SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 85 Zreitag, den 2. November Jahrgang 1934 9Gas S^CalsGand / (Fortsetzung.) „Der Zug nach München geht unter Mittag, Wingart. Mutter weiß Bescheid, deine Sachen sind in aller Stille vorbereitet, du kannst heute schon fahren, wenn du willst." „Aber lieber Vater ..." „Wir wußten, daß du bestehen würdest, mein Junge." Reußner Vater hatte eine schüchterne Träne im Auge, die denn auch gleich wieder versickerte. — Er hatte ein bißchen spät geheiratet und war alt geworden, ehe der Sohn recht groß wurden aber nun war ja noch alles erreicht, was er sich zu erleben gewünscht hatte. Sein Sohn war Mulus, bezog die Universität, und in einigen Jahren gab es einen jungen Doktor Reußner. Er war müde, er würde sich zurückziehen; mochten dann Brendel und der Junge hier schalten und walten. Während der Justizrat sinnend den Band „Kolonien" aufschlug, nahm Brendel „Europa" beiseite. „Darf ich auch hier einmal hineinschauen?", bat er. Der Justizrat nickte, „Selbstverständlich. Hannover müsse» Sie sich ansehen", meinte er, „Thurn und Taxis, vor allem auch Sachsen." Brendel war bei H: Hannover. Er schlug um, Helgoland. Dort fehlte die Marke. Man sah es sofort, ein Glück, daß der Justizrat in diesen Tagen seine Sammlung nicht hervorgeholt hatte. Brendel führte die Hand zum Munde, hüstelte, feuchtete den Klebefalz an und klebte die Marke erregungslos in das Album. Die richtige Marke!? Gott sei Dank, ja. „Sehr schön", sagte er, ein profunder Philatelist, „auch Helgoland tft hervorragend." , , t , ,. _ ., Der Justizrat strahlte. „Kommen Sie her", forderte er, „hier Reichs- post, China, Ueberdruck, Fehldruck 1899. Was suchen Sie denn noch? „Sachsen", agte Brendel vollkommen ehrlich. r t Seite 210", half prompt der Justizrat. Und Brendel schlug auf, fand die Fehlstelle, und praktizierte die Marke, die einmal zwei gute Neugroschen gekostet hatte, an die vorgezeichnete Stelle Er wollte sich hierauf gerade dem Justizrat zuwenden und der Chinareichspost, als sich die Tur in die Wohnräume öffnete und der junge Wingart heremkam. „Störe ich?" L „ „Durchaus nicht, mein Junge, komm herein. . Ueber Wingarts leuchtendes Gesicht huschte es wie ein dusterer Schatten. Er sah die aufgeschlagenen Briefmarkenalben und der Schreck fuhr ihm sofort in die Glieder. Mit hilfesuchendem Blick sah er Brendel an. War es doch zu spät gewesen, hatte der Vater zu früh seine Markensammlung angesehen? Saß Brendel noch da, ratlos, mit den beiden ^Brendel errie^d^ese Sorgen, aber er konnte dem sungen Mann kein Zeichen geben, denn der Justizrat sah sie beide mit. schein Lächeln an; in Unruhe aber den Jungen zu lassen, war er nicht grausam^ge- nua Deshalb sagte er keck: „Sie sollten sich einmal für diese Sammlung Ihres alten Herrn interessieren, Wingart. Ich hnbemir eben Helgoland und Sachsen angesehen, also es sind ganz prächtige Stucke darunter. Sachsen 2 Neugroschen, die Marke habe ich noch heute morgen im Laden ausgestellt gesehen; kostete 550 Mark. Helgoland, ine rote Dre,- Schillingsmarke war nicht unter 600 Mark zu haben. „Das sind nicht einmal meine besten Stucke', sag^ der Justizrat Eifrig und erfreut. Wingarts Züge überflog em Leuchtern Aber der Justiirat fuhr fort- Billig ist das übrigens mch., was der Hanoier fiir 'die beiden Marken b? haben will; wenngleich man °uch mch sagen kann, es sei unbedingt zu teuer für d,e genannten Stucke Brend ließ den Jusiizrat ausreden, dann fuhr er weiter fort und.in seinen Mundecken faßen Spott und Ernst gemischt .Wenn ^hr Herr MP «- -->»° mch' h°> Ed Z7"d-N »«I " djL ”üd,,r UMLS-EE- Wftf -7 sg äft »es '»m d« junge SBingart Ir.tmll W* . «?“ «' , ™ ’ä.elem SW Ä» -oa cswä — - "** doch gern, daß Mutter und du mich zur Bahn bringt. OMAN ON FRANK F. BRAUN Der Jusiizrat klappte die Kolonien zu. „Gewiß", versprach er, „sag« Mutter, ich wäre in zehn Minuten soweit." Wingart Reußner ging hinaus. Er nickte Brendel zu. „Sehen wir uns noch?" „Nein", sagte Brendel, „aber ich hoffe. Sie werden manchmal eine Ansichtspostkarte schreiben?" Sie gaben sich noch einmal die Hand.' „Alles Gute!" Der Justizrat schloß seine Bücher weg. Er war aufgeräumt wie selten. Er warf das Schlüsselbund in die Luft und. fing es wieder auf. „Der Junge muß hinaus ins Leben", sagte er, „er ist ein rechtes Mutterkind. Er muß sich den Wind um die Ohren wehen lassen. Haben Sie gemerkt, wie gerührt er war? Sie haben da ein paar nette Worte gesagt, dafür wäre er Ihnen am liebsten um den Hals gefallen." Brendel schämte sich ein bißchen, den Justizrat düpiert zu haben; er entgegnete nichts. Er blieb allein im Büro zurück. Der