Nummer 41 Freitag, den b3uni Jahrgang 1934 am Schöne Iunitage. Von Detlev von Liliencron. Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskutz, Bis der letzte Klang verklungen. Weil nun alles schlafen muß — Flutzüberwärts singt eine Nachtigall. Sonnengrüner Rosengarten, Sonnenweiße Stromesflut, Sonnenstiller Morgenfriede, Der auf Baum und Beeten ruht — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Straßentreiben, fern, verworren. Reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzüge, Tausenfältig Leben rinnt — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Langsam graut der Abend nieder, Milde wird die harte Welt, Und das Herz macht seinen Frieden, Und zum Kinde wird der Held — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Erinnerungen an Liliencron. Von Hans Brandenburg. Am 3. Juni ist Liliencrons 90. Geburtstag, dem Baron und ritterlichen Sänger nur eine Rolle verräucherten Pergamentes angemessen. Doch da ich dieses nicht hatte, schrieb ich meine Stanzen aus große Papierbogen, deren Ränder von mir im Zickzack abgerissen und mit Streichhölzern angesengelt worden waren, so daß dem Empfänger aus dem Umschlag zunächst eine Wolke Aschenflöckchen in den Schoß schneien mußte. Allein er verspottete die Kinderei mit keinem Wort, sondern zollte dem Fünfzehnjährigen alle Anerkennung. . Bald danach war er wieder in Elberfeld, diesmal mit dem „Bunten Brettl", das ihn sich als „künstlerischen Leiter" gekauft hatte. Ich schwänzte die Schule und trieb mich herum, bis ich tn seinem Hotel vorgelassen wurde. Noch sehe ich ihn, wie er nach seinem „Herein!" zunächst nicht hochblickte von einem Tierbuch, in dem das Bild eines Zebras aufgeschlagen war, aber als ich mich stammelnd mit versagender Stimme zu erkennen gab, da rief er: „Das ist ja ein berühmter Name!" und stellte mich seinem Impresario als „groben Dichter" vor. Er bot mir einen Sessel an, lehnte sich in dem seinigen zurück und sagte kameradschaftlich. „Nun wollen wir uns mal gemütlich etwas vertellen. Um des lieben Brotes willen von Ort zu Ort verfrachtet, fragte er hier in Elberfeld, ob wir in Barmen oder in Düsseldorf seien, und erzählte als schönstes Reiseerlebnis von dieser qualvollen Brettlfahrt, daß ihn in Halle die Studentenschaft stehend angehört und dann verkündet habe, diese Ehrung gelte nicht dem Dichter, sondern dem Märtyrer. Dann schrieb er mir eine Anweisung sur zwei Eintrittskarten — für zwei, denn, so bemerkte er, ein „teutscher Dichter" habe immer eine Geliebte. Ich aber brachte am Abend meine Schwester mit, vor der er sich tief verbeugte, und die ihm am Ausgang einen Blumenstrauß überreichte. Er hatte, wie er das ausdrückte, sein Gedicht von „Krischan Schmeer ins Publikum „gebraust", zwischen lauter Kabarettnummern, klagte über seine unglückliche Rolle als „Commis voyageur en lynque und meinte, er würde sich besser dazu eignen, als Saaldiener von der Galerie zu schreien: „Dort unten lm Parkett sind noch zwei Plätze frei!" Als wir ihn nun durch Schneegestöber zum Hotel begleiteten und ihn ein Bursche anrannte, lachte er: „Schade, daß ich ihm nicht meinen Schirm entgegengehalten habe, dann hatte ich ihn aufgespießt." Ueber den nächsten Mittag war ich wieder bei ihm, zusammen mit meinem Freund und Schulkameraden Will Vesper. Er lud uns zum Essen ein, und die Zigarre, die ich fünfzehnjähriger Knirps von ihm erhielt, hat, obwohl ich schon Raucher war, lange Zeit, mit einem Schildchen: „Geschenk von Detlev von Liliencron" beklebt, als Reliquie in meinem Schuler- kamen meine Münchner Sturm- und Drangjahre in unserem jungen Dichterkreise. Wir verschonten Liliencron nicht mit unseren Werken, trotz seiner Rufe um Erbarmen, seiner schnakischen Klagen über die Last seiner Korrespondenz: woher er nur all die Freimarken nehmen solle: an eigene Produktion dürfe er nicht mehr denken, den Schlaf habe er sich schon abgewohnt und seinen Tag von 24 auf 2400 Stunden verlängert,- er sei nur noch eine Ablaqernngsstelle für Bücher: wie die Geier mit ihren Flügeln, so schlügen ihn die Dichter mit ihren Briefen und Manuskripten: seine größte Sehnsucht sei lebenslängliche Zuchthausstrafe und Einzelhaft: wenn-wir einmal so alt seien wie er, werde es uns genau wie ihm ergehen, das werde seine Rache an uns sein! Denn unter solchem Gejammer ging er rührend auf unser Schaffen ein, und die Verbindung von beidem war oft besonders drollig: „Welch ein stiller, himmlischer Mensch ist unser Vesper. Wie ein Paradies sehe icb oft vor mir liegen seine „Freude, ein Hausbuch deutscher Art'. Wie Friede weht es draus her. Ich habe noch kaum bineinsehn können." Er half mir mit seinen Empfehlungen bei meiner ersten Verlegersuche, richtete mich auf, als sie nichts fruchteten, und fragte nach einiger Zeit bei mir an, ob und rote er mir weiterhin dienlich sein könne. Mein Lichtbild stehe vor ihm auf dem Schreibtisch, so schrieb er mir. Und als wir in die Oeffentlich- keit drangen, begrüßte er in uns „eine neue Aera" und rief uns eU,($r*roarTit^ireigebig' mit Lobsprüchen, als daß ich diejenigen, die er mir spendete, allzu hoch eingeschätzt hatte. Aber niemals hat er mich rote so manchen meiner Bekannten behandelt. „Ihr Gedicht ist himmlisch", schrieb er an einen dichtenden Buch- bSnöler „ein wahrer Mörike. Lethen Ste mtr doch sofort 100 Mark" Und auf das Versbuch einer Dichterin, das tn verschnörkelter Schrift den Namen des Märchenlandes Jahana als Titel trug, hatte er gar zu flüchtig hingeblickt, wenn er antwortete. Tausend Dank, hochverehrtes, gnädiges Franletn, für >shr wundervolles Gedichtbuch .Havanna'." Vieles an seiner Liebenswürdigkeit, mit der er zu Tode lobte, war Maske und Selbstichutz. 