Jahrgang (955 Freitag, den 51. März EietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger _______ ■■ Nummer 25 Oie Amseln. Von Max Dauthendey. —- Die Amseln haben Sonne getrunken. Aus allen Gärten strahlen die Lieder, In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden zu Gärten Und blühen wieder. Nun wachsen der Erde die großen Flügel, Und allen Träumen neues Gefieder, Alle Menschen werden wie Vögel Und bauen Nester im Blauen. Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge, Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, In allen Seelen badet die Sonne, Alle Wasser stehen in Flammen, Frühling bringt Wasser und Feuer Liebend zusammen. Ein Meteor fällt vom Himmel. Erzählung von Hartmut B a st i a n. Mit fassungslosem Staunen standen die sibirischen Bauern um den Trichter in der Erde herum, den eine fremde Gewalt kraterglcich in den Boden des Urwaldes hineingedrückt hatte. Wie die Faust eines riesigen Dämonen mußte diese Kraft gewirkt haben. Der Erdboden war Hunderte von Metern nach allen Seiten auseinandergerissen worden und bildete ringsumher einen hohen Wall, auf dem die Tungusen vorsichtig umherturnten. Eine große Anzahl von Baumstämmen war spurlos verschwunden, in den Waldboden förmlich hineingestampft worden. Viele andere im weiten Umkreis hatten nur noch verbrannte Stümpfe und ragten trostlos in die kalte Morgenluft hinein. Im nahen Unterholz und moosigen 2?cjen knisterte und schwelte mühsam Feuer. Niemand hatte es entzündet. Es mußte vom Himmel gefallen fein wie der schwarze Riesenblock selbst, der träge und wuchtig wie ein legendenhaftes Untier In dem tiefen Loch ruhte. Die kleine Fjokla stand mit staunenden Augen und weit aufgerissenem Munde unter den Neugierigen. Marsew, der Jäger, stand hinter ihr und legte seine Hand, schwer wie eine Bärentatze, schützend auf ihre bepelzte Schulter. Fjokla war die einzige, die den rätselhaften Vorfall, dessen Folgen sie hier sahen, gestern abend beobachtet hatte. Sie war aus dem Heimweg gewesen, vielleicht noch eine Stunde vom Dorfe entfernt. Die lichte, allmählich in die baumlose Steppe übergehende Taiga schlief müde im ersten Frost des herannahenden Winters. Das verfilzte Gestrüpp und Unterholz, in dem nur spärlich verstreut Bauminfeln wurzelten, war selten so hoch, daß Fjokla nicht darüber hinwegsehen konnte. Fröstelnd war sie neben dem zottigen Ponygespann hergelaufen, die Seine lose über den Arm gehängt, die Hände in die Aermel ihres Pelzes vergraben, Uuk, den Hund, müde mit hängender Rute neben sich. Und da war es plötzlich geschehen. * Die kleine Fjokla wußte später nicht mehr recht, wie es denn eigentlich geschah. Sie hatte einen Stern gesehen, einen Stern wie viele andere, nur daß er sich auf einmal bewegte, bann still zu stehen schien und sich lautlos teilte, in grüne, rote und gelbe Sterne. Während die anderen erloschen, kam der gelbe näher, mit furchtbarer, angstvoller Schnelligkeit. Er wurde groß, rielengroß und weiß. Ein Getöse Hub an, taghell wurde es, ein glühender Windstoß streifte über sie hinweg — dann stürzte der Himmelsbote dort drüben in Die Taiga hinein, da, wo die Bäume noch in urwaldhafter Dichte standen. Ein sprühender Funkenregen tanzte über den Gipfeln, Donnerrollen erzitterte die Lust, der Boden dröhnte wie von einem gewaltsamen Stoß. Rasende Windstöße bogen die Pappeln und spielten mit den dünnen Weidenzweigen, daß sie flatterten wie Frauenhaar. Das Gestrüpp glich einem Wellenmeer. Dann wurde es wieder dunkel, und Fjokla, geblendet von der Helligkeit, sah nichts mehr. Puk hatte sich winselnd unter dem niedrigen Wägelchen verkrochen, das bedenklich hin und her kantete, well die Pferde scheuten. Aber Fjokla war schnell zur Besinnung gekommen. Mit einem Sprung war sie auf dem Wagen, packte die Leine fest mit der kleinen, nervigen Faust und jagte, die Peitsche in der anderen Hand, die ängstlichen Tiere hinunter ins Dorf. Hier war es schon lebendig geworden. Das dumpfe Dröhnen hatte die Bauern aus den Hütten getrieben. Fjokla war im Nu umringt, als ' fte vom Wagen sprang. Hastig, abgerissen, mit armseligen, primitiven Ausdrücken erzählte sie. Immer neue Menschen tarnen hinzu und Fjokla erzählte zwei-, dreimal. Dabei fiel ihr immer wieder Neues ein. Das ganze Dorf war auf den Beinen und scharte sich um die Erzählerin. UeberaU hörte man Ausrufe des Staunens und sah gespannte und bedenkliche Gesichter. Nur der Schamane, ein alter Mann mit lederner Gesichtshaut und häßlichen, geschlitzten Augen, schien ihr nicht recht Glauben zu schenken. Aber es war allgemein bekannt, daß er Fjokla nicht leiden konnte. Er haßte ihre blauen Augen und das kastanienbraune Haar. Er haßte ihre intelligente Lebhaftigkeit und Wißbegierde. Fjoklas Mutter allein wußte, daß er es der Tochter niemals vergeben würde, daß sie einen fremdländischen Mann statt eines Tungusen zum Vater hatte. So hörte man auch jetzt nicht recht auf die Einwürfe des Schamanen und ließ die Kleine zu Ende berichten. — Die ganze Nacht über war das Dorf wach. Scheu erging man sich in ollen nur möglichen Vermutungen Daß dieses einzigartig dastehende Ereignis etwas zu bedeuten habe, war selbstverständlich. — Nur wenige beherzte Männer, unter ihnen Marsew, der Jäger, der diese Nacht als Gast im Dorfe verbrachte, drangen ein Stück in die Taiga ein, über der wie ein riesiges Waldbrandzeichen glühende Nebel wogten. — Erst mit dem herausbrechenden, kalten Morgen verblaßte das Leuchten, und als die aufgehende Sonne Tageshelle über die Taiga breitete, drang alles vorsichtig und neugierig in die Waldungen ein. Wiederum war Fjokla die erste, die, begleitet von dem Jäger, den