Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <955 Hreitag, den 30. Juni Nummer 49 Unter Sternen. Non Gottfried Keller. Wende dich, du kleiner Stern, Erdei wo ich lebe, Dich mein Aug, der Sonne fern, Sternenwörts sich Hebel Heilig ist die Sternenzeit, Oefsnet alle (Prüfte; Strahlende Unsterblichkeit Wandelt durch die Liiste. Mag die Sonne nun bislang Ändern Äonen scheinen, Hier fühl ich Zusammenhang Mit dein All und EinenI Höbe Lust, in dunklem Tal, Selber ungesehen, Durch den majestätschen Saal Atmend mitzugehen! Schwinge dich, o grünes Rund, In die Morgenröte! Scheidend rückwärts singt mein Mund Jubelnde Gebete! Der Traum des Doktor Rauffud. Erzählung von Wolfgang Goetz. Copyright 1933 by I. L. A., Wien. Das war ein erschrecklich schwarzer Bock, der sein Haupt mit den roten Hörnern ihm ins Gesicht hing und wie eine M'ul) blökte. Dies konnte nur der Alp sein, und Doktor Fausius mahnte sich stumm schreiend an, zu erwachen, was ihm auch scheinbar glückte. Freilich waren Nun viele Kröten, die zwischen seinen Füßen watschelten und hüpften und an seinen Beinen herausklommen, immer höher und immer dringlicher. Da merkte er wohl, dass der Böse ihn zum andern geneckt habe und stieß gewaltig wider die engen Wände des scheusniigen Traumes, also das; er erwachte, meinend, ihm klänge das Geblök der Kröten noch in den erschrockenen Ohren. Es war aber nur der Nachtwächter, der unten aus der Straße tutete und die elfte Stunde abrief. Der Doktor erhob sich und wanderte zu dem Wandschrank. Gottlob, da stand der Spiegel. Sein Angesicht war noch ein wenig verfallen und müde, aber er suhlte sich recht kregel, wiewohl die Lider etwas »erschwol» len aussahen. Erlaucht der Gras von Wertheim hatten einen Guten an« sichren lassen, einen Ketzerwein von Anno 17 noch, als die ekle Geschichte in Wittenberg ihren Ansang genommen hatte. Ein heilloses Glück, daß er den Spiegel noch rechtzeitig hier verschlossen hatte. Die Trunkenen verläßt der Genius nieinalen. Es hatte ein böses Aussehen gegeben, wenn sie heute das Glas im Zimmer gefunden hätten. Leßlich im Thüringifchen war ihm die Borstellung Über die Maßen geglückt, und kaum das Reisegeld war ihm geworden. Gestern aber hatte der Spiegel eine fatale Trübung. Es ist kein Berlaß auf die Leute. Der dumme Auerhahn hatte es gewiß recht gut machen wollen, hatte den Spiegel mit seinen Schmierfingern angefaßt und war dann weggelaufen, ohne mit dem Lappen zu pußen. Man muß alles selbst tun. Also hatte die anmutige Göttin Benns ein ganz verwaschen Bäuchlein gehabt. Des Grafen Erlaucht aber waren außer sich vor Wonne! er mochte wohl schon Ketzerwein vorher getrunken haben. Der Doktor gähnte und seufzte nicht allzusehr verwundert über den Lauf der Welt. Zu schlafen vermochte er setzt nicht mehr, allein was war zu beginnen? Er spürte wohl rechtschaffenen Hunger, doch hielt er es für dienlich, zu Mitternacht auf feinem Zimmer zu bleiben, da hatten bie Leute etwas zu reden, bie fein Licht brennen sahen. Er konnte aber zum Beispiel den Kaiser Nero auf bem Glas fertig malen. Noch mangelte Ole Deckscheibe mit bem Arm, ben der Römische herrscherlich ausstrecken mußte, vielleicht morgen fchon, wenn Erlaucht bei Laune wäre. Der Kaiser Nero bekam liebevoll schöne grüne Steine in seine Krone. Es war nun zu überlegen, ob man ihm vielleicht eine Perlenkette in ben krausen Bart flechten (olle; wahrhaftig, sie hatten bamals eine närrische Tracht. So mischte er Grau unb Grün für die Meerjuwelen unb blickte plötzlich sorgenvoll brein. Von biefem Nero sprach nun bie Welt immer noch, wenngleich er schon vor anberihalb Iahrtausenb sein arges Enbe gefunden hatte. Ob man wohl im Jahhre .3000 ...? Die Frage summte um ben Ma-, lenben wie eine bumme Fliege unb war nicht zu scheuchen. Für gewiß konnte man's eben nicht wissen. Sicher nur, baß bann nach bem Wittern berget Hutzelmännchen auch kein Hahn mehr krähen würbe. „Bassama", fluchte ber Doktor vor sich hin, wie er es in Krakau gelernt hatte, in Krakau, al» er noch ein Ibealist war unb wähnte, man könne sich bem Teufel verschreiben. Er lachte bitter. Zu Walpurgi» halte er ben Pakt vor bie Türe seines Zimmers gelegt, daß er ihn hole. Heut war Walpurgis, fiel ihm ein, unb morgen also, morgen um fünf Uhr jährte sich bie fürchterlichste Enttäuschung seine» Lebens. Zitternder Knie war er zur Tür geschlichen, gewärtig, die Spur de» Bockssuße» zu slitben. Ach, nicht doch, traut unb freundlich lachte ihm sein Pakt entgegen, nicht um ein Tüpfelchen von bem Fleck verschoben, auf ben er ihn sieben Stirn- ben früher, durchwallt von ben edelsten Gefühlen, uiebergelegt hatte. Der verteufelte Teufel hatte gar nicht dran gedacht, sich de» Unterpfandes zu bemächtigen. Der Doktor pfiff vor sich hin. Wo» hatte er nicht noch ausprobiert! Aber alles Schwindel! Schwinde! der Schlüssel Salomoni», Schwindel das sechste und siebente Buch Masis. Wenn aber die Strebenden reiteten Willens derart betrogen werden, wenn ihre heiligste Sehnsucht getäuscht wurde selbst von Moses und Salomo, da war es ja doch wohl kein allzu großes Verbrechen, wenn man selbst auf ber Dummheit der Menschen herumzusiebeln ging. War es nun bie bittere Erinnerung ober bie peinliche Arbeit; dem Doktor würben bie Augen trübe, bah er ben Pinsel beiseite legte und bedachte, ob er nicht doch nicht ein ober zwei Stündchen dem Schlaf ab» gewinnen möchte. Er schritt zum Bett und blieb vor dem Spiegel stehen. Da zuckte es. Die Kerze, von einem Windchen wohl bewegt, mochte sich im Spiegel gefangen haben. Unb wieder. Er blickte hin; opalen nun, wie Del auf einer Lache treibt, schwammen Kreise über da» Glas, das klang. Ein zirpendes Geläute und Gesumme, Glocken