22. Juli sein 25. Todestag. Mit zwölf oder dreizehn Jahren wechselte ich aus der Mondscheinpoesie des empfindsamen in diejenige des romantischen Zeitalters hinüber — von Hölty zu Eichendorsf. Aber Won em ^ahr später sprang ich unvermittelt mit beiden Fußen m die taghelle Welt Detlev von Liliencrons: „Klingling, bumbum und tschingdada!" Ja, es war dies Gedicht: „Dte Musik kommt, das ich irgendwo fand und das mich mit Pauken und Trompeten in eine dichterische Wirklichkeit hinüberriß. Kurz darauf las Liliencron in der Nachbarichaft Elberfeld, und ich erbettelte von meinen Eltern die Erlaubnis zum Besuch des Abends. Es trat kein Ritter ein, kein Hüne, dem man e-. ansah, daß er mit König Ringelhaar verkehrte sondern ein kleiner, rundlich-zierlicher Herr im Gehrock nut kurzgeschorenem Haar und langem, blonden Schnurrbart. Er las wit schnarrender Stimme und durch Zahnlücken Gedichte und veranschaulichte das Gewehrfeuer in einer Kriegsnovelle durch Trommeln aift dem Pult, daß das Wafferglas überschwappte. Doch ich sah nicht den Halbleeren Saal und sand nicht, was die Zeitungen schrieben, daß der Dichter ein schlechter Vorleser sei. Dichter lesen ihre Werke stets wenn nicht am besten, so doch am nichtigsten, und dieser ries mit Kommandostimme Wort und Ding auf, daß sie lachlich, leibhaftig und gewappnet strammstanden, und richtete seine Vers- kolonncn aus, wie ehemals die Front ferner Kompanie. Ich bin kein Schauspieler und habe ckein Nachahmungstalent, aber in dieser Stunde ward ich aus Liebe zum Medium, das heute noch jene Stimme aus dem Grabe beschwören kann. Q In den nächsten Wochen schrieb ich mir im halbdunklen Lager eines Buchhändlers Liliencromche Gedichte ab. Und ein halbes Jahr später wandte ich mich an den Meister - *ntt meinen eigenen Versen, sondern mit der Bitte um Rat und Hilfe in religiösen Zweifeln. Postlagernd kam die Antwort, ein Wtzch mit den beühmten „Krähenfüßen", derenpieroglyphen ich ^r langsam entzifferte: „Tausend Dank, hochverehrter Herr Brandenburg, für Ihren interessanten Brief. Aehnliche bekomme ich, unendlich viele. So daß ich nur den kleinsten Teil beantworten kanmvdcr mein Tag müßte 100 Stunden haben. Darf ich Ihnen deshalb "ur,ein» schreiben: Immer fix weiterdichten! Ihr Detlev Liliencron. >,ch ließ indessen nicht locker und erhob meine Stimme zum Schrei- Da traf ein etwas längerer Trostbrief em: Unglücklich muffe ück jeder in diesem Jugendalter fühlen: am besten sei positiver Glaube, wer aber nicht glauben könne, der glaube dann eben nicht u finde auch darin seinen Frieden. „Sie ollen mal sehen, mein Poet, so etwas gibt sich mtt den Jahren." Und dann wieder der Schluß: „Immer mein Rat: Dem Leben fest ins Auge lehn! Und — weiter dichten. Mut und vorwärts!!! Qtr. Durch diese Aufforderung zum Welterdichten zog sich L liern cioti schließlich doch meine erste Verssendung zu. Und mir jchleu KetzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger Sko^er als auf sein Lob bin ich daher auf seinen Tadel. Er ging bei mir immer auf Einzelheiten und kritisierte oft icharf,- das war Ausnahme und Auszeichnung. Und als er ichlietzllch ein Gedicht von mir nur noch annahm, indem er mir als Gegengabe ein eigenes in seiner Handschrift schickte, das Gedicht auf ,ern vielgefurchtes, aufgewühltes, ausverkauftes, unbegreifliches Herz, da empfand sein verhätschelter Knappe das mit Recht als den Ritter- ' ^Seinen 60. Geburtstag feierten Vesper und ich auf unserer damals gemeinsamen Bude, wo Dantes Büste vor LiUencron^ Bildnis auf der Nase lag, und dann an Statten seiner Münchner Tage: nachmittags im Giesinger Bergbräu und abends mit zwei Kunstschülerinnen im Ratskeller, was für Vesper Verlobung und Ehe nach sich zog. Danach sahen wir bei einem Ferienaufenthalt in unserer Vaterstadt Barmen den nun endlich berühmten und bejubelten Dichter wieder. Er hielt, die zierlichen Hände reibend, bescheiden Cercle in der Gesellschaft, die ihm zu Ehren versammelt war, er plauderte verbindlich in seinem niedlichen holsteinschen Klönton, während seine grau schwimmenden Augen ihr undurchdringliches Geheimnis wahrten. Aber von Vesper und mir ließ er sich erbitten, uns zuliebe seinen Poggfreö-Kantus von der kleinen Fite zu lesen. Er tat es schamvoll und schaltete zwischen die kecken Eingangsstrophen jedesmal ein „Gräßlich!", dann aber hinter das ihnen folgende Lob der Ehe ein erlöstes „So ist es xetfjt!