Nummer 54 Hreitag, den 4. Mai 1954 Oer Kuckucksschrei. Von Wilhelm Pieper. Kuckuck! Die Wiesen schwellen von Grün, Weichgoldig die Löwenzahnsterne glühn Und Sängerlein jubeln wie nimmer gescheit. Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit. Kuckuck! Ein Junge durchjauchzte bas Tal, Die Kühe grasten zum erstenmal ... Wie lachst du mir nahe, blondlockige Zett, Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit! Kuckuck! Das wird ein Strahlen fern, Geliebte, wandeln wir nimmer allein! O Kinderjubel, all Jammer so weit. Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit! Kuckuck! Und einst... ein Doppelgrab. Doch grünt es und schwillt es, bann lauscht nur hinab: Ein zitterndes Echo der Ewigkeit, Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit! Oie Weiber von Schorndorf. Von Rudolf Behrens. Der Bürgermeister Künkele von der württembergischen Stadt Schorndorf im sreundlicheu Remstale stützte sein sorgenfchweres Haupt. Er grübelte. Seine Frau, die mtt einer Nadelarbeit, neben ihm saß, blickte ihn halb neugierig, halb mißtrauisch an. Plotzlich stand der Bürgermeister auf, lief wie em aufgescheuchtes Wild durch die Stube und blieb vor seinem Weibe stehen: , .Weiß die Künkelin, daß die Stuttgarter Kommissare in der Stadt sind? Weiß sie, was der Hofjunker von Hoff und der Krlegs- und Kirchenrat Tobis Heller von unserem Kommandanten wollen? Die Bürgermeisterin legte das Nähzeug aus der Hand und antwortete: „Ich weiß, in Schwaben ist die Holle los. Ein teuflisches Gesindel hat die Rheinpfalz in einen Schutthaufen verwandelt. Die Trümmer sind mit Blut übergossen. Das Rheintal ist eine Wüste. In Heidelberg brennt das Schloß,' Pforzheim und Vaden liegen in Asche,' Mannheim und Rastatt sind niedergebrannt, Germersheim und Durlach getilgt. Ich weiß noch mehr — Dre Kun- feltn erhob sich und fuhr fort: „Eintausendzweihundert weitere Städte und Dörfer stehen auf der Totenliste der dRordbrenner. Das ist das teuflische Werk des Kriegsminister? Louvvis, w verlangt es der vierzehnte Ludwig von seinen Hollenhunden ..iont- ^Der' Bürgermeister wiegte die Schultern. „Nicht, was geschehen tsi sondern, was noch wird, macht mir das Herz schwer. ' Bist du blind geworden?" zürnte die Frau und blitzte mit ihren funkelnden Äugen an. „Nach der Pfalz kcmtmt Schwaben an die Reihe. Schorndorf steht auf der Liste. Weißt du nun, um was CS Zch^will zum Wohle unserer Stadt mit Frankreich Frieden 6alt®u willst die Dummheit und Schorndorfs Trümmerhaufens "Was unserer Stadt dient, wird der Rat entscheiden. Da steh. Der Bürgermeister blickte zum Fenster hinaus und imes auf die Straße. „Die Stadtknechte haben Eile, mich und die Richter zum .«« *. N. ------- ^^Feiglinge"'" rief sie ihm ins Gesicht. Dann war sie mit ihrem Jv "der'"großen Ratsstube von Schorndorf feilschten die Stadt- vüter mit den Stuttgarter Kommissären der herzoglichen Regierung um die Ueberqabe der Festung an die Franzosen. Die Her- ren Lros und Heller beschworen den Rat: „Stuttgart wird aus dem Sarge heraus verbrannt, wenn Schorndorf nicht übergeben rot®et Festungskommandant Oberst Peter Krummhaar hatte einen schweren Stand. „Laßt die Franzosen brennen und plündern, wenn sie glauben, es mit gutem Gewissen tun zu können! Um einer Drohung willen werde ich kein Liedcrjahn und bleibe ""^„Wollt" Jhr^Euch unterstehen, der Hölle und allen Teufeln zu trotzen?" legte sich der Bürgermeister Künkele ins Wort. „Nord- schwaben ist in den Händen der Franzosen. Was tun wir BöseA wenn wir sür den Frieden sind und den Franzosen gastfreundlich die Tore öffnen? Sie werden uns kein Haar krümmen. „Mögen die neunundneunzig souveränen Herzöge, Fürsten, Markgrafen, Prälaten, Ritter und Reichsstadtherren, die vom Bodensee bis zum Neckar das Schwabenland regieren, auf ihr kleinmächtiges Verhandlungsrecht mit dem Feinde pochen! Mögen sie uns im Stich lassen! Und wenn ihr Ränkespiel das Deutsche Reich in Scherben schlägt, öffnet Schorndorf seine Tore nicht dem Neichsfeind, solange ich Kommandant der Stadt bin, entgegnete bei ©bcift. „Ihr handelt gegen den Befehl", erhöh sich der Kriegsrast Heller. Zwar sollt Ihr Euern Posten nicht gleich übergeben, doch aus die Extreme es nicht ankommen lassen. Im Notfall zieht Ihr auf das Schloß, wo Ihr kapitulieren könnt." Der Oberst zog die Stirne kraus. „Friedrich Karl, der junge Herzog, Württembergs Administrator, kann in Regensburg gut reden Er ist noch ein halbes Kind, sonst wüßte er, baß Mannes- ehre höher steht als der Angstbefehl eines schwachen Herrn. „Die Bürgerschast will Ruhe," mischte sich der Untervogt ein. „Bürgermeister und Gericht sind für die Kommissare. Die französischen Heerführer in Eßlingen erwarten höfliches Entgegenkommen. Sic haben Stuttgart in der Hand. Lieber den Feind in der Stadt als den Tod auf dem Wall!" Verräter seid Ihr!" wetterte der Kommandant. „Zweitausend Dublonen bot mir Mälac für Raison und Uebergabe, unserer Stadt. Hütt' ich ein feiges Herz wie Ihr gehabt, so war ich jetzt ein reicher Mann." Verbittert