SieheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 193$ Freitag, den Z.Zebruar Nummer 9 Gesang vom hoffenden Leben. Von Hans L e t f h e l m. Beim Schmelzen des Schnees, bei den lauen Lüften des Februar Wollen wir wieder vertrauen Auf das grünende Jahr, Sieh, den Amseln, den kleinen, Schwillt das singende Herz, Und an den nackten Rainen Glänzt die Scholle wie Erz. Schau des Landmanns Beginnen, Der Schnee um den Obstbaum häuft, Daß nicht zu früh nach innen Lösend das Tauwasser träuft. Daß nicht aus ruhendem Schweigen Aufbricht, was nicht gedeiht. Und die Säfte nicht steigen In der gefährdeten Zett. Also ward auch gegeben Allem das Werdegebot, Also muß auch das Leben Warten auf seinen Tod, Samen, Knospen und Blüten, Jedes kommt und vergeht, Uns ist geboten zu hüten, Was in der Hoffnung steht. Nichts ist auf Erden verloren, Was wir dem Leben getan. Darum sind wir geboren, Daß wir auf unserer Bahn Dienen dem hoffenden Leben Zu des Gestirnes Ruhm, Das uns zu Lehen gegeben, Doch nicht zu Eigentum. Oer Queilmann. Eine Legende von Paul E r n st. Ein Ritter fand im Wald an einer Quelle, die unter über- düngenden Farnkräutern hochwallte, einen Jüngling liegen von fremdartigem Aussehen. Der Jüngling stand auf und grüßte ehrerbietig, der Ritter grüßte wieder. Dann fragte der Jüngling, ob der Ritter nicht einen Knecht gebrauche, denn er wolle einem Herrn dienen. Der Ritter betrachtete prüfend den jungen Mann, dann erwiderte er: „Ich will dich nehmen, denn du siehst mir ehrlich und fleißig aus." Nun mar der Knecht schon Wochen bei dem Ritter und war cin so guter Mann, wie der Ritter noch nie einen gehabt hatte. Die Pferde gediehen bei ihm, die Waffen waren immer sauber und in Ordnung, der Knecht war stets zur Hand, wenn er ge- traucht wurde, und führte willig und freundlich alles mit Schnelligkeit und Geschick aus, das man ihm auftrug. Die beiden Knaben des Ritters hingen an ihm, wie an ihrem älteren Bruder: er lehrte sie fechten, mit der Armbrust schießen, hob sie aufs Pferd. Er war auch fromm: nie fehlte er bei der Frühmesse, beim sonntäglichen Gottesdienst und den kirchlichen Feiern:. da stand er immer bescheiden hinten am Türpfeiler, die Mütze in der Hand, und blickte gläubig und sehnsüchtig nach dem Priester hm. Der Kitter sagte ihm, er solle mit nach vorn kommen, in der Kirche gebe es keinen Unterschied von Herr und Knecht: aber er schüttelte ien Kopf und sagte: „Das schickt sich nicht für mich." Einmal ritt der Ritter mit ihm und sah sich um, da merkte er, laß Feinde hinter ihm her waren, acht an der Zahl. Vor rhm «bei war der Fluß. Es schien ihm, daß er verloren sei. Der Knecht sprach: „Habt keine Sorge, Herr, ich weiß etne Furt, ritt ein kurzes Stück flußaufwärts und führte ihn dann quer durch ias Wasser. Als die Feinde ankamen, standen sie vor dem tiefen Fluß und sahen ihn am andern Ufer davonreiten. Sie schüttelten die geballten Fäuste und riefen hinter ihm her: „Das ist der Teufel gewesen, der dich gerettet hat." Das Wort hörte der Herr und erschrak. Denn ihm war selber nicht klar geworden, wie es eigentlich geschehen war, daß er das Wasser durchquerte: es spülte seinem Pferd nur an die Hufe, und der Fluß war reißend und tief, und er hatte vormals nie von einer Furt an dieser Stelle gewußt. Er merkte sich aber den Ort und ritt am andern Tage allein hin, um nachzusehen, da konnte er die Furt nicht wieder finden. Indem wurde des Ritters Frau krank. Sir lag mit hohem Fieber und redete irre, und niemand wußte, was ihr fehlen mochte, und als sie einen Tag ohne Besinnung so gelegen hatte, da dachte jeder, daß sie sterben werde. Der Knecht aber sagte zu seinem Herrn: „Habt keine Sorge, sie ist zu heilen. Man muß ihr Löwenmilch zu trinken geben, dann wird sie wieder gesund werden." Die beiden Knaben weinten und rieben sich mit der einen Hand die Augen, mit der andern hielten sie sich am Kollersaum ihres Vaters fest, und der rang verzweifelt die Hände und sprach: „Wir soll ich ihr die verschaffen!" „Ich werde sie Euch bringen", sprach der Knecht und ging fort: und nach kaum einer Stunde war er wieder im Rittersaal mit einem Krug, in dem er die Milch hatte. Der Herr ging mit ihm auf die Kammer der Kranken, richtete die Verwirrte hoch und hielt ihr die Hande, das sie dem Knecht nicht bas Gefäß aus der Hand schlug. Der goß Milch in eine Schale und setzte sie der Kranken an den Mund: die trank gierig, und schon im Trinken beruhigte sie sich, und als sie ausgetrunken, legte sie sich und sagte mit ihrer natürlichen Stimme: „Nun will ich schlafen", dann schlief sie ein und schwitzte während des Schlafes. Und als sic aufgewacht war, da fühlte sie sich gesund: sic blieb noch eine