/z ein. Dann habe ich ihn noch einmal in München gesehen, wo er vorlas und wir den Rest des Abends mit ihm in der Torggelstube verbrachten. Nicht lange danach hat er sich auf seinen alten französischen Schlachtfeldern, zu deren Besuch er endlich das Geld aufgebracht hatte, den Todeskeim einer Erkältung geholt. Unheimliche Geschichte. Von Vera Craener. Man besichtigt nicht mehr nach 19 Uhr möblierte Zimmer, nicht wahr? Und man vermeidet es tunlichst, mitten im Monat einzuziehen. Denn das macht einen unsoliden und wenig vertrauenerweckenden Eindruck, und man darf sich nicht wundern, wenn der Vermieter einen nicht mit offenen Armen empfängt. Fräulein Hammerschmidt hatte Herrn Doerenkamp keineswegs mit offenen Armen empfangen. Aengstlich und mißtrauisch hatte sie neben ihm gestanden, als er das Zimmer besichtigt hatte, und wären die Aussichten, es zu vermieten, nicht so entsetzlich schlecht gewesen, bann hätte sie es ihm gar nicht gegeben. Irgend etwas mißfiel ihr nämlich an diesem Herrn in dem grauen Ulster, der nur einen flüchtigen Blick hineingeworfen und es dann kurz entschlossen gemietet hatte. Weder hatte der Herr bemerkt, daß man durch die dünne Wand hindurch allzudeutlich das Surren des Fahrstuhls hörte, noch hatte er davon Notiz genommen, daß kein Schreibtisch vorhanden war. Was unzählige andere vor ihm schon reklamiert hatten, daran schien er absolut nichts auszusetzen zu haben. Er nickte, als das Fräulein den Preis nannte, bat, zum Frühstück Tee bekommen zu dürfen, und legte, obwohl bereits der 21. war, den Betrag der halben Monatsmiete sofort auf den Tisch. Ehe Fräulein Hammerschmidt noch den Mut gehabt hatte zu widersprechen und Einwendungen vorzubringen, erklärte er, gleich hierbleiben zu wollen. Sein Gepäck bestand aus einem kleinen, braunen Lederköfferchen, das von vornherein Fräulein Hammer- schmidts Mißtrauen erregt hatte und unmöglich mehr enthalten konnte als nur die allernötigsten Toilettesachen. Ihrer Frage nach größerem Gepäck begegnete er ausweichend. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht. Schließlich war sie ganz allein mit ihm in der Wohnung, und wenn auch nicht anzunehmen war, daß er es etwa auf ihre Tugend hätte abgesehen haben könnte, so konnte man doch nicht wissen, was er im Schilde führte. Warum hatte er gerade das Zimmer bei ihr gemietet? Im ersten Stock war eines, das sehr viel gemütlicher war und mvderner, und im Hochparterre das bei Frau Amtsgerichtsrat Haber hatte sogar Couch und Telephon! .... Fräulein Hammerschmidt versuchte vergebens, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und als der Morgen graute, da hatte sie in Gedanken diesen Herrn Doerenkamp bereits alle möglichen Verbrechen begehen sehen, und die Lokalchronik der letzten Wochen hatte in ihrem armen, gequälten Hirn gräßliche Auferstehung gefeiert. Doch dann stellte es sich glücklicherweise heraus, daß in dieser Nacht nichts geschehen war, was zu irgendwelchen Besorgnissen hätte Anlaß geben können, daß sämtliche Möbel der Wohnung noch am gleichen Fleck standen, und daß sich augenscheinlich der neue Mieter überhaupt nicht aus seinem Zimmer herausgerührt hatte. Erst ging er ins Bad, dann bekam er seinen Tee, und während das Zimmer aufgeräumt wurde, saß er bei Fräulein Hammerschmidt in der Wohnstube und las die Morgenzeitung. An alledem war nichts Verdächtiges, und allmählich verflüchtigte sich auch der nächtliche Spuk. Herr Doerenkamp — er hieß Peter und war am 20. März 1901 in Hamburg geboren, wie der Meldezettel verriet — war ein Mieter *roie alle anderen, und ebenso wie alle anderen würde er es auch nicht länger als einen Monat in dem Zimmer aushalten, er würde Ultimo wieder kündigen, allerdings nicht ohne vorher eine gehörige Anzahl von Reklamationen vorgebracht zu haben. Das hatten bisher noch alle getan, und auch er würde wohl kaum eine Ausnahme bilden. Fräulein Hammerschmidt wartete den ganzen Tag lang auf die fällige Beschwerde, aber merkwürdigerweise kam sie nicht. Auch eine Beschwerde über den Lautsprecher in der Nebenwohnung kam nicht, und ebensowenig wie dieser schien den Herrn das Schreibmaschinengeklapper im Büro der „Havreta"'zu stören. Das war die Chemische Handelsvertriebsgesellschaft, bre vor kurzem zwei Zimmer der Hammerschmidtschen Wohnung abgemietet hatte und deren Geschäfte sich nicht immer ganz lautlos abwrckel- ten. Gelegentlich wurden höchst temperamentvolle Mernungs- äußerungen laut, und wer das Pech hatte, neben dem Zimmer des Herrn Direktor Holz zu wohnen, der konnte was erleben. Allerdings spielten sich diese Dinge nur in der Zeit zwischen 9 und 5 ab, viertel nach 5 herrschte bereits tiefster Friede in den Raumen. Für Leute, die den Tag außer Haus verbrachten, war das also nicht weiter schlimm, aber für Herrn Doerenkamp, der fast immer zu Hause saß, mußte das doch recht störend sein. Fräulein Hammerschmidt fühlte sich veranlaßt, sich deswegen bei ihm zu entfchul- digen, aber er versicherte, daß ihm das wenig ausmache. Ueber- haupt — und hier traf ein begütigender Blick das alte Fräulein _ sie möchte sich seinetwegen gar nicht beunruhigen, es