Gießener Zamilienvlätm Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger ul der Der, "iS. üutjter, |n ? Q»- Dil n Freudt», “nä°kn, io s'° I°hm 1 »eben bie Nummer 76 Montag, den l. Oktober Jahrgang 195$ le über dm ßbas ßKalsßand / 0 1. Kapitel. ich die M anfl®’ rzen Reih,» et vetlitrl eEA Der Konsul fand sich leicht in die oft getane Arbeit. Er wiegte den Kops. „Du bildest dir auf die Mita zu viel ein", sagte er. „Das Mädchen sieht dir ähnlich, Gott sei Dank nicht mir, aber deine Schönheit hat sie doch nicht ganz mitbekommen." ' Frau Olga drehte sich zurück, sie lächelte stärker. „Dafür", meinte sie, „hat Mita ihre 19 Jahre in die bekannte Waagschale zu werfen." Der Konsul nickte. „Und die Modekrankheit der 19 Jahre", ergänzte «r, „den Filmfimmel. Die Schwester des Assessors Luzius ist ja wohl chenMe iE muhijche 6« ist gelaniti Wacholder" Samson ob lotenschüdelz Die Sink eißen FW humpeioie or. Sine ®! loffenloe. Jin lies Hand ss idsgesühl jk Td." ;r|5 M „Du kannst dich darauf verlassen", sagte Konsul Finkendey zu seiner Gattin in der Halle, „diese jungen Leute kommen wegen meiner guten Zigarren und weil es hier bei uns nett ist." Dabei warf er seine Zigarre in den vorgesehenen Messingbehälter, wo sie im Wasser verzischte, und hob die nun leere Hand, auszählend: „Assessor Luzius ist 34, Ewald Brendel nicht viel jünger; unsere Mita ist knapp 19, für diese Leute ein Kind. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß keiner von beiden sich «ine Größe beim Film?" . . , . „ Frau Olga neigte den Kopf. „Eine reizende Schauspielerin, Vera £Ui,*6o, na, ich kenne sie nicht. Jedenfalls liegt Mita dem Assessor ständig in den Ohren, er möge sie an diese Schwester empfehlen." „Eine Möglichkeit auszunutzen, Lorenz —" „Unsinn", verwies der Konsul abrupt. Bestimmt hätte das Thema jetzt sowieso ein Ende gefunden, denn durch den kleinen Vorgarten kamen zwei jüngere Manner heran, denen das Ehepaar Finkendey entgegensah. Sie waren gute Freunde des Hauses, das merkte man an der Begrüßung, die ihnen zuteil wurde Der Konsul schätzte es, Jugend um sich zu wissen. Mit den griesgrämigen alten Rechnern habe ich geschäftlich genug zu tun, pflegte er zu erklären Brendel und Luzius genossen seine besondere Sympathie. Vielleicht, weil sie als Juristen niemals von Geschäften anfingen, keine Borsentlps erfragten und an der letzten Santosabladung gänzlich uninteressiert waren. Er ging ihnen entgegen, begrüßte sie auf seine herzliche Art und sagte. „Die ersten werden die letzten auch sein, hoffe ich." „ , , — „Wir gehen nur mit Nasenlänge durchs Herr Konsul. Dich, hinter uns fauchte Herrn Strombecks maisgelber Achtzylinder heran. Da lft Jan Strombeck winkte. Ohne Hut entstieg er seinem Wagen den der Fahrer sofort davonführte. Rot, haarlos und wohlgenährt schien Jan Strombeck ständig zu transpirieren, obgleich ihm, der aus holländischen Kolonien Indiens für ein paar Monate m Europa weilte, dies Kl>jna kaum besonders warm erscheinen konnte. Der gute Strombeck ist ein Frauensreund, Olga h""e der Konsul gesagt, ehe er den Geschäftsfreund in sein Haus emfuhrte. Strombeck hcht dein Bild auf meinem Kontortisch gesehen und war Laß ihn das bleiben. Er ist mein bester Produktenlieserarck au Borneo. Aber sieh dich vor, diese Leute dort drüben leben em bißchen hemmungsloser. Der Konsul^hatt7stine schöne Olga angelacht. Welcher Mann ist es nicht, wenn es um die Frau geht? „ < cÄnnönher Vielleicht dachte Frau Olga just diese Wori^ als sie dem Hollander die Hand reichte. Aber heute wußte sie, daß "'cht ft- es gewesen war die diesen Mann entflammt hatte. Das war gut; ste war es ledenfall zufrieden. Sie neidete Barbara Zurrhelm den Hollander nicht. S>e dachie nur mit einer gewissen Unbehaglichkeit daran, d°ß dies alles in ihrem Hause sich angesponnen hatte und sich noch io^setzte. 