GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1934 Zreitag, den 2. März Nummer 17 Trinklied. Volksweise. So trinken wir alle Diesen Wein mit Schalle! Dieser Wein für ander Wein Ist aller Wein ein Fürste; Trink, mein lieber Dieterlein, So wird dich nimmer bürsten: Trink's gar aus! Ein Neiglein noch drin ist, Du ein fauler Zecher bist; Heb hinten über sich das Glas, So lauft es dir mehr und baß; Trink, mein lieber Dieterlein, Laß dir schmecken den kühlen Wein: Trink's gar aus! Das Glas soll umher gähn, Laß keiner lang vor ihm stahn! Dieser Wein treibt weg alls Leid; Dieterlein, tu mir Bescheid! Er schon in den Zügen leit, Er gar ein guten Zecher geit: Trink's gar aus! Oie Nagelprobe. Eine fröhliche Anekdote von Karl Lerbs Da lebte, muß man wissen, auf seinem Gute Vonkowa Gora, irgendwo tief in Polen, Adam Malachowski, der sich aus silbernen Humpen einen durch das ganze achtzehnte Jahrhundert klingenden Trinkerruhm ansoff und die Lustigkeit um so mehr liebte, je mehr sie lärmte. Er besaß Rang und Titel eines Kronvorschneiders; und das war, mutz man wissen, eine Würde, deren Bedeutung man sich in unseren respektlosen Zeiten kaum noch recht ausmalen kann. Doch war es kein Amt, das den ungebärdigen Kräften seines Trägers das ersehnte Tummelfeld bot, und es vermochte ihn auch niemals so zu vergnügen, daß er seinen borstigen Schnauzbart aufblies, bis seine scharlachleuchtende Nase fast darin verschwand — wie das in Augenblicken höchsten Entzückens seine anmutige Gewohnheit war. Da mußte er sich nun also das Register der standesgemäßen Belustigungen, das sich mit Hehiagden, Pokulieren und Vauernschinöen immer allzubald herunter,pielte, durch das Ersinnen neuer Edclmannsfreuden bereichern. , Er tats. In seinem Silberschatze befand sich ein prächtiger Kelchs darauf drei Herzen und die Worte „Corda fidehum gar zierlich eingeschnitten waren. Dieses Gemäß faßte zwei Quart Weines und war für den geselligen Umtrunk bestimmt: Malachowski aber hatte sich in seiner Handhabung solche Meisterschaft erworben, daß er es auf einen einzigen Zug leerte, trockenen Daumens die Nagelprobe machte und hinterdrein genau so fest auf seinen sacht gekrümmten Beinen stand wie zuvor. In diesem Meftterstucketats ihm keiner gleich; ihm aber war es eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit und des Stolzes, dies immer wieder zu erweisen. Wenn ein Gast auf Vonkowa Gora erschien, so mutzte er, ob er wollte oder nicht, dem Hausherrn aus dem berühmten Kelch Besche d tun bis zum letzten Tropfen und trockenen Daumens die Nagelprobe machen. Blieb auch nur ein einziger Tropfen im Kelche hangem so mußte der Gast den Versuch wiederholen, bis er das Kunststück zuwege brachte; wollte er nicht, so packten 'hu Malachowskis Heiducken und hielten ihn fest; lag er hernach schwer trunken am Boden, so blies Malachowski voll Entzücken seinen borstigen Schnauzbart auf, bis seine scharlachleuchtende Na e fast darin^ verschwand. Nun ist das aber ein Spaß, den nicht jeder vertragt, mancher schied vom Gute mit schrecklichem Schadelweh; ja, man raunte sich im Lande zu, daß mehr als einem der Schädel n mmer wehgctan habe, weil er eben einfach aus dem Rausche nimmer ^S^nannte man bald das prächtige Gemäß mit angstvollem Schauder den „Todeskelch"; Reisende mieden Bankowa Gora und wollten lieber im Morast der Landwege als °u des Kronvorschnei- ders Humpen ersticken; große Herren ließen sich>von Malachowfti einen Gelcitbrief schreiben, in dem er bei allen Machten bei ©.m- mels und der Erde, bei seinen Ahnen und emem Bestehen vor dem Jüngsten Gericht schwor, den Todeskelch im Schranke zu lassen, wenn sie ihn besuchten; mancher wagte es auch daraufhin noch nicht und schickte seine Diener, wenn es etwas zu bestellen gab — wobei es dann oft genug vorkam, baß er eine »wette Mannschaft entsenden mutzte, um die erste aus irgendeinem Stratzengraben auflesen zu lassen. Der Kronvorschneider aber lauerte oft wochenlang vergeblich aus Opfer. Ei, wie freute er sich eines Tages! Kam da ein klappriges Wäglein mit einem dürren Klepperlein davor auf den Hof gefahren, und darin saß ein Mönch, der für das Benedtktinerkloster Wielka Wola Almosen sammelte. War ein kleiner, hagerer, grauer Mann, trug eine oft geflickte Kutte, bot mit leiser Stimme bescheidenen Gruß und Segen und bat höflich um ein Weniges zu essen und um eine fromme Gabe für sein Kloster. Des Kronvorschneiders Schnauzbart begann sich aufzurichten; er ließ dem Mönchlein eine tüchtige Schüssel Bigos, was ein derbes Gericht aus Sauerkraut und Fleisch ist, und ein Glas Bier vorsetzen und rückte ihm hernach mit dem Todeskelch zu Leibe: Er wolle ihm, sagte er, zwei Fuhren Getreide mitgeben, wenn es ihm gelinge, zupor diesen Kelch auf einen Zug zu leeren und trockenen Daumens die Nagelprobe zu machen. Ach nein, wehrte sich der Mönch ehrer- Bietig — er sei des Weines qar ungewohnt und wolle lieber um einen Trunk Wassers oder dünnen Bieres gebeten haben. Dabei saß ihm ein Schalkslächeln in den Mund- und Augenwinkeln, aber das sah Malachowski nicht. Er brüllte nach seinen Heiducken, ließ den Kelch füllen und fuchtelte drohend mit der Hetzpeitsche. Seufzte also das Mönchlein, schlug ein Kreuz über den Kelch, faßte ihn mit beiden Händen, trank und trank; ließ aber ein paar Tropfen drinnen. Holla, schrie Malachowski, so sei es nicht gewettet; noch einmal füllen! Der Mönch*bat zitternd, man möge ihn um Gotteswillen in Frieden ziehen lassen - aber es half ihm nichts: er mußte abermals heran. Sprach er also ein kräftig Stotzgebetlem, holte tief Atem, trank und trank — ließ aber wieder ein paar Tropfen drinnen. Der Kronvorschneider sah mit Staunen, daß der Gast die Farbe des Gesichts kaum verändert hatte und noch immer fest auf seinen Beinen stand; mit aufsteigendem Zorn befahl er die dritte Füllung. Das sei ein gar grausam Stück, sagte der Mönch, und wenns nicht um seines Klosters willen wäre, so möchte er lieber gar den Hunden vorgeworfen werden, als so lästerlich saufen; lockerte hierauf ein weniges den Strick, den er um den Leib trug, schnaufte ein paarmal, trank und trank — nnd ließ zum drittenmal etwas im Kelch. Der Herr Kronvorschneröer möge ihm verzeihen, sagte er dann — aber es muß wohl an der mangelnden kkebung liegen; doch habe erst nun wohl recht geprobt und hoffe es beim vierten oder fünften Male endlich zu können. Damit griff er, als die Heiducken in abergläubischer Furcht zurückwichen, selbst zur Kanne und goß den Kelch wieder voll; ging ein paarmal kerzengrade durchs Zimmer, seufzte ein bißchen, trank und trank; machte die Nagelprobe, fand einen Tropfen auf seinem Daumen, schüttelte ärgerlich den Kopf und — griff zur Kanne. Der Kronvorschneider saß schon längst auf seinem Stuhl, aus seinen Aeuglein waren ganz große Augen geworden, und er sah aus, als hätte er nicht übel Lust, nun seinerseits zu etnem Stoßgebet seine Zuflucht zu nehmen. Als er aber sah, wie der Inhalt des Todeskelches zum fünften Male hinter der geflickten Kutte verschwand, schoß ihm plötzlich ein Begreifen auf, daß das graue Mönchlein ihn zum Narren hielt und auf eine Fassung an Wein geeicht war, wie man sie sonst in Polen und anderswo landauf, landab vergeblich suchte. Polternd schmiß er seinen Stuhl zu Boden, ritz dem Trinkenden den Kelch vom Munde, packte ihn am Kragen und setzte ihn eigenhändig vor die Tür. Als er noch zwischen Zorn und Lachen den Vorfall staunend bedachte, meldete ihm ein Diener zähneklappernd, der Mönch habe draußen am Brunnen einen ordentlichen Trunk Wasser geschöpft, sei dgnn festen Schrittes auf seinen Wagen gestiegen und halte nun auf der Landstratze stocknüchtern schnurgeraden Kurs. Der Kronvorschneider schwang sich auf einen Gaul, preschte hinterdrein, holte den Mönch ein, sah ihm ein wenig scheu in bas ernste, graue Gesicht und sagte: „Traun, ich will Euch das Getreide geben, weil Ihr so brav geschluckt habt, wie ich es meiner Seel selbst nicht vermag; aber Ihr dürfet mir nimmer aufs Gut kommen. . Ist recht", sagte der Mönch, und wandte den Wagen. „Ich will nimmer kommen, wenn Ihr mir versprechet, daß Ihr niemals mehr dieses Spiel treiben wollet; ist mir doch, als halt mir der heilige Bernhard geholfen, daß ich das Land von Eurer Plage sollte freisaufen." Wachte hernach streng darüber, baß man ihm bas rechte Maß gab, reichte Malachowski zur Bekräftigung des Vertrages die Sand nnd zuckelte von dannen. . Der Kronvorschneider sah ihm nach, fluchte ein wenige», lachte ein weniges, ließ sich den Todeskelch füllen und begriff, al» er ihn in den Händen wog, plötzlich den Humor der Sache — allo daß er seinen borstigen Schnauzbart ausblies, bis seine scharlach- leuchtende Nase fast darin verschwand. Vorfrühling am Waldesrand. Von Detlev v. Lilien cro n. In nackten Bäumen um mich her der Häher, Der ewig kreischende, der Eichclspalter, Und über Farnkraut gaukelt nah und näher Und wieder weiter ein Zitronenfalter. Ein Hühnerhabicht schießt als Mäusespäher Pfeilschnell knicklängs vorbei dem Pslugsterzhalter, Der Himmel lacht, der große Knospensäer, Und auf den Feldern klingen Osterpsalter. Die Entdeckung von Worpswede. Von Bernhard Sandering. Mackensen, Braunschweiger aus Greene bei Kreiensen, 1867 geboren, studiert in Düsseldorf und München. Er ist ein einsamer Mensch, die Natur seine Zuflucht und Rettung. Er ist auch Jäger und ein guter Reiter. Das hält die Augen offen und bewahrt vor dem melancholischen Schwelgen in der unbelebten Einsamkeit, vor dem schon Goethe warnte. Gelegentlich hält er in knappster Eindringlichkeit einen Eindruck von draußen im Wort feft; Rilke, der so anders Geartete, hatte recht, an Turgenieff, den Jäger, zu erinnern. 