kurze Weile im Bett, aus Vorsicht, aber dann erhob sie sich, und es war, als ob nichts gewesen wäre. Nun aber wurde dem Ritter der Knecht noch unheimlicher. Er fragte ihn: „Wie hast du es gemacht, um die Löwenmilch zu bekommen?" Der Knecht antwortete: „Ich habe mich schnell nach Arabien versetzt, dort ging ich in eine Höhle, wo eine Löwin ihre Jungen säugte. Die nahm ich ab, dann gab mir die Löwin Milch." „So bist du wirklich ein Teufel", rief der Ritter und starrte den Knecht entsetzt an, die beiden Knaben aber verbargen sich ängstlich hinter ihrem Vater. Dem Knecht kamen die Tränen. Er sprach: „Ich habe immer in der Quelle gewohnt, immer habe ich das Wasser aus der Quelle getrieben und habe die Blätter des Waldes widergespiegelt, das ist so lange, wie der Berg steht. Dann hörte ich die Glocken, als ihr Menschen die Kirche gebaut hattet, und ich hörte auch zuweilen spielende und schreiende Kinder. Dadurch habe ich eine Sehnsucht nach euch Menschen bekommen." Der Ritter sagte: „Nie hatte ich einen treueren und besseren Knecht, und du hast mir und meiner Frau das Leben gerettet. So bin ich dir verpflichtet, wie ich niemandem sonst verpflichtet bin. Aber ich habe Angst um mein und der Meinen Seelenheil, denn wer sich mit dem Teufel einlaßt, dem geht es um die Seele." „Ich verstehe dich wohl", erwiderte der Knecht, „daß ich cin Teufel bin, und ich habe ja auch alle Erzählungen des Priesters gehört und weiß, daß der Teufel den Seelen von euch Menschen gefährlich ist. Zwar weiß ich nicht, wie das geschehen soll, denn ich will euch nichts Böies, aber ich verstehe ja manches nicht bei euch, und so wird es wohl sein, baß ihr euch hüten müßt vor mir Ich bin gern bei euch gewesen, denn ich war glücklich hier: ich habe nie gewußt, daß ein solches Leben sein kann, und wenn ich hätte bleiben diirfen, dann hätte ich immer noch mehr Schönes gesehen." Der Ritter sprach: „Du sagst es selbst, daß ich dich nicht bei mir behalten darf. Aber ich will dir wenigstens danken für deine Guttaten und deine Dienste, wie ich kann. Wähle, was du willst. Du sollst die Wülfte meines Besitzes haben, wenn du willst, denn meinen ganzen Besitz kann ich dir nicht geben, weil ich meine Familie ernähren muß und Pflichten gegen meinen Herrn habe im Kriegsdienst und sonstiger Hilfeleistung." Der Knecht schüttelte weinend den Kopf, dann sagte er: „Soviel brauche ich nicht, und ich will dir nicht das Deinige nehmen. Aber wenn du mir sechs Schillinge geben willst als Lohn für meine Dienstzeit, dann will ich dir dankbar sein." Der Ritter ging an seinen Kasten, schloß ihn auf, holte das Geld heraus und zählte es dem Knecht auf. Der nahm es, zählte es aus einer Hand in die andere, und nachdem er die Summe richtig befunden, gab er es dem Herrn zurück und sagte: „Weil ich dir mehr getan, als ich schuldig war, so biti.- ich dich noch um eine Liebe. Nimm das Geld und lasse dafür eine kleine Glocke gießen, und hänge sie oben im Turm deiner Kapelle auf, und laß diese Glocke Sann immer läuten, wenn die Leute in die Kirche kommen ^Das versprach ihm der Ritter. Und nun sagte der Knecht, daß er gehen wolle, reichte den Kindern die Hand, die ihn ängstlich ansahen, und gab auch seinem Herrn die Hand. Wie der die Hand suhlte, da schämte er sich. Er wußte aber nicht, was er sagen sollte, deshalb schwieg er. Der Knecht merkte, was er dachte und sprach: ,Du mutzt bedenken, daß ihr immer anders seid. Jeder Mensch ist rin anderer. Und auch die kleinen Kinder sind schon jeder ein indrer Mensch für sich,- deshalb habe ich die Kinder so besonders lieb. Wir aber sind einer so wie sein Bruder, wir sind alle gleich. Du denkst, es ist unedel von dir, daß du mich gehen läßt. Aber das ist nun so, ein jeder Mensch ist ein besonderes Wesen für sich, wir aber sind wie die Bäume des Waldes, die einander gleichen, oder wie die Quellen, die einander auch gleich find, und die Bäche. Das könnt ihr gar nicht verstehen. Ich nun bin schon rtwas für mich geworden. Und wenn ich mein Glöckchen höre, das gezogen wird, um die Menschen in die Kirche zu rufen, dann »enke ich an deine Kirche, nnd an die Kinder, welche knien und beten, und dann freue ich mich auch, daß es meine Glocke ist, welche die Menschen alle zusammenruft." , Damit grüßte er noch einmal alle, und dann ging er in die Kü^'e und nahm Abschied von der Frau, und gab auch den andern Dienstboten die Hand, welche dort waren, und dann ging er. Gne senau. Von Walter von Molo. In der Türe eines militärischen Dienstzimmers steht eines Obersten jünglingsartige Gestalt. Die Elendsschar im Wartezimmer hat sich erhoben. „Zuerst bitte ich diejenigen Herren bei mir einzutreten", spricht Gneisenau, „die