6 .. . jungen sympathischen Reginald Zurrhelm, an diese Eh ?ntiorossen schien, trotzdem ihr die kleine, nun >4°" funfiahrige Lilly entsproßen war. Wenn Jan Strombeck wirklich der Wolf war, der hier erbreche würde..., war sich Barbara Zurrhelm des Spiels klar, das fie (p.elte/ i»n in ton =«b.,l.||dn nnd «m dl. Tr.pp. ous Abendkleid, überall rosig: blond und.blauäugig. . Su braute ben turnen siebenjährigen Bruder mit, der ein bißchen kränklich unterricht im Hause genoß. Der Junge, geistig rege, machte seine -ller >n Schnee >r liegen. Ü i Büchlein iE er dreh! I» ' der 3™°* 1 fielt der j« J bas SchilNsE 1; er will 11 ®ememp« * « ! den W nmschnull- °ichb°.b Ä Cchlillen ti .Arn4 jxmu. tcy Innin « Kleine Oil Mjtas wegen hier einfindet/ Bruder, h - - - - " . „Ich tue das nicht, Lorenz", sagte Frau Olga lächelnd. Sie hielt das t ein breite, Perlenkollier mit den bekannten großen Perlen in der Hand, tat es 15 gebunm d^n um den Hals und bat, ihrem Gatten den Rücken drehend: „Hake ilt. Aschgm bitte ein, Lorenz." jien Mto r- - - - - - - ..... - ■■ ~ • ■ OMAN ON FRANK F. BRAUN beugungen und erwiderte ein Scherzwort Brendels, des großen Vetters. Dann zog er sich wieder zurück, machte noch seinem Lehrer eine artige Verneigung, als sie sich auf der Treppe begegneten. Herr Doktor Bellmann tarn herab, auf merkwürdige Art einem Nachtvogel vergleichbar, mit großen schwarzgerandeten Brillenaugen; scheu und ein bißchen unsicher. Erst des Konsuls gutmütiger derber Zuruf veranlaßte ihn, sich in einen der Sessel niederzusetzen. „Hast du dem Justizrat wieder die Abendpost aufgepackt, Ewald?', rief Konsul Finkendey. Brendel schüttelte den Kopf. „Wir waren um fünf Uhr fertig , sagte er. Frau Olga beschwichtigte. „Es ist doch noch viel zu früh." Wartete man also auf Justizrat Reußner mit Gattin und Sohn? Die Herrschaften kamen noch nicht. Es erschien erst vorher Reginald Zurrhelm mit seiner Gattin Barbara. Sofort nach der Begrüßung kam fetzt Schwung in die bis dahin sanft plätschernde Konversation. Jan Strombeck erzählte eine gewagte Geschichte. Sie spielte in Batavia und war so, daß die Damen die Decke ansahen, ob diese sich nicht senke. Aber dann rettete sich Jan Strombeck noch gerade an der Entgleisung vorbei und steuerte in eine allgemeine Sittenbeschreibung. Brendel verzog den Mund; Luzius hatte helle kreisrunde Augen und fein Blick suchte zu Mita hinüber, die von einem Palmenkübel verdeckt im Hintergrund saß. Der Konsul schaute zu Boden, seine Mundecken zuckten verdächtig. Verflixter Kerl, dachte er und kontrollierte aus eigener Anschauung die Möglichkeit dieses Strobeckschen Abenteuers. Nur Doktor Bellmann saß unbewegt. Er hielt die Hände stach auf den Schenkeln. Wahrscheinlich hatte er gar nicht recht zugehört. Als Jan Strombeck eine Atempause einschaltete, sprach Frau Olga schnell etwas anderes und lenkte damit endgültig vom gefährlichen Thema ab. Aber die Szene war sowieso zu Ende, denn