Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Kummer 68 Jahrgang 1934 Montag, den 3. September trauere um zwei Brüder, Herr Oberst." Ms, hm- In träum1 F 6omiw ibenlangti tammelnli les jufa ferienfag« äennt in re. @e|oti den eit« tau||d)(* te, bag n mar, ii n Stall' n Mehl' Brock«,' >r ein, k ms den i| lit bany winden j» leises, ck Das Volk wacht auf. Roman von Walter von Molo. Die Menschenpflicht ist nicht Ruhe, Kampf ist sie, Kampf in Ewigkeit. ?’ aI$ ih tonnit Aber dt, »bar, bg; 9 »edten malt er< i mir aui, ’■ Iranm bie Orgtl, >en erst« >ie in h, ten längji irren, w ichidnG u- tief« 5 Ni "tthiilh, Aktoch, geüiljti »ne Vi Ziekruten-Korporal. Bon Theodor Fontane. In Würzburg, bei den Bischöflichen, Sind ihm schon sieben Jahr« verstrichen; Seiner Potsdamer Tage, manch liebes Mal, Denkt der alte Korporal. Auf dem Platze, hart an der Würzburger Brück' Exerziert er Rekruten vor und zurück, Zählt und wettert: „Rechten, linken, Verfluchter Kerl, Speck und Schinken ..." Ein blutjunger Leutnant, neunzehn schon, Aergert sich über den preußischen Ton Und fährt dazwischen: „Euer Rekrut Macht alles richtig, macht alles gut. Ihr versteht nicht den Dienst ..." Der Alte grient: „Ich habe dem König von Preußen gedient/ zuletzt» lelnber fr aber jung« Wie ein „Sie darf!" „Ich Röte Hause zu. „Ein Wort noch, Madame!" Frau von Möllendorf steht; liebevoll streichelt der Wind das Blondhaar der Frau. Als wollte er sie trösten. „Weisen Sie die Mannschaft an", gebietet der Oberst seinem Begleiter, „wie sie den Tanzsaal schmücken soll! Alle Gärten stehen voll Blumen. Es müssen zweihundert Sträuße für die Damen gebunden werden!" — „Sehr wohl, Herr Oberst." — „Und Sie, Madame, Sie werden von heute ab, damit Sie mir nicht zuviel in Ihrem Tacitus lesen, mit mir zu Tisch speisen! Ich erwarte Sie in einer Stunde zum zweiten Frühstück!" Er wendet sich, sporenklingend steigt der Oberst die Freitreppe hinan. Frau von Möllendorf senkt den Kopf, mit nachdenkenden Schritten geht sie um das Herrenhaus herum, zur Schreibstube ihres Gatten. Frau von Möllendorf stutzt: schimpfend poltert des alten Jägers Stimme hinter der Türe: „Sie gehen vor die Hunde, Herr Baron, wenn Sie weiter so schlapp sind! Mit Respekt zu sagen! Hundert Jahre braucht Ihr Wald, damit er wieder so dasteht wie jetzt! Wer soll ihn denn aufforsten? Haben Sie Geld? Herr Baron, mit der Demut is nischt! Raus mit der Demut! Denken Sie an. Ihren alten Herrn! Immer rin ins Feuer! Herr Baron! Die Weltgeschichte is noch lange nich aus! Wir haben eene aufs Dach gekriegt, jut, aber: bet nächste Mal verkloppen doch wir wieder die Franzosen? Ick steh' Ihnen dafür, Herr Baron! Ick steh' Ihnen dafür! Ick knall' jeden nieder, der mir in den Wald kommt. Stoppeln geben keen Korn, Herr Baron! Wer mir bestiehlt, Herr Major, der will mir ans Leben, wer mir ans Leben will, den mach' ick kalt!" .. Frau von Möllendorf tritt ein. „Schrei nicht so, Christian." „Nischt für ungut, halten zu Gnaden, gnädige Frau. Guten Morgen, Frau Baronin. Is einer von den Hunden draußen?" Drohend umkrampft der alte Jäger sein Gewehr. „Soll ick ihm Beene machen?" „Niemand ist draußen, Christian", sorgenvoll sieht Frau von Möllen- darf ins bleiche Antlitz ihres Gatten, „aber es könnte leicht jemand draußen sei! Du muht, deines Herrn wegen, vorsichtiger sein, Christian!" — „Det is richtig! Stimmt! Werd' mir daran halten! Herr Baron, daß ick meine Meldung ganz mach: Heut' nacht is wieder in der Freimühle eingebrochen worden! Allens die Folge von Ihrer Laschets!" Ungestüm, als könne er sich dort Hilse ausgraben, kratzt sich der Jäger seinen haarlosen Hinterkopf. „Ach Jotie doch, der olle Fritz jeht uns grausam ab! Herr Baron! Der ließ man stramm an die Kiefern hangen! Wir müssen uns selber Helsen! Wir müssen! Es wird anders nich besser! Befehlen Sie! Ick bin zu allem bereit!" Zerrissen lächelt der junge Gutsherr, er zuckt die Achseln. „Die Gerichtsbarkeit ist mir genommen', sagt er. „Ich darf nicht mehr in die Justiz eingreisen; das geht jetzt alles das Amtsgericht an." „Hahah!" Der Jäger wendet sich zur Türe. „Det Amtsgericht! Wenn einer hangt, hangt er; ick grantier' Ihnen, es wird bald einer hangen! Wie sollen denn die Kanaillen Ordres parieren", schreit der Alte, „wenn sie keene Angst nich vor Ihnen haben?" „Angst haben wir alle, Christian." Schmerzlich, selbstzerfleischend ist be* jungen Gutsherrn Blick. „Vor den Franzosen haben wir alle Angst." „Ick hab' keene Angst!" brüllt der Veteran. „Mein Großvater hat die Schweden verkloppt; mein Vater und ick kloppen die Franzosen! Det is unser Metier. Ick hab' gar keene Angst nid), Herr Major, «ar keene, dagegen verwahre ick mir! Wovor haben Sie Angst?" „Du hättest auch Angst, Christian, süß' dir das Messer an der Kehle mie Heben Sie die Kehle, Herr Baron! Nischt für ungut. Adjes! Mahlzeit" Frau Baronin. Solang' ick leb', wird keen Holz in meinem Wald gestohlen!" , . ... Der Alte öffnet die Türe; schrill, herausfordernd beginnt er, über den Hof daoonschreitend, das Schlachtlied des alten Dessauers zu pfeifen. Frau von Möllendors faßt die Hand ihres Gatten. „Fritz", fleht die Frau. „Behalte den Kops oben. Wir müssen durch, mir werden durch- tommen.ja, TOoberatjon „ Unftet, haltlos schiebt er die Papiere auf dem Schreibtisch durcheinander. „Wenn du und die Kinder nicht wären.. eineL> US# ,rt * _____ steigt in das Antlitz des Offiziers. „Dann wird Sie Ihre Freundin vertreten! Diese Witwe, mit den schönen Armen, die so schmachtend zur Laute zu singen weiß! Haben Sie verstanden, Madame? Ich müßte sonst befehlen!" Mit langsamer Bewegung wendet sich