durch Krankheit und Wunden das Warten schwerer »rtragen als die anderen." Ein alter Herr humpelt an Gneiscnau »orbei in dessen Zimmer. „Herr von Gneisenau: Die Verminderung der Armee bat mich irotlos gemacht. Von dem Laib Brot, den uns der Staat pro Tag libt, kann ich mit den Meinen nicht leben!" „Sie sind leidend, Herr Kamerad?" „Ich wurde dreimal verwundet!" „Verstehen Sie etwas von der Landwirtschaft?" „Wer will, kann alles, Herr Oberst." „Kommen Sie nach Ende der Bureaustunden wieder! Ich werde >hnen dann ein Schreiben mitgeben, daß Ihre Existenz sicherstellt." „Ach, Herr Oberst?" „Es knüpft sich aber eine Bedingung an Ihre Stellung!" „Die ist, Herr Oberst?" „Die Dame, der Sie in der handschriftlichen Verwaltung ihres Gutes behilflich sein sollen, wünscht, daß die jungen Leute ihres Gutes im ... Scheibenschießen geübt werden. Wollen Sie das Sbcrnehmen?" „Natürlich, Herr Oberst! Furchtbar gern!" „Also um sechs!" Gneisenau reicht dem Invaliden die Hand, er wendet sich. „Sie wünschen?" Ein großer Mann mit einer schwarzen Binde über dem ausgeschossenen Auge steht vor Gneisenau. „Ich war Intendant in Pillau, Herr Oberst." Gneisenaus ebenmäßiger Körper wendet sich zurück, gelassen öffnet er die Borzimmertüre. „Herr Hacsner", ruft Gneisenau, „kommen Sie herein!" Ein Zivilherr erscheint,- er streckt Gneisenau die Hand hin. „Helfen Sie mir, Freund!" bittet er. „Unsere Beamtenschaft ist zu großem Teil auf Seite der Franzosen! Die Tlntenschwünze verlieren den Kopf, sie werfen viele meiner Gehilfen ins Gefängnis." „Gehen Sie mit diesem Herrn zum Polizeipräsidenten Gruner", spricht Gneisenau. „Tragen Sie ihm Ihren Fall vor, sagen Sie, daß Sie von mir geschickt sind, und sagen Sie ihm das Wort „Saragoffa"! Herr von Stärk — Großkaufmann Haefner aus Kol- berg! Herr von Stärk ist der Mann, den Sie brauchen, Haefner! Sagen Sie Gruner, er möchte Herrn von Stärk zum Kommissar ernennen: für das wettere sorge ich!" Gneisenau lächelt. „Herr von Stärk versteht sich gut auf das Einsammeln verstreuter Gewehre!" „Geben Sie mir die Hand, Herr von Stärk. Das war schnelle Hilfe, Herr von Gneisenau. Tausend Dank!" „Sie wünschen, gnädige Frau?" „Herr Oberst", zetert eine ältliche Dame unter einem zu jugendlichen Kapotthut. „Mein Sohn verehrt Sie! Sie müssen ein Machtwort sprechen! Die Sache ist die: Mein Sohn ist nämlich ein Tunichtgut! Ja! Er hat meine französische Einguarticrnng beleidigt, er ist bei Nacht und Nebel geflohen! Er hält sich hier in Berlin verborgen, ich weiß es! Schreiben Sie ihm, wenn er sich nicht sofort stellt, lasse ich ihn aufheben. Ach Gott, Herr von Gneisenau, mich bedrohen ja die größten Desperationen durch den Jungen! Hier, hier das hat mir unser Herr Pastor für ihn geschrieben: er muh sich stellen, Herr Oberst, die französischen Herren waren bisher so kulant zu mir, sie haben mir versprochen, daß sie ihn nicht hart behandeln werden: er muß sich stellen! Helfen Sie mir, Herr Oberst, ich bin eine alleinstehende Frau!" „Wo ist Ihr Sohn, gnädige Frau?" „Sein Domizil ist auf dem Brief vermerkt. Wenn der Junge nicht znrückkommt, gebe ich sein Domizil dem Gouvernement bekannt! Schreiben Sic das dem Lotterbengcl!" „Ich werde das meine tun. Einen Augenblick!" „Sie sind zu gütig. Sie sind wirklich ein zu reizender Mann, Herr Oberst!" Gueisenau geht ins Nebenzimmer. „Clausewitz", spricht er dort leise zu einem Offizier, der ehrerbietig zu ihm aussieht. „Schicken Sie dem Burschen hier Geld, geben Sie ihm einen Paß nach England. Bevor Sie aber den Brief hier iveg- wersen, notieren Sie sich für Gruner und uns den Namen des Pastors und der Frau!" „Sehr wohl, Herr Oberst!" . „Es ist alles erledigt, gnädige Frau", sagt Gneisenau, in sein Zimmer zurückkehrend. „Ich empfehle mich." „Millionenfachen Dank!" Sie rollt die Augen. Gneisenau geht an ihr vorbei zur Türe: er läßt eine alte, abgehärmte Frau eintreten. „Wie geht es Ihren Pfleglingen, Fräulein Pankow? „Ach", spricht schmerzlich die Näherin. „Dreie sind doch zu viel, Herr Gneisenau. Ich kann die drei nicht erhalten! Für zweie kann ich's schaffen, für dreie nicht! Nehmen Sie's mir nicht übel, Herr Oberst, daß ich so franchement spreche, aber ich kann es nicht leisten!" „Aber Fräulein Pankow? Ich weiß doch, wie brav Sie sind! Kommen Sie, bitte, mit mir! Wir werden sogleich Rat schaffen." Wieder geht Gneisenau zu seinem Gehilfen. „Clausewitz", sagt er, „nehmen Sie sich der Sache an. Vielleicht spricht Ihre Braut mit der Prinzeß Wilhelm, daß wir eines der Waisenkinder anderswo unterbringen. Fräulein Pankow kann es nicht leisten." „Nehmen Sie Platz!" bittet Clausewitz. Ernst steht ein alter Herr in Neisekleidung vor Gneisenau im