1884 stieg er, auf Worpswede, das noch keiner kannte, beiläufig aufmerksam gemacht, vor dem Bremer Hauptbahnhof in den Lilienthaler Omnibus. Es war Sommer, sehr heiß, und man quetschte den schmalen Achtzehnjährigen kräftig zusammen. Es roch nach Moorrauch, man sprach Platt. Er verstand nicht viel, obwohl er Klaus Groth gelesen hatte und aus niederdeutschem Boden kam. Plötzlich ein Ruck, der Malkasten, den er auf dem Schoß trug, entglitt ihm, der Herr gegenüber, länglich, mit dünner Maurerfräse und biedermeierlicher Halsbinde, lachte, man kam ins Gespräch, auch er war Maler, hatte aber vorgezogen, die Windmühle seines Vaters in Hüttenbusch, nicht weit von Worpswede, zu übernehmen, obwohl Hermann A l l m e r s anderer Meinung gewesen war. Dann hielt man an der Wümme. Die weiten Wasserzüge, die fremden schwarzweißen Kühe und di» geruhig grasenden Pferde, die langgedehnten Höfe an den Dammkuppen waren ungewohnt. Ungewohnt auch die weißen, leise angeglühten Schwimmwolken, die endlos herzukommen schienen. Das Perpendikel schlug an. In Lilienthal stieg man vor Peters Gasthof um. Der Worps- weder Wagen war noch dichter besetzt, der Gerichtstag ging gerade zu Ende. Der Kutscher konnte sich kaum rühren, rechts und links saß ein Fahrgast. Die Sonne kochte. So kletterte er auf das Dach und ließ die Beine herabbaumeln. Einige alte Frauen schmüsterten. Das war nicht schlimpr. Unbequemer war jedenfalls der enge Raum zwischen den aufgestapelten Kisten, Säcken, Körben und Eimern. Es war eine nahrhafte Zeit damals, und wenn man schon einmal verreiste, brachte man auch einiges mit. Was gab es schließlich im Dorf zu taufen 1 Und trotz allem war es hier oben schöner, befreit von Gevatterschnack, billigem Knaster und arglos ausgespucktem Priem, befreit auch von der Hitze und dem trockenen Dunst selten gebürsteter Sonntagsröcke. Das Land glitt zögernd vorbei. Er hatte an eine menschen- und gottvergrabene Ebene gedacht, aber überall standen helle, freundliche Dörfer auf, Moor schob sich mit hochgestapelten Torfhaufen dazwischen, die Heide glastete, Jmmenschwärme hingen in ockergelben Lupinenfeldern, eine Frau in geschürztem Rock, roter Bluse und weißem Schleierhut werkte, und immer trjeben die weißen, kaum atmenden Wolken durch die tiefe, stählerne Bläue. Und Erde und Hausöach, Graben und Wiese, Birken und Kiefern rauschten in betäubendem Licht. So viel Wolken und Farbenschimmer hatte er noch niemals gesehen. Was war Düsseldorf dagegen, was das Alpenvorland um München mit seiner plastischen, zeichnerischen Ausrundung, in der jedes Ding hell und scharf stand, als sei es mit der Schere aus Papier geschnittten! Zum ersten Mal begriff er Rembrandt, den inbrünstig Geliebten, aus seiner ebenen Undurchdringlichkeit. Die Birken waren alle von Westen nach Osten herübergekämmt, der Wind roch nach Moor, nach der Wesermündung, nach Holland. Ein Hügel warf sich auf, unte.n weidete ein Schäfer seine Schnucken, eine Kirchturmhaube kroch nachmittagsmüde aus den Bäumen. Dann fiel ein Uhrenschlag. Im Wagen unten schnarchte ein Bauer. Die Frauen hatten bei der Glut und dem Geholper auf den schlechtgepflasterten Straßen und mülmenden Sandwegen auch nicht mehr viel zu verkaufen. Worpswede! Die Pferde blieben von selbst vor der „Stadt „Bremen" stehen. Ein wundervoller alter Bauerngarten mit Akelei, Rittersporn, Feuerlilien und Zentifolien spannte sich in die hohe, geschnittene Weißdornhecke. Schräg gegenüber wohnte die Familie Stolte, die ihn eingeladen hatte. Breite grüne Linden lehnten vor dem Haus, das Familienwappen bewachte den Eingang, die Torpfosten rvareii Walfischkiefer. Stolte sen. war der erste Kaufmann am Ort und außerdem Gemeindevorsteher. Fritz Mackensen war bald zu Hause. Und war es noch mehr, als er seine stummen Wanderungen in Moor und Hammeniedrung begann, die Menschen sah, die sich seit hundert Jahren um nichts geändert hatten, Erde waren und ungeformte Natur, allem Spuk und Schabernack, allem Grauen und Großen eng verschwistert und verschwägert. Er wußte, daß er wiederkehren würde. Im folgenden Sommer bis in den Herbst hinein wohnte er von neuem hier, 1887 begann er mit dem „Gottesdienst im Freien" jKestner-Museumj. Er malte ihn draußen, da er keine Werkstatt besaß und auch die Bauerndielen nur unzureichenden Raum boten. Die Leinwand lehnte an der Kirchenwand. Nachts, wenn die Stürme schrien, stand er auf, um sie fester zu stützen. Jahr um Jahr rang er mit dem mächtigen Vorwurf, im Winter auf 1895 wurde baä Bild fertig und trug ihm in München sogleich die Große goldene Medaille ein. Inzwischen waren Otto Modersohn und Hans am Ende 6ein Freunde nachgefolgt, einige Jahre später kamen Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, beide geborene Bremer, auch Karl Vinnen ließ sich eine Zeit- lang nieder. Worpswede war entdeckt, der französische Impressionismus, um das Erbe von L e i b l und V ö ck l i n vertieft und gemehrt, an alter deutscher Malkunst geschult, begann, sich ganz deutsch, ganz boden- nahe, ganz schlicht und groß auszuörücken. Jeder ging seinen eigenen Weg, „das Gemeinsame aber war das dunkle, formen» und farbenreiche Land und der Himmel, der es so märchenhaft überspannt". Worpswede wurde eine Welt wie Barbizon, wie das schottische Cockburnspath bei Glasgow,' wenn in Paris ein Bild mit einer besonderen Note gekennzeichnet werden sollte, ^ieß es „ä la Worpswede". Rilke kam und Carl Hauptmann, in den Sommerwochen wurden die Gastwirte an den Fremden reich, und als nach dem Kriege Bernhard Hoetger zu bauen ansing, schien das stille, schöne Dorf gänzlich verloren. Eine neue Zeit schuf auch hier Wandel. Während