verwüsteten und verkohlten Schauplatz des Ereignisses fand. Ihre lauten Rufe wiesen den anderen den Weg. Da standen sie nun mit abergläubischem Staunen und hörten die Reden des Schamanen, der tm Mittelpunkt stand. „Das hat Böses zu bedeuten", orakelte der Alte. „Als vor vielen, vielen Jahren dort oben bei unseren Brüdern in der Tundra das große Renntiersterben einsetzte, war auch zuvor ein Stein vom Himmel gefallen und aus meiner Jugend kenne ich einen Fall, wo Feuer vom Himmel fiel. Hernach gab's eine große Hungersnot und Tausende starben." Fjokla widersprach trotzig. „Warum, Väterchen, muß so ein Stein immer Unglück bringen? Ich meine, es ist ebenso gut möglich, daß er Glück bringt." „Du bist ein unartiges Kind, Fjokla, und hast keine Achtung vor dem Alter." Bestürzt schwieg die Kleine, und auch die anderen Männer, bei denen in solchen Momenten der alte Heidenglaube durchbrach, warfen unmutige Blicke auf die Vorwitzige. Nur Marfew nahm ihre Partei. „Pack dich, Schamane, du weißt, daß deine Zauverei verboten ist. — Und laß mir die Fjokla in Ruhe." Der Jäger war als stark und gewalttätig bekannt, und alle wußten, daß er Fjokla liebte. Wäre sie nicht zu jung gewesen, hätte er sie längst in feine Jurte geführt. So sagte auch jetzt niemand etwas, als er ohne Entgegnung des Schamanen fortging. Es vergingen Wochen und Monate. Der Winter ging vorüber. Aber niemand hatte den Stein vergessen. Nichts Böses hatte sich bisher ereignet. Weder fRenntierfterben bei den Samojeden, noch eine Seuche, die die Hütten der Tungusen heimsuchte. — Fjokla frohlockte. Oft saß sie mit Marsew am Rande des tiefen Kraters im Walde und träumte vor sich hin. Eine feltfame Sehnsucht, eine merkwürdige Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal beschlich Fjokla dann. Mühsam versuchte sie, den regen Vorstellungen ihrer Phantasie Ausdruck zu geben. Meist hinderte sie hieran der beschränkte Wortschatz ihrer Svrache. Marsew hörte ihren Ausführungen geduldig zu, obgleich sie manchmal für ihn viel Unverständliches zusammenträumte und lachte. Fjokla liebte ihn deshalb. Er war der einzige, dem sie ihr ganzes Sehnen und Empfinden anvertrauen konnte. Von den gleichaltrigen Mädchen verstand sie keine. Sie lachten höchstens über sie. Eigenartig nur, wie fremd ihr diese Menschen waren, obgleich sie doch zu ihnen gehörte. — * Inzwischen waren Männer bis nach Jakutsk am Lena heruntergekommen. Sie hatte das Himmelsereignis, das die Taiga betroffen hatte, in allen Einzelheiten erzählt. Der Diftriktsvorsteher hatte daraufhin einen langen Brief geschrieben und ihn zur nächsten Eisenbahnstation geschickt. Das war vorläufig alles. — Wieder ging der Sommer zu Ende und wieder vereiste ein grimmiger Winter alles Leben in den Ungeheuern Oedländern Sibiriens. — Im kommenden Frühjahr wurde Fjokla sechzehn Jahre alt. Marsew warb nun ernsthaft um sie, und obgleich Fjokla wußte, daß sie und ihre Mutter nie nein sagen würden, zögerte sie mit dem Entschluß. Der Stein, der vom Himmel gefallen war, hatte bisher noch kein besonderes Ereignis als sichtbares Zeichen irgendeiner schicksalshafien Macht nach sich gezogen. Man begann bereits (aut über den Schamanen zu spötteln. Desto mehr wartete Fjokla auf ein Zeichen, auf etwas Besonderes, das ihrem jungen Dieser lag tarn. Wahrend zwei der Männer mit einigen anderen die Wagen beluden, sahen der dritte und die Frau am Tisch in der Hütte, Fsokla sah mit dabei und lieh die Augen unaushörlich von einem zum andern schweifen, als wollte sie von der Mundstellung der Sprechenden aus die gesprochene Worte schlichen, Dah man von ihr sprach, merkte sie, „Ein eigenartiger Typ, diese Kleine", meinte der Professor, „Sehr hübsch, nicht wahr, Fräulein Doktor? Selbst für unsere Begriffe, Ich halte sie auf keinen Fall für eine Vollbluttungusin." „Vielleicht ist sie die Tochter eines Gefangenen „Das ist wahrscheinlich. Wie alt mag sie sein? Fünfzehn, sechzehn. Sie war lieb zu uns. Ich habe sie photographiert während sie erstaunt unserer Sprengung zusah. Das Bild gebe ich ihr kurz bevor wir fahren. Sie wird Augen machen „Unb von mir bekommt sic diese Halskette, die sie so sehr bewunderte,' „Das ist nett von Ihnen, So hat sic wenigstens Andenken an die einzigen Stadtmenschen, die sie in ihrem ganzen Leben jemals zu Gesicht bekommen hat. — Du, kleine Fjokla, willst du mit uns kommen?" „Aber Herr Professor, machen Sie der Kleinen nicht Hoffnungen, die Sic nicht..." „Sie versteht mich ja gar nicht. Sehen Sic nur, sie schüttelt den Kops. Sic würde bestimmt „Ja" nicken, wenn sie mich verstanden hatte. — Uebrigens, halten Sie das Experiment für io absurd? Ich sage Ihnen, dah ich in zwei Jahren aus der Kleinen eine vollendete Dame mache. Leben irgendeine Wendung geben muhte. Ihre Mutter schalt sie häufig, und der Alte hackte mit Vorliebe auf ihr herum — m?nn,hnhpn ber (Fines Taues der Frühling hatte inzwischen den Moosboden oer Stevve aufgetaut und die alten, filzigen Urwälder mit frischem ®ruu überhaucht erlebte das weltabgeschiedene sibirische Dorf ein neues Wunder Auf mehreren Wagen rollten fremde Menschen heran. Keine stammverwandten Sibirier aus dem Norden oder Osten, sondern gary sremde, anders aussehende Menschen. Alle liefen herbei, um dieses noch nie da- aewejene Ereignis zu bestaunen. Es waren drei Männer und eine Frau, begleitet von dem Distriktvorsteher aus Jakutsk und zwei Fuhrleuten. 