldes der Ostsee" als Schmuckgegenstand unvermindert durch die Jahrhunderte hin bestehen. In den Volkstrachten der verschiedensten Länder galt es als schönste Zierde. Zur Kleidung der Bäuerinnen in Rußland und Holland gehören schwere Bernsteingehänge. In Deutschland ist z. B. die jahrhundertelang weitervererbte und nachgedunkelte Kette aus großen Bernsteinperlen ein Teil der Tracht der Bückeburgerinnen. In der Barockzeit hatte die vielseitige Schmuckverwendung auch an den Höfen einen Höhepunkt erreicht. Die verschiedenartigsten Gegenstände wie Becher, Dosen und Kästchen wurden reich verziert, ja sogar ganze Schränke in Mosaikarbeit wurden mit Bernstein ausgelegt. Peter der Große erhielt im Jahre 1717 von Friedrich Wilhelm T. das berühmte Bernsteinzimmer des Berliner Schlosses als Geschenk. Bei Völkern des Orients und fremder Erdteile hat der goldgelbe Stein vor allem auch für kultische Zwecke großen Anklang gefunden. Jährlich werden Tausende von mohammedanischen und buddhistischen Betkränzen nach Meffka, Persien und Indien aus- gefüfirt In vielen Zonen der Welt werden geweihte Bernsteinamulette getragen. Die lange Mandarinenkette, das Zeichen höchster Würbe bei den Beamten Chinas und Koreas, ist aus Bernstein und stammt aus den Händen deutscher Arbeiter. Seit jeher hat das kostbare Naturerzeugnis verständlicherweise zu Nachahmungen und Fälschungen gereizt. Vor allem versuchte man die vielbewnnderteu Vernsteinstücke mit Einschlüssen, kleinen Tieren oder Pflanzen, künstlich herzustellen, denn diese Funde haben stets einen gewissen Seltenheitswert gehabt. Man bettete nun ein Tier oder eine Pflanze in ein entsprechend ausgehöhltes Stück ein und klebte dann einen anderen Teil möglichst unauffällig daraus. Ein anderer Weg war, zwei Teile durch eine Fassung zu vereinigen, nachdem man den Einschluß einne^ügt hatte. Derartige berühmt gewordene Fälschungen sind die N.rn- steinstücke mit einem Frosch und einer Eidechse als Einschluß, die der Herzog von Mantua im Jahre 1557 jtuS Danzig bekam und die von verschiedenen Gelehrten als ein Naturwunder mehrfach beschrieben worden sind. Auch August der Starke bewahrte in feiner bekannten Berusteinsammlnng im Grünen Gewölbe zu Dresden mehrere Bernsteineinschlüsse auf, die zweifellos Fälschungen waren. Die großartigste dieser. Sammlungen erhielt Zar Alexander I. von einem indischen Fürsten zum Geschenk. Darunter waren erlesene Einschlüsse von seltsamen Blättern. Erst später, als man eine genauere Untersuchung vornahm, wurde entdeckt, daß die Stücke aus indischem Kopalharz bestanden, in die man die Blätter nachträglich eingebettet hatte. Der an iw örtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Drühl'scheUniversitäts-Duch- und Steindruckerei. 21. Lange, Gießen.