SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger i°d°host ■ ’• !r großer schien an ihr Herz tig Musik, -der selig ! sie dann nicht zu । und die niken und m kräftig 1er fällig’ lergewano Bekannter ■ von sich roßer, un> sollen Er- chriebenk lhlostenh- chrnitz DOt delsch°ne^ .schickt , Ä Paturl'ch nmt Satori^ l c5 rund' irenl* gen, !)^e" stapi-r u"' ^@ic6er* Jahrgang MH Hreitag, den 5. August Nummer 59 Was wissen wir... Von Knut Hamsun. Wie wollten wir, die Kinder, die Wege verstehn? Seid demütig nur! Zur Nacht durchbrauste mich seltsamer Sang. Gleich dem der Plejaden auf ihrem Gang — Heut ließ der Tag ihn verwehn, Die Nacht ist mit Sternen und Blüten besät — Wo sind die Wege, o Kind? Wir tasten nach besten Verstandes Spruch Uns vorwärts — dem einen glückt es im Fluch — Dem andern mißlingt's im Gebet Den Weg, die Bahn — wir wissen sie nicht ... Seid demütig nur! Bon neuem hebt an ein seltsamer Sang: Ich starre zu seinem spurlosen Gang Empor — und finde ihn nicht. Knut H amsun. Zu seinem 75. Geburtstage am 4. August. Von Johan Luzia n. „Ich habe vielleicht dann und wann mehr leisten wollen, als ich konnte, — aber ich habe nie weniger geleistet. So hebt es sich auf." Knut Hamsun, 1921. In einer kleinen westfälischen Stadt lernte ich einmal einen jungen Menschen, einen Buchhandlungsgehilfen, kennen. Er zeigte mir eine Photographie aus seiner Wohnung daheim, die einen blumengeschmückten Tsich mit vielen schön gruppierten Büchern darstellte,und an die Blumenvase gelehnt war das Bild von Knut Hamsun zu sehen, das von 1927 mit dem Jägerhut und dem aristokratischen Ausdruck, welches wohl jeder kennt. Hamsun war damals 70 Jahre alt geworden, und hier feierte ein junger, einfacher Mensch auf eine ganz besonders schöne Weise den Geburtstag des von ihm wie ein Abgott geliebten Dichters. Der junge Mensch besaß nicht nur sämtliche Werke Hamsuns in der schönen grünen Langen-Ausgabe mit dem Einband von Tiemann, dazu die Biographien von Berendsohn, Landquist, Markus, er hatte sich auch von seinem kleinen Gehalt die norwegische Ausgabe und die Biographie von Skavlan gekauft. Aber noch mehr: er hatte vollkommen Norwegisch gelernt, um Hamsun in feiner Ursprache lesen und um den Dichter einen Brief schreiben zu können. Und Hamsum hatte ihm in freundlicher Weise geantwortet und ihn damit glücklich gemacht. Er zeigte mir die fein- gestochenen schönen Schriftzüge des Dichters, über die mein Blick mit besonderer Andacht glitt. In einer schwäbischen Stadt waren es ein Schulrektor, in Norddeutschland ein Professor, ein Fabrikarbeiter, in Westdeutschland ein Kaufmann, denen Hamsum auf ähnliche Weise zum schöpferischen Erlebnis geworden war; sie lasen immer wieder Hamsun, sie waren fanatisch und ungerecht gegen alles andere, sie witterten in jedem anderen Schriftsteller Einflüsse von Hamsun, es gab für sie in der Dichtung nur den Einen, Einzigen. Ist es nicht das größte Wunder, daß ein Dichter, der nichts anderes als fein schöpferisches Leben bot, auf solche Weise, lediglich auf geistige Weise, Menschen Überreich zu beschenken und aus ihnen, die sich gar nicht kennen, eine Gemeinschaft zu formen vermag? Denn wer Hamsun ein« '■ mal liebt, kommt nicht wieder von ihm los. Er beginnt, das Leben mit Hamfunschen Augen zu sehen, und diese Augen sehen bis auf den Grund. Albert E n g st r ö m schrieb an Hamsun einmal folgenden Gruß: „Ich danke Dir für zwanzigjährige Freundschaft und für jenes Aufleuchten in Deinem linken Auge! ..." Diesem Aufleuchten in seinem linken Auge, diesem Wissen um die Hintergründe, diesem Blick aus Ironie und Verzeihen gemischt, wer könnte sich ihm entziehen? Wer Hamsun ganz verstehen will, der muß erfaßt fein von einer schöpferischen Unruhe, der darf sich nicht mit dieser ober jener praktischen Lebensweisheit zufrieden geben, sondern der muß spüren, daß ber Teufel niemals mehr um die Seelen der Menschen gerungen hat als tn dem Europa der letzten fünfzig Jahre. Der Teufel: das ist nicht der ’goetbische Geift, der stets verneint, der das Böse will und das Gute B lchafft, nein, der ist ein unprogrammatischer Widersacher eigener Art. I; Er wird mit jedem Menschen geboren, und gehört als Negation tu allem Positiven, er tritt als Älter, Charakterschwäche, Lüge, Leidenschaft ber Liebe, bes Ehrgeizes, der Eitelkeit auf, kurz, er ist bas Unvollkommene :m Menschen und am Menschen, ist bas Unkraut unb bie allzu üvvige Blüte. Aber nichts ist für Hamsun anberseils verächtlicher als Mittelmäßigkeit, „Mifchrasse" nennt er es bei Gorbon Tibemanb in „Nach Jahr unb Tag" . .. ,ohne starkes Gepräge, ohne Vollblütigkeit, nur eine .Mischung, unecht, von allem ein bißchen, ganz tüchtig im Lernen, aber zu nichts Großem fähig". Unb da alle Normen der Moral ober ber gesellschaftlichen Dogmen „Mischung" sind, fo ist Hamsun weder ein Moralist noch ein Dogmatiker, ganz im Gegenteil: wie liebevoll ist „August Weltumsegler" gezeichnet, wie liebevoll Inger im „Segen ber Erbe" ober ber Helb in „Hunger". Unb wer ba glaubt, Hamsun hätte, weil er „Segen ber Erbe" schrieb, nichts anberes verkündet als die Rückkehr zum Land, der irrt. Irgendjemand hat einmal gesagt, Hamsun fei das Gewissen der Zeit. Dieses Urteil kommt ihm am nächsten. Aber ba „bie Zeit" niemals ein Gewissen hat, unb ba bie Masse ein ebenso unangreifbares Abstraktum ist wie „bie Zeit", so wirkt Hamsun immer nur auf Einzelne. Vom Dichter hat Hamsun einmal gesagt, er sei „ein wurzelloser Mann, ein Lanbstreicher ohne Paß". Und bem alten Lehnsmann Geißler in „Segen ber Erbe" hat er bie einzige