9 Sic wollen den Stein sehen, der im vorigen Jahr vom Himmel gefallen ist und werden einige Tage hierbleiben . verdolmetschte Distriktsgewaltige dem wortführenden Schamanen. Sie luden viele, seltsame Geräte aus und richteten sich in her größten Hütte zum Wohnen ein Dann fragten sie in einer unbekannten spräche nach dem h'wmlischen Ereignis unb als der Vorsteher das Verlangen nach einem genauen Bericht ^übersetzte, stürzte man von allen Seiten auf ihn los. Jeder glaubte es am besten zu wissen. Nur die, welche es am genauesten wußte, Sjofla, stand still abseits und starrte in tiefes Sinnen versunken aus d'eFrem- ben. Sie war einmal vor zwei Jahren in Jakutsk gewesen. Dort hatte sie Marsew, den sie ba kennenlernte, in bas Wanberkino mitgenommen. Es war ein unangenehmer Ausenthalt in einer elenden Bretterbude g - wesen, in der die Leute gepfercht auf schmalen Banken fa&en. aber der Abend war Fjokla unvergeßlich. Viele hasten gelacht, unverständlich gelacht. Fjokla nicht. Sie hatte sonderbare Dinge ZU sehen bekommen. Menschen, von deren Existenz sie keine Ahnung hatte, Städte und Wohnungen, Landschaften und Fahrzeuge, die unglaubhaft wirkten wie em Wörchem Die Handlung hatte sie nicht verstanden. Sie konnte nicht lesenunb auch dann wäre das alles wohl zu wirr und sremd gewesen, um Verstehen in ihrem Gehirn wachzurufen. Aber die Menschen hasteten in ihrem Gedächtnis. Sie sahen genau so aus wie jene, die hier in der Hütte um den Tisch herum sahen. Sie trugen die gleiche, seine Kleidung, waren gepflegt und sauber. Und die Frau — sie hatte das gleiche helle Haar wie die aus der weißen Wand in Jakutsk, trug den schlanken Körper m lichte Seide gehüllt wie jene, lächelte wunderbar schön und hatte gütige, blaue Augen wie Fjokla. * Und plötzlich sand der kleine sibirische Mischling eine Deutung sür all ba6 Sehnem das ihn quälte, für (ein Träumen und Sinnen in bie Fremde. Die Welt war nicht zu Ende da oben am ewigen Eismeer oder im Süden bei den qelbhäutiqen Mongolen, Sie mußte viel, viel großer fein und merkwürdig aussehen, so wie die Bilder in der Bretterbude zu Jakutsk. Und sie wollte da hin, heraus aus den Hütten und Jurten der Steppe, hinrocq von den croig gleichen 2eden der Taiga und Nenntiere denen, fort — mit diesen Menschen zusammen. Das also war die Bedeutung des Meines gewesen, der vom Himmel fiel, daß er Fjokla bieie Menschen schickte die sie erlösen konnten von dem Alpdruck einer nie verstandenen, unterbewußten Sehnsucht. Sie sühlte sich verwandt mit diesen Leuten, die ein Ruf des Himmels in diesen entlegenen Winkel der Erde gelockt hatte. Der Uebcrschwang eines rauschhaft aussteigenden Glucksgefuhls drängte sie dazu, die Fremden anzureden, sie um Hilse zu bitten — aber als man Fjokla an den Tisch holte, um sie etwas über den tfau des Steines berichten zu lassen, konnte sie kein Wort über die Lippen bringen. Einmal wagte sich Fjokla an den Distriktsvorsteher heran und fragte ihn geheimnisvoll, ob die Fremden sie wohl mitnehmen wurden. Der Vorsteher wollte ihr erst eine barsche Antwort geben, aber als er in die großen, fragenden Kinderaugen blickte, fühlte er so etwas wie Rührung. Ruhig setzte er ihr auseinander, dah das nicht ginge. Ganz nüchtern versuchte er ihr zu erklären, dah diese Leute weder von Gott noch vom Schicksal, sondern von der Regierung hergeschickt worden seien, und, dah sie nur genaue Kenntnis über den vom Himmel gesallcnen Stein, nicht aber kleine Mädchen mit großen dummen Träumen mitzunehmen gedächten. Dann gab er Fjokla einen freundschaftlichen Klaps und ließ die Bestürzte allein. Zu Marscw aber jagte er: „Gib acht, Jäger, daß dir die Fjokla nicht durchgeht. Du würdest in ihr die klügste und hübscheste «rau im weiten Umkreis verlieren." Und Marsew beobachtete jeden Schritt, den bie Kleine tat. Dabei konnte ihm, bem Vertrauten Fjoklas, nicht die Ursache ihres veränderten Wesens entgehen, das die sonst immer Heitere und Lebhafte zur «chau trug. Er wurde knurrig und feindselig gegen die Fremden, und wünschte den Tag herbei, an dem sie abreisen würden. — Die Idee wäre gar nicht mal neu und basiert aus der Tatsache, daß sich eine Frau leicht veränderten sozialen und kulturellen Lebensdebingungen anpaßtz ohne Unterschied der Rasse. In Hollywood filmen Chinesinnen, Indianerinnen, Negerinnen und bewegen sich nut der vollendecen Sicherheit einer Dame von Welt. Warum nicht auch eine Tungustn? Aber — bas Experiment ist teuer, und die Regierung bezahlt mich dafür, daß ich den Meteorsall untersuche, nicht daß ich Sterne für Hollywood entdecke. Das war für den Astronomen der Schlußstrich unter diese Gedankenreihe. Fjokla hatte in ängstlicher Spannung den Wortwechsel verfolgt. Der Professor irrte, wenn er glaubte, daß sie ihn nicht verstand. Mit bem wunderbaren Instinkt einer Frau ahnte Sjotla, daß der fremde Mann ähnliche Worte sprach wie der Dlstriktsvorsteher aus Jakutsk. Sie hatte in der letzten Nacht wenig geschlafen und viel uber ihre Wne aedacht. Der Schamane hatte recht behalten. Der Stein hatte doch Unglück nebradjt, indem er Fjoklas kleines Herz mit Sehnsüchten belastete, die nicht zu erfüllen waren. Obgleich sie bas Unmögliche ihres Trachtens nicht ganz einsah, genügte doch das „Nein" zweier solchen Manner, um in der gläubigen Kleinen den Lerzichtentschluß reisen zu las en. Sie würde eben die Frau des Jägers werden, etwas, um das viele Mädchen sie beneideten. Marscw hatte eine schöne Jurte. Keine einfache wie die anderen, sondern wunderhübsch mit bunten Stickereien verziert und mit Teppichen ausgelegt. Er kam weit herum und wurde sie ja sicher wieder einmal mitnehmen, nach Jakutsk vielleicht, wo sie wieder die Bilder aus der weißen Wand sehen konnte, um noch einmal cm wenig zu träumen — von dem Stein, der vorn Himmel gefallen war. — Der Tag an dem die Fremden wieder abzogen, brachte das ganze Dorf in Aufregung. Die Gäste