verließ der Kommandant die Ratsversammlung und begab sich auf den Wall. Die Bürgermeisterin Künkele ahnte nur zu gut, wie e» tm Rate und um Schorndorf stand, tote schickte unverzüglich zu ihrer Freundin, der Hirschenwirtin, und beriet mit ihr das Schicksal der Stadt: „Wenn die Männer zu Weibern geworden sind, dann müssen die Weiber halt Männer werden. Sie mögen im Staatsrat feine Reden halten, indessen wir im Kriegsrat handeln. Auf der Stelle schlagen wir los, um allen Bürgern zu zeigen, rote man Schorndorf retten kann," so schloß die Künkelin. Auf ihr Geheiß bot Friedrich Kurz, der alte Weingärtner, den Weiberheerbann auf. Die Mutigen schlugen freudig zu: die Zaghaften rourden überredet. „Die Bürgermeisterin verlangt nach Euch. Sie ist die Anführerin," ging es von Mund zu Mund. Darauf kamen sie in hellen Scharen vor das Haus der Kunke- lin. Die Frauen trugen Ofen- und Mistgabeln, Bratspieße und Hackmesser, Sicheln und Schneiddegen, alte Partisanen und Hellebarden. Die Künkelin feuerte den Weiberhaufen an. „xich b>n der Meinung, daß man dem liederlichen Trupp Franzosen nicht ohne weiteres das gute Heu, den schönen Hafer liefert oder gar die starken Festungswerke, die uns soviel Geld gekostet, zur Demv- lierung übergebe. Die Stuttgarter Herren mögen nicht glauben, daß es ihnen mit Schorndorf gehen werde wie mit Tübingen und dem Hohenasperg!" Der Mut der Frauen tvuchs. Sie hatten c.ne^ Willen und ein Ziel. Es wurden Kompanien ^bildet Offtzierin- nen ernannt. Diese erhielten Degen und kurze Gewehre, lut Befehl der Künkeljn drangen sie vor das Rathaus, tn dem die Man- "^^Die^Feldherrin'vo/Schorndorf ließ das Weiberheer am Tore warten. Sie selbst schlüpfte vom Flur aus in den.Kachelofen^der großen Ratsstube und wurde Zeugin einer schimpflichen Verhandlung. Als sie von Kapitulation und nie gehaltenen sranzö- stschcn Versprechungen hörte, wußte sie genug. Blitzschnell eilte sie hinaus, ließ das Rathaus von ihrer Schar besetzen und drang mit einem Teil des Weiberheeres in die Ratvstube. Die Kommissäre entsetzten sich: die Ratsherren waren über ihre eigenen Weiber bestürzt und glaubten an einen üblen Scherz. Da stellte sich die Künkelin drohend mit gezogenem Degen vor ihren Mann und rief mit furchtbarem Ernst: „Mit meiner eigenen 5iand erschlage ich dich, wenn du an Schorndorf zum Verräter wirst! Weh Euch, wenn Ihr für Uebergabe stimmt! Alle Verräter werden von ihren eigenen Weibern totgeschlagen. . Bürgermeister wurde leichenblaß. Ehe er gutroorten konnte" fuhr sestte Frau fort: „Was Ihr beschließt ist gleich Dw Stadttore besetzen wir: der Kommandant bleibt ans seinem K osten. Niemand kommt ohne Verhör aus diesem Saale. Wer für Ueber- Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger dächten. So brach Weiber von Volke durch. gäbe stimmt, der wird erschlagen. Die Kommissäre sind Gefangene der Stadt." Was die Bürgermeisterin verkündete, geschah. Das Rathaus blieb das Hauptquartier der Weiber. Vier Frauen zogen abwechselnd auf Wache und wurden zweistündlich abgelöst. Auf dem Markte entzündete man ein Wachtfeuer, denn es ging in den Winter. Tobias Heller verließ in aller Heimlichkeit die Stadt. Der Hofjunker aus Stuttgart mußte jedoch versprechen, daß er seinen Auftrag ehrlich verdammen wolle und die Verteidigung der Festung gutheiße. , „ , Die Franzosen aber bissen sich an Schorndorf die Zahne auv. Der Mut der Weiber rettete die Stadt. Schon nahte das schwäbische Kriegsheer, dem der Kaiser verboten hatte, sich an die Räte der württembergischen Regierung zu halten, weil sie französisch mit dem 14. Dezember des Jahres 1688 durch die Schorndorf der Wille zur Freiheit im schwäbischen Oie Ewigkeitsmaschine. Von Alfons v. Czibulka. Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben. Goethe. Es war in den ersten Jahren der Fliegerei, daß ein wegen seines beißenden Humors gefürchteter Mathematiker und Physiker der Wiener Technischen Hochschule nach einer Vorlesung über die theoretischen Grundlagen des Fliegens seines Studenten ans Fenster beorderte, auf eine vorübersegelnde Schwalbe deutete und den boshaften Ausspruch tat: „Sehen Sie, meine Herren, diese Schwalbe zum Beispiel fliegt theoretisch falsch!". — Das ist so ungesähr das, was die meisten Erfinder des Perpetuum mobile zur Entschuldigung dafür vorzubringen haben, daß sie auch heute noch ihre Zeit aus ein Problem verwenden, dessen Lösung doch längst als unmöglich gilt. Sie sagen sich nämlich: die Wissenschaft hat sich schon yft geirrt, warum soll sie also gerade im Falle des Perpetuum mobile recht haben? Was ist eigentlich eine solche Ewigkeitsmaschine? Eine Äorrrch- tung, die durch eigene Kraft, also ohne Kraftzufuhr von außen, ständig in Bewegung bleibt und dabei auch noch Arbeit zu leisten vermag. Ein Mühlrad, das so lange läuft wie der treibende Vach nicht versiegt, ist zum Beispiel kein Perpetuum mobile, weil die bewegende Kraft, das Wasser, ihm von außen zugeführt wird. Dagegen wäre das Problem mit dem gleichen Rade gelöst, wenn