aber nahezu alle an dem schweren, verschlossenen Menschen vorübergingen, beinahe voll Angst vor seiner Uner- gründetheit, drang Mackensen im „Dodenbeer", in der „Trauernden Familie", in der „Worpsweder Madonna", der Bremer Kunsthalle, in „Mutter und Kind", im „Säemann", im „Trinkenden Bauern" und in der „Scholle" immer tiefer in ihn ein und gab dann fein Werk weiter an seine größte Schülerin, Paula Modersohn-Vecker, deren reines Farben- und Ton- gefühl er zu monumentaler Stärke zu steigern versuchte. Auch sie ging ihren eigenen Weg, der um nichts den Wert des Mannes mindert, der sie alle gerufen und ihnen die akademieblinden Augen geöffnet: Fritz Mackensen. Und wenn ein halbes Jahrhundert Worpswede ein halbes Säkulum Sehnen, Suchen, Finden und Verlieren ist, so steht er dahinter, Künstler, Mensch und Erzieher, manchmal vergessen, aber niemals verloren. Und trotz aller Titel, Orden und Medaillen Worpswede, das er auf die Dauer nicht verlassen konnte, und das ihn in den vielen Kümmernissen seines Lebens hält, „wie einen seine Mutter tröstet". Mode und Zeitgeist. Von Dr. Wolfgang Frahm. In jeder Zeit großer politischer und geistiger Umwälzungen tauchen auch immer wieder Vorschläge und Bestrebungen auf, der Mode, der leichteren, beweglicheren, ja wankelmütigen Schwester der ernsteren und beständigen „Tracht", ein anderes Gesicht zu geben, weil man eine untrügliche Witterug dafür hat, daß sich der Geist der Zeit auf allen Gebieten des Lebens seinen ihm gemäßen Ausdruck sucht, um sie alle zu einer Einheit zusammenzufasien, nicht im Sinne grauer Eintönigkeit, sondern in dem Gefühl, daß Tracht und Mode auf die Dauer ebensowenig Zufälligkeiten und Nebensächlichkeiten sind wie Sitte und Brauch, wie die Formen der Geselligkeit, wie Spiel, Tanz und Sport. Der neue kulturpolitische und sozialpolitische Wille, der sich in der deutschen Freizeit-Bewegung „Kraft durch Freude" Bahn bricht, hat mit der Einführung einer Tracht bereits den Weg zu einer solchen Umgestaltung zu beschreiten begonnen. Der Einfluß, der von einer Wiederbesinnung auf die eigenen Kräfte ausgeht, wird auch vor der Mode nicht Halt machen, aber er wird ihr nicht die gesunden Launen und die bunte Lebendigkeit ihrer Einfälle nehmen können und wollen. Ist die Mode Ausbrucksform jeglicher menschlichen Gemeinschaft, gleich welcher Zonen und Epochen, oder ist sie erst von einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte an nach Ueberwindung der ersten Entwicklungsstufen bei den Völkern als verfeinerter Gast erschienen? Dürfen wir also bei Naturvölkern schon von Mode sprechen? Bei den Griechen und Römern finden wir jedenfalls schon ausgesprochen modische Haartrachten, einen anmutigen Wechsel, aus dem sich manche Stilwanblnngen ablesen lafsen. In Deutschland ist z. V. während des 10. und 11. Jahrhunderts ein deutlicher und nicht nur aus der Zweckmäßigkeit zu erklärender Ucbergang von enger zu weiter Kleidung festzustellen. Bald gehen von Italien und Frankreich schon ausgeprägte Modeströmungen aus. Im 15. Jahrhundert herrscht eine eckige Schlankheit vor. Das 16. Jahrhundert liebte das Breite und Feierliche, schwer rauschende Brokatstoffe, gebauschte Oberärmel und Schleppen. Geist der Renaiffanee liegt darüber. Wie Lebensgefühl der Epoche, Geselligkeit und Mode zusammenfallen, zeigt der „Cortigiano", das Büchlein vom vollendeten Kavalier, das 1516 erschien und das darüber belehrt, was um die Wende des Jahrhunderts in der Gesellschaft tonangebend war. Unschicklich sei es, so heißt es, heftige und schnelle Bewegungen zu machen,' und so sollte auch die Kleidermode hoheitsvolle Würde darftellen. Der italienische Einfluß wird bald von dem französischen verdrängt. Der französische Hos bietet das in allen europäischen Ländern nachgeahmte Vorbild. Paris hat noch lange als die Verkörperung des feinen Geschmacks gegolten, obwohl manche der gesellschaftlichen und künstlerischen Kräfte, die diesen Weltruhm im 17. und 18. Jahrhundert begründet haben, inzwischen versiegt waren. Die französische Revolution riß die Mode aus ihrem Reich schwelgerischen Prunks und leichtsinniger Eleganz heraus und knüpfte deutlich den Zusammenhang zur Politik und zur Bewegung der Massen. Als 1789 der Hofmarschall Marquis d e Dreux Vryzo bestimmte, daß der dritte Stand sich schwarz zu kleiden habe, während die anderen in bunter Seide erschienen, erklärte Mirabeau, das schwarze Gewand sei das Ehrenkleid und man überlasse Seide, Brokat und Tressen gern den Lakaien. Der Kniehose des Rokoko erklärte-die Revolution den Krieg, und das lange Beinkleid wurde zum politischen Symbol. Ueber die Geschichte des 19. Jahrhunderts kann man sich sehr gut aus der Aufeinanderfolge ihrer sich ablösenden Moden unterrichten, die ihre Herrschaft allmählich auch über die breiteren Schichten des Volkes antreten, ein Vorgang, der durch die Entwicklung des Kapitalismus wirtschaftlich ermöglicht wurde, denn Massenuach- frage, Industrialisierung und Reiz der Abwechslung werden jetzt miteinander verbunden. Damit tritt eine entscheidende Wandlung ein. Nachdem fast alle Zweige des