Frau von Möllendorf dem Kindel, - r Leben isganz •- qen bie « einem ausgeräumten Gutshof steht eine junge Frau vor einer Schar verlumpter, halbverhungerter Dorfkinder. Gebeugt. Mit vorsichtig vbwägender Bewegung, damit nur ja nichts verloren geht, schöpft die Fran die Morgensuppe in die Schälchen und Blechteller der gierig Zu- sehenden. Leer und tot ist das Hofgeviert, traurig schwingt in einsamer Höhe, in der Mitte des Hofes im Winde das aufgerissene Türchen des Taubenschlages. „Heute mittag müßt ihr früher als sonst kommen, Kinder", spricht die Frau freundlich, beruhigend nickt sie den unruhig aufsehenden Kleinen zu. „Kommt Mittag hinter das Haus! Hier wird viel Fuhrwerk fein." Ein kleiner Junge mit zerrissenem Hemd wittert. „Da tanzen wohl die französischen Herrens wieder bei Ihnen?" „Iß weiter, Klaus. Lieschen", sagt die Frau zu einem Mädchen, das scharfe, unkindliche Sorgenfurchen um das Mündchen im blaffen Kinder- gxsicht hat, „war deine Mutter nachts noch einmal anfällig?" Starr sieht das Kind geradeaus „Mutter wird nie wieder gesund.' „Das darfst du nicht sagen. Vielleicht hilft der liebe Gott doch." Das Kind schüttelt traurig den Kopf. Hoffnungslos, trocken weinend geht des Kindes Blick über den Hof, über die abgetragenen Stohdächer des Dorfes zum erhöhten Waldrand. Dort ragt schief ein großes, rohgezimmertes Holzkreuz. Unordentlich, in breiter Fläche ist unter ihm die Erde durcheinander gewühlt, über etwas geworfen, das sich in wirrer Gruppe dem Lichte zu wieder aufzubäumen scheint. . „Die Unfern, Frau Baronin, sind feit dem Regen wieder obenauf! flüstert der Junge. „Iß weiter, mein Kind." Fröhlich hallt über den Hof Gesang der französischen (Einquartierung Wie eine Erscheinung, die nicht zur kargen gelähmt liegenden Landschaft paßt, kommen auf der Dorfstraße zwei Reiter. Aus dem Prunk der Uniformen der französischen Offiziere blitzen herausfordernd die „reffen und goldenen Schnüre, die Orden der gemächlich Herantrabenden. „Geht jetzt nachhause, Kinder", spricht unruhig die Frau, „nehmt Die Kinder nicken verstehend. Scheu trollen sie sich m weitem B^gen dem Hoftor zu. Sie stehen zögernd. In kurzem Galopp reiten die Ost,- ziere in den Gutshof ein. In schöner, selbstbewußter Kurve ^"8 sie an die Freitreppe heran; sie svringen. stolz auf die guten Figuren, bie sie dabei machen, aus den Sätteln. Mit einem Ruck, wie hinaus- geronrfen verschwindet die Kinderschar durch das lor nfr. . „Madame! Unsere Fete ist gesichert!" spricht ber altere ber „Die Verhaftung des Herrn von Strachwitz hat Wunder gewirkt. Es wird jetzt alles unserer Einladung Folge leisten. . , h n Ein Knecht kommt gelaufen Mit Todesangst im Blick nimmt er den Offizieren die prallfchönen Pferde ab. „Mit reinem Hafer füttern!" „Gewiß! Freilich. Herr General." Hochkobrend wendet sich der Oberst zur Gutsfrau zurück. „ „Sind Sie vorbereitet? Alle Ihre Nachbarn werden unser Gast Zem. ,Es ist alles aeschehen Herr Oberst, um Sie jufriedenzustellen. „Zürnen Sie mir noch immer, schöne Frau?" Rem fragend 'st de Blick der Frau im Antlitz des Osfiziers. Der Oberst fast einen Schnurr bart, hastig, verlegen dreht er ihn herum, aggressiv, hilflos zornig sucht er Tür * nn her»«" ’’ i? Ur i* ‘ÄH man <’ fein Blick ins Innere der verfchlossenen Frau zu stoßen. Er prallt ab. unsichtbarer Stahlfturz umsteht etwas die preußische Frau, werden heute mit mir den Ball eröffnen, Frau von Möllen- jßiFfoll ich's denn schaffen?' schreit der Gut-Herr In Verzweiflung aus. „Mit fünfzig Talern pro Tag? Für jeden Offizier? Für den Oberst achtzig? Aus meiner Kasse? Ohne Korn und ohne Vieh? Wie denn? Mit diesen Steuern und Abgaben und den ewigen Kontributionen? Ich kann es nicht leisten. Ich kann nicht! Wie stellst du dir denn das vor? 3d>„Es ist"gewih schwer, Fritz, aber sieh: es war doch gerecht, baß> der König die Erbuntertänigkeit aufhob? Für uns ist s gewih h^t, Fritz, aber die Kinder, die werdend dadurch doch einmal leichter haben! Die werden nicht mehr angefeindet werden, wie wir." „Das glaub’ ich! Wenn sie Bettler sind, ist bie Versöhnung da! "Fritz sträub’ dich nicht! Es ist eine neue Zeit!" Die Tür öffnet sich: zornig, haltlos starrt Möllendors ins Antlitz der alten Wirtschafterin. „Was will Sie?" „Gnädige Frau", zetert das Hausfaktotum, „die unlautere Weibsperson, die, die vom Zahlmeister, die will jetzt ein Bad!" „Gib ihr's, Mariechen." . , ., .. Bitter lacht der Gutsherr aus. „Sie ist niemalen kopuliert mit ihm! schreit Mariechen. „Wo ist das erhört? Nur Schweine baden am hellichten Tag! Ich tu’5 nicht!" „Dann werde ich das Bad richten.' Mit beschwörend erhobenen Armen steht Mariechen. „Das verlaut,’ ich nicht. Ich tu’s schon!..." Aus dem Gang, >m Innern des Hauses hebt sich Streit. „Fritz!" Möllendorf reiht d,e Ture auf, er prallt zurück: Gelassen steht sein Vater in der frrderizianischen Generalsunisorm vor einem stämmigen, jungen Franzosen. „Seit ich hier bin, nahen Sie mir unehrerbietig! Sofort die Hand aus dem Brustausschnitt! Sie Gespenst, Sie!" — „Fritz!" Frau von Möllendors ringt mit ihrem Mann. Langsam, ruhig zieht sein Vater die Hand aus dem Brustausschnitt; sie hebt sich zum Hut. Die alten Beine gespreizt, nimmt des großen Friedrichs Feldmarschall den Generalshut vom Kopf. „Ist es Ihnen so recht, Herr Leutnant?" Wie ein Vater, der ein ungezogenes Kind zur Raison bringt, lächelt der Greis auf seinen Gegner nieder. Mit verwirrtem Drohblick, durcheinandergeworfen verschwindet der Franzose im Schlafzimmer der Ehegatten. Totenbleich, keuchend lehnt der Gutsherr an der Mauer. „Das sind nur Aeuherlichkeiten, Fritz," beruhigt der