Gießener Zamilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1934 Montag, den 2. Juli Nummer 50 Wandrers Nachtlied. Von I. W. von Goethe. lieber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch: Die Vögelein schweigen im Wald« Warte nur! Balde Ruhest du auch. Pommerland. Von Paul Huebner. Langsam strömt die Oder durch die Niederungen der Mark, ruhig und gemessen zieht ihr Wasser durch weite märkische Wiesen, und dann wässert sie plötzlich pommerschen Boden. Mächtiger drängt sie nun zum Meer, tiefer schneidet sie sich in das Land ein und teilt es in zwei große Schwingen: Vor- und Hinterpommern. Einmal breitet sich die Schwinge von den schilfigen Wiesen nach Westen aus, umrandet die mecklenburgische Grenze und stößt an die Ostsee und die Kreidefelsen Rügens; ein andermal spannt sie sich gen Osten, an Westpreußen vorbei hinauf bis zur flachen Bernsteinküste. Noch ist Pommern unentdecktes Land. Nur sein weißer mulliger Strand lockt im Sommer Tausende an das Gestade der Ostsee, wo die Möve im Rhythmus der Welle sich wiegt, die den gelben versteinten Harz, blanke Muscheln und in stürmischen Stunden auch langes Seegras ans Ufer spült. Die See schenkt und raubt, in Wolgast wirft sie Sand aus: „Wolgaster Sandsäcke" sagt der Volksmund; an der ostpommerschen Steilküste, bei Horst und Hoff, nagt das Wasser, und in Jahrhunderten fällt Meter für Meter Land ihm zum Opfer. Ein kleines Kirchlein stand dort einst auf der Höhe, heute ist es zerstört, die verbliebenen Mauern hängen am Abgrund und warten, bis die Wellen in einer Sturmnacht den letzten Halt zerfressen. Am Strand der Ostsee leben Pommerns schönste Sagen fort. Jeder Felsen, jedes Gewässer Rügens erinnert an alle Heiligtümer der Wenden, Störtebecker fand hier Unterschlupf auf seinen Raubzügen, Zwerge sollen unter duftenden Holunderbäumen sitzen und warten, daß man sie ruft, in einem heiligen Haine feierte die germanische Göttin Herta das Frühlingsfest, auf Usedom läuten an stillen Abenden noch immer die Glocken des versunkenen Vinetas und auf Wollin heißt noch heute die höchstgelegene Stelle „Stinas Utkiek", weil hier die schöne Seeräuberkönigin Stina nach vorübersegelnden Schiffen beutegierig Ausschau hielt. An der See, besonders wo sie Buchten und Boden bildet, sind auch die Städte gewachsen mit den alten Schifferdomen, deren Glocken dunkel und schwer über die Wasserfläche tönen. Greifswald beherbergt eine alte Universität, hoch recken sich die gotischen Backsteinbauten der Hansestadt Stralsund über den Pfeilfund empor, Swinemünde greift mit feinen Hafenmolen weit in die See hinein, verträumt schaut der Gamminer Dom, um dessen schweigsames Gewölbe die sagenhafte Büßertreppe läuft, auf die kleine ehemalige Vifchofsstadt, m Der der heilige Otto, der Pommernapostel, predigte, und seltsam vermahlt sich die Seeluft mit dem Geruch der in engen giebligen Gassen geräucherten Fische im düsteren Schiff von Solbergs breitürmiger St.-Marien- Kirche, an deren Turmgebälk vor über hundert Jahren der standhafte Verteidiger der Stadt, N e 11 e l b e ck , feine waghalsigen Klettereien unternahm, die allen pommerschen Jungens zum Vorbild dienen. Doch nun will ich aufhören mit der Betrachtung bekannter Städte, will den Hafen Stettins, die Tore Stargards, Pasewalk mit seinem Wartturm „Kiek in die Mark", das mittelalterliche Stolp und das bewehrte Anklam beiseite lassen, will auch nicht von den Fischerdörfern und verschwiegenen Strandfeen erzählen, sondern der engeren Heimat, des pommerschen Hinterlandes gedenken. Dort verstecken sich noch unbekannte Schönheiten, dort wohnt der „grobe Pommer und bebaut das Land, trotzig und verschlossen. Tiefer Wald bedeckt den pommerschen Höhenrücken, dicht stehen die Buchen uni die 3al)Ihüen Seen, Torfmoor und Sumpf löst sich ab mit Kartoffel-, Korn-und 2k et» zenacker. Immer meine ich den weithin hallenden Klang der Hslugschar zu hören, die an iroenbeinen Baum geheftet, von einem Schnitter geschlagen, früh ben Gutsarbeitern ben Tagesanfang tunbet sie mittags zum Essen aufforbert unb abenbs, wenn auf bie Weibe schon per Dau fällt unb bie Pferbe mit benetzten Hufen heimtraben, wie em wehmütiges, unerlöftes Aveläuten klingt. Ihr Ton bringt durch ben verwachsenen Walb, barin ber See sich von einem schnappenden Hecht 31t- ternbe Wellen zirkeln läßt; biefer Laut ist bei mir gerne,en, wenn ich behutsam dem trockenen Pfad durch den Sumps nachspurte, den zwei wendische Jäger vor Zeiten einem weihen Hirsch ablauschten; sie gelangten zu einem von allen Seiten unerreichbaren Platz unb bauten eine Wallburg, auf dessen Wällen nun Haselnußsträucher blühen und Wildschweine wühlen, wenn der Herbstwind die dreieckigen stachelichen Früchte der Buchen pflückt. Der Klang des Erzes war noch vor wenigen Jahren, vielleicht ist es auch noch heute fo, in meinem Heimatstädtchen die schnellste Nachrichtenvermittlung. Wie oft schritt ein Mann durch die Straßen, bimmelte mit einer Handglocke „bim bim! bim bim!" und kündete das Neueste: „Frische Flundern sind auf dem Markt!" Und wußte er auch manchmal Wichtigeres zu melden, verlas er doch auch Gesetze und amtliche Bekanntmachungen, so blieb mir die Ankündigung der Flundern am lebendigsten haften, denn oft habe ich auf feine Anpreisung hin die frischen Butten zum Mittagsmahle holen müssen. Jeder Pommer kennt ihren wuüder- baren Duft, der beim Braten ihrer platten Bäuche und Rücken aus der buttergefüllten Bratpfanne auffteigt und der noch um uns