Einnerung an seine früheste Kinbheit im Grubbranbstal in ben Munb gelegt: „Ich weiß noch von ber Zeit, ba ich anberthalb Jahre war: ich ftanb auf ber Scheunen- brücke bes Hofes Garmo in Lom unb empfanb einen bestimmten Geruch. Ich empfinbe biefen Geruch noch ..." Unb bas ist es wohl auch, was man bei Hamsun spüren wirb: baß alles aus einer starken, reinen Quelle strömt, baß er einem bestimmten Geruch in ber Welt nachspürk, nennen wir ihn Unschulb, Glaube, natürliche Sittlichkeit, beren Gesetze nicht ausgeschrieben zu werben brauchen, bie jeher sittliche Mensch von selber kennt. Aber ber Dichter ist trotjbem ein wurzelloser Mann, wenn er auch ben Geruch seiner Heimat immer mit sich trägt, wenn er auch ein Dach über bem Kopf, ein Haus, Kinber, einen ganzen Herrenhof besitzen mag. Er muß zu jeher Zeit borthin aufbrechen können, wo bas Menschliche sich offenbart! Er bars weher aus einem einseitigen Lanh- schaftswinkel noch aus einer erstarrten Gesellfchaftsschicht bas Leben betrachten: er muß ungebunben in feinem Gewissen sein. Das ist jene schöpferische Unruhe, unb es finb nicht bie schlechtesten Menschen, benen Hamfun sie geweckt hat! Wahre Größe eines Menschen zeigt sich niemals in ber Einseitigkeit, mit ber ein fcfjnurgeraber Weg bis zum letzten Ziel Dorgetrieben wirb, es wirb eher bie Vielfalt, bas nach allen Seiten Ausstrahlenbe fein, hinter bem wir Größe unb Genialität zu sehen geneigt finb. Hamsun begann 1890 mit bem Roman „H u n g e r" an bie Oeffentlich- feit zu treten. Was in biefen Hungerphantasien gestaltet ist, bas war in feinen wesentlichen Teilen wirklich erlebt, 1886 unb 1888 hatte er als Journalist zu leben versucht unb war fast verhungert babei. Ein Jahrzehnt ber Not, ber fßagabonbage unb ber Abenteuer würbe mit biefem Buche abgeschlossen, in bem ein Menfch geschilbert wirb, ber ein Königreich bes Geistes in feinem Schöbel herumfchleppt, ber auf bem Wege ist, etwas Großes zu schaffen, ber nur noch nicht recht weiß, womit er beginnen soll. Wer erinnert sich nicht immer wieher jener phantastischen Szene im Odbachlosenasyl, in ber bas Wort „Kuboaa" erfunben wirb! Ein neues Wort, bem bie absonderlichsten Begriffe beigegeben werben! Hamsun streut in biefem Buche Einfälle, Silber, witzige unb tiefgrün- bige Spijoben in einer Fülle aus, wie sie kaum ein anberes Erstlingswerk aufzuweifen hat. Sein zweites Buch war „M y ft e r i e n", unb fein Johan Nagel barin steckt wieberum fo voller Eingebungen wie voll sagenhaftem Reichtum. Die fatirischen Romane „R e b a 11 e u r L y n g e" unb „Neue Erbe" entstehen in Paris, sie finb im wesentlichen Entgegnungen auf Angriffe, benen Hamsun ausgesetzt war, Antworten auf Streitfragen. Dann folgt „P a n". Hamsun war über Nacht aus Paris geflüchtet unb hatte sich in bie Einsamkeit feiner norwegischen Heimat zurückgezogen, um biefes Buch zu vollenben. Die hellen Sommernächte finb barin, bie Vogelstimmen, bas Wachsen unb Vergehen, bie Hingabe an alles Sebcnbige, bas Erlebnis ber Einsamkeit ist vor allem barin, jener großen Macht, beren Wunber man nur zu begreifen vermag, wenn man ein paar Jahre in einer lärmenben Stabt verbracht hat. Dann folgten Schauspiele: „A n bes Reiches Pforte n", „Spiel bes Geben s", „A b e n b r ö t e", bie Trilogie um ben Philosophen Kareno, besten großes Werk über bie Gerechtigkeit niemals fertig wirb, ber zum Schluß resigniert. Es folgten bie Novellen, bie Gehickste, bie wir von Hamsun haben, bie Liebesgeschichte „Victoria" unb gleichsam als Abschluß eines gewissen Lebensabschnittes „Unter S)। e r b ft ft e r n e n" unb „©ebämpftes Saitenfpie l". In all biefen Jahren, also bis etwa 1909, bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahre, hatte Hamfun nebenbei Vorträge über Zeit- unb Streitfragen gehalten, von ben Stubenten in Oslo unb Helsingfors, hatte in ben Sprachenstreit eingegriffen unb gegen bie künstlich geschaffene Schriftsprache gewettert, hatte bas Recht ber Jugenb gegen bie „Weisheit bes Sliters" nerteibigt, hatte Theologen unb Rebakteure, Literaturgeschichtler unb Politiker herausgeforbert, immer kämpferisch, immer iugenblid). In ber Dichtung forberte er psychologische Vertiefung: „Wie, wenn * nur bie Literatur sich überhaupt etwas mehr mit seelischen Zuftänben, Aber Ich muß mich hüten, Bauernweisheit zu reden zu einer so erlesenen Versammlung wie dieser — besonders und gerade, bevor die große Wissenschaft das Wort haben wird. Ich setze mich in einem Augenblick wieder hin. Aber nun ist es ja so, daß ich heute mein großes Er- lebnis gehabt habe: ein großes Wohlwollen hat mich ausgesucht hat mich ausqespürt unter Tausenden und mir einen Kranz geschenkt. Ich habe der Schwedischen Akademie und Schweden im Namen meines Landes zu danken für die Ehre, die mir erwiesen ist, persönlich mutz ich mein Haupt neigen unter dem Gewicht einer so hohen Auszeichnung. Ich bin stolz darauf, daß die Akademie meinem Nacken Starke zugetraut hat, diese Auszeichnung zu tragen. Wie von einem geehrten Redner heute abend angedeutet wurde, darf ich vielleicht glauben, daß ich meine Bücher auf meine kleine Weise geschrieben habe, das ist alles, was ich verlangen kann 21 ber i d) habe von allen gelernt, — wer lernt nicht von allen! Ich habe viel von schwedischer Dichtung gelernt, nicht zum wenigsten von der schwedischen Lyrik des letzten Menschenalters. Wenn ich nun ein wenig erfahren wäre in Literatur und Namen aufzählen könnte, so wurde ich dies etwas besser entwickeln, im Anschluß an die wohlwollenden Aeuße- runqen über mich. Aber das würde ja nur