Zimmer. „Kottwitz? Was gibt's? Ist meine Frau krank?' „Nee, nee, das nicht. Aber, Freund ... geht es nicht, daß Sie sich endlich für ein paar Tage frei machten, für die Ihren?" Gneisenau schüttelt den Kopf. Er senkt ihn, langsam geht Gneisenau zu seinem Schreibtisch zurück. Er setzt sich, er stützt den Kopf mit der breiten, gewölbten Stirn in die Hand. „Hören Sie mir auf!" krächzt unwillig eine Stimme im Vorzimmer. „Wieso sind ' die neumodischen Patrioten bester als wir? Die wollen auch bloß ihr Süppchen kochen!" Gneisenau dreht den Kopf: bei zusammeu- gepretztem Mund sieht Gneisenau zur Türe. „Er ist doch ein Süddeutscher!" spricht wegweisend die Stimme. Gneisenau schnellt auf und zur Türe, er reißt sie auf, bas Gespräch bricht jäh entzwei. Gneisenau schließt die Türe: er tritt zu Kottwitz. „Sie sehen, ich kann hier nicht abkommen", sagt er hart. ,^sch lasse meine Frau auf den Knien bitten, den Kopf oben zu behalten! Ich weiß, daß sie es mit sechs Kindern schwer hat. Kottwitz, ist bas letzte Kind schon da? Ist es ein Bub oder ein Mädel?" „Ein Junge, Gneisenau, ein strammer Junge!" „Ich bin Ihnen sehr dankbar", spricht Gneisenau, „daß Sie wieder die Pfändung von den Meinen abwandten. Ich kann vom Gehalt nichts erübrigen: ich hab' ja nur halbe Löhnung. Und wenn es nicht geht", spricht Gneisenau heiß, „es sind Tausende im Unglück. Es muß gehen! Ich darf jetzt nicht an die Meinen denken! Ich kann nicht! ... Was ich mache, geschieht auch für die Meinen! Kommen Sie am Abend zu mir! Ich kann nicht schreiben, meine Korrespondenz wird von der französischen Partei überwacht,- ich werde Ihnen aber ausführliche mündliche Botschaft geben!" „Ja, ja, gewiß, ich komme am Abend! L Ä n Sie sich jetzt nur nicht weiter stören, lieber Freund." Kottw, geht. „Herr Oberförster Groß!" ruft Gneisenau, seine Lippen sind zusammenge- pretzt, sein Antlitz ist drohend. „Kommen Sie herein!" „Herr Forstmeister Groß, wenn ich bitten darf!" „Nehmen Sie sich's ad notam, Herr Forstmeister Groß", svricht Gneisenau, „und geben Sie's Ihren „Gönnern" weiter! Wenn i noch einmal einer von euch gegen mich spricht, oder", Gneisenaus Stimme wird eisig, „mich noch einmal den Franzosen zu denunzieren sucht, dann steht er vor meiner Pistole! Falle ich, dann stobt er vor hundert anderen Pistolen! Verstanden? Hinaus! Ich habe nichts mehr mit Ihnen zu reden! — Hier, Frau von Gaudi, fiter ist der Empfehlungsbrief an Frau von Berg. Sie werden es dort gut haben: sie war der Königin beste Freundin! Danken Sie mir nicht! Ich tue nur meine Pflicht. Mein Kompliment, gnädige Frau!" — „Nunmehr", spricht Gneisenau von der Türe seines Zimmers ins Vorzimmer hinaus, „bitte ich alle diejenigen gemeinschaftlich einzutreten, die wegen der Versorgung ihrer unmündigen Kinder hier sind. Kommen Sie gleich mit, Herr Sprnngli! Es ist mir endlich gelungen", spricht Gneisenau zur bedrückten Schar, „Geldmittel aufzutreiben! Ein Herr von Oppen stellt uns sein Gut zur Verfügung, wir können aufangen! Hier, Herr Sprünqli ist einer der besten Schüler Pestalozzis! Er wird unsere Anstalt leiten!" Entlastetes, dankbares Ausatmen durchzieht den Raum ... Oer vom Pferd gekatt-ne HHe. Unbekanntes über die Körpergröße des Mensche«. Von Dr. Konrad Dürre. Unter den langen Kerls Friedrich Wilhelms I. befand sich ein Niese, der nicht weniger als 2 Meter und 50 Zentimeter maß. Ich ■ weiß nicht, ob dieser Mann in seiner Jugend, wie der Amerikaner Lewis Wilkins, vom Pferde gestürzt war, um danach zum . Schrecken seiner Eltern ins Ungeheure zu wachsen. Mit 18 Jahren war Lewis Wilkins 226 Zentimeter hoch. Vielleicht war auch der I 2,50 Meter große römische Kaiser Maximiu vom Schlacht- roh gestürzt — oder hatte einen Hufschlag an die linke Kopfseite bekommen, wie der Riese Thomas Hasler, der nach diesem Un- glücksfall, den er im 9. Lebensjahre erlitt, wuchs und wuchs, bis er 287 Zentimeter hoch war. Damit soll nicht gesagt werden, daß jeder, der vom Pferde * fällt, oder der einen Schlag gegen den Schädel kriegt, ein großer Mann wird. AVer es soll damit angebeutet werden, daß Riesenwuchs sehr oft eine pathologische Erscheinung ist, genau so wie Zwergwuchs. Zwergwuchs und Riesenwuchs sind in der Mehrzahl der Fälle bedingt durch eine Störung der Funktion des Drüsensystems, wobei die Keimdrüsen, die Schilddrüse, die Hypophyse (Gehirnanhang) und die Thymusdrüse ausschlaggebende Bedeutung haben. Unterfunktion und Ueberfunktivn dieser Drüsen können einen Menschen zu einem Wuchs von 255 Zentimeter emportreiben oder ihn mit 68 Zentimeter zum Liliputaner machen. Der berühmte „General" Mite maß mit 16 Jahren 82,1 Zentimeter,- seine Braut, Miß Nelly, 72 Zentimeter,- Herr Smaun aus Birma