dieses durch irgendwelche unvorstellbare Anordnung von sich aus in Drehung geriete, sich in aller Ewigkeit fortdrehte und dabei auch noch die Mühlsteine bewegte. Mit dieser Forderung der ewigen Bewegung ist aber eigentlich aus die Frage, ob ein Perpetuum mobile möglich ist, schon die Antwort gegeben. Ewig dauert ja nichts, was Materie ist. Selbst nicht der Lauf der Gestirne, deren unbegreifliches Wandern und Kreisen eines Tags doch erlahmt und wenn darüber Jahrmillionen vergehen. Freilich müssen wir zugeben, daß das Problem des Perpetuum mobile praktisch doch gelöst wäre, wenn es gelänge, eine Vorrichtung zu finden, die während eines langen, etwa Jahrhunderte umfassenden Zeitraums von sich aus in Bewegung bliebe und Arbeit verrichtete. Doch auch das ist undenkbar, weil der Ein- sluß der Zeit auch die vollkommenste Maschine verhältnismäßig rasch zu altem Eisen werden läßt. Jed^r Besitzer eines Fahrrades, eines Kraftwagens, weiß davon ein Lied zu singen. Und schließlich beweist Robert Mayers berühmtes Gesetz von der Erhaltung der Energie, daß es nicht möglich ist, Kraft aus dem Nichts hervorzuzaubern. Und doch ist der Gedanke des Perpetuum mobile nicht nur Ausgeburt und Irrwahn verschrobener Hirne, sondern es wurzelt dieses Problem auch tief im Weltanschaulichen. Freilich in einer Weltanschauung, die nicht mehr die unsere ist, in dem Wahn, daß Arbeit ein Fluch sei und das goldene Zeitalter anbrechen müßte, wenn man den Menschen von diesem Fluche erlöste. Denn es ist ja der Sinn des Perpetuum-mobile-Problems, eine Maschine zu finden, die kren Menschen von der Arbeit befreit. Weil titnft aber sehr bald dahinterkam, daß, ähnlich wie bei der Alchimie, irdische Erkenntnisse zur Lösung nicht ausreichten, vermengte man auch bei der ewigen Bewegung Sinnliches mit Ueber- sinnlichem, so daß das Perpetuum mobile sich zur Physik verhält wie die Goldmacherkunst zur Chemie, die Astrologie zur Astronomie. Dieser Wahn von der Möglichkeit ewiger Bewegung ist wohl schon in einer Zeit entstanden, in der die Menschen sich mit den ersten unzulänglichen Maschinen mühten. Versuche zur Lösung sind aber erst im 13. Jahrhundert nachzuweisen. Um diese Zeit bemühte sich ein berühmter Baumeister der französischen Gotik, Villars de Honnecourt, um das Perpetuum mobile. Er brachte an einem Rade sieben hammerartige, freibcwegliche Schlegel an. Begann sich nun das Rad zu drehen, so fiel durch die Schwerkraft der den Scheitelpunkt des Rades überschreitende Hammer nach vorn. Dieses Fallen des Schlegels sollte das Rad um ein Stück weiterdrehen, den nächsten Hammer zum Ueberkippen bringen und so die Vorrichtung in unaufhörlicher Bewegung erhalten. Es ist klar, daß eine Drehung nicht erfolgte, weil das kleine Uebergewicht des einen Schlegels nicht die Kraft besitzt, die 6 andern mit sich zu reißen und auch noch den Widerstand der Reibung zu überwinden. Und doch hat Villars de Honnecourt mit diesem naiven Versuche sozusagen das klassische Vorbild des Perpetuum mobile gesunden. Denn trotz ihrer Sinnlosigkeit spukt diese Anordnung in allerlei Formen bis auf den heutigen Tag. An ihrem Prinzip änderte sich ja damit nichts, daß man statt der Schlegel überkippende, sich dabei verlängernde Hebelarme verwendete oder Kugeln und Quecksilber in einer geschlossenen Trommel kreisen ließ. Als man dahinterkam, daß alle diese Räder sich nicht drehten, versuchte man es mit Wasser. In der Weise, daß man Wasser ans ein Mühlrad fallen ließ, das etwa einen Schleifstein bewegte und das gleichzeitig das Wasser zu neuem Fall in die Höhe pumpen sollte. Auch diese Maschine rührte sich natürlich nicht, denn man mutete dem Wasser das gleiche zu wie einem Menschen, von dem man verlangt, er solle sich an seinem eigenen Schopf in die Höhe ziehen. Ebensowenig halfen Magnete, die Saugwirkung eines Winkelhebers, Zahnräder und Uebersetzungen, die nur die Reibung vermehrten und einen Erfolg noch unmöglicher machten. Merkwürdigerweise glaubten aber auch sonst sehr gescheite Leute an das Perpetuum mobile, wenigstens zeitweise. So der gewaltige LeonhardodaVinci.der doch auch eines der umfassendsten technischen Genies gewesen ist, der große Astronom Christoph Scheine!, der im Jahre 1611 zu Ingolstadt die Sonnenflecken entdeckte, Robert Boyle, der eigentliche Begründer der modernen Chemie, Johann Joachim V.echer, der sich um die Gewinnung von Teer und Koks aus Steinkohle bemühte und viele andere. Und selbst der berühmte Baumeister und Bildhauer Andreas Schlüter, der Schöpfer des Denkmals des Großen Kurfürsten, der unsterblichen Kriegermasken und Erbauer eines Teils des Berliner Schlosses, ist diesem Wahne verfallen. Freilich erst in der Zeit, in der ihm sein Bauunglück am Berliner Münzturm das Leben zerbrochen und Peter der Große ihn berufen hatte, damit er ihm die Zarenstadt St. Petersburg bauen helfe. Daß die Herstellung eines Perpetuum mobile unmöglich ist, hatte man schon lange erkannt, ehe noch der deutsche Arzt Julius Robert v. M a y e r in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch das von ihm gefundene Gesetz von der Erhaltung der Energie diese Unmöglichkeit auch theoretisch bewies. Schon im Jahre 1775 erklärte die Französische Akademie, daß sie keine Perpetuum- mobile-Lösung mehr zur Prüfung annehmen werde. Was aber die Leute nicht hinderte, diesem Phantom auch weiter nachzujagen. Und weil solche Maschinen sich trotz allem Scharfsinn nicht rühren wollten, so mogelte man ein bißchen, und da die Dummen nicht alle werden, so hat auch die Geschichte des Perpetuum mobile ihre Cagliostros und Saint-Germains. Der unsterblichste dieser Gauner war der famose Erntt Elias B e ß l e r - Orfsyreus, der im Jahre 1715 sein „triumphierendes Perpetuum mobile" erfunden hat. Äon Haus aus hieß er eigentlich nur Veßler. Den geheimnisvollen Namen Orfsyreus legte er sich später zu: aus geschäftlichen Gründen. Er war ein unsteter Kopf, der in seinem Leben allerlei gewesen ist: Soldat, Windbüchsenmacher, Quacksalber, Drechsler, Maler, Kupferstecher, Uhrmacher und Astrolog. Begabt waren sie ja alle, diese Glücksritter. Ein durch Heißluft angetriebener Bratspieß, den übrigens ebenfalls schon Leonardo da Vinci ausgedacht hatte, scheint ihn aus den Einfall gebracht zu haben, die Ewigkeitsmaschine zu erfinden. Und nun gefchah 6cZ Wunder: die Maschine, die schon in Merseburg solches Aufsehen erregt hatte, daß der Stadtmaaistrat für die Vesichtung eine Abgabe erhob, war tatsächlich ein Perpetuum mobile. Das heißt vorläufig wenigstens. Und das kam so: Der Landgraf von Hesien-Kassel hatte Beßler- Orffyreus unter Verleihung des Kommerzienratstitels auf sein Schloß Weißenstein berufen. Dort wurde die Maschine in Gang gesetzt und der Raum, in dem sie stand, versiegelt. Als man diesen Raum sechs Wochen später wieder öffnete, lief die Maschine noch immer. Scharen von Sachverständigen, unter denen sich auch sehr berühmte Leute befanden, kamen, um sich das Wunder zu besehen. Ihre Gutachten fielen begeistert aus. Die Ewigkeitsmaschine, so attestierten sie, drehe sich wirklich und wahrhaftig ohne äußere Kraft, ohne Feder und Uhrwerk. Selbst die gescheitesten Leute wurden an ihrer Meinung irre, als sie von dem Wunder vernahmen. Nur der große Leibniz blieb skeptisch. Doch darum kümmerte sich Beßler-Orffyreus recht wenig. Er hatte ja erreicht, was er wollte. Der Landgraf überhäufte ihn mit Gold und Ehren und schenkte ihm auch noch Garten und Haus. Ueber Nacht war Beßler ein berühmter Mann geworden. Er blieb es auch. Vis eine Dienstmagd, Anne Rosine Mauersbergerin hieß die Perle, zu klatschen begann, obwohl Meister Orfsyreus sie zu erschießen gedroht hatte, wenn sie den Schnabel nicht hielte. Da kam der Schwindel an den Tag. Die Blamage war um so fürchterlicher, als dieser Schwindel geradezu einfältig war: aus dem Nebenzimmer hatten Veßler, die Magd und deren Bruder abwechselnd die Welle der Maschine gedreht, wenn Gefahr im Verzüge war, das heißt, wenn jemand den Maschinenraum zu betreten sich anschickte. Diese Blamage, an deren juristischen Feststellung'den Beteiligten durchaus nichts gelegen war, bewahrten den Erfinder vor Strafe. Der Landgraf ließ ihn laufen. Sicher war Beßler-Orffyreus nicht der erste dieser Perpetnum- mobilc-Erfinder, der so unverschämt mogelte. Denn nachgewiese- nermaßen haben eine ganze Reihe solcher Wundermaschinen wirklich gearbeitet, obgleich doch eine solche Erfindung unmöglich ist. Doch das wollen auch heute noch Narren, Phantasten oder auch Schwindler nicht wahr haben. Erst vor zwei Jahren wurde für den 7. Mai 1932 ein Pcrpetuum-mobile-Konareß nach Saarbrücken einbcrnfen, wo eine ewig laufende Wassermaschine vorgeführt werden sollte. Diese Maschine muß so schön gewesen sein wie das Deutsch, in dem sie angekündigt wurde. In dem Prospekte hieß es nämlich: es werde diese Wundermaschine, die unabhängig sei von den Launen der Vorsehung und dem wahrnehmbaren Geschehen und einen Verstoß gegen die Naturgesetze darstelle, der Welt ein neues Gcsichl geben. — Man sieht: das Gesicht mancher Menschentypen verändert sich auch in.Jahrhunderten nicht. Aber dürfen wir eigentlich mit gutem Gewissen einen Stein auf diese großen und kleinen, echten und falschen Propheten der ewigen Bewegung werfen? Ist nicht das ganze Perpetuum-mobile- Problem sozusagen aus einer Mogelei entstanden, aus dem Versuche, sich um Gottes Wort herumzuschwindeln: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!" Aus jener Weltanschauung eben, die den Menschen von dem vermeintlichen Fluche der Arbeit befreien wollte und nicht begriff, daß Glück nicht in einem Leben ohne Arbeit, sondern in einem Dasein voller Mühe ruht. Wir erst begreifen, daß es eine weise Vorsehung war, die uns Menschen die Lösung der ewigen Bewegung verwehrte. Denn es wäre die Lösung des Perpetuum-mobile-Problems, die logischerweise eine nicht vorstellbare Arbeitslosigkeit über die Erde brächte, nicht der Anbruch des goldenen Zeitalters, sondern das Ende der Zeiten. Gemeinschaft und Künstler. Von Werner Klaus. Das Wort vom „freischaffenden" Dichter und Künstler hat einen bitteren Beigeschmack. Es enthält einviertel Wahrheit und dreiviertel Unwahrheit. Denn so gewiß das Letzte und Tiefste aller großen Schöpfungen aus Bereichen kommt, die sich jedem Zwang, jeder Kontrolle, jeder bewußten Absicht und jedem Eingriff von außen entziehen, so handgreiflich ist auf der anderen Seite die Abhängigkeit der Schaffenden von der Schicht der Auftraggeber und Käufer, der geistig Aufnehmenden und Aufnahme- willigen, deren Geschmack und Urteil einen ost entscheidenden Einfluß ausübt. Denn Bücher wollen verlegt, gedruckt und gelesen, Theaterstücke aufgeführt, Bilder ausgestellt und verkauft und Musikstücke gespielt werden; das Verhältnis zwischen den Schaffenden und dem Publikum wird durch wirtschaftliche Faktoren weitgehend bestimmt. Man braucht nur an den Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte zu denken, der sich immer mehr auf die Hervorbringung von „Saisonschlagern" und reinen Konjunkturbüchern einstellte, oder an das Theaterwesen derselben Epoche, das ähnliche Erscheinungen auswies. Am deutlichsten aber wird die mögliche Diktatur des Publikumsgeschmacks beim Film: hier, wo wirtschaftliche Faktoren die entscheidende Rolle spielen, ist freies künstlerisches Schaffen nur in Ausnahmefällen möglich — für gewöhnlich untersteht es den strengen Gesetzen einer bis ins Einzelne auskalkulierten Publikumswirkung, die sich auf kaltschnäuzige Beobachtungen stützt. Es ist die fast vollständige Umkehrung des natürlichen Verhältnisses, das immer dem Schaffenden den Vorrang und die Initiative gibt und das Recht zu neuen Stilprägungen. Und ost genug versagt auch die allzu eifr^-e, allzu geschäftstüchtige Spekulation der Filmschaffenden auf den „Publikumsgeschmack" — der Mißerfolg ihrer Produkte wirkt dann rote ein groteskes Gegenstück zum Mißerfolg abseitiger Gemewerke. Die materielle'Abhängigkeit des schaffenden Künstlers von seinem Auftraggeber, Mäzen oder Publikum, hatte in den einzelnen Epochen und beim einzelnen Künstler sehr verschiedene Voraussetzungen, Formen und Folgen. Es ist ein großer Unterschied, ob eine mittelalterliche Gemeinde den Auftrag zu einem Werk gibt oder ein Herrscher aus der Zeit des Barock, oder ob der Künstler in Abhängigkeit von einem snobistischen Kunsthändlertum schafft. Und die Art der Abhängigkeit ist nicht weniger verschieden bei dem Verfasser einer mittelalterlichen Städtechronik, dem höfischen Odendichter des Barock und dem Schriftsteller der Gegenwart, der von seinen Büchern leben muß. Auf jeden Fall aber zwingt sie da« Schaffen — mehr oder weniger sanft, mehr oder weniger nachdrücklich — in bestimmte Bahnen: stofflich, formal und auch gesinnungsmätzig. Diese Tatsachen sind den Schaffenden selbst oft gar nicht bewußt: um so weniger, je mehr sie Geschöpfe ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind. Fast alle großen Leistungen entstanden freilich trotz dieser Abhänigkeit oder im Kampf ge- API» fic In der mittelalterlichen Welt gab die materielle Abhängigkeit des Schaffenden keinen Anlaß zu einer besonderen Problematik. Die Auftraggeber und Käufer standen ja ebenso wie die Künstler in lebendigem Zusammenhang ihrer Gemernschaftswelt und im Banne nicht nur eines gemeinsamen Glaubens, sondern auch einer verbindlichen, nur langsam sich wandelnden Stiltradition. Co fielen alle Konflikte fort, die aus der Spannung einer scharf profi- lierten Einzelpersönlichkeit zur Gesellschaft entstehen. <->ctbc, 6ie Auftraggeber und die Künstler, fühlten sich als Orgmie einer bejahten, als selbstverständlich hingenommenen Gerne,lischastswett — nnd diese Gemeinschaftswelt umfaßte in gewissem Sinne noch das -'ante Volk. Hier haben wir bas Besipicl einer organischen un°> Züchtbaren Abhängigkeit des Künstlers. ^it der Renaissance kommt der große Wandel: das kunst- ler >be Schaffen löst sich aus den Bindungen einer zerfallenden unb sich wandelnden Gemcinschaftswelt, es gewinnt eine bisher nicht dagewesene individuelle Ausdruckskraft, es ruht nun fast ganz aus der Selbstverantwortlichkeit starker Elnzelpersonlich- keiten. Gleichzeitig aber differenziert es sich viel deutlicher als bisher nach den Ansprüchen der „Konsumentenschichten . die burger, ließ,, und die höfische Weht wollen naturgemäß nicht das Gleiche. Und der Unterschied zwischen dcr dcutschen Knmt der Ncnmiwncc und des Barock ist nicht nur ein Unterschied der Zeltstile, er yalic auch soziale Gründe: denn im Barock war, im Gegensatz zu sruher. die bürgerliche Konsumentenschicht so gut wie ausgeschaltet, und höfischer Geschmack besaß alleinige Geltung. Und das nicht, weil die Kulturkraft des Bürgertums erloschen gewesen wäre — bürgerliche Dichter, bürgerliche Künstler und Musiker haben die großen Werke dieser Zeit geschaffen —, sondern weil das Bürgertum materiell verelendet und ausgesogen war, während Glanz und Reichtum von den fürstlichen Herren ausging. Die seelische Dürre der Poesien jener Zeit, die dekorative Attitüde ihrer allegorischen