Nummer 94 Montag, den 5. Dezember ihrgang 1934 an- durch, stell-» ibel kleine nit der sthatte Albten stt an= trinken n. Bis- ■ kaum iet und 'bersten en. iehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger (Fortsetzung.) Hein Eggerth mußte laut auflachen. „Eigentlich eine komische Idee, es 1° den« Äst-' lührer- ■ Dabei niemals >rbet, tn mußte iet, und Nauiere oor der ch auf den „Aber noch längst nicht die schlechteste Methode, mein lieber Junge, ii allgemeinen gilt noch immer der alte Satz, daß da, wo eine Petro- rmlampe zu brennen vermag, ein Mensch auch atmen und leben nn —", der Professor brach jäh ab. „Halt! Stopp!" schrie er zu insen hinüber und winkte ihm. Die Lampe befand sich dicht über dem loterboden. Ein Glitzern und Funkeln unter ihr verriet, daß der i schwitzte ich schnell nten und ipfen. Urwald' Ölte die lieber die et als ich 5 „Ball- ms Kla- der aus der Dom mehmen ituljl zu- Marfch. tzt stellte ■ herauf- gedunfen e Tasten >chten es werden. por, wate, nach- gen. Ich aufe. Ich jebiffenen die verwart - chmiertm es beim öne nach- nb bafür lotergrund aus blankem Erz bestand. „Langsam hissen!" kommandierte Professor Eggerth weiter, wahrend er zu der alten Stelle zurückkehrte. Klar brennend kam die Lampe wieder zutage, wurde gelöscht und iwläufig beiseite gelegt. Atembare Luft bis zum Kratergrund vorhanden, die Temperatur Hirt beträgt 38 Grad Celsius", faßte der Professor sein Urteil nach Ihem Blick auf das Meßinstrument zusammen „Jetzt Ad drei. Wer will als erster den Abstieg riskieren? „Ich!" „Ich!" „Ich!" scholl es ihm dreifach entgegen. Jeder wollte der erste sein, keiner wollte dem andern den Bortritt . ich n>i> ,e ich iebe’ ^6eli XXgSbeÄr^ie sein Bater es gewünscht hatte gab hün, während er Stufe um Stufe hinabkletterte ununterbrochen^ ch b-s Mikrophon Bericht, bis er endlich m einer Tiefe von uo JKeter anf festem Grund stand. Etwa eine Blerteßtunde hatte die Kraxele, ge >aß es >" e Taft" te. ,M.-' « unb '4 I bis zu" halle. 34 x Sie nwl ®eibif9er’ rinste. . uller uu« Serbe"1 e Unuutz ^Eine kurze Weile sah der Professor sich den Streit mit an, dann ntschied er kurzerhand: „Wir werden losen, dann kann sich keiner be- ichteiligt fühlen." Drei Streichhölzer, die er auf veAiedene Lange tbrochen hatte, hielt er seinen Mitarbeitern mit den Köpfen hin. Sie äffen danach: Hein Eggerth zog das längste Holz und hatte damit is Anrecht gewonnen, als erster den Abstieg zu machen. Die Vorbereitungen wurden dazu getroffen. ,St 10' schob sich so idicht i den Kraterrand heran, wie es eben möglich war. Erne W.nde ltg aus dem Schiffsrumpf eine aus kräftigem Stahldrahtfell geflochtene mer heraus und ließ sie in den Krater hinabgleiten. Der Kran fuhr cht an die Leiter heran. An seinem Ausleger hing jetzt ein starker cheinwerfer, dessen Lichtkugel die Tiefe um die Leiter herum bis zum Na,"denn' wallen wir mall" ries Hein luftig und schickte sich an, zu Eggerth mit Hein über ein Erzfeld, das in tausend Reflexen glänzend ihre Augen oft blendete. Aus dem gleichen schimmernden Sternstoff schien der ganze Kraterboden zu bestehen, von dem sie bereits früher Proben nach Bitterfeld mitgenommen hatten. Je weiter sie kamen, desto befriedigter blickte Professor Eggerth um sich, obwohl auch ihm bei dem Spaziergang in dieser Backosentemperatur der Schweiß aus allen Poren brach Dann standen sie wieder am Ausgangspunkt ihrer Wanderung, und Profeßor Eggerth beorderte durch das Telephon jetzt auch Berkofs und Hansen nach unten. Auf der Leiter kletterten die beiden in die Tiefe, und dann begann eine Arbeit, zu der Professor Eggerth eine Planskizze vorlegte An 200 Über den Kraterboden gleichmäßig verteilten Stellen sollten Erzproben genommen werden. Im ersten Augenblick erschien die Aufgabe unüberwindlich groß, aber der alte Eggerth hatte sich dafür ein Verfahren zurechtgelegt, das sie wesentlich vereinfachte. Jeder mit einer kräftigen Elektrobohrmaschine ausgerüstet, machten die vier sich an das Werk. Für den Zweck, den der Professor dabei im Auge hatte, genügte es, mit einem halbzölligen Spiralbohrer etwa eine Handbreit in das Erz hineinzubohren und die dabei entstehenden Späne in ein Glas- röhrchen zu schütten, dies zu verkorken und mit der entsprechenden von der Planskizze angegebenen Nummer zu versehen. Fünfzig Proben hatte jeder zu nehmen. In vier Stunden war die ganze Arbeit getan, aber es waren doch anstrengende Stunden. Keiner von ihnen hatte einen trockenen Faden mehr am Leibe, als sie in das Schis kletterten und ,6t 9‘ wieder nach oben schwebte. „Dor den Kampfpreis haben die Götter den Schweiß gesetzt, sagte Berkofs halb lachend, halb seufzend, während er 200 Glasröhren sorgsam in einem Schrank des Mittelraums verwahrte. „Und einen Durst habe ich", stöhnte Hansen, während er, ohne abzusetzen, eine Literflasche Mineralwasser austrank. , Heber Mangel an Appetit kann ich mrch auch nicht beklagen , fugte Hein Eggerth hinzu. „Ich glaube, wir haben feit acht Stunden nicht ""^,Ers'? umziehen und dann essen", kommandierte der Professor. „Wir wollen uns keinen Schnupfen holen."