äußerliche Flottheit und Geschwätzigkeit von meiner Seite werden ohne einen einzigen Herzenston. Ich habe auch nicht die Jugendlichkeit dazu, ich vermag es nicht. Nein, was ich lieber möchte in dieser Stunde, in all diesem Licht, in dieser glänzenden Versammlung, das wäre, zu jedem besonders hin- qehen mit Blumen und Versen und Gaben, jung sein, auf der Woge reiten. Das wäre es, was ich möchte, um eines großen Anlasses willen, um eines letzten Mals willen. Aber ich wage es nicht mehr ich konnte das Bild nicht vor der Karikatur retten. Ich bin heute dick flemoröcn von Ehre und Reichtum in Stockholm — jawohl, aber mir fehlt dar Wichtigste, das Einzige, mir fehlt die Jugend. Niemand von uns ist so alt, daß er sich ihrer nicht erinnert. Es ziemt sich, daß wir Gealterten zurücktreten, aber wir tun es mit Humor. Was ich nun auch tun müßte — das weiß ich nicht , was sich auch am besten schickte — "bas weiß ich nicht: ich teere mein Glas auf Schwedens Jugend, auf alle Jugend, auf alles Jugendliche im Leben! Mein Skyßpferd.* Von Knut Hamsun. Ich setzte mich im Karriol zurecht und ergriff die Zügel, ich wartete auf den Skyßjungen.' Oben an einem Fenster im ersten Stock stand ein blondes, junges Mädchen und blickte auf mich herab. Mir wurde warm unter diesem Blick, und ich brüstete mich wie ein Vizekonsul auf meinem Sitz. Ich versuchte einen recht jugendlichen Eindruck zu machen, ganz im geheimen konnte ich sogar meinen Zwicker abschütteln. Es ärgerte mich nur, daß ich mich in das Skyßbuch nicht als Leutnant eingetragen ^‘gm letzten Augenblick kommt der Wirt auf die Treppe heraus und sagt daß mein Skyßjunge gerade mit einer Fuhre Engländer voraus gefahren sei, so daß ich so gut sein müßte, bis zum nächsten Pserde- wechsel allein zu fahren. Es wäre durchaus keine Gefahr dabei, Jens wüßte den Weg, ich könnte mich ganz auf ihn verlassen. Und Jens, das war das Pferd. Es ist eigentlich stilvoller, einen hinten drauf zu haben, wenn man fährt, dachte ich: aber dabei war nun nichts zu machen, ich mußte ohne Skyßjungen fahren. Ich warf einen ziemlich warmen Blick zum Fenster im ersten Stock hinauf und fuhr zum Hof hinaus. Das Wetter war warm, ich knöpfte meine Jacke auf und ließ den Jens laufen wie er wollte. Das ununterbrochene Wiegen der Karnol- febern machte mich fchläfrig, ich neigte ben Kopf vornüber bannt meine Nase nicht fo von der Sonne verbrannt würbe, unb boste unb buchte an das feine Mädchengesicht aus dem ersten Stock. Weiß Gott, dachte ich ob sie schon unten gewesen ist unb im Skyßbuche nachgesehen hat. Es war bumrn, baß ich mir nicht eine Stellung, einen Titel, gegeben hatte. Hätte ich mich nicht vielleicht Bürochef ober gar Rentier nennen tonnen, Ich meine wohl. Das kommt bavon, wenn man zu bescheiben ist. Wir hatten wohl so sieben bis acht Kilometer zurückgelegt, als Jen- plötzlich stehen blieb. Es ftanb mit einem Male still unb sah aus, als wen er etwas vergessen hätte. Ich wollte ihn nicht stören; seine privaten Angelegenheiten mußte er mit sich selbst abmachen. Außerbem hatten wir gutes Wetter unb guten Weg. So ftanben wir wohl eine halbe Stunbe mitten auf bem Wege ohne uns zu rühren; keiner von uns wollte bas Schweigen brechen. Ich zünbete meine Pfeise an unb ließ mir nichts anmerken, sah nach der Uhr, begann einen Pfropfenzieher zu putzen, ben ich in ber Tasche ham und vertrieb mir die Zeit, fo gut ich konnte; die Peitsche versteckte ich sorgfältig zwischen meinen Knien. • Als Jens noch einige Zeit ganz still gestanden hatte, fetzte er endlich bas eine Bein vor, banäch bas anbere Bein unb begann wieder zu gehen. Es kam mir vor, als fähe er ein wenig beschämt aus. Die Wärme nahm zu, ich fiel zusammen unb würbe roieber schläfrig knüpfte gebankenlos einen Knoten nach bem anbern in bie Zügel uns träumte abermals von bem Mäbchen unten in ber Station. Sie ham große, weiße Hänbe unb einen feltfam rafchen Blick, ber bas Gefichl jpielenb lebenbig machte. Ich war ganz erfüllt von ihr. Warum ham sie ba oben gestanben unb aus mich herabgeblickt? Ich hatte ihr Neugier eingeflößt. Cs war höchst wahrscheinlich, baß sie in biesem Augenbna unten ftanb unb im Skyßbuch nachfah, ja, es unterlag gar feinem Zweifel, baß sie sich beeilte, zu ersahren, wer ich wäre. Unb ich ham keine näheren Angaben hinterlassen, ich hätte bie beste Gelegenheit gt' habt, mir eine recht gute Position zu geben, als Entbeckungsreisende ober als etwas anberes. * Skyß wird in Norwegen die Personenbeförderung mit Wagen ober Boot genannt NoLelpr-eisrede. Von Knut Hamsun. Am 10. Dezember 1920 hielt der Dichter beim Nobel- Bankett im Grand-Hotel, Stockholm, bie nachftehenbe Rebe aus dem Stegreif. Sie ist in ihrer Schlichtheit und Herzens- wärme ein bleibendes menschliches unb literarisches Dokument. „Nein, was soll ich nur tun gegenüber einer so herzlichen Siebens« Mürbigkeit! Sie hebt mich in die Luft, und ich verliere den Halt unter den Füßen, der Saal fährt mit mir davon. Es ist nicht gut, ich zu sein jetzt, ich bin heute ganz dick geworben von Ehre unb Reichtum hier in Stockholm, ich stehe, wo ich stehe, aber bie Hulbigung für mein ßanb, bie in ,Ja vi elsker’* erbrauste, sie war eine Woge burch mich hindurch, die mich zum Schwanken bringt. .. . . Es kommt mir zugute, daß ich auch schon ftüher im Leben — in ber gesegneten Jugenb — wohl in solchen Lagen gewesen bin, baß ich geschwankt habe. Welche Jugenb hat das nicht. Das müßten schon junge Rechtsleute sein, sie, die alt geboren sind, sie, die niemals dabei sind. Es geschieht der Jugend nicht Schlimmeres, als