war nur 682 Millimeter groß, seine Schwester Fatma 746 Millimeter. Es wäre falsch, entsprechend diesen grotesken Mindest- und Höchstmaßen zu behaupten, die Körpergröße des Menschen schwanke zwischen 255 und 68 Zentimetern. Das könnte nur behauptet werden, wenn es tatsächlich Menschenrassen gäbe, bei denen die oben genannten Ziffern ein Durchschnittsmaß an Körpergröße darstellten, wenn es also eine Gigantenrasse von durchschnittlich 250 Zentimetern und eine Pygmäenrasse von durchschnittlich siebzig Zentimetern gäbe. Nun wird aber selbst die kleinste Menschenrasse, die wir kennen, im Durchschnitt immer noch die Körpergröße von 125 Zentimeter erreichen, und die größte Raffe, nämlich die der Neger am Obernil, im Durchschnitt immer noch unter der 2-Meter- Grenze bleiben. Nein, bis auf wenige Ausnahmen reinen Riesenwuchses, sind die eingangs erwähnten Riesen und Zwerge Opfer eines gestörten Ablaufes der Funktionen d.es Drüsensyftcms, meist auf vererbtem, selten auf erworbenem Defekt (Hufschlagi beruhend. Es gibt z. B. einen eunuchoiden Riesenwuchs, der nicht nur auf einer Unterfunktion der Keinmdrüsen, sondern gleichzeitig auf einer Unterfunktion der Hypophyse (des Gehirnanhangs) beruht. Das normale Wachstum des Menschen hört nämlich im allgemeinen mit dem Abschluß der Pubertät auf. Setzt der Hormonalbefehl des Körpers zur Einstellung des Wachstums aber nicht ein, so wachsen die Kinder weiter. Es bedarf im Wachstumsprozeß also auch eines Hemmungsfaktors, der wiederum nicht zu früh eingeschaltet werden darf, denn sonst kommt es zum Zwergwuchs. Diese Anormalität hängst mit der Schilddrüse zusammen (Krctinis- mus). Auf einer Allgemeinerkrankung des gesamten Knorpelsystems (Chondrodystrophie) beruht der sogenannte chondrodystrophische Zwergwuchs. Die Clownzwerge im Zirkus sind ausgesprochen solche chondro- dystrophischen Menschen, und die Zwergnarren, die sich die Fürsten früherer Zeiten hielten, werden meist diesem Typus angehört haben, der übrigens vererblich ist. Bon der Vererbung sprechen wir, nicht nur, um die Frage aufzuwcrfen, ob Niesen oder Zwerge gezüchtet werden können, sondern um auf die Gefahr von Kreuzungen entfernt stehender Rassen für die Harmonie der Drüsenfunktion hinzuweisen. Die Körpergröße einer Rasse ist im allgemeinen konstant. Bei der nordischen Raffe schwankt sie um den Mittelwert 175 Zentimeter. Bei der dalisch-fälischcn Rasse um 177 bis 178 Zentimeter. Bei der alpinen Rasse (von Günther ostisch genannt) um den Mittelwert von 165 Zentimeter,' bei der kleinsten europäischen Rasse, der mediterranen, um 160 Zentimeter. Viele Laien glauben nun, man könne innerhalb einer reinen Raffe den Durchschnittswert einer Körpergröße nach der positiven Seite hin verschieben, wenn man nur die überdurchschnittlich großen Paare zur Fortpflanzung zuließe. Innerhalb einer reinrassigen Bevölkerung hätte eine solche Auslese keinen Erfolg: Die Kinder der ans- gelesenen hochwüchsigen Eltern würden immer wieder nur den Mittelwert der Körpergröße ihrer Raffe haben. Anders ist die Sache, wenn man ein Rassengemcnge vor sich hat, d. h. eine Bevölkerung mit Angehörigen verschiedener Raffen, oder wenn es sich um ein Raffengemisch handelt, das aus Mischlingen (Bastarden) verschiedener Raffen besteht. Ein Rassengemenge haben wir z. B. bei uns im Lande Baden. Wir haben in Baden sehr viel alpine Menschen und sehr wenig Angehörige der nordischen Raffe. Rekrutenmessungen in Baden haben ergeben, daß die meisten badischen Männer nur 164 bis 166 Zentimeter groß sind. Nur 7 v. H. der gemeßenen Rekruten hatten eine Körpergröße von 173 bis 175 Zentimeter, nur 0,7 v. H. eine solche von 179 bis 181 Zentimeter, wcn^ man in Baden nun kür die alpinen Menschen ein Heiratsverbot erließe und nur die nordischen Rassebestandteile zur Fortpflanzung zuließe, so würde der Durchschnittswert der Körpergröße Badens in einigen Generationen erheblich anstetgen, und nur durch ein diesem entsprechendes Ausleseverfahren könnte die Körpergröße der deutschen Gesamthevölkernng dem Mittelwert der nordischen oder der fälischen Raffe näher kommen. Es würde sich dann nm eine zielbewußte Züchtung von hochwüchsigen Menschen handeln. Umgekehrt könnte man die Zahl der Kleinwüchsigen nur dadurch vermehren, daß man eine Fortpflanzungsanslese mit der mediterranen Raffe triebe. Geschähe das erstere, so würden zukünftige Geschlechter sagen: „unsere Generation ist sa im Durchschnitt viel größer als das Geschleckt vor 100 Jahren": gesckäße bas letztere, fo wäre Deutschland wahrscheinlich eine romanische Kolonie. Die^Behauptung, das lebende Geschlecht sei im allgemeinen erheblich größer als das unserer Vorfahren vor 500 bis 600 Jahren — die Ritterrüstungen aus dem Mittelalter paßten z. B. den heutigen Mensckcn nicht mehr — bedarf eingehender Nachvrüfnng dnrch genaue Skelettmcffnngen nordischer und fälischer Skelette aus dem Mittelalter und früherer Zeit. (gtüiaer Trost. Von E. G. Kolbenheyer. Ueber all deinem Leid Schwingt ein funkelnder Lichtertanz. Um eines Herzens blutenden Dornen kränz Weben stille Gestirne Vergcffenhcit, Wirken und weben aus ewigem Glanz. In die sterntiefe Nacht Leg' dein zitterndes Herz zur Ruh. Steter Wandel deckt alle Wunden zu, Löscht die Flamme, löst ihre Todesmacht. Glaub', deine Väter, sie litten wie du. Oer Sternenbaum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Ein Feldkrcuz von Kupfer, so groß wie zwei Händespannen. Mittendurch hatten wir den erzenen Heiland geschnitten, um den der Baum mit Splint und Rinde herumgewachsen war. Ganz ausgenommen hatte er ihn und eingeschlossen wie in einen Schrein..." „Ein heiliger Baum", sagte Juppi. „Vielleicht ein uralter Weth- nachtsbaum..." Titt nickte und schwang seinen Kopf wipfelgleich. Juppi verstand nicht, was er sagte. Aber der gestorbene Baum schauerte ihn aus der Nacht gelind an, und das kupferne Herz glaubte er ängstlich klopfen zu hören. Der alte Titt mit seiner tauben Magd war froh, gesunde Ohren im Haus zu haben, denen er seine Geschichten anvertrauen konnte: vollgestapelt war er davon wie seine Mühle mit Brettern von verschiedenerlei Holz. Aber diese Tage und Abende, von Holz und Sägen durchbellt und durchzischt, nahmen ein Ende: die Geschichten verstummten. Einem tiefen Schweigen verfielen sie, dichter als das des verschwiegensten Zuhörers: der alte Titt starb, die graue, silbrige Espe war eines Nachts gefällt. Den Sägemüller hatte ein Gehirnschlag niedergestreckt. Als Jnppi aus seiner Kammer herunterkam, lag der alte Titt steif in seinem Bett und ließ sich durch die wild- hculcnöe Magd nicht aus seiner Ruhe wecken, fo sehr sie ihn auch rüttelte und beim Namen rief. Titt, Titt! schluchzte Juppis Herz weh, und es zirpte wie ein Vogeljungcs nach dem verlorenen Alten: Oh, Titt! Und da zum erstenmal merkte er, daß der Sägemllller einen Zwirbelschnurrüart hatte. Spätabends erschien der Bezirksarzt und nahm die Totenbeschau vor, es war Juppis Arzt, der ibn damals auf dem Einsamer- hof behandelt hatte. „Hierher hast du dich also verkrochen, Hofschafferl!" Juppi begleitete ihn ein paar Schritte auf der Waldstraße. Ueber ihnen glänzte der Sternenfluß, die Straße schnitt hell in die Nachtmauer der Bäume. Dort vorne an der Wegbiegung warteten der Wagen und die schnaubenden Pferde des Doktors. „Nun ist der alte Titt auch weg!" sagte der Arzt und fragte Juppi, wie es ihm erginge. Er hatte nicht viel zu erzählen. Bei dem alten Titt hätte er es gut gehabt. Er ging neben dem Arzt, als lebte der alte Sägemüller noch, er ging, als wäre der Arzt selbst der alte Titt oder als wäre er fein Vater. Der Mann klopfte ihm gutmütig aufmunternd auf die Schulter und stieg in den Wagen. „Gut Nacht!" klang es hinein und heraus. Die Pferde zogen an, das Gefährt rollte. Blitzend von Mondlicht und Sternensilber rollte es davon, verschwand, und das Echo seiner Räder rollte noch eine Weile durch die Waldgründe. Dann hörte Juppi nichts mehr, und es rollte lautlos in die Ferne, wie der große Wagen am Himmel über der Straße weltenleis hinrollt. Nach der Beerdigung, zu der sich auch die Verwandten des alten Titt eingcsunden hatten, die sogleich habgierig das Haus durchstöberten und der tauben Magd nichts anderes znkommen ließen als einzig den maulwurfsfarbenen Kater, wurde Juppi von der verheirateten Schwester des Sägemüllers beim Aermel gepackt und vor die Tür gewiesen. Ein rothaariger Junge schob ihm sein Bündel und den Werkzeugkasten nach. „Scher dich fort!" maulte die Frau. „Aus ist's mit dem Schmarotzen." Er machte sich auf den Weg zur Hemden-Gret. „Komm herein, Juppi!" rief sie ihm durch ihr Fenster zu. Juppi war nun vierzehn Jahre alt und wurde aus der Volksschule entlaßen. Was sollte mit ihm werden? Die Gret überlegte. Und Juppi überlegte. Von den Bauern hatte er genug. Ob er nicht Bäcker lernen möchte? fragte sie ihn. Das sei ein nahrhafter, ehrenwerter Beruf. Alle Bäcker würden reiche, dicke Leute, und gar erst die Lebkuchcnbäcker, die Konditoren. Nein, das wollte er nicht. Schmied? Auch das nicht. Wäsche möchte er verkaufen, Hemde« ... gestand er. Da» fr! feine Männerarbelt. Nein Man» tönnc sich 6a»on J crnnüren, kaum eine Frau, zumal die Zetten immer schlechter " rückte sie daun mit einer ernsten Nachricht heraus. „Du erinnerst dich hodi au den Herrn Nagel In Passan, der feine Lebkucheubufte neben meinem Glaub statte? Des Lebkucheumauueö