gleich. Es teilten blitzende Streifen eilig das Gemenge, und ein Vorhang wallte zur Seite, so schien es: Gieblige Häuser schufen eine Straße; dahinter ein Turm, sich kuppelnd, aufstieg, ein bekannter Turm. E» waren hohe, seltsam hohe Häuser, mit wunderlichem Schnörkelwerk ob ben Fenstern, unb auch bie Türen waren brolllg geschnitzt. Und fremde Menschen gingen, Menschen, die sehr lachen machten. Die meisten hatten weiße» Haar, ei» Volk von Greisen. Weißes Haar zu Röllchen an den Schläfen gewunden, wohl auch als Kränze um den ganze» Kopf gelegt ober in drolligen langen Locken bis auf bie Brust hinabgedreht. Nicht doch! Der Doktor beugte sich vor unb hielt sich den Bauch, so mußte er lachen. Denn bie Männer trugen dreieckige Hüte und die Frauen Kapuzen so riefeiirab groß, wie er sie sein Lebtag nicht für möglich gehalten hätte. Jetzt kam gar einer spaziert, ber trug einen Zopf, wie es von ben Ehi- nefen erzählt wirb. Unb da noch einer unb noch einer. Unb bie Weiber hatten bauschige Röcke. Rüstige Greise, bas muß man sagen! Sehr kriegerisch flnb bie Leutchen aber gewiß nicht. Denn bie Degen, bie sie tragen, Und verslucht gebrechlich. Welter, aber die Kinder haben auch schon das Mordinflrinnent zur Seite hängen. Alle Achtung! Da der Kleine mit dem dicken Frauenzimmer, ober ist es ein Zwerg vielleicht? Gang gewiß, denn er hat auch schon weißes Haar. Run ift ein ferne» Lärmen von Becken und Pauken. Trommeln find wohl auch dabei. Helsa, lustige Musika! Jetzt ist der Kleine ganz nah und marschiert und marschiert. Er kommt nicht näher. E» ift dem Doktor, als föß er rücklings auf einem Karren unb führe immer langsam baher bicht vor bem Zwerglein mit ber bieten Frau. „Erzähl Sie boch, muman", sagt'» Zwerglein, „erzähl Sie doch; was luirb’o mit ber Komöbie [ein?" ' „El, Ich sag blr ja!" antwortet die Alte und lacht, „da gehen wir hinein unb setzen uns hübsch auf’» Stühlchen unb nachher so ivlrb's dunkel, unb ber Vorhang vorn gern aus. Da muß man mucksmäuschen- slille sein, auch ber Hätschelhans hält'» Mäulchen." „Maman", fängt bas Zwerglein tuleber an, „ber Doktor Faust ist ber allergescheitste Mensch gewesen! Es will was heißen, mn loil Der aller- gescheitste." Richt aufwachen jetzt, jetzt nicht aufwachen, lächelt ber Doktor. Das Zwerglein schwätzt aber schon weiter: „Maman, es muß schon arg gemütlich sein, wenn man gescheit ist, ntt?" Plötzlich reißt's Zwerglein ben dreieckigen Hut herunter und wirst ihn inII dem Arm weit rückwärts, die Linke hat ben kleinen Degen gefaßt, daß er ganz starr unter den Schößen des Röckleins hintenaus sieht. „Was machst denn?" fragt die Alte. Das Zwerglein kräht Hoho, zieht vor Begeisterung ein Knie ganz hoch unb hüpsi auf bem anbern Bein. Dann meint er: „Die Mamsell hat so ä arg hübsch Visasch gehabt. Da hab ich ihr mei Reverenz gemacht!" „Schäm bld)l" sagt bie Muller, und das Zwerglein sieht auf zu ihr, weil es gar nicht versteht, was sie will, und dann guckt's vor sich hin. Es dunkelt. Sterne treiben vorüber. Matt glänzt da» Glas. Gesichter, kleine unb große, wie spukische Blasen, starren. Das Zwerglein ist mitten brünier, an ben Augen erkennt man'» gleich. Eine ganz kleine Falte schattet ihm zwischen ben Brauen. Sine Stimme ist: „Fauste, praepura te!", eine häßliche Stimme. Weg, I Alp denkt der Doktor und er sieht nur noch, wie des Zwergleins Aerm- chen nach dem Hals der Mutter langt. _... @5 schwimmt wieder über dem Spiegel, Tücher wallen, bunte Tücher voller Blumen. Dann ist da eine Tür, aus der Menschen drangen. Zwerg- ^^„^til^ist^Hätschelhans", sagt die Alte. „Da kommt die Madame Schonemann. Charmiert, meine teuerste Rätin!" ruft sie, äußerst charmiert, Sie zu sehen. Mon Dieu, und der Mousje Wolsgang, o groß nein, so groß! Geht schon in die Puppenkomodie! Das'Zwerglein reißt den Hut herunter und küßt der Aon die. Hand Der Degen starrt rückwärts hoch. „Und was macht das Lilychen. fragt ^^uken find wieder und Becken und opalen .f^roimnit’s über bem Glas. Lilychen?dröselt der Doktor Faust. Narretei! Lllithchen, heißt es. ^^'t^nte^Ekte^das^orn. Ein Uhr fang die versoffene Stimme des ^ODer^Doktor erhob sich. Hab ich geschlafen, murrte er so wird's im Bette noch besser gehn. Er gähnte. Der Turm aus dem Traum fiel ihm ein der ihm so bekannt geschienen hatte. Er setzte sich hoch und bedachte. Er hatte Glück, da ihm bald einfiel: der Frankfurter Dom war es gewesen. Nun konnte er wirklich schlafen, und so lächelte er sich hinein ms Neblige. Das närrische Zwerglein hatte ihm gefallen. Als Auerhahn ihn am Morgen weckte, war er traurig, benn man träumt nicht durch die Tage, und so dumm die Nachtgeb,lde sind, sie laßen eine Sehnsucht zurück und eine sanfte Klage. Er malte den Arm des Casars Nero mit bem gebieterischen Zepter sauber unb ruhig zu Enbe. Als er in ber folgenben Nacht roieberum mit bem Grafen von Wertheim Erlaucht Siebzehner trank, weil ber römische Tyrann über alle Maßen sürchterlich erschienen war, brüllte ber Graf, em Halbgott weile Unt®ere®raf 'batte sich erhoben unb stützte sich wuchtig auf ben nassen Tisch. „Dein Name", schrie er, „Fauste, bem Name wird bauern, fo= ICm®,Solange es Ochsen gibt", ergänzte ber Doktor Faust, boch erschrak er ein wenig ob seiner Grobheit. ' Aber ,Topp!" brüllten Erlaucht, ließen sich aus ben Stuhl fallen unb patschten mit ben flachen Hänben in ben veschütteten Wem. So einen guten Witz hatten ber Herr lange nicht gehört. Der Doktor lachte aber nicht, sonbern stierte trübe vor sich hm, was jeboch Erlaucht gottlob nicht bem®ebauedid)erroeiie war bamit ber Höhepunkt bes Abends erreicht, benn gleich barauf würbe bem Doktor übel, obschon er gar nicht viel ge= ,nlDa5 verbroß ben