war, hatten wir längst bas freie Feld auf unseren täglichen Streifzügen erreicht. Vierspännig zogen da die Pflüge über die buckligen Aecker, ober der Motorpflug warf laut knatternd die Schollen auf und stieß mit feinem scharfen Eisen kreischend an bie zahllosen Granitsteine, von denen man dort sagt, daß sie wachsen, weil Jahr für Jahr immer wieder neue, große und kleine, aus der Tiefe aufgewühlt werden. Neigte das Korn feine reifen Aehren, so daß die Granen sanft den blauen Korb der Kornblume berührten, folgten wir den Mähmaschinen und staunten dem Wunder ihrer Windmühlenflügel nach, die die geschnittenen Halme rafften unb sie als Garben auf die stoppelige Erde fallen ließen; legte sich das Gras unter einem warmen Lufthauch auf den Wiesen am Fluß auf die Seite, tarnen die Mäher mit blitzenden Sensen, und wir halsen ihnen beim Tragen der Bahren, auf denen das saftige Gras aus der nassen Niederung zu trockenen Plätzen geschafft wurde, und sprengten die Kohlrüben mit ihren dicken Bäuchen die Erdfläche, verschwanden wir wie die Hafen unter ihrem Blattwerk, aber flüchteten sofort wieder in das nahe Gehölz, kugelige Knollen im Arm. Wo die jungen Kiefern wild ihr Gezweig ineinander verhaspeln und die Steinpilze im Moose ganze Kolonien bilden, schnurpsten wir, wie es die Pferde mit Möhren tun, die weißen Feldfrüchte. Am.toten Arm des Flusses faßen wir auf Erlenstümpfen, hielten die Angelschnur in die für das Auge undurchdringliche Tiefe ober schnitzten bie Borke ber Föhren zu Kähnen. Immer mußten wir babei ber Borcke- schen Grafen benten, bereu Stammschloß unter den alten Eichen sichtbar wurde, wenn wir auf sonnigem Bergrücken Brombeeren suchten. Die Borckes sind das älteste und ansehnlichste aus wendischem Blut hervorgegangene Geschlecht. Pommers. Ihr Ahne soll, fo-weih es die Sage, von wandernden Wenden im Walde als Findling gefunden worden fein und von der Borke, in die man das Kind hüllte, den Namen erhalten haben. Eine späte Nachfahrin, Sidonie von Borck, hat man innerhalb der Mauern meines Heimatstädtchens als Hexe verbrannt. Immer mehr alte schöne Erinnerungen tauchen auf. Viel wäre zu erzählen von den Landstädtchen und ihrer Vergangenheit, von ben Burgbergen in ber Runbe, vom Galgenberg unb bem mutigen Mann, ber zur Mitternacht am Galgen einen Nagel einschlagen wollte, aber feine Rockschöße anheftete, sich von bem Erhängten ergriffen glaubte unb vor Furcht starb, von ben Treibjagben unb ben Erntefesten mit dem Tanz auf bem Kornspeicher, von ben winterlichen „Entbeckungsfahrten" auf ben ftunbenlang sich Hinziehenden mit Eis bebetften Wiesen unb von ben sommerlichen Spielen im Rohr. Doch die Städtchen verbergen vor dem flüchtigen Blick ihre Schönheiten, um die Burgberge rauschen dunkle Baumkronen, die nur zu den Träumern sprechen, aus dem Galgenberg dreht sich nun eine Mühle, von den Jagden will man nur am warmen Ofen hören, die Erntefeste sind verrauscht, das bunte Eis geschmolzen und im Rohr werden neue Spiele gespielt. Aber noch war nicht bie Rebe vom schwarzen Berg. Die Junisonne brachte bas Golb ber Birken auf bem fanbigen Hügel, zu bem uns ein kleiner Schulfpaziergang geführt hatte, zum Glühen. Unter uns eine breite Mulde, darin der Fluß um die Weidenbüsche spielte unb einem großen silberschuppigen Fische glich, fobalb feine Wasserfläche von ben fchimmernben Strahlen getroffen würbe; auf ber anberen Seite bes Tales bie buntle Kuppe bes schwarzen Berges. Wir kannten alle längst feine Geheimnisse, achteten baher nicht auf feine ginsterbe- ftanbenen Hänge, bis ber Lehrer von ber Johannisnacht sprach, bie bie,em sonnigen Tag folgen würbe. Da horchten wir auf unb ließen uns willig bie oft gehörten Mären von ber Waschfrau, bie bort auf bem büfteren Hügel burch Aufhängen unb Abnehmen ber Wäsche bas Wetter anzeigt, von dem Schloß, das auf der Höhe gestanden habe und in die Tiefe sank, als ber schwarze erlegte Bär über bie Zugbrücke getragen wurde, erzählen. Die Natur beschwingt die Worte des Erzählers, der leise Wind schien ihm Gedanken zuzutragen, denn immer reicher wurden feine Bilder, immer farbiger malte er das Leben und den Reichtum des alten Schlosses aus, während mein Blick das Auge der Wassermullerstochter suchte dann zum verzauberten Berge schweifte und wieder das Sonnen- ytikern aus ihrem Haar bewunderte. Kaum vernahm ich mehr die einzelnen Worte, ich dachte schon an den Abend und die Nacht, m der ich auf dem Berge fein wollte. Nicht allein. Die Wassermullerstochter sollte mich begleiten auf dem Gang in die Mittsommernacht, aber auf meine schüchterne Frage während der Heimkehr gab sie kem Nein und kein Ja. Im warmen Abendrot zerschmolzen die gelben Butterblumen, den Gräsern wuchsen Goldspitzen und der Wald legte sich das Rot ww leuchtende Tücher um. Ich wartete. Sie kam nicht. Dämmerung verhüllte das Land, Schatten schlichen um den Berg. Es ward Nacht, ich horchte m die Stille auf ihren Schritt, doch sie kam nicht. Aus dem Ginster tauchten Gestalten hervor, die Büsche wurden lebendig, und die eine große schone Birke regte sich, schritt auf mich zu im Gewand einer Jungfrau, sah mich mit Augen an, die dunkler waren als die tiefsten Gewässer unter dem Laubdach der Eichen, und entfernte sich. So wandelte sie dreimal vorüber, jedesmal ruhte ihr Blick weher in meinem Auge, das ihr nachschaute, bis sie auch das letztemal nahte und stumm verschwand. Was ollte ich tun? Ich wandte das Gesicht zu den Sternen; ihr Blinken sollte mich vor Trauer