gefiele ihm hier ausgezeichnet, und wenn er wirklich einmal etwas auf dem Herzen hätte, dann würde er sich schon an sie wenden. Der Dreißigste war vorbeigegangen und der Einunddreitzigste, und als selbst am Ersten der Herr Doerenkamp nichts von einer Kündigung hatte vorlauten lasten, da hatte seinetwegen das Fraulein ihre zweite schlaflose Nacht. Irgend etwas führte er un Schilde, das ließ sie sich nicht ausreden und heimlich räumte sie ihr Silber in den Wäscheschrank, und den Herrn Direktor Holz fragte sie, ob er an seiner Bürotür nicht ein Sicherheitsschloß an- brinqen lassen wolle. , . ,. Aber der Herr Direktor hatte nur gelacht und sie gefragt, seit wann sie denn so ängstlich sei. Hier würden schon keine Diebe und Räuber einbrechen, und bei ihm sei überdies wenig zu holen. Dabei hatte er gelacht, aber das Fräulein war nur mäßig beruhigt. Was zum Beispiel — und hier steht das alte Fräulein sicher nicht allein mit ihrer Meinung — soll man von einem Menschen halten, der den ganzen Tag lesend und somit eigentlich nichtstuend zu Hause sitzt, erst gegen Abend fortgeht und von dem vorhandenen Telephon keinen Gebrauch macht? Fräulein Hammerschmidt hatte beobachtet, daß er häufig zur Telephonzelle an der Ecke ging, und sie hatte ihn vergeblich darauf aufmerksam gemacht, daß er ja auch von Hause aus sprechen könne. , Zu diesem Anerbieten hatte er nur freundlich gelächelt, hatte gesagt, daß er niemand stören wollte — der Apparat stand in den Räumen der „Havreta" — und hatte nach wie vor den Fernsprecher auf der Straße benutzt. „Sehr rücksichtsvoller junger Mann", hatte sich Herr Direktor Holz anerkennend geäußert, als bas Fräulein ihm das erzählt hatte, und dann hatte er versucht, ihr ihre Befürchtungen auszureden. Man müsse nicht gleich von jedem Menschen etwas Schlechtes denken, und sie mache sich ja damit ganz nervös. Die Möbel würde ihr dieser Herr Doerenkamp schon nicht hinaustragen, und bar Geld hätte sie doch wohl nicht zu Hause, wie? Hier war das Fräulein dunkelrot geworden und hatte an die zweihundert Mark gedacht, die im lö. Band Goethe steckten, dem sonst unberührten Band mit den „Naturwissenschaftlichen Schriften", und an das Sparkassenbuch im Wäscheschrank. Sie hatte zögernd verneint, und der Herr Direktor hatte ihr angeboten, ihr irgendwelche Wertsachen eventuell in seinem Geldschrank zu verwahren. „Wenn Ihnen das sicher genug ist", hatte er lachend hinzugesetzt, und das Fräulein hatte sich vielmals bedankt. _ , Jetzt lag sie in ihrem Bette, warf sich von einer Seite auf die andere und versuchte zu überlegen, was sie tun sollte. Dem Herrn Direktor Holz das Geld anvertrauen? Und das Silber? Ober aber — sie hörte es vom Kirchturm zwei schlagen — nur das Silber? Und war es denn wirklich in dem Geldschrank der „Havreta" sicher? Hatte sie nicht schon etwas von Nachschlüsteln gehört, und trennte nicht nur eine einzige Tür das Zimmer des Herrn Doerenkamp von dem des Büros? Es schlägt vier, als Fräulein Hammerschmidt endgültig entschlossen ist, ihre Sachen dem Herrn Direktor Holz zur Aufbewahrung zu übergeben. Schließlich kann es für eine alleinstehende Frau nur gut sein, auch einmal einen Vertrauensmann zu haben — in all den Jahren hat sich noch nie jemand in dieser Weise um sie gekümmert... Der Ton der Flur- klingcl reißt sie aus ihrem unruhigen Schlummer. Verwirrt fährt sie in die Höhe. Wer kann jetzt, um diese Zeit — „Kriminalpolizei!" sagt draußen eine Stimme, „öffnen Sie, bitte!" Mit zitternden Fingern schiebt sie den Riegel zurück, und fast versagen ihr die Knie den Dienst. Kriminalpolizei in ihrem Haus — sie ist leichenblaß, als sie die Tür öffnet. „Wohnt bei Ihnen ein Herr —" „Jawohl", sagt das Fräulein und läßt den Beamten gar nicht ausreden, „der wohnt hier, seit Ende letzten Monats, und ich 6dFe mir doch gleich gedacht, daß etwas mit ihm nicht in Ordnung ift; er ist mir direkt unheimlich gewesen, und mein Instinkt hat mir gesagt..." „Sachte, sachte, meine Dame", sagt der Beamte, „der Herr Holz wohnt also erst seit Ende vorigen Monats bei Ihnen?" Das Fräulein glaubt nicht richtig verstanden zu haben. „Der Herr Direktor Holz?" ... „Jawohl, der sogenannte Direktor dieser famosen Hemischen Gesellschaft." „Das ist doch aber nicht möglich!" ruft das Fräulein, und in ihrem Hirn purzeln die Handelsvertriebsgesellschaft und ihr Sparkassenbuch, der neuerkorene Vertrauensmann und der unheimliche Peter Doerenkamp bunt durcheinander. „Wohnt außer Ihnen noch jemand hier in der Wohnung?" fragen die Beamten, und Fräulein Hammerschmidt nickt: „Noch ein Herr...", sie schweigt beschämt, weil ihr einfällt, was sie vorhin über ihn gesagt hat. Die Beamten gehen, auch ihn zu verhören. Aber aus ihr Klopsen rührt sich nichts in seinem Zimmer, und als sie schließlich die Tür öffnen, müssen sie feststellen, daß bas Nest leer ist. „Der Vogel scheint ausgeflogen zu sein", sagt einer der beiden, auf das unberührte Bett blickend, und das Fräulein läßt sio stöhnend auf einen Stuhl fallen. Ihr Instinkt — ihr unseliger Instinkt! Hat er ihr nicht gleich