alte Möllendorf. Liebevoll tritt er an ihn heran. „Contenance, Fritzchen," bittet er. „Jeder Todack trocknet. Der französische Toback trocknet auch. Verlah dich daraus. Komm, Fritzchen!" Bittend umschlingt er die Schultern seines Sohnes. Die alten Augen ersuchen die Schwiegertochter um Hilfe. Sie nehmen den fassungslos um sich Stierenden unter Öen Armen, Frau von Möllendorf öffnet die Türe ins Wohnzimmer; mit gefalteten Händen kommt ihnen der Kandidat, der Erzieher der Kinder entgegen, feine Augen leuchten. „Ich bewundere Sie, Exzellenz," sagt er heih begeistert, „Sie fanden den Weg!" Schweratmend, mit verächtlichem Blick den Geistlichen zur Seite streifend, wirft sich der junge Möllendorf auf einen Sessel. „Herr Baron," stammelt der Kandidat, „Sie müssen sich fügen! Finden Sie zur Menschenliebe zurück!" „Fritz", spricht der alte Möllendorf, aufrufenb liegt seine Hand auf der herabgesunkenen starren Schulter seines Sohnes, „Zerstöre dich nicht! Die Zukunft braucht Männer!" „Ja, Herr Baron, die Exzellenz hat recht!' fleht der Kandidat. „Lassen Sie endlich den Haß; Sie werden erst dann wieder fröhlich fein!" „Fritz!" spricht mahnend der alte Möllendors, „die Pferde, das Erz und" die Menschen, die wachsen in Preußen, trotz der Franzosen!" Mit einem Ruck, fragend, hoffend hebt der junge Möllendorf den Kopf. „Nicht!" bittet der Kandidat zurückweichend. „Wie denn?" fragt scharf der alte Möllendorf. „Ich kenne das Leben! Ich habe mich aus großer Verwirrung zu fester Anschauung durchgerungen. Ich weiß, was ich sage! Fritz!?" Gütig lächelt der Greis seinen Sohn an. „Fritz, wir warten nur auf Reserven! Das Gefecht ist bloß abgebrochen! . ." „Vater?!" Der junge Mann springt hoch, schluchzend umarmt er den Greis. „Erziehe deine Kinder", spricht der alte Möllendors, „zu solchem Denken!... Bist du damit einverstanden, liebe Tochter?" „Ja, Vater." _. _, Sie wenden sich: schüchternes Klopsen war an der Ture. Schwerfällig, linkisch schieben sich zwei Bauern ins Zimmer. Sie nicken unbeholfen einen Gruß; stoßend sucht der eine den andern vor sich zu bringen. Zurückweichend umpreßt des jungen Möllendorfs Hand die Lehne eines Sessels. „Klaus, willst du reden?" „Red’ du." , . , „Wir wollen nischt, Herr Baron! Gucken Sie uns man bloß nich so böse an; wir wollen nischt." „Ja, nischt, Herr Baron!" „Red’ du." „Red' du." „Also! Ihr Vorwerk, Herr Baron, is doch niedergebrannt? Sie brauchen’s. Ihr Flachs verfault!" „Ihr werdet mit mir schlechte Geschäfte machen." „Davon ist nich die Rede, Herr Baron. Wir wollen's ausbauen! Als Gegen-Echenerosität, weil Sie uns bet Vieh über ben Winter brachten, als bei uns bie Franzmänner illuminierten. Reb' jetzt bu." „Alles finbet ber Napoljum nicht, Herr Baron; ich hab' noch Saatkorn, Herr Baron." Der Bauer faltet die Hände. „Verschmähen Sie die kleine Gabe nicht", bittet er. _ Wortlos, dankbar strecken der alte und der junge Möllendors den Bauern die Hände hin. Frau von Möllendors wendet sich ab. Sie zerrt ihr Augentuch aus der Tasche; der Kandidat schielt. „Ihr könnt doch auch nicht eure Landmark bebauen?" „Wir stehen aber nicht unter Sequester, Herr Baron! Das ist's. Wir können wat verstecken!" — „Und, weil die Herrschaft so gnädig ist," spricht der alte Bauer, „mit Verlaub und Respekt vermeldet, mein Hans, ber früher Ihnen gehörte, Sie haben nischt nich bafür gekonnt, Herr Baron, ich weiß schon, der heirat' am Sonntag. Ich mach hiermit meine devoteste Einladung dazu. Er heirat' die Grete, die der Herr von Prittwitz hat nich freigeben wollen. Jetzt hab ich den Konsens^ Geben Sie uns die Ehr', Herr Major. Der Hans ist ein Stuck von hier. Ec war doch in Ihrem Regiment!" ' „ Nehmt mir's nicht übel. Mir steht der Sinn nicht nach Festen. Aber Herr Baron", spricht der alte Bauer. „Verkümmern Sie sich nich" Das' Leben geht weiter, trotz dem Napoljum; Herr Ma,or, haben Sie man keen Bange." „Er hat recht, mein Sohn." , Also auch das. Ja, ich komme! Ich komme gern. ,'Gottes Dank." hoffen!" „Ja aber, was fall denn dann werden? Ein Fabrikant und fein Kompagnon geraten aneinander. Ich verstehe Sie nicht," schreit der Kompagnon, „immer das Ge- schimpse über die Franzosen! Die Franzosen handeln doch nur nach dem Friedensvertrag!" Aber, lieber Freund?! Er wurde uns doch diktiert!? "Wenn Sie bankerott werden, werden Sie sich bann einem Ausgleich fügen, ber bestimmt, baß alles, was Sie ober Ihre Sohne und Enkel unb bereu Kinder und Kindeskinder zu verdienen vermögen daß dies alles Ihren Gläubigern gehört? Gleichgültig, ob es das Vielfache beife@eroiM5 wäre besser ^ger^sen,° Graf Kalckreukh hätte die Höhe ber Entschädigungen festgesetzt! Aber es ist i«tzt -b-n «nmalfo!Tbin besser gewesen, Gras Kalckreuth hätte die Höhe ber emiamengunyt.. gesetzt! Aber es ist jetzt eben einmal so!? Ich bin übrigens ber Ueberzeugung, bah bie granjofen früher ober pater “«• ben mit sich reden lassen. Der Friedensvertrag ist ,a nicht burchsuhrbar! Ich hoffe zuversichtlich aus eine Revision! Es geht ja so nicht weiter. „Es ist kindisch, zu Hessen, daß der andere anständig sein wird, weil wir bumm unb verantwortungslos waren! Dieses leichtsinnige Hoffen ist eine furchtbare Frivolität! Jal Was man unterzeichnete, ist Bindung Wofür hätte rnan's sonst unterzeichnet? Die Franzosen werben uns mäst helfen, sie wären schön bumm, gäben sie Rechte auf, bie wir ihnen feierlidjft zugebilligt haben. Jrn Gegenteil! Davon ist gar nichts zu .Mein!" schreit erschrocken ber Anbere auf. „Um Gottes willen, nur | keinen Krieg mehr!" „Er kommt boch!" „Das wäre ja fürchterlich?" rrn, „Die Wahrheit ist nur bem Feigen fürchterlich! Wir