Riesengemälde, die Pracht ihrer repräsentativen Bauwerke waren viel weniger Ausdruck der Schöpfer als der Auftraggeber dieser Werke. Die künstlerische und dichterische Welt des Barock ist das extremste Beispiel dafür, in welchem Maße das Schassen einer Zeit durch materielle Abhängigkeiten beeinflußt werden kann. Hier diente es fast ausschließlich der Repräsentation und dem Lebensgenuß einer winzigen, volksfremdcn Oberschicht. Der Künstler und Dichter, der anderes wollte, war verfemt und schwebte im luftleeren Raum. Die Blütezeit des Bürgertums um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts bietet ein anderes Bild. Es gab in Deutschland eine Spanne von vielleicht dreißig Jahren, in der die Führung und Initiative in Dingen des Geschmacks bei den Schaffenden lag und ein bildungswilliges und geistig reges Publikum bereit schien, mit den Dichtern und Künstlern mitzugehen. Man darf einzelne tragische Fälle der Verkennung nicht als Gegenargument anführen: im Ganzen ergab sich doch ein gemeinsamer geistiger Boden für „Produzenten" und „Konsumenten". Das Abhängigkeitsverhältnis war also denkbar günstig und wenig spürbar; und die Zugeständnisse, die etwa Schiller den Gefühlen des Publikums machte, kann man harmlos nennen. Trotzdem hat von allen Dichtern dieser Zeit woh^ nur Hölderlin ganz kompromißlos geschaffen. In der Spätzeit der bürgerlichen Epoche, deren Ende wir heute erleben, verschieben sich alle Verhältnisse durch den Einfluß, den die Verlage und der Kunsthandel auf das Schaffen gewinnen. Die Forcierung literarischer und künstlerischer Moden, die Aufblähung mittlerer Talente zu „Weltgrößen", die dann fallengelassen werden, das Umsichgreisen einer ungesunden Schnellproduktion — das sind die Symptome dieser verhängnisvollen, aber fast unvermeidlichen Abhängigkeit. Zugleich haben sich in den letzten dreißig Jahren zwei Typen von Schaffenden immer stärker ausgeprägt, die beide de» Bedürfnissen des Publikums Rechnung tragen und zwei verschiedenen „Konsumentenschichten" entsprechen: der Typus des „kompromißlosen", induvidnalistischen Artisten — und der Typus des gefälligen Gebrauchskünstlers und Schriftstellers. Der große äußere Erfolg gehörte fast immer einem von beiden Typen; die Ersolgswerke der Zeit schienen entweder kompromißlos radikal, aus eine „interessante" Weise unbequem, oder anspruchslos gefällig, kulinarisch und leicht zu begreifen. Und bas Schaffen der Vielzuvielen ging diese beiden gegensätzlichen Wege; es kam auch bisweilen vor, daß ein Artist plötzlich die andere Möglichkeit für sich entdeckte. All diese Feststellungen berühren natürlich nicht die Existenz der wenigen wirklichen unabhängigen Schaffenden dieser Epoche. Aber das allgemeine Bild des Schaffens wird ja nicht durch diese Wenigen bestimmt. Heute sind die Dinge wieder im Umbruch und Werden, und ganz neue Schichten warten aufbruchbereit darauf, als Ausnehmende nnd Mitschassende am Kulturleben der Nation teilzunehmen. Zwar die Verlage und Konzertdirektionen, die Kunstsalons und Theater sind materiell noch immer auf die Reste des alten Besitzbürgertums angewiesen: hier hat sich das Bild gegen früher kaum geändert. Aber in dem Augenblick, wo die neuen Schichten als „Konsumenten" ernsthaft in Frage kommen — und viele kulturpolitische Maßnahmen des neuen Staates zielen darauf hin — wird auch das künstlerische und dichterische Schaffen neue Möglichkeiten und neue, aber fruchtbare Abhängigkeiten gewinnen. Die Schufterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Wie ein Tiger im Käfig begann Gust, unbekümmert um die darunter wohnenden Viehhändlerleute, in dem Schlafzimmer auf und ab zu rennen, im großen Bogen um das eheliche Doppelbett herum. Dabei strömten, schäumten und brausten seine Worte unaufhörlich; teils wahrheitsgetreuer Bericht über den Abend in den Baracken, teils Ausgeburten seiner zorngesegneten Phantasie, bald vernünftige Schilderungen und sachliche Beurteilungen der Vorgänge, bald haltlose Verdächtigungen und ungezügelte Beschimpfungen des verbockten, beschränkten Maurerpoliers. Rikelchen ließ Gust rennen nnd reden, soviel er wollte. Sie wußte, wenn das Wehr seiner Wut aufgerissen war, bedurfte es geraumer Weile, bis der überstaute Schwall verstromte. Jedes -m dieser Zeit von ihr gesprochene Wort wurde durch die Worte Gusts mit foitcicriffcn, rvie Steinchen, die ein Knaöe tu schaumende^ W'Al^Gusts'Gänge unt das Doppelbett langsamer und beruhigter wurden, seine Sätze sich nicht mehr überstürzten, sondern gleich- ' mäßig dahinflossen, fragte Rikelchen: „Lohnte es, um einen Sitz im Bürgerausschutz eine Lebensfreundschast aufs Spiel zu setzen? Willem und ich waren niemals Freunde! schäumte Gust auf. Nachbarskinder, Spielgefährten — ja. Freunde -Jtein! ,Jch wützte niemand in der Stadt, der dir näher steht, verteidigte die im Bett Liegende sich. ,Mein Freund ist Willem trotzdem nicht eine Stunde lang gewesen." IX. Da Der Mit Lager. noch in den Baracken wohnen. Der Wahlmorgen kam endlich heran. Das Ungliick wollte, daß