bewahren, denn ahnungsvoll war es mir auf- gegangen: Die Schloßfrau ist nach hundertjähriger Pause wieder um den Berg gegangen, du hast sie gesehen und konntest den Zauber nicht bannen. Nur ein Sonntagskind kann sie erlösen. Aus Pommerns Tälern stiegen Nebel aus, die Walder schliefen. Berg und Tal waren stumm. Glühwürmchen flogen um den Berg, als wollten sie meinen Heimweg erleuchten. Der gitzg an ruhenden Aeckern vorüber, der führte an der Wassermühle, deren einsilbiges Knarren nur nun nichts mehr galt, vorbei über die Holzbrücke durchs Stadttor. Vor dem Heimathaus gurgelte der Bach, mit farblosem Ton und tiefsinnig, wie die Pommern sind. Gurula die Spinne. Von Franz Karl Ginzkey. Copyright by I. L. A., Wien. In Pola diente ich einige Zeit mit meiner Kompanie in einem der alten aufgelassenen Steinsorts, die die Stadt im schützenden Kranz der Hügel umgaben. Von diesen nach modernen Begriffen durchaus unzulänglichen Befestigungen aus der Väterzeit waren die meisten schon verfallen; nur wenige standen noch als Magazine oder Kasernen in Verwendung. Das Fort, in dem ich untergebracht war, lag der Stadt am nächsten, das heißt, die rasch sich entwickelnde Stadt war den Hügel zu ihm emporgeklommen, doch lagerte noch ein ansehnlicher Gürtel Weideland herum, der als Exerzierplatz diente. Meine Soldaten brauchten nur aus den kühlen steinernen Kasematten hervor- und über die Zugbrücke hinauszutreten und standen bereits aus ihrem Uebungsselde. Auch ein Gemüsegärtchen war angelegt worden, mit einem Hühnerstall, es wehte fast etwas Gemütliches, bürgerlich Zusammengehörendes um die kleine in manchem sich selbst vorsorgende Kolonie. In ihrer Höhenlage und unbegrenzten Sonnigkeit wies sie, das Wort mag einigermaßen verwundern, fast etwas Sanatoriummähiges auf, was nicht ohne Bedeutung für uns war, denn die Stadt wurde gerade damals von einem bösen, schleichenden Fieber heimgesucht, das man nicht leicht wieder aus den Knochen bekam. Vorsichtshalber war im Regiments verfügt worden, es müsse den Soldaten jeden Morgen ein Gläschen Chinin verabreicht werden. Die Mutter der Kompanie, der Herr Feldwebel, schritt mit einer großen Flasche von Mann zu Mann und kredenzte jedem, einladend lächelnd seinen bitteren Morgentrunk. Den Wonnen und Mysterien des täglichen Exerzierens gab ich mich hin, soweit es in meinen Kräften stand. Doch läßt sich nicht leugnen, daß die schöne Lage des Exerzierfeldes, der weite Ausblick auf den Hafen und die seltsam wehmütige Hügellandschaft mit den fünften, südleuchtenden Wolken darüber meiner völligen Auflösung in die Tiefen des Exerzierreglements nicht immer zuträglich war. Auch regte sich damals bereits nebst aller Sehnsucht ins Große und Uferlose eine geheime Leidenschaft in mir: die Liebe zum Mikrokosmos, zur staunenden Einkehr in die Unendlichkeit des Kleinen. Der dichtende Leutnant ahnte damals bereits, daß der wahrhaftige Halt der Erkenntnis nur im Mittelpunkte allen Seins und aller Betrachtung zu finden fei und daß dem Fluge nach oben immer auch der gleichweite Blick in die Tiefen, in die scheinbaren Winzigkeiten des Universums sich gesellen müsse, dann erst sitze man, halbwegs gesichert vor den Angeln des großen Schaukelbrettes der Welt. Unter Mikrokosmos verstand ich damals vor allem das Gräser-, Moos- und Wurzelwerk, das Käfer-, Wurm- und sonstige Kleinzeug, das mein Exerzierfeld, besonders in feinen abgelegenen Teilen, mehr oder minder lebhaft bevölkerte. Ich war wohl der einzige, der es bemerkte, der es beachtete, und der den Blick in diesem Sinne zu Boden gesenkt hielt. Keinem außer mir war während des Exerzierens bewußt geworden, daß wir hundert kräftig ausschreitende Männer, die dem Feind Tod zu bringen hatten, schon jetzt aus friedlicher Erde Tod stampften, ununterbrochenen Tod. Mit diesem Bekenntnis ist aber verraten, daß ich irgendwie das innere Gleichgewicht verloren haben mußte, daß ich überempfindsam geworden war. Für den Lyriker mag das hingehen, für den Soldaten aber ist es nicht gesund. Doch um auf meine Erzählung zu kommen — ich entdeckte eines Tages, als meine Soldaten eben Rast hielten und ich den Blick aus Wolkenhöhen wieder zur Erde senkte, ja da entdeckte ich etwas Seltsames. Ich sah, es war am entlegenen Rande des Exerzierfeldes, eigentlich schon über dieses hinaus, eine schwarze, etwa daumenrunde Oeffnung in der Erde. Sie war von einer Erhöhung aus zartem Bast wie von einem zierlichen Brunnenrande umgeben, und schien in ihrer Dunkelheit ins Unergründliche zu gehen. Es hauste darin, es gab darüber keinen Zweifel, eine der großen, tarantclartigen Spinnen, deren Vorkommen in dieser Gegend mir bekannt war. Ich wußte auch, daß dieses unheimliche und auck wieder sehr scheue Tier nur des Nachts hervorkrieche und auf Beute ausaebe doch war mir der Gedanke durchaus verlockend, ihm nun bei Tag und zwar auf der Stelle, meinen Besuch abzustatten. Ich wußte aus meiner Knabenzeit, wie man das macht. Man nimmt einenGras-.oder Strohhalm und kratzt damit am Rande des Loches und ahmt zugleich das Gesumst einer Fliege nach, dann kommt Frau Spinne gewiß ^Ter Herr Leutnant setzte sich also hin und tat wie in der Kinder- zeit und da seine lyrische Natur sich auch diesmal nicht verleugnete, hatte er sich schon ein passendes Sprüchlein zurechtgelegt: Ich kratz' an deinem Haus, Gurula, komm heraus! Ein Flieglein ist auf Reisen, Das sollst du fein verspeisen. Es geht mit sumsumsum Schon um dein Haus herum. Nachdem ich das