waren freigebig. Sie hatten sich für Die freundliche Ülufnahme durch kleine Geschenke erkenntlich gezeigt Selbst Mar ew lachte versöhnlich, als er der Frau aus den Wagen halst In Hellen Hausen begleitete man die Scheidenden noch em Stuck durch die Taiga. Nach und nach blieben immer mehr zurück. Fjokla und Marsew waren die letzten, die den Fremden die Hände druckten. Lange standen sie noch und schauten von der Anhöhe aus den Wagen nach, die langsam in ber Ferne ver chwanden. Dann traten auch sie den Ruckweg an. Erst mit hereinbrechender Dämmerung erreichten sie das Dorf, wo sie lärmende Freude empfing. . . Fjokla war an diesem Abend die einzige, die weinte. Go wohnt Neuyork. Von Anna Tizia L e i t t ch. „Pent-houses", das Teuerste in Neuyorks Wohnungskultur, von Gärten umgebene Landhäuschen über den Dächern der Stadt jroet’ und dreistöckige Apartements (genannt Duplex und Tnplex), irgendwo zwischen Himmel und Erde in einem der riesigen Zmshauspalazzi, in benen ich mich zwischen Kaminen, importierten und täuschend nachgemachten Stieqengelänbern, Viktorianischen Cosas und Heppelwalthe-Kommo- ben wie in einem englischen Landhaus sichten darf ^vrmwohnungen, bie sonnedurchströmt von vier Seiten, heiter, gelassen und kühn über bem Motorwahnsinn der Fünften Avenue schweben — Studioapartements im 300. Stock, mit großen, weiß getünchten Terrassen mit dem Blick auf den stolzen Lustschiffmast des Empire State-@ebaubes (102 Stockwerke hoch) unb bie aquamarinblaue Fläche des herrlichen Hafens, der nach allen Richtungen durchpflügt ist von geschäftigen Schissen, die sich von hier oben aus wie Spielzeuge ausnehmen — alte, breitspurige, bunreb ziegelrote Herrenhäuser mit pastosen Stukkoplasonds unb prätentio(en Stiegenaufgängen, verblaßter Glanz aus den reichen neunziger Jahren... All dies unb noch viel mehr gehört mir biefen Monat. Mir, uns allen... Denn am 1. Oktober zieht Neuyork, biese nomabenhasteste aller Stabte, um Seit Wochen toben bie Reklamechefs ber ©cbäubemafler mit ihren schönsten Tiraben, ihren lockendsten Anpreisungen, überbieten einander in Ermäßigungen: „Acht glückliche Familien werden in diesem ^yause Geld sparen"; „Sparen Sie auf elegante Weise, indem Sie zu uns kommen"; „Wohnen Sie erstklassig für weniger Geld"; Lasten Sie hier Ihre gesellschaftliche Stellung steigen, während Ihre Ausgaben fallen. Gan; Neuyork ist eingeladen zu kommen, zu schauen, sich überzeugen zu lassen. Unb ganz Neuyork kommt. Die Amerikaner stnb Illusionisten. Sie lasten sich besitzfrühlich von ben Lists auf unb ab fuhren; {je mögen nicht mehr als hunbert Dollar in ber Woche Haden, aber sie lasten sich Wohnungen zeigen, bie breihigtaufenb im Jahre kosten. Denn in ben Augenblicken, ba sie in bem-Apartement stehen, gehört es ihnen. Unb • wer weiß („bie Prosperität steht ja hinter ber nächsten Ecke") — morgen können auch sie bies vielleicht alles leisten. „Das wäre für 7200 Dollar zu haben. Aber ich will es Ihnen für iedisliunbert monatlich lassen, bannt Sie sehen, wie ich Ihnen entgegen- kommen." Der Gentleman in bem gutgeschnittenen grauen Sakko sagt es, nach einem Blick auf Mabarns Zobelstola: Nun ja, ber Zobel ist prachtvoll ber stammt noch aus einer anberen Zeit; er mag wohl sechshunbert Dollar monatlichen Zins als keinesfalls extravagant erscheinen lasten. Aber sechshunbert heute... Mabam weist jetzt ben Gebauten an Gelb zurück. Ihr Blick streisk über ben Rasen, bie Hecke aus blauen Kiefern neben bem gußeisernen Gitter, bie Laube in der Ecke; liebkosend läuft er bie eseuumwachsenen Wänbe bes zweistöckigen Häuschens empor, sechs Zunmer, brei Badezimmer, zwei Kamine, englische Halle. Reizend; wie wunderbar konnte sie es für George einrichten — das Ostzimmer zum Beispiel — und das Frühstück hier auf der Terrasse, abends Gäste „im Der gewandte und so ausgezeichnet aussehende Gentleman scheint ihre Träumerei für Zögern zu halten. Er tritt ihr näher. Er tut einen tiefen Atemzug, um das Parfüm zu.prüfen, bas Madam trägt. Er ist befriedigt, das Parfüm ist gut. Wenn man „renting agent" (Miete-werdender Beamter) eines großen Apartcrnenthauses ist, kennt man sich nicht nur in Pelzen, sondern auch in Parfüms aus. „Beurteilen Sie doch bloß bie Aussicht", fährt er fort und legt sex appeal in feine Stimme — nicht zuviel, denn Madam ist ganz offenbar nicht von der Art — „es gibt 1 keine schönere in Neuyork". Madam weiß, daß er recht hat. Jenseits der kleinen Kiefernhecke liegt die Welt gebändigt zu ihren Füßen, denn dies ist ein „Pent-house" aus dem Dach eines Wolkenkratzers. Sie ahnt die Schluchten der Riesenstadt, aber sie sieht sie nicht. Die Straße mit ihrem Getöse, ihrem Staub und ihrer Unruhe ist anderthalb Minuten weit entfernt — anderthalb Minuten senkrechter Expreßsahrt — aber hier oben kann sie ebenso gut meilenweit sein. Sie ist nicht vorhanden; sie ist überwunden. Sechshundert Dollar denkt Madam, und ihr Herz klopft; wie hätte sie vor zwei Jahren darüber gelacht! Damals wohnten sie in einer dreistöckigen Wohnung, sür die George 20 000 Dollar jährlich zahlte. * „Wallstreet ist fünfzehn Minuten entfernt", fährt der angenehme Herr fort. „Ich fehe, daß Ihnen die Sache gefällt. Kein Wunder. Und weil es Ihnen so gut gefällt, will ich Ihnen etwas sagen. Ziehen Sie ein und wohnen Sie, falls es Ihnen jetzt schwer fällt zu zahlen, sechs Monate hier u m s o n st. Wir laden Sie ein. Dafür unterschreibt der Herr Gemahl einen dreijährigen Vertrag für siebentausend. Wie finden Sie das? We give it to you for a song — Wir schenken es für ein Lied weg. Denn was wir wollen, find Leute wie Sie, sehen Sie." Madam reißt sich mit einem Ruck in die Wirklichkeit zurück. „Ich muß es mit meinem Mann besprechen. Ich werde Sie. anrufen." Der Herr verbeugt sich: „Wie Sie wünschen, Gnädige." Er begleitet sie hinunter und bis vors Tor, dann finkt er in seinem Büro in einen Stuhl. Bon seinem Gesicht ist die Maske der liebenswürdigen Zuversichtlichkeit gefallen, er sieht um zehn Jahre älter aus. Das Telephon klingelt. „Ach, du bist's, Mary. Nichts. Nichts. Es könnte nicht schlechter gehen. Dabei umhergetrieben wie der ewige Jude. Aber die Weiber gehen ja nur spazieren; sie benützen einen als Fremdenführer; Wohnungen ansehen ist eine Unterhaltung, die heute populär ist, weil sie nichts kostet." Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Arme Mary. Wenn sie wüßte, daß er heute abend entlassen werden wird, wenn er nicht wenigstens eines der teueren Apartements vermieten kann. Er hängt auf. Zwei Damen stehen vor ihm. „Wir möchten Ihre Acht-Zimmerwohnungen sehen, und haben Sie auch —" Alle Geschäfte liegen danieder — mit Ausnahme der Fünf-Cent-Eis- creme- und der Fünf-Cent-Schokoladenstangenfabrikation — aber es gibt wahrscheinlich keines, das so bankrott ist wie das Geschäft des Hauseigen- tümer-feins. Ungefähr zwei Jahr vor dem Krach, hoch oben auf der Welle der „prosperity“, hatte sich Neuyork in eine Bauwut sondergleichen gestürzt. Straßenreihen von tausensenstrigen, weißschimmernden Äparte- menthäusern, vierzig, sünfzig, sechzig Stockwerke hoch, schossen über Nacht empor; wuchsen immerfort neu hinzu, wie aus einer gigantischen Fabrik vertragsmäßig am laufenden Band geliefert. Wuchsen auch noch weiter, als die fertigen zur Hälfte oder zu drei Vierteln leer blieben und der Krach und die Depression die Leute zum Sparen zwang. Hinter dem Wahnsinn stand die amerikanische Ueberzeugung, daß man die „Prosperity" erzwingen könnte, wenn man bloß ihr Gegenteil nicht anerkennt. Endlich aber mußte man diesem ins Gesicht sehen. Die Folge war, daß sich ein entsetzlicher Katzenjammer auf die stolzen Mauerfronten senkte, die ragenden Türme, die Terrassengärten, die großen blnmen-, bäume- und springbrunnengeschmückten Höse in spanischer Art, die gleich Dachhäusern und Türmen die Brandung der Stadt bannen. Sie standen alle leer, blind, stumm; dunkel am Abend. Sie stehen auch jetzt leer. Wie Kathedralen übermütigen Reichtums flankieren sie den großen Zentralpark. Abends flammen ihre vielkerzigen Turmlichter in die unter- gehende Sonne, die sie rötlich umhaucht, als wären sie Dolomitenberge am Rande des Waldes. * Innen bieten sie in der Vielfältigkeit ihrer Wohnungen Märchen an großstädtischem Komfort — nicht an Schönheit, denn sie tragen alle das unästhetische Kainszeichen der Hast an sich und haben alle zu niedrige Plafonds. Je nach dem Stadtviertel, in dem sie sich befinden — ist doch in keiner Stadt die Adresse so bedeutsam und wichtig wie in Neuyork, denn sie verrät nicht nur soziale Stellung, finanzielle Verhältnisse, sondern auch oft Beruf und Rasse — je nachdem also, in welchem Stadtteil das Haus steht, wird die Wohnung teurer ober weniger teurer sein, jedenfalls aber dieses Jahr fo wohlfeil wie nie zuvor. Die Hausverwaltungen find zu jedem Opfer bereit, das ihnen einen Mieter bringt, und um sich einen zu erhalten, taffen sie ihn oft umsonst oder zu lächerlichen Preifen wohnen. Für 75 Dollar monatlich kann ich mich als Junggeselle in einer besseren — nicht der besten — Gegend in einem solchen Palazzo ein« mieten, in einem Siudio-Aparternent mit eingebautem, das heißt tagsüber in der Wand verborgenem Bett, Frigidaire, Kleinküche, Dienst- auszug, der meine Milch, meine Zeitung und mein Frühstück aus dem Restaurant im Keller bringt; Heizung und heißes Wasser ist immer inbegriffen. Von 75 bis 30 000 Dollar gibt es dann alle Zwischenstufen. Weih behandschuhte Lakaien bedienen den Aufzug, Teppiche bedecken die Korridore, Badezimmer sind nach den neuesten ästhetischen Ideen der Innenarchitektur in üppigen oder romantischen Farbentönen ausgeführt. Ihre Zahl ist immer verblüffend. Sechs Zimmer mit drei, acht Zimmer mit sechs Badezimmern! Es ist ein wahres Wunder, daß eine Einzimmerwohnung sich doch nur mit einem einzigen Badezimmer begnügt. Der Haushalt erledigt sich, wenn man will, mittels einer Reihe von elektrischen Druckknöpfen, die mir alles vor die Tür ober den Dienstaufzug hinaufliefern, was das Herz begehrt! Mahlzeiten für fo viel Gaste, als man will, ein Stubenmädchen, einen Diener für die Stunde ober ben Tag, einen Chauffeur, einen Botenjungen. Meist geht bas Gebäube auch mehrere Stockwerke tief in bie Erbe hinein. Hier befinden sich nicht nur Küchen und Restaurants, sondern auch Turn-, Fecht- und Tennishallen, und vor allem das Schwimmbassin, das ben Mietern frei zur Verfügung steht unb heute auch schon in den großen, klubartigen Gemeinschafts- häufern ein unentbehrlicher Bestandteil des Hauses ist, ebenso wie der „sky-garden", der gemeinschaftliche Dachgarten auf der Höhe. Jenseits dieser Supermetrovolis freilich wohnt man bedeutend billiger. Die Armenviertel Neuyorks, die „slums", gehören wohrfcheinlich zu den häßlichsten, die es gibt. Die verschiedenen Mittelklassen aber bis hinunter in die Arbeiterklasse zeigen heute die deutliche Neigung, der Stadt zu entfliehen und sich ein Häuschen am Rande von Neuyork ober in der Umgebung zu mieten ober zu taufen. 