Gust Willem, den er seit dem Abend ihrer Verfeindung nur von fern gesehen hatte, an einer Straßenecke vor die Füße lief. Im ersten Augenblick wollter er an ihm wie an einem Fremden vor- tibergehen. Dann aber überwand er sich und fragte, da der Stehengebliebene die Axt aus der Schulter trug: „Arbeitest du denn heute?" „Worüm nich?" fragte Willem verwundert zurück. „Weil du doch in den Biirgerausschuß gewählt werden willst." „Wat aeiht mi dat an?" „Die Wählerei vielleicht nicht. Aber das Ergebnis." „Dat fümmt eerst hüt abend na säbir rut, wenn bet Arbeit vörbi is." „Aber man will doch wissen, wie die Sache den Tag über läuft. Ich begreife nicht, wie du da aus Arbeit gehn kannst, als ob nichts in der Stadt geschieht, was dich betrifft." „Wenn't aaud geifit, warrn sei kam'n up'n Bu antauloopen: Wenn't stheef geifit, krieg itf’t immer früh genng tau roeit’n." „Willem", faßte Gust sich doch ein Herz, „ich wollte dir schon Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießern Gust des Ausgangs der Wahl keineswegs so sicher war, wie er ihn seinem Jugendfreund Willem vor Augen gehalten hatte, begann er auf Stimmenfang auszugehen. Er war vom Morgen bis zum Abend in der Stadt. Er grüßte als erster Leute, denen er seit seinem Rentnerdasein kaum noch gedankt hatte, wenn sie ihn grüßten. Er sprach mit Hinterstraßen- männern lange und freundlich, die in den letzten Iahten von ihm nur kurzer kantiger Worte gewürdigt wurden. Diese Unterredungen endeten in vielen Fällen damit, daß er den Umworbenen ein Papierstückchen in die Hand drückte, auf dem zu lesen stand: Rentner August Micheelsen, Ackerstraße. Denn während die Geg- ncrpartei sich mit beschriebenen Stimmzetteln begnügen mußte, hatte Gust die seinen ans eigne Kosten drucken lassen. Er saß die Nächte durch in den Wirtschaften umher und redete. Natürlich mußte der versumpfte Teil der Stadtweide ausgetrocknet werden, damit endlich das saure Gras verschwand! Selbstverständlich war der städtische Tagelohn zu tief! Er würde unbedingt für eine Erhöhung stimmen: das heißt, soweit die Stadtkasse eine solche Erhöhung tragen konnte, denn schon fünf Pfennig Stunöenlohn mehr machten insgesamt eine riesige Summe aus. Keine Frage: Gaslicht war nicht mehr zeitgemäß, und eine Elektrifizierung der Stadt mußte ernsthaft ins Auge gefaßt werden. Ungeheure Kosten? Es ließ sich bei vernünftiger Wirtschaft an andern Stellen viel einsparen. Wenn er nur erst auf dem Rathaus saß, dann würde er dem Bürgermeister und den Senatoren schon zeigen, wie sie mit öffentlichen Geldern umzugehen hatten. Denn, daß er zu rechnen und vorteilhaft zu wirtschaften verstand, hatte er doch bewiesen. Im andern Fall würde er nicht von seinen Zinsen leben können, sondern wie ein gewisser jemand, der es zu nichts gebracht habe, AU ßcit. Wohl eine Stunde — oder waren es gar zwei? — mochten vergangen sein, als Rikelchen sich ein Herz faßte und, wie wenn nichts vorgefallen wäre, sagte: „Gute Nacht, Gust." ~ erzürnte Stadtpolittker gab keine Antwort. abgewandtem Gesicht lag er, als ob er schliefe, auf seinem „Wir wollen uns nicht um Worte streiten, Gust. Also laß mich meine Frage so stellen: Lohnt es das, was Willem dir sechzig Jahre lang gewesen ist, um einen Bürgerausschußsitz aufs Spiel 8U die höchste Ehre, die die Stadt, nach den beiden Senatorsposten, zu vergeben hat!" rief Gust, wieder heftiger die Betten umrennend, seiner Frau zu. „ a, „Trotzdem frage ich zum drittenmal, frage es mit vollem Bedacht: Lohnt es?" „ r., „Stehst du etwa wieder einmal, wie immer, wenn es sich um einen Kampf handelt, gegen mich? Springst du auch dreimal, statt mir zu Helsen, meinem Widersacher bei?" „Ich habe eine Frage an dich gerichtet und die Antwort — das »Ja, es lohnt!' oder das .Nein, es lohnt nicht!' - dir überlassen. „Deine Frage enthielt bereits die Antwort. Derne Antwort! „Das bin ich nicht gewahr geworden. Aber wenn du damit recfit hast — und fast scheint es —, was gibst du mir dann zur Antwort?" „Daß ich fünfundzwanzig mit der Peitsche verdiene, rechts und links um die Ohren, ganz gleichgültig, wohin der Schagende trifft. Weil ich mit dir über Dinge geredet habe, von denen man nicht mit euch reden soll, da ihr Frauensleut so wenig davon versteht wie die Ziege vom Choralsingen, über öffentliche Angelegenheiten nämlich, über die städtischen Verwaltungssorgen, über Politik." „Gust —" „Halt den Mund!" . Mit einem Ruck, daß er einen Teil der Messingkette in der Hand behielt, zog Gust den 2-Rtng des Gas^lühlichts nach unten. Fauchend verlosch die Flamme. Im Dunkeln riß der Wutende die Kleidung von sich herunter, schleuderte sie zu Boden und warf sich einige Sekunden später krachend ins Bett. Stille staute sich im Schlafzimmer des Rentiers August Mi- dicelfcit Nur'das rote Pünktchen in das Gaskuppel blubberte von Zeit immer sagen — es fand sich nur noch keine Zeit und Gelegenheit dazu — Willem, ich bin wahrscheinlich neulich abends ... ,Gah mi ut'n Wäg!" unterbrach der Maurerpolier seinen ehemaligen Freund. „Dat