einigemal wiederholt hatte, fühlte ich ploßfuh den Grashalm erfaßt und in die Tiefe gezogen Da ich ihn ?b°r nicht losließ und kräftig dagegenzog, sah ich auf einmal zwei kleine gru Pünktchen im Dunkel der Röhre aufsteigen, es waren die Augen Gurulas. g @näbi fagte ich, mich verneigend, „entschul- diae'n^ die Störung, ich habe hier Rekruten abzurichten und langweile müh Mich beschäftigt Ihr eigenartiges Dafein da drinnen in der dunklen Röhre. Mich ztthi das Seltsame an, das Abseitige, das Einsame. Haben ^^Die"grünlichen° Lichtlein im Dunkeln rührten sich nicht. Es war ein Unheimliches, Gespenstisches um sie, je tiefer ich mich niederbog, um sie zu betrachten und meine buschikose Anrede erschien mir plötzlich Jtillos. Das grüne Licht phosphoreszierte da unten, bald schienen es Zwei, bald mehr schimmernde Pünktchen zu fein, genau zu Zahlen waren sie nich. Das fremde Leben, das da in der Tiefe lauerte, das tat es nur irgend- mie an. Zu scherzen fand ich nichts mehr daran, mir wurde seltsam ernst zumute^ Ich wiederholte auch mein Sprüchlein nicht und ließ das Locken mit dem Grashalm sein; ich sühlte mich, es läßt sich nicht anbers sagen, plötzlich wie innerlich durchschaut. Wieder sitzt da ein Mensch, empfand ich und übt seinen Uebermut am Wesen der Kreatur. Und was vers eh er eigentlich von ihr? Er will sie klüglich überlisten und merkt die eigene ^'°So^saß ich^aeraume Zeit vor der dunklen Röhre und sand, je unheimlicher mir wurde, um so größeres Gefallen an dem schweigenden und doch so beredten Lichtschein aus der Tiefe, der immer aus der gleichen Stelle blieb, nicht näher kam, nicht tiefer ging und immer gleich ge- Ijcimrü b(mn 3U me[nen Soldaten zurückging, legte ich mir einige Steinchen in der Umgebung zurecht, damit ich den Ort gewiß auch w>e- derfinden könne. Denn es feilte, das nahm ich mir vor, mit Gurula noch nicht das letzte Wort gesprochen sein. Von da an besuchte ich die Stelle täglich und warf mit immer gleicher Neugier und mir selbst verwunderlicher Geduld einen Blick in die Rohre Sas war gewiß recht töricht von mir, aber es machte mir Spaß. Und schließlich, ich war ja Lyriker und 21 Jahre alt, da ist fo ^0^65 verzeihlich Es zeigte sich bald, daß ich mich mit dem Strohhalm gar nicht mehr anzumelden brauchte, es war, als horte Gurula bereits das Dröhnen meiner Schritte. Immer faß sie schon da und immer eine Spanne vom Rande entfernt, so daß ich nichts als das Glanzen ihrer Auaen gewabren konnte. Sie war durch nichts zu bewegen, naher zu kommen, niäjt durch Bitten, nicht durch Beschwörungen, und als ich einmal geärgert mit dem Halme hinabstach, kam sie am selben Tage nicht wieder hervor. , , , , , , Eines Abends nun, als ich vom Dienste fortging, es regnete le,fe, ein schwüler Schirokko brachte salzigen Seeduft aus der Bucht von Beruda, sah ich vergeblich in die Röhre hinab. Gurula kam nicht zum Vorschein. Ich hatte diesmal nicht viel Zeit und Lust, im Regen zu warten und als ich, etwas enttäuscht, von bannen ging, war mir wahrhaftig zumute wie einem, dem ein Stelldichein verweigert worden war. Vielleicht aber war es lediglich das regnerische Wetter, was meine Unbekannte, geheimnisvoll Leuchtende, heute so ungnädig stimmte? Oder saß sie am Ende bereits bei der Abendtoilette? Die Übliche Besuchsstunde, haha, war ja schon längst vorbei. Man soll sichs mit den Damen in dieser Hinsicht nicht verscherzen! o.,. s , Auf dem Heimweg, den Hügel herab, sah ich die Lichter aus der Stadt und die Lichter van den Schiffen durch den Regenschleier glanzen, Einsamkeit sraß mir am Gebein, auch war mir ein wenig fiebrig zumute, das Richtige wäre gewesen, nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich fühlte mich aber nicht fähig, den Abend allein , zu verbringen und beschloß, ein kleines italienisches „Tingeltangel", wie wir es nannten, aufzusuchen, von dem die Kameraden mir manches Ergötzliche erzählt hatten. v , Sie saßen auch richtig schon dort, die Kameraden, in der rauchgeschwärzten Osteria, auf der Piazza del Foro, die ganze ßeutnantsjugeiib • war versammelt, aber auch einige von den fideleren Kapitänen. Die Offiziere hatten sich einen großen Tisch gleich zu Füsien der Rampe avfstellen lassen, wohl zum Aerger der anwesenden, sich abseits gesetzt fühlenden Zivilisten Als ich eintrat, gab es gerade eine Sensation, drei Variete-Damen, schwarzhaarig, ausallend hing, möglicherweise Schwestern, schwenkten ihre feibenbeffrumpften Beine nach bem Takt eines wüsten Klaviergetrommels bie Rampe entlang, und über den Offizierstisch hinweg, indes sie den Dank der zufriedenen Männerwelt im lauten Bravoruf und Beifallsgeklatfche über sich ergehen ließen. Als ich die Mittlere und wohl auch Hübscheste näher betrachtete, erschrak ich geradezu. Sic trug an einem Stirnband, gerade über bem frechen Näschen, ein phantastisches Diabem aus sechs ober sieben großen Smaragden, die wohl nur armselige Imitationen aus grünem Glas sein mochten, doch ging ron ihnen — wie seltsam war das — das gleiche unheimliche giftgrüne Leuchten aus wie von den Augen Gurulas, der Spinne. Die tanzende Kleine, die aus krankhaft blassem, schmalem Antlitz immer wieder zu uns herabsah, mochte meinen erstaunten Blick bemerkt haben, denn sie schaute mich nun auch ihrerseits während des Tanzes des öfteren an, so daß ein Kamerad spöttelnd bemerkte: „Schau, schau, da hast du ja eine nette Eroberung gemacht!" „Glaubst du?", gab ich im lässigen Leutnantston zurück. Innerlich aber empfand ich