Grafen höchlich, benn am nächsten Tage reifte ber Doktor, weil man in Bayreuth auf ihn wartete. Odyssee in Asien. Von Sven Hedin. Am 27. Februar 1932 erreichte Dr. N o r i n, begleitet von bem jungen chinesischen Botaniker Mr. Liou, Parken!) in Ostturkestan, wo er mit Nils A m b o l t unb besten Assistenten zusammentraf, bem jungen, fähigen Rusten Vorotnikoss. , „ .... Am *9 März brach bie vereinigte Expebition nach Kargalik aus, wo man zwei Wochen blieb, um bie Ausrüstung zu vervollstänbigen. Nur V o r o t'n i k o f f ging eigene Wege, ber mit einer kleinen Karawane voraus geschickt würbe zum Norbsuße bes Karakorumpasses, um bork eine meteorologische Station anzulegen, bie als Stützpunkt für Norins unb A m b o l t s Höhenmestung im norbwestlichen Tibet bienen sollte. V o - rotnikosss Ausrüstung war für mehrere Monate berechnet, unb er blieb bis in ben Juni hinein bei ber Arbeit auf feinem Posten. Am 23. März brachen Norin unb Arnbolt nach ben Hochgebieken auf. Ihre Karawane zählte 28 Diener unb 150 Tragtiere, zur Hülste Esel ber Rest Pserbe unb Maultiere. Der Proviant war für einen Felb- zug'von vier Monaten berechnet. Die wissenschaftlichen Instrumente be- beuteten ein erhebliche Last. So gehörte z. B. zur Penbelausrüstung eine Filzsurte, welche bie Tragkraft mehrerer Esel erforberte. Nicht weniger als 50 Tiere wurden zum Transport ber Instrumente unb persönlichen Ausrüstung in Anspruch genommen, währenb alle übrigen Proviant für Mensch unb Tier trugen. Am 9. April erreichten Norin unb Arnbolt Ak-tagh, bie Station Vorotnikosfs, unb brachen zwei Tage später roieber auf, in bem Arnbolt ben Großteil ber Karawane auf bem großen Wege über ben Karakorum-Paß zum Dolet Bek ölbi führte, ber ©egenb, von wo aus ich im Jahre 1906 nach Tibet einschwenkte. Dann folgte er meiner alten Route zum Aksachin, ben er Anfang Mai erreichte. Norin hingegen ging ostwärts, übergüerte ben vor etwa 60 Jahren von ber Expebition Forfyth entberften Paß Kara-tagh unb zog von bort weiter zu bem Fluß Karakafh barya, den er verfolgte, bis er wieder mit 21 m b o 11 zufammentraf. nr . Bei der lleberfdjreitung des Karakorum-Pastes war Ambolts Karawane, wie alle ihre Vorgänger, durch Kälte, dünne Luft unb schlechte Weibe übel zugerichtet worben. In Kizil jilga trennten sich bie beiben schwebstchen Forscher roieberum auf kurze Zeit. Norin ging gegen Norb- often vor burch absolut unbekannte Gegenben zum Fuß bes Kuen-lun, von wo er eine neue Durchguerung nach Süben unternahm, bis er zu- rückkehrenb am 5. Mai Arnbolt roieber traf, unb zwar bei bester Ge- sunbheit. Aber von seinen 140 Tieren hatte Arnbolt 42 verloren, unb täglich sortierten Sturm unb Kälte neue Opfer. Norvin hatte mit einer ganz kleinen Karawane von 10 Mauleseln operiert. Als Norin und Ambo 11 am 5. Mai in Aksai-chin zusammentrafen, war ber Maisvorrat völlig enchöpft, unb bie geschwächten Karawanentiere starben beshalb in großer Zahl. Um bie stärksten zu retten, würbe Ber' würbe. _ „ , . Norin hatte nun bloß ben Koch Wang, Muhammed-Akhun und drei Karawanenleute bei sich. Sie wohnten alle sechs in einem gemeinsamen Zelt. Anfangs folgte man Ambolts Route zum Kizil-Iilgn- Von dort aus wählte Norin einen südlicheren Weg unb ging bann ostwärts, inbem er meiner Route von 1908 folgte. Arn Tsaka-tfo trafen sie eine Schaskarawane, bie mit Salzlasten auf bem Wege war. Emer Der drei Karawanenleute Norins schloß sich bieser an. Schon bevor man Di Ling-zi-tang-Ebene erreichte, fand man die Spur einer Karawane, Die aus Eseln und Schasen bestand, und man fand einen Lagerplatz mit Konservenbüchsen und anderem, was auf einen Europäer hinwies. JJW täglich Brot gebacken, womit sie gefüttert wurden. Die Tiere waren Ti- bets kärgliches, rauhes Care-Gras nicht gewöhnt, bas außerdem einen ganzen Winter getrocknet war unb feinen Nährwert verloren hatte. N o • fin beschloß, nach Osten burch Norbtibet zu reisen, so weit sich bas nut einer kleinen Karawane tun ließ, bie aus 6 Dienern, 13 Mauleseln, 2 Werben, 20 Eseln unb 560 Kilogramm Mehl unb Reis bestaub. Seme Absicht war, mit Mehl unb Reis bie Tiere so lange rote möglich aufrecht au erhalten unb bann Verbinbung mit ben Oasen an ber Norbse.te bes K'hun-lun in ber Gegen!) von Kapa unb Cherchen zu suchen unb bort brach Norin auf unb nahm auch Herrn Liou mit Sie passierten ben Sübftranb bes Lake Lighten, wo fie in einem Lager (1896) bes englischen Forschungsreisenben Capt. Wall b y Hufeisen, Munition unb pulverisierte Stearinlichter fanben. Nach 15 Tagen befanben sie sich in, Westen bes Neshil-köll. So weit hatten sich bie Tiere ganz gut gehalten. Nur ein Maultier war gefallen. Aber ber Reisvorrat war auf- gebraucht unb bas Mehl muhte rationiert werben. Ater dog Norin nach Narben ab, um bem Sübfuß einer mächtigen, ben K'un-lun parallelen Kette zu folgen, bie ich 1906 aus ber Entfernung beobachtet hatte. In fünf Tagesmärschen sahen sie nicht einen Grashalm unb würben täglich von schweren Schneesturmen — Enbe Mai — belästigt. 