ick up'n Bu kam. Ich bin ja keen Borger. Ich bin blot'n Arbeiter!" Der Verwirrte gab dem Unversöhnlichen unverzüglich den Gang zur Arbeit frei. Im Gegensatz zu seinem Spielgefährten aus der Barackenzeit war Gust von früh bis spät unterwegs. Er horchte herum, trieb an. Er ließ sich unterrichten, wie es auf dem Rathaus stand, verbreitete immer wieder die Nachricht: Gut! dln seiiiem Sieg sei nicht zu zweifeln. Er ging von Wirtschaft zu Wirtschaft, gab sich leutselig, bezahlte unaufgefordert die Zeche. Das Stammquartier seiner Anhänger befand sich in dem Hotel „Zum Erbgroßherzog", das — dem Rathaus gegenüber — auf der ändern Seite des Marktplatzes lag. Seine Gegner nahmen fast alle den Weg durch die „Marktwirtschaft", die sich wie ein Kucken unter die Flügel der Henne in den Schatten des Rathauses duckte. Als Gust sich schließlich auch zu ihr aufmachte — man konnte nicht wissen, ob durch Freundlichkeit und Bierbezahlen nicht doch noch einige Stimmen zu fangen waren —, stand am Fuße der Rathaustreppe Schuster Schwetkert mit Stimmzetteln. Er hielt Gust einen davon entgegen und sagte: „Stimmzettel gefällig? Bitte nehmen! Nur hier ist der richtige Kandidat zu finden! I Am Vormittag stand es gut für Gust. Denn obgleich die Stimmzettel gefaltet oben im Rathaussaal dem Stadtworthalter übergeben werden mußten, der sie in eine schöne alte Zinnkumme warf, die in früheren Jahrhunderten beim Umtrunk mit Würzwein gefüllt wurde, wußte man doch um das Stimmverhältnts. Jedesmal, wenn wieder ein Wähler kam, machten die Aufpasser rechts oder links in ihrer Liste einen Strich, und die Schätzung der Gegner wich nur um wemge Stimmen voneinander ab. Da man jedem Stadtbewohner bis unter die Haut sah, wie hätte man — von wenigen zweifelhaften Fällen abgesehen — nicht wissen sollen, wen er wählte, den Maurerpolier oder den Herrn Rentier. Am Vormittag stand es gut für Gust. Während der Mittagspause, als die kleinen Leute auf das Rathaus kamen, die gleich Willem um der Wahl willen ihre Arbeit nicht im Stich ließen, neigte sich die Waage sichtlich zuungunsten I ^Bei der Auszählung eine Stunde nach Feierabend erwies sich, daß der Maurerpolier Wilhelm Drebitz 163, der Rentier August Micheelsen nur 145 Stimmen erhalten hatte. Am andern Morgen schrieb Gnst. der in der Erwartung seines Sieges die in der Stube Willems ausgestoßene Drohung nicht wahr gemacht hatte, einen Bries an das Ministerium, in dem er darauf hinwies, daß die diesjährige Bürgerausschnßwahl dem gültigen Stadtrecht von 1823 widerspreche, da das gewählte Bürger- ! ausschußmitglied Wilhelm Drebitz kein selbständiger, freier Burger sei, sondern sich als wöchentlicher Lohnempfänger bei einem Maurermeister in abhängiger Stellung befinde, mithin zwar wahlberechtigt, aber nicht wählbar sei. Er bitte also um Ungitltigfeitv= erklärung der alten Wahl und Auflegung einer neuen Wahl nach den bewährten bisherigen Bestimmungen. Das Ministerium zog bei dem Bürgermeister Erkundigungen über den Gewählten sowie über den Antragsteller ein und entschied auf Grund dieses Geheimberichts: Die stattgefiabte Wahl wird, als der geltenden allgemeinen Stadtordnung vom Jahre 1823 zuwiderlausend, für ungültig erklärt. Eine Neuwahl, bei der nur freie Bürger aufgestellt werden dürfen, ist binnen Monatsfrist vorzunehmen. c Bei der zweiten Wahl, Ende Februar 1913, wurde Gust, da ihm nun ein ebenso unbedeutender wie unbeliebter Drechslermeister gegenüberstand, mit 185 Stimmen, während sein Gegner es nur auf 98 Stimmen brachte, zum Mitglied des Städtischen Viirger- ansschusses gewählt. , t . Ein Jahr später, im Januar 1914, erkor der Burgerausschuß ihn an Stelle des verstorbenen Vorstehers zum Vürgerworthalter, zum unbesoldeten Stadtsprecher. Da Gust jetzt die Aufsicht über die städtische Weide und den Wald, über die städtischen Bauarbeiten und die Straßensäuberung, über die Freiwillige Feuerwehr und die Freiwillige Turnerschaft führen mußte, hatte er zwar immer noch nicht im Sinne Rikel- chens Arbeit, aber Beschäftigung, die seinen Tag ausfüllte. Er gab sich ihr mit solchem Eifer und Geschick, mit so unanzweifelbarer Unparteilichkeit hin, daß er schnell in der Achtung der Stadt stieg. Immer vorbehaltloser gestanden hoch und niedrig, Bürger und Volk, die, zu welcher er emporgestiegen, und die, ans deren Mitte er hervorgegangen war, untereinander zu, daß ihr Mißtrauen gegen Gust bnrechtigt war, Woche für Woche bewies er: ein ganzer Mann stand als oberster Vertreter der Bürgerschaft auf dem ihm gebührenden Platz. Es war nur noch eine Frage der Zeit, daß Bürgermeister und I Rat sich seine ungewöhnliche Arbeitskraft, sein Geschick, zwischen Besitzenden und Armen zu evrmitteln, seine Klugheit, die Dinge am rechten Ende anzupacken, nicht entgegen ließen und den ehemaligen Schuhmachermeister und Lederhändler, jetzigen Rentier und Vürgerworthalter August Micheelsen, trotz seiner Herkunft aus den Baracken, für die man ihn nicht verantwortlich machen konnte — zum Senator wählten. sFortsetzung folgt.)