-- Bald saßen sie gemütlich im Mittelraum von ,6t 9 zusammen und taten einem aus den 6chiffsvorräten schnell zusammengestellten Mahl alle Ehre an. . , _ . .Dies Huhn mit Curry-Reis ist prima, prima", meinte Hansen, ver- gnüglich kauend, und warf dabei einen Blick auf den Wandkalender. Herrschaften, wie wird mir denn?" rief er und ließ Messer und Gabel sinken. „Wir schreiben ja schon den 25. Dezember, morgens drei Uhr nach Greenwichzeit. Den Heiligenabend haben wir ja richtig über unsrer Bohrerei da unten vertrödelt " m „ , Wir wollen sagen, Übersehen", verbesserte ihn der Professor. „Iw übrigen steht nichts im Wege, mein lieber Hansen, daß 6ie jetzt noch einen Punsch brauen und das Versäumte nachholen." Um die siebente Morgenstunde hob der Professor die Tafel auf. In die Kojen, Herrschaften! Wir sind alle übernächtig.^Erst. mal acht 6tunben 6chlaf. Dann geht's mit Volldampf nach Deutschland zurück." * Die City oi Baltimore" auf der Rückreise von Hamburg nach Neunork verließ die Reede von Southampton und lief auf Westkurs der Kanalmündung und dem Atlantischen Ozean entgegen. Zu ihren Pa sa- qieren gehörte Mr. Haynes Nach mehriahrigem Aufenthalt tn Deutsch- lanb hegte der Vertreter der Associated Press den Wunsch, wieder einmal die gesegnete Luft der Vereinigten Staaten zu atmen. Unter ben Amerikanern, die in Southampton auf das todjiff kamen, hatte er einen alten Bekannten entdeckt, Mr James Garrifon, der in der großen kalifornischen Sternwarte in Pasadena tätig war und von einer englischen Studienreise nach den Staaten zurückkehrte. Nach der Mittagsmahlzeit — sie war so gut und reichlich, rote es auf ben großen atlantischen Dampfern üblich ist — zog Mr. Haynes sich seinen flauschigen Ulster über, um durch einen tüchtigen Spaziergang allen Folgen der üppigen Verpflegung entgegen,)uroirten Er beabsichtigte, vierzigmal um bas Oberdeck herumzumarschieren. Das bedeutete eine Promenade von vier Seemeilen, nach deren Erledigung er getrost dem Supper entgegeujeheu konnte. HANS DOMINIK ■ EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER 8 AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG ' IIÄVJÄ««,- »Ml M WttorlurM unb Sjrin dichte sich anfeilen lassen. Das Seil, das sie 'hm um die Brust Wangen, er ao> ithielt ein Telephonkabel, Kopfhörer wurden chm über die Ohren nit feil’6" Moden, ein Mikrophon hing dicht vor feinem Munv. di- . T°l°Ph°n und Mikrophon der Gegenstation nahm der Profeffor felbf, E, ©CH" i/v»«* '«'öö*’”/ ••• —M”-" ---/ rr ” •D’”' 7 ----- — 1 —f * ije jrQs iter, die Lust in einem Bolidenkrater mit einer alten Petroleumlampe ba6 bet f ihre Brauchbarkeit zu untersuchen." *£. . arr ___L < X*« Xä^X m ain finkor Tiinrtö die Tvlie ieieppon uno wcnrvpyvn um „nh mir an: „ßos, Eertotf unb Hansen wurden beordert, das Seil zu halten und btUe,Ss ist schandbar heiß hier unten", meldete er nach^obem Ich dohl befindest." „ fagertl) die Stimme Hansens aus dem Kaps, u & ^^in vor- d'vhnen. St 9' schab sich an seiner Hubschra ha g^^ mie 1 ttirts, bis es mitten über dem Krater stan . &em Krater-. : eh fallendes Blatt allmählich nach unten , ns ej(te auf feinen br ben auffetzte. Der Prafeffor kletterte heraus unD eilte au, - E*6.1Um,m 3un8., M «- - * ** **-— 1wu»« &***» m"6““ ,Das nichts- Nach der zwanzigsten Runde gesellte stch Mr. Garrison zu ihm, und ein Gespräch kam in Gang. Wie jede amerikanische Unterhaltung begann es mit dem Wetter, um dann der „City of Baltimore voraus nach Westen zu eilen. Von dem kalifornischen Paradies um Pasadena schwärmte Garrison, von Neuyork, der Empire City, sprach Hayiws. Ein scharfer Westwind blies ihnen entgegen, als sie wieder nach vorn "^Unwillkürlich steckte Haynes seine Hände tiefer in die Manteltaschen, da spürte seine Rechte etwas Hartes, Schweres. Er zog die Hand heraus und hielt ein glitzerndes Stückchen Metall von der Große einer Haselnuß etwa zwischen den Fingern. „Dtj, Mr. Haynes, was haben Sie denn da? fragte ihn Garrison mter- ^‘einen Augenblick mußte Haynes sich besinnen, dann erinnerte er sich wieder, wie er zu dem Brocken gekommen war. „ ein Andenken aus der Antarktis, wie ich vermute, Mr. Garrison. Äus der Antarktis? Wie kommen Sie dazu?" Haynes erzählte ihm, wie er vor Monaten in Bitterfeld war, um die Ankunft der Eggerthschen Stratosphärenschiffe abzuwarten, und wie er bei der Gelegenheit das Stückchen im Laderaum des Flugschisfes sand und unbemerkt in die Tasche steckte. Ein reiner Zufall, daß ich es letzt wieder entdeckte , schloß er seinen Bericht, „ich habe diesen Mantel seit Monaten nicht mehr getragen. Das Stück muß irgendwie aus der Station eines gewissen Dr. Wille am magnetischen Südpol stammen. Sie haben vielleicht von dem Mann und von seinem Unternehmen gehört." . Garrison nickte. „0 ja, gewiß I Schade, daß Dr. Wille kem Amerikaner ist. Er ist eine Kapazität aus dem Gebiet der Geophysik. Nur sein Assistent, ein Dr. Schmidt, könnte ihm darin noch über sein. Man mter- essiert sich in Pasadena sehr für die Arbeiten der beiden ... dies Mineral ... merkwürdig, recht merkwürdig." Während Garrison die letzten Worte sprach, nahm er Haynes das Stückchen Erz aus der Hand und wog es prüfend mit den Fingern. „Was soll daran merkwürdig sein?" fragte Haynes. „Das nichtswürdige Zeug hat mir das ganze Taschenfutter zerrissen. Werfen Sie es doch einfach über Bord." , „ o Garrison schüttelte den Kopf. „Würden Sie mir da» Stuck überlasten? Ich möchte es in Pasadena