toten ben Farbstoff um zu färben, wir töten ben Wolf, ber in unsere Hurben brich!, ber Mensch muß töten, um fein Allerheiligstes zu erhalten! Napoleon kann nicht aus Besenstielen Solbaten schnitzen, er kann bie Menschen nicht zu Rauf- unb Diebsorganen umschaffen, er kämpft gegen lli- elemente; seine Retorte wirb zerplatzen burch eine gewaltige Explosion, i Nur burch Zerstörung wirb geschaffen! Es wirb nur erhalten dmih Vernichtung!" (Fortsetzung folgt.) Scheidender Sommer. Von Bruno Brehm. Jetzt, ba sich in ber früh herabsinkenben Dämmerung Gegenwart unb Vergangenheit bie Hänbe reichen, ba sich biefer bahingehenbe Somme» zu allen anbern Sommern unseres Lebens gesellt, wollen wir ihren, bie unsere Jahre gekrönt, gewärmt unb beglückt haben, so gebenfen, als wären sie alle einer gewesen, in welchem wir selig an ber Brust Dielen guten Erbe gelegen finb. • Cinberfommer, nach grauen Schuljahren, gebückt im kühlen Schal- ten des Waldes, auf der Suche nach braunen Schwämmen, herum kriechend zwischen Stachelbeeren unb Johannisbeeren, mit einem Buttei - I brat in ber Hanb, bas nicht schmecken will, weil bie Butter in ber Sonn« j zergangen ist — unb auf einmal ist man von ben längerroerbenbem Abenben überrascht, sitzt lange im Finstern unb hört bie Geschichten von, j bem gerechten, aber grausamen Räuberhauptmann Schinberhannes, kam gar nicht begreifen, baß dies noch ber gleiche Sommer fein soll, zu dessen' Beginn man zwischen stacheligen Brombeersträuchern und bösen Bren ; nessln auf ben weiten Schlägen so viel Erbbeeren gepflückt hat, baß man, , abenbs vor bem Einschlafen bie roten Küglein burch ben heraufziehendm Traum rollen sah. ,,, „ | Kinbersommer am Meere, mit bem weichen Sanb ber Dunen zwstchm ben Zehen — unb bie Frage ber Mutter: „Wo finb denn alle Kirsche" ferne hin?" — „Die habe ich alle verschluckt!" — Beileibe nicht am- Uebermut oder aus Bosheit, nur weil während des Spielens roinli® keine Zeit zum Ausspucken war. Dann aber dürfen alle baden gehe» und der Kerneschlucker muß im Bette liegen. Da besucht ihn eines Tages der gute Onkel, der Kopfschmerzen hat und die Brille abniwnii „Ich wußte gar nicht, wie schön man von diesem Fenster aus das Men \ sehen kann. Ja, das Meer, es ist ein erhebender, ein berrlidier Anblicks Da richtet sich der kleine Junge mit der Gelbsucht ein wenig im Bet# auf und blickt dem Onkel über die Schulter, er will auch wissen, welch-" Meer der Onkel denn da sehen kann und da merkt er, daß cs das große, i in der Sonne blitzende Blechdach dort drüben über dem Hof ist, was ort Onkel für bas Meer hält. So habe ich zum erstenmal erfahren, was em Dichter ist, ber sich auch über ben Schein freut, aber es kam mir ein wenig lächerlich vor, weil der Onkel wirklich ein erhabenes Gesicht machm Die Brille versteckte ich, denn ich war ein gutes Kind und wollte dem Onkel keine Enttäuschung bereiten. Aber ein paar Tage fpäter lag- bie Tante zu mir: „Ich weiß schon, warum du so grün im Gesicht mein Kind, das ist nicht die Gelbsucht, sondern die Bosheit." Bubensommer dann — mit Kopfsprüngen in das kühle, ausspritzem Wasier, dazu das Zählen des Schwimmeisters: ei—ne, zwei—e! -iw chen nach Geldstücken in die geheimnisvolle grüne Tiefe mit den auir ■ perlenden Lustbläschen, eine Freischwimmerprüfung über einen New Fluh, Kahnfahrten mit Umwersen unb unter dem Wasser unter o°- von Busch: mitten, ir den K» rben W I ttlapol« t ÜJlenifc gegen i ExpM alten ta; r das nach in Vietl«i ' ’’«■ 6 Iten* n Sie U i«. Mi Ein Vergnügen eigner Art Ist und bleibt die Wasserfahrt. Lesen und beherzigen ist eines, wir besteigen einen nicht angeschlof- senen Kahn, rudern aus das andere Ufer, bedanken uns bei dem gastlichen Boot, pflückten — ohne Erlaubnis — einige Birnen, legten uns auf den Rücken, deckten uns mit dem Bauche zu und fchliefen, wie man nur mit siebzehn Jahren schlafen kann. Kohlröserln, zum erstenmal gepflückt auf einem windigen Jtzch, chabichtschreie in der Luft, Pfeifer der Murmeltiere — o dieser zarte, milde Duft, der alles Glück des Sommers in sich schließt, die ersten Schreie der Gipseldohlen und unten, tief unten ziehen die kleinen Straßen durch das Land, schleicht unendlich langsam ein Zug mit einer Rauchsahne dahin, blinkt ein Fluß, liegt der Flickenteppich von Feldern, Wiesen und Wäldern. Klirren im Gestein. Horch! Das sind Gemsen. Wo denn? Ja, wo denn? Dort drüben stehen und äugen und sichern sie und ziehen langsam höher hinan. Aus den Latschen düstet das Harz, der Schnee kühl den Puls — ja und da stehen wir drei dumme Jungen, ausgerüstet mit einem Wäschestrick, überhören die Warnungen der Bergführer und mollen gerade durch die Wand da hinauf. Diesmal wurde Dummheit und Uebermut nicht bestraft - hört ihr, dort tief unten rauscht die am breitesten waren, durchschwommen hatte — immer mit einem Auge nach den in den Badeanstalten Zurückbleibenden schielend, ob diese auch merkten, welch verfluchter Kerl ich war —, da war dann aus einmal das ohnehin schon so knappe Geld zu Ende und die reuemütige Heimkehr schien an der Zeit. Im Laufschritt also ein Seeuser entlang, aber da pfiff schon das Ziiglein, die Berge wiederholten höhnisch den lang- gezogenen Pfiss und da stand ich mit dem Fahrgeld, von dem sich nichts mehr herunterbeißen lieh und konnte bis morgen warten. Aber immer gibt es etwas, was den Kummer tröstet und hier war es eine Tafel mit einem Berschen von Busch: AM Atz söljne tri ^ögen, foi > BiclH : höh- le I? Ach h Päter uti rchfühM »eiter!" wird, k S)offtn r Bintw; i uns uit mir ihm nicht; j kielobenschwimmende Boot tauchen, damit die guten Leute am User glauben