junge Mann im schwarzen Anzug gab die letzten Hoffnungen auf und verfügte sich an seinen Platz. „Wie ist es mit Lindemann kontra Lindemann, Herr Brendel", fragte er; „Frau Lindemann gibt an ..." „Wir bestreiten", sagte Brendel. Er stand am Fenster, sah auf die Straße. Im Auto fuhren Reußners mit dem Sohn zur Bahn. Wingart trug nicht mehr die weiße Mütze; er sah älter und erfahrener, als er in Wirklichkeit war, unter dem grauen Filzhut aus. Er winkte noch einmal und nahm den Hut ab. Brendel winkte zurück. Dann verschwand der Wagen. Start, dachte Brendel; mit tausend Masten — man sagt wohl letzt besser PS Er wird es im Leben leicht haben, der gute Wingart. Er ist empfindsam, weich und impulsiv. So wird es ihm gegeben fein, alle Möglichkeiten des Lebens zu erfühlen und aufzuspüren; beide: Lust und Leid. Aber er wird keinem Gefühl verfallen. Er wird durch alle hindurchgehen wie durch einen linden Regen, erfreut und beglückt — traurig mit ein paar echten Tränen. Wünschen wir ihm, daß er rechtzeitig die Meilensteine erkennt; und daß ihm nicht zu früh, solange er noch stürmt, Mensch ober Stunde begegne, die es nur einmal gibt. Aber was geht mich das an, wie komme ich darauf? Richtig, an Mita dachte ich, an Wingarts große Liebe zu meiner, kleinen Kusine, die nun so unwichtig geworden ist. Ein Lächeln überzog sein Gesicht und machte es hübsch, daß rasch das eine Fräulein hinter der Maschine die Kollegin anstieß. Wie nett er aussehen kann Kleine Kusine, dachte er nochmals und nahm sofort das schmückende Beiwort zurück, du bist ja gar nicht klein, hast hohe schöne Beine, die der Luzius so verzückt anstarrt, wenn du dich abwendest — du wirst noch viel weniger an Wingart denken, als er an dich. Und wenn du und der Luzius beide so tut, als seiet ihr sehr fremd, ich habe eure Blicke belaufcht, wenn ihr euch unbeobachtet dachtet. Du siehst den Luzius an und der Assessor dich. Aber ihr versteckt euch voreinander. Und das ist richtig. Denn das Spiel des Lebens geht nach dieser Regel. Vergeßt nur nicht, euch zu finden . . . , Wenn man den Teufel an die Wand malt, kommt er, lagt der Volksmund. Luzius, man kann an Luzifer denken. Ein sympathischer Teufel. Nur ein bißchen gedrückt heute morgen, ober irre ich mich? Denkt er gerade tief nach? ... Brendel irrte sich nicht. Luzius betrat das Büro, grüßte gemessen in die Runde und nahm Brendel beiseite. „Wo kann ich Sie ungehört und ungestört eine Weile sprechen." „Gehen wir in des Justizrats Zimmer , schlug Brendel vor. „Der alte Herr bringt seinen Sohn zur Bahn; er bleibt gewiß noch eine Viertelstunde weg." „ _.. „Ich halte Sie nicht lange auf." Luzius sah sich um. War die Tur auch gut zugezogen? „Zigarre, Zigarette, Schnaps?' Nichts- danke sehr, Brendel " Luzius fetzte sich. Er sah ferne Nagel an," die waren blank und glänzten. Er hüstelte. Es war offenkundig, er "suchte einen passenden Anfang für dieses Gespräch und sand ihn nicht gleich. „ ,, , . . Brendel lächelte. „Also wie war es gestern nacht; am besten wird fein Sie fangen dort an zu erzählen, als Sie mich verließen. Ich habe bis um 11 Uhr auf Sie gewartet und bin bann ins Bett gestiegen. Kennen Sie den Tango: Ich schenke dir die letzte rote Nelke...?" „Nein." __ ., „Ich habe die Platte Wenn Sie bei mir sind, erinnern Sie mich daran Sie müssen ihn hören." Wollen wir nicht lieber ernsthaft sein, Brendel" Brendel stutzte. Was gab es, was war in den Assessor gefahren? Dieses gequälte Lächeln war sa nicht mit anzusehen: „Entschuldigen Sie", jagte er, „ich kann im Augenblick nicht das Maß Ihrer Anschauungen über eine Tangoplatte erreichen; vielleicht sprechen Sie. Das mag den von Ihnen gewünschten Ton angeben." Luzius stimmte mit einer Kopsbewegung zu. Er atmete hörbar aus und sagte abrupt: „Waren Sie in letzter Zeit in Geldverlegenheiten, Brendel?" _ „Warum?" Brendel unterdrückte ein Lachen. „Wollten Sie mich anpumpen?" „Ernsthaft, wenn ich bitten darf!" „Sie sind ein seltsamer Kauz, Luzius. Ich könnte Ihren Ton krumm nehmen; aber ich tue es nicht. Ich kenne Sie zu gut und zu lange." Er hustete. Was für Reden mußte man hier halten! „Also was wollten Sie wissen? Richtig Nein, ich bin keineswegs in Geldkalamität und stehe gern zu Diensten." Luzius überhörte diese letzten Worte; er klammerte sich an den Satz, der vorher gefallen war. „Glauben Sie, da Sie mich lange und gut kennen, daß ich Ihr Freund bin?" Brendel hatte Denkrunzeln auf der Stirn. „Freund!", wiederholte er, „ach, das ist so ein Allerweltswort geworden und verstellt den Sinn. Aber wenn Sie es so meinen: wahrscheinlich verbindet uns eine Sympathie, die gemeiniglich