daß sie eingefangen wird von Ungesährlichkeit und Negativität. Herrgott — das, was uns im Leben begegnet, kann uns zuweilen zum Schwanken bringen. Was bann? Wir stehen, wo wir stehen, es kommt uns zugute. * Dio norwegische Nationalhymne, von Bjornstjerne Björnsca gedichtet. als mtt Verlobungen, Bällen, Landpartien und Unglücksfällen als solchen w heidiäftiaen ansinge?" - schrieb er: „Wir bekamen etwas von den geheimen Bewegungen zu wissen, die unbeachtet an verborgenen Stellen der Seele vor sich gehen, oder von unberechenbaren Anordnungen ber Empsindungen, von dem unter bie Lupe gehaltenen delikaten Phuntasie- leben von ben Wanberungen ber Gebanken und Gefühle ms Blaue, von den schrittlosen und spurlosen Reisen mit dem Gehirn und Herzen, von ben Lmen Nerventätigkeiten, vom Flüstern des Blutes vom Bitten der Knochenröhren, von dem ganzen unbewußten Seelenleben. Und es würde weniger Bücher geben mit jener billigen, äußeren Plychologie, die nie einen Zustand ausdrofelt, nie in eine seelische Untersuchung hinab taucht." — 1908 wurde Hamsun dazu ausersehen, die Festrede zum 100. Geburtstag des Nationaldichters Henrik er ge l a n d zu halten. Er stand gefeiert auf dem Balkon des Nationaltheaters in Christiama der Stadt seiner bittersten Hungerzeit, und sprach zum Volke. Damals erschien die erste Gesamtausgabe seiner Werke, seine Bucher wurden in alle Kultursprachen übersetzt, er begann Weltgeltung zu erringen. Aber damals reifte in Hamsun Zugleich auch der Eutschlutz, sich von der Großstadt für immer zurückzuziehen Er kehrte als Siedler zurück in feine Nordlandsheimat, er war fünfzig Jahre alt und glaubte nach feinen eigenen Worten, daß ber Mensch mit fünfzig Jahren aushore, geistig schöpferisch zu fein. Dennoch begann gerabe nach jener Seit, ba er meinte, „keine großen Eisen mehr im Feuer zu haben , bie zweite qroße Schaffensperiobe in seinem Leben, bie mit ben Kleinstadtromanen und mit „S egen ber Erbe" unb ß an b ft r en ch er ein wahres Wunder an Schaffenskraft bedeutet. „K > nder , hrer Ze11 Stadt S e a e l f o ß", „D i e Weiber am Brunnen, „Das letzt e K a - p i te l", „ßa ndftreicher", „August Weltumf eg l e r unb ber letzte Roman „N a ch I a h r u n b T a g" (besten norwegischer Titel kaute Men lioet lener": „Ader das Beben lebt ) — ihre Gestaltenfulle zu schildern, ihre Charaktere auch nur einigermaßen zu umreihen, wurde eine Schrift für sich beanspruchen. Es sei zum Schluß nur noch auf „Segen der Erde" hingewlesen, der ben Mittelpunkt biefes Schaffenskreises bildet. Jsak, ber als erster Siedler in das Oedland hinauszieht, ber mit feiner Haube Arbeit neues Band fruchtbar macht, ber sich eine Erbhütte baut unb nach unb nach Haus und Stall und alles, was dazu gehört, bekommt, dessen emsache, kleine alltägliche Verrichtungen mit einer hingebenden ßtebe ge djilöert werden, wie er zum ersten Mal Korn sät, wie er einen Ofen herbeitragt auf seinem Rücken, wie er die erste Maschine herdeischafst, wie er die Balken für sein vergrößertes Haus bearbeitet, rote er eine Frau und Kinder erhält, — er ist der Mensch am Anfang allen ßeoens schlechthin, er ist ein biblischer Mann, ein Gleichnis. Und weil er täglich mit per Erde, mit der Ordnung und bem Kreislaus bes Jahres verbunden bleib , deshalb kann ihn nichts aus der Bahn werftn. Er ist ein ruhender Pol, um den eine bunte Menschenwelt kreist. Als Hamsun diese Gestalt schuf, hatte er gegen den Fremdenverkehr in Norwegen gewettert, er nannte die Propaganda für bie Touristen „eine beispiellose Verfälschung unseres Bebens, unsere Innerlichkeit geht fort, bie Ruhe, ber Stolz unb bte Reblichkeit nehmen ab. Wir müssen unsere Moore austrocknen, Wölber pflanzen, das gewaltige Nordland kolonisieren. So bringen wir die Auswanderung zum Stehen". Daher ist Jsak selber ein wenig Programm- aestalt, daher ist er aber auch unvergeßlich in all seiner Holzschnitthastig- feit, in feinen starken Strichen, mit denen fein Bild sich uns einpragt. Alle anderen Figuren aber, mit Ausnahme vielleicht des Axel unb bes jüngsten Sohnes ©inert, finb von ben Tollheiten ber fortschrittlichen, zivilisierten Welt angefüllt, bie sich ben Spuren des Jsak anheftet, die selbst in bas Deblanb einbringt, wenn bork erst einmal Menschen wohnen. Auch in biesem Buch ist das Ringen zwischen den aufbauenden und den zerstörenden Kräften in jedem Menschen. Unb so sei zurückgekehrt zu bem, was am Anfang gesagt würbe: Hamsun lockert das Beben auf, roo er es findet, um etwas dort hineinzufäen, das aus feinem Gewissen kommt unb das zum Gewissen der Menschheit hinzielt, es aufzurufen: jenen „bestimmten Geruch" nicht zu verlieren, mit bem nicht nur ber einzelne Mensch seit seiner frühesten Kinbhstt beschenkt wirb, sonbern ben auch bie ganze Menschheit spüren muß, so merkwürbig unb verworren auch bie Wege ber Volker sein mögen. Ich hatte zuletzt gar nicht auf Jens geachtet. Schwerfällig und gleichgültig schritt er auf dem Wege dahin, stampfte mit den Beinen in den Kies und machte unnötig Staub. An einer Senkung des Weges ließ er plötzlich den Kopf hängen, kaute einige Male hart am Gebiß und blieb wieder stehen. Darüber konnte kein Zweifel sein, er blieb ohne eine Spur von Verlegenheit stehen. Ich war ganz mit meinen Gedanken an das junge Mädchen beschäftigt, und es dauerte eine Weile, bis ich merkte, daß wir still standen. Da fuhr ich plötzlich zusammen! Du kannst deinem Gott und Schöpfer danken, daß ich hier sitze und an ganz andere Dinge denke! sagte ich laut zu ihm. Ich wurde plötzlich unwillig, ich konnte nicht länger