gerade kam Justizrat Reußner, des Konsuls alter Freund, der verlegen seine Gattin vorschob, die etwaigen Vorwürfe über das späte Kommen aufzusangen — denn io gut kannte man einander, daß man sich Wahrheiten sagte. Er und der Sohn Wingart blieben im Hintergrund. Wingart Reußner, die weiße seidene Primanermütze in der Hand, beugte sich zu Brendel herab: „Herr Brendel", bat er, „war ein Brief für mich in der Abendpost?" Brendel schüttelte den Kopf. Luzius sah ihn verdutzt an, aber er wehrte ab. Mit einem tief anklagenden Blick suchte Wingart Reußner hinter den Palmkübel zu gelangen. Aber sein Vorwurf prallte glatt ab an Mitas strahlendem Lächeln. „Tag, Wingart! Man sieht dich ja gar nicht mehr! Büffelst du für das Examen?" Wingart wurde blaß. Oh, sie war eine Schlange! Gestern erst hatte er sie von der Klavierstunde nach Hause begleitet! Aber beglückt stellte er eine geheime Gemeinschaft fest und log mit ihr: „Ja, man muß sich allmählich um die Examensarbeit kümmern. Früher war es so, daß die Pauker für die Arbeiten Stoffe wählten, die im letzten halben Jahre durchgefprochen waren. Aber das hat sich leider geändert. Man muß sich heutzutage eklig heranhalten." Frau Justizrat Reußner wandte sich lächelnd an den reglosen Herrn Doktor Bellmann. „Hören Sie nicht auf den Jungen", bat sie, „diese Tonart ist ihm nicht abzugewöhnen. Pauker bedeutet aber nichts Häßliches, Herr Doktor Bellmann." Doktor Bellmann fuhr erschreckt hoch. „Oh, bitte, gnädige Frau", sagte er, „ich kenne das; ich war auch einmal Primaner. Es ist immer dasselbe. Wollten nur alle Kollegen sich erinnern, wieviel Nervenkrast vermöchten sie zu sparen." Frau Justizrat wandte sich ab. „Ein sympathischer Mann, Olga", meinte sie, „bringt er deinen Jungen gut vorwärts?" „Sehr gut", antwortete Frau Olga. „Wir sind mit ihm recht zufrieden." Gerade als Assessor Luzius den neuen Film, in dem seine Schwester Vera die Hauptrolle spielte, zu Ende erzählt hatte — das Mädchen aus Java —, Jan Strombeck hatte danach gefragt, wurde der Frau Konsul Finkendey gemeldet, daß angerichtet sei, und die Gesellschaft erhob sich und wechselte die Räumlichkeit. Luzius schritt hinter Frau Barbara Zurr- helm, die neben Strombeck ging. Er dachte: wir haben unsere besten Jahre im Schützengraben gelegen; als wir zurückkamen, wahrscheinlich irrtümlich, denn es ging alles bereits gut ohne uns, waren wir müde; die Revolution; die Geldentwertung, ein böser Traum, den wir wach erleben mußten. Nun sind wir zu alt. Ich spiele den ewigen Assessor. Wirklich, unsere Zeit ist vorbei und verpaßt. Aber wenn man diese Barbara Zurrhelm ansieht, könnte man wirklich noch einmal beginnen, an den Wechsel des Zustandes zu glauben. Sie ist schön; und seltsam und !er- lOre"@r,eerroartet ein Telegramm", gab Luzius für den Abwesenden eine Grt3mU^Umnier das an die Veranda jenseits anstieß, jenen Raum, den Frau Olga gutmütig spottend ihres Mannes Kunsthalle nannte standen Frau Barbara Zurrhelm und Jan Strombett am Fenster. Die altdeutsche viereckige Laterne aus Butzenscheiben verschickte von der Wand her nur* ein mattes Licht, Die Bilder an den Wänden, die Bronzestatuen auf ihren Postamenten blieben in Schatten gehüllt. Auch die beiden Men- fchen Die Tür in das nächste Zimmer stand weit geöffnet, aber die Stimmen des Konsuls und des Justizrats kamen nur gedämpft, Strombett trat unwillkürlich einen Schritt von