Freundschaft genannt wird. Aber wozu bedürfen Sie solcher Erklärung am Morgen auf nüchternen Magen?" Luzius sagte ganz ernst: „Ich würde auch zu Ihnen stehen, Brendel, wenn irgend etwas geschehen wäre, das Sie heute nicht mehr verantworten können." Brendel nickte; zu sagen war da ja wohl nichts. „Dies wollte ich vorausschicken für alle Fälle. Und nun darf ich Ihnen sagen, daß sich meine ganze Seele dagegen wehrt, daß ein Gefühl nein sagt — und doch ist da wie ein Keil etwas in das Hirn gehämmert: der Beweis, den ich nicht deuten kann, vor dem ich stehe und nicht begreife." „Was heißt denn das?!" Luzius sah auf, er löste die Hände auseinander; sie waren ganz feucht geworden, so hatte er die Finger geknetet in Verlegenheit und Nöten. Jetzt sah er Brendel mitten in das Gesicht und sagte ein Wort, das eine Wort, das hier Klärung bringen mußte: „Auerbach!" Brendel blinzelte unter diesem starren Blick, er drehte sogar den Kopf weg. „Was heißt das?" fragte er nochmals. „Sie kennen den Namen Auerbach, er bedeutet Ihnen etwas?" „Gewiß. Eine Frau Johanna Auerbach gehört zu unseren Klientinnen. Ehescheidung wegen böswilligen Verlassens. Sie lebt auf Reifen." Luzius Augen glänzten. „Schicken Sie der Dame Briefe postlagernd? Hauptpofllagernd vielleicht?" „3a", gestand Brendel, „woher wissen Sie das? Ich schrieb der Dame über den Stand ihres Prozesses zuletzt gestern nach Hannover. Hauptpostlagernd. Die Frau Auerbach hat noch keine Wohnung dort und wußte auch das Hotek nicht vorher anzugeben; vielleicht reift sie auch weiter..." Luzius griff an feine Brust, griff tief hinein dort, als wolle er fein Herz vorzeigen, aber er holte nur einen der Briefumschläge aus der Innentasche. „Kennen Sie dies Kuvert?" Brendel sah es kurz an. „Nein", sagte er, „aber das ist meine Schrift. Diese Umschläge verwenden wir nicht. Aber das ist zweifellos meine Schrift! Ich habe gestern an Frau Auerbach geschrieben, habe ihr Dokumente beigelegt und — zufällig — die Adresse selbst geschrieben und den Brief persönlich zugeklebt, damit keine Einlage vergessen würde." Er betrachtete diese fremden großen Umschläge. „Seltsam. Das ist ganz unerklärlich. Es ist meine Schrift und doch nicht. Sie muh abgepaust fein. Wer hat ein Interesse daran? Und dann: niemand hat die Post — ich meine gerade diesen Brief! — gesehen oder wenigstens in den Händen gehabt. Der Iustizrat wollte noch zum Bahnhof; er hatte dort im Reisebüro für Wingart die Fahrt zufammenstellen lassen, da gab ich ihm den Brief mit. Er hat ihn selber am Bahnhof in den Kasten geworfen." „Es geschehen Wunder", sagte Luzius; „aber sie müssen vom Teufel ausgehen. Ich begreife das nicht mehr. Gestern war ich fast gewiß, in Zurrhelm den Perlendieb zu haben, da stellt sich heraus, einwandfrei, daß Zurrhelm es nicht gewesen fein kann, der die Perlen nahm. Wingart war eine Weile in Verdacht. Jetzt weist die Spur gar auf Sie! Der Täter, der Dieb hat nämlich diese Umschläge geschrieben; er wünscht an diese Deckadresse Nachricht von seinem Vertrauensmann. Ich erzähle Ihnen das später ausführlich. Nun frage ich Sie, wer war noch nicht in Verdacht! Ist es nicht einfacher, so vorzugehen, und die wenigen zu beobachten, auf die kein Verdacht fiel? Es wäre zum Lachen, wenn man nicht erschüttert mitten darin stände!" „Sie wissen mehr als ich, Luzius. Ich kann Ihnen nicht raten. Wollen Sie mir die Ereignisse der letzten Nacht erzählen?" ,Mcht jetzt, Brendel, ich bitte Sie um Nachsicht. Später. Lassen Sie uns feststellen: es ist ganz ausgeschlossen, daß jemand den Brief, den Sie gestern an Frau Auerbach schrieben, für eine Weile in feinen Besitz gebracht hat?" „Ganz ausgeschlosien. Ich habe den Umschlag geschrieben und mich beeilt, da der Iustizrat bereits angezogen zum Ausgang in der Tur stand. Er nahm den Brief an sich und ging." „Schade", sagte Luzius. „Wir hätten den Dieb gehabt. Aber der Iustizrat kann unmöglich des Konsuls Perlen gestohlen haben." „Nein, das kann man nicht einmal im Traum annehmen", stimmte Brendel zu. Luzius stand auf. „Wohin wollen Sie? Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun, um Licht in die dunkle Affäre zu bringen?" „Ich habe einen Einfall", sagte Luzius. „3d) weiß nicht, ob meine Idee technisch durchführbar ist, aber ich hoffe es. Doch bitte, fragen Sie mich nicht. Wenn es mißglückt, will ich nicht noch den Spott zu tragen haben." „Aber wenn es glückt, den Triumph?" Luzius legte die Finger an die Lippen. „Es ist sehr unsicher", meinte er, „es ist nur eine Idee." Brendel gab ihm die Hand. „3m Anfang war immer die Idee. Glück auf, sagt der Bergmann; steigen Sie in den finstren Schacht und fördern Sie 3hre 3dee ganz, Sie Geheimnisvoller." Er sah dem Assessor nicht nach; er kam nicht dazu; der junge Gehilfe im schwarzen Anzug brachte einen ganzen Stapel Briefe und Akten. Mit der linken Hand schlug Brendel den obersten blauen Aktendeckel zurück; die Rechte griff mechanisch zu dem länglichen Stempel „Wird bestritten" und setzte ihn auf das Stempelkissen, ohne ihn loszulassen. Der Kerl hat doch wahrhaftig auch mich eine Weile in Verdacht gehabt! 