Bekleidungsgewerbes zur Modeindustrie geworden sind, entsteht die Notwendigkeit, den einmal in Schwung gesetzten Apparat in Gang zu halteu,- das Riesenrad niuß sich drehen. Das Schwergewicht der Mobenschöpfung verschiebt sich damit auf die Seite der Erzeuger und Händler, die immer neue Wege und Mittel ersinnen müssen, um den Umsatz zu steigern. Man halt zwar noch an den Vorbildern der „eleganten Gesellschaft" fest, ist aber gezwungen, diese Moden der oberen Schicht den breiteren Massen wirtschaftlich zugänglich zu machen. Die Folge war sehr häufig eine Qualitätsverschlechterung, das Eindringen von Ersatzstoffen und die Vortäuschung einer Eleganz, die sehr schnell fadenscheinig zu werden drohte. Diese Wandlung wird deutlich, wenn man z. B. die schwere Tracht einer Schwarzwaldbäuerin oder einer Bückeburgerin, die von Geschlecht zu Geschlecht vererbt wird, dem modischen Kleid gegenüberstellt, das vielleicht schon im nächsten Frühjahr veraltet ist und für das schon aus diesem Grunde keine ausdauernden und „echten" Stoffe verwendet werden. Massenherstellung und eine starke Erregbarkeit und Beeinflussungsmöglichkeit des Geschmacks sind im 19. Jahrhundert eine anscheinend untrennbare Verbindung eingegangen, die man durchaus nicht zu bedauern braucht, denn auch auf diesem G'-biete kann das Gesunde ebenso wie das Kranke, das Schlechte ebenso wie das Gute gedeihen,- auf den Geist der Zeit kommt es an, der die Führung übernimmt. Was heute immer mehr die Industrie und das Heer der von ihr beschäftigten „Modeschöpfer" bewirken, war vor Jahrzehnten noch in erster Linie das Werk weniger Persönlichkeiten und der sie umgebenden „Gesellschaft". Früher erfand ein König einen neuen Westenausschnitt, ein beliebter Schauspieler schaffte eine neue Hutform ober ein berühmter Dichter einen neuen Schlips. Das mag für sie die richtige Kleidung gewesen sein. Aber mit einem Mal tritt die neue Westenform, der neue Hut oder der neue Schlips seinen Siegeszug durch die Welt an, und alle wollen gekleidet gehen wie Eduard VII., wie Lord Byron oder Girardi. Ist es so absonderlich, baß dabei mebr oder minder lustige Geschmacksentgleisungen entstehen? Die einen, die sofort mit jeder neuen Mode gehen, tun es, um auf jeden Preis aufzufallen,- sie sind deshalb ängstlich darauf bedacht, unter den ersten zu sein. Die anderen fügen sich ihr. um möglichst wenig aufzufallen. Sie beaeben sich unter den Schutz der anonymen Macht „Mode". Daß Zweckmäßigste und guter Geschmack nicht immer zusammengehen, erscheint selbstverständlich. Die Sucht nach Abwechslung und nach Nachahmung führt oft zu den eigentümlichsten Geschmacksverirrungen. Die Geschichte der Mode ist deshalb auch zugleich die Geschichte ihrer Torheiten. Schon in früheren Jahrhunderten entstanden in Deutschland Schriften gegen die modischen Uebertreibungen oder gegen die skavische Nachahmung fremder, besonders französischer Moden. Namentlich in der zweiten Halste des 18. Jahrhunderts wechselten insbesondere die weiblichen Frisuren in ihren Verzerrungen und Ueberspitzungen so ost, daß die »Spötter reichliche Nahrung fanden. Es gab auch wirklich genügend Angriffspunkte. Da wurde z. B. eine Schöne in einer Sänfte getragen, durch deren Baldachin ein regelrechter Haarbusch wächst. Oder auf einem anderen Kupfer erkennt man ein mit Leitern und Winden versehenes mehrgeschossiges Gerüst, damit die darunter sitzende Huldcn von einem Troß auf- nnd abklimmender Scherenscstwinger gehörig gebrannt, gezupft und gestrählt werden kann. Wir brauchen uur an den Schuttrleib zu denken, um uns klar »» machen, welcher Torheiten die Mode fällig ist und welche Qualen die Menschen um der lieben Eitelkeit willen ertragen. Im allgemeinen ist aber doch dafür gesorgt, daß die Bäume der modischen Ve?rrungen nicht in den Himmel wachsen, nnd die Tyrannei der „Königin M.R>e ist keineswegs so willkürlich, wie man häufig annimmt. Wir dürfen nicht vergessen: in der Mode wird auch einem berechtigten Spieltrieb und einer natürlichen Freude an der Abwechilumi und an der Mannigfaltigkeit der Formen und Farben entsprochen. Jedenfalls ist die Mode heute wie in früheren Jahrhunderten ein aetreues Spiegelbild ihrer Zeit: in ihm können wir: di«; guten und die schlechten Mächte erkennen, die das viemelnscha sleben ge- stalten. Das mag uns für die Zukunft ein verheißungsvolle' Zeichen sein auch hier aus dem Quell der tn unserem Volk und unserer Ueberlieferung in reichem Maße vorhandenen Kräfte zu schöpfen. Ein Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Fortsetzung.) lNachdruck verboten.) Die streitbare Dame sah offenbar ein, daß sich das Kräfteverhältnis verschoben hatte. Also gut, gab sie zu, gehen wir zu Ihren Sternen hinauf. Wie übersetzen Sie: auf rauhen Pfaden? Ich dachte freilich, mit der Bahn hinaufzufahren und über den Kamm nach Langenau hinabzuwandern. Also wandeln wir unter Sternen! stimmte er begeistert zu. Nur meinen Abendzug darf ich keinesfalls versäumen! Darauf gab das Fräulein Petersen keine Antwort mehr,' sie senkte nur den Kopf auf die Füße, mit denen sie beide nun gemeinsam über die Straße