gesagt, baß mit diesem Herrn Doerenkamp etwas nicht in Ordnung ist? Und dann fällt es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Ist es denn nicht gräßlich klar, daß dieser Herr Direktor und er einfach unter einer Decke gesteckt haben? Daher also seine Duldsamkeit und daher auch das begütigende Zureden des Herrn Holz. Hier erhebt sich das Fräulein und stürzt angstvoll in ihr Schlafzimmer. Aber während sie noch mit zitternden Händen in den Schränken rumort, steckt draußen jemand den Schlüssel ins Schloß. Wahrscheinlich kommt auch heute, wie gewöhnlich, Herr Holz wieder als erster ins Büro. Aber dann ist es gar nicht Holz — es ist Peter Doerenkamp. Ein bißchen übernächtig zwar und nicht ganz frisch aussehend, aber doch mit einem vergnügten Schmunzeln in den braunen Augen. „Guten Morgen, meine Herren", begrüßt er die beiden Beamten, und Fräulein Hammerschmidt mutz zu ihrem mahloseu Erstaunen sehen, wie er ihnen freundschaftlich die Hand schüttelt, „es tut mir leid, daß Sie sich umsonst bemüht haben, aber der Junge, den Sie suchen, ist bereits auf Nummer Sicher. Ich habe ihn gerade noch'am Anhalter Bahnhof erwischt..."' Jupiter. Der Gigant der Plauete«. Von Dr. Erwin Kossinna. In der immer später einsetzenden Abenddämmerung sind die schönen, glanzvollen Wintersternbilder verschwunden- Am Südhimmel sehen wir jetzt Löwe und Jungfrau, deren Hauptsterne Regulus und Sptca zwar durch ihr bläulichweißes Licht auffallen, aber nicht einmal ganz die erste Größenklasse erreichen. Sie werden weit überstrahlt von dem ruhigen gelblichen Licht des Jupiters, des größten aller Planeten, der jetzt im Sternbild der Jungfrau steht und während der nächsten Monate das bei weitem auffallendste und glänzendste Himmelsobjekt bildet. Denn Jupiter ist in seiner gegenwärtigen günstigen Stellung über 20mat so hell wie Spica, die am Himmel in geringem Abstand unter ihm steht. Trotz der sehr bedeutenden Entfernung von der Erde — sie beträgt 600 Millionen Kilometer — ist Jupiter neben Mars der einzige Planet, auf dessen Oberfläche stets Einzelheiten, Streifen und Flecken, erkennbar sind. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird er in diesen Monaten aus allen Sternwarten und auch von den Liebhaberastronomen beobachtet, da vor kurzem neue Flecken auf seiner Oberfläche entstanden sind, deren Untersuchung uns vielleicht weitere Aufschlüsse über die physische Beschaffenheit des mächtigen Planeten geben wird. Mit Recht bezeichnet man Jupiter als den Riesen unter den Planeten, der alle anderen Glieder des Sonnensystems an Größe und Masse weit übertrifft. Sein Durchmesser beträgt das Elffache des Erddurchmessers, und seine Masse ist 2%ntctl so groß wie die Masse aller übrigen Planeten zusammen. Erst 318 Erdkugeln würden Jupiter das Gleichgewicht halten. In knapp zwölf Jahren vollendet er seinen Umlauf um die Sonne und tritt daher alle dreizehn Monate in die günstigste Stellung zur Erde, gerade gegenüber der Sonne. — Im Fernroh rbild fällt sofort die für Jupiter ganz charakteristische Streifenbildung auf. Helle, gelblich-weiße Zonen wechseln mit dunkleren, bräunlich oder rötlich gefärbten Bändern ab, die sämtlich parallel zum Aequator verlaufen. Nach den Polen zu erscheint der Planet dunkel und ohne Streifen. Aus der sehr starken Abplattung der Jupiterkugel ist die Lage des Aequators sofort zu erkennen. Denn während der äquatoriale Durchmesser 145 000 .Kilometer beträgt, ist der polare nur 134000 Kilometer lang. Abplattung und Streifenbildung deuten bereits auf sehr rasche Rotation. In der Tat dreht sich der ungeheure Ball in knapp zehn Stunden um seine Achse, wie aus der Beobachtung der Flecken folgt, so daß ein Punkt des Jupiteräquators eine sekundliche Geschwindigkeit von über zwölf Kilometer besitzt. Schon in fünf Stunden bewegt sich ein Fleck über die ganze Scheibe hinweg vom östlichen Rande zum westlichen. Das Merkwürdigste bei dieser Bewegung aber ist, baß die Notation nicht überall gleich schnell vor sich geht, sondern mit wachsendem Abstand vom Aequator langsamer wird. ,, „ Aus zahlreichen Beobachtungen hat man für die hellen Aequa- torstreifen eine Notationsdauer von neun Stunden 50/4 Minuten ermittelt, während nördlich und südlich davon die Rotationszeiten bei neun Stunden 5514 Minuten liegen. Der Unterschied von nur fünf Minuten erscheint aus den ersten Blick gering, bedeutet aber bei der riesigen Größe Jupiters einen Geschwtndtg- keitsunterschied von hundert Metern in der Sekunde! Dieser bewirkt, daß ein Gebilde der Aequatorzone die benachbarten Streifen in 47 Tagen um einen vollen Umlauf überholt. Die verschiedenen Notationszeiten der Jupiterobersläche liefern den sichersten Beweis für die wolkige Natnr des Planeten. W° blicken nicht etwa auf eine feste Oberfläche, sondern auf eine mächtige Wolkenschicht in der Atmosphäre des Jupiter. Dafür sprechen auch die rasch vor sich gehenden Aenderungen in den Umrtssen der erkennbaren Streifen und Flecken. Nur bei schwacher Vergrößerung erscheinen die Streifen einigermaßen scharf. In großen Fernrohren haben sie ein sehr kompliziertes wolkcnartiges Aussehen mit hellen nnd dunklen Flecken bei fortgesetzter Veränderlichkeit der feineren Einzelheiten sowohl in der Lage wie in der Form. Ist ein Fleck am Westrand« ixt N«piterfcheibe verschwunden, so hat er nach fünf Stunden bei seinem Wiederauftauchen am Ostrande oft schon seine Gestalt merklich verändert. Die hellen Streifen und Flecke sind zweifellos die am höchsten schwebenden Wolkenpartien,' bei den dunklen Gebieten blicken wir tiefer tn die Atmosphäre hinein. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Jupiterobersläche ist der berühmte rote Fleck auf der Südhalbkugel. Die ersten Anfänge seiner Bildung mögen wohl über hundert Jahre zurückreichen. Im Jahre 1878 wurde er plötzlich zum auffallendsten Objekt von ausgesprochen roter Farbe und elliptischer Form. Seine Länge betrug 30 000, seine Breite 10 000 Kilometer, so daß er ein Areal gleich der halben Erdoberfläche bedeckte. Auf photographischen Aufnahmen erscheint der Rand der Jupiterscheibe dunkel und unscharf, was lediglich eine Folge der kräftigen Lichtabsorption durch eine mächtige, hochretchende Atmosphäre ist. Die dichte Wolkenhülle reflektiert 56 Prozent des auffallenden Sonnenlichtes, läßt aber nur wenig Wärmestrahlung und jedenfalls keine Spur von Licht aus dem heißen Innern hindurch. Und da auch die Sonnenstrahlung nur gering ist, sind die obersten Wolkenschichten sehr kalt. Radiometrische Bestimmungen der Temperatur der Wolkenoberfläche ergaben Werte, die zwischen 110 und 135 Grad unter Null liegen; also erheblich tiefer als die Temperaturen an der unteren Grenze der Stratosphäre der Erde, wo minus 55 bis minus 86 Grad gemessen wurden. Jahreszeitliche Unterschiede der Temperatur sind auf Jupiter nicht zu erwarten, da seine Drehungsachse fast senkrecht auf der Vahnebene steht. Neuere Untersuchungen über die Dichteverteilung der Materie innerhalb der Jupiterkugel lassen mit großer Sicherheit darauf schließen, daß Jupiter überhaupt keine feste Oberfläche besitzt, vielmehr nimmt die Dichte von der Atmosphäre nach dem Kern hin ganz allmählich zu. Daß Jupiter im wesentlichen ein riesiger Gasball ist, geht schon aus seiner geringen mittleren Dichte hervor, die nur das l,3fache des Wassers beträgt und somit geringer ist als die des gasförmigen weißglühenden Sonnenballs und nur ein Viertel der Dichte unserer Erde erreicht. Bietet der Anblick der an Einzelheiten reichen Jupiterscheibe im Fernrohr ein schönes und interessantes Bild, so wird diese Wirkung noch erhöht durch die vier großen Monde, welche den Planeten umkreisen. Es gibt am ganzen Sternenhimmel, vielleicht von Saturn abgesehen, wohl kaum einen Himmelskörper, dessen Anblick von so erhabener Schönheit ist. Bei jedem Umlauf sehen wir die Monde vor der Jupiterscheibe vorüberziehen, begleitet von dem kreisrunden Schatten, den sie auf die Oberfläche des Planeten werfen. Als bald nach der Erfindung des Fernrohrs der deutsche Astronom Simon Marius in Ansbach im Dezember 1609 und Galilei in Padua im Januar 1610 die Jupitermonde zuerst beobachteten, war diese Entdeckung von ungeheurer Tragweite. Die um Jupiter kreisenden Monde lieferten den augenfälligsten Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Lehre und nahmen zugleich der Erde die ihr bis dahin zugeschriebene Sonderstellung. Die vier großen Jupitermonde laufen in nahezu kreisförmigen Bahnen um den Planeten, und zwar ziemlich genau in der Aequatorebene. Im Fernrohr sehen wir sie daher in einer geraden Linie stehen. Die Monde erscheinen als Sterne fünfter und sechster Größe und sind schon in einem guten Opernglas wahrnehmbar. Sie würden sogar mit freiem Auge gesehen werden, wenn sie nicht vom Lichte Jupiters überstrahlt würben. Aber der Zufall will es, daß außer dem Erdmonö von der Erde aus kein Trabant irgendeines Planeten mit bloßem Auge erkennbar ist, sonst hätte die Astronomie bereits im Altertum eine ganz andere Entwicklung genommen. Die drei inneren Jupitermonde wandern bei jedem Umlauf durch den Schattenkegel des Planeten und werden daher verfinstert. Bei dem vierten Mond ist der Abstand schon so groß, daß dies nicht immer geschieht. Da die Verfinsterungen der Jupitermonde, an allen Orten der Erde gleichzeitig wahrgenommen werden, können sie auch zur Zeitbestimmung benutzt werden und damit zur geographischen Längenbestimmung. — 1676 bemerkte Olaf Römer, daß die Verfinsterungen nicht immer zu der von Cassini vorausberechneten Zeit eintrafen, sondern sich verzögerten, wenn die Erde sich vom Jupiter entfernte. Er schloß daraus, daß das Licht sich nicht momentan fortpflanzt, sondern eine gewisse Zeit braucht, um den Durchmesser der Erdbahn zurückzulegen. Römer berechnete aus den beobachteten Zeitunterschieden zum ersten Male die Lichtgeschwindigkeit. 