sollen, diese lieben Jungen feien alle,amt ersoffen ... Jünglingssommer mit erster, scheuer Siebe voll Angst und Bangen, Sartbänte mit eingeschnittenen Herzen und Schulhefte mit den ersten edichten — dann die ersten Bergfahrten, der erste Anblick eines funkelnd weihen Schneefeldes gegen den von Bläue bebenden Himmel über den grellen Zacken des Kalkgesteins — ja, und dann sind wir einmal ein wenig von daheim durchgebrannt, weil wir es nicht mehr aushalten konnetn, daß allmorgendlich die liebe Frau Konsul den Arm aus dem Schal wickelte und von der Terrasse der Pension bei Sonnenschein und Nebel auf das Gebirge zeigte und ihren Gemahl fragte: „Liebes, siehst du die Scheichenspitze?" Dann sind wir, nur mit einer Schwimmhose und einer Zahnbürste bewaffnet, und mit unwahrscheinlich wenig Geld, davongeschlichen und quer durch das Salzkammergut gezogen und hatten dabei als rauher Jüngling das Gefühl, als wären wir ganz unvermittelt auf den Mond geraten. Da gab es auf einmal Bürschchen in unserem j Alter, aber es waren geschniegelte und gebügelte Bürschchen mit weihen Schuhen, den Tennisschläger unter dem Arm, geschleckte Knaben, die es verstanden, mit Mädchen zu scherzen und zu plaudern — da flanierten sie so auf der Strandpromenade auf und ab, als könnte das ihr ganzes Leben lang fo weitergehen, und zogen sich dabei meine abgrundtiefe indianische Verachtung zu. Nachdem ich aber alle Seen dort, wo sie (ii lentMil ir. be So* mir ili« ebenfen, o- ' ®ruft W W St' ' len, hm: nein nberS* erwerben!« schicht^ Kinnes, 1* O* bös-n ft ot,t4* aufH* ncnl* itte * je nilh>'s lens * haben S£ Ile us bas ®; Ä ist, E ^°Mer einmal gehen wir mit bem Xanbel Sirnonlehner, vulgo Per- lehner Schafe suchen, die sich in den Wäldern verstiegen haben. Wer teigen aus Leitern aus Lärchenbäumen die steilen Wände hman, wir ^Vorher aber^noch die ersten Manöver, da die Brust so voll von Glück war, daß man ganz vorschriftswidrig, allein auf Patromlle vor Sreube über das schöne Leben, das hohe Korn und die Lerchen oben imBlau, zu brüllen begann, weil es einem sonst das Herz abgebrudt qatte. Und immer im tiefen Flug um die Beine des Pferdes, die Schwalben als Bereiter ja da muß man - zur gröhten Verwunderung des D.enst- »ferbes, biefem bie Arme um den fchaurnbeflockten Hals schlingen und «hm einen Kuß auf die weichen Nüstern geben. Dann aber die große Sommerschlacht von Lublm bis Lenberg in »leier grenzenlos weiten Landschast, roo man sich "Es eher unter den Sternbildern des Himmels zurechtsindet als auf den Wegem d e sich in den großen Wäldern verlieren, wahrend draußen, am Himmelsrand m Dach führt: von dort kann man durch die vor Hitze «'"ernde Lustz weit hinaus, bis zur Wolga sehen. lieber bie Sacher her kommt we.he^ Taubenflug und verliert sich, eine fröhliche sh frauriQ Blauen. Ein Leierkasten tönt herauf. Heimweh und Gluck machen traurig !Un\iebe9n ^roir' hier den Schleier rasch wieder zu und zeigen wir ein »nbÄiSSee, e?n Boot und in dem Boot da liegen w imb hören bie leichten Wellen an bcn Kiel plätschern und hatten dw Augen geschlossen. Da rauscht es über uns, w'r bl cken au Wildenten find es, Deren Flügelschlag unser Herz mit ber ® IW ws -Berga fl llichen rührt. Oben am Himmel aber stehen wie eine Wa g 8 fchweren Schalen eine kleine rötliche Sonne und em blasser M , -würde die Zeit ausgewogen am längsten Tage °es Jahres Eine Wasserschlacht können wir «ufspritzen sehen, zwei S g woole tauschen hart nebeneinander her, ein Mädchen ^ll 8 Verteidiger haben sie schon bei den Händen gesaßt, aber ihr heldenhafter Verteidiger steigen auf Leitern aus Lärchenbäumen die steuer•», um locken: „Huzala, Huzala", dann trete ich aus em Schneebrett der Fuß rutscht ab, in sausender Fahrt geht es hinunter. Irgendwie bekami die Hand doch einen Latschenzweig zu fassen, nun liegt man da, zerschunden llnbttlufUbem Heimweg zittern noch ein wenig die Knie und die Mutter weint, wie sie ihren Jungen so zugerichtet sieht: „Ich seh schon, dch werden sie noch einmal auf einer Bahre nach Hause bringen. Nun, sch bin auf einer Bahre nach Haufe gekommen, aber das war ein wenig hält bie Zappelnbe noch bei den Füßen fest, er geht lieber mit seinem Boot unter und reiht uns mit, als daß er feine Herzdame aufgegeben hätte. Geschrei, Lachen, Spritzen — das Mädchen wird zu einem solchen Verteidiger beglückwünscht. Die Tische der Felder sind schon abgedeckt, das Abendrot des Jahres, die rötlich blühende Heide und die rotwangigen Aepfel leuchten auf und unter den Giebeln der Stadeln und Häuser hängt vor dem bräunlichen Holz, Kolben an Kolben, der golden prunkende Mais. Nun heben wir noch einmal den Arm und teilen wieder den Schleier. (Bereinigt von Dünsten, mit weiter Sicht, in klarem Licht liegen das Land, die Seen, das Meer, die Berge und die Wiesen vor uns. Gegenwärtig ist ber Sommer noch, wir können uns noch diesen oder jenen Tag pflücken, können in der Sonne liegen oder aus dem Schatten in das Bunte, Helle hinausblicken, wir können für den Winter ernten und für fpätere Tage, deren Zukunft ungewiß und deren Geschenke vielleicht herb und bitter fein werden. ©er Apfel in Geschichte, Sage und Bolksbrauch. Von Kurt Warnecke. Um den Apfel Lnd feit uralten Zeiten Sagen und Mythen gesponnen. In allen ^Paradiesen, die der menschliche Glaube an ein goldenes Zeitalter vor den Ansang der Geschichte stellt, leuchten als schönste Zierde rotwangige Aepfel; nicht nur der biblische Sündenfall ist für alle Ewigkeit mit der Vorstellung an diese Frucht verknüpft, sondern auch in anderen Schöpfungsgeschichten ist der Apfel von himmlischem Glanz umstrahlt und hat eine tiefe