15 Tiere fielen. Um nach Weibe zu suchen, beschloß Norin, fübroärts zu meiner Route von 1906 zu gehen, wo ich von „einem Dorabo für bas nördliche Tibet" sprach. Dabei passierten sie einen kleinen. Se-, ber vorher nur von Capt. (Römlings mbischem Topographen (19 3) gesichtet worben war. Hier war bie Weibe leiblicf), unb man blieb brn Tage Vom See ging bie Reise weiter nach Subosten unb Osten. Nach zwei Tagesmärschen muhte roieberum eine Menge Sachen in einem neuen Depot hinterlegt werben. Im Norben setzte sich b,e gewaltige Schneekette stänbig nach Osten zu fort, bie mit Norins schlechten Tieren unter keinen Umstänben forciert werben konnte N o r , n marschierte beshalb weiter nach Osten in ber Hoffnung, eine Lucke in ber großen Kette i-u finben. Am 5. Juni war er im Norben bes Norbenbes vom Rawhngs Lake Markham, bei meinem Lager 35. Er hatte nur noch Mehl für einige wenige Tage, unb bie Tiere mußten beshalb auf ihre Mehlratwn verzichten; ba sie nicht mehr weiter konnten, würben sie erschossen. Norin blieb baher keine anbere Wahl, als zu versuchen, bie Schneekette im Norben zu bezwingen, unb burch einige der Quertaler, die von der Südseite des K'un-lun hinab zum Tarimbecken führten, sich zu einer der Oasen am Nordfuße des K'un-lun durchzuorbeiten. Am 9. Juni lagerte man wieder auf der sterilen Kiesebene, die sich im Süden der Schneekette ausdehnt. Neun Maultiere und drei Esel waren alles was von der Karawane übrig war, aber auch diese Veteranen waren Todeskandidaten. Hier muhte also der Rest des Gepäcks in einem Depot Nr. 3 zurückgelaffen werden. Unter anderem wurde der Theodolit kassiert der bis jetzt immer von einem Mann getragen wurde, außerdem das Zelt unb bie Hälfte ber Betten. Mit Hilfe bes Stativs für ben Eßtisch unb zwei Stöcken würbe bas Skelett eines provisorischen Zeltes gebaut in bem Norin unb Liou in ben Nächten Schutz fanben. Sa tämpften sie sich acht Tage nach Narben vor, ohne einen Grashalm zu (eben unb alle Tiere, außer einem Maultier und einem Esel, verendeten, lieber einen unerwartet leichten, aber hohen Pah wurde die Schneekette überquert Auch auf ihrer Nordfeite dehnte sich eine endlose Hochebene aus unb weit in ber Ferne würbe ber schneebebeckte Hauptkamm des K'un-lung gesichtet. Ueberall lag Schnee von ben Nieberschlagen der letzten Tage — am 11. Juni. , , « Am 18. Juni wurde das Goldvorkommen Kan butaf erreicht, wo etwa fünhia Ost-Turkestaner in Höhlen wohnten unb Golb aus ben Konglomeratbetten wuschen. Zu biefer Zeit bestaub ber ganze Proviant aus ungefähr einem halben Kilogramm „Talkan" (gerostetem Mehl). Don den Arbeitern konnte man einen Antilopenfchenkel und etwas Brot kaufen. Etwas anderes war nicht zu bekommen, da die Goldwäfcher selbst schlecht versehen waren unb brei ober vier Tagereisen zu ben nächsten festen Wvhnplätzen in ber Stabt Kara fai hatten. Für zehn Dollar konnte N o • rin 7 Kilogramm Mais kaufen, den die beiden überlebenden Tiere erhielten, ein Maultier und ein Esel. Eine Tagereise weiter das Tal hinunter wurde Weide gesunden und ein Standlager angelegt. Unter einem hervorragenden Felsblock stellten sie ein paar Stangen auf, die mit Filz von den Betten bedeckt wurden, und in dieser Unterkunst brachten Norin und Liou eine Woche zu. Nach einigen weiteren Reisewochen erhielt Norin plötzlich vom Gouverneur in Keriya, wo man ihn sestgehalten hatte, den Befehl, weiter nach Kathan zu reifen. Aus dem Wege von Keriya nach Khotan, der fünf Tage erforderte, wurde Norin von einer Militäreskorte begleitet. Am 15. zluguft kam man dort an. In Khotan wurde Norin einem Verhör über feine Reife unterworfen, fein Gepäck wurde untersucht und 13 Kartenblätter beschlagnahmt, was im Paß vermerkt wurde. In Khotan wohnte Norin bei dem Aksakal der englischen Kaufleute und mietete von ihnen 28 Pferde, die fein Gepäck unb feine Sammlungen nach Leh tragen sollten. Außerbem hatte er die von Wang gekauften Tiere, etwa 30 Pferde, Maultiere und Esel. Die gemieteten Tiere wurden mit Proviant und Futter beladen, während die eigenen leichte Lasten trugen. Norin bekam ein neues Visum, und eine Eskorte von vier Mann, von welchen zwei ihn zur britischen Grenze begleiteten, zum Steinmai auf dem Karakorum-Passe, der am 14. September erreicht Spur führte in der Richtung von Aksai-chin. Man erriet, daß A m b o l t hier gereist war auf dem Wege nach Ladagh. In der Hoffnung, Yaks oder Lastschase kaufen zu können, beschloß Norin, Verbindung mit den Nomaden zu suchen, die nach Angaben der Salzkarawane sich in der Gegend westlich von dem Salzsee Kense- tsaka aufhielten. Vom Tsaka-tso zog Norin deshalb nach Südosten, überstieg einen Paß und kam auf dessen anderer Seite hinunter in die Kense-tsaka-Depression. Hier kam man zu einem großen Nomadenlager. Die Karawane wurde angehalten. Von einer größeren Zeltgruppe näherte sich ein Mann, der sich als der Häuptling der Gegend erwies. Trotz aller Proteste wurden die Tiere durch die herbeieilenden Nomaden von ihren Lasten befreit und die Karawane zum Lagern gezwungen. Jeder Versuch, Yaks oder Schafe zu kaufen, wurde abgeschlagen. Norin wurde ausgefordert, aus dem Weg, auf dem er gekommen sei, zurllckzureisen zum Tsaka-tso und von dort über Lanak-la auf britisches Gebiet. Die Tibeter berichteten auch, daß vor ungefähr einem Monat, also Anfang Oktober, ein Europäer mit einer Karawane von Aksai-chin zum Dyap-tso heruntergekommen und von dort nach Chanh-chemno und Ladakh weitergereist sei. Es zeigte sich später, daß diese Angaben falsch waren. Die fragliche Karawane gehörte dem deutschen Forschungsreisenden Dr. Helmut de Terra, welcher den Sommer 1932 in Chang-chemno arbeitete Aber in Norins Kolonne freute man sich in der Hoffnung, daß Ambolt und seine Leute nun wohlbehalten Leh erreicht hätten. Am 27. November 1932 erreichte Norin Leh, wo er besonders gut empfangen wurde von meinem alten Freund, dem Bischof Peter von der Herrenhuter-Mission. Das Gepäck vom Karakorum war wohlbehalten angelangt, und Norin erfuhr auch, daß Herr L i o u einen Monat vorher auf dem Wege nach Indien durchgereist war, wo er noch einige Monate in der Gegend von Simla zu arbeiten gedachte. Norin selbst reiste nach Srinagar, Rawalpindi und via Bombay nach Peking, wo er am 2. Februar 1933 eintraf. Ich war am 19. Januar nach Peking gekommen, also bloß zwei Wochen früher. Erziehung des „landschaftlichen