36,6 Prozent ber Bevölkerung bes Staates Neuyork finb nach bem letzten Cenfus Bewohner von Einfamilienhäusern. In ihrer ftanbarbifierten Eintönigkeit btlben bie wohlfeilsten dieser Häuschen keinen Schmuck der Landschaft. Aber sie erlauben einer Familie in einer Entfernung von 45 Minuten von Neuyork für fünfundfünfzig Dollar monatlich fünf Zimmer, Küche, Badezimmer, Veranda, Garten, Garage selbstherrlich zu bewohnen. Sie sind trotz ihrer unsäglichen Bescheidenheit das Parallelstück zu den 30 000-Dollar-Terrassen- unb Dachgartenwohnungen: Ein Zeichen des Selbsterhaltungstriebes einer in Beton eingefperrten Menschheit. Auf der Ltmversitäi. Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) Einigermaßen hinderlich — ich will es nicht leugnen — war es mir, daß feit ben Tanzstunden ber französische Schneider mich mit einer auffälligen Gunst beehrte. Wo er mir nur begegnete, auf Straßen ober Spazierwegen, suchte er mich zu stellen unb ein möglichst lautes und langes Gespräch mit mir anzuknüpfen. Schon das erstemal erzählte er mir, baß sein Großvater unter Louis seize Ofenheizer in den Tuilerien gewesen war. „Ja, Monsieur Philipp", sagte er mit einem Seufzer und präsentierte mir seine porzellanene Schnupftabaksdose, „so kann eine Familie herunterkommen! — — Aber meine Lore — Sie verstehen mich, Monsieur Philipp!" — Er zog ein buntgerofltfeltes Schnupftuch aus ber Tasche und trocknete sich bie kleinen, schwarzen Augen. „Was wollen Sie! Ich bin ein armer Kerl, aber das Kind--sie ist mein Bijou, der Abgott meines Herzens!" Und dabei blinzelte er und warf mir einen fo väterlichen Blick zu, als gedenke er auch mich in die heruntergekommene Familie aufzunehmen. Mittlerweile kam die letzte Tanzstunde heran, die zu einem kleinen Ball erweitert werden sollte. Die Eltern waren eingeladen, um uns tanzen zu sehen; von den meinigen hatte indessen nur meine Mutter jugefagt, mein Vater wurde durch seinen Berus als Arzt und Bezirksphysikus von jeder Geselligkeit fern gehalten. Da meine Ungeduld, sobald der Abend anbrach, mir keine Ruhe lieh, so trat ich schon vor der angefetzten Stunde in den 6aal, in welchem heute auf den Wandleuchtern und in den Glas- kronen alle Kerzen brannten. Als ich mich umblickte, bemerkte ich Lore ganz allein mit dem Rücken gegen mich an einem Fenster stehend. Bei dem Geräusch der zufallenden Tür schrak sie sichtlich zusammen, während sie mit Hast bemüht schien, einen goldenen Schmuck von ihrer Hand zu streifen. Als ich zu ihr getreten, sah ich, daß es ein Armband war, dessen Schloß sie vergeblich zu öffnen sich bemühte. „So laß doch sitzen, Lore!" sagte ich. „Es gehört nicht mein!" antwortete sie verlegen, „Jenni hat es hier vergessen." Die seine Blumenrosette von mattem, venezianischem Golde lag so schimmernd auf dem braunen, schlanken Handgelenk. „Es sollte bleiben, wo es ist", sagte ich leise. Lore schüttelte traurig den Kops; und ihre Finger begannen aufs neue, an dem Schloß zu nesteln. „Komm", sagte ich, „es geht ja nicht; ich will dir helfen!" — Ich fühlte die leichte Last ihrer schmalen Hand in der meinen; ich zögerte, meine Augen waren wie verzaubert. „Oh, bitte, geschwind!" bat sie. Mit niedergeschlagenen Augen, wie mit Blut übergoffen stand das Mädchen vor mir. Endlich (prang das Schloß auf, und Lore legte den goldenen Schmuck schweigend zwischen die Blumentöpfe auf die Fensterbank. Gleich darauf füllte sich der Saal. Auch Frau Beauregard hatte es sich nicht nehmen lassen, wenigstens als Aufwärterin an dem Ehrenfeste ihres Kindes teilzunehmen. In einer frisch gestärkten Haube, bald mit Kuchenkörbchen, bald mit einem großen Präsentierteller beloben, ging sie zwischen den Gästen ab und zu. — Endlich begannen die Musikanten aufzustreichen, deren heute vier an einem Tische saßen. Der alte Tanzmeister klopfte auf den Geigendeckel, und Lore reichte mir die Hand zur Mazurka. — Und, oh, wie tanzten wir! Wie sicher lag sie in meinem Arm, mit welcher Verachtung stampften die kleinen Füße den Boden! Auch mich riß es hin, als wenn ich von den Rhythmen der Musik getragen würde. Es war wie eine schmerzliche Leidenschaft; denn wir tanzten heute, vielleicht auf immer, zum letztenmal zusammen. Erst jetzt hatte ich bemerkt, daß Sore ein Kleid von leichtem, hell- geblümten Wollenstoff trug. Es war wie das vorige augenscheinlich aus der Garderobe ihrer Gönnerin hervorgegangen; denn auf der breiten Brust und bei den etwas fupferigen Wangen der Frau Bürgermeisterin hatten biefe farbigen Rofenbuketts im letzten Winter eine Art von komischer Berühmtheit erlangt; nun aber kam das zarte Muster zu seiner Geltung; bem frischen, braunen Mäbchenantlitz ftanb es wunderhübsch. Die Mazurka war getanzt; Lore ließ wieder ihr dunkles Köpfchen und die schlanken Arme sinken, und ich führte sie an ihren Platz. — Fritz und Charlotte, die ebenfalls abgetreten waren, faßen dicht daneben. In demselben Augenblick kam auch Frau Beauregard mit Tee unb Küchen; sie sprach nicht zu ihrer Tochter, sie warf nur einen lächelnden, stolzen Blick auf sie, als sie nach der vornehmen Dame auch ihr präsentieren durfte. Die kleine Gnädige hatte schon eine Weile beide mit der ihr eigentümlichen Lässigkeit gemustert. „Ihre Tochter ist ja heute sehr schön, Frau Beauregard!" sagte sie, während sie den Zucker in die Tasse fallen ließ. Die geschmeichelte Frau neigte sich verbindlich. „Gnädiges Fräulein, Frau Bürgermeisterin haben auch ausgeholfen." 