es anders. Das blaffe südliche Kind war sündhaft hübsch, es hätte gewiß auch fönst meine Aufmerksamkeit erregt; der seltsame Zufall mit den grünen Steinen aber verband mich ihm im Augenblick, irgendwie "schicksalhaft, dämonische Neugier spann sich um mich and lieh mich nicht mehr los. Eine Blumenverkäuferin ging von Tisch zu Tisch, die Kameraden lausten kleine Sträußchen und warfen sie den Tänzerinnen zu. Ich selbst erstand, einer leise warnenden Stimme zum Trotz, einen größeren Ltrauß aus roten Nelken und Tuberrosen, riß ein Blatt aus-meinem Notizbuch und schrieb darauf, ich hätte es wohl nicht närrischer treiben lärmen: „Bravo sera, signorina Gurula." „Geben Sie das in der Pause bitte dem mittleren Fräulein", flüsterte ich der Verkäuferin zu. Es war, als hätte meine Tänzerin, inmitten ihrer eifrigsten Bewegung, mein galantes Vorhaben bemerkt, denn sie nickte mir dankend zu, was meinen bereits etwas verantwortungslosen Zustand noch um tin Wesentliches verschlimmerte. Der Vorhang war noch nicht lange gefallen, als das Blumenmädchen euch schon zurückkam und mir geschäftig zuflüsterte: „Die Signorina läßt sagen, sie heiße Jmeida. Sie hat heute leider nicht Zeit, doch will sie ien Herrn Leutnant morgen nach Schluß der Vorstellung an der Ecke des Palazzo Municipio erwarten." Wie schnell sich solche Dinge entwickeln können, lachte es in mir aus. Das Leben tritt verträumte Seelen oft rafcher an, als sie erwarten. * Am nächsten Tag regnete es stärker. Der nasse Weg zu meinem Fort hinaus war unerfreulich. Dem Regimentsarzt, dem ich begegnete, erzählte ich von dem fiebrigen Frösteln, das ich seit abends nicht loswerden iünne. Er fühlte mir den Puls und meinte: „Laß dir oben von der Kompaniemutter, worunter der Feldwebel gemeint war, ein Stamperl Lhininwein geben. Es ist nicht fchön, daß Ihr immer nur die arme Mannschaft das bittere Zeug saufen lasset!" Als ich über das Exerzierfeld ging, besann ich mich einen Augenblick, ob ich Gurula, der Spinne, nicht pflichtschuldigst meinen Besuch ebstatten sollte. Doch nein, mir war ja heute nicht nach Romantik oder hnsektenforschung zu tun. Und überdies, dachte ich achselzuckend, Gurula ist ja heute unten in der Stadt! Hingegen versäumte ich es nicht, mir das verordnete Gläschen bitteren Alkohols hinabzustürzen, worauf ich mit dem Herrn Feldwebel eine militärisch sehr ungewöhnliche Aussprache hatte. Der bärbeißige Graukopf war nämlich, was man bei ihm nicht vermuten konnte, ein eifriger und liebevoller Blumenzüchter, den Stolz eines Gemüsegartens bildete eine ideale Ecke, in der er mit erstaunlichem Glück allerlei exotische Zier- sflanzen zog. Es machte ihm Freude, dem Herrn Leutnant einen srächtigbunten Strauße davon zusammenzubinden und ihm denselben salutierend zu überreichen. „Auf gute Verlobung, Herr Leutnant", schnarrte er dabei. Du irrst, mein Lieber, dachte ich im Stillen in einiger Verlegenheit, indes ich ansonsten auf seinen Scherz mit Lächeln einging. Den Strauße verbarg ich unter dem Mantel und machte mich, der ilbend war nicht mehr fern, auf den Weg hinab zur Stadt. An der Ecke der ersten Gasse, auf einem freigebliebenen Platze, war kor nicht langer Zeit ein zierliches Kirchlein im romanischen Stil erbaut worden, der heiligen Maria zu Ehren. Ich pflegte zuweilen, wenn Ich vorbei kam, dort einzutreten und das Marienbild über dem Altar ju betrachten. Es war mir um eines unsagbar reinen und weiblich zütigen Ausdrucks im Antlitz der Himmelsmutter lieb geworden. Ihr zur 6eite stand, aus sturmumbrandeter Klippe, der heilige Antonius. Er hielt (in Schiff im Arm und sah bewundernd aus das Jesuskindlein und seine saunende Miene schien zu sagen: „Du bist der rechte Fährmann für lins alle." Mit diesem heiligen Antonius hatte es für uns Offiziere ein besonderes Bewandtnis. Er sah nämlich, es ließ sich nicht leugnen, mit Hiner ungewöhnlich vorgewölbten Stirne einem unserer älteren Ober- bulnants verblüffend ähnlich und wir Spottvögel nannten den ernsten, gutmütigen, wenn auch geistig nicht gerade hervorragenden Kameraden, ter überdies den Namen Äntinovitsch führte, unter uns den Sankt Antonius. „ Ich mußte, da ich nun wieder vor dem Bilde stand, über tue seltsam» Aehnlichkeit lächeln und mir war, als lächelte auch Maria ein wenig, da sie ja harmloser Heiterkeit niemals abgeneigt ist und dieses liebliche Einvernehmen bestimmte mich plöülich, ihr einige der schweren bunklen Rosen aus dem mitgebrachten Strauße zu Füßen zu legen, hierauf aber faßte ich meinen Mantel fester und schritt mit dem Eifer rcrwegener Jugend meinen Weg hinfort nach der Piazza del Foro. Auch diesmal waren schon die meisten b^r Kameraden versammelt, wie ich bereits in der Türe sah, obwohl die Vorstellung noch nicht be- jionnen hatte. Ich schaute mich vorerst vergeblich nach der Blumenver- fiuferin um — doch nein, das wäre ja recht ungeschickt von mir .gewesen und durch das bette Trinkgeld nicht wieder gut zu wachen, baß ich der guten Geschäftsfrau zugemutet hätte, andere Blumen als die ! tsi ihr gekauften hinter den Vorhang zu tragen. Ich mußte mich daher r^ch einem andern galanten Boten umsehen, etwa nach dem Eameriere cber der Köchin? Hubes ich berort noch auf der Schm-lle zögerte, fühlte i-h vlöblich eine Hand auf der Schulter, Oberleunant Äntinovitsch stand neben mir. > „Ich hätte ein Wort mit dir zu sprechen", begann er, anscheinend etwas verlegen, „aber es ist nicht leicht, du mußt entschuldigen, ich finde hoffentlich das