Auges". Aus der Geschichte des Raturgesühls. Von Dr. Friedrich S p r e e n. Vor einer Reihe von Jahren überraschten einige Gelehrte die Welt mit der Behauptung, Homer sei zwar nicht blind, aber farbenblind gewesen; in der Urzeit und noch zu seinen Lebzeiten sollten Schwarz und Rot die einzigen Farben gewesen sein, die das Auge empfunden; daher habe er das Meer und das Blut schwarz genannt; erst später habe sich die Netzhaut des Auges so weit verfeinert, daß die übrigen Farben un- terfckneden werden konnten. Diese Theorie ist längst ins Reich der Fabel verwiesen. Man weihe heute, daß das menschliche Auge stets den gleichen Bau gehabt hat, daß nicht nur alle Menschenrassen auch aus der niedrigsten Kulturstufe einen völlig entwickelten Farbensinn besitzen, sondern daß auch das Sehvermögen der Tiere schon sehr reich ausgebildet ist. Der längst abgetane Gelehrtenstreit hat aber eine symbolische Bedeutung Wohl spiegelte das Menschenauge von Anbeginn an die ganze unendliche Fülle der Natur wieder, aber dieser Eindruck der Sinne wurde nicht immer in das Bewußtsein gehoben, nicht durch das Gefühl betont, blieb unbeachtet im Dunkel des Unbewußten. Der Mensch hat die Sprache der ihn umgebenden Welt, die wie ein aufgeschlagenes Buch von einem Auge lag, erst lesen lernen müssen; er hat erst ganz langsam und allmählich entdeckt, wieviel Schönheit in der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Landschaft verborgen liegt; er bedurfte besonderer Stimmungen, besonderer Verhältnisse, um in einem glücklichen Augenblick ein Wunder zu erschauen, an dem lange Reihen von Vorfahren achtlos oorubergegangen waren. Er vergaß auch wieder in Zeiten der Unbildung und Abstumpfung Dinge, die schon früher das Auge entzückt hatten; er lehnte in einer bestimmten Gefühlslage Eindrücke ab, die andere Zeiten bevorzugten, er wollte bewußt manches nicht sehen, weil es in feinem Gemüt nicht verwandte Saiten anschlug, fand häßlich, was als schön gegolten hatte. Wir dürfen nicht etwa glauben, daß frühere Zeiten Dinge, die sie nicht erwähnen, mit dein körperlichen Auge nicht ersaßt hatten; sie verw^gerten nur diesen Sinneseindrücken die Aufnahme in ihre: ©eiftesmelt. Es g bt ein „land chaftliches Auge", wie es der große Kulturhistoriker Wi Helm Heinrich Riehl genannt hat, das von dem körperlichen Auge scharf unterschieden werden muß. Dieses „landschaftliche Auge das bewußt wertend die Natur betrachtete, ist im Lause der Geschichte langsam erzogen worden und hat neue Eroberungen gemacht hat unser Weltbild unendlich bereichert, hat uns ringsum immer mehr Herrlich feiten gezeigt, und wir können gar nicht genug dankbar fein für diese Bereicherung - seres Innenlebens, für diese Beseelung unseres Sehens, durch die uns heut soviel Freude zu Teil wird, die unfern Vorfahren versagt war Die einzelnen Reize der deutschen Landschaft z. B. sind erst m letzten Jahrhundert künstlerisch gestaltet und der Allgemeinheit erschlos en wor- den. Vorher hatte man wohl schon den Schonheitsreichtum unserer Natur dunkel geahnt. Das zeigt die Auswahl der Punkte, an denen die Mönche und Bauern im Mittelalter instinktiv ihre Kirchen und Kloster, Hofe und Häuser anlegten. Hier offenbart sich häufig ein erstaunlicher Blick für prächtige Aussicht, liebliche Umgebung. Aber der Mensch fühlte stch damals so eng mit der Natur verbunden, nahm sie so naiv alsetwas Gegebenes und Vertrautes, daß er sich feiner Emp ftndungen gar nid t rerf bewußt wurde. Es ist eine Tatsache, die m der Antike wie in der Neuzeit sich aufdrängt, daß eine eigentliche Naturfchwarmerei, eine Beachtung der Einzelheiten, eine Vertiefung in die Fülle des Schonen erst dann auftritt, wenn der Mensch sich in seinen Lebensverhaltnissen immer mehr von der Natur entfernt hat, wenn er die Spannung zwischen feinem Dasein und der freien Gotteswelt, die Sehnsucht nach einer natürlichen Lebensform schmerzhaft empfindet. Zu diesem .stentimentalen Naturg ß kommt allerdings auch ein immer stärkeres Vertrautwerden rnt der Heimat, ein inniges Nerbimdenfein durch geschichtliche Ueberlieferung, du ch künstlerische und wissenschaftliche Erfassung. Wenn der Mensch sich m der Natur immer wohnlicher einrichtet, so vergißt er viele Schrecken und Gefahren, die sie früher als furchtbar und häßlich erscheinen ließen. Solange man nicht imstande war, die hohen Berggipfel zu erklimmen, solange das Gebirge ein lästiges Verkehrshindernis bedeutete, mußte man es als eine Stätte des Grauens und der Wildnis verabscheuen; ähnlich ging es mit den dichten Wäldern, deren Gefträp, deren wilde Tiere den Durchmarsch erschwerten und gesährdeten, mit den weiten Heiden und Mooren, in denen Räuber lauerten, in denen man sich verirrte oder versank. Sa ist es begreislich, daß lange Zeiten hindurch mehr der Nutzen, den die Natur brachte, als ihre Eigenart das Gefallen bestimmte, daß der praktische Ge- ichtspuukt den ästhetischen überwog. Was zunächst bei den Menschen Entzücken erregte, das war die Kulturlandschaft, vor allem der ganz von Menschenhand geformte Garten, bann die fruchtbare, von üppigen Feldern geschwellte, mit Obstbäumen und Rebenhügeln besetzte Ebene, das urbar gemachte, gebilligte, bewässerte, orgsam gepflegte Laub. Dieses Naturgefühl ist im Grunbe im ganzen Altertum vorherrschenb geblieben, unb noch in ber spätrömischen Kaiserzeit wirb als die schöne Natur die Ebene, am Meer gelegene unb reich angebaute Gegenb bezeichnet. Wenn in ber hellenistischen Zeit mit ber Entstehung ber Großstädte ein Zug nach ländlicher Stille, nach abgelegener Einsamkeit austritt, fo wird trotzdem die Wildnis gemieden und ein ehrfürchtiges Bestaunen des Erhabenen und Schaurigen, wie ber