Barbara zurück, als der Gatte dieser Frau unten im Garten unerwartet auftauchte. Aber dann sah der Holländer, daß Zurrhelrn sich entfernte. „Wo will er hm? fragte er geflüstert. Barbara zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. fremd. Alles was wir suchen. Keine Knospe mehr eine Blüte im Mittag » Wie (am Reginald zu dieser Frau? Oder kam sie wirtlich zu ihm, wie es heißt, damals als Rußland zusammenbrach? ™ I Er bemerkte Strombetts Blicke, das Beben tm Arm des Mannes I und Barbaras Lächeln. Ja, dachte er, ich verstehe dich, Freund aus Malayenland, solche Begegnung mußte dich wohl ms ^ treffen, bort, wo es noch nicht ausgebrannt war wo immer noch Sehnsucht auerte, geduckt, verlacht und gefettet, aber lebendig. Ward fie frei, Jan I ^Gr^atte keine Ahnung, daß er dasselbe dachte wie Frau Olga. Ader vielleicht dachten sie alle das gleiche in diesem Hause, die d,e es Paar achehen dursten? Einer dachte es nicht. Reginald Zurrhelm. Er sich zwar, I aber er verleugnete. Denn er liebte seine Barbara. Und das Kind war da. Die Misere aber würde zu Ende gehen, einmal doch ganz gewiß, bald vielleicht. Er nahm Brendel beiseite und hielt auch Luzius °n. „Ich habe nach Breslau zu einem Preisausschreiben eingereicht , jagte er, „fneift die Daumen, daß es diesmal klappt." Wieviel?" fragte Brendel. , "Zehntausend Mark", sagte Zurrhelm heiser. Seme schonen braunen Augen leuchteten. „Wenn es wahr würde — nicht auszudenken ... Luzius schüttelte den Kops. „Ich hoffe für Sie. Aber un Ernst, Zurrhelm, Sie sollten umsatteln. Kunstmaler ist kein Berus für Sie. Diese Stabt ist nicht groß genug; Sie Haden keine Verbindungen. Sie sollten I es schon Ihrer Frau wegen tun. Wie lange, glauben Sie, dursen Sie I Barbara noch zumuten, dieses Leben mit Ihnen zu sichren? „Führe ich es nicht auch!" I Falsch", tagte Luzius. „Denken Sie ganz einfach einmal nach. Als Sie'heirateten, haben Sie da zu Barbara gesagt: so und so kümmerlich wird unser Leden [ein? Nein! Sie Haden an ficf; geglaubt, an Ihren Aufstieg an den Erfolg, der kommen mußte, und haben t^r em anderes Bist,' entworfen, als jetzt das der Wirklichkeit aussteht. Und da beginnt I Ihre Schuld, Zurrhelm Geld, häßlich für Ihre Kunstlerseele, ">chl wahr? Ader Sie kennen feine Notwendigkeit. Sie müssen Geld schassen, ich warne Sie, Zurrhelm! Mit Plänen und Vertrauen auf die Zukunft ist nichts getan Malen Sie Ihre Bilder. Nichts fei dagegen gejagt. Sie mögen Meisterwerke fein, aber fie bringen fein Geld. Unternehmen Sie daneben, im Hauptberuf, etwas, das Sie sicherstellt. JDenfen Sie nicht nur an |id), benten (E>ic an Stinb, an £Ji)tc (Sattln. Stühlerücken störte und unterbrach. Gina man schon zu Tisch? Luzius zögerte „Kommen Sie", drängte er dann. Aber Zurrhelm hielt ihn noch einmal zurück: „Was fall ich denn tun? Sie wollen mich beim Film | anbringen, sehr gütig, Luzius; ernsthaft; aber ich bin fern Handwerfer! .Lernen Sie es werden." , „ Luzius ließ Zurrhelm stehen. Vergaß der sich und die Umgebung? Der schmale Doktor Bellmann stieß ihn achtsam an. „Kommen Sie, Herr Zurrhelm, mir sind die letzten." Zurrhelm sah auf schaute den Mann, der gesprochen hatte, ins Gesicht. „Ja", sagte er. Und er hatte nichts gehört als das Wort, das ihm wie eine Beschimpfung gelungen hatte Wir beide sind die letzten! Aber bann gab er sich einen Ruck. Vielleicht war bas alles schon gar nicht mehr