meine Gefühle unterdrücken. Jens stand ganz still mit gesenktem Kopf, als wenn er den Finger an die Nase legte und über etwas nachdächte. Ich beugte mich vor, um den Weg zu untersuchen. Es konnte vielleicht ein Kind gerade, vor seinen Füßen liegen, oder ein großer Stein oder eine Baumwurzel; ich spähte überall hin, sah aber nichts. Ich hob die Peitsche und gab Jens einen Schlag. Er rührte sich nicht von der Stelle, aber er warf den Kopf zurück und schien zu sagen: Sieh dich vor! Das machte mich wütend. Sieh dich selbst vor, antwortete ich und gab ihm einen zweiten Schlag. Da stemmte er die Beine fest in den Boden und sah aus, als hätte er die Ehre, sich vor einer ganzen Versammlung auszusprechen, und ihm entschlüpfte ein Laut. Sonst sagte er nichts. Ich sagte mir: Nein danke, mit einem Pferd streite ich nicht. Empört und stumm lehnte ich mich in meinen Sitz zurück und wartete darauf, was nun geschehen würde. Ich war von daheim mit dem festen Vorsatz fortgefahren, nicht mit jemand in Streit zu geraten. Eine Stunde verging, wir standen noch immer still, und ich hatte die größte Mühe, mich von Gewalttätigkeiten zurückzuhalten. Zweimal richtete ich mich im Karriol auf, und jedesmal vermochte ich es über mich, mich wieder zu setzen. Jens benahm sich sehr vorsichtig, er machte keinen Lärm, rührte kein Glied, atmete nur ganz still. Endlich erhob er das eine Bein und setzte es wieder hin. Es sah aus, als sei er vom Stillstehen ermüdet. Er hob ein anderes Bein und setzte es wieder hin. Bevor ich Zeit gefunden hatte, meinen eigenen Augen zu trauen, fühlte ich, daß das Karriol wirklich weiterrollte, wir standen nicht mehr still, wir fuhren wieder. Ich wurde sprachlos, ich konnte in keiner Richtung eine Meinung aussprechen. Das Karriol rollte schneller und schneller, ich sah Jens die lächerlichsten Bewegungen machen: er sprang. In verbissener Verbitterung wollte er mich selbst überreden, zu glauben, wir ständen noch still Wir stehen, wir stehen, natürlich! sagte ich. Zum Teufel, wir stehen! Und ich schloß die Augen, um nicht, zu sehen, daß wir uns wirklich vorwärts bewegten! So verging eine geraume Zeit, die Sonne begann zu sinken, und die Hitze nahm ab. Jens ging wieder in trägem Schritt. Ich war empört über ihn, er hatte meine ganze freudige Stimmung zerstört, mit lieber« legung meine Zeit vertrödelt; ich hatte noch eine gute halbe Stunde bis zur nächsten Station und würde kaum dorthin gelangen, bevor mein Skyßjunge von dort fortfuhr. Als wir die Höhe eines Hügels erreicht hatten, beschloß ich daher, ein wenig von der versäumten Zeit einzuholen, ich rief Jens an und hielt die Peitsche zur Seite hinaus, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Er erhob den Kopf und glotzte ein wenig zurück, als verstände er mich nicht. Ich werde mich ein wenig deutlicher ausdrücken! sagte ich und knallte ihm eins um die Schenkel. Er blieb stehen! Es lag keine Möglichkeit vor, daß ich mich selbst täuschte: Jens stand zum drittenmal unerschütterlich still. Ich griff fest um den Peitschenschaft und richtete mich im Karriol auf; ich war fest entschlossen, die Sache im offenen Kampfe zu entscheiden, es mochte gehen, wie es wollte. Im letzten Augenblick konnte ich mich jedoch bezwingen. Ich empfand in diesem Moment keine Spur von Furcht; wenn es ein Löwe gewesen wäre, wäre ich darauf los gegangen. Aber ich besann mich und ließ die Peitsche los. Ohne ein Wort über meine Absichten zu äußern, stieg ich aus dem Karriol aus; ich hatte meinen Plan dabei. Es konnte nämlich keinem Zweifel unterliegen, daß dem Pferde etwas im Wege liegen mußte. Ich ballte die Fäuste, bereit, allem entgegenzutreten, und ging vor zu Jens. Ich konnte nichts entdecken, ich blieb fast enttäuscht stehen und beugte mich zum Boden nieder, um ihn gründlich zu untersuchen. Kies — nur Kies überall. Das einzige, was ich entdeckte, war ein abgebranntes Streichholz. Ich ging zurück und setzte mich wieder hinauf — nun sollte es biegen oder brechen! Ich schrie Jens fürchterlich an, schwang die Peitsche und gab ihm einen Klaps. Jens sprang mit dem Hinterteil in die Höhe und stand wieder still, wie vorher. Das half also nichts, ich mußte wieder hinunter. Ich ging wieder vor zu Jens, drückte mich dicht an ihn und sah ihm ins Gesicht. Er tat in seine Verstocktheit, als merke er es nicht Ich kniete nieder, blickte hinauf in ferne Augen und folgte der Richtung feines Blickes. Worauf starrte er? Ich fiel aus den Wolken, es war wirklich das kleine Streichholz, auf das er starrte! Ich schämte mich für ihn. Hatte es denn einen Zweck, von einem solchen Streichholz soviel Wesens zu machen? Ich ging mehrmals um das Karriol herum, um zu überlegen, wie ich dem Tier zusprechen sollte. Wie er nur daraus komme, mir all die Ungelegenheiten zu bereiten? Hätten wir etwa im Voraus verabredet, daß wir bei jedem Streichholz, das wir am Wege finden würden, Haltmachen wollten? Ob er wohl meine, daß er das verantworten könne? Ob er ein Pferd von Ehre sei, was? Er verzog keine Miene. Ich setzte ihm scharf zu, ich machte ihn in schlimmster Weise zum Narren, hatte ihn ganz offen zum Besten. Ein Streichholz! sagte ich verächtlich, eine Ware, die ich in ganzen Paketen fortschenken konnte, -ob er das verstehe! Es hätte Tage gegeben, an denen ich in allen Tafchen Streichhölzer gehabt hätte, so wenig reich ich auch aussahe. Wirf em Streichholz auf den Boden, sagte ich, bitte mich, es aufzuheben und sieh, ob ich es tue! Er ließ sich durchaus nicht stören, er senkte den Kopf und starrte wie bisher vor sich