Sternenwelt ober der Vulkanausbrüche, ist nur vereinzelt; den Schrecken vor dem Gebirge hat der antike Mensch nie überwunden. Er liebte hauptsächlich hie klare Helle feines südlichen Himmels, den Glanz der Sonne, die scharen plastischen Formen seiner streng gegliederten Landschaft, die anschaulichen Gestaltungen, die sich seiner vermenschlichenden Phantasie so gern zu mythvlogifchen Wesen verkörperten. Alles Gestaltlose, Unbestimmte, Verschwimmende war ihm verhaßt. Daher mußte auf die Romer der Norden, in den sie erobernd eindrangen, öde unb schaurig wirken. SBefonbers Deuischlanb mit seinen Sümpfen und Urwäldern war ihnen ein Grauen. Selbst der Germane dürfte den dichten Wald, der unbewohnbar war, nicht geliebt haben, wenn er auch in seinem geheimnisvollen Dunkel die Götter verehrte. Erst als er die Lichtungen ausgerodet, sich wohnlich am Waldesrand eingerichtet hatte, lebte er sich in die düstere Poesie der Haine ein, die uns leise schon aus frühen Zeugnissen entgegenklingt. Aus diesen Urerlebnissen aber blieb dem Deutschen ein bejonderes Naturgefühl, das einen ganz anderen Grundton hat als das romanische und südliche. Wohl hat ihn die Sehnsucht erfaßt nach der Helligkeit und der Formenklarheit des Südens, wie seine stete Hinwendung nach Italien zeigt, aber heimisch fühlte sich der nordische Mensch in der dunkleren gedämpften Farbenskala seiner Natur, in der ahnungsvollen Dämmerung schattiger Wälder, tiefer Täler. So hat er die Schönheit des Waldes, die Pracht des Baumes zuerst bewußt erkannt, hat die sich wandelnde und mystisch schwebende Schönheit der Wolken, der Nebel, die aus den Wiesen steigen, der im Frühlicht dampfenden Täler, der atmosphärischen Erscheinungen entdeckt und gepriesen. Wie dem Romanen die feste, ruhige Linie, die geschlossene Szenerie am meisten behagt, so dem Germanen die ewige Bewegung, die geheimnisvolle Ferne, die in dem Einklang mit der Unendlichkeit gipfelt. Wie dem Deutschen das Gefühl für feine nationale Wesensart unb Zusammengehörigkeit erst ganz allmählich klar würbe, so ist auch die Erziehung seines „landschaftlichen Auges" für diese besonderen Schönheiten feiner Umwelt langsam vor sich gegangen. Die Großartigkeit des nordischen Meeres z. V., die von der Hellen und milden Schönheit des Mittelmeeres so stark absticht, taucht in den Schilderungen des „Beowulf" und der „Gudrun" in dunklen Umrissen auf, wurde aber erst von den Malern unb Dichtern ber Romantik als ein Element bes germanischen Seelenlebens offenbart. Unb ebenso ist es mit bem Wall), besten Zauber bie Künstler ber Reformationszeit, befonbers A 1 tborfer unb bie anderen Meister der „Donau-Schule" wohl schon in ihre Bilder bannten, dessen „unheimliche Heimlichkeit" bie Lyriker bes Barocks befangen, liessen ganze Herrlichkeit bem beutfdjen Volk, aber auch erst burch bte Romantik erschloßen würbe. Das gleiche gilt vom Gebirge. Es ist kein Zufall, baß bie romantische Bewegung, bieser erste weltgeschichtliche Ausbruch bes deutschen Geistes, das moderne Naturgefuhl geschossen, uns sehen und empfinden gelehrt hat, wie schön, eigenartig und vielgestaltig unsere oft nicht beachteten, ja verachteten Landschaften find, denn bas deutsche Volk würbe sich erst in bieser Epoche, zu ber man im weiteren Sinne das ganze Jahrhundert von 1750 bis 1850 rechnen muß, feines innersten Wesens bewußt. Wenn uns heute jeder Fleck deutscher Erde, ede Besonderheit unserer Natur als eine Spiegelung unseres Volkstums und Ausprägung heimischen Schönheiisgesühls teuer und heilig ist, so wirkt in uns die Ausbildung des „landschaftlichen Auges durch lange Jahrhunderte nach, vor allem aber durch die Entdeckung der großen Dichter und Maler in unserer höchsten Blütezeit. Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Der Schrank — ein prachtvolles, altes Stück aus reichgeschnitztem schwärzlichen Eschenholz — war von einer schier unergründlichen Tiefe. Fuchs Garderobe nahm sich darin geradezu lächerlich dürftig aus Und obgleich der übrige Raum noch mit allerhand anderem Kram ungefüllt war — mit Tennisschlägern, Likörflcstchen, Maluntensiliep, zerbrochenen Bilder- leisten und dergleichen — erweckte er noch immer den Eindruck gähnender Leere Jensen aber gab sich mit einem flüchtigen Blick nicht zufrieden. Er warf den gesamten Inhalt heraus. Er kroch mit ferner ganzen Lange in das Innere und klopfte alle Wände ab. .. 21ber er konnte nirgends einen Hohlraum entdecken. Zuletzt zwängte er feinen Zeigefinger in einen Spalt, der in der Rückwand klaffte. Er flieg auf etwas Elastisches, das hinter dieser Wand, zwischen Schrank und Flügeltür, verborgen sein mußte. Und es ließ ihm keine Ruhe, bis er mit feinem Tcstchenmester in der Oeffnung herumgestochert und etwas Seegras und ein paar Fasern roten Zeugs ans Tageslicht gefordert hatte. Caspar Fuchs an lenem Sonntagabend gefolgt war. Jensen hatte diesen Vorschlag ohne irgendeine besondere Absicht gemacht, nur weil ihm die abgelegene, stille Kneipe für den Zweck einer außerordentlichen Zusammenkunft geeignet erschien. Erst später sollte er die Entdeckung machen, daß der Rendezvousplatz auch in einer anderen Beziehung günstig gewählt war. — t , , , , Alleingeblieben, ging er sofort an eine gründliche Haussuchung. Die Auszeichnung, die Kommissar Kling ihm durch sein Vertrauen hatte widerfahren lassen, befeuerte seinen Ehrgeiz. Bis in die sinkende Dämmerung durchstöberte er jeden Winkel nach irgendeinem verdächtigen Fund. Aber sein Eifer wurde durch keine noch so bescheidene Entdeckung belohnt, die ihm als zweckdienlich erschienen wäre. Mißmutig entschloß er sich zum Gehen. Er drehte in allen Räumen das Licht aus und fuhr auf dem Vorplatz in