2ld)' — darum auch! — die Rosenbuketts!" — Und sie ließ einen langen Blick über Lenore hingleiten. Diese wollte ihn erwidern, aber ihre Augen verdunkelten sich; ich sah, wie ein Paar Tränen ihr über die Wangen herabfielen. Charlotte f*ten dies nichts zu bemerken; ihre Aufmerksamkeit hatte sich nach der oFenstehenden -bür gerichtet, wo ich zu meinem Schrecken unter den ftöpfen der zu[a,auenden Dienstboten das gelbe Gesicht des französischen Schneiders auftauchen sah. Er drehte die Porzellandose in der Hand und blickte mit seinen schwarzen Augen freudestrahlend in den Saal hinein. „Ist das Ihr Vater, Mamsell Lore?" fragte Charlotte, indem sie mit dem Finger nach der Tür wies. Lenore blickte hin und fuhr zusammen. „Mutter!" rief sie und faßte wie unwillkürlich den Arm der noch vor uns beschäftigten Frau. Frau Beauregard, als nun auch sie ihren lebhaft gestikulierenden Eheherrn bemerkte, schien von dessen Anwesenheit keineswegs erbaut; aber sie nahm sich zusammen. „Er kommt aus der Herberge", sagte sie, „er will dich einmal tanzen sehen." Während Lore, der ich unwillkürlich folgte, sich der Tür genähert hatte, war schon der Bürgermeister zu ihrem Vater getreten und lud ihn ein, sich ein Glas Punsch im Saal gefallen zu lassen. Aber der Schneider war nicht zu bewegen. „Submissester Serviteur, Herr Bürgermeister!" sagte er, indem er mit einem Katzenbuckel noch einen Schritt weiter retirierte. „Wenn ich mein Großvater vom Hofe Ludwigs XVI. wäre! — So aber kenne ich meine Stellung." Als der Bürgermeister weggegangen, brachte Fritz ihm ein Glas an die Tür. „Wohl bekomm'?, Meister!" sagte er gutmütig. „Jetzt werde ich mit der Lore tanzen! die versteht's." Aber in demselben Augenblicke war auch der Schwarm der andern Knaben mit vollen Gläsern in der Hand herangekommen. Sie stießen mit ihm an, machten ihm [einen Katzenbuckel nach, den er ihnen jedesmal beim Anklingen zum besten gab, und ergingen sich in allerlei possenhaften Komplimenten. Lore stand, ohne sich zu rühren, und ließ kein Auge von ihrem Vater; aber ich hörte, wie ihre kleinen Zähne auseinander knirschten. Als die Musikanten wieder zu stimmen begannen, liefen die übrigen Knaben in den Saal zurück. Ich stand noch mit Lore an der Tür. „Ach, Monsieur Philipp", rief der Schneider, während er mir die Hand reichte, „lauter liebe, scharmante junge Herrn! Aber im Vertrauen — Sie und die Lore, Sie und die Lore, Monsieur Philipp!" Die kleinen, Shwarzen Augen richteten sich dabei mit bewundernder Zärtlichkeit auf ns Antlitz feines Kindes; wie aus unwiderstehlichem Antrieb streckte er feinen langen Arm in den Saal hinein und zog sie an feine Brust. ..Mein Kind, mon bijou!" flüsterte er. Und das Mädchen küßte ihn und warf ihre Arme mit leidenschaftlicher, schmerzlicher Zärtlichkeit um seinen Hals, während ihr feines Köfchen an seiner Schulter ruhte. Dann aber machte sie sich los und faßte feine Hände und sprach leise und eindringlich zu ihm. Ich verstand ihre Worte nicht; aber ich sah ihre Augen bittend auf die seinen gerichtet, und ihre kleine Hand, die mitunter, als wolle sie ihm ein Leid vergüten, zitternd über feine Hagern Wangen hinstrich. Zuerst schüttelte er lächelnd und wie ungläubig den Kopf; allmählich aber verschwand aus seinen Augen die freudestrahlende Sicherheit, womit er bisher seinen Platz behauptet hatte. „Ich weiß, ich weiß", murmelte er, „du liebst deinen armen, alten Vater!" Und als nun die Musik zum Conlretanz begann, drückte er seiner Tochter die Hand und ging stumm, und ohne auch nur einen Blick noch in den Saal hinein zu werfen, den langen Hausflur hinab. In diesem Augenblick kam Fritz und holte feine Dame. — Sie tanzte mit der gewohnten Sicherheit; nur war es nicht die sonstige sorglose Träumerei, als vielmehr eine graziöse Feierlichkeit, womit sie die Touren dieses Tanzes ausführte. Mitunter in den Pausen blickte sie wie versteinert vor sich hin, während sie mit beiden Händen ihr glänzend schwarzes Haar an den Schläfen zurückstrich. Die Scherze ihres Tänzers schienen ungehört ihrem Ohr vorbeizugehen. Mit dem Contretanz waren unsere einstudierten Tänze zu Ende; aber nicht unsere Tanzlust. Wir hatten noch Walzer, Schottisch und Galoppaden aus unfern Zettel; sogar einen Kotillon, wozu ich in Gedanken an Lore einen ausgesuchten Beitrag an Schleifen und frischen Blumensträußen geliefert hatte. Aber Lore war nicht mehr im Saal. Die andern Mädchen standen bei ihren Müttern und ließen sich von ihnen die verschobenen Schärpen und Haarbänder zurecht zupfen. Frau Beauregard kam eben mit neuen Erfrischungen zur Tür herein; sie hatte ihre Tochter nicht gesehen. Nun suchte ich Fritz. Er stand in der Ecke am Musikantentisch und füllte die leeren Gläser wieder. „Wo ist Lore?" fragte ich. „Ich weiß nicht", erwiderte er verdrießlich; „sie war verdammt einsilbig, mir hat fie’s nicht verraten." Ich zog ihn mit auf den Flur hinaus. Als wir an die Kammer kamen, worin die Gesellschaft ihre Mäntel abgelegt hatte, trat sie uns entgegen; sie hatte ihr Mäntelchen umgetan und ihr schwarzes Seidenkäppchen auf dem Kopfe. „Lore!" rief ich und suchte ihre Hand zu fassen; aber sie entzog sie mir und ging an uns vorbei. „Laß!" sagte sie kurz, „ich will nach Haus!" Einen Augenblick später hatte sie die schwere, nach der Straße führende Tür aufgerissen und sprang draußen an dem Eisengeländer die Steintreppe hinab; und als auch Fritz neben mir draußen auf den Fliesen stand, war sie schon weit drunten in der Straße, daß wir in der Dunkel- heite ihre leichte, flüchtige Gestalt nur kaum noch zu erkennen vermochten. „Laß fiel" sagte Fritz, „ober hast du Lust auf die Wilde-Gans-Iagd?" Ich hatte zwar die Lust; ich wußte aber nicht recht, wie ich es mit tfug beginnen sollte. — So kehrten wir denn in den Saal zurück. Frau Beauregard ging nach ihrer Wohnung; aber sie kehrte unverrichteter Sache wieder. Der Lore sei unwohl geworden, sagte sie; sie liege schon im Bett, der Vater sitze bei ihr. SDlir war nun der Rest des Abends verdorben; und als der Kotillon beginnen sollte, den ich mit Lore zu tanzen gedachte, schlich ich mich still und trübselig nach Hause. i Ans dem Mühlenkelch. Neujahr