erinnerte er sich sestr gut. Der Halle Ihm damals einen Lebkuchen geschenkt, mit einem Maudelsteru. Ein sehr netter Man». „Den heirate ich!" sagte sie. Hei raten?" fragte er mH kindlichen Bedenken. Einen Angen- blkt war es still. Die (Miet atmete ihre kleine, wunderliche Ber- legenstelt ans. „Den Herrn Nagel ans Passan, eben den", bestätigte sie. „Alles kommt, wie es sein muh. Wir haben unsere Aivcl Bnften znsam- niengenngetl, ein Kompanlegeschäsl gegriludet, der Nagel und ich. Wa" bMbl einem heutzutage schon anderes übrig? Mo aüe sich znsainmenschllehe», selbst grvhe GeschäfiSbänser. Lebkuchen, Hemden, Spielware»!" Sie machte eine leichte, scherzhafte Berbengnng. „Nun heiraten wir, die andere Woche. Wir sind schon lange auSgehäugi in Passau. ES ist altes in Ordnung. Wefiub mich nur Im Passauer Geschäft tu der großen Messergasse, nicht wahr? DaS ist eine Ueberraschung, gelt Fuppi? Zusaminenfchluß, Zusammen- schluht Man muh es beizeiten Inn, ehe es zu spät Ist — und für eine Frau in meinem Alter ist es fast Immer zu spät..." „Gehst du den» fort von hier?" fragte er angstvoll. „Nach Passan zieh lest halt. In die Stadt", autivortete sie, und er tat Ihr leid, well eS ihm so arg zu Herzen ging. „Hast Immer bei mir in Passan eine gute llnlerknnst, meint es einmal fein sollte. Komm nur tu die große Messergasse. Den Hauslerhaudel geb Ich auf. Dieses Fahr bitt ich auch gar «icht so recht zufrieden mit meinem Tragkvrb und dem Geldbeutel. Kein Geld Im Wald. Woher sollen es die Leute auch nehmen? Ans den Nippen schneiden? Man läuft toastrhasiig mehr Stiesel zu schänden, als man jetzt bei dem Handel verdient..." Da versank vor FnppiS Innerem Gesicht der ferne Wald In einem trüben Nebel. Klingenbrunn, Ningolan, Siebenellen wurden von dem Rauch verschluugeit. Die Försterin, die seine Fichte in ihrem Aslergarteu, erlosch. „Uit 6 dein HäuScsten, Gr et?" fragte er. „Wird sich schon ein Käufer finden", tröstete sie und gab ihm aber dantii keinen Trost. Abends baute er aus seinem Kasten eine Werkstatt vor sich ans. Die Geräte blihten ihn an: der Hammer wollte leicht geschwungen sein, die Säge flink geführt, der Meißel fest ange- setzt. Der Bohrer wollte bohren, der Meßstab messen lind der Hobel glätten Hilft spülte». Alle hungerten nach Holz. Er betrachtete versuukeu die Anordnung, liebevoll hielt er Ding nm Ding. Da enlschled er morgen»: „Ich will Möbelschreiner werden. Mein Werkzeug stab Ich schon." (Mret lobte seine» Platt, sand ist» sehr gescheit, lieft es seine» Wimmnift wißen, und bald war eilte Lehrstelle gesunden. „Bier Fahre Lehrzeit", sagte sie, „gehn schnell vorbei,' dann bist du Geselle, kannst Möbel tlschler» itnft verdienst bereits dein erstes Geld." Er nickte ugllidenkitch, Die Werkstatt. Fu Grafenau Im Anitsgerichtsgäßcheu hatte der Tischlermeister Wirtstetm feine Schreinerwerkstatt. Fuppi trat, nach mehrstündiger Fnftwanfternng, mH Sack und Pack unter die Tür und fragte nach dem Herrn Meister. Fu der linken Hand hielt er feilte .ff(elfter und Wäscbebüuftel, in der rechten trug er den Werkzeugkasten. Er hatte sich daran warnt geschleppt. „Ha?" ries Ihm einer der beiden Gesellen zu, ohne sich in seiner Arbeit zu unterbreche». Beide spänien au der Hobelbank. Der Lehrling, der Drille In der Werkstatt, bohrte in ein großes Brett säuberlich Löcher. „Was ist los?" fragte nun wieder der eine Geselle, „was bringst du da für Brocken? Willst du 'nen Bau scher? Suchst du ’ne Bleibe? Türklinke» pulten?" Fuppi verstand nicht, was der Geselle fragte. Aber dessen Arbeltsgenossen, vertrant mit 6cm Knuden nnft Lands! raßeulalelu, lachten wiehernd. „Fcl> bin der neue Lehrling", erklärte Fuppi schüchtern. „El fiel) da, das Aefschenl" ries der Geselle, bi der alten To» art sortsalirend. Alle ließen nun Ihre Werkzeuge ruön itnft beschaute» beit Ne» Univ Fit ppi faßte Mut, trat näher itnft legte seine Sachen in die Ecke. „Deine Fleppr?" befahl der Erstgeselle. Hilflos sai> Fuppi von einem zum andern. Mas für Neben? „Er weift nirtil, was die Fleppe ist", rief der Geselle. „Wenn du Holzwurm werden willst, mufit du doch Fleppe mttbringen, Papiere. Ansivelse.. Da b'Vrill Fuppi und fühlte sich wie erlöst. Schnell riß er ans der ' Eche eilten Zettel seines Vormunde». Der Obergeselle la» den Ausweis durch. „Gutl" entschied er. „Her die Flöße!" Er angelte nach Fuppi» Hand und drückte ftc so kräftig, daß der sogleich knietief In die .ffnie ging. ES tat furchtbar web, aber er verzog keine Miene. Auch die andern drückten ihm die Hand mit ihren eisernen Klammerfingern. „Bist ausgenommen in blc Bube", verkünbete ber Geselle. „Ich bin der Mürk, Obergeselle, versianften? ber da ist der Zum, Geselle, und die