Bedeutung im geheimnisvollen Geschehen dieser uralten Mythen. Diese Verwendung des Apfels als eines Symbols im religiösen Mythos der Völker deutet darauf hin, daß er in den verschiedensten Kutturbereichen der Erde als eine geschätzte und verehrte Frucht zu finden war. Beim ersten Aufdämmern der Kultur ist der Apfel schon eine bodenständige Frucht, und so erklärt es sich auch, daß andere Obstarten, die später eingeführt wurden, in ihrer Benennung nach diesem Obst einen Glanz von seiner Hochschätzung mitgeteilt bekamen. Man kann den Apfel in diesem Sinne einen Urvater unter den Früchten dieser Wett nennen. Die Pfirsiche erhielten im alten Rom den Namen persische Aepfel, die Zitronen hießen medische Aepfel, die Apri- kojen armenische, die Granaten punifche, die Quitten cydonische. In den Gärten des Alkinoos, die von Homer geschildert werden, finden wir neben balsamischen Birnen und süßen Feigen die rotgesprenkelten Aepfel, und der alte Saertes pflegte in feinem Garten sruchtschwere Apfelbäume. So geht man nicht fehl, wenn man annimmt, daß auch die Veredelung und Hochzüchtung verschiedener Apselarten schon lange bekannt war, denn auch bei den. Römern werden bereits über achtzig verschiedene Apfelsorten erwähnt und in ihren Vorzügen beschrieben. Von diesen alt= 'römischen Apfelsorten waren die beliebtesten die attischen Aepfel, bie noch im heutigen Italien diese Namen tragen und mit unseren „Rosenäpfeln" verwandt sind, daneben die petisischen Aepfel, eine kleinere Sorte, die matianischen Aepfel, eine der ältesten und vorzüglichsten Arten. Unsere Kalville hatte den Namen epirotischer Apfel; außerdem gab es noch eine Menge anderer Sorten, die kestifchen, skandinavischen, tihurtinischen, polisischen, syrischen, die Mehläpfel, die Mostäpfel und viele andere mehr. Auch den Germanen war zweifellos der Apfel bekannt, lange bevor die Römer die eigentliche Odstkuttur brachten. Die „poma agrestia", die von Taeitus erwähnt werden, dürfen durchaus nicht als wildwachsende Aepfel angesehen werden; die Deutschen hatten damals den Apfel, der iljnen‘in ihrem Lande ja als ursprüngliche Frucht entgegentrat, schon gezüchtet und genießbar gemacht. In den ersten christlichen Jahrhunderten entfaltete sich dann in deutschen Landen eine reiche Apfelkultur, und zweifellos ist der Apfel seit dieser Zeit das Lieblingsobst unserer Vorfahren gewesen. Karl der Große erwähnt in seinem berühmten „Capi- tulare" eine ganze Anzahl von Apfelbäumen verschiedenster Art und befiehlt ihre sorgfältige Zucht und Veredelung. Unter den Obstsorten, die ihm alljährlich zugeschickt werden mußten, gab es Apfelsorten, die schon einen bestimmten Namen trugen, wie die Gomaringer, Geroldinger, Krevedeller, und die herben Speyeräpsel. Die Klöster wandten sich mit besonderer Vorliebe der Apfelzucht zu, und in neuerer Zeit haben bann die verschiedenen Länder sich gegenseitig mit den erlesensten Schöpfungen ihrer Apselzucht beschenkt. So erhielten die Franzosen den Borsdorfer Apfel aus Deutschland; der Kalvilleapfel, der heute als die Krone der sranzösischen Aepfel gilt, wurde 1688 aus Dänemark nach Frankreich gebracht; aus Frankreich stammen die graue und die weiße Renette, der Kaiserapfel, der Sternapsel und Gisapfel und aus England die sogenannte englische Renette, der Quitten- und der Prinzenapfel. Aus Holland tarnen der Zimmtapfel, der Orangeapfel und der Schwanenapfel. Die Verehrung für den Apfel im germanifchen Kulturkreis geht auf die Sage von Iduna zurück, die Göttin der Jugend, die den Göttern Aepfel darbot, durch die sie ewige Jugend erlangen sollten. Es wird erzählt, daß der Apselbaum Idunas in einem unversieglichen Jungbrunnen wurzelte, daß das Gefäß, in dem Iduna die Aepfel ausbe- wahrte, niemals leer ward und daß diese unerschöpfliche Frucht auch jedem der von ihr essen dürste, ein ewiges Leben verleihen sollte. Auch die im Kampfe gefallenen Helden in Walhalla erhielten durch den Genuß der Aepfel der Iduna eine unzerstörbare Kraft, um bei ber (Bötterbämmerung, jener gewaltigen Schlacht ber Götter mit Dämonen und Riesen, mit unvergänglicher Jugendkraft ausgerüstet zu sein. In vielen Märchen ist ein Abglanz dieser alten Sage zu entdecken; so ist von goldenen Aepfeln bie Rebe, bie in einem tiefen Brunnen liegen und dem Wasser, das den Brunnen erfüllt, Zauberkraft verleihen. Vor allem ist der Apfel auch ein Sinnbild ber Siebe. Das Stand - bilb der Göttin Freya in Magdeburg soll in der linken Hand drei goldene Aepfel gehabt haben, unb ein nordisches Märchen weih von einer 1 Königstochter auf einem Glasberg zu erzählen, die drei Aepfel in ihren Schau vieler» nieder. Mit entblößtem, grün uno rvi oeniuuem vy . körper tanzen böse Geister verzückt zu rasenden Zymdeltoncn. Auch die Die Häuser «erantwortlich: Dr. Hans Lhyriot. - Druck und Dertag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. A. Lana«, Gießet wie eine Mumie steht die Sängerin mit verschränkten Armen vor der Brüstung. Keine Linie ihres weiß und rot bemalten Puppengesichtes bewegt sich. Immer höher schraubt sich ihre Stimme, immer weinerlicher tönt ihre Klage — während ihr eine Dienerin mit einem bunten Papier- facher Lust fächelt — bis sie mit einem einzigen schrillen Laut abbricht. Jetzt wendet sie sich um, dem großen goldenen Spiegel zu — mte einfach, sinnreich — und zupst ungeniert lange an Haar und Kleid. Wieder steht sie bann unbeweglich da und blickt singend träumerisch mit ihren dunklen Augen in eine unbekannte Ferne. Ihre schlanke, kleine Gestalt umfließt ein blaues, seidenes Prachtkleid mit roten Stickereien übersät. Plötzlich ist ein alter Mann mit