seinen Mantel. Dabei stieß er mit dem Ellbogen zufällig gegen die Wand. Ein stechender Schmerz elektrisierte ihn bis in die Fingerspitzen. Aber er verbiß ihn über einer Wahrnehmung, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er hatte bei dem Stoß gegen die Mauer einen dumpfen, metallischen Ton gehört, als ob man gegen Eisen geschlagen hätte. Die Wand war an dieser Stelle mit einem verblaßten chinesischen Gobelin verkleidet, der nur lose mit Reißzwecken befestigt war und auf den ersten Blick den Eindruck des Zufälligen erweckte. Als fei er aus irgendeinem Grunde erst vor kurzem hier angebracht worden. Mit einem Ruck hatte der Kriminalbeamte ihn heruntergerisfen und eine eiserne Tür bloßgelegt, aus der mit schwarzer Oelfarbe das Wort „Speicher" stand. . . Flüchtig streifte ihn eine Erinnerung, als habe er damals bei feinem ersten Gang durch die Wohnung diese Tür gesehen — unverhüllt. Eine harmlose, feuersichere Tür, die zu den Bodenräumen führt. Wie man sie in Dachwohnungen nicht selten findet. Aus diesem Grunde hatte er dieser Tür auch damals kein Interesse geschenkt. Erst jetzt — durch diese un- motivierte Maskierung — bekam sie für ihn etwas Geheimnisvolles und Verdächtiges. Er drückte die Klinke herunter. Natürlich — sie war verschlossen! Aber da siel ihm ein, daß er bei seinem Streifzug in der linken Waschtischschublade einen großen Schlüssel hatte liegen sehen, der etwa in dieses Schloß passen konnte. Und die Kombination erwies sich als richtig. Der Schlüssel paßte, und Jensen gelangte ohne Mühe in den anstoßenden Raum. Es war eine Art Bodenkammer oder vielleicht nur ein Stück des Speichers, das man abgetrennt und auf primitive Weise zu einem selbständigen Raum ausgebaut hatte. Denn die schräg abfallenden Balkenwände waren nicht einmal gestrichen. Und das Fenster war nichts als eine einfache Bodenluke. Dennoch schien der Raum irgendwelchen Wohnzwecken zu dienen, denn es stand sogar ein kleiner Petroleumofen darin und das elektrische Licht war eingeleitet. Nach einigem Suchen entdeckte Jensen den Schalter, und im nächsten Moment flammte die Kuppel einer großen Stehlampe auf, die den ganzen Raum taghell erleuchtete. Die Lampe stand auf einem langen Tisch, wie er von Architekten und Ingenieuren zum Zeichnen benutzt wird. Eine Unmenge von Flaschen und Fläschchen, Pinseln, Lupen und allerhand feinen und merkwürdigen Instrumenten lag darüber verstreut. Dazwischen türmten sich verstaubte Bücher — zum größten Teil kunstgeschichtliche Werke. In jedem Winkel des Zimmers lehnten, teils aufgezogen, teils zusammengerollt, Delgemälbe jeden Genres. Jensen glaubte in einigen von ihnen sehr geschickte Kopien alter Meister zu erkennen, denen er schon einmal in irgendeiner Bildergalerie begegnet war. Aber er war in Kunstgeschichte zu wenig bewandert, um mit Bestimmtheit sagen zu können, um welche Meisterwerke es sich handelte. Wie er überhaupt keine Erklärung dafür fand, was für einen Zweck dieser Arbeitsraum — ein Mittelding zwischen Maleratelier, Werkstatt und Laboratorium — eigentlich diente. Wäre er unter harmloseren Umständen in diesen Raum gekommen, so würde er ihn für die Bastel- ftube irgendeines kunstbeflissenen Dilettanten erklärt haben, und nichts wäre ihm daran besonders merkwürdig vorgekommen. Aber diese in unverkennbarer Absicht verkleidete Tür sprach mit aller Entschiedenheit gegen die Harmlosigkeit seines Zweckes. Fuchs mußte einen sehr triftigen Grund dafür gehabt haben, vielleicht fürchtete er, irgendeine Entdeckung die mit diesem Zimmer im Zusammenhang stand. Aber was — was für eine Entdeckung? Hier versagte auch Jensens gesunde Logik. Ganz vergebens drehte er jedes Bild, jeden Gegenstand um und um. Vergebens entkorkte er die Fläschchen, die, nach dem Geruch zu schließen, irgendwelche Säuren enthielten. Er konnte zu keinem einigermaßen befriedigenden Schluß kommen. Immerhin war er mit seiner Entdeckung nicht unzufrieden, und er beschloß, vorläufig niemanden außer Kommissar Kling in diese Sache einzuweihen. Er konnte es kaum erwarten, mit feiner Neuigkeit vor ihm herauszurücken. Ein Blick auf [eine Armbanduhr belehrte ihn, daß es außerdem höchste Zeit war, seinen Streifzug zu beenden. Es war bereits sechs Uhr vorüber und um halb sieben war er mit Kling verabredet. Er kehrte in die Wohnung zurück und verschloß sorgfältig die eiserne Speichertür. Sogar die Maskerade brachte er wieder an. Während er noch damit beschäftigt mar, die Reißnägel einzudrücken, läutete im Schlafzimmer das Telephon. Jensen fuhr unwillkürlich zusammen. Der aggressive Ton bekam in der Stille der verlassenen Wohnung etwas Gespenstisches. Und der Beamte war im ersten Augenblicke so verwirrt, daß er nicht wußte, ob er zum Apparat gehen sollte oder nicht. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht Kling fein könnte, der ihn sprechen wollte. Und mit ein paar Sätzen war er am Telephon und riß den Hörer an die Ohrmuschel. Da hörte er eine weibliche Stimme: „Hall, Spatz, bist du da? Was war denn los mit dir? Warum läßt du nichts von dir hören?" Jensen hatte schon eine Entgegnung auf der Zunge. Da schoß ihm ein Einfall durch den Kopf. Er zwang seine Stimme zu dem etwas dumpfen Tonfall Caspar Fuchs' und sagte: „Sei mir nicht böse, Liebling — ich erkläre dir nachher alles. Wollen wir uns um acht Uhr in der Nelson-Bar treffen?" „Gut, ich komme hin. Auf Wiedersehen!" (Fortsetzung folgt.) Mit diesen kümmerUchen Trophäen kehrte er ins Nebenzimmer zurück, mo Kling noch immer neben dem Maler faß und beruhigend aus ihn einsprach Graus Erregung war inzwischen einem Erschöpfungszustand gewichen, der keinen Rückfall befürchten ließ. Aber sowie er Jensen erblickte trat