gern genauer untersuchen." herzlich gern, wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tun kann. „Besten Dank, Mr. Haynes. Sie meinen, das Stück stammt aus der deutschen Station?" /_1 t r ..... ; „Nach meiner festen Ueberzeugung, ja! Das Stratospharenschiff hatte allerlei Ausrüstungsgegenstände dorthin gebracht und anderes Material, das nicht mehr benötigt wurde, zurückgeholt. Da muß der Brocken wohl irgendwie mit in das Schiff gekommen fein. Sonst könnte er nur aus den Eggerth-Werken in Bitterfeld stammen." Mr. Garrison wickelte die Erzprobe in ein Stück Zeitung und Der- Der Schah tm flrafer. Dr. Wille experimentierte aus dem Hof mit den neuen Kondensatoren. Dr Schmidt stand neben ihm, feinen Chronometer in der Hand, uni machte ein Gesicht, bei helfen Anblick, wie Hagemann sich ausdruckte, die Milch sauer werden mußte. Krachend schlug gerade em Konden. satorenfunke über. Der lange dürre Schmidt, die Augen starr auf bii Uhr gerichtet, kniff die Lippen noch fester zusammen. „Was haben Sie denn, Schmidt?" fuhr ihn Wille unwirsch an. „Die Sache funktioniert doch." „Nicht schnell genug, Herr Wille. Wir sind hier mcht an der richtige, Stelle" „Ja in drei Teufels Namen, was sollten wir denn nach Ihrer Mei. nung tun?" .. „ , , _ ,. Mit unfern Magnetometern auf die Suche gehen, Herr Wille, bis wir den Punkt finden, an dem die magnetischen Srafthmen genau feist, recht in den Erdball eintreten." Dr. Wille hüllte sich fester in feinen Pelz. „Em schauderhafter Gi- danke Schmidt, Hunderte von Kilometern durch die Schneewuste z, ziehen. Nachts im Zelt kampieren ... man friert bet dem Gedanke, d^Die Eggerth-Werke müßten uns natürlich einen großen guten Kraß, wagen fänden", unterbrach ihn Schmidt. „Der Wagen mußte m alle, Teilen aus unmagnetifchen Stoffen bestehen, so daß man jUDertaffige Me sangen im Wageninneren vornehmen kann, und man mußte auch bequem darin schlafen können. Dann läßt sich die Sache schnell ei- ledigen." _. . .. , Sie standen bei den Apparaten noch in ihren Disput verwickelt, als Rudi über den Hof gelaufen tarn. Schon von weitem schwenkte er ei, Stück Papier. ~ _ ,Wir bekommen Besuch, Vater, ein Funkspruch von einem Mi. Garrison von der Sternwarte in Pasadena. In einer Stunde gedenkt « ^ICr„Sa haben* Sie die Bescherung, Schmidt", knurrte Dr Wille uni! stopfte das Telegramm wütend in seinen Pelz. „Der Yankee wird hier bei uns schnüffeln, und bann wird sich die amerikanische Konkurrenz auf den besten Platz setzen." Darin müssen wir ihr eben zuvorkommen , wollte Schmidt de, alten Streit von neuem beginnen, aber Dr. Wille mochte im Augenbli» nichts mehr davon hören. Begleitet von Rudi ging er zur Funkstation, um weitere Nachrichten von dem amerikanischen Flugschifs zu hören. - „Pünktlich ist der Yankee", brummte Wille vor sich hin, als 55 Minuten nach dem Empfang des ersten Funkgespräches ein Flugzeug an nördlichen Horizont sichtbar wurde und schnell näher kam. Es war eite gute englische Maschine, aber mit den ultraschnellen Stratosphären, schiffen der Eggerth-Werke durfte man sie natürlich nicht in einem Atem nennen. Mr. Garrison war mit der großen amerikanisch-australische, Luftlinie von Pasadena nach Melbourne gekommen und hatte die M«- schine dort für den Flug nach der deutschen Südpolstation gefdjarterL Auf der Ausschau nach einer Landungsmöglichkeit kreiste das Flugzeug jetzt über der Station. Dann kam es im Gleitflug herunter und rot« ohne Unfall aus. Als einziger Passagier kletterte Mr. Garrison heraus und stapfte durch den hohen Schnee aus Wille und Schmidt zu. Die Begrüßung war beinahe so, wie zwischen alten Bekannten, dem obwohl der Amerikaner die beiden Deutschen noch niemals von Av- gesicht zu Angesicht gesehen hatte, war er doch über ihre Wissenschaft, lichen Leistungen genau unterrichtet und ließ das gleich in den erste, Worten durchblicken. Schon während sie von der Landungsstelle her ms das Haus zuschritten, kam eine lebhafte Unterhaltung in Gang, fit welche die letzten Arbeiten in der antarktischen Station den Stoff Abgaben, und Dr. Willes schlechte Laune verschwand dabei zusehend-. Ohne lange Vorrede lud er Mr. Garrison zunächst einmal zu einen krästtgen Imbiß ein. — Gemütlich saßen sie zu britt in Dr. Willes wohlig durchwärmten Arbeitszimmer, das des öfteren als Speiferaum dienen mußte, und taten den Dingen, die der kochgewandte Hagemann vor ihnen aufbaute, alle Ehre an. Die wissenschaftliche Unterhaltung nahm dabei ihren Fortgang, und bald war Mr. Garrison mit dem allezeit streitlustigen Dr. Schmu» in eine lebhafte Debatte über gewisse magnetische Theorien verwickelt, während Dr. Wille diesmal die Rolle des vergnügten Dritten fpietai konnte. Wer weiß, wie lange sich dieser Meinungsaustausch noch hingezog«« hätte, wenn Hagemann nicht mit einer Meldung ins Zimmer gefommi« wäre. . ,Herr Doktor, der englische Pilot möchte Treibstoff haben, er w-» wieder starten." , Die Nachricht rief die drei Gelehrten mit jähem Ruck aus der W wissenschaftlicher Ideen in die rauhe Wirklichkeit zurück. ,^aben Sie mit dem Mann keine Abmachungen wegen des Rr§ fluges getroffen?" fragte fachlich und trocken wie immer der langt Schmidt. Garrifon mußte bekennen, daß er es versäumt hatte. Er hatte nm einen Flug von Melbourne nach der deutschen Station mit dem Emz- länber abgemacht unb vor dem Start bezahlt. „Dann ist der Pilot formell in seinem Recht", entschied Schmidt. „Aber das ist unmöglich! Ich muß über den Rückflug mit ihm tret’ handeln", rief Garrison unb wollte das Zimmer verlasien. Wille h>»l> ihn zurück. , „Sie sind unser Gast, Mr. 