wahr! Womöglich lag im Hause auf dem Tisch bereits die Depesche, die den Gluckswechsel verkündete! Er hatte nach Breslau, wo heute der Entscheid gefallen war em Telegramm mit bezahlter Rückantwort geschickt. War es nicht möglich, MB Ni* in Ler Minute der Taster auf dem Postamt tiefte: .10 000«^, an Kunstmaler Reginald Zurrhelrn gefallen ... Er wischte sich über die Stirn, fie war schweißnaß. Seine Frau sah ihn an. Er erwiderte den Blick, aber sie schwieg. Da setzte auch er sich stumm. Nach dem Essen verstreuten sich die Gäste des Konsuls in dem geräumigen Hause. Justizrat Reußner nahm Finkendey nut einer mtereffanten Recktsfraae in Beschlag. Die Damen waren vor den Zigarren der Manner in den «einen Salon geflüchtet. Um den runden Messingtisch un verwaisten Herrenzimmer sahen Dvftor Bellmann, Luzius, Brendel und Zurrhelrn. Frau Barbara und Jan Strombeck waren nicht tm Zimmer. „Ja", sagte Luzius, „ich habe das auch gehabt vor Jahren. Mein Siegelring war wohl ein bißchen zu weit und im Handschuh stecken- geblieben Sicherlich hat Frau Konsul Finfendey ihren Brillantrmg aus genau diese Art verloren. ... - . Doftor Bellmann nickte. „Wir gaben das Suchen aus , schloß er, „cs hatte feinen Zweck mehr. Hier im Hause tonnte der Ring nicht verloren ^Zurrhelm"f'ah auf seine Finger. „Ich habe nur noch den einen Ring", sagte er, „ich würde es bestimmt merten, wenn er nicht mehr meinen Finger drücken würde." Er schaute sich um, sah, daß sie am Tisch allem waren, und tränt hastig (ein Getränt — Gemisch aus Kognak und Soda — aus Luzius, Brendel, Sie, Herr Doktor Bellmann, verraten Sie mich nicht! Ich laufe auf zehn Minuten rasch einmal nach Hause. Wenn man mich sucht, bin ich im Garten." „Was wollen Sie im Hause? Haben Sie das Licht brennen lassen?' Zurrhelrn antwortete nicht mehr; er öffnete die Tür auf die Veranda Unb trat hinaus. Seine Schritte knirschten im Gartenkies. Dann ver- Strombeck warf ihr einen raschen, sichernden Blick zu. Er Heß das Thoma fallen. Vielleicht war es die ungewisse Beleuchtung die ihn kühn machte; es mochte auch fein, daß er feit längerer Seit aus diese Stunde gewartet hatte; er griff Barbara beim Arm, dreh e sie zu sich und sagte. Ich habe Ihnen die Ruhe, die Sie von mir gefordert haben, gelassen. Sie wollten überlegen, deiche ich. Ich will Sie wieder vor das Bild führen, Frau Barbara, wo es begann. Hier: das Haus am Fluß, eine Farm vielleicht, bebaute Felder als Hintergrund; ein Menschenpaar am offenen Fenster. — Ich verstehe nicht viel von der Malerei. Ich kann Ihnen versichern, so wie auf dem Bild hier, geht bei uns die Sonne nicht unter. Aber das gehört nicht hierher. Der Konsul ch'rd wissen, was das Bild wert ist." Er hielt immer noch ihren Arm, seine Hand spannte sich stärker um diese Rundung, vielleicht schmerzhaft. Barbara machte sich los. „Nicht", sagte sie. Er starrte sie an; in feinen Augen fing sich ein ferner Schein und ließ sie glänzen. „Nicht? .... wiederholte er, „reden Sie deutlicher, Frau Barbara!" Ihre Mundecken zogen sich herab. Es mochte ein Lächeln sein. Jan Strombeck nahm es dafür; es konnte aber auch etwas ganz anderes bedeuten. „Sie haben mir gesagt", flüsterte sie, und dieses Flüstern machte sie zu Verschworenen, Strombeck empfand das sogleich, — -ch'er vor dem Bild haben Sie mir gesagt: werfen Sie alles hinter sich! Mut zum Glück! War es nicht so?" „Ich wiederhole die