1892 entdeckte Barnard auf der Licksternwarte in Kalifornien noch einen fünften Mond in sehr geringem Abstand vom Jupiter, der in kaum zwölf Stunden den Planeten umkreist. Vom Jupiter aus betrachtet, bleibt dieser Mond fast während dreier Jupitertage über dem Horizont eines Punktes der Jupiterober- fläche. Bis 1914 wurden auf photographischem Wege noch weitere vier Monde entdeckt; Jupiter ist also von neun Monden umgeben. Die fünf kleinen Monde sind aber alle nur ganz winzige Körper von fünfzig bis hundertsechzig Kilometer Durchmesser und daher sehr lichtschwach. Die beiden äußersten Trabanten bewegen sich in stark geneigten, exzentrischen Bahnen rückläufig um den Planeten. Man nimmt an, daß es sich bei ihnen nicht um echte Monde handelt, sondern um ehemalige Planetoiden, die dem Riesenplaneten zu nahe kamen und von ihm eingefangen wurden. Die gewaltige Anziehungskraft Jupiters hat schon manchen Planetoiden und viele Kometen, die sich ihm näherten, aus ihrer Bahn geworfen. Die von dem größten aller Planeten verursachten Störungen sind recht beträchtlich und stellen die Astronomen vor immer neue Aufgaben, während anderseits das ewig wechselnde : Bild seiner Oberfläche dem Astrophysiker noch manche Rätsel * bietet, die der Lösung harren. Hand fest. * Verantwortlich: Dr. Hans Lhhriot. - Druck und Verlag: Brühl fche Univerfitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Dieben. Während der Verhandlung vor Gericht gestand Rikelchen alle Entwendungen, die ihr vorgehalten wurden, unumwunden ein. Sogar bei solchen nickte sie zustimmend, die nicht auf ihr Schuldkonto gehörten. , , „ . Warum sie die Diebstähle begangen habe? wollte der jugendliche Amtsrichter wissen. Ob die Kunden denn die Arbeit nicht bezahlt hatten? „Manche überhaupt nicht. Andre so spät, daß es genau so gut oder vielmehr genau so schlecht war, als wenn sie nicht bezahlten. „Vielleicht zeigt Herr Amtsrichter mir einen Weg, den ich selber, nicht Gust — nein, mein — mein Mann hätte gehen können?" Ein Dutzend Wege für einen! Waschen, Reinemachen, Flicken, d^.Wochenlang habe ich mich als Wäscherin, Flickfrau, Reinmachefrau Haus bei Haus angeboten. Bin aber überall abgewiesen. Plötzlich erhob sich Gust, der auf der Zeugenbank saß. Alle' seien schuldig, schrie er, ehe ihn jemand zurückhalten konnte, die ganze Stadt: er und sein Rikelchen hätten nur versucht, Bezahlung für ihre geleistete Arbeit zu bekommen. Auf eine nicht schöne, aber notwendige Weise: durch Selbsthilfe. Worum hatten die Leute an der Hohen Straße sie so lange auf ihr Geld warten lassen, bis es nichts mehr wert war? Bis sie sich für eine Tagesarbeit hinter seiner Schusterkugel nicht mehr das Salz anfs Brot kaufen konnten? Wieviel weniger das Brot! ^^Ni'cb» als Angeklagte säße Nikelchen da!, rief Gust dem Richter zu. Nicht als Zeuge stehe er vor ihm. Sondern Ankläger wären sie. Nicht Gnade wollte er. wollten alle, die mit ihm in derselben Verdammnis waren. Nicht Unterstützung. Nicht Almosen. Sie wollten ihr Recht, ihr durch Gesetz und Siegel verbrieftes Recht. Der Amtsrichter hatte unterdes nach dem Stadtgenbarm geschickt. Aks der Schnauzbärtige endlich angepustet kam, befahl er ihm, Gust auf der Stelle zu verhaften und in das Gefängnis ab- zusührcn. Der Erschöpfte, der nur mit Hilfe des Gerichtsdieners seinen Sitz wiedergefunden hatte, ließ nunmehr alles willig über sich ergeben Die Gerichtsverhandlung gegen Friederike Mtcheelsen wurde wieder aufgenommen. Sie endete damit, daß die Angeklagte wegen Dtebstabls in 29 Fällen zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Die Schusterkugel. - Roman von Hans Franck. (Schluß.) ... (Nachdruck verboten.) Gust hörte nicht auf mit seinem Hämmern. „Gust", bat Nikelchen zaghaft. Austl^ef Rikelchen aus den Tiefen ihres Herzens herauf. '^usi"lchrst^du mich nicht?" schrie die fassungslose Frau an derStubentür. „Gust, siehst du mich nicht? Ich bin da, Nikelchen Gust hämmerte. st-. MW. dir'gemeint. Um deinetwilleu hab' ich es setan. Nicht um meinetwillen. Es war trotzdem Unrecht. Ich weiß. Ich will auch alles aus mich nehmen. Auf mich allein. Du sollst keinen Schaden dadurch haben. Und keine Schande. Ich Habs ohne ein Wißen und gegen deinen Willen getan. Ich werde es büßen. Es wird nicht über meine Kräfte gehen. Wenn du mir vergibst. Denn fönst kann '»■S S. w°- -st- SEd-must,.« seinlr Frau, brachte es Gust nicht bis zu einem widersprechenden „Mm!" Er richtete die Gebeugte auf, geleitete sie zu einem Stuhl. Setzte sich, Hand in Hand, neben sie. „ ... Da kamen Rikelchen die Worte. Sie versuchte, ihr Tun zu erklären. Sie brachte Entschuldigungen vor. Wurde inne, daß ihr Unrecht mit allen Erklärungen und Entschuldigungen nicht aus der Welt zu schaffen war. Verlegte sich aufs Bitten. Suchte hinter WM«««.» und x°--stw°, zu den Erklärungen und Verteidigungen, zu dem Bitten und Weinen. Aber er ließ Rikelchens Hand nicht aus seiner Hand. „Wenn doch ein Wort über seine Lippen käme! . stöhnte Rtkel- chen. „Wenn er mich doch schelten möchte! Oder schlagen! Womit er will! Meinetwegen mit dem Knieriemen! Es wäre leichter als ^^Abe^durfte "sie es denn leicht haben? Hatte sie ni^ bas Schwere, das Allerschwerste von ihm als Strafe verdient? Gewt^ doch es gab so Schweres, daß es über Menschenkrafte ging, es zutragen. Dazu gehörte dieses