'Garrison. Solange es Ihnen bei im- gesällt. Lassen Sie den Engländer in Gottesnamen abschweben." „Besten Dank für Ihre Einladung, Doktor. Aber wie komme m später von hier wieder fort?" Dr. Wille lachte. „. ,Haben Sie schon mal was von Eggerthschen Stratospharensch>!l - gehört?" , . Der Amerikaner nickte. „O ja, Dr. Wille, sie fliegen bet uns <*' . der Strecke Frisko—Neuyork." (Fortsetzung folgt.) senkte sie in feine Brusttasche. ■ „Well, Mr. Haynes, ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber es wird mir hier oben doch zu srisch. Ich werde in meine Kabine gehen. Kommen Sie mit unter Deck?" Haynes sah nach der Uhr. „Noch nicht, Mr. Garrison. Habe noch sechs Runden zu machen. Ist unbedingt nötigt" „All right", nickte Garrison und wandte sich zur Treppe. Haynes trabte allein weiter, um sein Pensum zu erledigen. —--- Vier Tage später landete die „City of Baltimore' im Hafen von Neuyork. Mr. Haynes stürzte sich in den solange entbehrten Trubel der Empire City, Mr. Garrison fuhr noch am gleichen Tage nach Kalifornien weiter. In feinem Koffer lag ein Stückchen jenes blinkenden Stern« ftaffes, der vor einigen Monaten in der Antarktis vom Himmel gefallen war. Der Betrieb in der antarktischen Station lief in der alten Weise weiter. Wohl blieb die Sonne jetzt ständig über dem Horizont, auf die lange Polarnacht war der ebenso lange Polartag gefolgt. Doch öde und leer blieb das verschneite Land umher. Von den endlosen Bogel- schwärmen, die wenige hundert Kilometer nordwärts im Licht des neuen Tages die Küsten belebten, war hier nichts mefjr zu merken. Nach wie vor blieben die fünf Insassen der Station in der ungeheuren Einsamkeit auf sich selbst angewiesen, und es war gut für sie, daß sie durch ihre Tättgkeit voll in Anspruch genommen und von gefährlichen Grübeleien abgehalten wurden. Da mag an erster Stelle Rudi Wille genannt werden. Dem hatte der Weihnachtsmann Wolf Hansen eine Kiste unter den Baum gestellt, von der nach Lorenzens sachverständigem Urteil ein mittlerer Radioladen zwei Jahre leben konnte, und Rudi wußte dieses Geschenk zu würdigen. Unter seinen geschickten Händen entstand aus den Einzelteilen im Laufe weniger Wochen ein Meisterstück von einem Kurzwellensender und ein Empfänger gleicher Qualität, mit denen er nun unabhängig von den Geräten der Station den lieben langen Tag im Aether spazierengehen konnte. Auch Lorenzen hatte sich nicht über Mangel an Beschäftigung zu beklagen, denn der Funkverkehr der Station nahm einen bemerkenswerten Aufschwung. Da waren nicht nur die Eggerth-Werke, die jetzt fast täglich einen längeren Meinungsaustausch mit Dr. Wille pflogen. Auch die deutschen wissenschastlichen Institute meldeten sich immer häufiger. Und bann auch die Amerikaner. In der zweiten Februarwoche fing Rudi mit feinem neuen Apparat einen Anruf der Sternwarte von Pasadena aus, den er pflichtgemäß an Lorenzen weitergab, und nach kurzem Hin und Her entwickelte sich daraus ein Funkverkehr, der demjenigen nach Deutschland bald nicht mehr nachstand. Die Herren Schmidt und Wille nahmen die amerikanische Korrespondenz mit gemischten Gefühlen auf. Dr. Wille, weil er gerade zu dieser Zeit andere wissenschaftliche Sorgen hatte, der lange Schmidt, weil er grundsätzlich mit feinen Forschungssrgebnifjeu zurückhielt. Altes Bauernhaus. Don Karl Burkert, GDS. Mag auch die Welt mit allen Winden treiben, dies Haus steht fest und will nicht anders fein. Es grüßt sein Herz mit ruhig blanken Scheiben und bauernehrlich in den Hof hinein. Ein Friede glänzt aus Dach und Tür und Schwelle, ein Schwalbenglück an rauher Bretterwand. Getreu der Hausgeist schwebt um Herd und Ställe, schützt Huf und Horn und wahrt den Scheiterbrand. Aus allen Luken streicht, aus allen Ritzen, der Duft des Korns und streng der Brotgeruch. Bom Zinngeschirr die stillen Stuben blitzen, und Spind und Kasten sind voll Flachs und Tuch Der Nelkenstock am schmalen Kammerfenster, der leise Braus, der durch die Linde geht. Kein Wank, kein Zweifel, keine Nachtgespenster — nur hell der Mensch, der seinen Tag besteht. Einst im Dezember. Von Karl Burkert, GDS. Der Winter war damals noch ein gerechter, redlicher Winter. Meist schon am Sankt-Martins-Tag zog der Steffel Vogelroth, was der dösige Gemeindediener war, zog der Steffel sich die bunte Zipfelhaube, mit den Schneckenhörnern dran, über die Ohren, kroch derselbige mit seinen groben Bauerntatzen in die schafwolligen, schaffarbenen Fäustlinge hinein — und dann war's auch wirklich ernst, nämlich mit dem Winter. Die Dorfstrah« war mit dünnen Eisspiegeln überfroren, der Acker taute nicht mehr auf, die Wiesengründe versanken in Starre. Am Morgen stand die Sonnenkugel trübrot und dunstig über den bereiften Wäldern. Ihren kargen Schein schleppte sie wie einen vergilbten Vespermantel durch die ausgedarbten, schmalwangigen Mittagsstunden. Alle Tage ein Zeitlein früher schwand sie, drüben über dem alten Heidenstein, hinter