Dreckschwalbe dort", er beutete auf den Lehrling, der seinen 'Bohrer in der Faust hielt, „heißt Otto. Dich neunen wir Fttp, verstehst? Fuppi ist ’n weiberlatschiger Name." „Ist der Meister da?" fragte Fnppi. „Der Krauter? Den siehst du noch früh genug. Mißt gerade 'nen Kinftersarg an beim Schaber", sagte Zinn. Mürk stieß mit dem Fuß gegen Fupptö Reisegepäck. „Deine Klainotten, ja?" „Kleider und Wäsche..." belehrte Fuppi. „Ach was! Klamotten und Standen. Und wa» ist das für 'n Kasten?" . _ Er hob ihn ans unft warf ihn ans den Werktisch. „Mein Werkzeunkaften", erklärte Fuppi, etwas ängstlich. „AttsmachenI" , Fuppi öffnete ungern den Kaste». Die Werkzeuge blitzten. Dem Obergesell fielen über dem Anblick beinah die Augäpfel aus dem Gesicht. Da brachen die drei Tischler In lautes Lachen aus Zinn hielt sich den Bauch. Mürk ergriff den rvigestielten Haiinner. „Sakerloit, n Hammer für einen Lobbermacher. Damit möchte man sich die Kuckucksuhr reparieren lassen. Den kannst du gut gebrauchen für siinszöllige Drahtstifte." Geschrei, Gelächter. Der Hammer slog in den Kasten. Mittler- weile hatte Zinn den dreigefußten Leimtopf ^erauögezerrt und trieb feinen Unfug mit ihm. Er machte Austalten hincinzuspucken, aber Mürk hieb ihm den Topf aus der Hand. „Mit so einem Zahnstocher will er die Schraubcnköpf anzichn! Otto verspottete den Schraubenzieher. So hatten sic ihren Spaß, bis der Meister kam. „Der neue Lehrling..." sagte der Obergeselle, „er soll Sie schön von feinem Vormund grüßen." „Lassen Sie die unnöttgen Reden!" grollte der Tischlermeister, ber nicht mir beim Barbier das Maß genommen hatte, sondern auch in der Gaststube der Brauerei. So zeigte er sich auch höchst mißgelaunt über die Zusammenrottung seiner Arbeiter. „Wenn er etwas auSznrichten bat, soll er es selber tun." Aber Fuppi hatte nichts auszurichten. Er wartete auch, bis er gefragt wurde. „Wie heißt du?" rief Ihn der Meister an, nachdem er feine» Ansgehrvck mit der Schreinerjoppe vertauscht hatte. „Fup... Fup Hosschasser aus 6er Ortschaft Zwölfhäuser", antwortete 6er Gefragte. Fast hätte er vergessen, 6aß er jetzt einen abgekürzten Vornamen trug. „Dein Vater lebt nicht mehr?" „Mutter auch nicht", erklärte Fup. Der Tischler, der ans dem rechten Weht hinkte, schüttelte den Kops. „Sachen gibtö!" wunderte sich der Meister. „Die Leute sterben schneller, als man Särge schreinern kann." Er nahm FuppiS lleberweisungspapier an sich, gab ihm die Hand und ermahnte ihn zu Fleiß, Gehorsam und handwerklicher Tüchtigkeit. Arbeit gebe eS genug, Holz auch, beides sei meist besser als mancher Tischler, sagte er — eine Rede, die von einem mißbilligenden Seitenblick auf seine Leute begleitet ivar. „Fa!" versprach Fup. Der Lehrling führte ihn hinauf in die gemeinsame Kamnier. Der .Schädel brummte ihm von all dein Neuen, er hörte nur halb ans 6aS Geschwätz seines Führers. Hofsentlich, dachte er, hat man es hier nicht zn schlecht. Fu der Kammer standen zwei hölzerne Betten mH Strohsäcken und Kissen, auch ein tiefer Schrank. An der Maud über dem eisernen Masrhgestell hing sogar ein gerahmter Spiegel: zwar verzerrte er einem das Abbild, aber das schadete nicht, er war fta und gesiel. Etwas dumpf roch cS in der Stube, nach abgestandener Lust, mnfsigen Bettfedern und alten Stionsäcken. „Der Alte ist nicht Übel", klärte Ihn Otto ans. „aber sic ... eine böse Geige. Die seist dir was znsanimen. Der Alte bot nicht» zu lachen. Fett wirst du hier nicht. Sic knausert arg mit dem Hans..." „Was ist Hans?" fragte Fup. „Mensch, die Kost!" Biel wird er hier fernen müssen, bevor er alles versteht. Ma» für merkwürdige Sprache die hatten. Wie ein alter Maldkanz sah die Meisterin ans, scharf unft giftig. Der werkte inanS gleich an, sie kannte keinen Spaß. Funkelnd musterte sic Fuppi. Mit schriller Stimme keifte sie ihm die Tischzeiten vor. Pünktlichkeit verlange sie. Abends dürfe oben nicht zu lang Licht gebrannt werden, da« koste Geld. Um nenn Uhr hätte er daheim zu sein, daun werde die Haustür geschloßen. Das Herumbummcln sei ihr verhaßt. Sein Teller hätte einen Sprung, aber daß er ihn la nicht zerbräche, sonst... Unklare Drohungen cutfdmHrrtcii ihrem Mnnft, eine Mespcnfchar von Morten. Der Meisterin fehlten eine Anzahl Norftcrzähue, was die Häßlichkeit Ihres Gesichts noch verstärkte. Sic konnte kein „f" sprechen, und cs klana wie ein „ft". „Del nur recht fleiftdig, ftonftt dpuktd in der Fechtdchnhl. Dan- ber auf kehren in der Werkstatt. Hvbelftpäne in den Hof bringen. Einen Korb voll jeden Abend In 61c Küche.. .* (Fortsetzung folgt.) Veranlivortlich: Dr. HanS Thyrlot. - »ruck unft Verlag: Brühl'fche Universität«.Buch- unft Steinftruckerei, R. Lange, Gießen.