Aufforderung jener Minute, Frau Barbara. Jede Stunde, die Sie verlieren in der Enge dieser Umgebung, dieser Stadt, dieses Landes, dieses Kontinents ..." „Pstt. Ich weih nicht, ob es gut ist, einen Rahmen zu sprengen, in dem man groß geworden ist. Aber dies ist nicht ganz meine Heimat. Ich würde es wagen." Ja?" "Warten Sie, lassen Sie mich ausreden. Ich würde es wagen, wenn ich allein wäre, nur für mich verantwortlich." „Ihr Mann wird ohne Sie nicht gerade vor Kummer sterben." ,Nein, das nicht. Aber er wird unglücklich fein. Eine ganze Weile gewiß." Sie strich etwas vor ihrem Gesicht weg. »Aber an Reginald dachte ich jetzt nicht einmal; soweit bin ich schon Mensch Ihrer Art, angesteckt von Ihrer Denkungsweise." Strombeck tat eine Bewegung ihr entgegen, aber er prallte gegen ihre beiden flach erhobenen Hande. Er rief fast zu laut: „An was dachten Siel? Hemmungen? Oh ... , da fiel es ihm ein das Kind, die kleine Lilly?" und als fie nickte „aber wie durften Sie fo an mir zweifeln, Frau Barbara! Ihr Kind ist mein Kind, die Kleine soll an mir einen befferen Vater finden, als sie ihn jetzt hat." „Was wissen Sie von Reginald!" „Nichts. Will auch nichts wissen. Will ihn nicht herabsetzen in ihren Augen Sie werden ihn ja gut kennen. Ein Mann, der selber geführt werden muh; ein guter Mensch, meinetwegen, aber auch ein halber Mensch; ein Mann mit Wünschen, ohne Willen jedoch ... , er verlor seinen Satz, stockte und endete hätte nicht heiraten dürfen; ieden- salls nicht Sie, Barbara." Merkten beide nicht, daß er zum erstenmal einfach den Namen gesagt hatte? Barbara atmete schwer. „Und wenn Sie einmal nicht mehr empfinden werden wie heute?" „Was bann? Ich verstehe Sie nicht?" Barbara sagte gewichtig, denn sie war kein Mädchen mehr: „Wenn der Rausch aus ist, Jan Strombeck?" . , Er hob beide Arme. „Nein", versicherte er, „wir begegnen hundert ftrauen und vergessen sie. Aber wenn man die Einmaligkeit des Geschehens begriff schon in der ersten Minute, kann das kein Irrtum mehr werden Aber da haben Sie wieder Europa! Klein, ängstlich, wagend unb ohne iebe Gröhe. Wage ich weniger als Sie? Haben Sie kein 15er« i trauen? Dann will ich Ihnen meine Pläne eingestehen, bie Sie beruhigen werben. Wir heiraten noch in Europa, sowie bie Sdjeibung aus« ! gesprochen ist; Lilly wirb mein Kinb, ich versichere Sie unb das Mädchen in der Stunbe, wo Sie bie meine werben. Kann ich mehr tun, Barbara? I Aus bem andern Zimmer kam das schleppende Lachen des Justizrats. Der Konsul stimmte ein. Kamen die beiden alten Herren naher? Barbara trat einen Schritt zurück; aber diesen Schritt, den sie ihren Körper ziirücknahm, überbrückte sie mit der ausgestreckten Hand. „Ich danke Jhne^i, Jan Strombeck." .. Er nahm diese geliebte Hand. „Und?! drängte er. Barbara sah ihn an. Ihr Blick war groh und verhieß was der Mund nicht sprach. Da neigte sich Jan Strombeck und küßte diese Hand, i Es geschah genau in der Sekunde, da Assessor Luzius in die Tür I trat. Er zog sich augenblicks ungehört zurück. Nicht dieses Paar suchte er. t Er fahndete nach Mita. Aber er muhte das Suchen erst noch einmal auf- i geben. Justizrat Reuhner hielt ihn fest „Ich höre, das Mietsaml: hat Ihnen Ihre reizende Junggesellenwohnung beschlagnahmt, lieber Luzius t Wo wohnen Sie denn nun? Wo sind Ihre Möbel?" Auf dem Speicher, Herr Justizrat. Ich selber wohne im Hotel Europa bis sich — gegen Abstand, hoffe ich — eine andere Behausung I für mich Einspänner findet." . ..... i Kon ul Finkendey lachte. „Die Welt ist häßlich eingerichtet. 