3hm wurde plötzlich heiß, aber das ging rasch vorüber. Er sah Luzius wieder vor sich sitzen, wie er die Hände rang: Bin ich 3hr Freund? Er lächelte. Eine ganz unglaubliche Geschichte, dieser Perlendiebstahl verwirrt die allerbesten Herzen und Gehirne. 3d) glaubte, Luzius wolle eine kleine Anleihe aufnehmen — hält der Mann mich für den Perlendieb! Und er schüttelte den Kopf. Daß man ihn für einen Perlendieb halten konnte, erschien ihm sonderbar; von seinem Standpunkt aus gewiß mit Recht. Zehntes Kapitel. Assessor Luzius nahm eine Straßenbahn und fuhr in den Osten der Stadt. Dies war die Gegend der Fabriken und Werkstätten. Er hatte nicht vorher in der chemischen Fabrik angerufen, wo fein Bundesbruder Klarfeld den Posten eines Abteilungsleiters versah. Er rechnete, daß er Klarfeld jetzt am Vormittag bestimmt antreffen würde. Der Hof lag verlassen, aber als Luzius das Fabrikgebäude betreten wollte, hielt ihn ein Pförtner an und ließ ihn auch nicht eher los, bis von diese? Wächterloge aus telephonisch feftgeftellt worden war, daß Dr. Klarfeld tatsächlich den Assessor Luzius kenne, und zwar erstaunt aber auch erfreut bat, den Herrn sogleich vorzulassen. Luzius ging durch hallende Gänge, die nach scharfen Essenzen rochen. Karbol, 3odosorm, Lazarett... Fuhr nicht der weiße Wagen durch diesen Gang, mit dem Soldaten darauf, der noch in der Narkose lag und lächelte ... war das nicht der Stabsarzt im weißen Operationskittel ... wen haben wir da noch, Unteroffizier? Vizefeldwebel Luzius, Herr Stabsarzt, Steckschuß, rechter Oberschenkel... ,^)ier ist es", sagte der Pförtner und Führer. Die Gesichter verschwanden. Luzius sah das Schild an, Dr. Klarseld. Herein ohne anzu- klopfen. Er tat wie dieser Zuruf befahl. Klarfeld war in seinem Alter; sie sahen sich zuweilen bei abendlichen Veranstaltungen. Luzius war gewiß, daß dieser zeitige Besuch den Chemiker überraschen mußte. Er begann eine Entschuldigung, aber Klarfeld wehrte ab. „Sie haben etwas auf dem Herzen, sonst hätten Sie nicht diese Reise in den fernen Osten angetreten. Reden Sie frisch von der Leber. Womit kann ich 3hnen dienen? Kommen Sie in amtlicher Eigenschaft? Eine Analyse oder privat? Ich stehe zu 3hrer Verfügung." „Danke", sagte Luzius, „Sie erleichtern.mir die zehn Minuten außerordentlich. Ich habe allerdings eine Frage und dann wohl eine Bitte an Sie. Einen Auftrag besitze ich nicht, aber es handelt sich um die Entlarvung eines Einbrechers. Wenn Sie es wissen wollen: ich möchte ohne Skandal jemanden des Diebstahls überführen." Klarfeld winkte ab. „Sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann. Warum fitzen Sie noch nicht! Eine Zigarre gefällig? Nehmen Sie nur, für den fremden Besucher ist die Luft hier schwer erträglich. 3d) merke nicht mehr, daß wir neuerdings Desinfektionsmittel produzieren. So. Und nun schießen Sie los!" Luzius blies den Rauch zur Decke. „Die Frage", hob er an, „kann man Geldscheine mit einer Farbe präparieren, die unauffällig bleibt, jedenfalls für den ersten Blick, und die Wirkung hat, daß jemand, der die fo vorbereiteten Scheine in die Finger nimmt, zählt vielleicht, sich daran beschmutzt und diese Farbe nicht ohne weiteres wieder von den Händen entfernen kann?" „Natürlich kann man das", sagte Klarfeld. „Cs bietet gar keine Schwierigkeiten. Nur eben, der Mensch, der die präparierten Scheine anfaßt, wird die Farbe tatsächlich auf lange Zeit nicht wieder los. Er muß sich die Haut abreißen oder eine Beize anwenden, die er natürlich nicht kennen kann." „Das ist gut", sagte Luzius." Klarfeld fuhr fort: „Sie dürfen die fo vorbereiteten Scheine nur mit einer Pinzette anfaffen oder mit Handschuhen. Wollen Sie die Scheine jedoch in 3hrer Brieftasche tragen oder in ein Schreibtischfach legen, hat es keine Gefahr. Nur die war.me Feuchtigkeit der Finger löst die Farbe." „Und wenn jemand ganz trockene Hände hat?" „So viel Feuchtigkeit, wie nötig ist, um diese Farbe zur Wirkung kommen zu lassen, weist die trockenste Fingerspitze auf, lieber Freund." „Und in welcher Zeit lasten sich Scheine so zubereiten? Die Sache eilt nämlich." „Wenn es eilig ist, können Sie darauf warten." „Wahrhaftig? Das