Richtige. Komm mit mir hinaus, wir reden draußen besser." Ich folgte ihm verwundert und auch ungeduldig. Was konnte er mir Wichtiges zu sagen haben, jetzt zu dieser Stunde, an diesem Orte? „Wir Kameraden haben so allerlei Pflichten gegeneinander, weiht du", begann er, „oft sehr heikliche Pflichten! Wir haben heute nachmittag über dich gesprochen, du bist ja so surchtbar jung und wir haben beschlossen, dich zu warnen. Es handelt sich eigentlich, siehst du, um diesen schönen, vielsagenden Strauß da. Wir kamen heute überein: bringt er Blumen mit, oder kauft er und sendet er etwa welche der schönen Jmeida, dann legen wir los. Paß auf", Kamerad! Du bist im Begriff das Herz dieser keineswegs spröden Schönen zu gewinnen, nein, nein. Du brauchst es nicht zu leugnen, wir wissen es bereits. Und es ginge das auch keinem andern etwas an: Du scheinst aber nicht zu wissen, sei mir nicht böse, daß bereits drei oder vier oder mehr vor dir dies bewegliche Herzchen gleichfalls gewonnen haben. Sie soll die böse Aeuße- rung getan haben: „Einer von ihnen hat mich betrogen, nun sollen sie alle dran glauben! Möglich, daß es Geschwätz ist, aber — immerhin, wir fühlten uns verpflichtet, lieber Kamerad, dich zu warnen!" So sprach der Oberleutnant Äntinovitsch, halb knabenhaft verlegen sprach er, und halb in väterlicher Güte zu mir, dem nicht minder Verlegenen. Und da schien es mir inmitten aller Betroffenheit und böser Verwirrung, es schien mir einen Augenblick so, als wäre er der heilige Antonius in höchst eigener Person. Einem andern hätte ich auch nicht so duldsam und gefügig zugehört, denn es war ja empörend, überaus peinlich, was ich da zu hören bekam. Wie ein verdonnerter dummer Junge stand ich mit meinem schönen Strauß in der Hand. Unsäglich lächerlich tarn ich mir vor, ich sah als Rettung nur noch eins: fort, fort, das Lokal nicht mehr betreten, nach Haufe gehen, mich schlafen legen. Ich fühlte mich zudem auch körperlich recht elend, es war ein Hämmern in den Schläfen, ein Kreisen im Kopfe, ich kannte das aus früheren Erfahrungen, es war die Botschaft aufsteigenden Fiebers. Mein fröstelnder Heimweg, ich habe ihn wohl noch in Erinnerung, führte mich wieder an dem Kirchlein Marias vorbei. Es war jetzt schon völlig dunkel geworden, eine rote Ampel warf phantastische Lichte ins Gestühle und auf den Altar. Marias Antlitz war kaum zu erkennen, ich hätte ihr Lächeln gerne nochmals gesehen, ich hätte es gern mit mir genommen, in meine fiebernden Träume. Die Blumen aber, die ich noch in der Hand hielt, die legte ich ihr zu Füßen, sie sollten alle ihr allein gehören, ob sie auf üblem Umweg zu ihr gekommen waren, Maria, die Reine, nahm sie gewiß in Gnaden an. Ich mußte dann einige Tage zu Bette bleiben. Der Regimentsarzt übte seine Kunst an mir, meine Jugend half mit und wir brachten beide das Fieber bald weg. Hiermit ist aber an - diese kleine Geschichte zu Ende, von der ich jetzt nach so vielen Jahren, nicht mehr weiß, was an ihr Traum gewesen, und was Wirklichkeit. Daß das Erlebte ober Erträumte aber stark in mir nachwirkte, bekam ich noch am Tage zu fühlen, ba ich roieber zum Dienst in mein Fort hinaufging. Man hatte mir mitgeteilt, baß Oberleutnant „Sankt Antonius" meine Vertretung übernommen habe, unb meinen Rekruten ein gestrenger, aber gerechter Ausbilder fei. Ich hörte auch seine wohlbekannte Stimme bereits aus der Ferne donnern, als ich den Hügel hinaufstieg unb sah ihn auch bald mit gezogenem Säbel am Horizonte stehen und den marschierenden Zug befehligen. Er hatte sich, schau, schau, gerade die abseitige Stelle des Exerzierfeldes ausgesucht, die ich bisher stets von den Tritten der Svl- i baten zu bewahren gesucht hatte, weil sich dort bie Wohnung Gurulas i befanb. Es war noch früh am Vormittag, bie Sonne war voll reinigenber Kraft, ber Säbel bes heiligen Oberleutnants, erglänzte wie etwas Flam- menbes, er schien jetzt mit nicht geringerer Inbrunst am Werke zu fein, als einst ber prebigenbe Schutzpatron. „Stampft bie Erbe, ihr Männer!" hörte ich ihn rufen, „stampft bie (Erbe, stampft sie gut! unb betet zu Maria, es ist uns vonnöten, aber zerstampft bas Gift in ber Spinne!" i Doch mochte, was ich ba hörte, wohl eine Täuschung meines über» ! hitzten Gemütes gewesen fein. Denn als ich näherkam, hörte ich ihn beutlidjer unb wohl auch glaubhafter rufen: „Streckt euch, ihr Faulpelze, glaubt ihr, ihr bekommt bie Menage umsonst?" Katarina kann sich nicht entscheiden. Noman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. IFortsetzung.l „Werben uns vermutlich eine Weile nicht sehen, mein lieber Klüter.* „Reise machen, Herr Dagobert?" „Ungefähr, Klüter. Mal 'n bißchen bie Nase aus bem Berliner Kontinent ’rausbrefjn ... Was halten Sie von der Abria, Spalato, Ragufa, olle Römerfchanze? Liebe nun mal bie See; aber je weiter bie Pläne, desto sicherer wird Warnemünde oder Zinnowitz braus. Wieber- sehn!" Anberthalb Mille — was vorauszusehen war; Louis hatte in Gelb- fadjen eine entsetzlich zähe Seele. Nicht eigentlich Filz, aber hart unb weise für anbere Leute unb nicht ohne Humor. Dago pfiff. Teufel, Teufel! Abstanb unb Distanz? llnb bann unb banach, mein guter, her- Dorragenber Louis? Das war bie größere Frage ... Am Abenb tauchte Till in ber Meraner Straße auf. Sie brauchte dringend, wie sie behauptete, ein Kostümbuch aus Dagoberts „Bibliothek". Diez saß in seinem Zimmer und dampfte vor Arbeit. Er zeigte sich sogleich in der Ateliertür, mit zerwühltem Haar; starrte schwerblütig auf bas schmale Mäbchen, bas er nicht zu erkennen schien. „Ach, bu bist es, Till!" I „(Sott sei Dank, er erwacht aus seiner Trance! Wie war ber Film, ! „Mensch unb Aesfin" gestern?" i „Wieso Film?" fragte er unb zünbete sich bie erloschene Pfeife wie- „Was ist los, ihr Leute? Grüß schön I" sprach Dago- ßeute." „Neue Verabredung?" gestern im „Känguruh" ... „Ich muh wieder gehn, ihr „Ja: mit Barby." „Grüße die Barbinette! Grüß sie schön! bert plötzlich ungewöhnlich belebt. . , . Vergiß nicht deinen „Kneller, Kostümkunde l mahnte Diez besorgt. ,,O nein!" antwortete sie leise und lieb und entschwebte mit dem Stncller. Die beiden „älteren Herren" aber blieben in Gedanken zurück ..