21ber bann fiel ihm etwas ein. „Im Hotel Europa wohnt ja auch mein Freunb Strombeck!" „ , , Luzius nickte. „Wir wohnen Zimmer an Zimmer , sagte er, „es I ergab sich zufällig." Unb ba niemanb mehr bas Wort an >h" richtete, i zog er sich vorsichtig zurück. Justizrat Reußner (ah ihm »ach. „Ra , meinte er zu (einem Freunb, „bie Ernennung kommt biefer Tage h I aus. Ein Staatsanwalt mehr im Reich. Der gute Luzius hat lange ge braucht ober warten wüsten. Ich freue mich für ihn. Konsul Jmkendey stimmte zu. „Ein netter Kerl, ich freue mich auch. Sie waren woyi beide jenseits der Ehrgeize und am Ziel angelangt, von wo man neiöios auf die Nachfolge schaut. , (Forkfetzung folgt.) Nach der Ernte. Von I. G. v. Salis-Seewis. Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt. Rote Blätter fallen, graue Nebel wallen, kühler weht der Wind. Wie die volle Traube aus dem Rebenlaube purpurfarbig strahlt I Am Geländer reifen Pfirsiche, mit Streifen rot und weiß bemalt. Geige tönt und Flöte bei der Abendröte und im Mondenglanz; junge Winzerinnen winken und beginnen deutschen Ringeltanz. Zopf-Parade. Streiflichter auf einen kleinen Fürstenhof. Von Dr. Leopold Heinemann. Der Siebenschläfer. Im Jahre 1803, in dem Augenblicke als das Erste Reich, das alte lvmifche Reich Deutscher Nation, nach tausendjähriger Geschichte zu habe ging, als es nichts mehr zu „küren" gab, weil die Bestimmungen fer „Goldenen Bulle" außer Kraft gesetzt waren und die Kurfürsten- tiirbe ihren Sinn verloren hatte, gelang es dem Landgrafen von Hessen- jassel, diesen inhaltlos gewordenen Titel für sich und sein Haus zu er- terben. Der Kurfürst von Hessen wurde, ganz gegen alle Gewohnheit, Dnigliche Hoheit und verstand es, der Kurfürstenwürde einen Nimbus $i geben, den sie früher nie gehabt hatte. Aber — drei Jahre später Ismen die Franzosen ins Land, und im Gegensatz zu fast allen anderen lutschen Fürsten war der Kurfürst von Hessen nicht geneigt, ihnen die fs ringften Konzessionen zu machen. Nach der Schlacht von Jena hätte t dem Rheinbund beitreten, oder Napoleons Verbündeter werden i nnen. Er war stolz und deutschbewußt und ließ sich lieber aus seinem linde treiben und lebte in der Verbannung in Prag, als daß er, der lirentel der Heiligen Elisabeth und Philipps des Großmütigen, den kor- fchen Emporkömmling anerkannt oder gar mit ihm gemeinsame Sache -macht hätte. Im Schlosse in Kassel wohnte Hieronymus Napoleon, des kroßen kleinster Bruder, und führte das Leben, das ihm den Bei- timen „König Luftik" einbrachte, badete in Rotwein oder Milch, und ich die kurfürstlichen Güter verkaufen, um Mittel für den verschwendeschen Hofhalt aufzubringen. Und der Kurfürst von Hessen wartete sieben lrhre in Prag, und vertraute auf Gott den Herrn, denn er wußte, daß c wieder in sein Land und Haus zurückkehren würde. Und wie er «artete, so wartete auch mancher seiner Untertanen. Der Bibliothekar Hsrat Strieder hat sieben Jahre lang, solange die Franzosen in Kassel H usen, seine Wohnung nicht ein einzigesmal verlassen I Die Weltgeschichte tng weiter! Aber für den Kurfürsten von Hessen war die Zeit stehen- Olieben. Und so kam es, daß 1813 herankam; Leipzig war geschlagen, i? Verbündeten rüsteten, um über den Rhein zu ziehen. Da erschien