war vorüber. Schon längst hatte Ich mit der glatten Stahlsohle meiner holländischen Schlittschuhe geliebäugelt, nicht ohne eine kleine Verachtung gegen meine Kameraden, welche sich noch der hergebrachten, scharfkantigen Eisen zu bedienen pflegten. Aber erst jetzt war ein dauernder Frost eingetreten. Es war an einem Sonntagnachmittag; über dem Mühlenteich, einem mittelgroßen Landsee unweit der Stadt, lag ein glänzender Eisspiegel. Die halbe Einwohnerschaft versammelte sich draußen in der frischen Winterluft; von alt und jung, auf zweien und auf einem Schlittschuh, sogar auf einem untergebundenen Kalbsknöchlein, wurde die edle Kunst des Eislaufs geübt. — In der Nähe des Ufers waren Zelte aufgeschlagen, daneben auf dem Lande über fladernbem Feuer dampften die Kessel, mit deren Hilfe allerlei wärmendes Getränk verabreicht wurde. Hie und da sah man einen Schiebschlitten, in dem eine eingehüllte Mädchengestalt saß, aus dem Gewühl auf die freie Fläche hinausschießen; aber alle hielten sich am Rande des Sees; die Mitte mochte noch nicht geheuer scheinen. Ich schnallte meine Stahlschuhe unter und machte einen einsamen Lauf an dem Ufer entlang. — Als ich zurückkehrte, fand ich fast die ganze Gesellschaft unsrer Tanzstunde bei den Zelten versammelt; prüfend mit vorgestreckten Händen schritten die kleinen Damen in ihren neuen Weih- ' nachtsmänteln über die dort bereits ziemlich zerfahrene Eisdecke. Fritz, der schon abends zuvor feinen gelben Schlitten mit dem geschnitzten Hirschkopfe in der Mühle eingestellt hatte, war eben von einer Fahrt mit Fräulein Charlotte zurückgekehrt; und schon hatte eine andere unserer Tänzerinnen den Platz unter der prächtigen Tigerdecke eingenommen. Der Kavalier zögerte indessen noch und schien sich nach einem Gehilfen für den anstrengenden Damendienst umzusehen; aber ich schwenkte zeitig ab; denn weiterhin unter einer Gesellschaft von Frauen und Mädchen aus dem Handwerkerstände hatte ich Lenore Beauregard bemerkt, mit der ich feit jenem letzten Tanzabende nicht wieder zusammengetroffen war. Die jungen Dirnen ließen sich, eine nach der andern, von einem Lehrburschen unseres Haustischlers in einem leichten Schiebschlitten fahren, den ich sofort als den meines frühem Spielgenofsen Christoph erkannte. Auch seine Schwester bemerkte ich; er selbst war nicht dabei. Der Glanz des Eisspiegels mochte ihn weiter auf den See hinausgelockt haben; denn er war einer der besten Schlittschuhläufer unter den Knaben der Stadt. Ich schwärmte eine Zeitlang umher, unschlüssig, wie ich am manierlichsten ßenoren meine Dienste anbieten möchte; aber jedesmal, wenn ich mich näherte, wich sie sichtlich aus und verbarg sich zwischen den andern. „Lore ist an der Reihe!" hieß es; aber Lore wollte nicht. „Barthel muß erst einmal trinken", sagte sie und drückte dem Jungen etwas in die Hand. Ich hörte dies kaum, so hatte ich auch schon meinen Plan gefaßt. Als ginge mich alles nichts mehr an, lief ich so rasch wie möglich nach den > Zelten zu. Dicht davor wurde ich von Fritzens Mutter angerufen. „Philipp", sagte sie neckend und mit dem Daumen nach der Seite weisend, von wo ich hergekommen, „wenn du die Lenore wieder fangen willst — da ist fier Freilich will ich sie fangen t" rief ich und segelte vorbei. „Ja, ja; aber sie will nichts mehr wissen von euch jungen Herren!" Ich hörte nur noch aus der Ferne. Schon stand ich vor dem großen , Weinzelte; und als auch Barthel sich bald darauf einfand, hatte ich mit dem Opfer meiner ganzen Barschaft ein Glas Punsch und ein mit Wurst belegtes Butterbrot für ihn in Bereitschaft. „Laß dir's schmecken", sagte ich, indem ich beides vor ihn hinschob, „die Mädchen machen dir das Leben gar zu sauer." Der Junge aß und trank mit solchem Appetit, daß ich meinen Be- stechungsoersuch fortzusetzen wagte. „Wie wär' es, ■ Barthel, wenn ich dich einmal ablöste?" Er wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn und kaute ruhig weiter; nur mitunter, während ich ihm meine Verhaltungsregeln auseinandersetzte, nickte er zum Zeichen, daß er mich verstanden habe. । Als seine Mahlzeit beendigt war, kehrte er zu feiner Gesellschaft zurück; und bald darauf sah ich Lore, Ihr schwarzseidenes Pelzkäppchen auf dcm Kopf, die Hände in ihren kleinen Muff gesteckt, im Schlitten sitzen,' und Barthel steuerte langsam und schwerfällig am Rande des Sees dahin. — Als sie aus dem Menschengewühl heraus waren, fuhr ich unhörbar auf meinen ebenen Schlittschuhen hinterher. Noch ein paar Augenblicke; dann legte meine Hand sich auf den Schlitten, und der Bursche blieb zurück. Ich hätte aufjauchzen mögen; aber ich biß die Zähne zusammen; und fort wie auf Flügeln schoß das leichte Gefährt über die glänzende Eisfläche. „Barthel, du fliegst ja!" sagte Lore. Ich hielt ein wenig inne; ich fürchtete, mich verraten zu haben, und suchte, so gut es gehen wollte, das Scharren von Barthels rostigen Schlittschuhen nachzuahmen. Aber meine Besorgnis war unnötig. Lore steckte ihre Hände tiefer in den Muff und lehnte sich behaglich zurück, so daß das Pelzkäppchen fast auf meinem Arm ruhte. „Nur immer zu, Barthel!" sagte sie. Und Barthel ließ sich das nicht zweimal sagen. Schon hatten wir den Bereich der gewöhnlichen Schlittschuhläufer hinter uns gelassen; kein Lüftchen regte sich, das weiß bereifte Schilf, das sich weithin dem Ufer entlang zieht, glitzerte blendend in den schräg fallenden Sonnenstrahlen. Immer weiter ging es; wenn ich niederblickte, konnte ich die schlangenartigen Triebe des Aalkrautes unter der durchsichtigen Glasdecke erkennen. (Fortsetzung folgt.) erantwortllch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.