die tannenschweren Hügel. Jäh wuchs die Nacht in die Stuben. So schloffen wir in den Dezember hinein, und draußen in der Welt und auch drinnen im Menschen wurde es von Tag zu Tag stiller, lieber ein Kleines war der Schnee da. Wie ein Geheimnis war er aus den Wolkenfalten der Nacht gesunken. Man schlug in einer Frühe die Augen aus, und da waren das Kirchdach und die Schulscheuer weiß. Im Apselgarten ziepten die Meisen. Ihre gelben und blauen Vogelbrüstchen leuchteten wie die grellen Gedenkbilder, davon wir das Gesangbuch und den Katechismus voll hatten, und die wir unter den Bankladen verstlchlen den Dorfmädchen zuschoben. Mausflink sichten die Meisen durchs Gewipfel. Immer schnabelfertig hackten sie in alle die Rinden und Ritzen. Die Dorfspatzen waren einfach perplex. Verstrubelt, vergrämt glotzten sie von der Dachrinne. Und dann schneit« es wieder und wieder, und die ganze Welt schwebte auf einmal nach lauter Schnee. Nun zeigten sich auch die Häher. Mit ihren bunten Federspiegeln schlüpften sie scheu durch die Haselhecken, die rundum das Dorf umhegten. Die Spatzen fingen zu lärmen an: „Mordio!" klang's von allen Ecken und Enden, hinaus mit diesen Rittern! Sie fressen den kleinen Leuten, das Brot weg! So schilpten und schrillte« die Dorfspatzen, und ste stürzten sich in Hast aus di« RoHäpsel. Und die Brunnen wurden immer verzagter. Zittrig klingelte ihr Strahl. Dom Brunnenrand hing ein Eisbart. Der Pump-nschwengel knarrte vor Frost. Der Gockel spreizte sich im Huhnerloch, zeterte Mit seinen Hennen und getraute sich nicht mehr heraus. Das Kronlein könnt' Ihm verfrieren! An den Stallwanden glimmrete e- wie stlbernes Gespinst. Di« Haustüren kamen wieder zu Ehren. Ordentlich schnappten sie mit de« altväterischen Schlössern. Die^ Bauernstuben- brodelten vor Wärme, aber nur selten lag so em messtnggelber, hölzerner W nter- sonnenltrabl über dem Tisch. Die Tage wurden immer verschlossener. Wse Nüsse waren fk wie Wundernüsse, darinnen -in G-he.mms ver- 8miUnb'efn einem Nachmittag, da war's dann soweit. und ich ging mit dem Steiiel iiu Holze. Sem langes, blankes Waioveu yarre er unter* benSlrm geklemmt Das Dreiuhrläuten hing noch versummend in der Lust, wie wir den Wäldern entgegenschr.tten. Dw ^lder glanzten leicht schneeblau. Klar und scharf zackte «me ferne Sch-rm^nnem den Himmel Dünn sickerte das Licht durch den Schlehdorn Di Raben doften aus den schneeoerkrusteten Wegbaumen, rauschten Ejzsnieael zer- Eichchichch°7"quirlte Rauch m die W^Der -"b raumig war sein Schritt. Kickten und nichts wie Run standen tmr mitten im yii(f)tenl)ol3. ü o)TO„h, r„ Want. Fichten. Tadelloses Gewächs. Fichten, «re lunge Mädchen so Ick Die erste beste war ein Pracht stuck we?-eme Stadtstube noa,^ gesehen. Dem Steffel aber taugte sie nichtL^er ei^en 6onner((f)Iäd)= Verwöhnter. Für alles, was Waldi hieß, b er sü^en umher, tlgen Blick. Spähend, wählend trat er 3 I , Schnee stäubte Er klöpfette mit dem Beilstiel an em Stämmchen, ^vqne^^, von den Zweigen. Er bog hier und bog Qten üiich jetzt und bemusterte einen jeden AstquirbWas meinst? Jr S rcbete ich dann fein« stillen Augen. „Nimm ihn, aber immer war es mehr denn ein halbes Dutzendmal dem Steffel zu, aber imm vergebens. An meiner Nase vorbei ließ «r den FlchMng wieder auf in die Lust schnellen. Der hatte sich noch kaum zur Ruhe gewiegt, waren wir schon wieder weiter. Aber allmählich kamen wir dann doch zu Streich; der Steffel hatte endlich den richtigen Baum gefunden „Schau, das wird er jein!" sagte er mit großer Ruhe, und dann blitzte das Beil. „Er könnt' meinetwegen noch schöner fein!" sagte er, als er das Bäumlein ausastete. „Aber", fügte er hinzu, „alles auf der Welt ist halt, wie es eben ist. — Du mußt eben tüchtig was hinaufhängen!" Wenn ich's heut überdenke — in jenen paar Wochen stak eine ganze Philosophie. Damals ließ mich das ungeschoren. Es lag mir der Baum auf der jungen Schulter, und wenn das kein Glück war, dann weiß ich nicht. Wie wenn ich den ganzen Wald und alle feine Geheimnisse auf der jungen Achsel trüge, so war mir tiefinnerst zumut. Wie der Fahnenträger aller Menschenfreunde fchritt ich einher neben dem Steffel. — Abendgrauen umwob uns. Rundherum war Frieden und Schweigen. Einmal ruckte noch ein Holzstäuber in einem Tannenschlag, bann warb es wieder still. Die Bäume schmiegten sich weich ins Dunkel, ihre Wipfel horchten in den weiten Himmel. Wir gingen heimzu über das schneeweite Feld. Wie goldene Blumen blüten ein paar frühe Sterne aus der Himmelskrone. Eine Vetglocke fang und schwang von irgendwo. Wie kamen ins Dorf, und das silberne Mondhorn glänzte hinter dem Kirchturm hervor. Droben der frischvergoldete Uhrweiser ging stark auf Fünfe. Unten die Dorf» straße roch auf einmal nach Weihnacht. Brief im Advent. Von Else von Hollander-Lossow. Ziemlich spät kam der Briefträger. Ursula hatte schon ein paarmal aus dem Fenster gespäht. Endlich klingelte es. Sie lief zur Tür. Zeitungen kamen, ein Bankbries für den Vater, eine Postkarte für die Schwester, für sie felber ein Brief ... aber nicht der erwartete! Sonderbar. Herbert schrieb zu jedem Sonntag, — und gerade zum Adventssonntag sollte er nicht schreiben? Von wem war denn der Bries? Da ertönte der Messinggong, — sie legte den Brief auf die