wäre das Beste." Luzius zog feine Brieftasche. Er überlegte kurz. Der Mann, wer er immer fei, wird heute zur Hauptpost gehen und nach Sendungen für Auerbach fragen. Man wird ihm einen feiner Umschläge geben, und er muß ohne Verdacht den Brief öffnen. Es ist möglich, daß er dies erst in feiner Behausung und bann sehr vorsichtig tut Wie immer er das anfängt, er wird die Scheine darin finden. Einen Schein wenigstens. Einen Hundertmarkschein. Kleine Beträge würden ihn sofort stutzig machen. Hundert Mark muß mir, nach all dem, was ich bis jetzt an Mühe aufwandte, dieser letzte Versuch werk sein, wenn er nicht zur Entdeckung des Täters führen sollte. Hm. Der Schein liegt vor dem Burschen auf dem Tisch. Er ist verwundert; er erwartete wenigstens ein paar hundert Mark! Er nimmt die Note auf, dreht sie um, sucht einen aufklärenden Zettel — dabei färbt er sich die Hände gründlich. Luzius nickte. So würde es geschehen; jo, ober ganz ähnlich. ^Fortsetzung folgt.) 3m Herbst. Bon Theodor Fontane. Es fällt das Laub wie Regentropfen jo zahllos auf die Stoppelflur; matt pulst der Bach wie letztes Klopfen im Todeskampfe der Natur. Still wird's! Und als den tiefen Frieden ein leises Wehen jetzt durchzog, da macht' es sein, daß abgeschieden die Erdenseele auswärts flog. Tom von prince, ein preußischer Offizier. Von Hans Schwarz van Berk. Tom von Prince, Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter fiel am 4. November 1914 in Tanga durch eine englische Kugel. Sein abenteuerliches Leben war erfüllt von preußischem Geist. Sohn eines Engländers — preußischer Offizier. Den Matrosen anvertraut, fährt ein Junge in einem Segelschiff von einer kleinen Insel im Indischen Ozean nach Hamburg. Als Leutnant a. D. hingt ihn ein Dampser wieder hinaus an die Ostküste Asrikas. Seine Litern hat inzwischen das gelbe Fieber dahingerafft, eine deutsche Mutter und einen englischen Vater, der Polizeipräfekt in den Kolonien var. Nun ist er allein, und als ein Einsamer beginnt er sein Lebens- verk. Seine Eltern hätten ihn auch nach London schicken können oder rach Cambridge oder Oxford, und er wäre ein junger Gentleman geworden. Aber die deutsche Mutter hatte wohl den Ausschlag zu geben und h bestimmte, daß ihr Sohn nach Liegnitz sollte auf die Preußische ftitterakademie, und so wurde er statt eines englischen Gentleman ein heußischer Offizier. Aus einem halben Engländer und einem halben deutschen wurde ein ganzer Preuße. Von dem hier die Rede ist, das ist der preußische Offizier Tom von brince, der am 4.November 1914 unter englischen Kugeln fiel, in Lang« an der Küste der deutschen Kolonie Ostafrika. Aber wer weiß ion ihm? Und doch ist er eine Gestalt, die neben Peters und Wiß - nonn und vor allem neben dem Hauptmann von Erkert genannt Derben muß, wenn wir Deutschen eine Reihe aufstellen wollen gegen die englischen Kolonisten großen Stils, gegen Cecil Rhodes, Stanley mb Warren Hastings. „Sattarani“, der trunkene Stürmer. Tom von Prince haben die Englänber besser gekannt^ als wir Deut- Hen ihn kannten. Tom von Prince haben die Askaris und die Schwarten der ostafrikanischen Kolonie früher und besser geehrt als wir, in hrem Gesang von „Sattarani" den noch heute Satkaranis Söhne, die meber hinauszogen, so arm und so entschlossen wie ihr Vater, in den Sergen des Kilimandscharos vernehmen, in den Hütten und Temben. Sattarani, bas war bas Helbenwort für den deutschen Offizier und es liutet in der Uebersetzung: der truntene Stürmer. Vergessen war Saktarani schon zu seinen Lebzeiten und selbst bei lenen, die nach ihm die deutsche Herrschaft in Verwaltung nahmen; lenn als in der deutschen Kolonie die große Bahn ins Innere gebaut »urbe, die von Tanga ihren Ausgang nimmt, da war taum eine Station, die nicht e r mit ein paar Unteroffzieren und einhundert Astaris iorher erobert hatte. Aber bei keiner Einweihung der Bahnstationen lud nan ihn ein. Er faß als Farmer bescheiden abseits. Die Engländer verfaßen ihn nie und so kam er durch sie noch in den Wortlaut des Ver- IhUer Friedensvertrages hinein. Im Artikel 246 wurde bestimmt, daß ler Schädel des Sultans Quaroa, dem Tom von Prince in schweren, hhrelangen Kämpfen besiegt hatte, an die britische Regierung als Siegestrophäe auszuliefern fei. Der weg zu Wihmann. Der junge Leutnant Prince, der das Straßburger Jnfanterie- II Regiment 99 verließ, weil er im Kafernenbienst kein Genüge fanb, (anbet »ui st» nnrnofnnprt ift Er mietet einen arabischen '■> Regiment yy veruey, wen er im atuietuenuicnn euf ber Insel, bie Daressalam vorgelagert ist. Er mietet einen arabischen Echisser, der ihn mit dem Segelboot zum