gingen, als wäre alles zwischen ihnen in Ordnung. Am ersten Schaufenster blieben sie nach der Vereinbarung stehen,- er nahm den Hut ab, und weil ein dunkler Stoffaushang dahinter ausgezeichnet spiegelte, sah er seine mit dem Taschentuch beschmierte Stirn, die zu den Hosen, den Ellbogen und dem beschmutzten Kragen patzte. Wollen Sie nicht lieber erst ins Hotel gehen? fragte sie, und er bog die Frage um: Wenn es Ihnen unlieb ist, mit solch einem Strolch gesehen zu werden? Nein, weil es Ihnen unbehaglich sein muß! beharrte sie,' und als er aus einer abergläubischen Warnung in seinem Dreck bleiben wollte, wie er sich ausdrückte, fiel ihm die eigene Klügelei über den Fatalismus ein, der die Fiktion der Willensfreiheit voraussetzte. Nein, sagte auch er, ich will freien Willens andere Hosen anziehen, um das Ding beim Namen zu nennen! Nur gibt es da einen Hund, vor dem ich mich abergläubisch fürchte: zudem sparen wir Zeit. Also müssen wir einen Wagen nehmen, wenn Sie cs gnädig gestatten? Ich gestatte es gnädig! schalkte sie: und er winkte auch schon einen Wagen heran und mußte lachen, als es derselbe Chauffeur war, der anscheinend vagabundierte. So, Herr, trumpfte er auf, nach hinten an die Tür greifend, das hätte mich fast ein Protokoll gekostet! Und was kostet fast ein Protokoll? fragte der Doktor Schmitz spöttisch und freute sich über die Behendigkeit, mit der seine zierliche Begleiterin in den Wagen schlüpfte. Wenn da vorn der Rhein flöße, wäre das da oben der Drachenfels, wollte er zu scherzen beginnen: aber da ratterte der Kasten mit ihnen auch schon davon, und er mußte erhlich seufzen, daß es besser wäre, darin zu warten als zu fahren. Aber das konnte seine Begleiterin nicht verstehen. Am Hotel wollte das Fräulein lieber draußen warten als in der Halle, wozu er sie einlub. Sie ginge noch etwas besorgen: in zehn'Minuten spätestens sei sie zurück! Ich in neun, prahlte er und stürmte hinein. Während er seinen Koffer aufritz und mit all den Dingen begann, die nötig sind, damit ein Mann aus einem alten Hemd sauber gewaschen in ein neues kommt, mußte der Doktor Schmitz selber über seinen Tatsachensinn lachen: er fand diesmal buchstäblich alles, was er suchte. Und wenn auch der blaue Anzug seinem Zustand gemäß eingewalkt wurde, so stellte er dafür mit acht Minuten, wie er sich selber in den Spiegel hineinstrahlend verkündigte, einen neuen Rekord auf. Er fand auch noch Zeit zu der Feststellung, daß ihm der rehfarbene Reiseanzug sowieso besser stünde als der blaue, und hatte Glück mit dem Fahrstuhl, der gerade hinab wollte. Sie saß gleichwohl schon wieder im Wagen, als er hinaus kam, und er merkte bald, daß sie nachdenklich geworden war in seiner Abwesenheit. Was hätten Sie gesagt, wenn ich unterdessen fortgegangen wäre? fragte sie obenhin: aber ihm schlug es aufs Herz, was sich darunter verbarg. Es wäre ein Wortbruch gewesen! sagte er kopfschüttelnd über die Unmöglichkeit: und sie nickte: ich bin ja noch da! Der Chauffeur, als sie an die Uetlibahn kamen, erhielt sein Fränkli extra für das fast erhaltene Protokoll: und der Zug stand wie im Märchen zur Abfahrt bereit. Auch hatte der Junitag sich gegen alle Versuche, Wolkenschleier vor die strahlende Sonne zu hängen, tapfer gehalten: es würde, wie der Doktor Schmitz un- händig sagte, eine wahre Himmelfahrt über die grünen Matten und das noch junge Waldgrün hinauf zum Uetli. Die aber die Himmelfahrt mitmachte unter singenden, schwatzenden Fahrgästen mit dem ganzen ungefügen Lärm, den solch ein ratternder Zug in die Landschaft bringt, sie hing zwar mit großen Augen an der weißen Pracht, die über dem dunkeln Blau der Ferne immer sieghafter wurde: sie selber aber saß nachdenklicher, und einmal schüttelte sie deutlich den Kopf. Darum, als sie oben waren, wo der anfahrenöe Lärm von dem auf ihn wartenden empfangen wurde, und wo die über den Weg aufkriechende Raupe aus Kleidern, Hüten und Sonnenschirmen am nahrhaften Ziel war, wußte der Doktor Schmitz schon, was seine Begleiterin wollte, keinen Kaffee und keinen Kuchen, auch keinen Äussichtsturm: nur fort aus dem Trubel in die Abkehr der Landschaft! Es ging nicht so rasch, wie ihre offenbare Ungeduld erwartete: als sie von dem ersten Kamme hinabsahen, lockten die Wegweiser schon wieder zur Gastlichkeit der Annaburg. Dafür hatten die weißen Prächte der Glarner Alpen den Horizont hoch in die weißen Federwolken erhoben, und das dunkelblaue Gewoge der Vorberge hatte seine Schlüfte aufqetan, aus denen das Silberband des Zürichsees sich bis zu ihren Füßen herangezogen hätte, wenn nicht die tiefe Waldrinne des Sihltals dazwischen gewesen wäre. saftig geraten Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Llniverfitäts-Duch« und Steindruckerei. QL Lange, Dieben. gemerkt haben — eine Laus Sie mit dem dazwischen ge- Handschuh gilt es nicht! protestierte der Doktor hart- bis sie das Leder auszog und ihm die bloße Hand gab, durchaus nicht wie ein schutzbedürftiges Vögelchen in der spürte: • - haben viel Tennis gespielt! stellte er fest,' aber sie winkte Im näckig, die er seinen Sie gleich ab: Die Frage gehört