Diele vor den Spiegel und eilte an den Frühstückstisch. Eine merkwürdige Beleuchtung hatte das Zimmer. Gegen «ine schwarzdunkle Wolkenwand schien die Morgensonne. „Vielleicht gibt’s Schnee!" meinte der Vater. — „Au fein, wenn Weihnachten Schnee läge, ich wünsche mir doch Skier!" rief der Tertianer. — „Und was für Wetter bestellst du dir, Ursula?" Die Mutter lächelte zu ihr hinüber. Ein schnelles Erröten machte Ursulas Gesicht weich und lieblich. Es war ja ein Geheimnis zwischen ihr und der Mutter, um das die andern noch nicht wußten. Aber daß Herbert nicht geschrieben hatte! Sollte er so viel zu tun haben? „Du mußt heute noch den großen Adventskranz winden!" erinnerte der Vater, „das Tannengrün ist vorhin schon vom Gärtner gekommen!" — „Seidenband hab ich gestern schon gekauft", nickte Ursula, „rotes, und rote Kerzen, wie immer!" Ihre ältere Schwester zuckte die Achseln: „Für meinen Geschmack sieht Silber und Weih viel feiner aus, aber du klebst eben am Hergebrachten! Weil der Adventskranz immer mit Rot war, muß er so bleiben!" — „Und wenn ich das täte ... wäre das etwas Schlimmes?" Ursulas Stimme klang etwas beleidigt. — ,Zhr seid doch wirklich dof!" mischte sich der Tertianer ein. „Geldes Band und gelbe Kerze» sind das einzige Wahre, die riechen doch am besten!" „Kinder, streitet euch nicht", der Vater zündete sich seine Zigarre an, „beeilt euch lieber, daß wir den Kranz bestimmt zu unferm Nachmittagskaffee fertig haben. Ich mag das zu gern, wenn die Wachskerzen duften und der erste Tannengeruch das Haus weihnachtlich durchzieht... lieber die Farbe müßt ihr euch schon einigen!" Aber es fiel nicht so leicht, sich zu entscheiden. Wer sollte nachgeben? In der Wohnstube neben dem Ofen lag das Tannengrün in einem Haufen, aber keines von den Geschwistern hatte so recht Lust, anzufangen. Herausfordernd lagen rote, weiße und gelbe Bänder und Kerzen auf dem Tisch und schienen zum Kampf zu rufen. Ursula, die zögernd an diesen Tisch getreten war, fiel auf einmal der Brief ein, den sie draußen hingelegt hatte. Der Poststempel unleserlich. Sie trat ans Fenster der Diele, riß den Brief an einem Ende auf. Sah nach der Unterschrift. Las. Der Bries war von Herbert- Schwester, die sie noch nicht kannte, Herbert war mit dem Auto verunglückt. Ursula hatte keinen Blutstropfen mehr im Gesicht, als sie zu der Mutter ging und ihr stumm den Brief reichte. „Armes Kind!" Mehr konnte die Mutter nicht sagen. „Aber er lebt! Es ist ... doch noch Hoffnung ... Vielleicht ..." Gerade jetzt!" Ursulas Sippen begannen zu zucken, und plötzlich lag ihr Kopf an der Schulter der Mutter. Die konnte nur streicheln und streicheln. Was sollten Worte nützen? Vielleicht war ein schöngefügter Plan für immer zerbrochen. Statt voll fröhlichem Verlobungsjubel mürben die Weihnachtstage voll Trauer und Leid fein. „Seine Schwestep schreibt ja, der Arzt wird erst heute genau feststellen können, wie der JKeinft du nicht, Mutter, daß das nur Aufschub, nur Verschleiern- wollen ist? Meinst du nicht, daß Herbert ... schon ... tot ist?" Ursulas Lippen wehrten sich, das Wort auszusprechen. Auf einmal riß die Mutter sich zusammen. „Wir telephonieren fetzt sofort mit seiner Schwester. Wenn es sein muß, fährst du noch heute hin. Kopf hoch, Ursula! Vielleicht ist es nicht so schlimm! Es soll doch Weihnachten werden, Kind!" „Aber es kommen so viele Menschen so elend ums Leben... Der Tod"nimmt nicht Rücksicht daraus, ob wir Advent feiern. ." Nicht jammern, Ursula! Nicht, ehe du weißt, was ist. Vielleicht brauchst du alle Kraft, — vielleicht braucht er all deine Kraft..." Was werden die andern sagen?" Ursulas Stimme bebte. Die Mutter nickte ihr zu. ,Zch melde jetzt gleich das Gespräch an! Dann sage ich »ater Bescheid. Versuche du, ganz ruhig zu fein! Noch wissen totr Bidjlsl" Sie hatte die Tochter auf den Sessel niedergedrückt. Jetzt sag Ursula zusammengesunken da, die Hände vor das Gesicht geschlagen. Da schrillte die Klingel des Fernsprechers Ursula fuhr auf. War schneller als ein Gedanke am Apparat. Die Mutter hatte den Hörer schon abgehoben, nahm Ursula in den Arm, leitete das Gespräch ein. Herberts Schwester wurde gerufen Die Mutter hielt Ursula den Hörer bin sie nahm ihn, wollte etwas sagen, aber die Stimme gab nur em paar heisere Töne her. Sie reichte den Hörer der Mutter zuruck, nickte ihr bittend zu: „Sprich du für mich!" Ein paar Begrüßungsworte, dann die besorgte Frage der Mutter nach dem Zustand des Verunglückten, daraus für Ursula unverständliche Töne im Apparat. Ursulas Augen hingen wie festgewachsen an dem metallenen Trichter. Ihr lieber, frischer, übermütiger Junge... Die Spannung im Gesicht der Mutter lockerte sich, sie zog Ursula fester an sich. „Gott sei Dank!" sagte sie warm. „Es wird lange dauern große Schonung . . aber er wird wieder ganz gesund werd^i? Ursula soll zu Weihnachten zu Ihnen kommen? Dann meint er Genesung mit ihr feiern zu können? Sie soll ihm ost schreiben? Nun, natürlich!" Noch ein paar Dankesworte, ein herzlicher Abschledsgrutz. Die Mutter Tonnte in Ursulas Augen hineinlächeln. „Außer ein paar Quetschungen, die unbedeutend sind, eine Gewebezerreißung in der Nierengegend. Nur der Zufall, daß ein Spezialist in der Nahe war, hat ihn gerettet. Er ist heute nacht