Schweigen „Gust!" Und von neuem redete Rikelchen auf den neben ihr Sitzenden ein. Viele Stunden lang. Aber cr'hsitt Rikelchens Hand in der seinen. Viele Stunden lang. Schließlich ließ die Reumütige sich an diesem Zeichen der Verbundenheit genügen, mehr noch: bankte Gust dafür. Denn wieviel weniger war das mildeste Wort, war selbst ^"^Noch^als^ie^sich'schlafen gelegt hatten, hielt Gust Rikelchens Hand, die immer wieder ins Zittern zu fallen drohte, mit seiner Wie^*üb^ihre Verurteilung lachen könne?, fuhr der Rich- ^„Darüber freue ich mich nicht", antwortete Rikelchen, „son- dein--" , „ „Heraus nnt der Sprache! ^Sondern darüber, daß Gust bei mir bleibt." * Der Gesängnisdirektor hatte in der Tat Erbarmen mit Gust, der ohne seine Frau verlassen bastand wie ein kleines Kind, dem die Mutter abhanden gekommen ist. . hpnt Auf eigne Verantwortung wres er Gust und Nikelchen in dem überfüllten Stadtgesängnis eine gemeinsame Zelle an Da drau- kien während des Herbstes im Fahr des Unheils 1923 alles brun ter und darüber ging kümmerte sich kein Vorgesetzter, kein Untergebener um diesen Verstoß, der hinter Gefängn.smauern gegen eine Beamteninstruktion gemacht wurde. Als dann auch Gust wegen Ungebühr vor Gericht und Be- leidiauna ehrenwerter, in öffentlichen Diensten stehender Manner bis hinauf zur höchsten Spitze zu einer cmpftttbndjett ®efattgni8» strafe verurteilt war und die Frage nach seiner Beschäftigung antwortheischend dastand, schlug Nikelchen vor: man möge doch Gusts Schustertisch und Schusterhüker mit allem Zubehör aus den Baracken holen. Auf keine andre Weise werde er sich für die Ge- ananisleute so nützlich machen können wie vor seiner Schuster» -uqel Zumal wenn sie Gust bet der Schusterei hilfreich zur.Hand gehe Wa^siefrüher an der Hohen Straße, als ihnen d e Schuhe und Stiefel noch ins Haus gebracht wurden, ja unzählige Male getan hätte. , Der Gefängnisdirektor willigte ein. Am nächsten Tag saß Gust wieder auf seinem Schusterhüker. Nach einer Woche sagte Rikelchen des Abends, als er den Schusterhammer — befriedigt über bas Tun (eines Tages aus der Hand legen wollte, zu dem bis zum Gefängntsschuster Herabgesunkenen: „Eigentlich haben wir's gut! „Mmm", wich Gust einer Antwort aus. „Wir haben's warm. Wir bekommen zu essen. Wir haben wies mit dem Hammer nach dem vergitterten Fenster 6er Wenn man's nicht ansehen kann, ohne baß es ^uem wehtut", gab Rikelchen zur Antwort, „obwohl man dadurch nicht nur von der Welt abgesperrt, sondern auch vor ihr geschützt ist — aber wenn man's nicht sehen kann und mag, dann muß man nach der fndern Seite blicken. Uebrigens scheint auch durch vergittertes Fenster die Sonne. Sieh nur deine Schusterkugel! Das Abendbrot hat sich draußen selbst auf der Hohen Straße nicht schöner darin spiegeln können als hier." Das" war ^dte^ial ein unverkennbarer Laut der Zustimmung. ^ttso"^lächelte Rikelchen ihn an, „sag es doch, wenn auch nur ein einziges Mal: Wie geht es uns?" ...., Da sagte Gust leise, unhörbar fast, aber für Nikelchen deutlich vernehmbar, mit einem wehen Lächeln, aber mit Lächeln. „Uns geit dat qaud." „ In dieser Nacht traf Gust der zweite Schlaganfalll So oft die Verstörte auch am andern Morgen „Gust rief — er konnte seinen Namen nicht mehr hören. Schließlich erkannte Rikelchen, was geschehen war, beugte n vor dem Schicksal, kniete an dem Lager des Toten nieder, faltete seine Hände, drückte ihm die Augen zu, küßte (eine erkalteten Lippen und sagte: „Schlaf gut, Gust — ftütof fdjlof Rikelchen blieb, als sie ihre Strafe verbüßt hatte, im Dienste des Gefängnisdirektors. , Sie half in der Küche, schälte Kartoffeln, betreute die vier Fungen ihres Dienstherrn, putzte Schuhe, flickte, stopfte, führte ^^Ueberall h"/'durfte ihr Herr Rikelchen schicken. Sic ging ohne Zittern an ihrem früheren Hanse in der Hohen Straße vorbei. Sie betrat ohne zu stocken, ihr Häuschen in den Baracken. Nur in die Ackerstraße setzte sie ihren Fuß nicht. Dorthin mußte, wenn ein Botengang zu einem ihrer Bewohner nötig war, der Gefängnisdirektor jemand andern schicken. Das Hans ihres Ruhestandes, in welchem es ihr dem Schein nach bester als auf der Sofien Straße, der Wahrheit nach so schlecht eraangen war rote nicht einmal während der Hungerjahre in den Baracken, wollte, konnte sie nicht wiedersehen. Fraate irgendwer auf der Straße, in einem.Laden die hurtig ihres Weges Dahinschreitende: „Rikelchen, wo geit't?" so antwortete sie: „Uns geht es gut." Uns! Niemals: mir. Denn bei allem, was sie suhlte, dachte, sagte, schloß Rikelchen Gnst ein. Wie also nicht auch bei dieser Antwort! Oder konnte es einem Menschen bester gehen als Gust? Der — wie seine Mutter — mit einem Freudenwort aus dem Leben geschieben war. Der Frieden gefunden hatte. Fenen Frieden, nach dem auch sie sich von Tag zu Tag tiefer sehnte. Als die Stunde sichtbar wurde, in der sich dieser Friedenswunsch Rikelchens erfüllen sollte, lag sie mit einem Lächeln auf ihrem letzten Lager. Fn der Nacht starb Rikelchen. Ihr letzter Hauch formte sich zu einem Ruf des Glückes. Der hieß: „Gust —!"