-. VIII. Am nächsten Abend stand Klüter mit dem ihm befreundeten Oberwachtmeister Pingel vom Revier vor der Haustür. Der Himmel sah schiefergrau aus. ri , „ , „Es kommt 'n Dreesch!" unterbrach Klüter ein ernstes, sorgenvolles Gespräch. .. . „Kann sein!" meinte Pingel gleichmütig. Er ist gegen Abend mit dem Wagen rüber nach Schildhorn ... Pingel, stämmig, mit schwarzer Bartbürste und knarrenden Ledergamaschen, griente. „Also keine Bange, Klüter! Anruf auf der Wache gen^Nee^wirklich, ich sage Ihnen, Pingel: Wieder so junge Kerls da drüben, gut und patent angezogene Päepels, sahen schon ganz früh und dann wieder mittags drüben auf der Bank und glotzten ruber. Mal allein, mal zu zwein und drein: auch mit Machens. Diese verfluchte Bank da drüben is gradezu eine Aufforderung und Einladung dazu! Es war Klüters fixe Idee und Sorge, sein Lieblingsthema. „Die Zunft weih natürlich ganz genau, was bei uns zu fressen ist. Na ja: Is alles prima gesichert, mit Alarm und Feuerwerk. Weih ich ... Bloh tlppan — schnedderrdeng, bumbum! sag ich Ihnen, Pingel. Schlacytmusik mit Festillumination ... Ich hab', wahrhaftigen Gotts, Angst, dah der Klamauk mal von selber in der Nacht losgeht." Na nlio!" Pingel sah wieder aus die Uhr im braunen Lederrmg unterm Aermel. „Kein fires Geschäft, Klüter, nach meiner Ansicht, so Kunstklamotten! Verpfeift sich zu leicht ... Na, ich muß in meinen Laden. Wiedersehn! Und nicht zuviel Bibber!" Pingel lachte und ging breit, m-t metallisch klirrenden Absätzen, davon. „Bibber!" qiitete sich Klüter. Pingel tat immer wie der liebe Gott oder der VKizeipräsident. Drüben, in der dicken Schieferwand hinter der Heerrtrihe. wetterleuchtete es plötzlich. Klüter nickte befriedigt: „Es kommt 'n Dreesch! — Bibber ...?" Er ging ins kühle Treppenhaus zurück yinzel kam vorüber. Mir is verdammt so, als ob heute dicke Luft wär', Lina. Nich bloh das Welter. Drüben an der Promenade sollen Dera».wörtlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'sch« Univerfitäts.D uch-undSteindruckerei.R. Lanae,Gießen. der an, „Blech und Blödsinn, für die ältere Jugend, Du wolltest ein ^a, Knellers „Kostümkunde der Frau". Ich brauche es zu einem witzigen Vergleich für eine Reklamezeichnung — sehr eilig! Wie gefiel Frau Gugernell der Film? fragte Till. . smxsj.«,. Diez röchelte mit der Pfeife. Was sprach das junge Mädchen da re0ßouis wandte sich erstaunt um, während sein hellgraues Jackett, ferne Weste, sein Haar, sein Gesicht, Hals, Kragen und Krawatte nah wur- den Er wollte furchtbar böse auf Glanzet werden Aber da sah er d's Helle Gestalt, ziemlich aufgeweicht, unter dem kreisenden Rieselregen stehn und sich lachend schütteln. „Gehn Sie doch aus den Weg hinaus, Katarina!" rief er und rettete sich selbst mit behenden Sprüngen aus dem Element. „Das ist herrlich! Verzeihen Sie! Es war ungeschickt ... Ich weih nicht, wie es kam. Ein richtiger Pladderregen: er hat uns gefehlt. S,e bückte sich rasch und drehte erst verkehrt, dann richtig ab. Der Professor schüttelte sich, wie ein mächtiger Neufundländer. Das Wasser lies ihm kalt und unverschämt in den Nacken. Nun mußte auch er lachen. Seine Dusche und Abkühlung hatte er weg! Frau Gugernell bewerkstelligte eine hohe Flucht, die breite Steintreppe zur Terrasse und zum Gartenzimmer empor-, pitschnaß. „Was mache ich mit Ihnen, gnädige Frau?" „Bitte um eine Decke! Ich fahre heim." „So lass' ich Sie nicht weg! Sie werden sich jetzt umziehen. Frau Klüter wird aushelfen. Ich habe oben in einem Schrank indische Schals und altchinesische und persische Kleider." Sie lachte wieder und preßte bte Hande auf das nasse Haar, das flach und kindmädelhaft anlag: ein andres, überraschend junges Gesicht, bas man gern mal hätte streicheln mögen. Frau Lina kam ihr vom Seitentrakt her schon nachgeeut. „Schreckliches Malheur gehabt, liebe Frau Klüter! Es gab köstliche Sachen in dem großen Jnnozenz-Schrank hinter dem Papstzimmer: Schals und Gewänder aus Spinnweb und bestickter Seide. Louis hatte das mal für Adele erstanden, ein Gelegenheitskauf auf einer Auktion; Adele hatte es sich interessiert angesehen, hatte es dann ein- aemottet und weggehängt. _ , , ,, . 