nicht in den Vertrag! Und er quittierte: Also schon gegebenenfalls! Sie standen, nachdem ihre Unternehmung so beschlossen und eingeleitet war, immer noch auf demselben Rasenvorsprung inmitten der blaugrünen Landschaft, die durch den Glärnisch mit seinem Gefolge überirdisch bekränzt in Selbstgefälligkeit prangte,' und es hatte sich durch den Vertrag erst recht nichts daran geändert, daß die beiden bis vor wenigen Stunden noch nichts voneinander gewußt hatten und auch jetzt nicht mehr voneinander wußten, als ihre Augen sahen. Die seinigen sahen ein überaus zierliches Persönchen im silber- grauen Kleid mit schwarzem Besatz und einem schwarzen Hut über dem sehr schmalen, ebenmäßigen Gesicht mit den dunklen Augen und dem durch keine Bitterkeit angesäuerten, aber herb geschlossenen Mund mit dem schwärzlichen Flaum darüber,' die ihrigen sahen einen gedrungenen Mann im rehfarbenen Reiseanzug, den braunen Filzhut etwas zu sehr in den stänkmigen Nacken geschoben^ daß sein breites Gesicht in der Sonne praller leuchtete, als es sonst war, mit wasserhellen Augen und gesunden Zähnen. Er dachte, 'sie ist eine von jenen Römerinnen, deren wir in Köln noch viele haben, wenn auch selten in dieser gleichsam aus Buchs geschnittenen Vollendung, und sie mochte denken, daß er gar kein Kölner, sondern ein Westfale sei in seiner weißblonden Gesundheit. Aber sie sagten noch nicht, was sie voneinander dachten, Ich müßte ein blinder Hesse sein, wenn ich nicht sollte, daß Ihnen — wie wir Rheinläüder sagen über die Leber gelaufen war; und gerade, als abscheulichen Tier fertig werden wollten, bin ich kommen, der Laus das Leben zu retten. Er mußte selber über den Eifer lachen, der auf seine Begleiterin offenbar keinen andern Eindruck machte, als daß sie ihn mit großen Augen nun doch wieder spöttisch ausah, indessen an ihrem Mund — was für ein Mund! dachte der Doktor — die unverhohlene Schmerzlichkeit hing. So geht das nämlich nicht weiter! Wir können unmöglich stundenlang über den Rand der Welt laufen, als wären wir beide aus Zürich und sind aus Köln. Und außerdem Periculum in moral Sie verstehen ja Latein: Gefahr ist im Verzug. Da heißt es per fas et nefas!, womit übrigens mein Latein ziemlich zu Ende ist: Es gibt Situationen, in denen jedes Mittel erlaubt sein muß. Wir wollen einen Vertrag schließen, einen Vertrag mit drei Paragraphen. Darf ich sie sagen? Und als sie gleichsam kopfschüttelnd dazu nickte: Erstens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz, beide gebürtig aus Köln, werden miteinander über den Albis gehen, wie sie der Zufall in Zürich zusammengeweht hat. Zweitens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz versprechen einander, baß sie in diesen drei Stunden treue Kameraden sein wollen, die voreinander weder Heimlichkeit noch Hinterlist haben. Drittens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz sind gewillt, einander auf alle Fragen aufrichtig Antwort zu geben im Vertrauen auf ihre Verschwiegenheit, die sie beide ausdrücklich geloben. Es würde ein bißchen viel verlangt, wie in allen Verträgen, wandte sie ein, die zu den Worten des Doktors aufmerksam sein Gesicht studiert hatte: Sie sei aber bereit, unter einem Vorbehalt den Vertrag einzugehen, nämlich dem, daß sie ihn jederzeit mit sofortiger Wirkung kündigen könne. Mich gegebenenfalls in der Wildnis sitzen zu lassen! schmollte er mit so gut gespielter Kläglichkeit, daß sie doch, lachen mutzte. Nur gegebenenfalls! tröstete sie, unerwartet auf seinen Scherz eingehend, und reichte ihm die Hand hin. Als dem Doktor Schmitz dieser Vergleich so . . _ _ war, kam er von selber in die Bütte, wie die Kölner von einem sagen, der sich dem Redestrom seiner Einfälle wie ein Vütten- redner in der Fastnacht überläßt. Gnädiges Fräulein, legte er los, was ist eine Laus auf der Leber? Ein Aerger, der sich da ohne Vernunft eingefressen hat. Ich könnte sagen, den einen Aerger sind Sie morgen von selber los, der ist dann nach Köln gefahren. Sie könnten sich den andern bis morgen »ersparen; aber er soll so wenig bleiben wie ich. Sie werden die Laus von der Leber eher los als mich, das verspreche ich Ihnen! sondern sie lachten sich beide aus einer Verlegenheit frei, die der merkwürdige Vertrag über sie gebracht hatte; und mit diesem Lachen traten sie ihre Wanderung über den Albis an, deren mühsame Länge sie beide, wie sie erfahren sollten, ebeniowenig eingeschätzt hatten wie die schwierige Erfüllung ihres Vertrages. Fhr stünde der Vortritt der ersten Frage zu, mahnte der Doktor als sie einige Minuten lang schweigsam gewandert waren, und wies nach rechts, daß sie den kurzen Ausblick über das nördliche Vorland nicht versäume. Sie blieb folg,am stehen, dav Schaubild des in den blauen Dunst einer unwahr,cheinlichen Ferm mr- Nnkenden Landes still aufzunehmen, und tat mit dem ersten Schritt ihre Frage, deren Wortlaut sie anscheinend schon vorher erwogen ^^Wie kamen Sie dazu, mich am Meldeamt abzusangen? Aus roC Mie etft^ Frage war besser als die zweite, entgegnete er mit Bedacht; denn aus einer eigentlichen Absicht handelte ich nicht, jedenfalls