langem Bart da, er zerrt es fort — bas arme Kinb — unb zwingt bie sich Weigernbe unb Zappelnbe, mit ihm runb um bie Bühne zu laufen. Aha, benke ich, bas ungeratene Töchterchen wirb mit aus bie Reise genommen. Unermüblich rennen sie um bie Bühne, bas Mäbchen kreischt, der Vater flucht, endlich fchemt er müde zu sein unb ab. Aber jetzt wirb es seltsamer. Männer in fardenrauschenben brokatenen Gewänbern mit falschen Bärten, Tier- unb Göttermasken stehen tm Rubel herum, erzählen mit harmonischen, geschwungenen Armbewegungen offenbar Bebeutsames unb verschwinben roieber. Andere kommen Es erscheint bie Helbin. Ein riesenhafter Eisvogelfedernschmuck ziert ihr Köpfchen. Run begleitet sie aber ein bartloser, schlanker Jüngling, prunkvoll getleibet unb in einem wehmütigen Duett vereinigen sich bie Stimmen zur Liebesklage. ot. Soll bas Stück schon zu Ende sein? Was wollen bie fingenben Akro- baten biefe keulenschwingenden Jongleure unb goldbehelmten Kneger, die eben zu wütenden Gongschlägen mit Streitaxt und Lanze Schwer- tern und Speeren blitzschnelle Attacke führen? Ein Krieger laßt sich jai) mit der ganzen Schwere seines Körpers zu Boden fallen — die Frauen auf der Galerie kreischen auf — aber schon erhebt er sich, lächelnd sich verneigend. Born Schwerte des Gegners durchbohrt fallt ein anderer wie tot rücklings nieder. Unter begeistertem „Chan-Chan" grüßt ihn das Publikum. Ein Schaufpieler tritt an die Brüstung unb beginnt seinen lang herabhängenben Zopf burch geschickte Kopsdrehungen zu schwingen, baß er wie ein Kreisel unb immer schneller unb in rasender Geschwindigkeit über dem Kopf dahinsaust. Ist das Ekstase des Zornes oder nur Akrobatenkunststück? Wie besessen johlt ihm die Menge Bewunderung zu. Die Gold- und Seibengewänder verwirren meine Augen mit ihrem Glanz unb Reichtum an Farben. Wehende Febernzierben wallen von tau Köpfen ber Krieger, Brokate mit Blumen llberslickt fließen an Den Schauspielern nieber. Mit entblößtem, grün unb rot bemaltem Ober- zur Bühne zurück. Eben winken sie mit ben Hänben unb rufen wie wütend unb sekundenlang ,Chan-Chan". Ich muß über mein Erschrecken lächeln. Was mag ber Chinese bei unserem Applaus unb Bravorufen benken? Enblich fitze ich irgenbroo in einer Ecke fest. Die Chinesenweibchen am Balkon hinter Gittern mustern mich neugierig. Ich lächle nicht zurück. Die Männer sollen hier keinen Spaß verstehen, hat mir Tun-Fu verraten. Shakespearisch einfach bie Dekoration. Kein Vorhang trennt erhöhte Bühne unb Zuschauerroum. Eine eintönig bemalte Kulisse ist Hinter- grunb unb nur in ber Mitte strahlt ein großer golbumrahmter Spiegel. Ich kann keinen Souffleur sehen. Vor bem Spiegel kauern sechs Musiker. Das finb bie Helben bes „Höllenlärms". Ans bem Gedächtnis reprobuzierenb, begleiten sie einen rauben Tanz grell geschminkter unb mit greulichen Masken brohenber Gestalten. Die bösen unb guten Geister kämpfen um eine Seele wie im Reiche des Misthos, wo ihnen bie phantastische Seele bes Chinesen einen unermeßlichen Tummelplatz geschaffen. Einer ber Musiker schlägt eine Art Zymbal. Ein anderer entlockt einer achtlöcherigen Flöte quietschende Töne, ein dritter zupft an einer zweisaiti vn Violine Holzkastagnetten schlagen hell den Takt. Eine vier- saitige Violine lägt, eine Bambusklarinette wimmert. Stundenlang sollen bie Musiker ihre bissonanzreichon Melodien aus ber Fülle von Volksliedern improvisieren können. Unb. nur mein ungewohntes Ohr, einem anderen Tonleiternsystem vertraut, ist schulb, baß ich nicht willig zuhören kann. Kein Stuhl, kein Kasten, kein einziger Baum auf ber Bühne, ber bie Szene mich nur anbeuten könnte. Ich beneibe ben gelben Kuli neben mir um bie Kraft seiner Phantasie, die ihm alles ersetzt. Lautlos verschwinden eben die tanzenden Geister, nur ein Mädchen singt eine Arie. Monoton zittern durch ben Raum ihre Kehllaute. Starr lutvri lunjt ii ivv. ।------- az / Gesichter finb grellweih, rot, grün unb blau bemalt. Jeder Charakter feine eigene Maske unb Farbe, auch ber Mann aus bem Volke ist im flattern gelbrote, mit bunten Inschriften bebeette Lemwanbstrelfen und Fahnen. 'Der Chinese, ber Romantiker bes Ostens, erwartet sein Fest unb so begrüßt er bie „Söhne bes Birnbaumes", wie er bie Schauspieler nach einer reizvollen Sage nennt. Bis auf bie Straßen dröhnt der gewaltige Lärm des Gongs und ber Tschinellen aus bem Theater Die große Halle ist voll Dunst unb Rauch. Nasale Fisteltöne aus Chinesenkehlen klingen zu bumtfem an- unb abschwellenbein Dröhnen ber Musik. Tänzer schwingen sich in fchreienb bunten Kostümen über bie Bühne.» Das -Parkett ist von Arbeitern und Kulis, Solbaten unb Kaufleuten gefüllt. In fchivarzseidene Jacken gehüllt, sitzen sie an kleinen Tischchen vor einer Schale grünlichen Tees, rauchen unb kauen Sonnenblumen- ferne. Die Unterhaltung ist lebhaft, aber ihr Blick geht immer roieber HSnden trägt. Demjenigen freier, der ihr gefällt, wirft sie die Stopfet iu was später in bem Brauch bes „Apselzuroersens feinen Nachklang gefunben hat. An vielen Orten begegnen wir ber Ansicht, daß bie Geliebte, wenn sie einen Apfel von einem Burschen angenommen hat, ihn lieben müsse unb mit den geworfenen Apselschalen wirb ein Orakel- fpiel unternommen, aus bem man bie Anfangsbuchstaben vom Jlamen des Zukünftigen herauslieft. Wer mit einem Apfel unter bem Kopfkissen zu Bett geht, bem soll ber Geliebte im Traum erscheinen. Aus mecklenburgischen Volksüberlieserungen kann man entnehmen, daß bem Apfel auch heilfpenbenbe Kräfte beigemessen werben. Aus dem Lande ist z B vielerorts der Glaube verbreitet, daß Warzen sich durch Aepfel entfernen lassen. Man