9 Louis hatte den großen Schlüssel aus feinem Safe geholt; dann trollte er sich eilig. Toller Auszug! War so etwas möglich und erlaubt? Er sah wie ein Strolch aus. Er überließ es den Damen, wo und wie die Verwandlung vor sich gehen sollte. * _ , Im Ankleidezimmer waren Geräusche, Stimmen und Lachen. Dort föhnte und trocknete Frau Klüter, schlang zuletzt, geschickt einen Turban und trocknete auch die Hellen Lederschuhe. Dann wurde es still. Katarina wickelte sich selbst zu einer königlichen Mumie eng in zarte weiße Schals, die sie mit Spangen und Nadeln aus einer roten Lederschatulle befestigte, zog einen schimmernden Kimono darüber an. Der Schal und seine Fransen hingen modisch um die schlanken Knöchel in Lina Klüters feinsten seidenen Sonntagsausgehstrümpfen. Katarina schnupperte an ihrem Komplet herunter; es roch nach einigen Jahrtausenden und leicht nach Moschus. „He? Ja?" „Hier Katarina Guggernell!" Sie bat um eine Spritzflasche gegen das diskrete Jahrtausendparsüm der Dynastie Ming oder Al Raschid und gegen den Moschusduft. Er erwartete sie in schneeweißem Anzug mit feurigrotem Schlips, herrlich gelaunt in diesem Trockenzustand. Ein wenig zu stark in Weiß — aber stattlich und appetitlich! erfaßte Katarinas sanfter, kaum sich erhebender Blick unter den seidigen Wimpern Die Dame Gugernell sah noch schlanker und größer aus: halb indische Radschafrau, halb chinesische Dynastin, unerhört echt und reizvoll mit ihren hochgeschwungenen Brauen, Königin, Kaiserin, vollkommene Exotin; schien bloß Altindifch-Chinesisch-Persisch zu verstehn. Doll doll' dachte er auf gut berlinisch und meinte die neue Situation, die fremde hohe Frau und sich selbst aus der hohen Gelehrtenkaste. t Sie hielt den Kopf stolz und gerade. „Danke! Er stellte die Flasche weg und stand einen Augenblick hilflos, mit stürmisch-rundem Blick, da. So ähnlich war es immer: Als verschlösse sie sich plötzlich, in einer Sorge vor sich selbst ober vor ihm... Der Garten lag in tiefer Dämmerung und duftete nach Holunder und Faulbaum. Jetzt tropfte es rasch und schwer auf das Markisendach des Balkons und auf die großen Blätter unten, und bann rauschte der Regen und schloß die Welt ab: der erwartete „Dreesch" des Propheten Klüter. ’ , Die exotische Dame sprach gedämpft, mit steifem Kopf und fremdartigem Mienenfpiel, als spiele sie mit Lust eine Rolle. Er beobachtete sie mißtrauisch und entzückt. Er wurde wieder nicht klug aus ihr, obwohl er sie für einen schlichten, warmen grundehrlichen Menschen hielt, der sich ernsthaft nach sich selbst sehnte; sie hatte davon gesprochen. Klüter verschwand, wie ein dienender Dschinn im Frack. lFortsctzung folgt.) auch am Nachmittag wieder zwei geglotzt haben, sagt das neue Küchen- Zieh' die Jalousien hoch!" befahl Mussolina. — Gegen halb acht kam der Wagen, noch trocken, zurück Man hatte am Waller gesessen- Frau Gugernells Haut hatte einen blassen Schimmer, und ihre^Augen zeigten einen graudunklen Glanz. L°uls Hchselbrmk hatte heute micht gern allein sein mögen. Er spurte bas deutlich, als er mit ihr ins Haus trat, an einem Anfall von Glück. Sie gingen hutlos durch den Garten. Er fchnitt ein paar blühende Zweige ab. Er wurde ernst dabei und Katarina ungeduldig. Sie schritt cbwebend, mit schwingenden Armen, von ihm weg, eme Helle, hohe Gestalt, über den Rasen zu dem blanken Hydranten in der Nahe, drehte aus Versehen ober mutwillig — sie wußte es selbst nicht — an dem Schlüssel. Unb plötzlich standen sie beide in einem erfrischenden Sruh Sie suchte eifrig an dem dekorativen Bücherbrett. Dagobert strahlte vor Heiterkeit und Zorn. „Sag mal, Diez! Kolossal frech ... Du wirst dir einen Mörserschuh zuziehen!" Eine weihe Wolke hüllte den Stocker em. „Was ist los, ihr Leute? Wollt ihr etwas wissen? Nimm doch Plad, kleines Mädchen! Er selbst versenkte sich in Dagoberts kissenreiche Couchecke. Wie hübsch groß und eigentümlich matt Till heute in dem abendlichen Zwielicht aussah! Leidend, innerlich bebend, ein beseelter Reisbesen ... Sie tat »hm e n bißchen leid „Also sie — ich meine Katarina — kennt, rote sie mir auf Anfrage erzählte auch die Zita Dita, die in „Mensch und Aefftn rnelo- diich beschäftigt ist; wollte sie gern hören. Ist L°uis ihr Sklavenhalter? Lächerlich! Du kennst ihre unbesorgte Art, Dag. Und ich-- „Und du?" fragte Till freundlich. Sie interessiert mich außerordentlich, interessiert mich rasend. Ich mache kein Hehl daraus. Ich brauche so eine Figur, gerade diese Figur, fo einen höchst menschlichen Typ mit Zauberhaften Lichtern, die ver- chwiegen oder hintergründig schillern .---WlUre, wie gesagt, Stoff, der das Ventil mit Heftigkeit öffnet; ich wünsche, dem irdischen Wesen Gugernell bis unter die Haut zu sehen. Sela. Das ist es, was mich lockt und wappnet!" sprach Dr. Diez Hasseibrink. „Cchansche Andeuttmgen an deine Adresse, mein lieber Dagobert, gehn mich nichts an. Ich fchlendre meine Straße und grüß die schönste Frau, ihr Idioten! "Io* fp'frcht^nw'n^nicht mit einem älteren Herrn!" rügte Diez und legte sich das größte Kissen auf den Bauch, um in stille Beschaulichkeit $U °Sag ^mal: Was tatest du gestern abend auf dem Kursürstendamm, Till?" fragte Dag, friedlich ablenkend. Tills lange, blanke Brauen wurden noch länger. „Du warst auch in der Gegend, Dagobertchen?" Dagobertchen nickte. Wer —*>“ fragte Diez aus feiner Kissenschwellung. 'Baron Glod", sagte Till lässig in die Luft Ah: Rikodem, der Glod? Ein etwas unheimlicher blasser Knabe, zarterer Nachkomme Dschingis-Khans. Näher befreundet? Sie sah roeibbaft verschlagen aus und hatte blühende Lippen. „Ich führe kein Tagebuch, Diez. Er ruft mich öfters im Geschäft an unb betucht mich mal in meinem Zeichenbüro, wie er nach Lust unb Laune auch Rabindranath Tagore, Chaplin unb Vernarb Shaw aufsuchen würbe. Er hat famose Einfälle für mein Fach unb hat sehr viele Geschmack, geloben mit Geist unb Witz, Erlebnis und Welt. Er kam auch nach dem Tulpenweg in meine Himmelsbude, besuchte dabei natürlich auch Onko, der gerade aus Tegel anrollte. Wir waren „„„um Allerhand!" Sie sah auf ihre Armbanduhr.