aus keinem ammus injunandi, rote die fünften tagen, und Sie wohl zuerst annahmen. o Hier unterbrach sie seinen Bedacht schon. Also aus "Elchen Gründen? Aber sagten Sie nicht, daß Sie mit Ihrem Latein zu ® lüntro *6atte ich auch keine, beharrte er, um Zeit zu gewinnen für das, was er nun sagen mußte. Es ist schon richtiger: Wie kam"dazu durch einen Hund, über den ich fiel. Aber auch der war nur ein Glied in der fatalen Kette; und ich mutz wohl ine andern Glieder aufzählen. Meinen Namen wissen Sie und auch vielleicht, dah ich Direktor einer Maschinenfabrik bin, die früher unser Familienbesitz war und es jetzt trotz der AG. hlNter meinem Namen noch ist. Nach Zürich war ich lange nicht mehr selber gekommen, diesmal schien es mir notwendig, weil wir den Auftrag zu jedem Preis herein haben mußten: nicht um zu verdienen, sondern um den Betrieb im Gang zu halten; wir setzen reichlich zu. Als ich heute mittag mit dem perfekten Auftrag 'n den Glocken- hof kam, war ich verstimmt über den harten Hochmut der Schwerzer, und die Einladung im Hanse Bünzli patzte mir gar niajt mehr. Ich wollte eigentlich absagen und den Mittagszug nehmen, obwohl das in diesem Fall mehr als eine Unhöflichkeit gerne,en wäre. Jedenfalls hatte ich mich unschlüssig verspätet, lief zu hitzig nach einem Auto, stolperte über den Hund und kam so bedreckt in das Haus, wie Sie mich als Erste empfingen; denn natürlich hatte gerade ein Sprengwagen die Straße abfahren muffen. Wäre es mit mir wie sonst gewesen, ich hätte mich mcht in dem Zustand gezeigt; aber mich hatte der Satan Beim Änp» — wie wir sagen — mit meinen zerquetschten Rosen und den beschmutzten Hosen in dem staubfreien Haushalt zu erscheinen, wo ich Sie mit der weißen Rüsche sah, die Ihnen so reizend zu Gesicht stand. Daß ich mich nicht in Butter gebacken suhlte, müssen Sie gemerkt haben; ich hatte kölnischerweise auf mehr Humor bei den Leuten gehofft. Und dann fand ich zu meiner Ueberraschung den , mokanten Doktor Verwalöner als Schwiegersohn wieder, über ■ den ich mich in den Verhandlungen am meisten geärgert hatte. Mir war alles verleidet, die Sportgespräche und am meisten das Idiom, wie es wohl heißt. Vis der alte Herr das von dem Meldeamt sagte und Sie ihm antworteten: >cch habe loroiefo Ausgang heute, Herr Oberst! so waren Ihre Worte; und ich hatte es nicht gewußt bis dahin, daß wir Kölner die schönste Sprache der Welt haben — jawohl, das haben wir! — und datz man von dem Klang einer Stimme allein glücklich werden könnte! Das heißt, glücklich wurde ich gar nicht, eher wehmütig. Jetzt muß ich etwas Verrücktes sagen: Sie haben eine Altstimme, und Fräulein Julie — Jülli sagen die Schweizer — hat einen Sopran. Ich habe sie natürlich nicht singen gehört, und vielleicht können Sie es beide gar nicht. Aber eine Altstimme, das ist rote Cello — meine verstorbene Frau hat auch eine Altstimme gehabt —, und die Geigen- oder Flöten- oder Klarinetten- oder gar Trompetenstimmen sind mir schrecklich. Ich mutzte denken, warum bringt mir mein Sohn Herbert kein Cello ins Haus; aber natürlich: er wird die Klarinette lieber haben. So, Ihr Sohn heißt also auch Herbert, vielleicht auch Dokio§ wie Sie, Herr Doktor Herbert Schmitz? unterbrach ihn seine Begleiterin an dieser Stelle; und als er sie ansah, mußte er meinen, sie mache sich darüber lustig, so seltsam waren ihre Sippen ge- J Warum soll ein Sohn nicht rote sein Vater heißen können? rügte er die störende Zroischenfrage, seinen Eifer iveitersprudeln zu lassen: Damm, als Sie den Kaffee brachten, roar ich längst sicher, datz Sie unmöglich ein geborenes Dienstmädchen fein könnten. Dann sagte der Schroiegersohn — der natürlich seinen Häm darüber hatte — oder wie sagt man hämisch im Substantiv? —, daß Sie eine deutsche Professorentochter seien; und ich — dies dürfen Sie mir doch weih Gott nicht als zudringlich auslegen —, ich fragte nach Ihrem Namen, um zu meinem Schrecken zu hören, daß Sie die Tochter von dem verstorbenen Professor in Aachen seien, mit dem ich in Darmstadt auf der Technischen Hochschule war. Ja, und dann wäre es jedenfalls schäbig gewesen, wenn ich die Tochter meines Studiensreundes nicht begrüßt hätte. Im Haus ging das natürlich nicht; aber ich hatte das von dem Meldeamt nicht umsonst gehört. Da stand ich denn, als Sie herauskamen, mir nicht einmal die Hand gaben und sich gegen mich benahmen, als ob ich ein Mädchenhändler wäre! (Fortsetzung folgt.) Wie schön, sagte das Fräulein schmerzNch ergriffen und schüttelte den Kopf wie zu einem Gram. Dem Doktor aber gab dreier anste Blick in die große Welt eine andere Anregung: wie einem Schwimmer war ihm zumute, der nach einer muh^men Wanderung endlich am Seeufer stand und die Kleider nicht rasch genug ablegen konnte. Gnädiges Fräulein, sagte er, ihr zur Seite auf den Nasenvorsprung tretend, gnädiges Fräulein, geht das nicht weiter! Wir sind ja schließlich beide aus Köln und mehr al» einmal auf einem Noeindampfer am Siebengebirge vorubergefayren, wo unsereiner nie weif}, ob er vor ® lücE die Heuierei Kriegen oder aus Uebermut dem Kellner ein Bein stellen will.