operiert worden. Man meint, daß er ""^Daß^es^doch noch Weihnachten wird für ihn und mich! Mutter, ist das" nicht eine wunderbare Gnade?" Die Geschwister hatten sich still in die Wohnstube gesetzt, schnitten das Grün für den Adventskranz zurecht. Plötzlich trat Ursula ein, die Augen müde vom Weinen, aber auf den Zügen ein seltsames, klares Leuchten. „Laßt mich helfen", sagte sie leise, „beim letzten Adventskranz, den ich zu Hause winde. Er soll schöner werden, als wir ;emals einen hatten. Und wir wollen Lieder fingen, wie wir nie gesungen haben. Denkt nach, welches die aller-, allerschönsten sind!" Ursula hatte in den aufgehäuften Berg der Tannenzweige hrnem- gegriffen, beugte nun das Gesicht in die mit Grün gefüllten Hande. „Wie das duftet! Hat es jemals Tannen gegeben, die so geduftet haben? Bestimmt nicht! Ihr glaubt nicht, wie selig ich bin!" Und plötzlich jubelte ihre warme Altstimme auf: Heilige Nacht, auf Engelsschwingen nahst du wieder dich der Welt, und die Glocken hör ich klingen, und die Fenster sind erhellt.. „Schwester, wenn du den Kranz lieber in Silber und Weiß haben willst, so soll es mir auch recht sein!" Ursulas Hand hob sich bittend In die der Schwester. „Ich habe gar nicht verdient, daß das Schicksal so gut zu mir ist. Aber ich will's mir verdienen. Wir wollen uns lieb haben, ja? Immer! Das Leben ist so kurz. Nur die Liebe kann den Tod überwinden, nur wenn wir lieben, dürfen wir eingehen zur Weihnacht, und die Wochen der Adventszeit sind unsere Vorbereitung." Negermärchen aus Oeuisch-Ostafrika. Von Georg Heß, Gießen. Lager mitten im Busch. An den Lagerfeuern sitzen die Träger und rösten große Fleischstücke an langen Stöcken, die sie rund um die Feuerstellen aufgebaut haben. Dreißig Leute verwerten so eine Elenantilope, die ich im Laufe des Tages nach sehr großen Anstrengungen glücklich erlegt hatte und die bei Sonnenuntergang in einzelne Stücke zerlegt, herangeschleppt worden war Unsägliche Fleischmengen sind schon verzehrt worden, und nun wird die Nacht zur Herstellung von Dauerware benutzt. Ein bleicher Mond wirft fahles Licht auf die eintönige Gegend. Hin und wieder lacht eine Hyäne in nächster Nähe, die vom Fleischgeruch angezogen worden ist. Die Träger rücken näher zusammen. Sie lauschen den Worten ihres Kameraden „Heller mbili" (zwei Heller), der nicht nur spötteln, sondern der auch Märchen erzählen kann. Märchen, die das Negerherz liebt und denen es stundenlang zuhören kann. Ich fange gerade einen Nachtfalter mit dicken leuchtenden Augen, als Heller mbili anhebt: Es war einmal ein reicher Sultan, der sieben Söhne hatte und der mit Strenge und Gerechtigkeit feine Untertanen regierte. Nichts fehlte ihm. Schöne Frauen gehörten zu feinem Harem, unzählige Rinder waren fein eigen. Aber trotz allem war er nicht glücklich, denn fein siebenter Sohn war eine Schlange, vor der er sich fürchtete. Diese Furcht ver- K ihn auf Schritt und Tritt und brachte ihn schließlich so weit, er den Schlangensohn im Busch aussetzte. Als Wohnung stellte er ihm einen großen irdenen Wassertopf hin und überließ ihn bann feinem Schicksal. Jahre vergingen. Der Sultan vergaß fast ganz seinen siebenten Sohn und lebte in Sorglosigkeit dahin. Als er eines Tages spazieren ging, kam mitten aus dem Busch heraus plötzlich eine sehr lange und dicke Schlange auf ihn zu. Entsetzt wich er zurück. Doch diese verfolgte ihn nicht, sondern rief ihm ein „Hu jambo" (wie geht es?) zu und sagte: „Ich bin dein Sohn und jetzt sieben Jahre alt. Besorge mir einen Lehrer, damit ich lesen und schreiben lerne". Diesem Wunsch versprach der Sultan nachzukommen und kehrte verstört nach Hause zurück. Hier besprach er sich mit seinen Ratgebern, die ihm rieten, das Versprochene sofort zu erfüllen. Nach langem Suchen fand sich endlich ein geeigneter Lehrer, der denllnterricht bald in Angriff nahm. Die Schlange war sehr fleißig und wißbegierig. Und als weitere sieben Jahre verflossen waren, ließ sie ihrem Vater sagen, daß sie jetzt genügend ausgebildet sei und daß sie nunmehr heiraten wolle. Wiederum eine schwere Ausgabe für den armen Mann. Bei allen Mädchen seines Sultanats ließ' er anfragen, aber niemand fand sich bereif die Ehe einzugehen. Hierüber war der Sudan sehr traurig und hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Da hörte er in ferner großen Bedrängnis von einem durchreisenden Händler, daß sieben Tagesreijen entfernt ein Sultan wohne, der sieben Töchter habe. Sofort brach er mit großem Gefolge und prächtigen Geschenken auf, um für fernen Sohn eins dieser Mädchen zu werben. Mit großem Pomp wurde er empfangen. Feste wurden gefeiert und schließlich brachte er feine Werbung vor. Die sechs ältesten lehnten ab, nur die Jüngste willigte nach langem Zögern ein Voller Freude kehrte der Sultan nach Hause zurück, wo die Hochzeit sofort gefeiert wurde. Die Festlichkeiten dauerten sieben Tage Tanze wurden aufgeführt. Fleisch und Pombe (Hirsebier) oab es tm Ueberfluß. Das ganze Volk nahm daran teil. Das junge Ehepaar verließ bald die väterliche Behausung und begab sich in den Busch. Hier baute es sich ein Haus, und als dieses fertiggestellt war, verschlang der Ehemann seine Frau und spie sie wieder aus. Dreimal wiederholte sich mefer Vorgang. Die Frau bekam hierdurch