wieder der leidenschaftlich gespannte Ausdruck m ferne Zuge. Und Kling fühlte seinen Puls wie einen Hammer gegen seine Finger schlagen. „Nun, Jensen, was haben Sie gesunden?" fragte er den Emtretenden Der junge Beamte schnitt eine enttäuschte Grimasse. „Nichts, Herr Kommissar, so gut wie nichts! Die Bude ist leer. Vollkommen leer. Dafür kann ich garantieren. Der einzige Fleck, wo ich nicht hingekommen bin, ist das bißchen Raum zwischen Tür und Schrank. Und der ist mit einer Matratze ober so etwas Aehnlichem ausgefüllt, möchte ich wetten." Er hielt Kling die Seegrasfasern hin. Und dieser nickte befriedigt. „Natürlich — ich wußte ja, daß niemand ..." Aber schon im nächsten Moment bereute er diese Aeußerung. Denn er bemerkte, wie Graus Augen aufs neue zu flackern begannen. Er horte bas trockene Gerassel seiner Atemzüge. Und er mußte jeden Augenblick einen neuen Ausbruch befürchten. Da entschloß er sich zu einer äußersten Handlung. Er ließ die Hand des Malers los und bückte sich nach dem Stemmeisen. , , . . „Damit wir uns nicht den Vorwurf machen muffen, irgend etwas außer acht gelassen zu haben, wollen wir noch ein Uebriges tun, Jensen. Wir wollen vor den Augen von Herrn Grau die Tür da aufbrechen und ihn selbst nachsehen lassen, ob sich jemand dahinter verbirgt. Den Schrank wegrücken können wir nicht. Also vorwärts! Während Donald Grau mit ineinandergekrampften Fingern auf seinem Stuhl saß und in atemloser Spannung nach der Tür starrte, als erwarte er jeden Augenblick eine überwältigende Erscheinung, machten sich die beiden Männer an die Arbeit. Nach wenigen Minuten gab es einen gewaltigen Krach. Und die beiden Flügeltüren barsten mitten auseinander. Eine zerfetzte Matratze stürzte Kling entgegen und wirbelte eine mächtige Staubwolke ins Zimmer. Dann schlug ein harter Gegenstand mit dumpfem Gepolter auf den Fußboden ... Nachdem der Staub sich ein wenig verzogen hatte, bückte sich Kling nach dem gefallenen Gegenstand und richtete ihn auf. Es war ein ungerahmtes Bild. Das lebensgroße Bildnis einer zauberhaft schönen Frau in der schweren und kostbaren Tracht eines vergangenen Jahrhunderts. Dieselbe „Dame mit dem Otterpelz", die er erst vor vier Tagen auf Schloß Werdenburg bewundert hatte ...! Kein Zweifel: es war ihr Blick, ihr Lächeln, der unvergleichliche Schimmer des Fleisches! Das gleiche Porträt — bis in die letzten Feinheiten getreu. Nur der Rahmen fehlte. Kommiffar Kling stand vor einem Rätsel. Er war so betroffen, daß er Grau ganz vergessen hatte. Erft als er hinter sich ein Geräusch hörte, dreht er sich nach ihm um. Er sah ihn langsam, mit seltsam steifen, marionettenhaften Schritten näher kommen. Geradenwegs auf das Bild zu. Ein paar Atemzüge lang blieb er davor stehen. Er blinzelte wie betäubt. Langsam wurde sein Gesicht grau, es erlosch gleichsam. Sein Wund erstarrte in einem irrsinnigen Lächeln. Sehr langsam, mit einer kindlich tastenden Gebärde, streckte er den Arm aus und berührte behutsam mit der äußersten Spitze seines Zeigesingers das Bild. Dann — urplötzlich — brach aus ihm ein hoher, klagender Schrei. Und noch ehe einer der Herren ihn aushalten konnte, lag er — wie abgemäht von einem tödlichen Streich — bewußtlos am Boden. 17. Es blieb Kling nichts übrig, als die Rettungswache zu verständigen und den Ohnmächtigen in das nächste Krankenhaus verbringen zu lassen. Nach einiger Uebeilegung entschloß er sich, selbst mitzufahren, für den Fall, daß Grau während der Fahrt das Bewußtsein wiedererlangen sollte. Daö Schicksal dieses Mannes hatte ihn seltsam angerührt. Zum ersten Male in seiner kriminalistischen Praxis war es ihm geschehen, daß ihm ein Mensch diese beinahe brüderliche Sympathie aufzwang, fo daß er weit über feine dienstlichen Verpflichtungen hinaus an seinem Geschick persönlichen Anteil nahm. Noch immer war dieser Fall für ihn in Dunkel gehüllt, aus dem sich nur zögernd und in dämmerhaften Umrissen eine Ahnung der Zusammenhänge löste. Aber noch fehlten fo viele Glieder in der Beweiskette, noch waren die Verbindungsfäden, die zwischen den einzelnen Verdachtsmomenten hin- und herliefen, fo verwirrt und vielfach verknotet, daß kein klares Bild zustande kam. „Ich fahre also mit nach der Charite und orientiere den Arzt kurz über den Fall", sagte er zu Jensen, der unruhig und nachdenklich um« herwanderte. „Die Wohnung muß natürlich versiegelt werden, damit ..." „Wenn Sie erlauben würden, Herr Kommissar", unterbrach ihn Jensen in bescheidenem Ton, „bann möchte ich noch ein Stündchen in der Wohnung bleiben und noch einmal gründlich Umschau halten. Ich habe so eine Witterung, als ob wir da noch auf allerhand Unrat stoßen würden." Kommissar Kling nahm seinen Hut. „Ich habe nichts dagegen, lieber Jensen. Aber ich möchte Sie nachher noch sprechen. Am liebsten an einem neutralen Ort. Es sind da ein paar Punkte, die ich gerne mit Ihnen allein besprochen hätte. Aus ganz bestimmten Gründen." Er schnippte in leichter Verlegenheit ein paar Stäubchen von seinem Hut. „Sie verstehen — der Fall liegt mir besonders am Herzen. Aber mit konventionellen Mitteln ist ihm nicht beizukommen. Und die Herren von der Kriminalpolizei sind nun einmal gerade diesem Fall gegenüber von Vorurteilen befangen, durch die mir die Hände gebunden sind." Jensen nickte verständnisinnig. „Wem sagen Sie das, Herr Kommissar! Wenn es nach mir gegangen märe, bann hätte dieser Fuchs vom ersten Tag an unter Bewachung gestanden. Aber gegen den alten Zopf kommt ja unsereiner nicht auf." Man verabredete als Treffpunkt eine kleine Bar in nächster Nähe des Stettiner Bahnhofs. Dasselbe Lokal, in das der junge Polizeibeamte Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.