muß den Apfel zerschneiden, bie Warzen mit ben einzelnen Stücken breimal bestreichen, hieraus ben Apfel roieber Zusammenlegen, ein Band um ihn knüpfen und ihn an einen Ort werfen, wo roeber Sonne noch Monb scheint. Wenn nun ber Apfel vermodert, sollen zu gleicher Zeit auch die Warzen verschwinden. Erwähnt soll auch eine andere Gabe des Apfels werden, feine Kraft hi richterlichen Schiedssprüchen zu einem gerechten Urteil zu verhelfen. So wurde ein Knabe durch einen Apfel und ein Goldstück, bie ihm zur Auswahl vorgelegt mürben, auf feine Fähigkeiten geprüft unb über feine Berusseiegnung entschieben. Wenn ber Knabe bas Goldstück wählte, so wurde er zur weiteren Erziehung den MännOm übergeben, weil er befähigt war, bas Nützliche bem Angenehmen vorzuziehen. Wählte er dagegen den Apsel, so war er ein „aeblebarn", ein Apfelkind, bas in bie Kinderstube gehörte. In den Tagen des Grafen Niklas von Zollern wurde diese Probe auch vor Gericht bei zwei kleinen Knaben angestellt, bie beschuldigt waren, ein Tier getötet zu haben. „Do legten die richter bem tnaben ain glitzernden neroen golbgulbin für", erzählt bie Chronik des Freiherrn von Zimmern, „unb barneben ain schönen großen epfel, darunter gaben sie ihm bie mal. Also bo name ber tnab ben epfel. Dor- mit bewies er feine kinbheit unb unoerftanbt unb erhielt ime auch selbs bas leben, und das der dolus malus bei ime entschuldigt wardt, kam also mit bem leben baoon." Chinesisches Kleinstadttheater. Von Heinrich B. Kranz. Copyright by I. L. A., Wien. Silbe Szene unb Hanblung schafft bie seltsame Phantasie bes Chinesen aus sparsamen ©ebärben. Ein junger Krieger hüpft auf einem Bein umher, bas anbere stößt er stichenb in bie Luft. Er sucht ben Steigbügel, um f* aufs Pferb zu schwingen. Schon scheint er oben zu sein und in der Haltung eines Reiters sprengt er zum Tore ber Stabt hinaus. Dieses „Tor ist eben von zwei Statisten „gestellt" worben, bie ein breites, von zwei Bambusstangen gehaltenes Flaggenbanb bereithalten. Oder: im roilben Schwerterkampf Gefallene stürzen zu Boden, erheben sich wieder und tämpfen weiter. Des Zuschauers Phantasie wandelt Zeil unb Raum. So wirb er nicht gewahr, wie ber eben von Peking abgereiste unb auch schon in Schanghai angekommene Bote bie Szene qar nicht verließ. So merkt er nicht, daß ber überbrachte Bries verschlossen unb boch gar nicht geschrieben, gelesen unb nicht geöffnet würbe War ich nicht auch als Kinb fo gläubig unb anbachtig naiv? Unenblid) glücklicher Kuli neben mir. Bor beinen Augen rollen bunteste Szenen vorüber: Steppe unb Königspalaft, Friebhöfe unb Meeres- ftranb .. Aus nichts erschaffen, tauchen sie auf, beherrschen bein Auge unb beine Phantasie und leuchten in dein ärmliches Dasein mit geheimnisvoller Bildkraft. Jeder Augenblick der tausend Geschehnisse, jede subtilste Nuance bringt dir Theater, weil deine über allem Irdischen sich tummelnde Seele sie selbst aus der unermüdeten Schwungkraft deiner Phantasie erstehen läßt. . . Wo noch ilt das Theater echte Volkskunst, die Lyrik ganz „Lieb des Volkes"? Musiker unb Schauspieler improvisieren nur aus angebeuteter Hanblung, unb bie seinen Fäden, die sich zum Volk zu ihren Füßen schlingen, verbinden sie zu gemeinsamem Feste. Auf der Bühne bewegen sich eben zwei Jünglinge (ber eine ist em verkleidetes Mädchen) — sie sind um eine spröde Dorsschöne mit einem Einkausskördchen am Arm bemüht. Doch diese weist ihre Werbungen drollig unb energisch genug zurück. Das Parkett amüsiert sich unb lacht Ist bies roieber ein anderes komisches Stück? Ist das vorhergehende „historische Drama" vorbei? Es mag wohl sein. Auch bas Bild der Zuschauer ist ein anberes geworben Neue Gäste finb hinzugekommen. unterhalten sich lärmenb. Es ist schon spät Mitternacht vorüber. 'Die lange kann bas noch bauern? Tun-Fu meint, oft ist am Morgen noch kein Enbe. Der Kops schmerzt vom Lärm der unermüdlichen Jnstruinent- So nehme ich Abschied unb trete wie geborgen in bie klare Nacht, in Stille und Mondenglanz. Und ba ich burch die ruhigen Straßen aufatmenb heimgehe, muß i® an unsere moderne Bühne denken. Chinesisches Theater, groteskes Widerspiel europäischer Kunst, Dekorationsarniut, Bildwirkung. Melodrama Gedrängtheit des Dioloas zu knappstem Sah und Wort, rielenhnfte Mo- nologe, Szenen voll Phantastik und Kraftüberschwang, dissonanweiche, lärmenb malende Musik! Welcher Zularnmenklang! Wie soll ich ihr nennen? Modernen Stil? Expressionistische Bühne? Es ist alte chinesisch' Theaterkunst. _ Und meinem guten Tun-Fu, der erft svät morgens heimkehren durste, werde ich kein Wort des Tadels lagen Der seltsame Theaterabend mit mich zum ersten Male mit einer Art Ehrfurcht vor diesem Volk erfüllt Tun-Fu, mein chinesischer „Boy", — er hat übrigens schon erwachsene Töchter, stürzt aufgeregt in mein Zimmer. „Theater in ber Stabt, Herr, Theater in ber Stabt." Es ist mehr seine eigene freudige Erwartung als liebevolle Aufmerksamkeit mir gegenüber, bah er sofort zwei Plätze besorgt. Jedenfalls sehe ich dem Abend mit großen Erwartungen entgegen. Aus wunderbaren Träumen lockt mich ber Blick in bie brunnen- tiefen Geheimnisse ber „Söhne bes Himmels". Das Theater ist überall ein Spiegel verschleierter Mysterien unb ber unversiegbare Quell jahx- taufenbe alten Ledens, nirgenbs mehr als in China. Der Abenb kommt. Tun-Fu ist schon vorausgeeilt. Ich will allem ben Zauder genießen unb habe ihm bas anbere Billett geschenkt. Ich schlendere ins Chinesenviertel ber manbschurischen Kleinstadt. -■ ' sind festlich beflaggt, von Laternenpfählen und Masten ote, mit bunten Inschriften bedeckte Leinwandstreifen und