hin. Da wurde ich äußerst wütend, ich hatte den Eindruck, daß er mich ganz überhörte, und daß er tat, als kenne er mich nicht. Was sollte ich tun? Ich ging auf dem Wege hin und her, fluchte und zuckte wütend die Achseln. Mit zitternder Stimme wandte ich mich dann wieder zu ihm und versuchte ihn mit schlagenden Argumenten zu überreden. Ob es vielleicht ein bedeutenderes Streichholz fei? Stehe es — wenn ich fragen dürfe — auf der Weltkarte? Wollte er mir etwa einbilden, daß es ein ungewöhnliches Streichholz sei, das kennen zu lernen ein wahres Vergnügen bereite? Ich schrie lauter und immer lauter und focht mit den Armen herum. Jens blickte schließlich auf; er merkte, daß es Ernst war. Ich wollte den günstigen Augenblick benutzen, ergriff die Zügel und stieg hinauf. So, endlich konnte ich die Fahrt fortsetzen. Na? Es galt also nur zu erreichen, daß er den ersten Schritt machte, bann ging die Sache ganz von selbst. Er muhte ein Bein aufheben, bann folgten bie anbern nach. Natürlich, welches Bein er selbst wollte, er hatte bie Wahl. Na? Aber Jens ging durchaus nicht. Er senkte roieber ben Kops und begann von neuem vor sich hinzustarren. Da ergab ich mich, ich fiel wirklich zusammen. Nun war es mir ganz gleichgültig, wie es enben würbe. Ich zog bie Decke über mich unb begann mich für die Nacht einzurichten. Jens zog ich überhaupt nicht mehr in Betracht. Wer wußte, wie lange er ba noch stehen wollte? Wer konnte bafür bürgen, baß er überhaupt noch an bie Reife bachte? Kein Teufel konnte riechen, ob er sich vor morgen früh von ber Stelle rühren würbe! In jebem Fall, sagte ich zu mir selbst, habe ich getan, was ich konnte; es ist nicht mehr meine Schulb, ich wasche meine Hände. Da sehe ich unten am Hügel ein Karriol, bas uns entgegenkommt, selbst Jens stellt bie Ohren auf unb wiehert. Es war mein Skyßjunge, ber sich auf ber Rückfahrt befanb. Er machte erstaunt halt und betrachtete uns. Da sprang ich ab und erzählte ihm, was mir widerfahren war. Der Junge wandte sogleich sein Pferd um und erbot sich, voranzufahren; Jens sei störrisch, sagte er, Jens müsse sozusagen mit einem andern Pferde gefahren werden. Ich stieg wieder auf. Dieser Einfall, mit einem Führer, einem Vorreiter, war würdig eines Mannes in guter Stellung und gefiel mir sehr; es war wirklich dasselbe, als wenn man mit zwei Pferden fuhr. Ich vergaß und vergab, was sich vorhin zwischen Jens unb mir ereignet hatte. Ich kam in beste Stimmung und begann ein Lied zu summen. Unb Bäume unb Steine unb Häuser tanzten an meinen Augen vorbei, inbem wir baran vorüber sausten. So fuhr ich mit zwei Pserben in bie Station ein. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. 6. H., Berlin. «Fortsetzung.» Katarina lachte unb setzte sich zurecht, inbem sie schwungvoll bie Knie kreuzte, nahm eine Zigarette unb bot auch Peter eine an. „Sie sind ganz unmöglich, lieber Peter Geyck! Ihr Selbstvertrauen ist erstaunlich." „Ich fürchte, Katarina. — Katarina, ich möchte trotzbem mit Ihnen ein Wort sprechen bürfen. Ich habe in Neuruppin lange darüber nachgedacht. Ihr Freund Möncke wird uns, denke ich, noch nicht stören? Ich kam etwas früh, und er kommt immer zu spät." Peter legte die Zigarette weg und die Fingerspitzen seiner starken, fleischigen Hände bedächtig zusammen und blickte Katarina fest an. „Es ist ziemlich ernst, Katarina. Es muß einmal gesagt werden. Auch, wenn es die Tür zuschlägt.. „Lieber Herr Geyck--" „Ich kam mit der Absicht von drüben, um sestzustellen, ob Sie noch ben gleichen Einbruck auf mich machten wie bamals. Ich werbe beutlicher fein. Meine Ehe hat mir brüben manches verleibet. Ich habe Sie nun wiebergesehen, Katarina. Sie machen ben gleichen überroältigenben Einbruck auf mich. Nein, noch viel stärker. Ich habe Sie nicht vergessen — es ist so. Es kam immer roieber. Es lag natürlich auch an meiner nicht glücklichen Ehe. Sie waren ganz anbers: herrlich, so ganz bei ber Sache ... Ich meine — ich brücke mich ungeschickt aus —: Sie waren so wunberooll warm unb wahrhaftig, schön unb leibenschastlich — ich möchte sagen: eine ergreifenb menschliche Frau, einzig unb richtig. Ich kann es nicht anbers sagen." „Es genügt unb ist jetzt verboten... Uebrigens ist das zu lange her. Das ist ja alles Unsinn, Peter!" „Ich fand, daß Sie niemals so Sie selbst waren. Wie soll ich sagen? So vollkommen frisch unb reif wie jetzt. Sie selbst in höchster Entfaltung." „Sie sinb burch Ihre Scheibung ober Befreiung in gehobener ober überschwenglicher Stimmung ..." ,^sch habe es gebüßt. Evelyn war kaltes, oberflächliches, hysterisches Feuer, genußsüchtig unb bann bösartig unb zu jebem Flirt geneigt; aber bas tarn später. Sie wissen, ich habe bie Dinge inzwischen einfach unb nüchtern sehen gelernt. Auch biefe Dinge. Auch bie scheinbar schwierigen Dinge. Die Dinge sinb gar nicht so schwierig. In keinem Fall." „Was für Dinge?" „Nichts ist unabänberlid) — sollte es nicht unbebingt auf Biegen ober Brechen sein!" sagte Lorb Peter fest, unb bie Muskeln in seinen vollen Wangen bewegten sich. „Ich weiß, bas es ungeheuer kühn unb anmaßenb ober unverschämt ist. Aber meine Entschulbigung ist meine Verehrung — unb meine große Liebe. Sie sinb eine unabhängige, großartige, nicht enge unb ängstliche Frau. Bebenken Sie bas, Katarina! Es ist nicht bloß unverschämt, es ist auch ernst gesprochen. Es geht immer um ein Stück Leben: Je älter man ist, befto wichtiger ist bas Stück Leben unb sein Verlust. Auch für mich. Sie fällten es in Freundschaft auffaffen und vorurteilslos prüfen! Es ist — ich schwöre Ihnen — kein Zynismus! Ich „Wollen wir ein leichtes Abendbrot nehmen?" schlug Peter vor und bestellte Pfirsichbowle. Katarina wünschte kein Abendbrot. Wil wollte zwischen sieben und acht wieder in Berlin sein und sich mit einem berühmten modernen Komponisten treffen, mit dem er einmal auf einem Ozeandampfer gegondelt war. Wil wollte Katarina mitnehmen. Der Meister werde sie bestimmt ertragen. Peter bestimmt nicht. Fremde Herren streng verboten — nach Wils Ansicht. Ein Donner krachte, daß die Erde bebte. Die Spree schäumte und wogte, wie ein Meer. Peter goß Bowle ein. Wil lachte: „Ich dachte eben an Rostock und Onkel Mönckes Garten! Erinnern Sie sich an das Gewitter, Kat?" Katarina erschrakt tief innen im Herzen. „Natürlich!" Ihr Gesicht strahlte, als zeige er ihr ein unerwartetes großes Glück. „Julia und ich saßen hoch oben im alten Birnbaum..." „Ich saß tiefer, mit dem Pflückbeutel und dem Korb, und — fraß." „Aber es kam noch viel toller herauf als hier, Wil! Von der Ostsee herüber — es war in fünf Minuten da. Julia stieg still herab, ich rutschte auf Sie, Wil, und plötzlich lagen wir alle drei unten, mit einigen gebrochenen Aesten, die unser Glück waren." Sie lachten leise. Es blitzte wieder grell. „Oh, ich weiß noch! Julia sagte: ,Es hat den Baum getroffen!' und betastete sich vorsichtig. Sie, Wil, lagen lang ausgestreckt auf der Erde und lachten lautlos — und ich hing immer noch zitternd an Ihnen und betastete mich auch und war wütend über Ihr schüttelndes Lachen, das ich bloß spürte." Er nickte und lachte, wie damals in sich hinein. „Ja, Kat —!" Kat erinnerte sich unheimlich genau an jede Einzelheit. Es hatte bis dahin immer bloß ein harmloses, geschwisterliches Hin und Her zwischen ihnen gegeben, Wil war ein hart in sich versponnener, etwas scheuer und täppischer Anbeter und Verehrer gewesen — aber als sie so dicht an ihm gehangen und die krampfhafte, wilde Erschütterung seines Körpers gespürt hatte, da war ein Schauer in ihr Blut geschlagen, zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie sich stumm und erschrocken losgelöst und rasch erhoben hatte. Damals war sie Studentin der Musik gewesen, blutjung, und Wil ein etwas älteres Semester der Rostocker Universität. Die Ferien waren fast zu Ende; es waren Katarinas letzte Ferien in Rostock gewesen ... Sie sahen einander, blaß in dem Gewitterlicht, an. Peter war nicht mehr da. „Noch ein wenig Bowle, gnädige Frau?" fragte Herr Peter Geyck. „Und dann die Fahrt bei dem andern Gewitter Über den See, Kat —! erinnerte Wil. „Wissen Sie noch, Kat?" Sie leuchtete und nippte an ihrem Glas. Peter trank bekümmert. „Oh, ich weiß noch genau, Wil! Oll Schwarz, der Schiffer, hatte das .Schwert' vergessen und jammerte über das fehlende .Swert'. Zwölf Leute im Kahn und ohne .Schwert'! — .Man bloß nicht versupen, oll Schwarz!' mahnte Julias Papa. Und Sie, Wil, arbeiteten rasend mit einem Brett, das das .Swert' sein sollte." „Es war herrlich: die schönste Fahrt meines Lebens, Kat! Wissen Sie auch, Kat, daß sich dabei mein Leben ein bißchen entschied? Als ich damals schwitzte, sluchte und mit dem Brett herumtobte, da lösten sich mit einemmal alle verhedderten Stricke meines Wesens, und das Abenteuer und die große Welt lachten über mir, wie eine stürmische Verheißung. Es war, wie mit einem Schlage, klar entschieden: Bloß fort, mit Füllfederhalter und Frechheit! Und ich machte schleunigst meinen Doktor und gab alle Futterkrippenweisheit reuelos auf." „So ist es immer, Wil!" sagte Katarina leidenschaftlich. „Man kann nichts gegen fein Schicksal tun! Ich kenne das. Mit einemmal, wenn man ganz verzweifelt ist oder unentschieden dumpf — beim Strümpfeanziehen oder mitten in der Badewanne — ist es plötzlich da, und man springt auf..." „Genau so. Man kann sich bloß heranwühlen. Oder noch anders und besser, Katarina: es nicht zu ernst nehmen. Zuviel Ernst macht fchwer- sällig, dämlich und ängstlich!" „Ja, Wil: Nicht zu schwer nehmen ..." Peter war anderer Ansicht. Blitz und Donnerschlag... Das Wasser spritzte unter dem dicken Regen, und weit drüben stand die Waldmasse in scharfem Umriß, ernst, dunkel und schön, wie das gefährliche Leben vor blaugrauem Schicksalshimmel. Lord Peter räusperte sich. „Wollen wir nicht doch ein leichtes Abendbrot--?" Da sank der Kleinmut wieder auf Katarina herab, wie eine brennende Verzweiflung. Ach, Peter, du störst mich — du störst mich entsetzlich! dachte sie und sah in dem magischen Gewitterzwielicht alles seltsam klar und endgültig wahrhaftig. Es kam immer einmal dahin, daß man litt... Nichts zu ernst nehmen —I Lieber, guter, famofer Wil! Ja: Jede Entscheidung kommt plötzlich, wie Blitz und Schlag. Eine grelle z Flamme zischte über den Himmel. Sie schloß die Augen davor. Wie in [ einer Vision sah sie Louis Hasselbrink in der Ferne, ganz fern, blaß und seltsam deutlich, merkwürdig fremd, ernst und bedrohlich, gespenstisch s und doch leibhaftig, und mit einemmal wurde ihr blendend klar, was es i hieß, gebunden zu fein, ewige Bürgerin am Tulpenweg, ohne Weite — Echo — Gefahr und Glück, ohne Angst und Lust und-- i Der blonde, braune Wil sagte etwas und lachte hell. Das tat ungeheuer wohl. Sie hatte nicht darauf gehört. Vielleicht war es wieder eine Erinnerung ober ein neues tröstliches Wort? Sie fror in der Schwüle. „Ob wir es wagen können?" fragte sie (aut. „Natürlich!" sagte Wil Lieber, prachtvoller Wil! „Also ich denke, wir riskieren es?" schlug er vor und nahm, als müsse er sie beruhigen oder wecken, mit langsamem Griff ihre fiebernde Hand. (Fortsetzung