eine Haut so zart wie Samt. Sre wurde wunderschön, so schön wie die Sonne. Dann spie die Schlange noch Gold- und Silbertetten, seidene Tücher, Ringe und zwei Pferde aus Und als dieses vollbracht war, verwandelte sie sich plötzlich tn einen Mann. Das Ehepaar schwang sich nun auf die Pferde nahm den großen Reichtum an Gold- und Silberketten, Ringen und Tüchern mit und ritt zum Sultan. Hier war das Erstaunen groß. Mit Windeseile verbreitete sich die Nachricht von dem großen Wunder im ganzen Sultanat. Aus allen Gegenden stürmten die Leute herbei, um sich von der Wahrheit zu überzeugen. Der Sultan war restlos glücklich. Es wurde ein großes Fest gefeiert, an dem alles teilnahm. Ochsen wurden geschlachtet, Pombe (Hirsebier) gab es im Ueberfluß, und die Ngomas (Trommeln) dröhnten Tag und Nacht. Dieses Fest dauerte sieben Tage lang. Dann rüstete der Sultanssohn zum Aufbruch. Er verlieh mit feiner jungen Frau die Heimat und siedelte sich in einer anderen Gegend an, wo er ein großes Sultanat gründete. Bis an die Grenze begleiteten ihn fast alle, und bann nahm er Abschied. Allseitiges Verwundern der Träger. Sie machten einige Glossen über dieses Märchen, die aber keinen Widerhall sanden. Um so aufmerksamer härten sie daher einer anderen Erzählung des Heller mbili zu: Es war einmal ein reicher Araber, der hatte eine wunderschöne Tochter, die täglich seidene Kleider trug und viele Sklavinnen zu ihrer Unterhaltung um sich hatte. Sie war der Stolz ihres Vaters, der sie hütete wie seinen Augapfel. Als das Mädchen heiratsfähig war, lieh der Araber unter den Tieren des Waldes verkünden, daß er einen Mann für es suche und daß nur der es zur Frau bekomme, der es fertig brächte, von einer hohen Palme bei feinem Haus eine Kokosnuß herunterzuholen. Es meldete sich als erster der Elefant. Er suchte sich mit feinem Rüffel an der Palme hinaufzuziehen, er wandte feine ungeheure Kraft an, aber es mißlang ihm. Dann kam die Giraffe. Stolz hob sie ihren langen Hals und stellte sich auf die Hinterbeine. Vergebens. Dem Zebra, den Antilopen, dem Löwen, dem Büffel, der Eidechse, und wie die Tiere alle heißen, ging es genau so. Dann tarn ganz zum Schluß eine Schildkröte. Sie wurde von allen verlacht. Man beschimpfte sie und rief ihr zu, daß sie keinen Hintern habe und sie solle machen, daß sie fortkäme. Doch die Schildkröte ließ sich nicht irre machen. Langsam kroch sie zur Palme und versuchte an ihr hinaufzuklettern. Doch jedesmal fiel sie wieder zurück, was wahre Lachsalven bei den anwesenden Tieren hervorrief. Dies beeinflußte die Schildkröte keinesfalls. Sie fetzte immer wieder an und siehe da, auf einmal konnte sie klettern und erreichte ihr Ziel. Das Mädchen wurde ihr zugefprochen. Wütend liefen die übrigen Tiere weg. Der Elefant tutete, der Büffel brummte und griff die Antilopen an, und es wäre sicher zum Kampfe gekommen, wenn nicht der Löwe ein Mahnwort gesprochen und ganz furchtbar gebrüllt hätte. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert. Das schöne Mädchen war trostlos. Weinend verließ es fein Elternhaus ohne Sklavinnen und begab sich mit der Schildkröte in der Hand nach einem weitentfernten Fluß, wo das Haus ihres Mannes stand Hier verlebte die junge Frau einsame Tage und Nächte. Jeden Vormittag verließ die Schildkröte das Haus, ging in den Fluß und kam erst spät abends zurück. Und wenn sie bann vor der Haustüre war, rief sie: „Mach auf und trag mich hinein". Die unglückliche Frau befolgte diesen Befehl. Sie fetzte ihren Mann auf einen Stuhl, von dem er aber immer wieder herunterfiel. Monate vergingen. Das Leben wurde für sie immer unerträglicher. Es war kaum noch zum Aushalten. Da trat plötzlich eine Aenderung ein. Als sie nämlich eines Morgens, wie gewöhnlich, Wasser holen wollte, begegnete ihr eine alte Frau. „Warum bist du so traurig, mein Kind!", frug sie. Und nun erzählte sie dieser ihr ganzes Unglück. „Tröste dich, es wird besser werden. Wenn dein Mann heute Adenb nach Hanse kommt, dann wirf ihn in einen Topf voll heißes Wasser"' riet ihr die Alte. Die junge Frau trug nun einen großen irdenen Tops voll Wasser in das Haus und stellte ihn auf das Feuer. Gegen Abend fchürte sie das Feuer und brachte das Wasser zum Siegen Und als nun ihr Mann draußen rief: „Mach auf und trage mich hinein", holte sie ihn und warf ihn in den Topf. Ein furchtbarer Donnerschlag erdröhnte Die Erde erzitterte, blaue Flammen zischten aus dem Topf hervor Geblendet stand die Frau da. Als sie die Augen wieder aufschlug, bekam sie einen gewaltigen Schreck. Bor ihr stand ein bildschöner Mann in prächtiger Kleidung, das armselige Haus war zu einem Palast geworden. Sklaven und Sklavinnen liefen geschäftig hin und her und fragten nach ihren Befehlen. Aus der Schildkröte war der reichste Mann im ganzen Land geworden. Die Erzählung ist beendet. Cs ist schon spat geworden. In nicht all3 zuweiter Ferne hört man den monotonen Klang einer Ngoma (Negertrommel) und ganz entfernt brüllt ein Löwe in die stille Nacht hinein. „Simba ana nyaa", der Löwe hat Hunger, meint Heller mbili und legt sich bei einer Feuerstelle zum Schlafe nieber. Diesem Beispiel folgen die übrigen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'jche Universitäts-Duch» und Eteindruckerei. 2L Lange, Gießen.