gelobten Land hinüber bringen s°ll. Das schmächtige Boot kentert im Sturm, und alle Papiere, das Ichte Geld schwimmen davon. Stundenlang treibt der Schiffbrüchige im kalzwasser über die Korallenriffe dahin, und als er ans Ufer kommt, ft er zerschunden und sein Körper vom Fieber geschüttelt. Es ist das rfte Fieber, und er hat noch viele hundert zu Überstehen. Er kommt mit Gelb vom englischen Konsul hinüber und meldet sich bei W > ß m a n n. 2«r befehligt die erste deutsche Truppe, 18 Offiziere, 56 Unteroffiziere mb über 1000 Schwarze. Der Leutnant Prince exerziert eine Kompanie, I weber Patronentasche, noch Hemd, noch Strümpfe, noch Schiche, r-eber Koppel noch Kopfbedeckung kennt. Diese Soldaten haben nichts ein paar Lappen, ein Gewehr und im Ziegenfellstreifen em paar fronen. Die verstehen keine Silbe deutsch, erst recht keinen preußischen r-ipfiff. Aber hier beginnt die große Leistung des Leutnants. Es kommt 4 ihn nicht auf den Drill an, noch weniger auf Prügel, er will in diese i sten Askaris hineingeben, was an preußischem Soldatentum unuder- | °«nblich ist. Der Daker der Askaris. |„ Als er mit diesen Askaris das erste Gefecht überstanden hat und sie inloer gerochen haben, ist ihnen die Lust vergangen, und sie wollen *) brücken. Sie klagen über Fieber, Verletzungen unb allerhand Krank- \ iten. Da tritt Tom Prince vor sie hin und hebt ohne Worte feine ^fenbeine hoch und zeigt feine, von ben Korallenriffen noch ganz zer- lunbenen unb eiternben Beine. Die Askaris verbeugen sich m emem , lummen Gruß ber Entschuldigung, und nicht em e'NMer Mann mehr ä Hf sich zu drücken. So wurde er ber Vater der AskariS und alle Seloniften sagen, daß es nie wieder einen Mann drüben gab, der so I wie dieser preußische Offizier alles, bas Letzte aus ben schwarzen Sol- j baten herausholte. Bei bem Branb eines erstürmten Dorfes springt Tom von Prince in bie Hütten hinein unb holt bie Erstickenben heraus. Bei ben Schwer- verwunbeten sitzt er in ben Lazaretten so lange, bis ihr letzter Atem verhaucht ist. Im Dienst singt er mit ihnen beutsche Solbatenlieber und schlägt mit dem Degen den Takt dazu. Bei großen Märschen ist er immer an ber Spitze, bei Streitigkeiten ist er ber Richter. Nach kurzer Zeit vertrauen ihm alle seine Soldaten, bie boch nur Sölbner sinb, ihren Sold an und vermachen ihm in ber Sterbeftunbe noch ihr Vermögen. Unb als er siel, in seinem letzten Gefecht, ba kniete sein schwarzer Bursche bei ihm nieber im wilbesten Feuer unb ging nicht von seiner Seite, bis er begraben war unb brachte bas Gewehr seines Herrn hinaus zu seiner Frau, zu den Söhnen. Preußentum auf afrikanischer Erde. Aber rede ich hier nur von einem tapferen Soldaten? Nur von einem tollkühnen Abenteurer? Ich will diesen Sattarani, diesen Preußen aus innerster Gesinnung, noch anders erstehen lassen. Es haben sich viele Tapfere in den Kolonien geschlagen, unb beispiellos ist das, was vier Jahre die Männer unter Lettow-Vorbeck geleistet haben. Aber das Schicksal des preußischen Offiziers Tom von Prince ist einmalig und bleibt Vorbild. Er hat einmal gesagt: „Wir alten Afritaner hatten außer Energie nicht viel zum Leben." Damit ganz allein hat er sich durchgeschlagen. Man bebenfe, als er hinauszog, um die Jahrhundertwende, waren wir eine Nation, die den Vorsprung Europas nachholen wollte. Wir hatten feine Erfahrung. Es gab feine tropische Medizin. Es gab feine tropischen Institute. Es fehlte an ben einfachsten Mitteln. Unb ba entschloß sich ber junge Leutnant, ein Leben zu wagen, bas niemals eine Etappe 1 hinter sich haben wollte. Er verzichtete auf Nachschub. Er verzichtete ? auf Arsenale unb Hospitale unb Rechnungskammern. Er wollte sein Leben als eine große Patrouille führen, hinein in ein unbefanntes Land, mit unbefannten Mitteln, mit unberechenbarem Erfolg. Aber sein Weg war bei aller Besessenheit ein Weg der gestaltenden Ordnung und bie Sorge, die er für den letzten Mann in der Ruhe, auf dem i Marsche und im Gefecht mit sich trug, war eine Sorge um die neue Erde, die er der deutschen Fahne gewinnen wollte. Triumph des Willens. Es galt eine Reihe von Häuptlingen und Stämmen zu schlagen, aber Tom von Prince wollte nicht nur schlagen, sondern gewinnen. Nach jedem Gefecht suchte er das Land selber zu gewinnen. Er baute die Städte auf. Nur fönigliche Menschen sind Städtegründer. Nie tarn ihm der Gedanfe, daß man ausrotten müsse, um Geschäfte zu machen. Er wurde Wegebauer, Landmesser, Arzt, Richter, Bauer, der den Unterworfenen zeigte, was die Erde gibt, wenn man feine Mühe in die Erde ; hineingibt. Ihm standen feine philosophischen Systeme zur Verfügung. Aber ' wenn er sich in den Regengüssen mit Schwarzfieber, Dysentherie unb I Typhus auf einer Bahre tagelang vor feiner Kompanie voranfragen ! ließ, ohne den Befehl einen Augenblick aus ber Hanb zu geben, bann j fal)en bie Marschierenden, was es heißt, einer Fahne fein Leben ver- I jchreiben. Und als er am Wege lag unb im „Ratgeber für tropische | Kranfheiten" las, baß nach allen Anzeichen, bie er an sich selbst feststellen konnte, ber Tob unfehlbar eintreten müsse, sprang er auf, sattelte ein Maultier, unb galoppierte wie besessen herum, weil er meinte: Fieberkrankheiten sind Blutkrankheiten, also bringen wir das Blut in Wallung! Und er kurierte sich im Sattel. Ein andermal, als er van einer Malaria heimgesucht, nur noch 90 > Pfund wog unb hilflos unter dem Moskitonetz lag, raffte er sich noch zu der Energie auf, eine Pille nach ber anberen zu schlucken, nach der einfachen Weisheit: Viel hilft viel! Auch das rettete ihn. Außer Energie hatte ein alter Afrikaner nichts zum Leben. Der Diplomat der Schwarzen. Zugleich mit dieser Selbstüberwindung hob er die angeborene Willenlosigkeit seiner schwarzen Bataillone auf. Die Askaris waren an keinerlei Ausdauer und Märsche gewöhnt. Wenn sie ein paar Monate ihm anvertraut waren, hatte er sie so weit, baß sie im weglosen Gelände des unerforschten Landes Patrouillen ohne Pausen von zehn Stunden mit ihm liefen. Aber sie wußten auch, daß er sie niemals sinnlos in Marsch setzte ober ins Gefecht führte. Sie erlebten ihn als einen Diplomaten eigenen Stils. Er hatte einmal oben im Seengebiet bloß 23 Mann und ein 3,7-Zentimeter-Geschütz bei sich. Mit dieser Streitmacht rückte er gegen einen Sultan, der ein ■ paar tausend Mann unter den Waffen hatte. Er fährt mit seiner „Artillerie" dicht vor dem Sultan auf, unb als ber sich auf einem Sessel nieberläßt unb dem Feinde Tom von Prince keinen Sitzplatz anbietet, setzt sich ber auf das Kanonenrohr und läßt bem Sultan Munitionskästen vor bie Füße stellen — und der Sultan versteht ihn. Kampflos stellt er ihm 3000 Hilfskrieger... Ein anbermal hatte er es mit einer Sultanin zu tun. Bei dieser I Dame läßt er eine Batterie Sekt auffahren und bringt Pinsel und Palette mit. Sie muß ihn zum Porträt sitzen. Er ist ganz Kavalier — und seinen Askaris spart es Blut und Schweiß. Tom von Prince war der geborene Diplomat der Schwarzen. Mit diesen Mitteln kreiste er den Häuptling Duaroa von Jahr zu Jahr mehr ein, der die Stämme ber Kolonie ftänbig in Rebellion versetzt hatte, trieb ihn bis in den äußersten Winkel hinein unb brach seine Macht, bis ihm kein Mann unb kein Weib mehr folgte. Seitbem war die deutsche Kolonie endgültig gewonnen. Leutnant prince wird in den Adelstand erhoben. Der junge Offizier, ber ben Namen eines englischen Vaters trug, wurde in den deutschen Adelsstand erhoben. Er würbe vom Leutnant gleich zum Hauptmann befördert, unb er sollte ben Pour le merite erhalten. Nur weil er zu jung sei, würbe ihm ber verweigert. Dafür aber 1 erhielt er Land zugewiesen, und nun wurde er zum Kolonisten. Aber Vordecks. Das Unverlierbare. es schnell verteilt, mit Be F Von Superintendent i. R. Eigenbrodt, Gießen. Wer kennt noch dieses berühmteste und beste Kriegslieb aus Deutschlands größter Zeit 1870/71, an den wir Alten uns als Knaben begeisterten und werden jetzt noch ersrischt von seinen heldenhaften un- humorvollen Weisen? Und wer kennt vor allem auch seinen Dichter, der, wie sein einzigartiges Gedicht, es wert ist, unvergessen zu bleiben oder wieder bekannt zu werden. Es war ein glückliches Zusammentreffen, als die Muse der Kriegsdichtkunst auf ihrem Suchen nach einem deutschen Menschen, dem sie ihre diesmal für Deutschland freundliche Gedanken einhauchen konnte, aus Wolrad Kreusler traf, der nun diese göttliche Gabe seinem prachtvollen Humor zur weiteren Bearbeitung übergab und dies Lied schuf und es seinem Volke wetterschenkte, besonders den in Frankreich kämpfenden blauen Jungen, unter denen auch sein Sohn marschierte. Der „Kladderadatsch" druckte das Lied als Flugblatt. Unter den Soldaten im Felde wurde es schnell verteilt mit Begeisterung aufgenommen, und bald klang es draußen und m der Heimat von den Lippen Unzähliger. Dem alten König schien es so bedeutsam für die Herzerfrischung seiner Soldaten, daß er sagte, es sei ihm ein Armeekorps wert. Und sein Enkel, Wilhelm II., sandte gelegentlich durch den Sohn des Dichters diesem einen Gruß und ließ ihm sagen. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Vuch. und Lteindruckerei. L. Lange. Gieße». \ b, • •• ' rr ... fCvrta.,< hnÄ $TTiiuiter etties Soldaten- und Volksliedes. Auss i angeeignet unb dann dochC Ö 0 lhrem Ehren bürger Ein geistig sehr angeregter Familienkreis unb bie »reundschaN hervorragenber Männer, auch Theobor Fontanes, trug bazu bet daß -r bis ins höchste Alter frisch und im Berufe tätig blieb Er ist in ben Sielen gestorben, am 9. Januar 1901, im Alter von 83 Jahren. Der oben genannten Lebensbeschreibung sinb noch anbere Gebichd von ihm beigefügt, wie fein Kriegslieb voll blühenben Humors, zum Mi eine tiefe Innerlichkeit zeigend und auch feine auf die Erfüllung tni Jenseits wartende Frömmigkeit. Arolsen hat seinem berühmten Sohn in der prachtvollen großen A. " den Kreusler-Brunnen mit plastischen Kinderszenen und seinem Bild, errichtet, Sachsenhausen, die Stadt seiner ersten Wirksamkeit, ihr Kneger denkmal zugleich zu einem Kreusler-Denkmal gestalten lassen. In Bran. denburg trägt eine Straße seinen Namen. „ - Möge fein Lied und seine prächtige echt deutsche Gestalt eine Aus erstehung für uns erleben, in dieser Zeit großer deutscher Umgestaltung, die er selbst gewiß aus vollem Herzen begrüßt hätte. -,abrt er seinen Stil. Er wartet nicht auf bie Anweisungen ber ben Gesechtsschnallen ausgezeichnet wurde schenkte ihm Sohne. Dir Familie lebte in Stille em glückliches Jahrzehnt. Doch Der o M-LMHWZZU Man neriaat ihm bas Gelb. Da nimmt er es aus der eigenen Am Tage des Kriegsausbruches stellt fein Bezirk em bewaffnetes Frei- fotps von 3000 deutschen Kämpfern. An der Spitze eines Freikorps. Die ®nalänb»r wollen in die Kolonie einbrechen. Tom von Prince komm ihnen zuvor Sein Freikorps geht über die Grenze ms engttfche Gebiet unb nimmt bie Befestigung Taveta. Erft nach zwei Jahren.geling es ben Englänbern, mit Hunberten von Panzerwagen biefen wichtig Bunkt wieber zu nehmen, ben eine Hanbvoll Leute verteibigte. ch» s.-plm°ch, b.l '£•«"£ Ä**. X. ä Euroväer-Kvmpanien auf ber Bahn herbei. Sie werben ausgelaben, als bie Linien schon zurückweichen unb bie Schwarzen in regelloser Fluch burtheinanberlaufen. Mit einem Male erkennen ihn ein paar Askaris unb rufen in bas Durcheinanber ben alten Siegesruf: „Sakkaraml D I« «°»--, ------- >-- Molchineag.wchrs.uer. Englische Scharfschützen hallen seme Ko-Np--.'- auf unb seine besten Leute fallen. Auch ihn trifft bie Kugel mitten m bie Stirn Er sinkt zu Boben. Ein Leutnant, ber den Hauptmann wie feinen eigenen Vater liebt, schreit bie Linie entlang: „Unser Hauptmann ist tot." Da stehen alle aus unb stürzen in bas wilbeste Feuer l)mem unb in meniaen Setunben sinb bie englischen Limen aufgerissen, unb alles liM zu ben Schiften zurück. Der Ruf „Sakkarani" ber die Kolonie gewann, rettet sie in dieser schwersten Stunbe Vom Grade bes Hauptmanns Tom von Prince beginnt ber große Helbenzug Lettow- Was an Erinnerungen von Tom von sprmce übrig bheb, tfi . in bte Hände ber Engländer gefallen, unb was er an Besitz hatte, wird heute von indischen Farmern verwaltet. Es ist alles dahin. Dahm ist alles das, was er an Wegen, an Städten bauen ließ, bte Brunnen, bie er grub, bie Felber, bie er umbrach, bie Waffen, bte er in gute Hanbe gab. Ader nicht babin ist fein Name. Wenn bie Eingeborenen heute noch bie beutfdje Fahne grüßen, wo sie ihr begegnen, jo grüßen sie in ihr Sakkarani, ihren besten Vater, ihren gerechtesten Richter. , Der Waisenknabe aus bem inbischen Ozean, ber ohne einen Pfenmg nach Deutschlanb kam unb ohne einen Pfennig für d'e deutsche Sache alle Ehre einholte unb mit fernem Tobe alles wieber verlor, hat uns dennoch als Besitz, als unverlierbares Gefchenk fern heroisches Vorbttb hinterlassen. Er hat außer ein paar bescheibenen Erinnerungen nichts nieberqeleqt. Er hat keine Reben gehalten unb ist nie an bie deutsche Deffentliditeit getreten. Er wollte Preuße sein und das hieß ihn überall mehr tun als befohlen war, mehr von sich fordern als von anderen, nie am Siege zweifeln, wenn er auch mit 23 Mann gegen em paar Tausend loszog. Das hieß ihn vor allem ein Offizier sein, der sich immer vor die 2ll121betr'bas Größte an ihm ist, baß er weit weg von ben festen Stützpunkten bes Lebens, weit weg von ben Kasinos ferner Kameraden unö ben bequemeren Hanbelsplätzen sich in bas gefährliche Niemanbsland hinauswaqte, wo mit jebem Schritt alles zu verlieren war. Da er auf alles verzichtete, was ihn hätte in Sicherheit bringen können gewann er die größte Sicherheit dem Leben gegenüber, gewann er bte Macht eines Befehls, ber bie Schwächen feiner Solbaten aufhob unb ihnen bie deutsche Sache zu einem freubigen Opfer werben ließ, weil em Hew voranging, ber so unbesiegbar war, baß sie ihn in ihrer Sprache nur ben trunkenen Stürmer nennen konnten. „König Wilhelm sah ganz heiter". . .