folgt.) weiß, was ich sage. Ich liebe Sie sehr. Ich möchte Sie haben. Ich wage viel und alles. Gut: Ich bin toll!" Also er, Peter, war die richtige, die leibhaftige, lebfrische Zukunft? Ach nein! Äch nein! Da saß er wieder selbstgefällig fid) feines pra$t= vollen Wertes, feiner älteren Rechte und feiner jüngeren Jahre bewußt, als großartiger Lord Peter, der die Dinge einfach und unverwickelt nahm und die Welt mit fröhlich-entschlossenem Ernst in die Tasche fterfte, soweit er sie nicht schon drinhatte. Zum Lachen und Umstchhauen. Verschwinde! Löse dich auf! Verdufte und verfliege! Er dachte nicht dran. Er faß mit festem Fleisch da und sah sie mit hellen, runden Truthahnaugen an, die durch ein strahlendes Licht vom Fenster her verschönt wurden. .. Also- Ich danke Ihnen, lieber Herr Geyck. Es ist alles gründlich überlegt Das geht wirklich nicht. Und das geht alles bestimmt vorüber — in Ihren Jahren... Und nun wollen wir verständige Freunde sein und nicht mehr davon reden." „Also — keine Chance?" „Nein: keine. Noch weniger als — Scribles. „Ach, der! Tut mir leib... Tut mir unaussprechlich leib, Katarina... Es "ist meine Schuld. Ich verdiene es natürlich. Unaussprechlich leid.... Ich habe es manches Mal geahnt... Ich bin traurig. Furchtbar traurig, Äataj)as gel)t vorüber, Peter. Es ging auch damals vorüber. — Holla, da 'ist Wil!" , , ■. ■ Durch die Tür schritt gelassen der lange, gebräunte Herr mit weizen- hellem Haar, etwas tief liegenden Augen von der Farbe frisch gebrochnen Eisens und mit spöttischer Unterlippe, wie bei Julia. Ein Möncke-Erbe. Dieser lange, braune Mensch sah ganz genau so aus, als roenn er im nächsten Augenblick mit Katarina allein davonfahren mochte. Er tat immer, was ihm gerade einfiel und andern Leuten nicht behagte. „Mama nicht daheim?" fragte Wil. „Bridge in Babelsberg." Tüinnfuhren sie in Peters offenem Leihwagen ab. Wil faß bescheiden auf dem Rücksitz und sprach nicht viel. Seine Zähne blitzten mitunter, als lächle, „grinse" er — wie damals in Park-Avenue am East River. Jetzt war man allerseits unbefangener und gereifter. Bloß Peter, der Großarchitekt von drüben, sah noch verdächtig jugendlich und elastisch aus und war dazwischen munter und lärmend, wie em Mann, der es geübt und gelernt hat, mit den Dingen „einfach und nüchtern" fertig zu werden... ' „ Es war bezaubernd hübsch da draußen: Blaues Wasser mit Dampfern und Booten und an den Ufern Helle Terrassen mit bunten Blumen und Menschen. Sie hielten an der Bogendrücke zur Abtei und gingen hinüber auf die Insel mit den schönen, alten Bäumen. Es war voll auf der Insel; die Berliner Konditoren feierten ein Fest, viele blühende, lebhafte Gestalten, zu denen Peter vorzüglich paßte, natürlich als Großkonditor. Katarina sah belebt und befreit umher: Das war luftig. Sie saßen vor einer großen Kaffeekanne. Musik schmetterte: richtige Blechmusik mit stampfender Pauke, so war alles in bester Ordnung. Hinter den Saalbauten aber gab es eine „Festwiese" mit hohem Betrieb; man hörte ihr Juchhe, wenn die große Pauke sich erholte. Wil schien wieder seinen Schönholzer Tag zu haben. „Kommen Sie mit, Katarina?" fragte er nach einer Weile. „Aber jemand muß auf den Tisch aufpaffen!" sagte er höflich, die Zähne zeigend, zu Lord Peter. Katarina erhob sich, nach kurzem Besinnen, rasch. Und Peter steckte sich entrüstet eine frische Zigarre an. Dieser Möncke hatte eine unbefangene Art, die in der afrikanischen Steppe vorzüglich am Platz fein mochte... Doch als auch er auf der Festwiese anlangte, schwebten Wil und Katarina eben auf einer Luftschaukel in den Himmel empor. Möncke winkte tröstend mit der Hand zum Abschied herab. Als sie wieder herunterkamen, schossen sie felbbritt an einer bunten Bude. In den Saalbauten klang Tanzmusik. Es mußte nach sechs fein, aber es war über den großen Bäumen auffällig dunkel Peter fah hinauf. Auch Wil sagte: „Nanu?" Da oben war ein seltsam wirbelnder Betrieb: Die Kellner gingen eilig daran, die roten Tischtücher zufammen- zulegen. „Kommt was?" „Unsre Wetterecke!" „Ich schlage vor —", sagte Peter und wies auf den massiven Loggienbau am Rande der Insel. Katarina war willenlos und gleichgültig. Ach, was sollte man noch hier? Sie ging folgsam zwischen den Herren. „Kann nicht sehr lange dauern, Kat", tröstete Wil, dicht an ihrer Seite. Vor dem herabgelafsenen breiten Fenster war ringsum Wasser; links drüben eines Strandlokals leergespülte Terrassen mit festlichen Blumentöpfen; rechts drüben Rummelsburg; Dampfer und Kähne dazwischen; vor ihnen, weit drüben, dichter, dunkler Wald: der Treptower Park. Es zog kühl und stürmisch herein. Vorhänge und Tischtücher flatterten; Speisekarten flogen zu den Fischen ins Wasser. Blitz und Schlag schon ganz nahe. Man atmete auf, genoß die rauschende einsame Weite, das aüfgreöenbe Licht vor bem schwarzen Wald, bas ganze büster-klare Bilb, burch bas bie Dampfer gebückt hinter einem Regenvorhang zogen. Man war bem Element ganz nahe — bas war herrlich! Katarina siirchtete sich nicht. Ihre Augen blickten groß; ihre Lippen schimmerten wärmer; ihre Haut war blaß. Peter fah bekümmert auf sie. Auch Wil hatte einen harten, heitern Silberglanz im Auge, warf einen langen prüfenben Blick zu ihr hin ... Sie selbst war bas Element. Nixe. Melusine. Kein Wesen bie,er Tränenwelt! Balb Frau Katarina Hasselbrink ... Wils Augen würben klein und schmal vor Hohn Man mußte bas Fenster schließen. Nun war es stiller, bürgerlich- alltäglich. kLeran'wortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerel, R. Lange, Giehen.